Das Zukunftsmanifest

von Matthias Horx |

Dieses Buch beschreibt die Zukunft der europĂ€ischen Demokratien im Zeitalter von Globalisierung, Individualisierung und Information. Es setzt dem grassierenden Pessimismus einen realistischen Optimismus gegenĂŒber und skizziert die "New Deals" des 21. Jahrhunderts. "Dieses Buch ist ein Gegengift gegen den allgegenwĂ€rtigen Pessimismus und die Jammerkultur der Deutschen."
Horx, Matthias. Das Zukunftsmanifest. Aufbruch aus der Jammerkultur. ISBN 3548750249. Econ 2001. 336 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther.

Zwei Anstösse haben zu diesem Buch gefĂŒhrt:

  1. Der Begriff „Kultur des Wandels“ (Josef Joffe 1996 SĂŒddeutsche Zeitung). Diese Kultur verlangt nach einer Haltung, die gerade in Sachen Zukunft so wichtig ist: Gelassenheit. Das Buch durchzieht eine Hoffnung: dass Modernisierung, Anpassungszwang, VerĂ€nderung unsere Gesellschaft nicht nur â€žĂŒber-fĂ€llt“, sondern dass wir sie bewusst zu gestalten vermögen.
  2. Der zweite Teil der Motivation, dieses Buch zu schreiben, stammt aus der entgegengesetzten Ecke: aus der Abneigung gegen das Überhandnehmen des Alarmismus, jener panischen Haltung der Zukunft gegenĂŒber, mit der in unserem Kulturkreis Aufmerksamkeit erzwungen wird. Die grossen Aufgaben unserer Zeit - die BewĂ€ltigung einer neuen Modernisierung, die sich durch Individualismus, Informationsgesellschaft, Globalisierung auszeichnet - mĂŒssen in Form von neuen Kontrakten Gestalt und Wirklichkeit werden.

Erster Teil

Die Grammatik des Wandels

Wie Bilder, MentalitÀten, Moralvorstellungen und steigende KomplexitÀt unsere Zukunft formen.

1. Die verÀnderten Bilder der Zukunft

Von der technischen Utopie der 60er Jahre zum Retro-Futurismus der Jahrtausendwende


FrĂŒhere Zukunftsbilder: In der Zukunft war alles besiegt, was ein Kind beunruhigen konnte: Kriege und Regenwetter, Arbeit und Armut, Schmutz und Krankheit. Die Zukunft war voller knisternder Geheimnisse, die auf Eroberung warteten. Es herrschte die Stimmung: Alles ist machbar!


Weshalb aber hat die Zukunft ĂŒber Nacht ihre Gestalt dermassen verĂ€ndern können? Sie wurde eine endlose Aneinanderreihung von DĂŒsternissen. Artensterben, Giftskandalen, Überbevölkerung, Atemtod, Siechtum.


ZurĂŒckblickend kann man sagen, dass so gut wie alle Prophezeiungen der Futurologie der 50er und 60er Jahre der RealitĂ€t nicht standhielten. Die meisten Studien kamen zu völlig verfrĂŒhten technologischen Durchbruchsprognosen. Daraus lĂ€sst sich die simple Lehre ziehen: Zukunft wird nicht von Technologie alleine erzeugt. Doch die Fehlprognosen blieben nicht auf das Lager der TechnikglĂ€ubigen beschrĂ€nkt. Auch die Mahner irrten sich - vgl. „Die Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome).


Die Zukunftsforschung der „Zweiten Generation“, die Trendforschung besitzt nicht mehr den Fokus „Die Welt in 20 Jahren“, sondern die vollendete Gegenwart. Sie fragt nicht so sehr nach dem Utopischen, sondern analysiert das Prozesshafte im Heute. Ihr Interesse gilt den unbewussten KrĂ€ften, die Gesellschaften, Kulturen und MĂ€rkte formen und verĂ€ndern. Ihre Grammatik bezieht sich auf Wandlung, nicht auf Erfindung.


Die neuen Parameter der Zukunft

Kultur-Recycling: Das Recycling der kulturellen Muster nimmt so radikale Ausmasse an, dass „das Neue“ als Kategorie auszusterben droht („Ende der Avantgarde“ „Comeback des Comebacks“ in Musik und Mode).


Das zweite Universum: Cyberspace. Was aber bedeutet es, wenn immer mehr Menschen immer mehr Lebenszeit in Simulationen verbringen, in artificial enviroments? Wie verÀndert sich unsere Kultur, wenn wir Tamagotchis statt realer Kinder pflegen, wenn wir nur noch virtuelle Filmstars bewundern?


Erste These: Wenn der Druck des KĂŒnstlichen auf die Wirklichkeit zunimmt, splittert sich die Zukunft auf in unendlich viele mögliche ZukĂŒnfte, die allesamt an Bedeutung verlieren. Denn im Kontinuum des virtuellen Raumes gibt es weder Gegenwart noch Zukunft. Wenn alles möglich ist, ist nichts mehr wirklich wichtig. Wir verlieren auf die Dauer die Vorstellung eines Zeitstroms von heute nach morgen. Wir entwickeln eine Kultur der Zeitlosigkeit.


Zweite These: Die Auslagerung von weiten Teilen der Wirklichkeit in den virtuellen Raum fĂŒhrt ĂŒber kurz oder lang zum Niedergang des technischen Fortschrittes. Stanislaw Lem beschreibt in seinem letzten Roman eine Gesellschaft, die genĂŒsslich degeneriert auf einem Planeten dahinvegetiert. Sie hat nicht das geringste Interesse an irgendetwas.

Utopie von Oben: In den 60er und 70er Jahren redeten gerne die Linken von Utopien eines anderen Lebens. Heute hat sich die Hierarchie des utopischen Stromes umgedreht. Die ehemaligen Rebellen benĂŒtzen eher Typologien der Bewahrung, ihre Utopien gelten der Langsamkeit, dem Konservieren. VisionĂ€res Vokabular wird von Managern benutzt, von jenen, die man frĂŒher eher als die Herrschenden bezeichnet hĂ€tte.


Technisches Nirvana: Erkenntnisse, die zu wichtigen Anwendungstechnologien fĂŒhren, entwickeln sich offensichtlich nach den Gesetzen springender KomplexitĂ€t. Nach einer schnellen, erfolgreichen Phase von ForschungsdurchbrĂŒchen wird jeder weitere Schritt mĂŒhselig und zĂ€h. Wir leben eher in einer technologischen Zwischenzeit. Es geht nicht um die grossen DurchbrĂŒche sondern um mĂŒhsame Grundlagenforschung. Die wirkliche Revolution spielt sich nicht so sehr in den Technologien ab, sondern in den Produktionsweisen. Nie war die Vision eines freien, schrankenlosen Welthandels so nahe an der Wirklichkeit wie heute. Rationalisierung und Automatisierung der materiellen Produktion nehmen ĂŒberall in rasantem Tempo zu.


Der Schmetterlingseffekt, der fĂŒr das chaotische System des Wetters gilt könnte auch fĂŒr die Entwicklung von Zivilisationen, Technologien und Menschenbilder gelten. Das Wetter lĂ€sst sich nicht genau berechnen weil die Gesetze, die es regnen lassen, sich der Ausrechenbarkeit entziehen. „Ein System, das das Wetter langfristig voraussagen kann, mĂŒsste mindestens ein MolekĂŒl grösser sein als das Universum“.


De-Futurisierung: Jeder Trend - jede VerĂ€nderungsströmung - erzeugt einen Gegenreflex, einen Retrotrend. Globalisierung mehr Heimatverbundenheit; Virtualisierung mehr Umgang mit dem Computer, simulierte Erlebnisse, MedienĂŒberflutung ruft nach Ehrlichkeit, AuthentizitĂ€t. Je grösser die Waren-Diversifizierung desto mehr steigt das BedĂŒrfnis nach einem ganz simplen Produkt. Es gab auch schon immer rĂŒckwĂ€rtsgewandte Bewegungen und Resistenz gegen den Fortschritt. Es spricht aber viel dafĂŒr, dass in unserer entwickelten Individualgesellschaft die Spannweite dieser Trend-Gegentrend-Mechanik zunimmt. Sowohl John Naisbitt als auch Charles Handy reden in ihren letzten BĂŒchern vom „Paradox“ als dem zentralen Thema. Könnte es sein, dass nicht nur die Zukunft selber ihre Gestalt Ă€ndert? Dass wir es sogar mit anderen Grammatiken der Zukunft zu tun haben werden, dass die Zukunft z.B. ihre LinearitĂ€t langsam verliert, weil die Gesellschaft eben vielgestaltiger und widersprĂŒchlicher- eben komplexer- wird? Könnte die Zukunft vielleicht sogar irgendwann anfangen im Kreis herumzugehen?


Die Gestalt der Zukunft entscheidet sich in unserem Denken, unserer mentalen Ausstattung, unseren moralischen Haltungen und weniger an der Front der technischen Innovation.

2. Das Abenteuer KomplexitÀt (K)

Vom binĂ€ren zum komplexen Denken: Warum die KomplexitĂ€tstheorie den SchlĂŒssel zur Zukunft bietet


Simultane Wahrheit: Meine erste FeindberĂŒhrung mit dem PhĂ€nomen der KomplexitĂ€t hatte ich in den Wirren der SpĂ€tpubertĂ€t. Damals befiel mich bisweilen das GefĂŒhl, den Verstand verlieren zu mĂŒssen, weil alles gleichzeitig wahr schien. Alle hatten recht mit ihren kontrĂ€ren Sichtweisen der Welt. Ein Chaos von möglichen Wertedefinitionen prasselte auf meinen verunsicherten Geist ein.


Was ist KomplexitĂ€t: Komplex empfinden wir zunĂ€chst das Differenzierte, das noch unbekannt ist. K. auch im Sinne von Differenziertheit, Verschiedenheit, MultioptionalitĂ€t (Egon Friedell 1929: „Kultur ist Reichtum an Problemen“). Jeder von uns kann Wachsen von K. in seinem Leben spĂŒren.

Als ein Zuwachs an Optionen: des Lebens, der Entscheidungen, der WidersprĂŒche.

Als ein stÀndiges Mehr an Wahlmöglichkeiten, Informationen, Ambivalenzen.

