Religion – gefährlich oder nützlich?

von Keith Ward |

Der Autor behandelt die aktuelle Frage, ob Religion gefährlich sei. Sein Schluss ist, dass Religion in der Praxis etlichen Schaden anrichtet und manches Gute bewirkt; als solche kann sie mit dem Etikett "gefährlich" oder "ungefährlich" also nicht versehen werden. Es kommt auf die Motive der Menschen an, die sich ihrer bedienen. Das Buch ist auf erfrischende Weise ohne jeden apologetischen oder propagandistischen Unterton. Der Autor argumentiert sachlich, diskutiert Argumente und Gegenargumente und legt Positives wie Negatives dar. Nach der Lektüre ist man nicht zur Religion bekehrt, aber guten Mutes, dass eine religiöse Überzeugung mindestens genauso intellektuell redlich, plausibel und vertretbar sein kann wie deren Ablehnung.
Ward, Keith. Religion – gefährlich oder nützlich?. ISBN 3783130069. Kreuz-Verlag 2007. 255 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Einführung: Was ist Religion?

Die Frage um die es Geht

Ist Religion gefährlich? Bringt sie mehr Schaden als Gutes? Ist sie eine Kraft zum Bösen, ja „die Wurzel alles Bösen“ (Dawkins)? Ich will dazu gleich Stellung beziehen, denn meiner Auffassung nach sind solche Behauptungen absurd. Schlimmer noch, sie ignorieren die verfügbaren Belege aus Geschichte, Psychologie, Soziologie und Philosophie. Ihre Vertreter weigern sich, die Frage in angemessen strenger Form zu untersuchen und fahren statt gründlicher Analyse billige Rhetorik auf. Merkwürdigerweise ist das genau das, was sie religiös gläubigen Menschen vorzuwerfen neigen.

Meine Schlussfolgerung wird sein, dass Religion einigen Schaden anrichtet und einiges Gutes bewirkt. Angesichts der Belege werden aber vermutlich die meisten Menschen mit mir darin einig sein, dass sie wesentlich mehr Gutes als Schlechtes bewirkt und wir als Lebewesen ohne jede Religion sehr viel schlechter dran wären. Ich will noch weiter gehen und behaupten, wenn die Menschen eine hoffnungsvolle Zukunft haben wollen, sei es sogar sehr wichtig, dass es irgendeine Religion gebe. Natürlich sind nicht alle Religionen gleich. Es kommt sehr darauf an, welche Art von Religion wir wählen.

Was ist nun eigentlich Religion?

Die Frage „Ist Religion gefährlich?“ enthält zwei sehr umstrittene Begriffe. Erstens gibt es Religion an sich gar nicht. Es gibt auch viele Glaubenssysteme, die bestreiten, dass sie Religionen seien. Mit der Definition des Anthropologen E.B. Taylor „Religion ist der Glaube an Spirituelle Wesen,“ hat man das Problem, dass man den Buddhismus ausschliesst. Mit einer langen, ungenauen Definition kann man fast nichts mehr ausgrenzen. Wenn man aber nicht weiss, was ‚Religion’ ist, kann man sich auch kaum ein Urteil darüber bilden, ob sie gefährlich ist oder nicht. Da es zu jeder Zeit und in jeder Kultur irgendeine ‚Religion’ gab, führen sie die gesamte Vielfalt und die verschiedenen kulturellen Entwicklungsstufen vor. Das macht es praktisch unmöglich, zu sagen, die Religion als solche sei auf jeder Stufe ihrer Entwicklung und in allen ihren verschiedenen Formen gefährlich. Etwas Wichtiges können wir aber festhalten: Wenn sich die Kulturen entwickelt und verschiedene Formen angenommen haben, dann werden auch ihre Religionen der Entwicklung und der Verschiedenheit unterworfen sein.

Das Studium der frühen Religionen

Eine rhetorische Taktik der Gegner der Religion besteht darin, deren primitive Formen herauszunehmen und diese als definitive Form der Religion vorzuführen. Viele Annahmen über frühere Religionen basieren auf unzulänglichen, unkritischen oder überhaupt nicht vorhandenen Belegen.

Leider haben das noch nicht alle begriffen. Zu ihnen gehört Daniel Dennett mit seinem 2006 veröffentlichten Buch „Breaking the Spell“, in dem er die Wissenschaftler auffordert, „der Bann zu brechen“, der uns davon abhalte, die Religion wissenschaftlich zu erforschen. Er scheint nicht gemerkt zu haben, dass dieser Bann bereits 1884 gebrochen wurde, als E.B. Taylor in Oxford einen Lehrstuhl für Anthropologie erhalten hatte. Damals ging man von der Annahme aus, alle religiösen Glaubensüberzeugungen seien falsch oder irrelevant. Heute würde kein Anthropologe mehr sagen, dass dieses Vorurteil der richtige Weg sei, eine strikt wissenschaftliche Untersuchung anzugehen. Heute weiss man, dass man viel stärker beachten muss, was Menschen über ihre eigene Glaubensüberzeugung sagen und welche Gründe sie angeben, dass sie sich an sie halten.

Heutige Gegner sagen, dass die Religion früher zu einer evolutionären Fitness geführt habe und genetisch einprogrammiert gewesen sei. Aber sie trügen inzwischen nicht mehr zum Überleben bei und wir könnten sie als recht irrational ansehen. Tatsächlich seien sie in den Augen jedes Menschen mit einigermassen gesundem Menschenverstand voll und ganz durch angemessene naturwissenschaftliche Überzeugungen ersetzt.

Leider ist diese schlichte Argumentationsweise völlig falsch und wird von heutigen Anthropologen kaum ernst genommen. Sie beruht auf zwei grundsätzlich falschen Annahmen: Dass die wahre Natur der Religion sich in ihren frühsten Beispielen äussere und dass wir wüssten, wie die religiösen Überzeugungen der frühsten Menschen aussahen. So zögert Dennett nicht, uns zu erklären, die frühen Menschen hätten ihre religiösen Überzeugungen buchstäblich genommen. Sie hätten wirklich gedacht, dass es unsichtbare Personen gewesen seien, die die Wolken herum schoben und sie regnen liessen. Vermutlich verfügt Dennet über einen Zugang zu den Köpfen von Menschen, die vor zehn oder hunderttausend Jahren gelebt haben. Dennett weiss auch, dass die frühsten Formen der Religion animistisch waren. Das mag sein. Aber ist das eine wissenschaftliche Aussage. Lässt sie sich verifizieren oder falsifizieren. Es ist reine Spekulation. Vielleicht entspricht sie einfach einer materialistischen Überzeugung.

Haben die frühen Gläubigen alles wörtlich genommen?

Es dürfte ziemlich irreführend sein, zu meinen, die frühen Gläubigen hätten gewöhnlich alles ziemlich Buchstäblich genommen und der Begriff der Metapher sei eine spätere und intelligentere Masche. Wir haben überhaupt keine Beweise. Und können uns archaischere Kulturen, wie die der Aborigines (wie Emil Durkheim noch glaubte) überhaupt etwas über die Menschen vor mehreren hunderttausend Jahren sagen. Es könnte gut sein, dass das Versessensein auf ‚buchstäbliche Wahrheit’ ein Produkt des wissenschaftlichen Ansatzes ist – ebenso der Glaube, nur buchstäbliche Wahrheiten seien überhaupt wahr. Es könnte durchaus sein, dass das ganz frühe Denken der Menschen von Natur aus viel stärker metaphorisch als buchstäblich war.

Die Entwicklung religiöser Vorstellungen

Atheisten werfen den Glaubenden oft vor, Gott sei eine Projektion.

Das sollten Glaubende ein Stück weit gelten lassen. Vorstellungen über Gott sind tatsächlich phantasievolle Projektionen. Eine Vorstellung von Gott (wohlgemerkt: ich spreche von unserer Vorstellung von Gott, nicht von Gott!) ist ein Konstrukt der Imagination, kein in der äusseren Welt wahrgenommenes Objekt. Sie ist ein Konstrukt, weil sie den Versuch darstellt, sich von einer Realität jenseits aller Bilder ein Bild zu machen. Die einzige Frage ist, ob ein Konstrukt ohne jede Grundlage in der Realität ist oder ob es sich dabei um den Versuch handelt, sich irgendeine Art von objektiver Realität bildhaft vorzustellen.

Wenn man z.B. die Mathematik betrachtet, kann man auch hier sagen, dass die intellektuelle Imagination das Zugangsmittel zu einer Realität ist, die man mit den Sinnen nicht erfassen kann. So könnte es auch in der Religion eine angemessene Form der intellektuellen Imagination geben, die den Zugang zu einer Realität ermöglicht, die sich von den Sinnen nicht erfassen lässt.

Als Hume’sche Empiriker gehen viele Erforscher der Religion davon aus, dass alles saubere menschliche Wissen auf die Sinneserfahrung von Objekten gründet und beschränkt sein müsse. Damit wird die Existenz von Gott ausgeschlossen. Viele sind aber der Ansicht, dass damit auch die Mathematik, die Quantenphysik, die objektiven moralischen Wahrheiten und noch etliches andere ausgeschlossen werden. Diese Forscher betrachten aber die Religion als eine blosse Phantasievorstellung, nicht aus wissenschaftlicher Strenge, sondern wegen ihres Denkansatzes. Nun müssen sie nur noch erklären, wie diese Illusion entstanden ist. Eine Möglichkeit ist die Kausaltheorie: Die frühen Menschen hätten Gott erfunden, um zu erklären warum alles, was geschieht, geschieht. Aber wenn wir heutige Religionen anschauen werden sie meist nicht zur Erklärung verwendet, sondern zum Trösten, Inspirieren und Motivieren. Zudem merkt man ja rasch, dass mit den Göttern nichts eigentlich erklärt wird. (Was würde das erklären, wenn man sagen würde, Gott habe den Tsunami geschickt. Nichts. Man hätte damit eine nur noch schwierigere Frage: Weshalb hat er das getan?) Wenn man heutige Glaubende fragen würde, wo die Wurzel ihres Glaubens liege, würde die Mehrheit antworten: in der Erfahrung einer transzendenten Kraft.

Solche Erfahrungen können natürlich illusorischer Natur sein, damit muss man ernsthaft rechnen, aber auch damit, dass sie nicht illusorischer Natur sein könnten. Das sachliche Studium der Religion sollte auf jeden Fall für beide Ansichten offen sein. Sofern es einem ernsthaft um die Wahrheit geht, sind dabei jede falsche Darstellung, jedes Verspotten und jede Verharmlosung der Glaubensüberzeugungen fehl am Platz.

Religionen sind verschiedenartig und entwickeln sich.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass die rationale und moralische Einsicht zugenommen hat, seit die ersten Hominiden über die Erde gingen. Seit dem 16. Jahrh. haben sich unsere naturwissenschaftlichen Ansichten beträchtlich verändert. Ein Anthropologe, der sagen wollte, das Wesen der Wissenschaft lasse sich in deren frühesten Ursprüngen finden, wäre ein Spinner, uns genauso wäre nicht ernst zu nehmen, wer behaupten wollte, Aristoteles und die Alchemie (Newton befasste sich mit ihr) lieferten die Definition für das Wesen der Wissenschaft. So sollte man auch auf dem Gebiet der Religion damit rechnen, dass ihre frühesten erkennbaren Anfänge (die hebräische Bibel ist einer der interessantesten Berichte über eine Form der frühen Religion und ihre Entwicklung) eben genau das sind: nämlich frühe Anfänge von etwas, das sich beträchtlich weiterentwickelte. Wenn wir in der Bibel lesen, dass man sich Gott als einen neben vielen anderen Göttern vorstellte, sollte uns das nicht zur Aussage verführen, das seien tatsächlich wesentliche jüdische oder christliche Glaubensvorstellungen. Die korrekte Art, die Religion zu studieren, besteht darin, sie in ihren am weitest entwickelten Formen zu studieren statt in ihren primitiven Anfängen. Und sie sollte in ihren vielen kulturellen Einbettungen studiert werden, nicht als eine Art Sammlung abstrakter und fester Lehren, so, als lasse sich die Religion von ihrem jeweiligen kulturellen Kontext trennen und als wäre eine Religion, bloss weil sie einen festen Namen hat (z.B. ‚Christentum’), in all den Hunderten von verschiedenen Kulturen, in denen es sie schon gab, immer ein und dieselbe.

1. Teil: Religion und Gewalt

1. Kapitel: Die Ursachen der Gewalt

Naive Vorstellungen helfen nicht weiter

Ein Grundprinzip intelligenten Analysierens sollte es sein, dass man den ernsthaften Versuch unternimmt, die intellektuell kompliziertesten Begriffe des religiösen Glaubens zu verstehen.


Ein Beispiel: die Quäker

Ich hoffe, es ist inzwischen klar, dass die allgemeine Aussage „Religion ist gefährlich“ eine Leerformel ist, solange man damit nicht ganz konkret eine bestimmte religiöse Institution meint und ihr vorwirft, gefährlich zu sein, entweder weil ihre Glaubensvorstellungen oder ihre Praktiken gefährlich sind oder weil bereits die Existenz dieser Institution als solcher für die Gesellschaft eine Gefahr darstellt.

