Biblische Geschichte – ein ganz normales Fach?

Biblische Geschichte – ein ganz normales Fach?

von Daniel Kummer | 01.01.2010

Welche Stellung sollen biblische Geschichten in der Volksschule heute haben? Eine Zusammenfassung der Radiosendung "Biblische Geschichte – ein ganz normales Fach?" von Radios DRS.

In den meisten Kantonen gibt es in irgend einer Form nach wie vor ‘Biblische Geschichte’ entweder als Fach, oder dann zumindest biblische Geschichten im Rahmen eines Faches. Seit Beginn der 90er- Jahre lĂ€sst sich hier Trendwende feststellen, dass biblische Geschichten wieder relativ unproblematisch in den Volksschulen erzĂ€hlt werden können, falls die LehrkrĂ€fte sich nicht vor dieser Aufgabe drĂŒcken. Ich möchte deshalb eine Familienrat-Sendung des Radios DRS zusammenfassen, in der dieses Thema aufgegriffen wurde. Der Sendung wird eine Tagung im Kanton Basel Land mit dem Thema "Biblische Geschichte – ein ganz normales Fach?" zugrundegelegt, die im November 1996 stattfand. Ich fasse die Sendung im Rahmen gezielter Fragen zusammen

Kann man Kindern aus nichtchristlichem Elternhaus biblische Geschichten ĂŒberhaupt zumuten?

Hier ist der Tenor klar bejahend. Der ZĂŒrcher Theologieprofessor, Werner Kramer, sieht vor allem drei GrĂŒnde, weshalb biblische Geschichten fĂŒr die Volksschulstufe wichtig sind. Sie vermitteln Orientierungswissen:

  • "Es geht darum, Orientierungswissen zu vermitteln. Ein Wissen, mit dem der Mensch sich in seiner Umwelt orientieren kann. Da gehört dazu, wenn man an die biblische Geschichten denkt, dass Kinder gewisse Geschichten und Personen aus diesen Geschichten kennen sollen. ... So dass man z.B. Maria mit ihrem Baby als das wiedererkennt. Das ist wichtig im Kontakt mit der Literatur, der bildenden Kunst usw." (Die mĂŒndlichen Zitate entstammen der Familienrat-Sendung und wurden auf hochdeutsch ĂŒbersetzt. Das erklĂ€rt die zum Teil etwas holprige Satzstellung)

Als weitere Funktion ermöglichen biblische Geschichten ZugÀnge zu Lebensfeldern, anders gesagt, zu Themen und Erlebnissen:

  • "(Das Fach ‘Biblische Geschichte’) soll ZugĂ€nge ermöglichen zu Lebensfeldern. Zu Lebensfeldern, die heute eine Rolle spielen bei uns oder bei Menschen, die mit uns zusammenleben. Da spielt das Kennenlernen von ReligiositĂ€t auch fĂŒr nichtreligiöse Kinder eine ganz wichtige Rolle."

Als Drittes hilft sie Wertvorstellungen zu klÀren:

  • "Im Rahmen der Werte spielen die biblischen Werte eine Rolle und jetzt meine ich Werte im Sinne von NĂ€chstenliebe, Verantwortung, von SolidaritĂ€t und nicht andere Werte... die in der Bibel auch schon eine Rolle gespielt haben von UnterdrĂŒckung, autoritĂ€r, Gericht usw. um die geht es sicher nicht. Und im ganzen GesprĂ€ch mit den vielen verschiedenen Werten sind die biblischen Anstösse... etwas ganz Fundamentales. NatĂŒrlich muss das im Sinne von Dialog, von Auseinandersetzung passieren, gerade in der Schule, und nicht im Sinn von Indoktrination und dem AutoritĂ€ren."

Wie sieht das aber in der Schule aus?

Eine Grundschullehrerin berichtet, wie sie bedenkenlos allen, auch moslemischen Kindern biblische Geschichten erzÀhlt:

  • "Das finde ich ganz wichtig, letztendlich sind wir da in der Schweiz und wir haben unsere Wurzeln, wir haben unsere Grundlagen und die darf man auch weitergeben. Das ist ja nicht etwas, zu dem ich nicht stehen könnte. Ich finde die ganz wichtig. Und da ich so ĂŒberzeugt bin von dem, was wir haben, kann ich dann ganz gut auch offen sein fĂŒr andere Dinge und auch die aufnehmen und auch die toll finden. Das heisst ja nicht, dass ich deswegen meine (Grundlagen) verleugnen muss. Ich finde, dass die Kinder, die bei uns leben und zur Schule gehen, auch etwas erfahren dĂŒrfen ĂŒber das hier."