Als Verlust von Eindeutigkeit.

Steigende K. macht sich zunÀchst einmal durch Kopfweh bemerkbar. Zivilisation besteht im Versuch, immer mehr K. lebbar zu machen.

 

Complex living

AltersamorphitĂ€t: Ein probates Mittel, Gesellschaft zu ordnen und jedem seinen Platz und seine Rolle im Leben zuzuweisen, ist das Alter. Gerade aber in den Altersrollen erzeugt unsere Gesellschaft geradezu abenteuerliche Verwerfungen (z.B. GebĂ€ralter bis weit ĂŒber 40 - Grossmutterwerden zw. 30 und 80). Überall besteht die „zweite Chance“. Die Konsequenz zeigt sich in wachsender Altersunordnung.


Neue Elternschaft: Was Vater- und Muttersein bedeutet, ist heute ein weites Feld, auf dem man sich verirren kann. Eltern wollen heute Elternschaft nicht mehr als ausschliessliche Selbstdefinition gelten lassen - sie kĂ€mpfen gegen zuviel Rollenzuweisung. Gleichzeitig wachsen die pĂ€dagogischen AnsprĂŒche. Kindliches Verhalten wird auf allen Ebenen problematisiert: Ist diese SchreibschwĂ€che eine Legasthenie? Ist klein Nicole zuwenig kommunikativ? Hat Michael Aggressionsprobleme? ...


SekundĂ€rfamilien: Scheidungen und neue Kombinationen aller Art machen es nicht einfacher: Mit dem Telefonhörer in der Hand das Essen kochen, drei Hausaufgaben abnehmen, einen gewalttĂ€tigen Streit zw. den Kindern schlichten, den Elektriker einweisen, Ehemann Nummer 1A zu einem Elternabend einladen  ...


Die Kultur der Wahl lĂ€sst ihren Mitgliedern ungleich mehr Optionen als den vergangenen Generationen, erzeugt aber auch ein unaufhörliches Anschwellen von Anforderungen. Der einzelne steht unter IdentitĂ€tsstress - er wird gezwungen, Verantwortung fĂŒr immer mehr Teilbereiche seiner IdentitĂ€t zu ĂŒbernehmen. Es regiert das Gesetzt des Mehr. Ich muss mehr Engagement in meinem Beruf haben. Ich muss mehr fĂŒr meine Kinder / meine Freunde / meine Karriere / meine Bildung / mein Bewusstsein / meinen Körper / meine Eigenzeit / meine Weiterbildung / meine spirituelle Entwicklung tun. Im „immer mehr“ zeigt sich nichts anderes als der KomplexitĂ€tsdruck, der unsere Gesellschaft befallen hat. ZunĂ€chst erzeugt dieser Druck, vor allem ein PhĂ€nomen, das heute zu einem weitverbreiteten LebensgefĂŒhl geworden ist: existentiellen Stress.


Gelungene und missglĂŒckte KomplexitĂ€t

An der Evolution ökonomischer Systeme lassen sich die KomplexitĂ€tsgesetze gut studieren. Die Firma X produziert Autos. Da die Kunden - die Individualisierung grassiert - immer mehr SonderwĂŒnsche anmelden, steigt die Anzahl der Produkte innerhalb weniger Jahre rapide an. Durch die immer weiter perfektionierte Produktion, die neue Logistiken und Nahtstellen zu anderen Branchen erzeugt, kommt der Konzern auf den Gedanken: Wie wĂ€re es, noch Schiffswerften dazuzukaufen?

Aber wie in der natĂŒrlichen Evolution kann auch im Ökonomischen Aussdifferenzierung schiefgehen, wenn eine zweite wesentliche Kategorie nicht funktioniert: Die Integration. Steigt die Verschiedenheit in einem System zu sehr an, ohne dass die AnziehungskrĂ€fte, das Gemeinsame, mithalten, kann das System wie ein Sandkuchen auseinanderbröseln. Der Konzern z.B. wird zum Gemischtwarenladen. Jedes Einzelprodukt verlangt eine völlig andere Logik. Synergien verwandeln sich in Subventionen.

Man kann es auch so formulieren: Ein System - eine Firma, eine Gesellschaft, ein Leben - ist dann gelungen komplex, wenn es in der Lage ist, scheinbar paradoxe PhÀnomene auf einer höheren Ebene in sich aufzuheben und zu einem Ganzen zu integrieren. Alles andere ist nur Kompliziertheit - mit der Tendenz zum Chaos.


Ein typisches Beispiel fĂŒr unerlöste KomplexitĂ€t (Kompliziertheit) lĂ€sst sich in der modernen Geschlechterbeziehung finden. Hier zeigt sich die scheinbar paradoxe Grundregel: Gleichheit schafft ÜberkomplexitĂ€t. MĂ€nner erwarten von Frauen heute mehr und mehr FĂ€higkeiten, die frĂŒher als „mĂ€nnlich“ galten z.B. sollten sie sich selber ernĂ€hren können. Sie erwarten aber auch weibliche FĂ€higkeiten: Sorge, MĂŒtterlichkeit, klassische Rollenbilder. Frauen erwarten von MĂ€nnern im Gegenzug mehr und mehr „weibliche“ QualitĂ€ten (Haushalt, Kindererziehung). Frauen fordern mehr SensibilitĂ€t von MĂ€nnern, aber gleichzeitig mehr charakterliche StĂ€rke, ja sogar noch mehr MĂ€nnlichkeit und VirilitĂ€t. Sie sind keineswegs bereit, auf materielle Sicherheiten zu verzichten, sie wollen sie aber zu  anderen Konditionen. Sie haben gelernt zu fordern und ihre sexuellen BedĂŒrfnisse selbstbewusst durchaus im „mĂ€nnlichen Sinne“ zu artikulieren.

Das BedĂŒrfnisfeld zwischen MĂ€nnern und Frauen weitet sich immer mehr aus: Ich will, dass du so und so bist, aber wenn du es bist, bin ich dennoch unzufrieden. Was fĂŒr evolutionĂ€re Prozesse gilt, gilt auch in der Geschlechterbeziehung: Wenn die Spezialisierung innerhalb eines Systems reduziert wird, steigen die Konkurrenz und die Kosten. Jeder Akt muss erst in seinen Grundlagen mĂŒhsam aus verhandelt werden. Lernprozesse und Synergien sind mĂŒhsam; wenn keiner mehr in irgendeinem Bereich WissensvorsprĂŒnge erwerben kann, sich unterscheiden, auf eine bestimmte Rolle zurĂŒckziehen kann, kann er auch nichts lehren. In Krisensituationen erschweren komplizierte Abstimmungsprozesse schnelle und effektive Reaktionen.

Die Konsequenzen sehen wir an modernen Partnerschaftsbeziehungen: Alle machen alles, aber niemand macht etwas richtig gut und ohne schlechtes Gewissen. Und alle rennen unentwegt der Zeit hinterher und werden von Stress getrieben!

In der Gesellschaft hat sich keine neue Integrationsformel durchgesetzt, die die entstandene KomplexitĂ€t wieder binden könnte. Wenn sich ein System ausdifferenziert, aber noch keine neue Kodierung auf einer komplexeren Ebene gefunden hat, bilden sich Paradoxe: Frauen schwanken zwischen Girlie-AuffĂŒhrungen und neuer MĂŒtterlichkeit; MĂ€nner zwischen Softietum und Flucht in die Computerwelt. Und fĂŒr beide gibt es die Flucht in Workoholismus. Statt der Integration siegt quer durch die ganze Gesellschaft ein moralisch verbrĂ€mter Darwinismus: optimierte Partnerwahl, gegenseitige Ausbeutung der Ressourcen, Eskalation der Forderungen an das jeweils andere Geschlecht. Die WĂŒnsche der Geschlechter aneinander werden heillos - sie wandern ab in Bitterkeit, EnttĂ€uschungskreislĂ€ufe, sich selbst erfĂŒllende Prophezeiungen (MĂ€nner bringen es eh nicht! - Frauen sind ja doch nur egoistisch).


Im realen Leben existieren zwei grundsĂ€tzlich verschiedene Arten des Komplexen, die sich gegenseitig bedingen und ergĂ€nzen. Das eine komplexe Prinzip zielt auf Transzendentierung des Bestehenden, es ist das mĂ€nnliche Prinzip des „Mehr“ und „Weiter“. Das MĂ€nnliche, wenn es sich dem Komplexen widmet, hat Spass an Überschreitungen. Es will hinauf in die Höhen der Abstraktion (immer weiter, bis dahin, wo niemand mehr folgen kann). Es will Unmögliches möglich machen. Es will Kontrolle. Jede Managementaufgabe ist in Wirklichkeit ein komplexes Spiel, das seinen Eros aus der Grösse der Aufgabe bezieht: Überschreitung lautet die Herausforderung.

Frauen haben meist einen anderen Umgang mit KomplexitÀt. Weibliche KomplexitÀt zielt auf die Integrierung und Stabilisierung der schon vorhandenen KomplexitÀt. Sie bevorzugt Balance vor Dynamik. Sie entschleunigt KomplexitÀt - und ermöglicht sie dadurch erst als dauerhafte Lebensform.


Strategien der KomplexitÀtsreduzierung

Feinde: Ein probates Mittel, unertrĂ€gliche KomplexitĂ€t zu reduzieren, ist die Konstruktion von Ă€usseren Ablenkungen und Projektionen. Diese Methode ist seit Beginn der Menschheit wohlerprobt. In den Stammesgesellschaften diente der Krieg als Mittel, IdentitĂ€tskrisen aufzufangen - wurde der Stamm, die Gruppe, zu gross, differenzierte sie sich zu sehr aus, brachen innere Streitigkeiten aus, konnte der Feldzug gegen Ă€ussere Feinde wieder einen. Aus diesem jahrtausendalten Mechanismus erklĂ€rt sich auch der ungeheure Bedarf an Verschwörungstheorien bis in unsere Tage. VerschwörungsĂ€ngste stiften Gemeinschaftsgeist, wenngleich einen „bösen“. Jede Sekte, aber auch jede unsichere IdentitĂ€t, kann sie brauchen, um ihre Binnenstruktur homogen zu halten. Jede Ideologie benötigt einen Hauptfeind, und sei er noch so abstrakt („Imperialisten“, „Weltjudentum“ „das Ausland“), um die innere Welt „clear“ zu bekommen.