Die Quäker werden gewöhnlich nicht für gefährlich gehalten. Im Allgemeinen sind sie gegen Gewalt. Ich finde es daher schwierig, mir irgendeine andere Organisation vorzustellen, die für die Gesellschaft weniger gefährlich wäre als sie. Aber es lässt sich einsehen, dass jemand, der der Auffassung ist, Pazifismus sei moralisch falsch, sie für gefährlich halten könnte. Auf dem Gebiet der Moral gibt es eben nur sehr wenig, worin sich alle einig wären. Sogar Mutter Theresa wurde vorgeworfen, dass sich ihre Arbeit schlecht auf das sozialpolitische System von Indien auswirke; zudem stelle sie eine Verschwendung von Ressourcen dar, die man anderswo besser hätte einsetzen können. Es gibt also religiöse Gruppen, die eine moralische Güte von sehr hoher Rangordnung an den Tag legen. Ihre Mitglieder verdienen unsere Bewunderung, auch wenn wir ihre Glaubensüberzeugungen nicht teilen. Meinungsverschiedenheiten in moralischen Dingen sind etwas, womit wir als Menschen einfach leben müssen, mögen wir religiös sein oder nicht.


Ein zweiter Fall: al-Qaida

Aber wie weit können moralische Verschiedenheiten gehen? Nehmen wir al-Qaida. Im Westen werden sie als gefährlich angesehen, ihre Anhänger betrachten ihr Tun offensichtlich nicht so. In ihren Augen ist in einer radikal ungerechten Welt Gewalt um der Gerechtigkeit willen sowie angesichts des Atheismus und Nihilismus des Westens eine Kraft der Wahrheit.

Ob etwas gut ist oder schädlich, das steht nicht immer als offenkundig und allgemein anerkannte Wahrheit fest, so dass wir alle neutral einschätzen könnten, ob bestimmte Handlungen Gutes oder Schlechtes bewirken.

Al-qaida glaubt, dass das Töten von Menschen, um des Guten willen geschehe, weil es helfe, das böse Reich des Westens zu vernichten. (Die Amerikaner halten auch ihre Bomben auf den Irak für etwas Gutes, weil es nötig sei, den Diktator zu stürzen.)

Nun besteht aber ein Unterschied, ob man etwas Schreckliches im Rahmen eines Kampfes um eines höheren Gutes willen tut (was jeder Soldat tun muss, wenn er einen Feind tötet) oder ob man etwas tut, von dem man rundweg weiss, dass es böse ist. Z.B. ein Kind zu Tode quälen. Dabei hat man kein höheres Gut im Sinn.

Wäre Religion böse, so würde sie auf kein Gut abzielen. Es mag böse Religionen geben (Teufelskulte), bei denen man eine destruktive Macht um ihrer selbst willen verehrt. Aber normalerweise ist Bösartigkeit nicht mit religiösem Glauben verknüpft. Serienmörder und Vergewaltiger behaupten gewöhnlich nicht, sie seien von einer Religion inspiriert. Das Böse ist normalerweise eher mit einem Glauben an das Überleben der Starken durch einen totalen Krieg verbunden oder einfach mit dem Hass auf das Leben und die Welt ganz allgemein. Diese destruktiven Haltungen gehören aber normalerweise nicht zu einer Religion. Im Gegenteil, wenn es einen Punkt gibt, in dem sich die Weltreligionen alle einig sind, dann ist es der, zu behaupten, dass das Dasein gut sei. So kann die Religion nicht die Quelle alles Übels sein, denn sie ist systematische gegen den Hass auf das Dasein – und der ist die Quelle des rein Bösen.

Auch wenn wir das nur ungern sagen, al-Qaida ist im beschriebenen Sinne nicht das rein Böse.

Wir könnten aber argumentieren, die Mitglieder von al-Qaida müssten in Wirklichkeit wissen, dass Gott nicht alle Nichtmuslime hasst, und dass es ungerecht sei, Unschuldige zu töten, und dass ein Gott der Barmherzigkeit grundsätzlich den Hass verbiete. Aber die Macht der Selbsttäuschung ist stark. Es fällt den Menschen sehr leicht, sich selbst davon zu überzeugen, Böses sei gut.


Der Selbstbetrug in Moral und Religion

Wie kommt es dazu, dass Menschen, die mit Verstand ausgerüstet sind, ganz komische Dinge glauben?

Aber zur Erinnerung: Würde ein Politiker gewählt, der nicht dem Interesse für seine eigene Nation den Vorrang geben würde? Wir alle scheinen nationale Selbstsucht zu billigen, obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür gib, dass unsere Nation oder Rasse gegenüber anderen den Vorzug haben sollte.

Wir setzten eben oft das Interesse unserer eigenen Rasse, unserer eigenen Familie oder nicht selten unser Eigeninteresse an die erste Stelle, und rechtfertigen das, indem wir für dieses Verhalten ‚moralische’ Gründe erfinden. Z.B. erheben wir Familienehre zur Tugend und behaupten dann, wir würden nur in selbstloser Weise unsere Pflicht erfüllen. Das ist natürlich eine Halbwahrheit, und das Falsche daran ist, dass man daraus eine ganze Wahrheit macht. Wir haben die Pflicht, uns um unsere Familie zu kümmern, aber das setzt nicht alle anderen Pflichten ausser Kraft.

Im Nazideutschland wurde die Loyalität gegenüber der Nation und dem Führer derart zur obersten Tugend erklärt, dass sie nach der totalen Aufopferung seiner selbst verlangte. Wenn eine gesamte Klasse von Menschen zum Hassobjekt erklärt wird, nicht wegen individueller Verbrechen, sondern wegen des angeblichen ‚Grundcharakters’, den ausnahmslos alle hätten, ist das ein Zeichen dafür, dass die Meinungen manipuliert werden – und wir müssen uns fragen, warum?

Jeder hätte Hitlers ‚Mein Kampf’ lesen können. Dort werden seine Grundsätze klar: der Wille zur Macht, die Ausmerzung der Schwachen, die militärische Vorherrschaft und Überlegenheit der arischen Rasse.

Es ist mehr als seltsam, wenn man Loyalität und Ehre weiterhin als moralische Tugenden hochhält und gleichzeitig mit einem nackten Machtanspruch die Grundlagen der Moral unterhöhlt.

Jeder Aufruf zu etwas moralisch Gutem muss ein Aufruf zu etwas für alle Gutem sein, und nicht nur zu dem, was für mich, meine Artgenossen oder meine Nation gut ist. Jede Moral, die nicht so beschaffen ist, ist ein Zerrbild. Sie hat irgendeine Form des Eigeninteresses oder des Willens zur Macht, die man als Tugend maskiert und damit das allgemeine moralische Gespür verdirbt.

Damit haben wir einige Kriterien für ernsthaft moralische Überzeugungen: Sie dürfen nicht auf Hass oder Rachsucht beruhen; sie dürfen nicht negative Klischees von anderen verbreiten oder von einer aufgeblähten Einschätzung der eigenen Wichtigkeit inspiriert sein; sie dürfen nicht dem Eigeninteresse oder dem Willen zur Macht entstammen; und sie müssen die ernsthafte Sorge um das Wohlsein aller zum Ausdruck bringen.

Der Nationalsozialismus erfüllte keines dieser Kriterien. Dennoch folgten viele gedankenlos.

Wenn wir diese Kriterien auf al-Qaida anwenden, dann sind ihre Glaubensüberzeugungen eindeutig böse. Es handelt sich also um eine eindeutig böse religiöse Überzeugung. Der Nationalsozialismus war eine eindeutig böse nichtreligiöse Überzeugung.

Was Überzeugungen böse macht, ist nicht die Religion, sondern das sind der Hass, die Ignoranz, der Wille zur Macht und die Gleichgültigkeit gegenüber anderen.

Wie kommen Menschen zu solch falschen Ansichten? In einem Geheimdienst Bericht des britischen Innenministers zu al-Qaida (April 2006) werden die Hauptgründe genannt, die zur Mitgliedschaft in terroristischen Organisationen führen: Ablehnung des Krieges in Irak; wirtschaftliche Verelendung, sozialer Ausschluss und Unzufriedenheit mit den Führern des Gemeinwesens. Keine dieser Ursachen ist religiöser Natur. Sie werden mit dem Islam mittels einer Reihe ziemlich unplausiblen Zusammenhängen verknüpft: alles mündet in einer Verschwörungstheorie des Westens gegen den Islam.

Es gibt auf der Welt viele Verschwörungstheorien, aber bei nahezu allen geht es um soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten und kaum um religiöse Themen. Die traurige Wahrheit ist, dass sich fast alle menschlichen Überzeugungen und Institutionen für böse Zwecke nutzen lassen, da es nun einmal tief verwurzelte Hassgefühle und echte Ungerechtigkeiten gibt.


Texte der Gewalttätigkeit

Es gibt in der Bibel Texte von Gewalt. Die eigentliche Frage ist aber, was Menschen dazu bewegt, sie hervorzuholen und sie zu so entscheidenden Texten zu erklären, dass man sie unter den ganz anderen Umständen der heutigen Welt buchstäblich anwenden müsse. Es ist keine Eigenart der Religion als solcher, die sie das tun lässt. Denn die Tradition hat anspruchsvolle Auslegeformen entwickelt, um diese Texte mittels anderer und gewöhnlich späterer Interpretationen zu neutralisieren, in denen betont wird, was eindeutig viel grundlegender sei: das Gebot Gottes, Mitleid und Erbarmen zu haben.

Die grosse Mehrheit der christlichen Kirchen bedauert die Kreuzzüge und die Verfolgung der Juden als völliges Fehlverhalten gegenüber dem Gebot Jesu, seine Feinde zu lieben und sich um Versöhnung und Frieden zu bemühen, statt den Weg der Rache einzuschlagen.

Religiöse Schriften lassen sich missbrauchen. Aber solche Missbräuche lassen sich anhand des Umstandes identifizieren, dass die gewichtigen Anliegen der heiligen Schrift missachten: die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Ausserdem werden dabei Texte aus dem Zusammenhang gerissen. Man wendet sie ohne jedes historische Gespür an und nimmt keinerlei Rücksicht darauf, wie sie in einer langen Tradition ausgelegt wurden.

Kurz: Wer voller Wut und Hass ist, findet tatsächlich für seine Zwecke eine Reihe von Texten. Aber sie dafür verwenden kann nur, wer die gelehrten Auslegungstraditionen ignoriert und sich überhaupt nicht auf eine gründliche Erörterung der ganzen Schrift einlässt, sondern nur zur Fundierung seines Hasses eine gezielte Textauswahl trifft.

Wenn man behauptet, dass religiöse Texte Intoleranz förderten, muss man die folgende Frage stellen: Was ist die Ursache dafür, dass bestimmte Leute diese Texte auswählen, die nach allgemeiner Übereinstimmung der religiösen Fachleute für Situationen in einer fernen Vergangenheit galten und inzwischen längst sowohl von anderen einschlägigen Texten als auch vom grundsätzlichen Sinn der Schrift überholt wurden.

Die Antwort lässt sich nur geben, nachdem man im Einzelnen die gesellschaftlichen Kontexte untersucht hat. Es sind meist Kontexte wirtschaftlicher und sozialer Ungerechtigkeit und des Verlusts. Kurz: Es sind Hass und Intoleranz, die zur Wahl bestimmter Texte führen, um mit ihnen fadenscheinige Rechtfertigungen für pervertierte natürliche Neigungen zu liefern. Was zur Intoleranz führt ist nicht die Religion. Es ist die Intoleranz, die die Religion dazu verwendet, der wirklichen Ursache von Intoleranz angeblich ‚moralische’ Schützenhilfe zu leisten.


Die Religion und das Böse

Al-Qaida ist eine religiöse Organisation, die auf Hass, Ignoranz, dem Willen zur Macht und der Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Schöpfung gründet. Sie wird aber von den Worten ihrer eigenen Religion verurteilt.

Die Nazis hatten dagegen keine Tradition, dank derer man ihre böse Ideologie von innen her hätte korrigieren können. Militante Muslims habe aber eine solche Tradition.

Alle Menschen, ob religiös oder nicht neigen zum Bösen. Die Frage ist: Wie können wir uns am besten dagegen schützen? Eine der besten Vorkehrungen dagegen ist ein Glaubenssystem, das den Übeltätern Strafe in Aussicht stellt und ihnen die Versöhnung mit einem liebevollen Wesen verspricht. Das wird die Verdorbenheit nicht ausrotten, ist aber eine Instanz, die die Verdorbenheit als das blossstellt, was sie ist, und die Menschen ständig dazu ermahnt, sich um Gutsein zu bemühen.

Nicht die Religion führt zur Verdorbenheit, es ist die menschliche Natur.

Wir Christen glauben an einen Gott. Der allen Hass und alle Wut verurteilt und uns aufträgt, unsere Nächsten wie uns selbst zu lieben, ja sogar unsere Feinde.

Das liegt unendlich weit entfernt von der marxistisch-leninistischen oder faschistischen Ablehnung einer objektiven Moral und der gnadenlosen Hinwendung zum nackten Willen zur Macht. Wenn es eine Wurzel des Bösen gibt, die die Welt im 20 Jahrh. an den Rand der Vernichtung brachte, dann waren das die antireligiösen Ideologien von Russland, Nordvietnam und Nordkorea. Es bedarf geradezu der vorsätzlichen Blindheit, wenn man diese historischen Tatsachen auf den Kopf stellen und behaupten will, dass die Religionen, die von diesen brutalen Kräften verfolgt und zerschlagen wurden, die wahren Quellen des Bösen in der Welt seien.

