Sage mir, was dich trägt: Gedanken zur Kontemplation

"Sage mir, was dich trägt": Gedanken zur Kontemplation

von Hansruedi Koller | 20.06.2003

Zeige mir den Grund deines Vertrauens, die Quelle deiner Kraft.
Berichte mir von deinem Weg in die Tiefe, damit ich meinen Weg zu gehen wage, den Grund finde und die Quelle und Vertrauen schöpfe bei dem, dem du vertraust.
Rede mit mir von Gott, damit er lebendig wird in uns und zwischen uns.

Dieses Gedicht, dessen Verfasser mir nicht bekannt ist, machte mir Mut, einen Beitrag über Kontemplation zu schreiben. Viel lieber würde ich mit einigen der Lesenden zusammen sitzen und mich mit ihnen im Schweigen und Ruhen in Gott üben.

Üben? Was gibt's denn da zu üben? Wird uns die Gnade Gottes nicht geschenkt? Ja, wir werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade (Römer 3,24). Aber ebenso sagt Paulus: „Die Gnade Gottes war nicht vergeblich an mir“ (1. Korinther 15,10). An vielen Stellen redet er von kämpfen, ringen, bemühen, nachjagen bis hin zu drastischen Stellen: „Ich zerschlage meinen Leib und führe ihn in Knechtschaft, um nicht selbst verwerflich zu werden“ (1. Korinther 9,27). Der Zusammenhang von Gnade und Üben wird etwas erhellt durch das Beispiel eines begnadeten Musikers: Je grösser seine Gabe, desto fleissiger übt er – ja, seine Begabung besteht zum Teil gerade darin, dass er treu übt. Es gilt die Spannung auszuhalten zwischen Gnade als Geschenk und Gnade als persönlichem Einsatz. Jede Einseitigkeit rächt sich; entweder verfallen wir der (nach Bonhoeffer) „billigen Gnade“, oder wir ersticken in Werkgerechtigkeit.

Nun möchte ich berichten, was ich übe und was mir dabei hilft. Zuerst zum Wort Kontemplation: „Con“ heisst: „zusammen mit“; „templum“ ist der „heilige Bezirk“. Man kann also übersetzen: Mit Gott zusammen im Tempel sein, im stillen Kämmerlein, letztlich in meinem Innersten, in meinem Herzen. Kontemplation ist also kein Weg zu Gott, sondern immer ein Weg mit Gott. Und genau das verheisst uns Jesus: „Mein Vater und ich werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Johannes 14,24). Diese wunderbare Zusage ist aber gebunden an ein in der Liebe tätiges Leben. Damit wird deutlich: Kontemplation und Alltag bilden eine Einheit, oder noch schärfer: Kontemplation wirkt und vollendet sich im Alltag.

Für die tägliche Übung haben sich meine Frau und ich am Morgen eine Stunde reserviert, immer zur gleichen Zeit, vor dem Frühstück. In einem Zimmer ist dafür eine Ecke reserviert; eine Kerze und eine lkone bestimmen den Platz, der immer aufgeräumt ist. Damit habe ich schon drei we-sentliche Hilfen ausgesprochen:

  1. Wir ziehen zu zweit am gleichen Strick. Wir sind aber frei. Wenn einer lieber ausschläft, hält der andere die Stille allein.
  2. Immer zur gleichen Zeit. Es ist die Zeit, in der die Gemeinschaft eines Hauses für Kontemplation sich ebenfalls sammelt. Wir fühlen uns innerlich verbunden mit ihnen.
  3. Der reservierte Raum, die „heilige Ecke“, wie wir sie nennen. Dieser äussere Rahmen lädt zur Sammlung ein.


Wir knien zweimal 25 Minuten auf dem Meditationsbänklein, dazwischen gehen wir fünf Minuten lang ruhig in der ganzen Wohnung umher. Die Fenster werden geöffnet, und die manchmal schmerzenden Knie erholen sich. Wenn ich mich setze, gehe ich zuerst den ganzen Leib durch, Glied für Glied bewusst entspannend. Dann staune ich über das Wunder des Atems, der mich trägt, tags und nachts, ohne dass ich das Geringste dazu beitrage. Mir hilft auch der Gedanke: Gegründet wie ein Fels und gegründet auf dem Fels, der Christus ist; aufgerichtet wie eine Mohnblume, die ihre Blüte der Sonne öffnet, und verbunden durch den Atem mit Gott, der ihn mir einhauchte und mich verbindet mit allem.

Diese Einstimmung dauert etwa fünf Minuten. Dann übe ich mich darin, mit den Gedanken nicht abzuschweifen, weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft. Wer immer das schon probiert hat, weiss, wie schwer das ist. Einer prägte mal das Bild: Die Gedanken sind wie vorbeirasende Pferde, ich nehme sie wahr, aber ich springe auf keines auf. Ich sitze nämlich schon auf einem Pferd.

Und das ist für mich die entscheidende vierte Hilfe: Ich wiederhole ein Wort und verbinde es mit dem Atem. Das Wort ist eine Melodie von drei Tönen, auf- und absteigend, und passt bestens zum Atemrhythmus. Langsam wird die Gedankenflut ruhiger, und manchmal erfahre ich tiefen Frieden und Freude. Das ist aber nicht was ich suche, ich würde ja wieder mich selbst suchen. Ich suche Gott, absichtslos und unabhängig von dem, was passiert. Das ist die grosse Befreiung. In der zweiten halben Stunde hören wir auf einen Vers oder eine Geschichte der Bibel und lassen uns davon ansprechen. Darüber tauschen wir manchmal aus.

 

Zuerst erschienen in BST 5/2003