Hier liegt genau der SchlĂŒssel zum Erfolg populistischer, aber auch totalitĂ€rer Strategien: In unreifen oder ĂŒberkomplexen Strukturen ist der „KomplexitĂ€tsreduzierer“ stets so etwas wie ein Gott, der die Menschen wieder mit sich selbst und der Umwelt ins Gleichgewicht bringt: „Alle eure Probleme kommen letztlich von den Juden / dem Kapital / den Behörden /  den UmweltschĂŒtzern“. Mit anderen Worten: Wir haben es hier mit einer Strategie des Primitiven zu tun. Sie erlöst nicht die gestiegene KomplexitĂ€t, sie fĂŒhrt allenfalls dazu, dass wir uns etwas besser fĂŒhlen.


Untergang: Weltuntergangsbeschwörungen erfĂŒllen den Job der KomplexitĂ€tsreduzierung besonders gut, wenn es darum geht, verwirrende Entwicklungen in der Gesellschaft möglichst schnell „kleinzukriegen...“ Immer dann, wenn der KomplexitĂ€tsdruck wĂ€chst, wenn Gleichzeitigkeiten, Ambivalenzen, Paradoxa zunehmen, flĂŒchtet sich ein Teil der öffentlichen Meinung in Phantasien des Untergangs und des Verfolgungswahns. Das Interessante an den Weltuntergangstheorien ist, dass sie ihre Verfechter, mit Ausnahme einiger besonders kranker Paranoiker, ruhig schlafen lassen. Denn im Zentrum der Angst versteckt sich Beruhigung. Im Untergang trĂ€umen wir die Regression in eine Vorzeit, in der „alles noch ganz einfach“ war. Nach dem Zusammenbruch der böse gewordenen Zivilisation folgt ein Urzustand, der die Ordnung wiederherstellt.

Das Problem mit den Untergangsphantasien ist, dass sie eine Menge fĂŒr sich haben. Jede Gesellschaft erzeugt bei steigender KomplexitĂ€t Wirbel und Systemkrisen. Jeder Zivilisationsschub ist ein Risiko. Jedes Steigen von KomplexitĂ€t kann nur gelingen, wenn sich genĂŒgend „systemische Kraft“ findet, um das System auf einer höheren Ebene zu integrieren. Wie man diese Tatsache mörderisch ausnutzt, zeigte vor allem der Nationalsozialismus, der auf einer klassischen Dekadenz-Endzeit-Vision fusste.


Medien: In der modernen Gesellschaft obliegt die Aufgabe, aus dem ungeheuren Chaos der Gleichzeitigkeiten so etwas wie „Sinn“ zu destillieren, zunehmend den Medien. Die Funktion der Medien, ihr eigentlicher „Code“, liegt in ihrer FĂ€higkeit zu KomplexitĂ€tsvermeidung begrĂŒndet.

Drei „P“-Techniken haben sich hierbei bewĂ€hrt:

Personalisierung, Polarisierung und Profanisierung.

Personalisierung reduziert gesellschaftliche KomplexitĂ€t, indem sie alles in einem Gesicht, einem prominenten Namen konzentriert und dabei zugleich Unterschiede nivelliert: Die da oben sind so wie wir. Auch die Reichen können tief fallen. Die Welt ist am Ende doch gerecht: Auch Schönheit kann unglĂŒcklich machen! Auch Geld zeugt Probleme!

Polarisierung:

Profanisierung: Wir kennen alle aus dem Fernsehen diesen unheimlichen Sog, mit dem das Differenzierte in die Dramaturgie des Zwei-Sekunden-Takes gepresst wird.

Sind sie fĂŒr Genschafe oder dagegen? Politik? Ist uns viel zu anstrengend! Wirtschaft? Nun machen Sie es mal nicht so kompliziert. Die Konsequenz: Wir schlagen uns auf die Schenkel und tanzen Polonaise.

Wir sollten uns hĂŒten, diese PhĂ€nomene moralisch zu werten. KomplexitĂ€tsreduzierung ist ein universelles BedĂŒrfnis, das wenig mit Sprachmacht oder Bildung, Schicht oder Klasse zu tun hat. In einer stĂ€ndig komplexer werdenden Welt, in der Überinformation zum existentiellen Problem des einzelnen wird, mĂŒssen die Medien zwangslĂ€ufig mindestens ebensoviel „Informatiom“ zerstören, wie sie aussenden - im Sinne einer minimalen Informations-Ökologie. Das ist gewissermassen ihre hygienische Aufgabe.


Vertrauen: Ich habe mich bis zu diesem Punkt lediglich mit Techniken befasst, die KomplexitĂ€t vermeiden -  indem sie sie auf ein fĂŒr die Psyche ertrĂ€gliches Mass reduzieren. Aber welche Kulturtechniken können wir anwenden, wenn wir KomplexitĂ€t aushalten und integrieren, womöglich sogar steigern wollen?

ZunĂ€chst ist eine Kraft wesentlich fĂŒr die Erhöhung des KomplexitĂ€tsdrucks in unserem Alltag verantwortlich: Zweifel. Wer zweifelt, denkt eine andere Option in seine Wirklichkeit hinein. Er stellt eine Antithese in den Raum. Er öffnet dadurch den Horizont und macht, wie der Volksmund zu Recht sagt „die Dinge erst kompliziert“.

Die vergangene Ära ist - ohne Zweifel - eine Periode des Zweifels gewesen. Es gibt kaum eine gesellschaftliche Übereinkunft, an der nicht rabiate und radikale Kritik geĂŒbt wurde. Wir haben an den Lebenskonzepten unserer Eltern und an allen Konventionen, Ritualen, SelbstverstĂ€ndlichkeiten unseres Alltags - von der Ehe bis zur Energieversorgung  gezweifelt. Vom Zweifel befallen sind heute die Institutionen, von der Kirche bis zum Kindergarten.

Zweifel ist Teil des Prozesses der KomplexitĂ€tserhöhung, aber zum puren Lebensprinzip erhoben, erzeugt er am Ende nur depressive oder psychotische Strukturen. Was als Aufbruch und Abschied notwendig ist, funktioniert nicht als Lebensprinzip. Die inneren Reserven und Ambivalenzen, die man zum Beispiel gegenĂŒber dem Partner ausbrĂŒtet - Ist er der Richtige?-  erhöhen die LebenskomplexitĂ€t immer weiter, bis schliesslich jedes GlĂŒck verunmöglicht ist. Das dauerautonome Ich, das nicht wirklich vertrauen kann, muss unentwegt Zweit- und Drittoptionen aufbauen, fĂŒr den Fall, dass seine BefĂŒrchtungen wahr werden, muss Distanzen konstruieren, Zweitwohnungen mieten, Liebschaften organisieren.

Wer nicht vertrauen kann, muss alles selbst machen. Wer nicht eindeutig „ja“ sagen kann, zersplittert seine mentalen Energien. Komplexe humane Prozesse wie Erziehung, Hausbau oder der Aufbau einer Firma sind jedoch als EinzelkĂ€mpferaktionen eine hoffnungslose Angelegenheit. Das autonomistische Misstrauen, wie es unsere stĂ€dtischen Singlekulturen prĂ€gt, fĂŒhrt privat wie persönlich zu eher mĂ€ssiger Performance und in ein baldiges burnout  mit nachfolgender Bitternis. Allenfalls kommt ein zwar schillern- der, aber auch uneffektiver Narzissmus dabei heraus.

Jemandem zu vertrauen, ist wie Balsam fĂŒr jede Art von ÜberkomplexitĂ€t. Überall bilden sich plötzlich Optionen. KomplexitĂ€t mit Vertrauen kombiniert, wird zu gelungenem Wachstum. Nichts anderes ist die Kraft der Liebe. Und nichts anderes erfahren wir immer dann, wenn wir lieben.


Glaube: Ambivalenz ist „unerlöste“ KomplexitĂ€t. Wenn wir ambivalent sind, verschleissen wir Energien im Paradoxen. Wir erleben keinen „Flow“ und sind weder kreativ noch glĂŒcklich. In diesem Muster funktioniert auch der Glaube. Glaube ist eine Form des Vertrauens - und hier bekommen alte Kulturelemente wie Religion und SpiritualitĂ€t im Zeichen der KomplexitĂ€t einen neuen Sinn. GlĂ€ubige Menschen wirken schon in ihrer Körperlichkeit oft entspannt - sie teilen ihre inneren Muster mit einer höheren KomplexitĂ€t, in der sie aufgenommen sind. Die Geborgenheit, das Aufgehobensein im Glauben, wie sie in den heiligen BĂŒchern der Weltreligionen erzĂ€hlt und als praktische Erfahrung bei glĂ€ubigen Menschen vorkommen, sind Begriffe fĂŒr die ungeheure Entlastung, die Glauben ermöglicht. Das Ich-System wird angekoppelt, es darf sich aufheben in etwas Höherem - hier macht das Bild der Erlösung Sinn.

Systemisch betrachtet ist Transzendenz also die Annahme und Akzeptanz einer höheren KomplexitĂ€t, in der die persönliche KomplexitĂ€t sich relativieren kann. Es handelt sich um die genaue Gegenstrategie zur Feindproduktion, des Zweifels und der Profanisierung. Es ist heute Mode geworden, „Glaube“ als NaivitĂ€t zu interpretieren, als Flucht vor der Wirklichkeit - als Regression eben. Die Religionsgeschichte bietet genug bizarres Material, um solche Meinungen zu bestĂ€tigen. Aber sie zeigt auch an ebenso vielen Beispielen die Chancen von Glauben. Glaube (nicht Aberglaube) kann enorme komplexitĂ€tssteigernde Potenzen freisetzen. Wer glauben kann, ist zu ausserordentlichen Integrationen und Differenziertheiten fĂ€hig. Er öffnet das begrenzte Ich-System ĂŒber sich selbst hinaus, er ordnet es dadurch neu und macht es erst lebensfĂ€hig.

