Christen müssen gesprächsfähiger werden

von Fritz Imhof | 19.08.2011

Die Argumente aus Atheistenkreisen sind zahlreicher und heftiger geworden. Mitarbeitende der Vereinigten Bibelgruppen VBG müssen die Argumente kennen und darauf antworten können. Die VBG hat daher an ihrer Weiterbildungswoche vom 7. – 12. August 2011 im Campo Rasa Übungen im Stil des Club von SF1 durchgeführt.

Laut Felix Ruther, dem Studienleiter der VBG, sind die Angriffe aus Kreisen von Atheisten und Freidenkern nicht alle neu, aber sie werden aggressiver vorgebracht und erfolgen häufiger. Christliche Mitarbeiter müssten daher Antworten bereit haben, wenn zum Beispiel behauptet werde, die Bibel sei für Kinder gefährlich. Wenn in diesem Zusammenhang erwähnt werde, dass Gott im Alten Testament befohlen habe, ganze Städte auszurotten, müssten Christen Geschichten wie die Zerstörung Jerichos erläutern und begründen können.

Umstände und Entwicklung aufzeigen

Zur Frage nach der Ausrottung der Bewohner Jerichos könnten Christen beispielsweise sagen, dass die Israeliten grundsätzlich gleich gehandelt hatten wie andere Völker in Kriegshandlungen. Ausserdem sei es damals ganz konkret um das Überleben von Israel gegangen, ohne das es keine Geburt von Jesus und damit auch keine christliche Kirche gegeben hätte. Die Handlungen und Normen der Frühzeit von Israel seien aber später verändert worden. Hier habe eine Entwicklung stattgefunden, welche die Bibel aufzeige. Die Texte aus der Frühzeit Israels hätten somit auch keine normative Bedeutung für unsere Zeit.

Ruther: «Man muss mit der Bibel ernsthafter arbeiten als früher, wo man einfach Bibelverse zitieren konnte. Wir müssen mehr Gedankenarbeit leisten und begründen, weshalb die Bibel für uns ein normatives und gutes Buch ist», erläuterte der Studienleiter der VBG in einem Gespräch in Rasa.

Vergleiche wagen

Im Campo Rasa bereiteten sich Teilnehmende im «Club am Montag» in vier Gruppen vor, entweder kritische Fragen zur Bibel und zum Christentum vorzubereiten oder aber diese in einer Diskussionsrunde zu beantworten. Zum Beispiel die Behauptung, die Religionen seien für alle Probleme der Menschen wie Kriege und Verfolgungen verantwortlich. Laut Ruther können Christen darauf hinweisen, dass sie die dunklen Seiten ihrer Geschichte aufgearbeitet hätten, im Gegensatz zum Atheismus. Die Dimension der Verbrechen im Namen des Christentums sei ausserdem im Vergleich zu modernen Verbrechen gegen die Menschheit im Namen atheistischer Ideologien vergleichsweise klein. So seien in den 249 Jahren, in denen die Inquisition gewütet habe, nicht mehr Menschen hingerichtet worden als während 40 Minuten der Herrschaft von Mao!

Relationen herstellen

Ruther erwähnte ein weiteres Beispiel, das die Schuld der Kirche in eine Relation zu aktuellen Ereignissen setzt: Der sozialistische Staat Benin liess eine Marke drucken mit der Aufschrift: «Kampf den Hexen, Quelle des Bösen», und die Bevölkerung fing an, alte Frauen zu jagen. Zwischen 1970 und 1984 wurden in Tansania 3000 Menschen als Hexen umgebracht – allerdings nicht vor einem christlichen Hintergrund. Und 2001 fanden im östlichen Kongo innerhalb von 14 Tagen 900 Menschen den «Hexentod». Man müsse auch beachten, dass die grosse europäische Hexenjagd in der Zeit zwischen 1560 und 1700 das Werk weltlicher Richter und nicht der Kirche war. Seitens der Kirche wurde das Ganze als Wahn angesehen. Die katholische Kirche habe die Macht der Hexen nicht dämonisiert, sondern als Aberglaube demaskiert.

Zum Argument, die monotheistischen Religionen seien gefährlich, könnte laut Ruther zum Beispiel geantwortet werden, dass die Verfolgung der Christen im alten Rom von einer polytheistischen Religion ausgegangen sei. «Es ist heute eine Aufgabe der Theologen, gute Antworten auf die Kampagne aus der atheistischen Szene zu liefern», mahnte Ruther und forderte damit die Apologetik, die Verteidigung des Glaubens, heraus.

Beweislast nicht vorschnell übernehmen

Die VBG will selbst ein Argumentarium entwickeln, um Studierenden und Mitarbeitenden Beispiele von Antworten zu liefern, wie sie auf die kritischen Anfragen und Vorwürfe antworten können. Gerade auf plumpe Vorwürfe sollten sie nicht mit Sprachlosigkeit reagieren müssen, betonte Ruther im Gespräch. Wir üben auch, wie wir solche Gespräche führen könnten. So könne es sinnvoll sein, sich die Beweislast nicht vorschnell vom Angreifer auferlegen zu lassen, sondern mit einer guten Frage dem Angreifenden die Beweislast zurückzugeben. Wenn ein Professor behaupte, die Bibel sei ein Märchenbuch, sollte ein Student nicht versuchen, das Gegenteil zu beweisen, sondern zurückfragen: Wie kommen Sie darauf? Welche Wissenschaft behauptet das? «Wir müssen hier clever sein und uns gut auf die Auseinandersetzung vorbereiten», betonte Ruther.

Gesprächsfähig in der Kleingruppe

Doch nicht allein das Gespräch mit der Öffentlichkeit ist von Bedeutung, sondern auch mit einzelnen Menschen oder in der christlichen Kleingruppe. In Rasa stellte VBG-Leiter Benedikt Walker das Modell «Spurensuche» vor. Es hat sich als bereichernd erwiesen, in kleinen Gruppen nach einem bestimmten Vorgehensmuster Gotteserfahrungen der Mitglieder zu entdecken und miteinander auszutauschen. So können sich Christen gegenseitig ermutigen aber auch den Glauben an Menschen ausserhalb der christlichen Gruppen und Gemeinden weitergeben.

 

Links:

Workshop von Benedikt Walker zum Thema

Über den Glauben reden von Jonas Bärtschi

Weitere Inpiration auf www.spurensuche.de