2. Kapitel: Der Hang aller menschlichen Einrichtungen zur Korruption

Die allgegenwärtige Möglichkeit der Korruption

Es ist schwierig, sich irgendeine organisierte menschliche Tätigkeit vorzustellen, die sich nicht korrumpieren liesse oder die von intensiven Diskussionen über richtige Vorgehensweisen frei wäre. Das betrifft auch die liberale Demokratie. Es ist nicht zu vergessen, dass Hitler demokratisch gewählt wurde. Auch in Südafrika entstand auf demokratischem Wege eine zutiefst rassistische Gesellschaft. Auch in den USA muss man sich fragen, welche Rolle notorische Minderheiten bei demokratischen Wahlen überhaupt spielen.

Sowohl in antireligiösen, wie auch religiösen Systemen kann es zur Korruption kommen. Es gibt kein magisches System oder Glaubenssystem, das garantieren könnte, dass sie nie eintritt, und sogar der feste Glaube an die liberale Demokratie kann das nicht gewährleisten.


Der Kampf gegen die Korruption

Es braucht die öffentliche aktive Sorge um die Achtung der Menschenrechte, um Fairness und um die Pflege des Bewusstseins, wie wichtig es ist, so weit wie möglich jedem Menschen eine gewisse Form der Erfüllung zu ermöglichen. Wo diese Achtung fehlt, wird die Demokratie darin versagen, allen eine realistische Freiheit zu gewährleisten und sicherzustellen, dass die Rechte von Minderheiten geachtet werden.

So stellt sich heraus, dass die Demokratie in einem sehr ähnlichen Boot sitzt wie die Religion.

Aber auch wenn wir zugeben, dass die liberale Demokratie gefährlich sein und in manchen Fällen korrumpieren kann, dürfte auf der Hand liegen, dass wir dennoch nicht zum Schluss kommen müssen, sie sei etwas Schlechtes oder es würde uns ohne sie besser gehen. Das Gleiche gilt für die Religion.

Praktisch heisst das, dass es irgendeiner Form der systematischen moralischen Erziehung bedarf, man also den Menschen immer wieder einschärfen muss, welch unverzichtbare Würde jeder Einzelne hat und wie wichtig es ist, dass sich jede und jeder persönlich um bestimmte Tugenden und das Gemeinwohl bemüht.

Zweifellos ist eine Hauptinstanz solcher moralischer Erziehung die Religion.

Rechtssysteme haben sich entwickelt: Abschaffung der Sklaverei, Einführung des Frauenstimmrechtes etc. Es wäre doch absurd, das britische Rechtssystem deshalb zu verurteilen, weil es für den Diebstahl von Schafen die Todesstrafe verhängte. Das war damals. Wir leben heute. Das System hat sich verbessert. Aber wie können wir vernünftigerweise einem Religionssystem die gleiche Beurteilung verweigern? Seine heutige Moral können wir nicht auf Grund von alten und überholten Verordnungen in der Vergangenheit – zum Teil in einer sehr fernen Vergangenheit – beurteilen.


Zusammenhänge zwischen Religion, Politik und Moral

Die Frage „Neigt der religiöse Glaube dazu, die Menschen eher konservativ zu machen oder eher radikal?“ lässt sich nicht beantworten. Der Grund ist der, dass religiöse Institutionen aus Menschen bestehen, die bereits bestimmt moralische und politische Überzeugungen haben und versuchen werden, die Institution in diesem Sinn zu gestalten. Ihre Kinder werden wiederum zum Teil von diesen Institutionen geprägt werden, aber zudem in der allgemeinen Kultur vielen anderen Überzeugungen begegnen. So lässt sich ziemlich wenig Hilfreiches über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Religion sagen.


Der spezifische Beitrag der Religion

Das Grundlegendste, was entwickelte Religionen zu gesellschaftlichen Einstellungen beitragen, ist ein Gespür für das Heilige, das heisst für etwas derart kostbar Gutes, dass es der bedingungslosen Ehrfurcht wert ist. Dieses Gespür fordert die Menschen dazu auf, etwas von diesem Guten in ihrem eigenen Leben sichtbar werden zu lassen und ihr Leben so zu gestalten, dass sie dieses Gute immer besser kennen lernen.

Jede grosse Religion betont, dass es objektive moralische Ideen gebe, dass ein moralisches Verhalten ganz wichtig sei und dass für die Menschen als Einzelne und als Gesellschaft die Möglichkeit bestehe, ein gutes und glückliches Leben zu erlangen. In den meisten Ländern gehört die Religion zu den Hauptvermittlern einer moralischen Erziehung. Aber was diese Religionen im Einzelnen sagen, hängt von dem historischen und gesellschaftlichen Kontext ab, in dem sie es sagen.

Religiöse Überzeugungen beeinflussen die Kultur und werden ihrerseits von der Kultur beeinflusst. Z.B. 1179 verbot das III. Laterankonzil das Einnehmen von Zinsen. Im 19. Jahrh. erlaubte es die kath. Kirche. 1864 verurteilte der Papst noch viele Überzeugungen, 1960 erklärte das Konzil, dass es zur Freiheit des Menschen gehöre verschiedene Überzeugungen zu haben und zu äussern. In Frankreich wurde der Sozialismus weitgehend als antikatholisch angesehen. In England dagegen wurde er stark vom christlichen Gedankengut inspiriert. Das erklärt sich aus dem historischen Kontext.


Religion und gesellschaftliche Werte

Ein religiöses Credo läst sich eher so ähnlich wie die amerikanische Verfassung verstehen. Es ist ein Gründungsdokument, das sich in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich auslegen lässt. Es formuliert Grenzen der zulässigen Auslegung, schreibt jedoch nicht die genaue Auslegung vor, die zu bestimmten Zeiten zu erfolgen hat. Das besorgen Fachleute, und sie können in ihren Auslegungen ziemlich stark voneinander abweichen. Das gilt für alle menschlichen Institutionen, nicht nur für religiöse. Es ist daher nie hilfreich, zu fragen, was ‚eine Religion’ abstrakt genommen, lehrt. Statt zu fragen: „Ist Religion gefährlich oder nützlich?“, sollten wir fragen: „Ist diese partikuläre Religion in diesem Stadium ihrer Entwicklung in diesem gesellschaftlichen Kontext gefährlich?“ Dann liegt auf der Hand, dass die Antwort auf diese Frage nicht immer gleich lauten wird. Dennoch behaupte ich, ist es jedem unvoreingenommenen Beobachter klar, dass in den meisten Gesellschaften die Religion die meiste Zeit hindurch eine der Kräfte ist, die sowohl die soziale Stabilität gewährleistet als auch die moralisch seriöse Diskussion und Reform ermöglicht.

3. Kapitel: Religion und Gewalt

Sayyid Qutb und der militante Islam

Sayyid Qutb der Muslimischen Bruderschaft veröffentlichte 1965 sein Buch „Milestones“ – auf Deutsch im Internet lesbar. „Es gibt nur einen Ort auf der Erde, der ‚Daru-I-Islam’ genannt werden kann, der Ort, in dem der islamische Staat errichtet ist und die Sari’a die Autorität ist und Allahs Gebote und Verbote beachtet werden ... Der Rest der Welt ist das Haus des Krieges (Daru-I-Harb)“. Es gibt kein Dazwischen – keinen Kompromiss und nicht einmal Koexistenz. Der Heilige Krieg sei keineswegs nur zur Verteidigung erlaubt, sondern als Initiative geboten, um mit Gewalt überall in der Welt richtige muslimische Gesellschaften zu errichten.

Hier wird aufgezeigt, wie stark diese Ansichten von der marxistischen Analyse durchdrungen ist.


Qutb und der traditionelle Islam

Angesichts des Umstandes, dass Qutb alle gegenwärtig existierenden muslimischen Gesellschaften ablehnt und die Schriften traditioneller muslimischer Gelehrter besonders scharf tadelt, ist es eindeutig klar, dass seine Ansichten nicht für den Islam repräsentativ sind. Angriffe gegen die Religion seitens solcher, die sie für blind und gedankenlos halten, spielen den Fundamentalisten in die Hände. Denn solche Angriffe stellen genauso wirksam in Frage, dass solides theologisches Denken möglich sei, wie das die wütenden Tiraden der Fundamentalisten tun.


Gefahren der Gewaltanwendung im Christentum

Auch im Christentum gibt es potenziell gefährliche Lehren, und von Zeit zu Zeit haben diese die Anwendung von Gewalt ausgelöst und zu Kriegen geführt. Es gibt aber kein vorstellbares System religiösen oder politischen Denkens, das nicht potenzielle Gefahren in sich hätte. Das Beste, was wir tun können, ist für diese Systeme angemessene interne Kontrollen zu finden, die verhindern, dass diese Gefahren praktisch zum Zug kommen. Aber wenn wirtschaftliche und soziale Verhältnisse in die Krise geraten, kann nichts auf Erden Menschen davon abhalten, jegliches System für die Durchsetzung ihrer Interessen zu missbrauchen.

Es gab Religionskriege, Religionsverfolgungen und religiösen Hass. Das ist unentschuldbar. Wie konnte ein Glaube, der in seinen Anfängen fast ganz, wenn auch nicht vollkommen pazifistisch war (in den Lehren Jesu ist er eindeutig), eine Religion von Kreuzrittern und Inquisitoren werden?

In der Antike: Was den Krieg verursachte, waren nicht die Götter oder der Glaube an die Götter. Man fing vielmehr einen Krieg an, und dann erwiesen sich zumindest einige Götter als recht nützlich, um die Loyalität gegenüber der Sache des Kaisers zu gewährleisten. Die Kriege der antiken Kaiser waren keine Religionskriege. Es waren Eroberungskriege.


Das Christentum und das Römische Reich

Der christliche Gott war kein Reichsgott, sondern ein Gott von Sklaven und Arbeitern, von Armen und Unterdrückten in der unbedeutenden Provinz Judäa. Auch Jesus war kein vorzeigbares Beispiel für einen Krieger-König.

Unter Theodosius (4. Jahrh.) wurde das Christentum zur offiziellen Reichsreligion.

Die Konsequenzen waren weit reichend: Der neue Glaube verbot die Kindstötung, ermutigte den Bau der ersten Hospitäler und Armeneinrichtungen und versuchte die Todesstrafe abzuschaffen. Er wirkte sich auf das Reich humanisierend aus. Aber der Einfluss ging nicht nur in die eine Richtung: Die Kirche wurde Schritt für Schritt ins Leben des kaiserlichen Hofs mit seiner Intrigen hineingezogen. In Nachahmung des kaiserlichen Hofs wurde eine kirchliche Hierarchie eingerichtet und die Glaubensbekenntnisse wurden zum Mittel, die loyalen Anhänger der offiziellen, kaiserlichen Ansichten von denen zu unterschieden, deren Radikalität eine Gefahr für die Einheit des Reiches hätten werden können. Und diese Gefahren gab es wirklich. Religiöse Intrigen, Kontroversen und verzweifelte Versuche, um jeden Preis die Einheit zu erhalten oder aufzuerlegen, waren also die Reflexe der Reichskrise im Leben der Reichskirche.

Als das Römische Reich zerfiel, kam die Kirche unter den Einfluss von hauptsächlich zwei Faktoren: Verschiedene kriegerische Stämme wurden in die Kirche aufgenommen, und zwar auf dem weg der Eroberung. Kriegsreligionen wurden oberflächlich christianisiert und Christus zum Krieger-Gott. Der zweite Faktor war die Bedrohung durch die muslimischen Eroberer.


Kreuzzüge

Meist stellt man sich die Kreuzzüge als aggressive Angriffe auf muslimische Territorien vor. Aber es waren zunächst arabische Heere, die die Länder am Mittelmeer mit Kriegen überzogen. Im Jahre 1054 appellierten die Byzantiner an den Papst, er möge ihnen militärische Hilfe gegen die Seldschuken senden, die Tausende von Christen niedermetzelten und Konstantinopel bedrohten. Die Kreuzzüge entglitten aber. Im 4. wurde Konstantinopel geplündert.

In Südfrankreich fand der Albigenserkreuzzug statt (1208) und es entstand die Inquisition.


Religion und Typen der Gesellschaftsordnung

Zur Einschätzung dieser Situation müssen wir uns vor Augen halten, dass alle Gesellschaften auf das Recht Anspruch erheben, ihre Ordnung und Sicherheit und ihre Lebensart gegen Angriffe zu verteidigen, ganz gleich, ob diese von innen oder von aussen kommen. Wenn z.B. ein gewählter Volksführer diktatorisch die Macht an sich reisst und die demokratischen Institutionen abschafft, hält man es weithin für gerechtfertigt, diesen Führer zu beseitigen. Diese Aktion wird vermutlich aber nur dann als gerechtfertigt angesehen, wenn die angegriffene Ordnung ein klares Mandat vom Volk hätte und wenn der Schaden, den sie verursacht, um etliches geringer wäre als der Schaden, der entstünde, wenn man nicht einschreiten würde.