Eleganz und Stil: KomplexitÀt ist nicht messbar. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Eine Bakterie kann ebenso komplex funktionieren wie ein Computer, eine archaische Kultur kann unendlich viel komplexer sein als eine Konsumgesellschaft. Worauf es ankommt, ist am Ende fast so etwas wie ein stilistisches Kriterium: KomplexitÀt ist so etwas wie gelungene Eleganz.

Hier kommen wir in Bereiche, die man „techno-spirituell“ nennen könnte und in denen sich das KomplexitĂ€tsprinzip im Reich der Dinge ausdrĂŒckt. Robert Pirsig hat in seinem Buch „Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten“ fĂŒr gelungene KomplexitĂ€t einfach den Begriff „QualitĂ€t“ gewĂ€hlt. Man könnte auch, „Stil“ sagen (In der Kunst nennt man es VirtuositĂ€t oder Genie). Formulieren wir es einstweilen so: „Stil“ ist die FĂ€higkeit zu einem ausdauernden und anhaltenden Prozess der Überarbeitung und Verfeinerung im Sinne steigender (integrierter) KomplexitĂ€t. Wer diesen Stil besitzt kann, instinktiv oder bewusst, unterscheiden zwischen gelungenen und missglĂŒckten Ausdifferenzierungen. Er weiss, wie man das Vielschichtige zu einem Ganzen zusammenfĂŒgt - und wie man es unaufhörlich weiter verfeinert. Er weiss, was Schnörkel ist und was Substanz.


Grosse Einfachheit: Die Welt entwickelt sich vom Primitiven ĂŒber das Komplizierte zum Einfachen. Die höchste Form integrierter KomplexitĂ€t ist gelungene Einfachheit. Sie „verschluckt“ Kompliziertheit. Sie ordnet. Sie rationalisiert unser Leben, das gerade dabei war, sich in unzĂ€hlige Baustellen aufzulösen und zu verlieren. Einfachheit, die das Komplexe aufbewahrt, hat immer auch einen spirituellen Aspekt. Sie macht Dinge, Formen, Gedanken klar, selbst wenn sie hochdifferenziert und subtil sind.


KomplexitÀt in der Trendforschung

Man kann das Prinzip der KomplexitĂ€t auch auf die Trends beziehen, wenn man Trends nicht als beliebige Moden, sondern als „Balancebewegungen“ der Kultur betrachtet. Sie entspringen entweder technischen Innovationen, oder aber sie bilden eine kulturelle Abwehrreaktion auf bestimmte PhĂ€nomene. Dabei hat jeder Trend seinen Gegentrend, und jeder Trend ist per se bereits ein Gegentrend. Daraus ergibt sich folgende Reihung:

Trend:

  • Globalisierung
    • Massstabvergrösserung
  • Beschleunigung
    • StĂ€ndige VerĂ€nderung
  • Virtualisierung
    • KĂŒnstlichkeit
  • Gen-Tech
    • Produkt-Unsicherheit
  • Fitness
    • Körperverbesserung
  • Lifestyle
    • Modenorientierung

Gegentrend:

  • Grosses Heimweg
    • Verwurzelung
  • Langsamkeit
    • StabilitĂ€t
  • Authentic
    • Echtheit
  • Naturprodukt
    • Ehrlichkeit, Sicherheit
  • Wellness
    • Seele/Geist-Balance
  • Sinn-/Substanzsuche
    • Zeitlosigkeit

 

Noch einleuchtender wird das Modell, wenn man eine „dritte Stufe“ einfĂŒhrt, in der die WidersprĂŒche auf einer höheren Ebene aufgehoben - also sowohl bewahrt wie integriert werden. Z.B. Je mehr sich Spass und Erlebnis als gesellschaftliche Orientierung durchsetzten, desto grösser wurde das Sinn- und Orientierungsvakuum. Doch die Werteorientierung kehrte nicht einfach zurĂŒck zu den alten „Disziplinierungswerten“ Ordnung, Fleiss, Gehorsam. Sie schreiten fort zu „softindividualistischen“ Werten, in denen sich bonds und choices, also individuelle Freiheiten und persönliche Bindungen ergĂ€nzen. Sofindividualistische Werte sind Werte mit gesteigertem KomplexitĂ€tsgrad, weil sie Paradoxien auf höherer Ebene vereinen. Freundschaft ist Freiheit plus Bindung, SpiritualitĂ€t ist selbst gewĂ€hlte und individualisierte ReligiositĂ€t.


Wie man WidersprĂŒche vereint

Besonders fĂŒr die innere Verortung des Menschen, seine „Bezugspsychologie“, gilt das eherne Gesetz der KomplexitĂ€t: Je mehr desto. Je mehr wir uns im globalen Dorf wieder finden, je mehr wir von Bildern, schnellen Schemen, flĂŒchtigen Erfahrungen, grossen BezĂŒgen umgeben sind, je mehr Weltmarkt und globale Medien kulturelle IdentitĂ€ten nivellieren, desto grösser das BedĂŒrfnis nach dem Gegenteil: Heimat, Gebundenheit, Verortung. ZunĂ€chst macht sich dieser Widerspruch in der Psychologie der Menschen als Paradox bemerkbar: Wir fĂŒhlen uns hin- und hergetrieben zwischen unseren BedĂŒrfnissen nach Horizonterweiterung und „My home is my castle“-Sehnsucht, Reiselust und „Cocooning“. Aber die beiden Ebenen der Orientierung mĂŒssen nicht ewig feindlich bleiben. Unsere Kultur - und jeder einzelne von uns - kann lernen, damit umzugehen. Jahrhundertelang gehörte es in Europa zum Lebenslauf wichtiger Bevölkerungsschichten, vor der Sesshaftigkeit sich jahrelang in der Welt umzuschauen oder durch MobilitĂ€t ihren Unterhalt zu verdienen. Erst wer sein Dorf verlĂ€sst, weiss es zu schĂ€tzen. Erst, wer zu lange im Dorf hockt, weiss, was Fernweh ist. Beide Prozesse, die zunehmende Bindung an Region, Strasse, Ort, und die zunehmende Globalisierung via Ökonomie, Reisen, Popkultur, Medien schreiten fort.

Der Zukunftsmensch ist „Glokalist“. Grosse Firmen wissen das lĂ€ngst. Z.B. Coca-Cola erweist in der Werbung jedem Bundesstaat einzeln die Referenz.

Die aktuellen Umfragen* bestĂ€tigen diesen Trend zum Glokalismus auch bei der breiten Bevölkerung: Befragt man die Menschen ĂŒber ihre „rĂ€umliche IdentitĂ€t“, so wird seit Jahren und Jahrzehnten eine kleinere Raumeinheit gewĂ€hlt.

Eine reprĂ€sentative Umfrage des Marktforschungsinstitutes INRA ergab eine deutliche Wendung weg vom Nationalen, hin zur „kleinen Heimat“. Im Jahre 1985 nannten noch 18, 1995 schon 23 % der Deutschen die Region als ihre Heimat, der Ort wurde mit 41 % als Heimat bezeichnet (1985: 25 %). Nur 7 % nannten „Deutschland“ als ihre Heimat.


KomplexitĂ€t als Lebenshaltung: Die Theorie der KomplexitĂ€t ermöglicht uns zunĂ€chst einmal eine Haltung zur Welt, in der wir uns nicht mehr fĂŒr ein primitives Entweder-Oder entscheiden mĂŒssen. Krankheiten sind nie nur seelisch oder körperlich verursacht - erst in der Wechselwirkung ergibt sich Sinn und Ursache. Komplexes Denken ist immer systemisches, ganzheitliches Denken. Um es zu lernen, muss man beides können: Glauben und Zweifeln. „Komplexisten“ sind vor allem diejenigen, die beides in ihrem Leben immer wieder durchlebt und durchlitten haben, und so irgendwann zu so etwas wie Weisheit gelangten.

Je komplexer wir unser Leben gestalten können, desto reichhaltiger wird es. Aber richtig verstanden geht es nicht um ein „mehr“, sondern um ein „höher“. Das Kunstwerk erzielt seine Wirkung nicht wegen der Dicke der Farbe, sondern wegen der Eleganz und Finesse der Gesamtkomposition. Ich habe den Begriff der KomplexitĂ€t hier so ausfĂŒhrlich erlĂ€utert, weil ich der festen Überzeugung bin, dass er ein wichtiges tool fĂŒr unseren Weg in die Zukunft werden könnte.

Wenn jeder von uns zum „Lebensunternehmer“ wird, dann geht es vor allem darum, das Lebens-Kunstwerk sorgfĂ€ltig und nach komplexen Kriterien zu gestalten. Erfahrungen zum Beispiel wĂ€ren nicht mehr einfach in ihrer „IntensitĂ€t“ oder ihrem, „Fun-Wert“ zu messen, sondern daran, ob sie unserer Persönlichkeit zu einem StĂŒck mehr Reichtum und verwirklichter Vielfalt verhelfen oder nicht. Die Lebenskunst, die vor 2500 Jahren schon in Griechenland von Philosophen gelehrt wurde, hĂ€tte im Sinn des Komplexen eine neue Heimat gefunden: Eine Kultur, die sich vielfĂ€ltig, streitbar und tolerant der ideellen wie praktischen Auseinandersetzung mit der Frage widmet: Wie wollen wir leben? Was sind gelungene Biographien?

Die Idee des Komplexen könnte die alten utopischen Weltbilder, die von spektakulĂ€rer Überwindung, technischem Wunderwerk und weitgehender Naturbeherrschung handeln, ablösen, weil sie als Erkenntnisinstrument und als globale Haltung unendlich mehr leistet.

3. Der deutsche Katzenjammer

 

Die Unkultur des Wandels: Warum die deutsche MentalitÀt zukunftsfeindlich ist (hier nicht zusammengefasst).

4. Im Lande Egotopia

 

Warum der Individualismus unser Schicksal ist.


Der Ego-Virus

In MĂŒnchen: 20% Familienhaushalte, 61 % Singlehaushalte; Scheidungsraten steigen; 1,3 Kinder pro gebĂ€rfĂ€higer Frau in Deutschland - Italien, Griechenland und Portugal nur noch 1,2; in der EU steigt die Prozentzahl der ausserehlichen Geburten mit zweistelligen Zuwachsraten; die Rate der allein erziehenden Frauen in den zentraleuropĂ€ischen GrossstĂ€dten hat sich in den letzten 20 Jahren rund vervierfacht.