Sie betont, dass natĂŒrlich auch viele Kinder aus der Schweiz diese Geschichten nicht mehr kennen. Eltern delegieren das Vermitteln biblischen Grundwissens offensichtlich gerne an die Schule. Sie fĂŒhlen sich oft ĂŒberfordert und haben selbst wenig Bezug zum Christentum. Zu Beginn seien die Eltern zum Teil skeptisch:

  • "Wenn man aber erklĂ€rt, ihnen mitteilt, wie man Biblische Geschichte macht, dass man nicht die Absicht hat, die Kinder irgend zu einem Glauben zu bringen, wenn man ihnen auch sagt, dass man die Religion respektiert, die die Kinder mitbringen, sie auch einbezieht, dass das fast etwas wie Geschichtsunterricht ist, der in diese Kultur gehört, ... dann können sie das jeweils sehr gut respektieren. ... Im Nachhinein ist noch nie jemand gekommen, der sagte, dass er sein Kind rausnehmen will."

Was soll man sich vom ErzÀhlen biblischer Geschichten erhoffen?

Der Pfarrer und Religionslehrer Beat MĂŒller:

  • "Ich denke sie (biblische Geschichten) sind voll von tragenden Bildern. FĂŒr mich sind nur die Geschichten eigentlich relevant, die auch Bilder auslösen und Bilder in den Kindern wecken und auch ein StĂŒck weit festlegen. Wenn es gelingt, dass Kindern spĂ€ter als Erwachsene in den Ausweglosigkeiten ihres Lebens Bilder der Hoffnung einfallen, wenn es gelingt, dass ihnen in Momenten der Depression... Bilder zufallen, dass das nicht das letzte ist, dann denke ich, gelingt uns viel. Von daher ist zum Beispiel eine Aussage 'Christus gestorben fĂŒr unsere SĂŒnden' zwar theologisch hochinteressant, aber eine Aussage, die in den Kindern eigentlich kein Bild weckt und die eigentlich nicht trĂ€gt fĂŒrs Leben. Man mĂŒsste das ganz anders sagen.“


Soweit einige Aspekte der Sendung. Wer sie selbst anhören möchte, kann bei mir eine Kassette ausleihen. Mich freut der bejahende Grundton biblischen Geschichten gegenĂŒber. Wenn z. B. in den 80er-Jahren im Kanton Bern das Fach ‘Christliche Religion auf Grundlage der biblischen Geschichte’ in ‘Religion/Lebenskunde’ umbenannt wurde, kann hier wieder ein Trend festgestellt werden, der die SchĂŒler wieder nĂ€her an die biblischen Quellen zurĂŒckfĂŒhrt. Es wird ein grosser Freiraum fĂŒr LehrkrĂ€fte eröffnet, biblische Geschichten zu erzĂ€hlen und Kindern zu vermitteln.

Zum Weiterdenken...

Liegt in der Betonung der Bilder nicht auch eine gewisse Gefahr? Kindern geht es ja sicher nicht um Bilder, sondern fĂŒr sie ist David ein realer, lebendiger Held, der Gott vertraut hat. Sicher ist die Erinnerung an die erzĂ€hlerischen Bilder, die wir mit der Geschichte verbinden, wichtig. Aber ist nicht wichtiger, ob David gelebt hat und vor allem, ob der Gott, dem David vertraute, lebt. Letztlich geht es meines Erachtens darum, nicht zu Bildern hingefĂŒhrt zu werden, sondern zu Gott, der in den biblischen Geschichten handelt. Inwiefern dazu der Rahmen der Staatsschule geeignet ist, gilt es sehr wohl zu bedenken. Der Rahmen wĂ€re meines Erachtens dann gegeben, wenn vom Gesetzgeber in Übereinstimmung mit den Eltern ein Auftrag dazu besteht.


Ich freue mich darĂŒber, dass man in der Schule wieder biblische Geschichten erzĂ€hlen will. FrĂŒher oder spĂ€ter stellt sich aber auch die Frage nach der historischen Wahrheit der Geschichten. Zum Beispiel sollen im Lehrplan des Kantons Bern Kinder in der 5. Klasse zwischen Sagen und historischen Ereignissen unterscheiden lernen. So fĂŒhrt ein mir bekannter Lehrer, der vor jeder biblischen Geschichte sagt: "Alles, was ich jetzt erzĂ€hle ist nicht wahr!“, Kinder in Konflikte. Wenn David oder Nehemia nur ‘religiöse Bilder’ verkörpern, werden sie ihre hoffnungsvermittelnde Kraft verlieren. Sie steigen auf die Stufe eines sagenumwobenen Wilhelm Tell ab. Bilder an sich haben keine Kraft ("Du sollst Dir kein Bildnis machen!"), sondern Gott verleiht Hoffnung. Bilder, Zeichen oder vermittelte religiöse Erlebnisse sind wertvoll, aber sie alle sollen wie Johannes der TĂ€ufer immer wieder von sich weg auf Christus verweisen.