Neben der Inquisition und anderer dunkler Seiten der Religion muss man auch erwähnen, dass die Kirche die antike Kultur durch alle Zeiten des Chaos hindurchrettete, den Bau grosser Kunstwerke inspirierte, Ackerbau entwickelte, Bildung ermöglichte, Krankenfürsorge betrieb etc.

Die täglichen Übungen der Nächstenliebe sind gewaltige positive Faktoren, die den Augen der Historiker verborgen bleiben, wenn sie nur die grossen Unternehmungen der Mächtigen beachten.


Religionskriege

Dass es Religionskriege gab, kann niemand bestreiten. Jedoch kann niemand, der die Geschichte studiert hat, leugnen, dass die meisten Kriege nicht religiöser Natur waren. Die religiöse Komponente wurde gewöhnlich mit irgendeiner nichtreligiösen, sozialen, ethnischen oder politischen Komponente verbunden.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrh. wurden mehr Menschen durch nichtreligiöse Kriege getötet als in der gesamten übrigen Menschheitsgeschichte. Mehr noch: In dieser Zeit war nicht eine religiöse, sondern die ausdrücklich antireligiöse Politik von Kommunisten verantwortlich für den Tod von Millionen von Menschen UDSSR 20 Mio; China 65 Mio, Nordkorea 2 Mio; Kambodscha 2 Mio. Die Religion war jeweils kein Faktor.

Das bestätigt auch das IISS Internat. Inst. für Strategische Studien, dass echte Religionskriege selten sind und ein Grossteil der Gewalttätigkeit in der heutigen Welt nichts mit Religion zu tun hat. Wo Religion ein Faktor ist, wird sie zur Unterstützung anderer Anliegen herbeigezogen, welche in den meisten Fällen die massgeblichen Ursachen des Konflikts sind. Zudem wäre eine Analyse, die einen einzigen Grund unterstellen würde, eine allzu naive Vereinfachung.


Eine soziologische Analyse

Der englische Soziologe David Martin schrieb 2002 in „Does Christianity Cause War?“: „Ich kenne keinen Beweis, mit dem sich zeigen liesse, dass sich beim Widerstreit rivalisierender Identitäten und unvereinbarer Ansprüche der Grad der Feindseligkeit und Grausamkeit verringert hätte, wenn ein religiöser Faktor fehlte.“

Das heisst, in der Religion geht es zunächst einmal um die Beziehung des Einzelnen zur Letzten Spirituellen Wirklichkeit. Und in dem Mass, in dem die Religion sich ganz vom Nationalstaat absetzt, wird sie oft zu einer positiven Kraft für Frieden und Versöhnung.

Das zeigt, dass religiöse Ansichten an sich nicht Ursachen der Gewalttätigkeiten sind. Erst wenn religiöse Institutionen mit politischen Institutionen verwoben werden, kann Religion in den Dienst der Gewaltanwendung gestellt werden. Aber auch dann ist sie nur eines unter vielen anderen Identitätsmerkmalen, und welche Bedeutung sie hat, schwankt von einem Kontext zum anderen.


Kann Religion eine Kraft für den Frieden sein?

Es ist historisch falsch, zu sagen, dass die gewalttätigsten Konflikte religiöse Ursachen gehabt hätten oder die schlimmsten Fälle der Gewaltausschreitung religiös motiviert gewesen seien. Die Religion wirkte oft mässigend und versöhnend, und das ist ihre wahre Rolle, wie die schriftlichen Zeugnisse aller grossen Weltreligionen klar belegen. Der historische Befund zeigt ganz klar: Auch ohne die Religion gäbe es immer noch Krieg. Aber mit ihr besteht zumindest die Chance, dass die Stimme derer, die ihr Leben für keinen sichtbaren irdischen Vorteil, sondern einzig für die Sache des Guten hingegeben haben, mit grösserer Klarheit gehört wird. Mit der Religion besteht die Chance, dass zumindest an manchen Orten eine Zeit lang und in einem gewissen Ausmass das Gute auf Erden gedeiht.

2. Teil: Sind religiöse Überzeugungen irrational?

4. Kapitel: Glaube und Vernunft

Grundüberzeugungen

Manche sagen, Religion sei gefährlich, weil es sich um eine irrationale Form von Überzeugung handle. Daher sei Religion eine Gefahr für das Vernunftdenken und sie ersetze das durchdachte Eingehen auf Fakten durch blindes Annehmen einer Autorität, die absurde Überzeugungen diktiere.

Wir müssen also klären, ob religiöse Überzeugungen als solche irrational, blind und eindeutig falsch sind. Kann es vernünftige religiöse Glaubensüberzeugungen geben?

Eine grobe Antwort wäre, dass es offensichtlich vernünftig begründete religiöse Überzeugungen gibt. Könnte man Anselm, Thomas von Aquin, Kant, Kierkegaard, Hegel, Descartes und Leibnitz vorwerfen, irrational zu sein? Wollte man das tun, so würde man den Standard des ‚Rationalen’ unmöglich hoch ansetzen, denn diese Menschen definierten, was wir als Vernunftdenken bezeichnen.

Manche sind der Auffassung, die einzig vernünftigen Überzeugungen seien durch naturwissenschaftliche Methoden zu erhalten. Das Problem dieser Aussage ist, dass sie sich selbst in Frage stellt. Sie lässt sich ihrerseits nicht mittels Beobachtung und Experiment beweisen. Wenn man sie ihrem eigenen Kriterium für Vernünftigkeit unterwirft, fällt sie also als nicht vernünftig durch. Und wenn diese Aussage stimmen würde, dann wären einige Aussagen auch vernünftig, die naturwissenschaftlich nicht nachprüfbar sind. So ist diese Aussage entweder unvernünftig oder falsch. Viele der wichtigsten Überzeugungen unseres Lebens sind naturwissenschaftlich nicht nachprüfbar, und dennoch halten wir uns unser ganzes Leben lang an sie (ob meine Frau mich liebt oder nicht; was moralisch richtig ist; welche Kunst gute Kunst ist; welche politischen Entscheidungen ich treffen soll; ob ich meinen Freunden vertrauen soll etc.). Es gibt tausend Dinge, die ich glaube, die jedoch nicht naturwissenschaftlich nachprüfbar sind. Eine ganze Menge davon, so hoffe ich, ist vernünftig.

Ich kann mir keine allgemeine Regel vorstellen, die mir direkt sagen könnte, was eine Überzeugung vernünftig sein lässt. Aber ich weiss, dass einige meiner Überzeugungen für mein Leben derart grundlegend sind, dass sie die Grundpfeiler meiner gesamten Ansicht vom Leben sind. Ich habe für sie keine wirklichen Beweise. Z.B.: Es gebe für jedes Ereignis irgendeinen Grund; die Menschen sollten auch an das Wohl anderer denken; es ist angebracht angesichts der Schönheit und Komplexität der Schöpfung Staunen und Ehrfurcht zu empfinden, für die Tatsache, dass man existiert Dankbarkeit zu empfinden; Schönheit zu schätzen und Freundschaft zu geniessen. Das sind unbewiesene Grundüberzeugungen, von denen wir alle leben und die von keiner anderen Überlegung abgeleitet werden können. Wir erwerben sie uns nicht durch kritische Beobachtung.


Drei Weltsichten

Jeder Mensch hat eine Weltsicht. Es ist eine Sammlung von Begriffen, mit denen man seine Erfahrungen interpretiert. Es ist möglich eine Weltsicht zu haben, die sich als „gesunder Menschenverstand“ versteht. Sie besagt, die Dinge sind eben so, wie sie uns erscheinen. Was wirklich ist, finden wir heraus, indem wir alles ansehen, anfassen, riechen oder schmecken. Das ist eine ziemlich naive Sicht, die zusammenbricht, sobald man erfährt, was die Naturwissenschaften herausgefunden haben. Ganz gleich, was die Wirklichkeit genau ist. Sie ist jedenfalls nicht das, was sie unseren Sinnen erscheint.

Eine andere Weltsicht ist die materialistische. Für sie ist die Wirklichkeit das, was die Naturwissenschaft sagt, was sie sei. Das ist uns aber nur auf dem Weg von abstrakten Theorien zugänglich. Der Materialismus ist eigentlich eine ziemlich einfache Theorie, denn er reduziert die Wirklichkeit auf eine einzige Art von Stoff. Und falls man der Auffassung ist, dass das Dasein des Menschen ungeplant, zufällig und zwecklos sei, liefert er eine Theorie, die dieses Denken bestätigt. Der Materialismus bekommt aber ein Problem, weil die Quantenphysik die Idee der Materie völlig aufgelöst hat. Es scheint auch, dass wir nicht einmal die Grundlagen der physischen Wirklichkeit richtig erfassen können. Zudem sperren sich unser Bewusstsein und unsere Bewusstseinsinhalte (Mathematik, Logik, Gefühle und Absichten) der Übersetzung in rein physikalische Begriffe. Den meisten von uns ist es offensichtlich, dass wir viele Aspekte des menschlichen Lebens in Begriffen von Absicht, Zielen und Bewertungen erklären müssen. Aber im Materialismus verschwindet dies alles. Und wenn wir glauben, die Wirklichkeit habe eine spirituelle Dimension, und dass wir bei der Suche nach Wahrheit, Schönheit und Güte etwas suchten, das real existiert, dann wird der Materialismus unserer Erfahrung überhaupt nicht genügen können.

So ist die dritte hauptsächliche Weltsicht die des Idealismus. Aus dieser Sicht vertritt man, dass der grundlegende Charakter der Realität bewusster oder geistiger Natur sei. Unser Bewusstsein ist dann nicht nur ein Nebenprodukt des materiellen Gehirns. Auch der Idealismus hat die Tugend der Einfachheit. Der Theismus geht mit dem Idealismus darin einig, dass eine personale bewusste Realität (Gott), das Primäre und die Basis der gesamten Realität sei. Aber zugleich ist er mit dem Materialismus der Überzeugung, die materielle Welt verfüge über ihre eigene Realität, auch wenn sie letztlich von Gott abhinge.


Die Möglichkeit, Weltsichten in Frage stellen zu können

In der Regel neigen religiöse Sichtweisen zum Idealismus. Auch wenn sie sich sehr unterscheiden, so vertreten sie alle die Ansicht, dass die spirituelle Dimension des menschlichen Daseins, die wirklich wichtige Dimension sein. Viele Angriffe auf die Religion beruhen auf der Überzeugung, dass es keine spirituelle Dimension der Wirklichkeit gebe. Dawkins meint sogar, nur der Materialismus beruhe auf sorgfältiger Forschung und rationalem Denken, während religiöse Ansichten auf ‚blindem Glauben’ beruhen, also eine Art Sprung ins Finstere erforderten und folglich eindeutig irrational seien und nichts mit klarem Denken zu tun hätten. Da aber Ignoranz moralisch tadelnswert sei, sei religiöser Glaube moralisch schlecht. Hat Dawkins nie etwas über Philosophie gelesen? Denkt er wirklich, dass Descartes, Leibniz, Spinoza, Kant, Hegel etc. alle Einfaltspinsel waren, die nicht richtig denken konnten? Wenn man die Philosophen beachtet, kann man nicht sagen, dass eine Weltsicht allgemeine Zustimmung gefunden hätte. Einige sind Materialisten, andere Idealisten oder Theisten, die meisten würden sich einfach als Agnostiker bezeichnen.

Sicher lassen sich Systeme auf der Grundlage des Idealismus nicht streng ‚beweisen’. Aber das Gleiche gilt auch für Systeme des Materialismus. Wer eines von ihnen vertritt, kann das letztlich immer nur auf Grund einer gedanklich anspruchsvoll gerechtfertigten Wahlentscheidung tun, von der man nie sagen kann, ob sie eindeutig falsch oder richtig ist.


Die Legende vom Glaubenssprung

Es gibt die Legende, dass man früher an die ‚Gottesbeweise’ geglaubt hätte, dann sei aber Kant gekommen und habe alle widerlegt. Von da an sei der Glaube an Gott bar jeder rationalen Grundlage gewesen und haben zum blinden Glaubenssprung werden müssen (Glaube als Überzeugung ohne jede Beweise verstanden).

Zunächst war es nie ein allgemein anerkannter Gedanke, dass man bloss bei den beobachtbaren Fakten der physischen Welt anfangen müsse, um aufzuzeigen, dass ausserhalb des Universums eine intelligente Erstursache existiere. Damit wäre Gott nur wenig mehr als eine Schlussfolgerung aus beobachtbaren Fakten.

Kant wollte eigentlich das von Leibnitz und Wolff vertretene ‚Wissen’ ausräumen, um Platz für den Glauben zu machen. Seine gesamte kritische Philosophie schreib er als Versuch, den Glauben auf eine solide intellektuelle Grundlage zu stellen, und nicht, ihn als Alternative zum intellektuellen Denken anzubieten. Glaube war für Kant ein praktisches Sichfestlegen auf Gebieten, wo theoretisches Wissen unmöglich ist, man jedoch unter dem Druck steht, eine vernünftige Wahl zu treffen. Dazu musste er aufzeigen, dass der Verstand seine Grenzen hat. Für ihn ist der Glaube etwas höchst Vernünftiges. Er ist kein Sprung ins Dunkle. Er besteht darin, seine Vernunft in Bereiche jenseits der Grenzen der empirischen Verifikation einzusetzen. Kant meinte, dass es nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine absolute Notwendigkeit sei, der Welt eine rationale und moralische Grundlage zu geben, also auf die Existenz des höchsten Guten zu setzen, also auf einen unendlich guten Gott. Auf ihn lasse sich die Vernunftgemässheit der Welt und des menschlichen Denkens, sowie die Vernünftigkeit und Verbindlichkeit der Moral gründen. Wir müssten über das Beweisbare hinausgehen, denn die Vernunft selbst zwinge uns dazu. Wenn Kant vom Glauben sprach, dachte er absolut nicht an das blinde Akzeptieren einer Autorität.