Die AufrĂŒstung des Ich ... und die Tugenddebatte

Die egotopische Bewegung propagiert ihr Endziel, die endgĂŒltige Ichwerdung, lĂ€ngst nicht mehr verschĂ€mt in feministischen Selbsthilfegruppen oder emanzipatorischen Traktaten. Dass Bravsein zu nichts, Rebellion, Widerspruch, Selbstbewusstsein aber in den Himmel fĂŒhrt, gehört zu den SelbstverstĂ€ndlichkeiten der Bestsellerlisten und hat seinen Platz auf den Titelseiten der BoulevardblĂ€tter gefunden. Die ganze Gesellschaft ist zu einer Art Exerzierplatz fĂŒr unschlagbares Selbstbewusstsein geworden. Lass dir nichts gefallen!

"Mit leichter Übertreibung kann man sagen: anything goes. Wer wann den Abwasch macht, die SchreihĂ€lse wickelt, den Einkauf besorgt, den Staubsauger herum schiebt, wird ebenso unklar, wie wer die Brötchen verdient, die MobilitĂ€t bestimmt. Ehe lĂ€sst sich von SexualitĂ€t trennen und die noch einmal von Elternschaft, die Elternschaft lĂ€sst sich durch Scheidung multiplizieren und das Ganze durch das Getrennt oder Zusammenleben dividieren...“ (Ulrich Beck)

Gegen diesen unheimlichen Sog hat sich lĂ€ngst eine öffentliche Gegenmeinung formiert. All die AnsĂ€tze, mit der Individualisierung ins Gericht zu gehen, argumentieren immer nur auf der Ebene des Verlustes. Der Tonfall ist durchdringend nostalgisch. Eine Zukunft lĂ€sst sich in den meisten Diskursen nur als eine radikale RĂŒckkehr zu AltbewĂ€hrtem, Vergessenem, Verlorenem denken. Die einzige Möglichkeit, unsere Gesellschaft vor dem Zerfall in Millionen Ichlinge zu bewahren, ist eine Kehrtwendung, ĂŒber deren Gestalt man sich nicht einig ist.


Optimierung als Lebensprinzip

Die kleinen Teufel: Wer jemals unvoreingenommen mit Kindern zusammengelebt hat, der ahnt zumindest, wovon beim Begriff „Optimierung“ die Rede ist. Die ungeheuerliche Energie, mit der der kleine X jeden Tag/jede Minute/alle Sekunden versucht, mit allen Mittel - Schreien, Toben, Intrigieren, Tricksen, Kokettieren, Debattieren, SĂŒsssein -, das Optimum aus der Situation  (Schoko-lade / Zoobesuche / Fernsehen / neue Spielzeuge / Lob / Fast food) herauszuholen, ist in der Tat atemberaubend. Wo, fragen wir uns, kommt diese Energie eigentlich her? Sind es die Medien? Die kapitalistischen Verhaltensmuster, die subtil von der bösen Konsumgesellschaft auf unsere unschuldigen Kinder ĂŒberspringen? Was passiert da? WĂ€chst eine neue Rasse heran? Oder ist die Antwort womöglich viel simpler? Das Individuum fĂŒllt die FreirĂ€ume, die man ihm lĂ€sst. Umstandslos, elegant oder amöbenhaf, mit der Energie alles Lebendigen, und ohne mit der Wimper zu zucken.


Partnerwahl: Das Studium der Kleinanzeigen in den Zeitung gibt Auskunft ĂŒber die zentralen TriebkrĂ€fte des individualistischen Traumes. „Suche starken Mann, der Tennis mag und Wandern und lieb und kuschelig sein kann.“ In agrarischen und feudalen Gesellschaften wurde die Partnerschaft entlang ökonomischer Logik verordnet. Die reife bĂŒrgerliche Gesellschaft verhiess dem einzelnen zum ersten mal die freie Wahl. Das Licht der AufklĂ€rung hat auch seine dunklen Seiten: An die Stelle elterlicher Gewalt trat die Urgewalt des Zufalls und der GefĂŒhle - und damit etwas Neues, Unkontrollierbares. Hier besteht daher Optimierungsbedarf.


Lob der Doppelmoral:

Nehmen wir einmal an, dass jeder von uns - jeder! - nur ein einziges Bestreben hat: Vermeide Schmerzen und erhöhe die Lust. Soviel wie möglich herauszuholen aus jener kurzen Zeitspanne zwischen Geburt und Tod. An Lust, an Komfort, an Abwechslung, an fun. Und dass dazu jedes zielfĂŒhrende Mittel recht ist. Jedes!

NatĂŒrlich werden Sie augenblicklich Widerspruch einlegen. Sie haben schliesslich Ihre Prinzipien. NatĂŒrlich haben sie die. Was aber, so möchte ich hartnĂ€ckig nachfragen, wenn auch diese Beharrung auf Tugenden keinem anderen Zweck als dem erwĂ€hnten dient: Ihre Lust zu optimieren und Schmerzen zu vermeiden?

Könnte es nicht sein, dass gerade der Moralist die Technik der Optimierung besonders virtuos beherrscht? Dass sein Ethik eine besonders raffinierte Kulturtechnik der TÀuschung ist, die zunÀchst einmal dazu dient, dem Moralisten selbst einen Konkurrenzvorteil zu verleihen?


Eine „unmoralische Gesellschaft“?

Was passiert ist, ist kein „Moralzerfall“, sondern eine Verlagerung der institutionellen Sicherung ethischer und moralischer Normen auf den einzelnen. Ethik und Moral waren stets gebunden; ihre Spezialisten waren die Kirchen, ihre Handwerker der Staat, die Parteien und Ideologien ihre Propagandisten, die Familien Ausbilder, Justiz und Polizei ihre HĂŒter und Vollstrecker. Heute ist jeder einzelne plötzlich mit einer Vielzahl von sich widerstreitenden Regeln und moralischen Paradoxien konfrontiert. Soll ich mich scheiden lassen, weil wir uns das Leben gegenseitig zur Hölle machen - oder zugunsten der Kinder ausharren? Ist es mora-

lisch, Todkranken Sterbehilfe zu geben? Hilft es den Obdachlosen, wenn wir ihnen einfach nur Geld transferieren? Sollen wir mehr Umweltverschmutzung fĂŒr mehr ArbeitsplĂ€tze in Kauf nehmen? Wie weit muss ich die Mitarbeiter belĂŒgen, um die Fusionsverhandlungen nicht zu gefĂ€hrden? Alles schmerzt, und nichts ist mehr einfach.

Ethik meint (im Unterschied zur eher handlungsorientierten Moral) ein BĂŒndel von Werthaltungen, nicht Verhaltensmassregeln. Doch diese Haltungen sind zu ĂŒbersetzen in die Zeit, in der wir leben.

In der Ich-Gesellschaft streben Menschen nicht mehr nach moralischer „Vervollkommnung“. Sie verweigern auch den Tanz um den Totempfahl der hohen und ewigen Ideale. Vielmehr stimmen sie in einer „IdentitĂ€tsbilanz“ WĂŒnsche, LebensplĂ€ne und ĂŒbergeordnete Normen miteinander ab. Dabei kann es im Einzelfall durchaus rational erscheinen, gegen ethische GrundsĂ€tze zu verstossen. Moral differenziert sich aus in höhere KomplexitĂ€t: Sie wird widersprĂŒchlicher, paradoxer, aber auch reicher. Genau in diesem Sinne können wir heute ebenso gut von einem „moralischen Zeitalter“ sprechen. Zum erstenmal ist die Moral „frei“ geworden.


Die Meta-Familie

Gerade bei der Scheidungsgeneration, den Kids also, deren Lebensbilder auf der Erfahrung „Keine Beziehung ist von Dauer“ fusste, ist die Kelly-Family Ă€usserst beliebt.

Wir halten zusammen, durch dick und dĂŒnn, sagen die Kellys. Egal wie du bist, du bist Familienmitglied. Welch Lebensgarantie! Welche Entlastung! Kein Zweifeln, keine tĂ€gliche Neudefinition von WĂŒnschen, BedĂŒrfnissen und Problemen, kein Ausverhandeln.

Familie wird nicht aussterben. Aber so, wie die gesamte Gesellschaft komplexer geworden ist, so ist auch die Familie auf vielen Ebenen ergÀnzt worden: Durch Freundschaft, Bekanntschaft, Neben- und Zusatzinteressen. Die Kleinfamilien der 50er Jahre waren nach innen verbindlicher, aber sie waren nach aussen mehr isoliert, besonders auf Kosten der Frauen, die keine sozialen Kompensationen im Beruf hatten. Jenseits der Grenzen der Familie klaffte ein sozialer Abgrund. Wer sich scheiden liess, fiel in ein soziales Vakuum. Wer den ehelichen Kontrakt, die klassische Arbeitsteilung in Frage stellte, hatte gegen die Kraft der Konventionen wenig Chancen.

Jeder kann diesen shift von genealogischen zu freiwilligen Bindungen in seinem persönlichen Umfeld ĂŒberprĂŒfen. Unser System besteht heute aus einer „BĂŒhne“, auf der wir die verschiedensten Charaktere unseres Lebens zu einem Ensemble versammeln. Die Struktur aus genealogischen und „nĂŒtzlichen“ Bindungen, diese vielfĂ€ltig vernetzte Familie ist ideal fĂŒr eine globalisierte, individualisierte Welt.  Darin liegt die einzig mögliche Antwort auf eine Welt, in der wir alle mehr und mehr auf die ProduktivitĂ€t eines Netzwerkes, aber auch auf FlexibilitĂ€t und MobilitĂ€t angewiesen sind.


Die Werte der Zukunft

Individualisierungsprozesse - und die mit ihnen verbundenen sozialen Schmerzen - sind keine Erfindung der Neuzeit. Sie erleben immer dann eine BlĂŒte, wenn eine Gesellschaft ĂŒber einen gewissen Zeitraum Wohlstand, StabilitĂ€t und Frieden entwickeln kann (belegt mit einem Zitat zu Griechenland im Jahre 400 v.Chr. und Schanghai im Jahre 1996).

