Annehmen, dass alles ein Geschenk ist

Annehmen, dass alles ein Geschenk ist

von Simone PflĂŒger | 25.01.2013

Die Arbeiter im Weinberg oder der GelĂ€hmte, den seine Freunde durch ein Dach zu Jesus abseilen – vielen sind diese Figuren aus der Sonntagsschule wohlbekannt. Doch die Gleichnisse und Geschichten der Bibel können immer wieder neu zu uns sprechen. Vor allem dann, wenn sie frisch und lebendig erzĂ€hlt werden, wie dies Heiner Schubert im Neujahrskurs tat.

Der Referent des diesjĂ€hrigen Neujahrskurses fĂŒr Studierende, VBG-PrĂ€sident Heiner Schubert, tischte den Studierenden mit Vorliebe Gleichnisse auf, die nicht so klar sind, manchmal gar etwas provozieren. Unter diese Kategorie fĂ€llt wohl das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (MatthĂ€us 20, 1-16). Um den Studierenden diese ErzĂ€hlung nĂ€her zu bringen, griff Schubert – wie noch einige weitere Male wĂ€hrend seiner VortrĂ€ge – zum Stift. Ein paar gekonnte Striche, schon war auf dem Hellraumprojektor der erste Tagelöhner zu sehen, schweissĂŒberströmt im Weinberg schuftend. Weiter zeichnete Schubert den Weinbergbesitzer, wie er im Verlauf des Tages immer mehr Arbeiter rekrutiert – einen sogar noch fĂŒr die letzte Stunde vor Feierabend. Bei der Lohnverteilung dann die grosse Überraschung: Alle Arbeiter erhalten gleich viel Geld. Den ersten Tagelöhner treibt dies verstĂ€ndlicherweise zur Weissglut. Der Weinbergbesitzer jedoch antwortet: „Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Hattest du dich mit mir nicht auf einen Denar geeinigt? Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir. Darf ich denn mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so gĂŒtig bin?“ (MatthĂ€us 20, 13-15; Neue Genfer Übersetzung)

 

Anscheinend hĂ€ngt der Lohn im Reich Gottes nicht von der Anzahl Arbeitsstunden ab. „Zwischen Gottes Gnade und unserer Leistung gibt es keinen Zusammenhang“, erklĂ€rte Schubert das Gleichnis. Ein Gedanke, der sich nicht einfach so in den regen Verkehr unserer gewohnten Denk-Autobahnen einfĂ€delt. Denn dass es etwas wirklich gratis gibt – das können wir wohl letztlich nicht verstehen. Und doch liegt laut Schubert das Geheimnis eines gelingenden Lebens darin, zuzulassen, dass alles ein Geschenk ist. Wer weiss, dass er beschenkt wird, muss dem GlĂŒck nicht mehr hinterherjagen. Dass einem die anderen stĂ€ndig auf die Schultern klopfen, wird plötzlich weniger wichtig. „Wir sind frei von allen Imperativen unserer Gesellschaft“, fasste Schubert zusammen. Doch ist es ĂŒberhaupt möglich, in dieser Freiheit zu leben, völlig unabhĂ€ngig von der Anerkennung durch andere Menschen? „Ich, Heiner, bin noch nicht so weit“, rĂ€umte der Referent ein. Doch wenn wir wirklich glauben könnten, dass Gott uns annimmt, wie wir sind, dann wĂ€ren wir tatsĂ€chlich frei, Gas zu geben. Wir könnten aufhören, unser eigenes Leben zu perfektionieren und stattdessen anfangen, uns fĂŒr andere einzusetzen.

KreativitĂ€t fĂŒr andere einsetzen

Wie der Einsatz fĂŒr andere praktisch aussehen kann, zeigte Schubert anhand einer Geschichte aus Markus 2: Ein GelĂ€hmter hatte vier gute Freunde, die ihn zu Jesus bringen wollten. Da sich Jesus aber in einem von Menschen belagerten Haus befand, mussten die Freunde kreativ werden: Sie bugsierten den GelĂ€hmten aufs Dach, deckten es ab und liessen den Patienten auf einer Bahre an Seilen herunter. Jesus vergab dem GelĂ€hmten seine SĂŒnden und heilte ihn. Schubert offenbarte, dass ihn diese Geschichte als Bild fĂŒr Gemeinschaft immer wieder berĂŒhre. „Kirche ist in ihrer besten Form eine Gemeinschaft von Menschen, die einander tragen“, meinte Schubert. Kirche sei auch ein Ort, wo – vom Heiligen Geist inspiriert – neue Ideen entstehen und Projekte entwickelt werden können. So wie die vier Freunde KreativitĂ€t zeigten, um den GelĂ€hmten zu Jesus zu bringen, sollen auch wir heute kreativ werden, um die Welt zu gestalten. Im Verlauf des Neujahrskurses erzĂ€hlte Schubert immer wieder voller Begeisterung von Firmen und Projekten, welche mehr als nur den eigenen Profit maximieren, sondern die himmlische Ökonomie des Teilens umsetzen. Schubert erwĂ€hnte beispielsweise die Firma „Invethos“, die eine wertebasiere, nachhaltige, transparente und soziale Vermögensverwaltung bietet.

Fremdlinge mit einer Vision

Als Christen dĂŒrfen wir verschwenderisch sein – mit unseren Mitteln, Ideen und Begabungen. Dabei treibt uns kein Leistungsgedanke, sondern die Vision einer zukĂŒnftigen Stadt. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukĂŒnftige suchen wir.“ So lautet die Jahreslosung aus HebrĂ€er 13, 14. Sie drĂŒckt aus, dass wir eine andere Perspektive im Leben haben, eine Perspektive, die uns manchmal zu Fremdlingen macht. Die Gesellschaft verlangt, dass jeder etwas ganz Besonderes aus sich macht, etwas Grossartiges leistet und möglichst viele Menschen davon erfahren lĂ€sst. Im Christentum jedoch geht es mehr um das Gemeinschaftliche, um Zuhören und Anteilnahme, Brotbrechen und SolidaritĂ€t. Schubert machte den Studierenden Mut, diese christliche Perspektive des Miteinanders – und damit auch eine gewisse Unangepasstheit – zu bewahren.


Zum Referenten: VBG-PrÀsident Heiner Schubert ist Pfarrer, Cartoonist und Schreiner, und lebt mit seiner Familie in der KommunitÀt Don Camillo in Montmirail.