Auszeiten richtig gestalten

Auszeiten richtig gestalten

von Michel Bieri | 20.12.2013

Lernen am Beispiel des KĂ€mmerers von Äthiopien (Apostelgeschichte 8, 26-40)

Langsam zog die Karawane vor rund 2000 Jahren auf holprigen Wegen
durch die Wüste. 2000 Kilometer aus dem heutigen Sudan bis nach
Jerusalem hatte die kleine Reisegruppe zu bewĂ€ltigen. Über Stock und
Stein, durch Wüste und Hitze. Kein Spaziergang durch einen Lustgarten.
Was hat ihn wohl zu diesem beschwerlichen Weg bewegt, den «verschnittenen
» Finanzminister vom Àthiopischen Hof, den Nichtjuden und Eunuchen? Abenteuerlust, Bildungsurlaub oder Erholungsnotstand?1

Wir dürfen annehmen, dass er mit Diasporajuden in Kontakt gekommen war
und mit dieser Reise ihren Gott kennenlernen wollte. Und dies, obwohl er wusste,
dass ihm der Zugang zur jüdischen Gemeinschaft immer verwehrt bleiben würde. Denn es heisst in 5. Mose 23,2: «Es soll kein Zerstossener noch Verschnittener
in die Gemeinde des HERRN kommen.» Was hat er sich also von seiner Auszeit erhofft? Sein Motiv muss angesichts der beschwerlichen Reise ausserordentlich
stark gewesen sein.

 

Die Motive

Lassen wir uns selbst zu Auszeiten bewegen? Welche Motive prĂ€gen uns bei deren Planung und Gestaltung? Ist es das Abenteuer, die Bildung, die Erholung? Nutzen wir die geschenkten guten Zeiten, um dem inneren DrĂ€ngen und der Sehnsucht nach Verbindung mit unserem Schöpfer nachzugehen? Diese Suche darf in unserem Leben einen Stellenwert erhalten, selbst wenn wir nicht genau wissen, worauf sie hinauslĂ€uft. Der Ă€thiopische Finanzminister, dieser wohl vielbeschĂ€ftigte Mann, hatte beschlossen, Arbeit, Verantwortung und komfortable LebensumstĂ€nde zurückzulassen und den Gott der Juden zu suchen. Das innere DrĂ€ngen wurde so gross, dass er es nicht mehr verdrĂ€ngen konnte. Hatte er sich dem Spott seiner Vertrauten und Untergebenen ausgesetzt und UnverstĂ€ndnis für seine Schritte geerntet?

 

Bestand gar die Gefahr, dass wĂ€hrend seiner Abwesenheit ein Anderer seinen Posten an sich reissen würde? Wir wissen es nicht. Klar ist nur: Er hat seine PrioritĂ€ten gesetzt. Er musste los, er wollte den Gott Israels suchen. Der KĂ€mmerer trifft endlich in Jerusalem ein und macht sich auf zum Tempelberg. Es sind Festtage. Viele Menschen strömen zum Tempel, doch für ihn ist rasch Endstation. Nur im Ă€ussersten Vorhof des Tempels, dort, wo die Heiden gerade noch toleriert werden, darf er den Juden über die niedrige Mauer hinweg zusehen, wie sie in die Schechina, ins Heiligtum Gottes, eintreten. Sie sind drinnen. Er steht draussen.

 