Nach der Faustregel, dass höhere KomplexitĂ€t höhere Integration von WidersprĂŒchen auf höherer Ebene bedeutet, lĂ€sst sich der Werteset der kommenden Ära unserer Individualgesellschaft voraussagen. Werte entwickeln sich ebenso wie soziale Systeme entlang von These-Antithese Synthese-Prozessen. Den „harten“ Wirtschaftswunderwerten wie Ordnung, Disziplin, Leistung, die das Leben nach einer Zeit der Unsicherheit und des Chaos stabilisierten, folgten die „Gegenthesen“ des hedonistischen Wertesets: Spass, Lust, Fun, Selbstverwirklichung, „Erlebniskultur“. Aber beide Orientierungssysteme sind in einer entwickelten  Ich-Gesellschaft auf Dauer wenig brauchbar.

Auch der Hedonismus, die „Lustwerte“, bieten ab einer gewissen Differenzierung der Ich-Kultur kein sonderlich attraktives Werteangebot mehr. Lustoptimierung taugt im Grund wenig zur Selbstverwirklichung, sie basiert ja lediglich auf „Reiz“ als Kriterium. Hedonistische Werte sind hohl: In ihnen ist keine QualitĂ€t der Erfahrung inbegriffen, sondern immer nur eine QuantitĂ€t.

Die neuen Werte sind vor allem neue Optimierungsinstrumente: Das gesellschaftliche Unbewusste versucht, Werte zu generieren, in denen so viel wie möglich Chancen fĂŒr das Individuum enthalten sind. Da wir uns alle nach sowohl Freiheit als auch Bindung, nach Genuss als auch nach Lebens-Sinn sehnen, da wir heute in einer Welt höherer individueller Risiken (aber auch grösserer Möglichkeiten) leben, entstehen Werte mit höherer KomplexitĂ€t, mit höherer Integration scheinbar paradoxer Aspekte. An drei Beispielen möchte ich dies ausfĂŒhren:


Freundschaft: In der Demoskopie der 60er und 70er Jahre spielt dieser Begriff noch keine wesentliche Rolle. Dann, in den spĂ€ten 80ern, beginnt ein raketengleicher Aufstieg in den Charts der „besonders wichtigen Werte“. Bei den Jugendlichen zwischen 14 und 20 hat Freundschaft heute in so gut wie allen Wertestudien Platz eins besetzt und die Treue aus dem Feld geschlagen.

Warum ausgerechnet Freundschaft als neuer Leitwert der Individualgesellschaft? Die Antwort liegt auf der Hand. Freunde kann ich mir aussuchen. Sie sind, im Vergleich zu Verwandtschaftsbeziehungen, selbst gewĂ€hlt. Nichtsdestotrotz sind Freundschaftsnetze aber sozial verbindlich. Freundschaft ist ihrem Wesen nach verbindlich und unverbindlich zugleich. Sie lĂ€sst beide GrundbedĂŒrfnisse des Lebens offen und bringt sie in ein optimales, komplexes VerhĂ€ltnis miteinander: Bindung und Freiheit. Freundschaft ist also fĂŒr eine Individual-Gesellschaft ein Idealwert, der die Sehnsucht nach Balance zwischen Bindungen und Freiheiten auf den Punkt bringt.


Ehrlichkeit: Nach einem Ă€hnlichen Prinzip funktioniert auch die Karriere eines zweiten Begriffes: Ehrlichkeit. VordergrĂŒndig handelt es sich um eine Reaktion auf die zunehmende LĂŒge durch Politiker, Medien und Konsum. Kein Interview mit Jugendlichen, in dem nicht mehr Ehrlichkeit der Politiker/Eltern etc. gefordert wird.

In den 60er Jahren war  die Familie noch ein Ort der Beziehungsgarantie. Die Scheidungsrate lag bei kaum 10 Prozent. Das Problem war die Enge der VerhĂ€ltnisse und des Denkens, nicht die Unsicherheit.

Wer heute jung ist, fĂŒr den sieht die soziale Perspektive völlig anders aus. In den GrossstĂ€dten ist Trennung der Eltern ein beinahe schon alltĂ€gliches Erlebnis. Damit wuchs auch die kollektive Erkenntnis, dass Beziehungen nicht unbedingt etwas Ewiges sind. Das fĂŒhrte in den 80er Jahren zunĂ€chst zu Angstreaktionen - die Treue wurde zu einem bei Jugendlichen extrem hoch benoteten Wert. Aber die Kulturgeschichte geht weiter, und Jugendliche sind Realisten. Sie lemten, dass auch in ihrem Umfeld das Versprechen ewiger Treue nicht mehr unbedingt die RealitĂ€t definiert!

Das dazugehörige Lebensmodell der JĂŒngeren heisst serielle Monogamie. Junge Menschen haben heute, bevor sie sich binden, im Schnitt weitaus mehr Partner und Partnererfahrung als ihre Grosseltern - schon allein wegen des rapide gestiegenen Heiratsalters und des GebĂ€ralters, das heute auf die 30-Jahres-Grenze zugeht (nach dem Krieg lag es bei durchschnittlich 21,5 Jahren, die MĂ€nner wurden mit durchschnittlich 25 Jahren VĂ€ter). Die soziale RealitĂ€t bringt also fĂŒr jeden heute mehrere „Verlobungen“ und Trennungen mit sich.

Dieser offenere Markt der Beziehungen setzt natĂŒrlich auch Ängste frei - und er erfordert eine andere seelische FlexibilitĂ€t. Untersuchungen zeigen, dass heute sogar jung verheiratete Paare es fĂŒr durchaus möglich halten, dass ihre Ehe nicht ewig hĂ€lt. Eine gewisse NĂŒchternheit regiert (Ausnahmen bestĂ€tigen die Regel) trotz aller Romantik die neue Beziehungskultur. Der einzelne versucht, seine Verletzlichkeit durch ein neues Ethos der Unmittelbarkeit auszugleichen. „Wenn du mich nicht mehr liebst, dann sag es mir wenigstens ehrlich, damit ich mir einen anderen Partner suchen kann“ - dies ist einer der meistgehörten SĂ€tze in der modernen Beziehungskultur. Nicht eine (unrealistische) formale Norm wird hier eingeklagt, sondern das Individuelle des Lebens in Wertsystemen abgesichert. Freie Liebe benötigt Ehrlichkeit als Schutz fĂŒr den einzelnen, nur so kann Freiheit ohne seelische Katastrophen gelebt werden.


SpiritualitÀt: Was geschieht im Reiche Egotopia mit der Religion? Wie geht der Ich-Gewordene mit jenen Belangen des Lebens um, die sich der Kontrolle und dem Zugriff des grösser gewordenen Egos entziehen? Die weder mit Vernunft noch mit RationalitÀt, noch mit Optimierung zu lösen sind - mit Krankheit und Tod, Verlorenheit, mit der Erfahrung, dass wir endlich sind?

Es liegt auf der Hand, dass Transzendenz fĂŒr das grössere Ich nicht weniger wichtig wird - im Gegenteil. Wenn wir ein komplexes Lebenskunstwerk, eine unverwechselbare Biographie errichten, dann wird es umso skandalöser, dass dieses Kunstwerk irgendwann im Tod einfach vergeht. Die transzendenten BezĂŒge werden allerdings umgeschrieben, umcodiert. Je mehr die Bindung an die religiösen Konfessionen abnimmt, um so mehr nehmen „spirituelle“ Welthaltungen zu. An die Stelle der Kirche treten flexiblere Glaubensstrukturen.

Wo SpiritualitĂ€t anfĂ€ngt und wo sie aufhört, ist so einfach nicht zu entscheiden - der Supermarkt des neuen Glaubens ist reichhaltig sortiert. Der Trend zum Horoskop, Rebirthing, Reinkarnation, Naturheilkunde, Homöopathie, Tarot, Zen, Tantra, Hexensabbat und Castaneda wĂ€chst seit den 70er Jahren kontinuierlich an. Plötzlich geraten BĂŒcher ĂŒber Urintrinken und Mondgesetze hartnĂ€ckig auf die Bestsellerlisten und werden vor allem von Frauen ab 40 stapelweise gekauft.

Noch einmal: Man darf Werte nicht werten, wenn man sie verstehen will. Wenn wir jeden Tag Entscheidungen treffen, komplexe Dinge zu entscheiden haben, dann ist die Nachfrage nach Massregeln, Ritualen, Sinnsystemen um so grösser. SpiritualitĂ€t ist eine funktionierende Entlastungsstrategie gegen den KomplexitĂ€tsdruck, unter dem die Ichgewordenen jeden Tag stehen. Und wo es gegen die Jahrtausendwende geht, wird selbstredend auch hĂ€rterer Stoff geboten: Ufos, Engel, chemische VerzĂŒckungen aller Art, ekstatische Erlösungen

Die Scharlatane haben Konjunktur, aber auch die Zeit fĂŒr authentische ReligiositĂ€t ist wieder angebrochen. Denn Glaube verheisst die Erlösung von zu gross gewordener KomplexitĂ€t.


Verantwortung: Aus welcher Quelle speist sich das stille Comeback dieses altmodischen Wertes? Ist es purer Zufall oder Bigotterie, dass „Verantwortung“ heute in allen Diskursen politischen, sozialen, moralischen - so hoch im Kurs steht?

ZunĂ€chst gilt es, den Begriff vom alten Wert „Pflicht“ zu unterscheiden. Verantwortung atmet einen anderen Geist; den der freien Wahl, des Kontraktes, den ich selbst, als Individuum, mit meiner Umwelt eingehe. Wir haben angestrengte Zeiten hinter uns, in denen alles angezweifelt wurde: jede Institution, jede Emotion, jedes gesellschaftliche Konstrukt. Jetzt ist es an der Zeit, Vertragssicherheit wiederherzustellen, zwischen dem Ich und dem Aussen verbindliche Kontrakte zu definieren. Verantwortung setzt den einzelnen, nachdem er gelernt hat, seine (Freiheits-)Rechte zu realisieren, wieder ins rechte VerhĂ€ltnis zu seiner Umwelt. Er fĂŒgt den vielen „choices“ entschiedene „bonds“ hinzu. Verantwortung ist in der Individualgesellschaft ein Leitprinzip: Mehr und mehr verstehen wir, dass alles, vom Steuersystem ĂŒber unser Medizinwesen bis zur Kinderer- ziehung, nur „halten kann“, wenn wir unseren eigenen Anteil daran bewusst wahrnehmen.


