Christsein in der Postmoderne

Christsein in der Postmoderne

von Jonas BĂ€rtschi | 16.09.2013

In christlichen Kreisen hat die Postmoderne gemeinhin keinen guten Ruf. Man versucht zwar, die neuen Trends aufzunehmen; gleichzeitig kĂ€mpft man an allen Fronten gegen die Erosion «christlicher Werte» und den Verlust eines politisch und gesellschaftlich verankerten Christentums. Beide AnsĂ€tze sind, fĂŒr sich allein, zum Scheitern verurteilt, weil sie zutiefst missverstanden haben, wie es zu dieser tiefen ZĂ€sur in der westlichen Kulturgeschichte gekommen ist – so lautet das Fazit der Weiterbildungswoche mit Hanswalter StĂ€ubli, an der alle VBG-Angestellten Anfang August teilgenommen haben.

Die christlichen Reaktionen auf die Herausforderungen der Postmoderne offenbaren uns, welches Selbstbild der Leib Christi von sich hat. Es ist ein unreflektiertes Selbstbild. Was tun Christinnen und Christen heute? Sie verweisen auf die kulturellen Errungenschaften des abendlĂ€ndischen Christentums und sind stets mit grossem Einsatz darum bemĂŒht, ihren Einfluss in der Gesellschaft zu erhalten. Das gilt auch fĂŒr die VBG. In beĂ€ngstigender Weise wiederholen wir die Tragödie Israels, das nicht auf die warnenden Stimmen seiner Propheten hörte, sondern nur auf jene falschen Propheten, die zwar theologische Wahrheiten aussprachen, aber die Zeichen der Zeit nicht erkannten.


Das Schweigen der Kirche

Was aber sind die Zeichen der heutigen Zeit? Und wo sind die Propheten, die uns darauf hinweisen? Sie sind rar. «Die â€čprophetischeâ€ș Stimme der Kirche ist verstummt, es ist wie wenn ihr prophetisches Amt suspendiert wĂ€re», schreibt der Theologe Theodor Haecker schon 1940 in einem Tagebucheintrag. Er verweist damit auf eine Entwicklung, die mit dem Übergang der frĂŒhen Kirche zur etablierten Staatsreligion eingesetzt hat und bis heute andauert. Sie ist eng verknĂŒpft mit der Stellung der Eschatologie – also der Lehre «der letzten Dinge» – in der Theologie. Im westlichen Christentum war und ist die Auseinandersetzung mit der Endzeit und den biblischen Andeutungen zum Antichristen nur ein Randthema. Â«Ăœber ihn [d.h. den Antichristen] schweigt die gegenwĂ€rtige Kirche, er kommt nĂ€mlich den biblischen Andeutungen zufolge aus der Kirche selber. Deshalb entstand eine Art clerical correctness, ĂŒber ihn nicht zu sprechen», kommentiert Manfred Seitz (Theologie fĂŒr die Kirche, 2003).
Wo die Kirche ĂŒber zentrale Themen schweigt und ihrem Auftrag nur ungenĂŒgend nachkommt, entsteht ein Vakuum, das eine AngriffsflĂ€che fĂŒr antichristliche KrĂ€fte bietet. Wie schon die Schlange im Paradies, zeichnen sich diese KrĂ€fte dadurch aus, dass sie zwar mit göttlichen Wahrheiten argumentieren, sie aber in einer zutiefst zerstörerischen Absicht anwenden. Diese Einsicht lĂ€sst sich auch in umgekehrter Richtung anwenden: Weil sie immer im blinden Fleck der Kirche agieren, können antichristliche Stimmen insofern hilfreich sein, als dass sie auf tatsĂ€chliche Probleme im Leib Christi hinweisen.


Den blinden Fleck erkennen

Dieses PhÀnomen lÀsst sich exemplarisch an den Religionskritikern des 19. Jahrhunderts aufzeigen. So portrÀtiert Friedrich Engels, ein enger Mitarbeiter von Karl Marx, den Sozialismus als Lösung eines Problems, das das Christentum nur unzulÀnglich anzugehen vermochte: «Beide, Christentum wie Arbeitersozialismus, predigen eine bevorstehende Erlösung aus Knechtschaft und Elend; das Christentum setzt diese Erlösung in ein jenseitiges Leben nach dem Tod, in den Himmel, der Sozialismus in diese Welt, in eine Umgestaltung der Gesellschaft» (Zur Geschichte des Urchristentums, 1894). Der blinde Fleck der Kirche, in dem der Sozialismus operiert, ist ein einseitiges Reich-Gottes-VerstÀndnis, das die Erlösung durch Jesus Christus primÀr als rein geistliche Angelegenheit betrachtet und ihre gesellschaftlich-politische Dimension im Diesseits vernachlÀssigt. Auf diesem wirklichen Manko der Kirche baut die marxistische Religionskritik, die im Grunde nichts anderes ist als die Folge eines unvollstÀndigen bzw. verzerrten Evangeliums, auf.
Bei Friedrich Nietzsche wird es noch fundamentaler, weil seine Kritik des Christentums einen zutiefst christlichen Ansatz hat. «Urteilt nicht!», sagt Jesus in der Bergpredigt (MatthĂ€us 7,1). In Anlehnung daran benennt Nietzsche das Problem, das mit jeglicher moralischen Wertung, erst recht auf christlicher Grundlage, verbunden ist: Man kann nicht moralisch urteilen, ohne sich selbst ein Urteil zu sprechen. Darum lehnt Nietzsche aus moralischen GrĂŒnden das Christentum ab, das mit seinem verkĂŒmmerten Reich-Gottes-VerstĂ€ndnis je lĂ€nger je mehr zum Moralapostel verkam: «Der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum hoch entwickelt, bekommt Ekel vor der Falschheit und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung» (Nachgelassene Fragmente). Wieder ist es eine zutiefst biblische Wahrheit, die im Kern dieser Kritik steckt. Dieser Kern zeigt sich am deutlichsten im persönlichen Blick auf das Kreuz. «Ich hĂ€tte bei der Kreuzigung Jesu nicht mitgemacht» – was sagt das ĂŒber mich, wenn ich so denke? Es zeigt mir genau jenen Hochmut, der den Kern der Auflehnung gegen Gott bildet. Es ist das Verdienst von Nietzsches Kritik – im Guten wie im Bösen –, dass sie diese stets drohende Blindheit in der christlichen Selbstwahrnehmung demaskiert.