Vernunft und Offenbarung

Wenn es Gott gibt, ist es vernunftgemäss, irgendeine Art von Offenbarung des Charakters und der Absichten Gottes zu erwarten. Die Offenbarung kann die Vernunft erweitern, aber die Vernunft muss den Anspruch, dass etwas Offenbarung sei, immer überprüfen. Die Religion beruht also auf einer Weltsicht, die mindestens genauso vernünftig ist wie jede andere. Solche Weltsichten lassen sich nicht mit Beweisen begründen, denn sie legen selbst fest, was als gültiger Beweis angehen kann und wie der Beweis interpretiert werden soll.


Was macht Weltsichten vernünftig?

Es gibt ziemlich klare Kriterien, anhand derer man eine Weltsicht als verstandesmässig akzeptabel einschätzen kann. Und es gibt vernünftige Prozeduren, mittels derer sich eine Weltsicht entwerfen und verteidigen lässt.

  • Die Weltsicht sollte einen inneren logischen Zusammenhalt aufweisen.
  • Der Vergleich mit anderen Weltsichten ist für die Abschätzung der schwachen und starken Punkte notwendig.
  • Es ist notwendig, die Angemessenheit der Weltsicht im Bezug auf so viele Daten wie möglich zu erproben.

Ein säkulares Denken kann genauso stark voller Vorurteile, Parteilichkeit und Missachtung relevanter Daten sein und ebenso intolerant und ungeduldig gegenüber seinen Gegnern, wie die engste religiöse Ansicht. Es gibt einfach keinen vernünftigen Grund für die These, der religiöse Glaube als solcher sei irrational oder nicht durchdacht. Jede solche Ansicht ist offensichtlich falsch. Ja, sie ist sogar ein besonders gutes Beispiel für irrationales Denken.

5. Kapitel: Das Leben nach dem Tod

Ist der Glaube an ein Leben nach dem Tod schädlich?

Man sagt, dass diese Ansicht den Menschen dazu verleite, sich weniger ernsthaft auf das Leben im Diesseits einzulassen. Es ist schlicht geistlos, wenn man das pauschal behauptet.

In einem gerecht eingerichteten Universum gibt es auch Strafe. Es gibt Christen, die glauben, dass Gott Menschen in die Hölle schickt, weil sie nie etwas von Jesus gehört haben. Auch wenn jemand diese Ansicht teilt, ist sie nicht gefährlich. Denn diejenigen, die sie vertreten, glauben, es sei ihre Pflicht, das Evangelium zu predigen, und sie verbinden damit die Überzeugung, dass niemand zum aufrichtigen Glauben gezwungen werden könne. Sie glauben fast nie, dass Gewaltanwendung zur Rettung von Menschen beitragen könne.

Die Angst vor der Hölle, ist die Angst vor einer Zukunft ohne Liebe und ohne Gott. In der Religion geht es aber immer ganz wesentlich darum, die Menschen von dieser Möglichkeit zu bewahren und sie zu einem besseren Leben zu führen. Die Zielsetzung der Religion ist die Erlösung vom Bösen und der Einsatz für das Gute um seiner selbst willen. Wenn man diese Zielsetzung als gefährlich bezeichnen will, muss man dazu eine atemberaubend verkehrte Sichtweise einnehmen.


Das Leben nach dem Tod als Motivation für moralisches Verhalten

Ich möchte bestimmt nicht sagen, dass Atheisten unmoralisch seien, aber ich sehe keinen Grund, weshalb Atheisten sorgfältiger mit dem menschlichen Leben umgehen sollten als Theisten. Menschen, die frei von der Angst vor der Hölle sind und keinerlei Hoffnung auf den Himmel haben, verfügen über die Freiheit, nach ihrem Belieben zu handeln, ohne dafür mit Konsequenzen nach ihrem Tod rechnen zu müssen. Von daher wirkt die Ansicht höchst unplausibel, wer an ein Leben nach dem Tod glaube, sei mit grösserer Wahrscheinlichkeit zum Töten bereit. Natürlich ist es gefährlich, wenn irregeführte Individuen glauben, sie würden nach dem Tod dafür belohnt, dass sie unschuldige Menschen mit sich in den Tod gerissen haben. Aber keine der grossen religiösen Traditionen lehrt Derartiges. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist aber selten ein stark motivierender Faktor. Wo er existiert, ist er gewöhnlich eher eine Konsequenz aus anderen Überzeugungen. Die Religion fängt nicht mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tod an, auch nicht mit der Angst vor dem Tod oder dem „Himmelswunsch.“ (vgl. Juden). Eine Quelle des Glaubens an ein Leben nach dem Tod ist die bereits vorher existierende Überzeugung, das Universum sei gerecht, denn das ergibt sich logisch aus dem Glauben an einen gerechten Schöpfer.

3. Teil: Sind religiöse Überzeugungen unmoralisch?

6. Kapitel: Moral und Bibel

Das Problem der überholten moralischen Regeln des Alten Testamentes

Die religiöse Moral beruht auf dem Grundsatz, dass das Leben des Menschen moralisch bedeutsam ist und es die Möglichkeit gibt, den selbstsüchtigen Egoismus zu überwinden und in Beziehung zu einem Wesen zu treten, das voller Weisheit, Mitgefühl und Glück ist und an dessen Art Anteil zu erhalten.

Manche meinen, die religiöse Moral sei gefährlich, weil sie auf dem gedankenlosen Akzeptieren der Bibel beruhe. Sicher wäre es schlimm, wenn man gedankenlos Sätze der Bibel übernimmt (Steinigung für Ehebruch, Bannvollstreckung etc.). Dass das aber nie gedankenlos geschah zeigt auch, dass schon Thomas von Aquin die Meinung vertrat, ein gerechter Krieg müsse von einem Souverän erklärt werden und einen gerechten Grund haben; ferner müsse die realistische Aussicht bestehen, dass durch ihn das Gute gefördert oder das Böse verhindert werde. Der Krieg müsse auch mit verhältnismässigen Mitteln geführt werden. Es wurden also nicht einfach biblische Verse zitiert.

Schon innerhalb der Bibel lässt sich eine Entwicklung feststellen. Hesekiel lehrte, dass jeder Mensch nur wegen seiner eigenen Sünden bestraft werden sollte – was den Bann ausschliesst. Der Bann ist eine schreckliche Regel, von der aber die meisten Bibelfachleute annehmen, er sei gar nie vollstreckt und erst im babylonische Exil formuliert worden. Es wäre Verleumdung, wollte man behaupten, seit der schriftlichen Codifizierung des Gesetzes habe je ein Jude ernsthaft angenommen, Gott habe in einer konkreten Situation ein Massaker befohlen.

Ganz gleich welche Interpretation man selbst bevorzugt, es ist jedenfalls klar, dass niemand heute von Weisungen wie jener des Banns annimmt, sie hätten heute noch praktische Geltung. Immer muss man die Regeln der Bibel im Lichte der späteren Texte lesen.


Drei Einstellungen gegenüber alten Bibeltexten

  1. Man kann diese Texte (Anweisung für den Bann) als primitive Vorstellungen sehen, die in eine Vergangenheit zurückprojiziert wurden, jedoch nie in die Praxis umgesetzt wurden und heute völlig überholt sind. Diesen Ansatz dürften die Anthropologen vertreten.
  2. Man kann annehmen, Gott habe tatsächlich eine solche Anweisung gegeben – einem damals noch moralisch primitiven Volk, als einmalige Anweisung, die heute nicht mehr gilt. Das ist eine Ansicht, die vermutlich konservative Christen vertreten.
  3. Der Bann entspricht wirklich dem Willen Gottes. Des Willens, dass der Verehrung Gottes absolut alles untergeordnet werden und in einer Schlacht auf jeglichen privaten Gewinn verzichten müsse. Aber diese Wahrnehmung wurde durch die späteren Propheten korrigiert. Diese Ansicht unterstellt, dass sich das richtige Gottesverständnis im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Welche Ansicht man auch immer teilt, niemand würde der Meinung sein, dass diese Anweisung heute noch Gültigkeit besitzt. Man muss eben die älteren Texte der Bibel im Lichte der neueren lesen

 

Die biblische Sprache über Gott

Die biblische Geschichte ist auch eine Geschichte der sich entwickelnden Wahrnehmung. Da gibt es unvollkommene Wahrnehmungen, aber diesen stehen die tieferen Wahrnehmungen der grossen Propheten gegenüber, die sie schliesslich umwandelten.

Man kann die Bibel ganz buchstäblich auslegen und unterstellen, der biblische Gott sei eine unsichtbare Person, die alles, was ihr nicht gefällt, mit Erdbeben und Überschwemmungen bestraft und lange Listen von ziemlich willkürlichen Geboten erlässt, die seine Verehrer einfach fraglos annehmen müssen. Aber ein solches buchstäbliches Verständnis ist nicht der langen Tradition der jüdischen und christlichen theologischen Reflexion treu.

So müssen wir alle anthropomorphen Vorstellungen abstreifen und wahrhaben, dass das metaphorische Sprechen über Gott eine Art und Weise des Redens davon ist, was die Menschen tun und wie sie ihr Leben im Kontext einer höchsten Wirklichkeit sehen sollten. Das ist keine moderne, modische Umformulierung der Gottesvorstellung. Sie steht in den Texten selbst und ist die einhellige Lehre grosser Theologen (Augustinus, Thomas, Maimonides und Al Gazzali). Das Verbot, sich von Gott irgendwelche Bilder zu machen, ist ein Ausdruck dieser Lehre, dass in der gesamten endlichen Schöpfung nichts so wie Gott ist. Gott bleibt der Unerkennbare jenseits alles menschlichen Verstehens. Wenn man daher vom Zorn Gottes spricht, ist das eine Weise, von der selbst zerstörerischen Wirkung des Bösen zu sprechen. Wir können von Gott nur sprechen, indem wir die Redeweise verwenden, mit der wir von der Beziehung zwischen Menschen sprechen, also nur indirekt und in Metaphern. Auch für die jüdisch biblische Meditation über Gott ist es charakteristisch, dass sie Gott eher ständig in Frage stellt, als einfach blind zu akzeptieren, was er alles sagt. Sehr oft besteht der Anfang der Weisheit in der Religion darin, dass man zwischen buchstäblicher Beschreibung und Metapher zu unterscheiden lernt und sodann lernt, dass in der Religion die Metapher die Funktion hat, die Gefühle und das Verhalten und die Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen zu lenken.


Jüdische Einstellung gegenüber biblischen Gesetzen

Ein orthodoxer Jude wird annehmen, dass Gott Mose das Gesetz gab. Aber wie das Gesetz interpretiert werden muss, das ist weithin ein Gegenstand der Diskussion. Orthodoxe Juden haben keine Schwierigkeit zu sagen, dass es im AT Regeln gibt, die wir heute als moralisch primitiv betrachten würden.

Es wäre völlig falsch, wenn man sich vorstellen wollte, dass die Juden damals oder heute einfach auf die Regeln zeigen und sagen: „Das müssen wir tun.“


Die Bergpredigt

Das christliche Denken über die biblische Moral wird grundlegend von der Tatsache beeinflusst, dass die Christen die Tora als vollständiges System eines von Gott gegebenen Regelwerkes, dem man gehorchen muss, aufgegeben haben. Paulus schreibt: „Christus ist das Ende des Gesetzes.“ (Röm 10,4) und das ganze Gesetz sei in den Worten zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Gal 5,14). Das moralische Ideal der Christen findet sich nicht in einem geschriebenen Text, sondern in Jesus, dem lebendigen Wort Gottes. Ihre moralische Inspiration finden sie im Blick auf Jesus. Das Christentum ist also keine Religion des geschriebenen Gesetzes, sondern eine Religion der Gnade. Christen finden die ethischen Schlüsselstellen in der Bergpredigt, und alle anderen Moralvorstellungen müssen danach beurteilt werden, wie weit sie den Ansprüchen dieser Predigt genügen.


War Jesus moralisch vollkommen?

Bertrand Russel wirft in seinem Essay „Warum ich kein Christ bin“ Jesus mit dem Hinweis auf die Tempelreinigung, moralische Unvollkommenheit vor. Jesus sei intolerant gewesen und richtend.

Zum Tempel: Sollen wir annehmen, die Anwendung massvoller Gewalt, um Unerwünschte aus unserem Eigentum zu vertreiben, sei immer falsch?

Intolerant gegenüber den Pharisäern? Es ist eine sehr merkwürdige Vorstellung von moralischem Gutsein, wenn es dazu gehören soll, dass man Heuchler und Betrüger, die die Religion und Moral pervertieren, nicht scharf kritisieren darf.

