Dasein vor Gott – das genügt

Dasein vor Gott – das genügt

von Ruth Maria Michel | 07.02.2003

Müder Geist, nun kehr zur Ruh und vergiss der Bilder alle.
Schliess die Augen sachte zu, was nicht Gott ist, dir entfalle.
Schweig dem Herrn und halt ihm still, dass er wirke, was er will.

Diese Worte von Gerhard Tersteegen drücken aus, worum es in der christlichen Kontemplation geht. Mein persönlicher Weg und die folgenden Gedanken wurden massgebend geprägt von Walter Gasser und dem verstorbenen Priester Henri Nouwen.

Wie jede echte Beziehung sich im Laufe der Zeit wandelt, so auch die Art meiner persönlichen Vertrautheit mit dem lebendigen Gott, meinem Schöpfer, Erlöser und Erhalter. Ich erlebe das so:

  1. Gesprochene Worte: Bitten, danken, loben, klagen
  2. Betrachtende Ebene (Meditation): Worte werden weniger
  3. Einfaches Gebet: Reflexion tritt immer stärker zurück, Loslassen von Worten, Gedanken, Emotionen, „einfaches Schauen“


Wenn ich im „einfachen Schauen“ verharre, dann „mache“ ich nichts. Ich verweile in der Gegenwart des lebendigen Gottes, und seine Kraft verwandelt mein Schauen in einen immer tieferen Blick, bis das Eins-Werden mit Gott geschenkt wird, das in Johannes 17,11-24 beschrieben ist. Es ist ein Weg, der Treue, Ausharren und Zeit erfordert.

„Was wir im Auge haben, das prägt uns, da hinein werden wir verwandelt, und wir kommen, wohin wir schauen.“

Heinrich Spaemann

Wenn der Erlöser mir begegnet, verwandelt und erlöst er mich. Wenn er mir ganz nahe ist (egal ob ich es mit dem Gefühl spüre oder nicht), wenn ich für ihn durchlässig werde, dann leuchtet auf einmal mein eigentliches Wesen auf: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn“.

Indem ich auf das „Bild Christi“ schaue, schaut Gott selbst mich an. Sein liebender Blick

  • durchdringt mich
  • führt mich in die Wahrheit,
  • weckt in mir Liebe und
  • Sehnsucht und
  • verwandelt mich so in das Bild seines Sohnes.

Wie integriere ich das praktisch in meinen Lebensalltag?

  1. Ich entscheide mich, mir regelmässig 20 bis 30 Minuten Zeit zu nehmen oder einmal in der Woche 30 bis 50 Minuten.
  2. Ich begebe mich an einen Ort, an dem ich ungestört bin (Mitbewohner informieren, Telefon ausschalten, evtl. Wecker stellen, damit ich nicht die ganze Zeit auf die Uhr schauen muss).
  3. Ich nehme eine mir angenehme Haltung ein (aufrecht sitzen, knien mit Gebetsschemel) und lege Papier und Stift vor mich hin, damit ich Abschweifungen notieren („das darf ich auf keinen Fall vergessen“) und dann getrost los-lassen kann.
  4. Ich beginne bewusst, indem ich z.B. eine Kerze anzünde, die mich daran erinnert, dass Jesus Christus das Licht der Welt und auch mein persönliches Licht ist; ein Kreuzzeichen mache, das mich daran erinnert, dass ich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft bin, dass ich im neuen, ewigen Bund lebe, den Jesus Christus mit mir geschlossen hat; ein Anfangsgebet spreche, über längere Zeit gleichbleibend.
  5. Ich habe nun eine Zeit, in der ich absichtslos bei Gott verweilen will und Zeiten glaubend aus- halten lerne, in denen sich scheinbar nichts tut – bis der Wecker klingelt: Mich los-lassen, mich IHM über-lassen und IHN wirken lassen.
  6. Ich schliesse die Zeit mit einem persönlichen Gebet, dem Vater Unser, einem Kreuzzeichen o.ä.
  7. Manchmal schreibe ich mir in meinem geistlichen Tagebuch etwas aus dieser Zeit auf.

 

Zuerst erschienen in BST 2/2003