Re-Aristokratisierung der Kultur

Die unerhörten Freiheiten, die sich frĂŒher nur eine hauchdĂŒnne Schicht von Aristokraten leisten konnte, sind heute fast schon fĂŒr eine Mehrheit erreichbar. Wir leben in mancher Hinsicht heute wie einst die Könige. Re-Aristokratisierung ist Genusskultur, die Verzicht und Distanz wieder als Bestandteil ihrer Lebensstrategien entdeckt. In der totalen Reiz- und Mediengesellschaft, die nachdem Gesetz der stĂ€ndigen notwendigen Überbietung arbeitet, um ĂŒberhaupt noch so etwas wie Aufmerksamkeit oder gar Begehren zu erzeugen, kehren sich die „Muster der Befriedigung“ gleichsam um. Der wahre Hedonist muss den Triebaufschub lernen. Vor  Überdruss schĂŒtzt nur eine neue Askesebereitschaft

Entscheidend fĂŒr das VerstĂ€ndnis dieses Trends, den wir in seinen verĂ€usserlichten Formen auch „Lessness“ oder „Down shifting“-Trend nennen ist, dass er sich nicht gegen die Erlebniskultur entwickelt. Im Gegenteil: Er ist ihre Konsequenz. Es geht dabei keineswegs um DiĂ€t, um Lustfeindlichkeit, um Antihedonismus. Der asketische Impuls geht auf die Erkenntnis zurĂŒck, dass Selbstverwirklichung vor allem auch WĂ€hlen heisst. In der wachsenden Vielfalt und im rascheren Wandel bedeutet LebensqualitĂ€t Selbstbescheidung. Nicht im Sinne einer moralinsauren Verzichthaltung, sondern in der weisen Erkenntnis, dass es ein hoffnungsloses und selbst zerstörerisches Unterfangen wĂ€re, alle Möglichkeiten auszuloten.

Selbstgestaltung benötigt SelbstbeschrÀnkung. Disziplin und Wahrung der Form werden wieder zu wichtigen sozialen Techniken.

Der Individualismus bedeutet die theoretische und praktische Erkenntnis, dass der gesellschaftliche Mittelpunkt des Handelns und der Sinngebung das autonome Individuum ist, das heisst: alle zusammen und jedes einzelne Individuum, aus denen sich das soziale GefĂŒge zusammensetzt. So gibt es also keinen Gemeinsinn, der ĂŒber die Summe oder das Höchstmass der Interessen eines jeden einzelnen hinausginge, noch entsteht eine historisch transzendente Einheit - Nation, Volk und Klasse -, deren Recht, Opfer aufzuerlegen, ĂŒber dem grösstmöglichen Mass an Wohlstand und Freiheit fĂŒr die Gesamtheit der Mitmenschen stĂŒnde.


Egotopia, Revisited

Zu jeder Sekunde findet derzeit eine planetenweite Abstimmung mit den FĂŒssen statt. Aus den lĂ€ndlichen Regionen Fernostasiens ziehen soeben Abermillionen Menschen in die grossen StĂ€dte. Sie werden auf diesem Wege eine Megalopolis nach der anderen erzeugen; riesige, stinkende Konglomerate, durchschnitten von achtspurigen Autobahnen, Slums ohne Ende, ein permanenter Überlebenskampf, dem am Ende nur wenige als Sieger entkommen können.

Was treibt diese Menschenmassen dazu, eine elende HĂŒtte am Stadtrand der HĂŒtte im Dorf vorzuziehen, wo es doch immerhin Natur, Schweine, dörfliche Gemeinschaft gab?

Ich behaupte: Es ist schlicht dieses kostbare, winzige Quentchen eigenen Lebens, das sie zu ihrem Exodus treibt. Die Hoffnung, ein bisschen mehr VerfĂŒgungsgewalt, Freiraum, Kontrolle erringen zu können; fĂŒr sich oder die Nachkommen. Die TĂŒr, die man zumachen kann. Mit ein bisschen Wohlstand, einer eigenen Wohnung, technischen GerĂ€ten etwas weniger abhĂ€ngig zu sein von den Jahreszeiten, den ewig wiederkehrenden ZwĂ€ngen der Ernte, der Alten, der Gemeinschaft.

Alles Egoisten? In der Tat. Denn „Egoismus“ ist in Wirklichkeit die einzige bleibende und dauerhafte Utopie der Menschheit, unser zivilisatorischer Gencode, unser kultureller Stachel: Wo wir war, soll ich werden. Das Reich Egotopia ist nicht aufzuhalten. Wir alle sind in diesen Traum, dieses radikale Menschheitsexperiment verstrickt, das da „Ichwerdung“ heisst, und wir haben keine andere Wahl, als so gut wie möglich damit voranzukommen. Individualisierung entsteht nicht gegen, sondern in der Gesellschaft, nicht trotz moralischer Werte, sondern durch sie. Nur der Individualist kann moralische Dilemmata fĂŒhlen, Freiheit und Toleranz leben. Nur das Individuum kann den ganzen Facettenreichtum der Liebe erschliessen.

Ich denke, wir sollten uns auch den Umweg sparen, der seit einiger Zeit aus westlicher Richtung vorgeschlagen wird: Der in den USA einflussreiche Kommunitarismus konstruiert ein „Gemeinwesen“, das er gegen das Individuum ins Feld fĂŒhren möchte. Aber benötigen wir „GegenkrĂ€fte“ gegen und „Eingrenzungen“ von IndividualitĂ€t?

Gemeinschaftwerte wirken nicht per se positiv fĂŒr den moralischen Zusammenhang. Gemeinschaftsdienliches Verhalten ist nicht gleichbedeutend mit moralisch richtigem Verhalten. Die freiwillige Feuerwehr bietet genauso eine „Gemeinschaft“ wie der Ku-Klux Klan. BĂŒrgerinitiativen kann man fĂŒr die Sicherheit von Kindern im Strassenverkehr grĂŒnden wie gegen die Einrichtung von Asylantenheimen.

Eine Gesellschaft der Individuen wird den Bedarf nach RĂŒckkoppelung des Ichs in die Gesellschaft mit anderen Mitteln befriedigen als durch die Errichtung neuer Normensysteme. Antrieb dafĂŒr sind nicht zuletzt das BedĂŒrfnis nach Gemeinsamkeit, Geborgenheit und Sicherheit. Aber die Langeweile, die entsteht, wenn man allzu sehr nach dem Kriterien des „Fun“ lebt, lehrt die Bewohner von Egotopia, dass sie den anderen, das Netzwerk, die Welt um sich brauchen. Dass nur so ihre liebste BeschĂ€ftigung „funktioniert“: die Selbstverwirklichung. Alleine spielen, das weiss jedes Kind, ist langweilig. Mit anderen spielen, das lernen wir gerade ohne Zuchtrute, geht nur mit Regeln, Fairness und Gegenseitigkeit.


Die unerwachsene Gesellschaft

Einen gewichtigen Einwand mĂŒssen wir am Ende noch erheben. Er gilt nicht dem Individualismus selbst, sondern unserer Unreife, ihn zu leben.

Die wenigsten Paare, die ich kenne, haben gelernt, ihre Bedingungen untereinander offen und ehrlich auszuhandeln. Wir umgeben uns mit ĂŒberzogenen Forderungen, mit Schmollstrategien. Wir verstecken unsere Verletzungen hinter Arroganz oder Vorurteilen. Wir projizieren und kompensieren, machen den anderen verantwortlich und ĂŒberfordern uns und andere. In der grossen Schlammschlacht der „Egoismusdebatten“ verwechseln wir andauernd und hartnĂ€ckig IndividualitĂ€t mit Narzissmus. WĂ€hrend der  „gereifter Individualist“ sein Ich-Sein erst in der Gemeinschaft findet, ist der Narzisst ein unersĂ€ttlicher Verzehrer psychischer und materieller Ressourcen. Er wird von einem Hunger getrieben, der in der KrĂ€nkung entstanden ist, aber er ist nicht in der Lage, dies zu verstehen - so neigt er zu einer Optimierung, die nicht geben, sondern nur nehmen kann, zu einer Masslosigkeit, die im Terror endet. Im Terror gegen andere wie gegen sich selbst. Die Frage nach der Verfassung eines zukĂŒnftigen Egotopia ist also keine Frage der Moral, sondern eine der sozialen Kompetenz.

Zweiter Teil

Die Gesellschaftskontrakte des 21. Jahrhunderts

Wir brauchen eine Gemeinschaft, die an die Evolution der KomplexitÀt glaubt - eine Art Gleubensgemeinschaft der Zukunft.

Einleitung

Eine neue Etappe der Zivilisation

Jede Gesellschaft basiert auf ausgesprochenen oder unausgesprochenen VertrĂ€gen, die ihren „Verkehr“ regeln. Die soziale Evolution passt diese „Deals“ immer wieder den VerĂ€nderungen an, denen jede Gesellschaft unterliegt. In den grossen Umbruchsepochen jedoch kommt es stets zu einer Generalrevision aller ĂŒberlieferten VertrĂ€ge. In einer solchen Phase befinden wir uns heute: Wie beim Übergang von der FeudalĂ€ra in die Welt der Industrialisierung und des bĂŒrgerlichen Staates mĂŒssen wir heute die drei Megatrends unserer Zeit - Globalisierung, Individualisierung, Informationsgesellschaft - in unsere Kontrakte integrieren - und letzten Endes einen neuen Zivilisationstypus konstruieren.

Unsere gesellschaftlichen VertrĂ€ge wurden geschlossen in einer Ära, in der KlassenkĂ€mpfe und Klassenstrukturen die Gesellschaft prĂ€gten. Der Sozialstaat funktionierte auf Basis eines „Deals“, in dem der einzelne eine lebenslange Arbeitsbiographie hatte und in klaren GenerationsidentitĂ€ten lebte. Das zentrale Ethos der Gesellschaft war das Arbeitsethos, die Kultur war einem starren Bild von Familie verpflichtet. Die Ära des Wohlfahrtsstaates nach dem Kriege, mit ihren lang anhaltenden Wachstumszyklen, bei denen immer mehr Verteilungsmasse entstand, etablierte ein System, in dem soziale Transfer auf breiter Front zur Steuerung der Gesellschaft eingesetzt wurde.