Unsere PrioritÀten

Ich kenne das. Ich möchte dazu gehören, Teil der Glaubenden sein, Zeugnis geben können von Begegnungen mit dem Heiligen, TrĂ€ume haben und Weisungen hören. Ich möchte wie Petrus auf dem Wasser laufen und wie Stephanus mutiges Zeugnis reden, möchte Gottes Wort zitieren können und treu in der Fürbitte stehen. Möchte enthusiastisch HĂ€nde erheben und mit Engelszungen reden. Aber ich stehe – wie der KĂ€mmerer – draussen. Es fehlt mir im Alltag an Kraft und Konzentration. Unser KĂ€mmerer kommt ins GesprĂ€ch mit einem Menschen, der ihm von einem Wort in der Bibel erzĂ€hlt, das ganz genau zu ihm passt. Ein Wort, das für alle Entbehrungen, alles Draussen-Sein, jeden Mangel entschĂ€digt. Ein Wort, das ihn «hineinzieht».  Er kauft sich die Buchrolle des Propheten Jesaja und liest in Kapitel 56: «Und der Fremde, der zum HERRN sich getan hat, soll nicht sagen: ‚Der HERR wird mich scheiden von seinem Volk.’ Und der Verschnittene soll nicht sagen: ‚Siehe, ich bin ein dürrer Baum.’ [
] Ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern einen Ort und einen Namen geben, besser denn Söhne und Töchter; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.» Gott hat seinen Nerv getroffen. Wie ein Blitz muss es ihn getroffen haben. Persönlicher geht es wohl kaum. In Christus sind die Schranken des Gesetzes gebrochen, der Glaube an diesen Christus lĂ€sst ihn dazugehören, so erklĂ€rt es ihm Philippus auf dem Heimweg. Diesen hat Gott gerufen, mit dem prominenten Gottsucher ein Stück seines Weges zu gehen. Ein Wort von Gott hat seine Lebenshaltung und seine GlaubenssĂ€tze in einem Moment radikal verĂ€ndert. Nichts wird künftig mehr sein wie vorher. Nun gehört er, der Verschnittene, dazu. Hat sich somit seine 2000 Kilometer lange Reise ins Unbekannte gelohnt?

 

Anregungen

Ich möchte aus der Geschichte des KÀmmerers einige konkrete Anregungen
für die eigene Auszeit, den eigenen «Weg nach Jerusalem» formulieren: Der Weg von der Auszeit im Kopf bis zur Tat. Wir kennen das: Zeitdruck, Arbeitsflut, beschrĂ€nktes Budget, PrĂ€senz in der Familie. Das sind reale und ernst zu nehmende Faktoren, die das Ausscheren erschweren. Auch die Ungewissheit, ob sich die kürzere oder lĂ€ngere Auszeit für die Pflege geistlichen Lebens denn lohnt, sitzt uns im Nacken. Der Strandurlaub, die Biketour oder der StĂ€dteplausch
versprechen da sicherere Erfolge. Der Weg vom Wunsch nach der Auszeit bis zur Tat ist oftmals lĂ€nger als der Weg von der Erde zum Mars. Trotzdem: Warten wir nicht zu lange und tun es dem KĂ€mmerer gleich! Es werden Überraschungen auf uns warten.

 

Auf der Suche nach einem Wort für mich. Fordern wir ruhig Gott im Gebet heraus: «Gott, ich sehne mich danach, im GesprĂ€ch mit Dir zu sein, ohne die gewohnte Ablenkung und Zerstreuung des Alltags. Wo bist Du als Dreieiniger Gott mit Christus und dem Heiligen Geist im GesprĂ€ch und möchtest mich dazu einladen? Ein an mich persönlich gerichtetes Wort von Dir tut mir gut. Ich öffne
mich dafür, dass Du auf vielfĂ€ltigem Wege dieses ersehnte Wort an mich richtest. Es soll mich tragen und in mir Gestalt gewinnen. Ich bin bereit, diesem Wort entgegenzukommen.»

 

Der Konzentration Raum geben. Konzentration ist nicht mehr unbedingt ein Trendwort. Dynamik, Multitasking, Offenheit u.v.m. sind nötige Eigenschaften
von heute. Gerade weil unser Umfeld komplex und dicht ist, weil die Gefahr der Verzettelung und der Zersplitterung real besteht, ist der Grundsatz der Konzentration überhaupt erst wichtig. Die Konzentration sucht das Wesentliche,
die sorgfÀltig ausgesuchten Schwerpunkte. Die Notwendigkeit der Konzentration
wird in den kommenden Jahren vermehrt unter dem Begriff des «Precencing» in der Managementliteratur auftauchen.