Ist die Androhung der Hölle böse? Falls es ein göttliches Gericht gibt, muss diese Tatsache erwähnt werden, mag das schädlich sein oder nicht. Beim Evangelium geht es ja gerade darum, der Hölle zu entkommen und die Schuld zu vergeben. Es dient nicht dazu, den Menschen zu sagen, sie kämen in die Hölle, sondern, ihnen zu sagen, wie sie es anstellen sollen, um nicht in sie zu kommen. Es gibt keine stichhaltigen Einwände gegen die Vorstellung, Jesus sei moralisch vollkommen gewesen. Das Leben Jesu war ein Leben aus dem Gebet, des ständigen und ungeteilten Achtens auf seinen Vater im Himmel und der Hingabe an den Willen des Vaters. In diesem Umstand, dass die absolute Mitte das Gebet war, liegt das Geheimnis seines moralischen Lebens.


Das religiöse Gesetz und seine Interpretation

Das Christentum ist überhaupt keine Religion, die auf einem von Gott offenbarten Gesetz beruht, und von daher ist es ganz besonders unangemessen, sich vorzustellen, es sei möglich, moralische Probleme einfach damit zu lösen, dass man dafür alte biblische Gesetze zitiert. Im Christentum bezieht man sich immer auf die Person und die Lehre Christi als dem Kriterium, an dem alle biblischen Lehren zu messen sind. Gefragt sind hier ein einfühlsames Beurteilen, eine ausgewogene Interpretation der Person Jesu und ein grosses Stück weit persönlicher Entscheidung darüber, wie bestimmte allgemeine moralische Grundsätze auf konkrete Fälle anzuwenden sind. Mit anderen Worten: Christliches moralisches Argumentieren besteht darin, dass man vernünftig begründet, worin im Licht des Lebens Jesu, die beste Art und Weise besteht, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben.

Dabei wird es unvermeidlich immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten kommen, aber man sollte zumindest anerkennen, dass dabei Entscheidungen getroffen, Argumente angeführt und Gründe genannt werden.

Was die grossen Traditionen angeht, so sind ihre Methoden der moralischen Urteilsbegründung derart weithin anerkannt, dass deren Vertreter auf der ganzen Welt von den Regierungen vieler wichtiger Staaten regelmässig zu moralischen Fragen konsultiert werden. Die religiöse Moral wird nicht als gefährlich betrachtet, sondern als Quelle für das moralische Denken geschätzt

7. Kapitel: Moral und Glaube

Eine nichtreligiöse Moralvorstellung

Viele vertreten die Meinung, dass Religion für Moral irrelevant sei – Moral sei nicht von Religion abhängig.

Meine Meinung ist, dass Moral, die auf Religion zurückgeht, irgendwie vernünftiger ist. Ich meine aber nicht, dass Religiöse moralischer seien oder dass man religiös sein müsse, um moralisch handeln zu können. Ich glaube aber, dass Religion eine stärkere Rechtfertigung für gewisse Werte liefert.


Wenn meine Überzeugungen genetisch programmiert sind, kann ich vermutlich nicht viel dagegen unternehmen. Aber was wäre, wenn ich ein gewisses Mass an Freiheit besässe und Kontrolle über meine Überzeugungen gewinnen könnte? Nun stellt sich die Frage, was setzte ich an die Stelle der genetisch bedingten Überzeugungen. Vernünftig erscheint mir nun, das zu tun, was meine Wünsche befriedigt (die ja nicht alle Selbstsüchtig sein müssen). Nun auch unsere Wünsche dürften im hohen Grade genetisch begründet sein.

Ich muss nun Handlungsprinzipien entwickeln, die gegenseitiges Vertrauen ermöglichen, da ich ja in der Umsetzung meiner Wünsche oft auf andere angewiesen bin. So werden moralische Regeln aus Übereinkünften mit anderen geboren. Da diese Übereinkünfte lebensnotwendig sind, müssen sie durch Sanktionen bekräftigt werden.

Evolutionspsychologie kann uns sehen helfen, warum wir welche Grundwünsche haben und kann uns helfen, nicht zu grosse Erwartungen in die Menschen zu setzen.


Vernunft und Wunschbegehren

Die Evolutionspsychologie neigt dazu, die Hypothese aufzustellen, das Pflichtgefühl oder Gewissen, sei nichts anderes als ein Zwang, der genetisch programmiert sei (das Gefühl des „Sollens“ sei nur eine von den Genen verursachte Überzeugung). Gesetzt den Fall ich wäre in der Lage der Tyrannei dieser Programmierung zu entkommen, dann würde aber daraus folgen, dass es vernünftig wäre, das zu tun.  


Kann Gutsein objektiv existieren?

Die Moral hat eine solidere Grundlage, als sie allein das Wunschdenken liefern kann. Sie beruht für viele Menschen auf der impliziten Überzeugung, die Ideale der Wahrhaftigkeit, Schönheit und Güte seien etwas „Objektives“ und „Verpflichtendes“. Sogar Sartre kam angesichts hungernder Kinder in Algerien zur Ansicht, dass Moral doch in gewissem Sinn etwas Objektives sei. Wir können einfach nicht in voller Freiheit selber beschliessen, dass das, was immer wir gerade wollen, gut sei.

Ich bezweifle nicht, dass die Moral auch ohne Glauben auskommen kann. Aber wenn intelligente Menschen anfangen, die Grundlagen der Moral in Frage zu stellen (zu fragen, was Gutsein eigentlich ist) dann erhält das eine vitale Bedeutung.

Aber vielleicht stimmt es ja, was grosse Philosophen seit Platon vertreten hatten: dass die Realität ihrem tiefsten Wesen nach spiritueller und nicht materieller Natur sei. Vielleicht sind Wahrheit, Schönheit und Güte tatsächlich Wesenseigenschaften der Dinge und gründen auf einer spirituellen Wirklichkeit von höchster Wahrheit, Schönheit und Güte, aus der der ganze materielle Kosmos hervorging.


Der buchstäbliche und der tiefere Sinn

Biographisches: Einige religiöse Ansichten konnte ich nicht annehmen (Gott erlasse Gebote, denen man auch gegen das Gewissen gehorchen muss ...). Aber die Ansicht, es gebe ein höchstes Gutes und eine Kraft, die den Menschen zum Guten helfe, und dass das Gute am Ende über das Böse siegen werde, dass also die Bemühungen der Menschen nicht vergeblich seien, bot eine gute Grundlage für moralisches Handeln.

Man kann die Moral nicht einfach damit begründen, dass man sich auf die Bibel bezieht, ebenso geht das nicht, wenn man sich nur auf die Natur des Menschen und seine Wünsche bezieht. Jesus selber lehrte, dass Heilen, Vergeben und Versöhnen wichtiger sei, als das Einhalten von Geboten um ihrer selbst willen.

Zentral für die christliche Sicht der Moral ist der Gedanke, dass traditionelle Regeln in Frage gestellt und Gesetze von späteren Einsichten her aufgehoben werden können, und dass aus den Texten die grundsätzlicheren Prinzipien erschlossen und auf neue Weise umgesetzt werden können. Zuweilen kann sogar die beste Auslegung eines Gesetzes die sein, ihren buchstäblichen Sinn aufzugeben.


Religion und wahrer Humanismus

Das Anliegen, dass alle Wesen gedeihen sollten, wurde in das Moralprogramm der meisten Religionen aufgenommen, und es ist die Religion, die uns helfen kann, uns auf den Weg zu einer wirklich humanen Gemeinschaft zu machen. Denn zur humanistischen Dimension fügt die Religion eine eigene Begründung dafür hinzu, weshalb man sich für die Freiheit und Würde der Menschen einsetzen sollte. Sie schenkt den festen Glauben, dass moralisches Handeln nie nutzlos sei, und vertritt, es sei Tatsache, dass das Gute objektiv existiere. Für Glaubende ist die Moral ein Bestandteil einer von Liebe geprägten Beziehung zum Schöpfer und nicht nur eine Sache gesellschaftlichen Übereinkommens. Eine immer grössere Wertschätzung von Liebe, Schönheit und Wahrheit ist das Ziel Gottes, und es ist daher in der Struktur des menschlichen Lebens angelegt, so dass die Menschen nur dann ihr wahres Glück finden, wenn sie sich um das Gute bemühen. Diese Ideale finden am Ende ihre Erfüllung in der Schau Gottes. Es geht also nicht um den nüchternen Gehorsam, sondern um eine lebendige Beziehung zu Gott. Der Glaubende tut das Richtige, weil ihn die Vision Gottes ergriffen hat, ein Schimmer der Schau Gottes. Von da an ist das Leben eine Suche nach einer klareren, volleren Schau der Güte. Man gehorcht dann Gott, weil man ihn liebt. Die Gebote sind Anweisungen, die uns sagen, was wir tun müssen, um Gott immer intensiver erkennen und lieben zu können.

Zwischen einer Moral, die man als Notwendigkeit zur Erhaltung der sozialen Stabilität betrachtet und jener, die man als Weg zur Vereinigung mit Gott versteht, liegen Welten.

Einen Gott, der uns mit der Hölle Angst macht, damit wir seine willkürlichen Gebote befolgen, gibt es nicht. Das ist der Gott kranker Geister.

In einem atheistischen Credo erscheinen Werte als rein persönliche Vorlieben oder im Laufe der Evolution einprogrammierte Überlebenstechniken, die man eventuell zu eigenen Vorteil ausschalten kann.

Wenn z.B. Wahrheit nur eine persönliche Option ist, sollte ich doch eigentlich keine Reue empfinden, wenn ich gegen sie verstosse. Mein Argument, die Moral auf Religion zu gründen, ist, dass mir die Existenz eines höchsten Wesens, das definiert was Gutsein bedeutet, als stabilste rationale Begründung der Moral erscheint. Dennoch müssen auch Glaubende sich auf das Argumentieren darüber einlassen, was in einer sehr zwiespältigen Welt die Liebe erfordert.

Aus meiner Sicht ist der säkulare Humanismus auf schwankenden Grund gebaut, da es in ihm keinen objektiven moralischen Anspruch, kein objektives Heilmittel gegen die menschliche Schwäche, keine objektive Hoffnung darauf gibt, dass am Ende Tugend und Glück sich durchsetzen werden. Mir liegt ganz und gar nicht daran, die säkulare humanistische Moral abzutun, aber in meinen Augen fehlen ihr die Tiefe, Vision und Kraft einer Moral, die sich auf den Glauben an die objektive Existenz von Schönheit und Güte gründet sowie auf die Möglichkeit, dass das Leben der Menschen zur Erfüllung gebracht werden kann, indem sie Anteil am göttlichen Willen nehmen. Erasmus meinte schon, dass der Humanismus als Glaube an die Würde und den einmaligen Wert des Lebens nicht wirklich überleben kann, ohne mit irgendeiner Form des Glaubens an einen höchsten personalen Gott verbunden zu sein, der der Menschheit ihre Würde und Hoffnung schenkt.

8. Kapitel: Die Aufklärung, das liberale Denken und die Religion

War die Aufklärung das Zeitalter der Vernunft?

Manche behaupten, dass der Verfall der Religion seit dem 16. Jahrh. eine Befreiung von Angst und Aberglauben gebracht habe, und damit den Sieg der Vernunft, beruhend auf dem rationalen Ansatz der Naturwissenschaften.

Das ist aber eine merkwürdige Deutung der Geschichte Europas vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Diese Zeit war doch geprägt durch: aggressive Nationalismen (bis hin zu den zwei Weltkriegen), wiederholten revolutionären Konflikten (1789 der Fall der Bastille brachte auch die Guillotine; die Freiheit trug ein Gewehr und die Vernunft watete im Blut), der Versklavung der Menschen. Naturwissenschaft und Technik machten zwar grosse Fortschritte, aber oft ging es nur um effektivere Waffen oder darum, die Welt politisch und wirtschaftlich zu beherrschen.

Es geht nicht darum die Aufklärung schlecht zu machen. Sie brachte Glaubensfreiheit, Freiheit zum kritischen Forschen, das Wachsen naturwissenschaftlichen Verstehens etc. Aber ich möchte die Behauptung bezweifeln, dass man vom religiösen Aberglauben zum Vernunftdenken gekommen sei. Die Barbarei hat nicht abgenommen. Wo die Religion abgeschafft wurde, war das, was an ihre Stelle trat, in einem noch nie da gewesenen Mass grausam und inhuman. Wenn es Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei, zur Ausrufung der universellen Menschenrechte, zur Einschränkung des Waffenhandels, zur gesetzlichen Regelung der Arbeitsbedingungen gab ... dann spielten religiös inspirierte Menschen eine führende Rolle. Ich will aber nicht sagen: „Religion ist gut, Säkularismus ist schlecht“ – ich möchte nur deutlich machen, dass der Satz „Religion ist schlecht, Säkularismus ist gut“ ebenso absurd ist.


Religion und Vernunft

Zu den energischsten Verfechtern der Vernunft im philosophischen Denken gehörten Anselm und Thomas. Sie waren der Überzeugung, da Gott das Universum geschaffen hatte, müsse das Universum rational sein. Daher ist es kein Zufall, dass die moderne Naturwissenschaft in einer grundsätzlich christlichen Gesellschaft Wurzel fasste. Kopernikus, Kepler und Newton formulierten Naturgesetze aus dem Glauben heraus.