«Werte» als Machtinstrument
Aus der Heuchelei des westlichen Christentums, das nicht vom hohen Ross seines moralischen Hochmuts herunterzukommen gewillt ist, folgt Nietzsches Bruch mit der Kirche. Mit ihm wendet sich die geistige Elite einer ganzen Generation der befreienden Erlösungsbotschaft Nietzsches zu – und verfĂ€llt damit erst recht dem von Nietzsche diagnostizierten Nihilismus. «WĂ€hrend die europĂ€ischen Volkskirchen um die Jahrhundertwende trotz Industrialisierung und VerstĂ€dterung mit gefĂŒllten Seminaren und neuen Kirchenbauten eine BlĂŒtephase erlebten, nimmt von hier die religiöse Sinnentleerung der Gesellschaft ihren Ausgang», schreibt Kurt Anglet (Macht und Offenbarung, 2009). Das ist es, was Nietzsche mit seinem vielzitierten «Gottesmord» meint: die radikale Abwendung von Gott – nicht trotz, sondern wegen der Geschichte des Christentums in Europa. Darauf muss, so sein Gedankengang, ein neuartiger Kampf um Einfluss beginnen. Denn wo nichts mehr (Gott-)gegeben ist, bestimmen diejenigen, die sich am besten durchsetzen können. Damit erfolgt auch die Relativierung aller Werte, denn wenn es keinen Gott gibt, gibt es kein absolutes Gut oder Böse. Man kann zwar «Werte» formulieren und daraus eine Moral ableiten, doch wird die WillkĂŒr dieser Werte unweigerlich das offenbaren, was nach Nietzsche letztlich hinter allen Werten steckt: «Alle diese Werte sind, psychologisch nachgerechnet, Resultate bestimmter Perspektiven der NĂŒtzlichkeit zur Aufrechterhaltung und Steigerung menschlicher Herrschafts-Gebilde...» (Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, 1888). Was nun, wenn das auch mit den viel gerĂŒhmten «christlichen Werten» geschieht...?
Nietzsches Schriften nahmen in geradezu prophetischer Weise die Entwicklungen und grossen UmstĂŒrze des 20. Jahrhunderts vorweg: «Denn wenn die Wahrheit mit der LĂŒge von Jahrtausenden [d.h. dem Christentum] in Kampf tritt, werden wir ErschĂŒtterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie getrĂ€umt worden ist. (...) Es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Der Begriff Politik ist dann gĂ€nzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt...» (Nietzsche, Ecce homo, 1883).
Die Weltkriege, der Wertezerfall, der ideologische Kampf um Einfluss und Deutungsmacht im Zeitalter der Postmoderne – dass sie mit ihrem Versagen zur Katastrophe beigetragen, sie gewissermassen sogar ausgelöst hat, entging – und entgeht wohl noch heute – einem Grossteil der Kirche. TatsĂ€chlich fĂ€llt das EingestĂ€ndnis dieser Schuld nicht leicht. Doch sollte es uns erstaunen, dass Christen nicht die besseren Menschen sind, dass auch uns nichts anderes bleibt, als beschĂ€mt und schuldbeladen vor Gott zu treten? «Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt SĂŒnder» schreibt Paulus (Römer 3,23). Genau dies ist das Evangelium: dass alle, wirklich alle, schuldig sind und Vergebung nötig haben – und dass Gott durch Jesus Christus allen diese Vergebung schenkt.


Ein neues GeschichtsverstÀndnis
Wie aber soll Glaube, wie soll Kirche aussehen nach Jahrhunderten christlicher Arroganz? Wir mĂŒssen – und dĂŒrfen – ein neues GeschichtsverstĂ€ndnis entwickeln als kollektives Volk Gottes. Wir haben in der WĂŒste gemurrt und vor Pilatus geschrien, wir haben unsere jĂŒdischen BrĂŒder und Schwestern verfolgt und unsere prophetische Stimme verloren in einer Zeit, in der sie nötiger gewesen wĂ€re als je zuvor. DafĂŒr können wir Busse tun und Schuld eingestehen – und auf jene Hoffnung verweisen, die auch unsere Hoffnung ist. Die Menschen um uns her, die genauso nach Neubeginn lechzen wie wir, sollen Erlösung gepredigt bekommen – und nicht noch einmal Moral.


Gott wirkt im Exil
In mancherlei Hinsicht befinden wir uns in einer Zeit des Exils. Diese Zeit ist auch eine Segenszeit und eine Zeit der Besinnung. Es ist die Zeit, die Gott gebrauchen möchte, um uns als Individuen und als kollektiven Leib Christi neu zu formen: „Die Umschmelzung [der Kirche] ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und LĂ€uterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen – , an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verĂ€ndert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen ĂŒber sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt ĂŒberwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkĂŒndigt...» (Dietrich Bonhoeffer Widerstand und Ergebung, 1944).


Jonas BÀrtschi hat die Referate und GesprÀche wÀhrend der Weiterbildungswoche im Campo Rasa zusammengefasst. Er ist Regionalleiter im Bereich Studium.

 

Diesen Artikel als PDF downloaden