Das Geheimnis ist gross: Christus in mir

Das Geheimnis ist gross: "Christus in mir"

von Ruth Maria Michel | 06.06.2004

Christus: der Gesalbte. Einer, der von Gott einen Auftrag erhält. Ein Mandat. Eine Vollmacht. Er ist der Be-auftragte, der Be-vollmächtigte, der als Botschafter Gesandte.

Paulus redet von Christus, der in uns lebt und heranreift, bis wir seine ganze Gestalt in uns Fragen: "Christus ist in mir."1

Viele Menschen in der Kirchengeschichte zeigen: Je mehr sie aus der tiefen Realität heraus lebten: „Christus, Du lebst in mir“, desto mehr gewannen ihre Person und ihre Spiritualität an Strahlkraft.

Ein schöner theologischer Gedanke? Weit weg von unserer Lebensrealität, in der unzählige Informationen auf uns einstürzen, unser Geist ständig „in action“ ist und die inneren Energiebatterien verbraucht werden? Im Meditieren tanken wir unsere Batterien wieder auf und schöpfen Kraft aus einer Quelle, die immer da ist. Wir besinnen uns auf die Realität: „Bei Dir, Gott, ist der Quell des Lebens“ (Psalm 36,10a). Dieser Lebensquell „Christus in mir“ ist mehr als nur ein Gedanke. Ich öffne mich der Realität: Gott, Du bist da. Jetzt. Immer. Das brauche ich nicht zu spüren, sondern zu üben: „Gott, der Dreieine, ist nicht nur Gegenüber ausserhalb von mir, ER ist Gegenüber in mir. Ist das nicht Weltflucht? Mich nach innen richten und alles andere loslassen? „In der Übung der Kontemplation lasse ich die Welt los, um mich ihr in der Aktion anders – mit Gott neu im Herzen – zuwenden zu können2.“

Es gibt nicht Gutes, ausser man tut es:

  1. Ich nehme mir an 4 Tagen die Woche je 20 Minuten Zeit.
  2. Ich suche einen Ort, an dem ich ungestört bin und nehme eine aufrechte Haltung ein (Sitzen, Knien).
  3. Ich werde still, indem ich auf meinen Atem achte, wie er kommt und geht, ohne dass ich etwas dazu beitrage: ein – aus, ein – aus. An den Atem kann ich Worte binden. Beim Einatmen: „Ich...“ und beim Ausatmen „...lass mich Dir.“
  4. Ich folge den Anregungen der beiden untenstehenden Ãœbungen.

Erste Ãœbung

Ich lese langsam – immer wieder, wenn möglich laut – und lasse die Worte auf mich wirken. Vielleicht verweile ich bei nur einem Vers.

  • Jesus sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und das Mahl mit ihm halten und er mit mir (Offb 3,20).“
  • „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis ... Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, empfan- gen habt, so wandelt in IHM, gewurzelt und auferbaut in IHM und gefestigt im Glauben, ... und nehmet darin zu mit Dank- sagung (Kol 2,3.6f ).“
  • „Ich lebe, aber nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20).“
  • „...Christus ist in euch, die Hoffnung auf Herrlichkeit ... (Kol 1,27).“
  • „Meine Kinder, um die ich abermals Geburtsschmerzen leide, bis Christus in euch Gestalt gewinnt (Gal 4,19).“
  • Jesus sagt: „Bleibet in mir und ich bleibe in euch (Joh 15,4).“

Jesus Christus in mir ... das Geheimnis ist gross ...

Jesus Christus in mir Gestalt gewinnen lassen ...

Ich bitte Gott, dass er mir zeigt, wie das aussehen könnte.

Zweite Ãœbung

Paulus beschreibt Gott als den Herabsteigenden. In seinem Herabsteigen nimmt er die Gestalt und das Gesicht von Jesus Christus an (Philipper 2,5ff ). Er wird der Anfang eines neuen Lebens in uns und der Begleiter für uns. Susanna Oppliger schuf ein eindrückliches Lied und einen Kreuzweg dazu3.


Ich lese langsam: Christus in mir ...

... der Rettende

... der Liebende

... der Barmherzige

... der Freund der Sünder

... der Wahrhaftige

... der Leidenschaftliche

... der Versöhnende

... der Geängstete

... der Gehorsame

... der Gefangene

... der Schweigende

... der Leidende

... der Geschlagene

... der Schreiende

... der Sterbende

... der Verlassene

... der Auferstandene

... der Lebendige

... der Erhöhte

... der Sendende

... mein Licht in der Dunkelheit

... Leben und Kraft.

 

Ich wähle eine Aussage aus und vergegenwärtige sie mir mit Hilfe des Atems während 10 Minuten, z.B. beim Einatmen: „Christus in mir ...“ und beim Ausatmen: „...Leben und Kraft.“ Wenn ich einen Monat lang jeden Tag 10 Minuten so betend atme, werde ich gelassener und Gott-gewärtiger leben – im fordernden Alltag.

 

1 Vgl. das fundierte Buch von Jörg Zink: „Dornen können Rosen tragen. Mystik. Die Zukunft des Christentums“. Kreuz Verlag, 1997.

2 Walter Gasser im VBG-Manuskript „Wesen und Praxis christlicher Kontemplation“, erhältlich im VBG-Sekretariat.

3 Modifiziert nach Susanna Oppliger: Liederheft und CD „Wenn ihr mich sucht“ und Bild- und Textheft zum Kreuzweg „Christus in mir“, Haus der Stille Sunnebad, 8499 Sternenberg.

 

Zuerst erschienen in BST 5/2004