Die Absolutheit des Christentums

von Martin Forster | 14.09.2012

Auf dem heutigen Markt bieten viele ihr Produkt als LebenserfĂŒllung an. Von Coca Cola bis zum Yoga fĂŒr Manager. Sie wollen punktuelle oder umfassende Sinnstifter sein. Die christliche Kirche ist lĂ€ngst nicht mehr die einzige Anbieterin. Solange Christen ihren Glauben im Privaten leben und sich in den dafĂŒr vorgesehenen GebĂ€uden versammeln, wird diese Form des Glaubens toleriert. Eine Nationalfondsstudie sagt, dass Religion im Leben vieler Menschen gar nicht mehr so wichtig sei. Das alles sind Symptome unserer postmodernen Gesellschaft. Wie sollen sich Â«ĂŒberzeugte» Christen in diesem Umfeld bewegen?

Anfangs des letzten Jahrhunderts entfachte der deutsche Theologe Ernst Troeltsch eine Debatte ĂŒber die Absolutheit des Christentums. Diese Diskussion war damals nicht neu, aber die wissenschaftliche BeschĂ€ftigung mit anderen Religionen drĂ€ngte dieses Thema auf. Was soll absolut sein am Christentum? Troeltsch sieht im Christentum die höchste Religion, aber nichts Absolutes. Darf eine Religion behaupten, sie sei die einzig wahre? Heute ist das meist gar kein Thema mehr, weil Religion eher zur Kategorie der «Hobbys» gehört. Die einzige wahre Religion ist fĂŒr viele Menschen die Wissenschaft, besonders die Naturwissenschaft – oder der freie Markt.

Die Naturwissenschaften erklĂ€ren die Welt. Tatsache ist, dass sich die Wissenschaften auch immer wieder geirrt haben. Das ist kein Problem, sondern gehört zum Wesen der Wissenschaft. Sie sucht nach Wahrheit, sie garantiert aber keine Wahrheit. Die Wissenschaft versucht, die bestmögliche ErklĂ€rung fĂŒr die Daten zu liefern. Trotz dieser Qualifikationen glauben viele Menschen an die Wissenschaften wie an eine Religion. Wir halten dagegen: Die Wissenschaften haben sich bewĂ€hrt in der ErklĂ€rung der Welt, aber sie eignen sich nicht als Religionsersatz.

Eine Stimme unter vielen

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der christliche Glaube höchstens noch eine Stimme unter vielen. Er kann moralische Appelle ausrichten oder «spirituelle Wellness» anbieten. In der Wahrheitsdiskussion, sofern sie noch gefĂŒhrt wird, ist der christliche Glaube aber kein Partner. Diese postmoderne Situation kann man bedauern. Ich sehe zwei mögliche Strategien, um darauf zu reagieren: Wir können entweder dieser Gesellschaft zeigen, dass ihre Grundannahmen philosophisch nicht haltbar sind. Hier gibt es eine ganze Reihe von wichtigen und hilfreichen Argumenten, die in eine Diskussion eingebracht werden könnten, die gar nicht stattfindet. Im Alltag – auch im Studienalltag – wollen viele Menschen die Grundlagen ihrer Weltanschauung gar nicht hinterfragen. Diese Strategie ist ein spannendes Feld fĂŒr Interessierte. Sie kann dort gute FrĂŒchte tragen. Die zweite Möglichkeit ist, dass wir uns an das postmoderne Klima gewöhnen und hier unser Christsein leben. Was bedeutet das?

Drei Varianten

Christen haben auf drei verschiedene Arten auf die religiöse Vielfalt in der Gesellschaft reagiert. Erstens mit ExklusivitĂ€t: Das ist die klassische Position der meisten christlichen Kirchen und Denominationen. Jesus Christus ist der einzige Retter der Welt und kein Weg zum Heil fĂŒhrt an ihm vorbei. Ausserhalb von Christus gibt es kein Heil. Die Überzeugungen, die sich zum Beispiel im apostolischen Glaubensbekenntnis artikulieren, werden ĂŒbernommen. Zweitens mit InklusivitĂ€t: VertreterInnen dieser Richtung halten daran fest, dass Jesus Christus die Selbstoffenbarung Gottes ist. Die nichtchristlichen Religionen bieten aber auch gangbare Wege zum Heil an. Jesus Christus hat fĂŒr alle das Heil erworben, das heisst auch fĂŒr AnhĂ€nger anderer Religionen. In dieser Richtung gibt es Christen verschiedener Schattierungen. Die katholische Kirche hat diese Position so formuliert, dass auch in anderen Religionen Strahlen der Wahrheit gefunden werden können. Es gibt auch «evangelikale» Theologen, die diese Position vertreten. Drittens mit Pluralismus: Es gibt eine FĂŒlle von Religionen, die alle vollwertige Heilsangebote machen. Sie alle bieten einen gĂŒltigen Weg zum einen Gott an. Hier kann und darf man nicht mehr zwischen den Heilsangeboten unterscheiden. Der amerikanische Theologe John Hick ist ein bekannter Vertreter dieser Richtung. Die Positionen zwei und drei entsprechen der AtmosphĂ€re in einer postmodernen Gesellschaft. Die exklusive Haltung wird heute meist als intolerant beurteilt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich die pluralistische Position aber als arrogant. Hier stellt sich jemand ĂŒber alle Religionen und beurteilt ihre Heilswege. Er oder sie schwingt sich zum Richter ĂŒber Gott und die Religionen auf. Das ist weder eine tolerante noch eine postmoderne Haltung.

