Anbetung – mehr als «worshippen»

von Christoph Egeler | 20.09.2011

Unter Anbetung verstehen viele das Singen von Liedern im Gottesdienst. Doch dies ist nur ein möglicher Ausdruck von Anbetung, nicht aber ihr Wesen. Was also ist Anbetung, und warum sollen wir Menschen Gott überhaupt anbeten?

Alle beten an – fragt sich nur, was oder wen

Anbeten heisst, einer Sache oder Person höchsten Wert zuzuschreiben. Dies steckt im englischen «worship» (von worth-ship). Nach dieser Definition ist jeder Mensch ein anbetender Mensch, denn jeder Mensch schreibt bewusst oder unbewusst bestimmten Dingen in seinem Leben höchsten Wert zu. Vieles kann diesen Stellenwert einnehmen: Ein Mensch, bestimmte Dinge, Geld, Macht, Prestige, Schönheit, Gesundheit, Sex, eine Ideologie oder auch die eigene Selbstverwirklichung. Was immer es ist: Wir richten unser Leben danach aus, weil wir davon Glück, Erfüllung und gelingendes Leben erwarten. Es kontrolliert uns, gewinnt Macht über uns; wir werden abhängig. Wenn ein Mensch etwas anbetet, das der Anbetung nicht würdig ist, wird er unfrei oder geht gar zugrunde. Die Bibel ist denn auch voller Ermahnungen, nur Gott alleine anzubeten und sonst nichts und niemanden (zum Beispiel 2. Könige 17,35-36).
Wenn wir erkennen, dass nur Gott dieser höchste Wert zukommt, werden wir ihn, und nur ihn, anbeten, und nur er wird wirklich Macht über uns besitzen. Die Abhängigkeit von Gott ist die einzige gesunde Abhängigkeit, weil sie uns frei macht von allen unwürdigen «Götzen», welche unser Leben kontrollieren wollen. Es geht bei der Anbetung also nicht um eine Tätigkeit wie z.B. das Singen, sondern um eine Haltung. Anbetungslieder können uns helfen, diese Haltung einzunehmen und einzuüben. Anbetung misst sich aber nicht an Emotionen, sondern an den Auswirkungen auf unser Leben.

Gott braucht keine Anbetung, deshalb sollen wir ihn anbeten

In Amos 5,21-24 lesen wir:
„So spricht der Herr: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.»
Will Gott also keine Loblieder, keinen «Worship»? Amos spricht diese Worte in eine Situation hinein, wo im Tempel geopfert, religiöse Feste gefeiert und Gott mit Lobliedern gepriesen wurde, während Arme ums Überleben kämpften und Ungerechtigkeit, Betrug und Korruption herrschten. Gott zu loben mit Liedern ist etwas Gutes, viele Psalmen rufen dazu auf. Aber Anbetung ist mehr als das, sie muss das ganze Leben umfassen, sich in einem gerechten und Gott gefälligen Lebensstil äussern. Gott will nicht nur ein bisschen «Worship», er will uns ganz. Er braucht offenbar keine Anbetung, Lob, Feste ihm zur Ehre oder Opfer. In unserem Amos-Text spricht er sich ja sogar dagegen aus. Jeder Mensch und jeder von Menschen erfundene Götze aber würde sich an solchem Lobpreis, Ehrbekundungen und Opfergaben ergötzen. Ja, erst dadurch würde er überhaupt zum Gott, Halbgott oder Götzen. Gott aber braucht keine solche Bestätigung. Gott ist Gott, ob man ihn anbetet oder nicht. Und genau deshalb ist er das einzige Wesen, welches würdig ist, angebetet zu werden.
Amos 5,21-24 lehrt uns noch mehr über Anbetung: In Vers 24 heisst es:
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.»
Wir sind also gefordert, uns für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen. Das Bild des Stromes oder Baches macht aber deutlich: Dieser Einsatz braucht eine Quelle, sonst kann nichts fliessen oder strömen. Unsere Nächstenliebe und unser Einsatz für Recht und Gerechtigkeit soll nicht und muss nicht aus eigener Kraft fliessen, sondern aus Gottes Quelle. Echte Anbetung gibt eine Ausrichtung fürs Leben und führt in die Nachfolge, in die Nächstenliebe, in die Diakonie. Anbetung und Diakonie brauchen einander: Anbetung ohne Diakonie wäre ein frommes Kreisen um sich selbst und «Geplärr» in Gottes Ohren (Amos 5,23). Diakonie ohne Anbetung wäre entweder verbissene Selbstaufopferung oder gottvergessene Selbstverwirklichung.

