Das Evangelium – weder religiös noch beliebig

Das Evangelium – weder religiös noch beliebig

von Christoph Egeler | 20.06.2014

Warum der christliche Glaube keine Religion, sondern die gute Nachricht ist.

Die Ausgangslage: Viele Menschen bleiben auf Distanz mit Gott, a) weil sie selbst über ihr Leben bestimmen wollen, und b) weil Glaube für sie unattraktiv ist, da mit Pflichterfüllung, Moral, Intoleranz, etc. verbunden. Unter gläubigen Christen wiederum findet man nicht selten eine Art Minderwertigkeitskomplex, da sie als «religiöse Menschen» kein gutes Image geniessen und Glaube als etwas Irrationales abgetan wird. Zudem gehören sie erst noch einer scheinbar besonders seltsamen Religion an, in deren Mitte ein gekreuzigter Messias steht. Umso wichtiger ist, dass wir begreifen, dass das Christentum a) eigentlich gar keine Religion ist und b) dass die Botschaft vom Kreuz die beste und befreiendste ist, die es gibt! Timothy Keller bringt das auf den Punkt:
«Religion funktioniert nach dem Prinzip: ‘Ich gehorche, und darum nimmt Gott mich an.’ Das Prinzip des Evangeliums lautet: ‘Gott nimmt mich an, weil Christus alles für mich getan hat, und darum gehorche ich.’»1
Alle Religionen (inkl. ein religiös-moralistisches Christentum) funktionieren nach dem Prinzip: Ich lebe gut, erfülle Pflichten, halte Gesetze, bringe Opfer, etc., um mit Gott (bzw. einer Gottheit) ins Reine zu kommen und mir seine Aufmerksamkeit, Liebe und Erlösung zu sichern. Der säkulare oder liberale2 Lebensentwurf auf der anderen Seite funktioniert nach dem Prinzip: Ich bestimme selbst, was für mich gut und richtig ist; ich lebe frei und autonom, so wie es für mich stimmt. Im Gleichnis von den zwei (!) verlorenen Söhnen (Lk 15,11-32) veranschaulicht Jesus diese beiden Lebensentwürfe3.