Ist die ExklusivitÀt haltbar?

Christen, die sich auf die Bibel berufen, sind mit folgender Aussage konfrontiert: «Und es gibt in keinem anderen die Rettung, denn es gibt auch keinen anderen Namen unter dem Himmel, der gegeben wurde den Menschen, durch den wir gerettet werden sollen» (Apg. 4.12).

Diese Aussage machte Petrus als Gefangener vor dem Hohen Rat bei seiner Verteidigung. Die jĂŒdischen FĂŒhrer Ă€rgerten sich ĂŒber diese Worte. Sie akzeptierten den exklusiven Anspruch, den die JĂŒnger fĂŒr Jesus von Nazareth erhoben, nicht. Auch im damaligen religiös pluralistischen Umfeld des Hellenismus waren diese Worte anstössig. Man konnte glauben, was man wollte, nur nicht exklusiv. Der Satz passte also auch im 1. Jahrhundert nicht in die Gesellschaft.

Ein moderner Ausleger will uns helfen, wenn er sagt, dass Petrus mit dieser Aussage natĂŒrlich nicht die damals unbekannten Weltreligionen gemeint habe. NatĂŒrlich hat er das nicht. Aber hilft uns das? Wie sollen wir diesen Anspruch interpretieren? Im Neuen Testament finden sich sogar noch mehr «exklusive Aussagen» (Joh. 14.6 / 1 Tim 2.5f / Hebr 2.2 – 4). Vom Umgang des Alten Testaments mit anderen Religionen ganz zu schweigen. Petrus drĂŒckt hier etwas aus, was tief im Neuen Testament verwurzelt ist.

Wir leben in einer Gesellschaft, die den Pluralismus fĂŒr den richtigen Weg hĂ€lt. Die Bibel fĂŒhrt uns zu einer exklusiven Position. Das Wahrheitskriterium fĂŒr den christlichen Glauben ist nicht der gesellschaftliche Trend, sondern die Bibel und ihre Interpretation. Das öffnet einen Spielraum, aber keine Beliebigkeit. Die ersten Christen waren in ihrem Zeugnis fĂŒr Jesus eindeutig: Er ist Herr (1 Kor 12.3). Somit stehen wir vor der Herausforderung: Wie können wir eine exklusive Haltung in einer postmodernen Gesellschaft vertreten?

In der Vergangenheit sind Christen oft mit grosser Überheblichkeit aufgetreten. Sie spielten sich als Verwalter der Wahrheit auf. Die Geschichte zeigt leider auch das Scheitern der Kirche. Etwas Demut stĂŒnde uns gut an. Es ist höchste Zeit, dass wir die Menschen als vollwertiges GegenĂŒber ernst nehmen. Wir sind hoffentlich ĂŒberzeugt von der Wahrheit unseres Glaubens. Diese Überzeugung dĂŒrfen wir Menschen ohne Überheblichkeit anbieten.

Die Grundlage unseres Glaubens sind die biblischen Geschichten. Seit Tausenden von Jahren werden diese wunderbaren und herausfordernden Geschichten ĂŒberliefert. Das Nachdenken darĂŒber hat zu den grössten Kunstwerken der Welt gefĂŒhrt. Wir gehören zur Kette der Zeugen dieser biblischen Geschichten. Gott hat uns diese Geschichten anvertraut, damit wir sie weitererzĂ€hlen.

Die lebendigen Bibeln

Viele Menschen lesen die gedruckte Bibel nicht. Die Bibel, die die Menschen auch heute noch lesen, ist unser Leben. Wir sind Zeugen fĂŒr die Wahrheit des christlichen Glaubens. Mit unserem Lebensstil sollen wir nicht nur die Modetrends abbilden, sondern unserem Glauben ein Aussehen geben.

Die postmoderne Gesellschaft schwimmt auf vielen «Wahrheitsinseln». Jeder hat seine eigene Wahrheit: «Stimmt es fĂŒr dich?» Das Fundament fehlt einer solchen Gesellschaft. In vielen politischen und ethischen Diskussionen wird deutlich, dass die Grundwerte fehlen. Der christliche Glaube bietet solide Grundwerte an. Christen mĂŒssen die Relevanz dieser Grundwerte in ihrer Gesellschaft aufzeigen.

Bei vielen Zeitgenossen – auch bei Christen – ist «Mission» ein Unwort. Sie ist Ausdruck von Intoleranz und Fundamentalismus. Das sind Killerargumente. Mission gehört aber zum Wesen des Christentums. Sie ist kein Extra fĂŒr ein paar Angefressene. «Gott will, das alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen» (1 Tim 2.4). Vielleicht können wir die Menschen nicht ĂŒberzeugen, dass wir die Wahrheit haben. Das ist vielleicht auch gut so. Genuiner christlicher Glaube hat aber eine missionarische Dimension. Gott möchte Menschen durch uns erreichen, manchmal erreicht er sie auch trotz unserer BemĂŒhungen.