Anbetung dennoch

Es gibt Zeiten, in denen wir Gott von Herzen loben und preisen können für das viele Gute, das er uns schenkt. Zeiten, in denen wir Gottes Wirken und seine Gegenwart spüren und erleben. Aber es gibt auch andere Zeiten: Uns widerfährt Unheil, und wir verstehen nicht, warum Gott das zulässt. Oder Gott scheint fremd, schweigend, abwesend. Gerade in solchen Zeiten wäre Anbetung heilsam – weil wir wissen, dass Gott uns trägt. Thea Eichholz-Müller schrieb kurz nach dem Tod ihres Mannes das eindrückliche Lied «Dennoch». Im Refrain singt sie:
„Mein Herz, es kommt noch nicht hinterher,
deine Wege, sie sind zu schwer für mich –
ich versteh dich nicht. Dennoch bleib ich stets an dir,
ich häng an dir,
ich bleib dir treu, so wie du mir.
Mein Leben lege ich in deine Hand. Ja, ich bleibe stets an dir.
Wie gross die Not
auch in mir sei, du bist mein Gott.
Mein Fels, bei dem ich Ruh und Frieden fand,
ich bleib bei dir – ich häng an dir.“
Dieses Lied bezieht sich auf Psalm 73, dessen Schreiber Gott nicht (mehr) versteht und damit hadert, dass es ihm schlecht geht, während es den Gottlosen gut geht. In dem Moment, in dem er in die Nähe Gottes kommt («das Heiligtum betritt»; V. 17), geschieht etwas mit ihm – obwohl sich an seiner Lebensnot und seinem Nicht-Verstehen nichts ändert:
«Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil» (V. 23-26).

Anbetung statt Egotrip

Wenn wir Gott nur anbeten, solange es uns gut geht, oder so lange der Glaube uns «etwas bringt», ist das, wie wenn wir jemanden nicht aus Liebe, sondern nur seines Geldes wegen heiraten würden. Wir sollen Gott danken und loben für alles Gute, das er uns schenkt; aber unsere Anbetung sollte nicht davon abhängig sein. Danken und Loben ist wichtig, aber nicht dasselbe wie Anbetung. Meistens wenn in der Bibel Engel vorkommen, singen sie: «heilig, heilig, heilig!» Sie besingen nicht Gottes Hilfe, Macht, Grosszügigkeit oder Gnade – sondern seine Heiligkeit! Gottes Heiligkeit bringt uns nicht viel (im Gegenteil: sie ist eher bedrohlich) und ist kaum unsere Lieblingseigenschaft Gottes (der «liebe Gott» ist populärer als der heilige Gott) – aber sie ist ein Kernmerkmal Gottes: er allein ist heilig und unserer Anbetung würdig.
Anbetung wäre in diesem Sinne das Gegenteil des egozentrischen Kreisens um mich selbst und der Tendenz, bei allem zu fragen: «Was bringt es mir?». Wie befreiend das wäre, beschreibt Anselm Grün:
«In der Anbetung versuche ich, allein auf meinen Gott zu schauen. Ich vergesse mich selbst, weil Gott mich ganz und gar ergriffen hat, weil er allein wichtig ist für mich. Das Paradox ist, dass ich im Vergessen meiner selbst ganz gegenwärtig werde, ganz echt, ganz ich selbst (…). In der Anbetung steckt die Sehnsucht, endlich einmal frei zu sein vor mir selbst, frei zu sein von dem ständigen Kreisen um mich, von der Sucht, alles auf mich zu beziehen, überall etwas für mich haben zu wollen.»
Wir sollen Gott also anbeten für das, was er ist, nicht für das, was er uns «bringt» – und auch nicht für das, wie wir ihn gerne hätten: Wenn wir nämlich unsere Wunschvorstellungen von Gott anbeten, oder einen nach individuellem Gusto zurechtgelegten oder zurechtgestutzten Gott, dann beten wir eigentlich ein Götzenbild an, aber nicht den lebendigen Gott. Wir können nur den wahren Gott wirklich anbeten; unser selbst designter Wunschgott ist anbetungsunwürdig. Gott soll «in der Wahrheit angebetet werden» (Joh 4,23-24). Dies erfordert Offenheit, eine nicht-egozentrische Sicht, ein umfassendes Studium der Bibel (welches «unbequeme» Passagen nicht ausblendet), sowie den Austausch und die Gemeinschaft mit anderen Christen – möglichst auch über die Kirchen- und Konfessions-Grenzen hinweg.