Der jüngere Sohn steht für den säkularen oder liberalen Weg, für Selbstverwirklichung und Relativismus. Wer so lebt, ist stolz darauf, frei, selbstbestimmt und tolerant zu sein. Da er seinen Wert aber nicht aus der Tatsache beziehen kann, ein geliebtes Kind des Vaters (bzw. Gottes) zu sein, muss er seinen Wert aus anderen Quellen speisen (z.B. Leistung oder Anerkennung). Damit wird er unweigerlich zum «Sklaven der Welt»: «Die Liebe der Welt ist und bleibt abhängig von Bedingungen. Es ist eine Welt, die süchtig macht, weil das, was sie bietet, das tiefste Suchen seines Herzens nicht stillen kann. Jedesmal, wenn ich bedingungslose Liebe suche, wo sie nicht zu finden ist, bin ich der verlorene Sohn.»4 Somit ist dieser Lebensentwurf nicht nur von Stolz geprägt (s.o.), sondern auch von Angst, im Sinne von Unsicherheit bezüglich Selbstwert und Identität.
Das Verlorensein des älteren Sohnes ist weniger offensichtlich. Er ist gehorsam, pflichtbewusst und gesetzestreu. Als er aber mit der Freude über die Heimkehr seines Bruders konfrontiert wird, kommt sein unbarmherziges, engstirniges und stolzes Wesen ans Licht. «Auf seinen Bruder, einen Sünder, schaut er mit Verachtung herab; zu seinem Vater, einem Sklavenhalter, schaut er mit Furcht hinauf. Hier wird deutlich, wie verloren der ältere Sohn ist. Er ist zu einem Fremden im eigenen Haus geworden.»4 Der ältere Sohn steht für Religiosität und Moralismus: Ich gebe mir Mühe, und Gott hat mich dafür zu belohnen. Mit ihm wollte Jesus vermutlich den Pharisäern einen Spiegel vorhalten. Der ältere Sohn ist geprägt vom Stolz, gottgefällig und moralisch gut zu leben und somit ein besserer Mensch zu sein, als die «Sünder» oder die «Ungläubigen». Er lebt aber auch in der Angst, Fehler zu machen oder bestraft zu werden.
So verschieden die beiden Söhne bzw. die damit illustrierten Lebensentwürfe sind, beide sind geprägt und getrieben von den gleichen «Wurzelsünden»: Stolz und Angst. Und beide stehen unter dem Stress, sich selbst definieren und erlösen zu müssen (im religiösen oder säkularen Sinne). Jeder Mensch hat vermutlich eine Tendenz zum einen oder zum anderen, oder er ist hin- und hergerissen zwischen beiden. Beide aber sind so verloren, dass der Ausweg nicht ein Kompromiss oder eine kleine Korrektur sein kann, sondern ein komplett anderer Weg sein muss, ein «dritter Weg».
Genau das ist – oder wäre – der christliche Glaube, die gute Nachricht, das Evangelium. Die Römer haben das Christentum denn auch als «dritten Weg» oder «drittes Etwas» bezeichnet: die Christen passten nicht ins Schema «Religion» (Opfer, Tempel, Priester, Gesetz...), aber auch nicht ins Schema «gottlos» oder «unmoralisch». Auch diesen dritten (und einzig heilsbringenden) Weg zeigt uns Jesus im Gleichnis auf: am Beispiel des zurückkehrenden bzw. zurückgekehrten jüngeren Sohnes! Ein Leben aus Gnade. Das ist das Evangelium. Es ist weder liberal-relativistisch («Gott liebt dich, es kommt nicht darauf an, wie du lebst!») noch moralistisch-religiös («gib dir Mühe, erfülle deine Pflichten!») und auch kein Mittelweg dazwischen, sondern etwas ganz Anderes: Die Botschaft vom Kreuz und von der Auferstehung. Gottes Heiligkeit und Wahrheit übersteigen die Vorstellungen des religiösen Moralisten, denn keiner kann vor Gott genügen! Gleichzeitig sprengen seine Liebe und Gnade die Phantasien des liberalen Relativisten, denn Jesus ging für uns ans Kreuz! Das Kreuz ist nicht von ungefähr so zentral im Christentum! Leider wurde und wird es vielerorts von «christlichen Werten», Moral oder Macht verdrängt.
Das Kreuz zeigt, wie schlimm es um uns steht, und gleichzeitig wie sehr Gott uns liebt. Ohne das Kreuz sähen wir weder das Eine noch das Andere in dieser Deutlichkeit. Dass Jesus für mich sterben musste, weil ich ein so hoffnungsloser Fall bin, zerstört meinen Stolz. Dass Jesus für mich sterben wollte, weil ich so wertvoll und geliebt bin, befreit mich von meinen Ängsten, nicht wirklich geliebt zu sein oder nicht zu genügen5. Wer seine Identität darauf baut, wird befreit von Überheblichkeit und Stolz, gut zu sein oder besser als der Andere, aber auch von Minderwertigkeit und Angst – den Merkmalen beider verlorener Söhne bzw. Lebensentwürfe! Moral dressiert bestenfalls das Verhalten. Das Evangelium aber verändert das Herz.
Dies sei am einfachen Beispiel «Lügen» veranschaulicht: Der liberale Relativist findet es legitim, ab und zu zu lügen; er sieht das nicht so eng. Welches aber sind die Wurzeln des Lügens? Es ist Stolz und/oder die Angst, zum Beispiel sein Gesicht zu verlieren! Der religiöse Moralist versucht, nicht zu lügen, denn Lüge ist Sünde! Die Wurzeln seines Nicht-Lügens aber sind: Stolz (ein guter Mensch zu sein, besser als die Sünder) und/oder Angst (moralisch korrektes Verhalten aus Angst vor Gottes Zorn oder Strafe)! Sowohl das Lügen des Relativisten als auch das Nicht-Lügen des Moralisten entspringt einem Herzen voller Stolz und Angst! Weil die Botschaft vom Kreuz aber Stolz und Angst im Herzen zerstört oder zumindest verringert, wird jeder, der daraus lebt, weniger lügen – und allgemein moralisch gut leben – aber aufgrund eines veränderten Herzens! Wie Jean Valjean in «Les Misérables», der nach einem Diebstahl im Haus des Bischofs radikale Gnade anstatt Strafe erfährt. Dies verändert ihn total, er wird ein guter Mensch – nicht aufgrund von Pflicht, Druck, Stolz oder Angst, sondern aufgrund eines durch Gnade veränderten Herzens.

Gottes Gnade ist uns ohne Verdienst geschenkt. Er nimmt uns an, wie der Vater den zurückgekehrten jüngeren Sohn; nicht aufgrund von irgendetwas, das wir zu bieten haben. Diese Gnade aber ist nicht «billig», sondern «teuer» (Dietrich Bonhoeffer), weil sie a) Gott am Kreuz alles gekostet hat, und b) uns in die Nachfolge ruft. Der religiöse Moralist gibt etwas: Er verhält sich moralisch gut, geht zur Kirche, etc. und erwartet dafür eine Gegenleistung von Gott. Der ganz aus der Gnade lebende Nachfolger Christi gibt nicht etwas, sondern sich selbst. Er möchte ganz Gott gehören und ihm gehorchen – als Antwort darauf, dass Gott in Jesus Christus sich ganz gegeben hat. Man kann mehr oder weniger religiös sein. Religion ist Tauschhandel. Echtes Christsein hingegen ist Hingabe des ganzen Lebens, «Selbstverleugnung» (Lk 9,23-24), alles oder nichts, ganz oder gar nicht. Das ist radikal, aber gleichzeitig die grösste Freiheit, denn «in der Nachfolge kommen die Menschen aus dem harten Joch ihrer eigenen Gesetze unter das sanfte Joch Jesu Christi» (Dietrich Bonhoeffer). Ausgedrückt mit Worten aus dem Choral von Isaac Watts (1707):
«When I survey the wondrous cross
on which the prince of glory died,
my richest gain I count but loss,
and pour contempt on all my pride (...)Love so amazing, so divine,
demands my soul, my life, my all.»

 

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