 

Sich einen Philippus auf den Weg erbitten. Die Bibel schildert uns die Wichtigkeit
von Menschen, die ein Stück Weg mit uns gehen. Vielleicht sind sie von Gott dazu berufen worden, vielleicht ahnen sie auch nichts von ihrer Aufgabe an uns. Beten wir um «Philippusse», die sich zu uns in den Wagen setzen, mit uns um Lebens und Glaubensfragen ringen. Denken wir daran: Im 2. Buch Mose hat nicht Gott die TrĂ€ume des BĂ€ckers, des Mundschenken und des Pharao ausgelegt sondern es bedurfte eines Josefs. Gott redet auch durch Menschen. Kennen Sie Orte, wo Menschen auf Sie warten?

 

Der Àussere Rahmen bestimmt den Inhalt mit.Die Ferienzentren der VBG
sind prĂ€destiniert für Aus- oder Besinnungszeiten. Auch andere Orte eignen sich wunderbar. Vielleicht ist es für Sie der Sonnenuntergang am Strand Griechenlands, die Sprudelbank im Wellnesshotel bei Sonnenaufgang, die Rast am Bergbach bei den Lilien. Bewusst gewĂ€hlte und gestaltete Ă€ussere RĂ€ume sind hilfreich. Sie verschaffen den Gedanken Ruhe, lassen uns den Atem spüren, schĂ€rfen das Gehör, helfen aufzublicken. Aber denken wir daran: Der KĂ€mmerer kehrte letztlich wieder dahin zurück, wo Gott ihn hingestellt hatte.

 

Gezielte Lektüre schafft einen Rahmen. Wir hören von GĂ€sten, wie sie sich auf ihre Ferien oder Auszeiten jeweils sorgfĂ€ltig vorbereiten. Zum Beispiel mit der gezielten Wahl eines biblischen (Hör-)Buches, mit einem Buch zu einem geistlichen Thema oder einer Biografie. Die Wahl dieses nahrhaften Reiseproviants wurde von Gebet begleitet: «Gott, welche Lektüre empfiehlst Du mir? Wo möchtest Du an mir arbeiten, mit welchem Wort redest Du zu mir?»
Wann gelingt es besser als in den Ferien, in einer Auszeit, einem lÀngeren
und zusammenhÀngenden Text eine Chance zu geben?

 

Es ist als Ehepaar einfacher, sich Zeit für Sex zu nehmen, als geistliche Gemeinschaft zu üben. Das mag nicht immer stimmen, aber wohl sehr
hÀufig. Im Korsett der vielen tÀglichen Verpflichtungen, spÀtestens zwischen Windeleimer und Versicherungsdiskussionen, ist die geistliche Gemeinschaft als Ehepaar eine Herausforderung. Es fehlt nicht am guten Willen, es fehlt an der Kraft. Es ist der Alltag, der schonungslos die eigenen SchwÀchen und MÀngel in
der Ehegemeinschaft aufdeckt und die Versuche geistlicher Gemeinschaft als aufgesetzt und wenig authentisch erscheinen lĂ€sst. Welche Kraft wĂ€chst wohl im Überwinden dieser Irritationen? Vielleicht liegt in der Auszeit zu zweit die Chance für kleine AnfĂ€nge.

 

Und er zog fröhlich seines Weges. Darauf lÀuft es hinaus. Der KÀmmerer
liess sich von Gottes Wort und menschlicher Freundschaft berühren und «zog seine Strasse fröhlich weiter». Wir dürfen davon ausgehen, dass dies auch uns zusteht. Fröhlich weiterziehen ist nicht wenig. Es ist viel! Es ist eine tragende Kraft, weil sie auf Gottes Ja zu mir und meiner Biografie gründet.

 

1 Vgl. die Predigt von Ulrike Bittner zum KĂ€mmerer, www.wolfgang-bittner.net

 

Michel Bieri leitet mit seiner Frau Rebekka die Ferienzentren der VBG. Sie wohnen mit ihren drei Kindern in der Casa Moscia.