Eine wichtige Kraft in der Naturwissenschaft ist die Überzeugung, es gebe in der Natur verständliche, elegante und mathematisch schöne Gesetze - so muss es nicht unbedingt sein – es sei denn, es gibt einen höchst rationalen Schöpfer.

In der Aufklärung lehnte man aber oft die Reichweite der Vernunft ab: Man begrenzte sie auf die Rolle, die von den Sinnesorganen gelieferten Daten zu sortieren. Oder man degradierte sie  zur „Sklavin der Leidenschaften“ (Hume).


Positive und negative Freiheit

In seinem berühmten Essay „Two Concepts of Liberty“ formulierte Isaiah Berlin das Konzept der „positiven Freiheit“ (Freiheit zur Selbstentfaltung). Er stellte dem die „negative Freiheit“ (Freiheit von Einmischung) entgegen. Er äusserte die Vermutung, dass erst seit der Reformation das Recht, anderer Meinung zu sein, seine eigene Religion zu praktizieren, an Bedeutung gewann.

Eigentlich war die Gewissensfreiheit immer ein Grundprinzip des christlichen Denkens, das allerdings oft von den paternalistischen Vorstellungen getrübt wurde, man müsse die Wahrheit schützen oder schlechte Entscheidungen unterbinden. Das ist aber nicht nur ein religiöses Prinzip. Alle Gesellschaften unterwerfen die Menschen irgendwelcher Zensur.

Worum es mir hier geht, ist der Hinweis, dass die moderne Vorliebe für liberale demokratische Gesellschaften nicht in Opposition zur Religion entwickelt wurde – so als hätte man die Autorität eines blinden Glaubens gestürzt.

In Wirklichkeit hatte der Impetus in Richtung Liberalismus religiöse Wurzeln. Er brach schon in den frühesten Tagen des Christentums auf.

In den theistischen Religionen gibt es den subversiven Zug, dass sie den Monarchen einschärfen, sie müssten sich vor Gott verantworten – womit eine absolute Monarchie ausgeschlossen ist.

Nach Berlin könnte man die (positive) Freiheit so verstehen, dass es nur eine einzige Art gibt, wie alle Menschen leben sollten, also eine Hierarchie der Werte, an die sich alle halten müssten. Wenn das so wäre, könnte eine Gruppe behaupten, sie wüsste, wie die Ideale aussehen. So wird Freiheit rasch zur Tyrannei (vgl. Platon Der Staat).

Bis 1864 war das die Auffassung der kath. Kirche – sie verurteilte den Liberalismus zugunsten ihres paternalistischen Glaubens. Aber nicht nur die Kirche tat das. Auch Hobbes und Hegel waren dieser Meinung.

Es ist jedoch durchaus möglich, zu glauben, dass es eine moralisch richtige Lebensart gibt, ohne dass man diesen Glauben anderen auferlegt. Ja, es gibt gute Gründe für die Annahme, dass Zwang in der Religion nicht funktionieren kann, da er eher zur Heuchelei als zu echtem Glauben führt.


Die Begründung des Liberalismus in Religion und Politik

Das Falsche am Paternalismus ist, dass Väter intellektuell und moralisch unvollkommen sind. Und wer auf Herrschaft aus ist, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit dafür anfällig, von Ehrgeiz und Machtgier verzehrt zu werden. Daher müssen die meisten Menschen eher vor ihren Herrschern geschützt werden. Man entdeckte auch, dass es auf dem Gebiet der Moral, Politik und Religion nur wenig Gewissheiten gibt, sondern ein grosses Meinungsspektrum. Gottes Worte mögen in sich eine absolute Gewissheit bergen, aber Überzeugungen, dass Gott bestimmte Dinge eindeutig so und so gesagt hat, sollte man immer mit Misstrauen begegnen oder zumindest nicht mit fragloser Leichtgläubigkeit.

Die Gründe dafür, dass Glaubensüberzeugungen nicht einfach nur auf Autorität beruhen sollten, sind die Folgenden:

  1. Vertretbare Überzeugungen sind eine stärkere Grundlage als blosse Autorität.
  2. Autoritäten laufen leichter als gewöhnliche Menschen Gefahr, der Versuchung zu Macht und Eigenwilligkeit zu erliegen.
  3. Es gibt zu vielen wichtigen Themen ein breites Spektrum vernünftig vertretbarer Überzeugungen. Daher ist es zweifelhaft, wenn eine Instanz den ausschliesslichen Anspruch darauf erhebt, dass ihre Lehre die einzig wahre und sichere sei.

Das führte zu der gemässigten liberalen Behauptung, dass man anderen niemals gegen ihren Willen bestimmte Überzeugungen auferlegen darf. Es muss die Freiheiten geben, seine eigene Meinung zu haben, sie zu äussern und sich darüber mit anderen zusammenzuschliessen. Der Preis einer solchen Freiheit ist, dass Vorstellungen, die die meisten Menschen für nicht wünschenswert halten, ins Kraut schiessen können. Die einzig angemessene Antwort auf solche Ansichten besteht darin, Beweise vorzutragen und sich auf die offene Diskussion einzulassen. (Dawkins zog es stattdessen vor, sie lächerlich zu machen.)


Vernunft, Leidenschaft und die Aufklärung

Ich möchte nicht behaupten, dass es ausschliesslich religiöse Überzeugungen waren, die zu den Idealen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit führten. Aber ich bin der Überzeugung, dass die religiösen Grundansichten der Reformation positiv dazu beitrugen. Es war nicht so, dass der Liberalismus eine säkulare Bewegung gewesen war, die einer widerstrebenden Religion aufgezwungen wurde. Vielmehr war das eine im religiösen Denken wurzelnde Bewegung, deren Spuren sich bis aufs NT zurückführen lassen.

Es stimmt auch nicht, dass die Aufklärung in Europa eine antireligiöse Bewegung war, die anstelle der Autorität die Vernunft gesetzt hätte. Im Gegenteil: Die Religion ist die Instanz, die die Vernunft dagegen in Schutz nimmt, vom hemmungslosen Skeptizismus der radikalen Aufklärung zersetzt zu werden.

Während einige Denker der Aufklärung darauf aus waren, die Vernunft zur Sklavin ihrer Leidenschaften zu machen, sollte der religiöse Glaube danach trachten, die Leidenschaften nicht zur Sklavin, sondern zur Dienerin der Vernunft zu machen. Dabei geht es um die Sorge um das Wohlergehen aller Geschöpfe.

4. Teil: Ist Religion eher schädlich oder nützlich?

9. Kapitel: Richtet die Religion im persönlichen Leben mehr Schaden als Nutzen an?

Fragen aus psychologischer Sicht

Bislang bestand meine These darin, dass der Glaube an Gott oder ein objektives, den Menschen übersteigendes moralisches Ideal, dem sich die Menschen ungeteilt verschreiben können, vollkommen vernünftig sei. Es ist dabei nicht notwendig, dies von eindeutigen Beweisen herleiten oder als öffentlich nachprüfbar vorstellen zu können. Die Vorstellung, der vernünftige Glaube an Gott hänge von solchen Beweisen ab, beruht darauf, dass man in falschen Kategorien denkt und unter Vernunft etwas Falsches versteht. Der Glaube an Gott ist wie der Glaube an letzte moralische Werte, an die Einheitlichkeit der Natur oder an die Würde der menschlichen Natur eine Grundüberzeugung, ein Postulat der Vernunft, das seine Verifizierung von daher bezieht, dass es eine brauchbare, fruchtbare, innerlich stimmige und umfassende intellektuelle Erklärung aller unterschiedlicher Erfahrungen und Wechselfälle des menschlichen Lebens bietet.

Aber ist der religiöse Glaube im persönlichen Leben schädlich?


Glaube und Glück

Es gibt genügend relevante soziologische Untersuchungen, die Daten über die wahrgenommene Beziehung zwischen religiösem Engagement und persönlichem Glück liefern. Eine bekannte Gallupumfrage zeigt, dass spirituell engagierte Menschen in den USA mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit aussagen, sie seien glücklich. Andere Daten zeigen, dass hohe Religiosität (wenigstens zweimal wöchentlicher Kirchenbesuch) ein deutlich geringeres Risiko für Depressionen, Drogenmissbrauch, Selbstmord mit sich bringt. Ein Standardwerk, das 2000 veröffentlichte Experimente ausgewertet hat, fand, dass religiöse Menschen durchschnittlich länger leben und körperlich gesünder sind als die Nichtreligiösen. Bei jüngeren religiösen Menschen findet man weniger Alkoholmissbrauch und Straftaten. Ganz allgemein gesagt: Religion ist gut für ihre Gesundheit.

Ähnliche Ergebnisse fand man nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern – erstaunlicherweise auch in China.

Es ist aber auch offensichtlich, dass Religiosität nicht immer Glück hervorbringt. Aber wenn man alle Umfrageergebnisse in Betracht zieht, wird klar, dass Religion nicht auf Angst und Schrecken gründet. Im Gegenteil: Das Verhältnis der meisten Menschen zu ihrem Gott ist positiv und steigert ihr Glück und ihr Gefühl der Sicherheit. Diese Resultate genügen zur Widerlegung jeglicher Behauptung, dass sich Religion meistens von den Ängsten und Schuldgefühlen der Menschen nähre.

Deutung der Resultate: Zugehörigkeit, Hoffnung; Selbstwertsteigerung; etwas Wertvolles besitzen, für das es sich lohnt sein Leben einzusetzen; Verstärkung vieler positiv sozialer Tugenden wie Vergebungsbereitschaft, Demut und Dankbarkeit.

Damit ist aber nicht erwiesen, dass religiöse Überzeugungen wahr sind. Es zeigt aber, dass Religion im Allgemeinen für das Glück förderlich ist. Sie ist alles andere als eine Krankheit oder ein Faktor, der lebensuntauglich macht.


Glaube und Altruismus

Auch für diese Frage gibt es viel veröffentlichtes Material. Man kann sagen, dass sich der religiöse Glaube im Allgemeinen positiv verstärkend auf das moralische Engagement auswirkt. Bei den Spenden für wohltätige Zwecke fand man heraus, dass 24% einer Bevölkerungsgruppe 48% der Spenden aufbrachten.

Marxistische Unterstellungen, die Religion sei einfach nur eine Kraft zum Erhalt sozialer Ungleichheiten und diene dazu, die Armen mit dem Gedanken glücklich zu halten, es erwarte sie nach dem Tod eine Belohnung, werden von diesen Daten nicht bestätigt (vgl. Polen).

Was kontroverse Themen (Homosexualität, Gentechnik) angeht, scheint es so zu sein, dass der religiöse Glaube eher allgemeinere soziale Trends widerspiegelt. Die Vorstellung ist also falsch, dass säkular Eingestellte die Homosexualität zuliessen und religiös Glaubende nicht.

Ich will hier aber nicht sagen, Gläubige seine moralisch besser. Was ich sage und was die Daten belegen, ist, dass insgesamt gesehen der religiöse Glaube ein starker Antrieb für moralisches und altruistisches Verhalten ist. Daten zeigen aber auch, dass der religiöse Glaube mit einem stärkeren Mass an Intoleranz oder Vorurteilen verbunden ist. Das ist eine unbequeme Wahrheit, mit der die Religion klar kommen und der sie entgegenwirken muss.

Nimmt man aber alle verfügbaren Daten, dann kann man nicht mehr sagen, dass Religion eine Kraft zum Bösen sei. Ihre Rückschläge und Mängel haben ungefähr jenen Umfang, von dem die Evolutionspsychologie sagen würde, er sei bei einer gesellschaftlichen Institution zu erwarten, die für die meisten Gesellschaften langfristig von Vorteil gewesen sei. Die Religion muss noch in vielerlei Hinsicht reformiert werden. Aber sie ist alles andere als sozial schädlich, sondern hat eine wünschenswerte Rolle in der menschlichen Gesellschaft.


Glaube und Geisteskrankheit

Ist Religiosität so etwas wie eine Zwangsneurose (Freud)? Es gibt keinen Beweis, dass Religion eine Art von psychischer Erkrankung oder eine signifikante Ursache psychischer Erkrankungen sei, oder dass religiöse Gläubige eine höhere Anfälligkeit diesbezüglich hätten. Im Gegenteil: Es wird in zunehmendem masse anerkannt, dass Religion einen positiven Beitrag zum persönlichen Wohlbefinden leisten könnte.

Für Glaubende ergeben sich aus den Studien zwei sehr wichtige Punkte: Der eine ist, dass man psychische Erkrankungen nie mit spirituellem Scheitern oder Mangel an Glauben verwechseln darf. Der andere ist, dass abgesehen von der Krankheit eine positive Beziehung zu Gott für das Wohlbefinden und Glück des Menschen eher förderlich ist. Die Religion existiert nicht um Menschen gesund zu machen. Sie ist dazu da, um das Leben der Menschen vom Bösen zu befreien und sie in Beziehung zu einer Wirklichkeit zu bringen, die von höchster Weisheit ist, voller Mitgefühl und die Quelle des Glücks. Man sollte sie im Falle einer Erkrankung nicht als magischen Ersatz für medizinische Betreuung ansehen.


