Die Bibel – gemeinsam liest’s sich am besten

Die Bibel – gemeinsam liest’s sich am besten

von Rico Bossard | 20.12.2013

Vor bald fünfhundert Jahren hat Luther seine Thesen in Wittenberg veröffentlicht. Vier Jahre später begann er mit der Übersetzung des Neuen Testaments. In Zürich nahm Ulrich Zwingli seinen Dienst als Pfarrer am Grossmünster auf. Für die Reformatoren war klar, dass der einzige Mittler zu Gott Jesus Christus ist.

Luther wollte sich nicht auf Andere verlassen, sich nicht auf Traditionen beziehen, sondern die Bibel selbst lesen, sie selbst verstehen, um Wahrheit und Erkenntnis ringen. Die Bibel sollte den Menschen in ihrer Herzenssprache zur Verfügung stehen. Der Weg zum Zugang jedes Suchenden und Glaubenden zum Wort Gottes wurde geebnet. Im 21. Jahrhundert stehen die biblischen Worte in unserem Kulturkreis allen auf vielfältige Weise zur Verfügung. Jeder kann sich selbst ein Bild der biblischen Zeugnisse machen. Das entspricht unserem hohen Bedürfnis an Individualität. Doch droht damit nicht, dass ein grundlegendes Element verloren geht?

 

Die Erzählgemeinschaft

Der christliche Glaube – wie auch der jüdische – wird in einer Gemeinschaft
gelebt, in der jeder dem Andern von Gott erzählt. Die Bibel ist ein Sammelband mit Berichten über Gotteserfahrungen von Menschen. Sie dokumentiert den Dialog zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf, der im alten Israel begann
und bis heute weitergeführt wird. Die biblischen Texte über Glaubenserfahrungen
sprechen die Glaubenden in ihrer Zeit und ihrem Umfeld an und treten damit in einen Dialog.

 

Eine Gemeinschaft der Nachfolge im Erzählen

Einzigartig unter den Evangelisten berichtet Johannes vom Ruf der Jünger in die Nachfolge. Joh 1,35-39 erzählt, wie die Jünger Jesus «finden». Die ersten zwei Jünger folgen Jesus, weil man ihnen über ihn erzählt hat. Philippus wird von Jesus direkt angesprochen. Was Philippus erlebt hat, gibt er weiter an Nathanael. Es entwickelt sich eine Dynamik der Nachfolge durch das Weitererzählen.

 

Finden heisst richtig fragen

Die ersten Worte Jesu im Johannesevangelium enthalten eine Frage: «Was sucht ihr?» (Vers 38). Die Jünger kennen ihre Sehnsüchte und die der Anderen. Jesus geht vor jedem Lehren mit einer Frage darauf ein. Die Gegenfrage der Jünger «Wo wohnst du?» deutet darauf hin, dass sie der Sache auf den Grund gehen
wollten. Und die Jünger sollten lernen, dass Jesus ganz von Gott her kommt. Dort ist seine Heimat. Christus lud sie ein mit den Worten «Kommt und seht selbst!» (Vers 39 + 46). So wurde aus der Sehnsucht eine Frage und aus der Frage eine Erfahrung. Aus der Erfahrung wurde ein Zeugnis und aus dem Zeugnis eine
Antwort.

 

Das Gespräch in der Synagoge (Lk 2,46.47)

Der Bibeltext aus dem Lukasevangelium berichtet uns von der Diskussion des Christus-Kindes mit den jüdischen Gelehrten. Der zwölfjährige Jesus sucht den Dialog in der Synagoge. Er hört zu, stellt Fragen und formuliert Antworten. Über die Fragen und Antworten dieses Menschen- Kindes sind die jüdischen Gelehrten
erstaunt. Ein gewichtiger Teil des Studiums der Bibel geschieht im Gespräch. Denn nach jüdischer Auffassung kann nichts in diesem Buch fehlen, was zu einer gottgefälligen Lebensführung gehört. Es galt der Grundsatz: «Wende die Tora hin und wende sie her, denn alles ist drin.» Es braucht nur eine scharfsinnige Suche
und ein intensives Studium der Schrift. So eröffnen sich Antworten auf die aktuellen Fragen im eigenen Lebensvollzug. Die Scharfsinnigkeit der Suche zeigt sich in den Fragen.

 

Die Kunst des Fragens
Nach jüdischer Tradition ist daher das Formulieren guter Fragen mit guten Antworten gleichzusetzen. Es gilt, das Fragen zu lernen. Nicht die schnellen Antworten sind gesucht, sondern die guten Fragen sollen dazu anleiten. Wer fragt, der beginnt die Botschaft der Bibel in seine Zeit zu übersetzen. Er begegnet der Bibel mit seinen Fragen. Die Fragen laden zum Weiterdenken und Weiterglauben ein. Die Suche nach den Antworten bleibt im Zentrum. Dabei können auch die Antworten Anderer für die eigene Suche nützlich sein. Diese Haltung könnte den Worten Jesu «Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort ...» (Jh 8,31.32) sehr nahe kommen.

 

Das Geschenk der Langsamkeit

Unsere Zeit fordert schnelle Antworten. Das verleitet dazu, die Bibel zu schnell zu lesen und sofort Antworten zu suchen. Mit der Folge, dass mancher Schatz übersehen wird und manche Frage stumm bleibt. Es fehlt dann am Hin- und Herwenden der Bibel. Denn das braucht Zeit. Die Langsamkeit des Lesens und die Musse beim Bibelstudium bergen Spannung in sich. Nur wer offene Fragen mit sich herumträgt, erlebt Betroffenheit.

 

Am Anfang steht das gemeinsame Bibellesen

Es ist deshalb eine unverzichtbare Erfahrung des Glaubenden, in der Gemeinschaft die Bibel zu lesen und zu befragen (zu studieren). Sie ist der
Grundstein für das persönliche Bibellesen. Neugierde, Leidenschaft und Sehnsucht mehren sich im gemeinsamen Bibellesen, wenn sich dabei alle Beteiligten als Suchende verstehen. Wo sich zwei über eine gemeinsame
Lektüre unterhalten können, vertieft das den Inhalt. Die VBG-Gruppen sind Gefässe, die Menschen in gleichen Lebenssituationen nutzen, um die Botschaft der Bibel in ihren Alltag zu übertragen. Das gemeinsame Bibellesen ist unverzichtbar, wenn Nachfolge gelebt werden will.

 

Rico Bossard leitet den Bereich Schule der VBG. Er wohnt mit seiner Familie in
Niederrohrdorf und arbeitet zusätzlich als Schulleiter.