"Christen müssen sich nicht schämen"

von Jonas Bärtschi | 15.05.2009

Wie sollen Christen in einer Gesellschaft leben, die moralisch zerfällt? Diese Frage stand im Zentrum des Neujahrskurses für Studierende, der vom 27. Dezember 2008 bis 1. Januar 2009 in der Casa Moscia stattfand. Referent Meic Pearse ermutigte die Teilnehmenden, in ihren Fachgebieten mutig eine christliche Perspektive einzubringen, da die vorherrschende säkulare Weltanschauung des Westens keine Zukunftsperspektive habe.

Der Saal platzt aus allen Nähten: 111 junge Menschen nehmen am ausgebuchten Neujahrskurs der VBG-Studierendenarbeit teil. Das Programm bietet genügend Platz für Freizeitaktivitäten: Spielen in der Cafeteria, Volleyball am See, Spaziergänge nach Ascona. Während den sechs Kurstagen geht es aber vor allem um die Herausforderung, als Christ in einem anders denkenden Umfeld zu leben. Die meisten Teilnehmenden studieren an einer Hochschule oder Uni und spüren dort die religionskritische Einstellung besonders stark.

Verunsicherte Christen

«Viele Christen lassen sich durch die säkulare Weltanschauung des Westens verunsichern», stellt der Hauptreferent Meic Pearse fest. Zu Unrecht, meint der britische Geschichtsprofessor und Buchautor. Man könne schon lange einen moralischen Niedergang beobachten, doch tatsächlich habe der in Europa und Nordamerika vorherrschende Relativismus viel weitreichendere Konsequenzen. «Die Sitten des heutigen Westens bestehen nicht einmal die erste Prüfung einer Weltanschauung – sie sind nicht dazu dienlich, unsere Kultur in die Zukunft zu führen», ist Pearse überzeugt.

Weil die westliche Gesellschaft Religion und jegliche Moral ablehne, ziehe sie den Hass der restlichen, traditionellen Welt auf sich – einen Hass, der sich in Entführungen, Anschlägen und Selbstmordattentaten zeige. Nicht zuletzt führten der berufliche Erfolgsdruck und die mangelnde Wertschätzung von Institutionen wie Ehe und Familie zu einer sinkenden Geburtenrate – und somit zu einem buchstäblichen Aussterben des Westens.

Christen hätten die Aufgabe, sich gegen diesen Zerfall zu wehren. Es gebe drei Gründe für eine massive moralische Gegenrevolution, führt Meic Pearse aus. Erstens, um den Westen grundsätzlich besser zu machen; zweitens, um Konflikte mit dem Rest der Welt zu vermeiden; und drittens, um den Westen vor dem demographischen Zerfall zu retten. «Wir sind trotz allem das ‘Salz der Erde’!», macht Pearse seinen Zuhörern Mut. «Wir können und sollen den Versuch machen, unsere Gesellschaft zu verbessern – selbst wenn wir als Christen nur Fremde und Pilger auf dieser Welt sind.»

Eine moralische Gegenrevolution

Die Aufforderung von Pearse an die Teilnehmenden des Neujahrskurs ist unmissverständlich. «Wir müssen erkennen, dass wir uns für unsere Überzeugungen keineswegs zu schämen brauchen», meint er nachdrücklich. Verglichen mit der grossen Mehrheit der Weltbevölkerung seien die «Westerners» ein Volk von Barbaren, denen jeglicher Sinn für Transzendenz und Moral fehle. Die säkulare Weltanschauung könne nämlich nur aufgrund des immensen Reichtums des Westens bestehen, ansonsten sei sie weit entfernt von der Realität der meisten Menschen. «Die unerhörte Bequemlichkeit unseres Lebens ermöglicht es uns, die Urwirklichkeiten menschlicher Existenz zu vergessen», erklärt Meic Pearse. Dies führe zu einer wachsenden zwischenmenschlichen Entfremdung, zu Entscheidungsschwäche, Infantilismus und Langeweile.

Selbstbewusstes Hinterfragen

Es sei nötig, die Denkweise der heutigen Zeit intellektuell zu hinterfragen und moralische Standpunkte in die Diskussion einzubringen, argumentiert Pearse. Das dürfe durchaus selbstbewusst geschehen. «Unsere Gegner haben weder die Moral, die Vernunft, noch die Zukunft auf ihrer Seite», ist Meic Pearse überzeugt. Man müsse aber lernen, richtig zu argumentieren. Wenn beispielsweise Christen als Heuchler dargestellt werden, sei das im Grunde nicht so schlimm. «Man kann nur dann Heuchler sein, wenn man die Gültigkeit des moralischen Gesetzes anerkennt. Deswegen sind die «Westerners» so selten der Heuchelei schuldig», schmunzelt Pearse. «Doch entgegen der All­tags­weis­heit unserer Gesellschaft gibt es Schlimmeres, als ein Heuchler zu sein.»

Luther habe die Idee eines «inneren» Menschen eingebracht, dessen Gedanken und Motive vor Gott sichtbar und genauso wichtig seien wie die «äusseren» Taten, erklärt Pearse. Dementsprechend habe man lange ein aufrichtiges Leben angestrebt, bei dem das innere Denken mit dem äusseren Handeln zusammenpasste. Wer dies nicht tat, war ein Heuchler. Diese Einstellung habe sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts verändert. «Allmählich wuchs die Überzeugung, dass man den «inneren Menschen» im öffentlichen Leben zum Ausdruck bringen sollte, egal wie die inneren Gefühle und Gedanken aussehen mochten.» An die Stelle einer allgemeinen moralischen Verpflichtung sei der Anspruch getreten, unter allen Umständen «echt» und sich selber «treu» zu sein. «Diese Veränderung war katastrophal, denn ohne moralische Lehre kann eine Gesellschaft nicht mehr existieren», unterstreicht Pearse.

Heilung für eine kranke Kultur

«Wir sind eine kranke Kultur, in der sich jeder um sich selbst dreht und ununterbrochen unterhalten werden möchte», fasst er zusammen. Die Selbstbezogenheit, die der Anspruch an eigene «Echtheit» mit sich bringt, sei nicht gut für den Menschen. Sie führe zu Unsicherheit und Selbsthass, was wiederum eine emotionale Zerbrechlichkeit nach sich ziehe. «Dies ist eine Chance für uns Christen», glaubt Pearse. Stabile Beziehungen und eine Wiederaufwertung von Ehe und Familie nützten im Endeffekt allen.

Damit dies aber geschehen könne, sei es wichtig, auch das eigene Leben zu überdenken. «Wir müssen aufhören, die Probleme auf die Politik abzuschieben», mahnt Pearse. Stattdessen sei es ein guter Anfang, sich mehr auf andere Menschen auszurichten, als in der egozentrischen «Therapy Culture» des säkularen Westens gefangen zu bleiben. «Vielleicht könnt ihr auch weniger – oder gar nicht mehr – fernsehen», schlägt Pearse vor. In der freigewordenen Zeit könne man lesen, sich mit Freunden treffen, in der Kirchgemeinde mitarbeiten oder sich mit dem aktuellen Weltgeschehen auseinandersetzen. Denn eines steht für Meic Pearse fest: «Die Gesellschaft sind wir selbst, deshalb muss eine Veränderung der Gesellschaft immer bei uns selbst beginnen.»

Zuerst erschienen in BST 2/2009