Glaube und Wahnvorstellungen

Die Behauptung, der religiöse Glaube als solcher sei eine Wahnvorstellung, ist nicht plausibel. Im Oxford Companion to Mind wird die Wahnvorstellung definiert als eine „fixe, eigenwillige, in der Kultur des Betreffenden unübliche Überzeugung.“ Es handelt sich dabei eindeutig um eine falsche Meinung, insbesondere als Symptom einer psychischen Krankheit. Eine Wahnvorstellung ist eine so offensichtlich falsche Überzeugung, dass sie alle vernünftigen Menschen für falsch halten. Der Glaube an Gott unterscheidet sich davon stark. Die meisten Philosophen haben an Gott geglaubt und bei ihnen handelte es sich um einigermassen vernünftige Menschen.

Wie lässt sich psychisches Kranksein definieren? Ein psychisch kranker Mensch ist unfähig, effizient seine alltäglichen Pflichten zu erfüllen. Er kann keine normalen sozialen Beziehungen pflegen oder auf normale Weise mit anderen Menschen in Beziehung treten.

Normal zu handeln heisst, in der Lage zu sein, allgemein akzeptable Gründe für seine Handlungen angeben zu können, die für die betreffende Aktion relevant sind. So ist z.B. das Essen, weil man hungrig ist, vernünftig. Aber wenn man zwanghaft isst, weit über die Notwendigkeit des Überlebens hinaus, kann das pathologischer Natur sein. So sind die allgemeinen Kriterien für eine psychische Erkrankung die Unfähigkeit, normal zu funktionieren, und die Unfähigkeit, Gründe für seine Handlungen anzugeben, die den meisten Menschen plausibel erscheinen.

Alles, was man zur Widerlegung der Behauptung braucht, der Glaube sei eine Wahnvorstellung, ist ein einziges klares Beispiel eines Menschen, der einen hohen Grad an rationaler Denkfähigkeit an den Tag legt, alle Alltagsangelegenheiten des Lebens hervorragend bewältigt, dessen Glauben ihn offensichtlich befähigt, gut und glücklich zu leben, und der seine Glaubensüberzeugungen vernünftig und logisch zusammenhängend erklären kann. Es gibt Tausende von Glaubenden dieser Art, darunter einige der fähigsten Philosophen und Naturwissenschaftler der heutigen Welt.

Es ist ein Merkmal des Vernunftdenkens, dass man akzeptiert, dass viele unserer wichtigsten Überzeugungen anfechtbar sind (in Politik, Religion, Ethik). Es ist ein Zeichen der Irrationalität, wenn jemand eine solche Vielfalt der Meinungen zu akzeptieren sich weigert und darauf besteht, dass seine eigene Meinung offensichtlich für alle wahr sei – trotz des offensichtlichen Beweises, dass das Gegenteil der Fall ist.


Glaube - eine Fehlfunktion des Gehirns?

Zuweilen wird behauptet, Religion, sei nur ein Nebenprodukt der Gehirntätigkeit. Diese produziere Illusionen, die in der menschlichen Vorgeschichte nützliche Überlebensmechanismen gewesen seien, heute aber eher kontraproduktiv wirken.

Manche Naturwissenschaftler stellen angesichts der neuen Entdeckungen gewagte Hypothesen auf. F. Crick (in The Astonishing Hypothesis 1994) behauptet, dass „Sie selber, ihre Erinnerungen, Gefühle einer persönlichen Identität und des freien Willens in Wirklichkeit nicht mehr sind als das Verhalten einer ungeheuer grossen Ansammlung von Nervenzellen und den mit ihnen verbundenen Molekülen.“ Er gibt zwar zu, dass diese Hypothese über alle Beweise hinausgehe, dass aber ihre Annahme für das Verständnis des Menschen grossen Gewinn bringe. Das gleicht stark einer religiösen Hypothese. Nun ist aber Cricks Hypothese genauso von der Gehirntätigkeit verursacht wie der Glaube an Gott. Nimmt man beides als reine Gehirntätigkeit, dann besteht kein Grund, zwischen einem von beiden zu wählen. Wie können wir wissen, welche Behauptung wahr ist? Natürlich nur dadurch, dass wir vernünftig nachdenken, und nicht dadurch, dass wir das Gehirn weiter erforschen.

Was zeigt also die Hirnforschung? Sie zeigt die physische Grundlage der Überzeugungen, Gefühle, Erfahrungen und Gedanken, die wir haben, und zeigt, dass sich manches ändert, wenn man die physische Struktur verändert. Was sie nicht zeigt, ist, welche Überzeugungen oder Gefühle wir ändern sollten oder ob wir sie ändern sollten.

Was die Neurowissenschaften nicht können, ist, zu beweisen, dass ein religiöser Glaube und ein entsprechendes Verhalten nichts mehr seien als ein Nebenprodukt der Gehirntätigkeit. Könnten die nahezu universalen Tendenzen, an eine übernatürliche Wirklichkeit zu glauben, nicht genau deshalb überlebt haben, weil sie die Wirklichkeit reflektieren?

Es ist eine ganz und gar plausible Hypothese, dass die Menschen aus dem Grund Aussagen über die Existenz eines Gottes für wahr halten, weil diese die Grundlage für die kohärenteste, fruchtbarste und angemessenste ganzheitliche Interpretation der Daten der menschlichen Erfahrung liefern.

Auch wenn religiöse Überzeugungen, wie alle anderen Überzeugungen auch, von bestimmten Prozessen im Gehirn verursacht werden, können sie, wie viele andere Überzeugungen, ebenso wahr sein.

10. Kapitel: Was hat die Religion Gutes bewirkt?

Zur Verdammung der Religion

Es wurde behauptet, die Religion sei eine der destruktivsten Kräfte. Auch für die Politik könnte man das gleiche sagen. In Russland und Kambodscha wurden Millionen von Menschen im Namen politischer Ideologien umgebracht. Ginge es uns nicht auch in einer Welt ohne Politik besser? Sogar die Wissenschaft, die man für die neutrale Suche nach Wahrheit hält, produziert entsetzliche Massenvernichtungswaffen. Ginge es uns nicht auch in einer Welt ohne Wissenschaft besser?


Weltreligionen

Was die Menschen brauchen, ist nicht das Ende der Religion, sondern eine ausgereifte Vorstellung davon, was gut ist, und eine vertiefte Wahrnehmung des Spirituellen als des Bereichs des höchsten Guten. Im Verlaufe ihrer Entwicklung bildeten die Religionen eine solche Vorstellung eines einzigen Wesens oder Zustands höchster Güte heraus und erklärten, in der bewussten Beziehung zu diesem höchsten Guten liege die wahre Erfüllung des Menschen. In den Überlieferungen der wichtigsten Weltreligionen nahm diese Vorstellung unterschiedliche Formen an.

Es folgt eine Einführung in die Gedanken des Judentums, Christentums, Islams, Hinduismus und Buddhismus (nicht zusammengefasst).


Unterschiede in der Religion

Bei den verschiedenen religiösen Wegen geht es immer um die Überwindung von Egoismus, selbstsüchtigem Begehren, Hass, Habgier ... und sie führen den Menschen in einen Zustand des Glücks, der Weisheit und des Mitgefühls. Es bedarf schon einer ganz eigenen Verwirrung, wenn man solche Traditionen als schädlich bezeichnet.

Allerdings könnte der Eindruck entstehen, dass sich die Unterschiede zwischen den Religionen schädlich auswirken, weil sie zu Konflikten führen. Aber viele Konflikte zwischen Religionen haben ihre Ursachen nicht in religiösen Überzeugungen, sondern in den persönlichen Unzulänglichkeiten der Glaubenden, die damit ihre religiösen Überzeugungen anstecken. Auf jeden Fall ist die Religion nicht die einzige und auch nicht die Hauptursache von Konflikten. Verschiedene religiöse Ansichten führen erst dann zu Konflikten, wenn auch noch wirtschaftliche oder soziale Faktoren ins Spiel kommen.

Auch können Konflikte entstehen, weil man unterschiedliche Moralvorstellungen hat. Dennoch würde niemand sagen, Moral an sich sei gefährlich. Wichtig ist, die rechten moralischen Ansichten zu haben. Doch eine neutrale Beurteilungsmöglichkeit hiervon gibt es nicht.

Manche Ablehnung der Religion ist in Wirklichkeit eine Ablehnung der moralischen Ansichten, die eine bestimmte religiöse Institution vertritt. Aber die Religion als solche, ist nicht mit den moralischen Ansichten gleichzusetzen. Zutreffend wäre es zu sagen, dass manche religiöse Menschen Ansichten haben, denen man widerspricht. Ob diese Ansichten schädlich sind, ist eine Frage der moralischen Überzeugung, nicht eine klare Tatsache.

Es ist ein grosses positives Gut der Religion, dass sie Fragen über die Bedeutung des menschlichen Lebens und die richtige Lebensart wach hält, auch die Frage, ob es ein höchstes Ziel gibt und wie man das erreicht, ebenso ob es trotz Zwiespältigkeiten des Lebens, einen Standard für Wahrheit, Schönheit und Gutsein gibt. „Ein Leben, das man nicht überprüft, ist nicht lebenswert.“ (Platon) Religiöse Überzeugungen sind Antwortvorschläge. In diesem Sinne ist Religion ganz bestimmt etwas, das das menschliche Leben lebenswert macht.


Was Religion heute tun muss

Sie muss offen und ansprechbar sein für alles, was zur echten Ehrfurcht für das höchste Gut und zur wahren Erfüllung der Menschen beiträgt. Sie muss voll und ganz die moralischen und naturwissenschaftlichen Fortschritte in Betracht ziehen. Wenn sie dies tut, wird sie selbstkritisch, die Unsicherheit aller menschlichen Erkenntnis anerkennen und akzeptieren, dass Kritik der sicherste Weg zur Wahrheit ist. Das heisst aber nicht, dass sie ihre eigenen zentralen Lehren aufgeben muss. Aber selbst ein grosses Engagement lässt sich mit Demut verbinden, also mit dem Eingeständnis, dass es viele Dinge gibt, die man nicht weiss oder nur unvollständig begreift. Selbstkritik bedeutet die Offenheit für die Möglichkeit, von anderen lernen zu können, aber nicht eine praktische Unsicherheit bezüglich dessen, worauf man sich intensiv eingelassen hat.

Die Religion muss sich auch stark auf das konzentrieren, was man als die Erfahrungsdimension bezeichnen könnte. Sie sollte das Wesen des Glaubens nicht nur im Annehmen intellektueller Dogmen sehen, sondern auch in den moralisch verwandelnden Erfahrungen der spirituellen Wirklichkeit. Jedoch ist es zugleich notwendig, dass der religiöse Glaube sicher in eine kohärente und zureichende Weltsicht eingebettet ist, so dass befreiende Erfahrungen und kritische Rezeption der besten wissenschaftlichen Errungenschaften Hand in Hand gehen können.

Zwar geht es in der Religion nicht primär um moralisches Handeln, aber jede echte Wahrnehmung Gottes sollte zum engagierten Einsatz für das Gute führen. Religion sollte die Entfaltung des Lebens ermöglichen. Zur echten Ehrfurcht gegenüber allen Personen gehört, ihnen das Recht zuzugestehen, sich bezüglich letzter Fragen selber bewusst und frei zu entscheiden, zumindest soweit solche Entscheidungen nicht offensichtlichen Schaden anrichten. So muss jede Religion sich heute so verstehen, dass sie einer von vielen Wegen ist. Das bedeutet aber nicht, dass man Zweifel am eigenen Weg haben sollte, und auch nicht, dass man sagen müsste, alle Wege seine gleich gut. Das wäre rundweg falsch. Aber es bedeutet, die Tatsache zu akzeptieren, dass die Menschen über die letzten Fragen sehr unterschiedliche Ansichten haben können, und dass es auf religiösem Gebiet keinen Zwang geben darf.

Diejenigen, die diese Schritte nicht gemacht haben, halten an der Ansicht fest, dass einzig ihre Religion eine Gesamtheit von absolut sicheren, unhinterfragbaren, endgültigen und unveränderlichen Wahrheiten zu bieten habe, während die Religion aller anderen falsch sei. Ihnen fehlt es an Demut, am Bewusstsein, dass auch das eigene Verständnis immer begrenzt bleibt. Ihre Unfähigkeit, das Gute auch in den religiösen Überzeugungen anderer zu sehen und zu suchen, ist schädlich.

In der Religion gibt es noch eine weitere Dimension: Es geht darum, über sein egoistisches Selbst hinauszuwachsen, und zwar dank einer bewussten, das eigene Leben verwandelnden Beziehung zu einer spirituellen Wirklichkeit von höchster Weisheit, Kreativität, Barmherzigkeit und Seligkeit. Doch diese Wirklichkeit kann missverstanden, die richtige Form der Beziehung zu ihr kann verzerrt werden. So kann Religion zur destruktiven Kraft pervertieren. Aber trotz anderer Erfahrungen, kann die Religion im Leben der Menschen eine der positivsten Kräfte zum Guten sein. In einer Welt, in der Hoffnungslosigkeit, Wut und der Verlust des Sinns für die Bedeutung des menschlichen Lebens vorherrschen, sind ein Gespür für objektive Gute und Menschenwürde und eine kosmische Hoffnung für das Überleben und Wohlbefinden der Menschen ganz wesentlich. Über das Potenzial, dies zu vermitteln, verfügen die grossen religiösen Traditionen der Welt.