All diese Bedingungen stimmen heute nicht mehr. Der Horizont der Menschen und der Wirtschaft ist grösser und globaler geworden. Und die Rohstoffe, aus denen wir in Zukunft unseren Mehrwert, unsere ProduktivitÀt speisen können, finden wir nicht mehr als Erz unter der Erde oder als Fleiss. Es ist die Intelligenz selbst, die in Verbindung mit Wissen und Information unsere Wirtschaft in Zukunft antreiben wird.


Individualisierung, Globalisierung, Informationsgesellschaft. Kein einziger dieser Trends ist wirklich zurĂŒckdrehbar, gar aufzuhalten. Globalisierung, Individualisierung und Information sind ElementarkrĂ€fte des erreichten Evolutionsstandes. Sie entsprechen dem Wesen steigender KomplexitĂ€t. Wenn die Regelung der Systeme nicht mehr funktioniert, weil sich die Bedingungen geĂ€ndert haben, dann geht die Rechnung fĂŒr den einzelnen nicht mehr auf. Die Kontrakte entwickeln plötzlich jede Menge unberechtigter Rechnungsstellungen: Eine tote Kultur aus Subventionen und verbeamtetem Rebellentum, InnovationsunfĂ€higkeit und berufsstĂ€ndischem Gejammer.

Unsere gesellschaftlichen und staatlichen Systeme sind nicht nur deshalb in der Krise, weil böse Konzerne sich globalisieren. Den alten Konsens untergraben viele MaulwĂŒrfe: Die Selbstverwirklichungskultur, die wirtschaftliche Rationalisierung, aber auch die Eigenlogik des Informationsmarktes. FrĂŒher, es ist gar nicht so lange her, waren wir einfach nicht informiert ĂŒber Alternativen zu unseren Kontrakten. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass andere es besser machen konnten als wir in unseren prosperierenden sozialdemokratischen Gesellschaften. Es gab keine Wahl, weil es keine Alternative gab - die Alternative, das war allenfalls der Kommunismus - dazu sagten 97% nein.

Wir benötigen, pĂŒnktlich zur Jahrtausendwende, andere VertrĂ€ge, zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft, zwischen Staat und Kultur, Familie und Welt; VertrĂ€ge, die die grossen VerĂ€nderungen unserer Zeit berĂŒcksichtigen, annehmen und in unseren gesellschaftlichen Organismus integrieren.

Die Kontrakte, in denen die Gesellschaft die Bedingungen der Globalisierung, der IndividualitÀt und der Information neu verhandelt und absichert, werden die Systemfrage neu stellen. Es geht letzten Endes um ein Modell jenseits der alten Dialektik von Kommunismus und Kapitalismus.

Im Grunde geht es wieder einmal - und mehr denn je - um die Frage, ob es eine „Moderne“ geben kann. Und es geht um den feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen den Wörtern anmassend und angemessen. Entweder, wir bleiben so anmassend wie bisher- und meinen, wir könnten auf dem Alten beharren, das Neue negieren, die Chancen vernachlĂ€ssigen. Oder wir entwickeln eine Kultur, eine Sprache, eine Denkweise, die den neuen Bedingungen angemessen ist.

Der „New Deal“, das „Neue Handeln“ im europĂ€ischen und globalen Zusammenhang das wĂ€re eine gesellschaftliche Welt, in der wir als Individuen auf einem Planeten leben können, den das Netz des umfassenden Informationsaustausches umgibt. Das bietet, neben Gefahren, auch ungeheure Chancen: Das Individuum wurde einst in der bĂŒrgerlichen Revolution vom Joch des Feudalismus befreit - jetzt könnte es sich der Last staatlicher GĂ€ngelung und aktivitĂ€tsverhindernder BĂŒrokratie entledigen. Die Information, das Wissen, erzeugt eine Wirtschaft, in der wir nicht mehr als „Arbeitskraft“ gefordert sind, die tagein-tagaus dasselbe verrichtet, sondern in der unsere KreativitĂ€t, unsere sozialen Kompetenzen, unsere EmotionalitĂ€t zunehmend wichtiger werden.

1. Der neue Kontrakt des Politischen

Modernisierung jenseits von links und rechts

An kaum einem Bereich unseres Lebens kann man das PhĂ€nomen unerlöster KomplexitĂ€t besser studieren als an unserem politischen System. Unser politisches Denken stammt aus einer lĂ€ngst verblassten Epoche, in der „rechts“ und „links“ die Koordinaten des politischen Universums bildeten.

Unser Parteienspektrum ist schlichtweg ĂŒberfĂ€llig. Seine Strukturen haben nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun. Anstatt uns dies einzugestehen, neigen wir zum alten Reflex: im Zweifel fĂŒr die Ideologie. Kaum werden die Konflikte der postindustriellen Gesellschaft sichtbar - im Niedergang ĂŒberholter Branchen, im sich abzeichnenden Verlust von auf Dauer unrettbaren ArbeitsplĂ€tzen, im Untergang alter Industriekonzeptionen -, steigen die alten Parolen wieder wie der Teufel aus der Flasche. Rechts gegen links. Wir haben es im Parteiensystem mit einer typischen Systemlage der Vortransformation zu tun: Wachsende InstabilitĂ€ten können nur noch durch „resets“ aufgefangen werden, durch RĂŒckfĂ€lle und Regressionen.

Bevor ein System auf eine höhere Ebene springt, entwickeln sich zeitweilig ungewöhnliche Synthesen. Öffentliche Forderungen, Kampagnen und Koalitionen, die quer durch die ideologischen Lager verlaufen, sind typisch fĂŒr einen KomplexitĂ€tssprung im politischen System.

In einer Gesellschaft, in der das Individuum die Klassenbindung löst, in der die Globalisierung die „Milieus“ brĂŒchig macht, muss Politik jenseits von rechts und links ansetzen. Die Frage kann nicht mehr sein, was sich gegen den „politischen Gegner“ und mit den „eigenen Reihen“ durchsetzen lĂ€sst, sondern wie man die Funktionen des gesamten Systems auf eine neue Ebene heben kann.

Die Siege Bill Clintons, Tony Blairs, der Triumph des BĂŒndnisses „Ulivo“ in Italien, sie weisen bereits den Weg in diese höhere KomplexitĂ€tsebene einer systemischen Politik: Gewinnen wird in Zukunft, wer es vermag, die heterogenen weltanschaulichen Strömungen zu einer scheinbar paradoxen, posttraditionalen Allianz zusammenzubinden - und dabei die ideologischen Grenzen souverĂ€n und ohne Polarisierung der Bevölkerung zu ĂŒberschreiten.

FĂŒr eine Welt der Individualisierung, Globalisierung und Information gibt es keine Politik mehr, die aus dem ideologischen Rohstoff der alten Parteiprogramme zu schĂŒrfen wĂ€re. Das, was frĂŒher zum Antagonismus geriet, muss unter den neuen Bedingungen zu einem neuen Ganzen zusammengefĂŒgt werden. Konsequente Privatisierung und mehr Staat (etwa in Bildungsoffensiven oder in der Inneren Sicherheit). Mehr BĂŒrgerrechte und Entstaatlichung (RĂŒckzug des Staates aus der Wirtschaft). Mehr soziale Initiativen, aber dennoch weniger Geld fĂŒr den Sozialbereich (durch sinnvolle Rationalisierung). Eine aktive Sicherheitspolitik und sozialarbeiterische Angebote in den Metropolen. Mit anderen Worten: Erst, wer Maggie Thatcher mit Biedenkopf, Stoiber und Joschka Fischer im Boot rechts und links ĂŒberholen kann, wird in Zukunft Wahlen und Herzen gewinnen.

2. Sozialstaat Revisited

Der neue Kontrakt zwischen BĂŒrger, Staat und Gemeinschaft

Die Debatten ĂŒber die Zukunft des Sozialstaats werden heute auf einer völlig falschen Ebene gefĂŒhrt: der des Sparens. Aber das Problem des Sozialstaats besteht nicht darin, dass er viel Geld verbraucht - das sollten wir uns leisten, wenn immer es sinnvoll angelegt ist -, sondern darin, dass er in der Gesellschaft falsche Reflexe trainiert.

Ohne weiter darĂŒber nachzudenken, gehen wir davon aus, dass wir soziale Probleme lösen, indem wir Menschen, die in Notlagen geraten, Geld geben.

Das klingt auf den ersten Blick ehrenwert und edel, eben „sozial“, ist aber im Grunde nur faul. Wir vernichten nĂ€mlich damit auf doppelte Weise Ressourcen. Das Geld des Steuerzahler und die KreativitĂ€t und WĂŒrde derer, die wir abschieben vor die Glotze. Wir setzen nicht auf die KrĂ€fte des einzelnen, sondern betrachten und bestĂ€tigen ihn in der Rolle des Opfers, als EmpfĂ€nger von Transferleistungen, die ihn ruhig stellen sollen.

In unseren Wohlstandsgesellschaften ist nicht mehr das Verhungern das Problem. Obdachlose, arbeitslose Jugend, Gebrechlichkeit im Alter: Armut bedeutet hier vor allem die Gefahr der Verwahrlosung. Wir sind reich genug, um selbst die HĂ€lfte der Bevölkerung gratis mit Grundnahrungsmitteln, Wohnung und Kleidung zu versorgen. Aber in der Welt der IndividualitĂ€t werden andere Dinge zum Mangel: Selbstrespekt und Respekt fĂŒr andere, die Möglichkeit, die Achtung der Umwelt zu erlangen, sich auszudrĂŒcken, in Beruf und TĂ€tigkeit zu verwirklichen, das alles sind gleichrangige GrundbedĂŒrfnisse der Menschen geworden. Genau dies aber sind Ressourcen, die wir mit unserem Sozialsystem eher vernichten als freisetzen.

Ein Sozialstaat der Zukunft muss nach dem Gesetz der KomplexitĂ€tssteigerung also mehrere Parodoxa in sich vereinen: Er muss den Armen geben, aber sie auch gleichzeitig herausfordern, aus ihrer „Armutsrolle“ herauszutreten. er muss fördern, indem er fordert. Es geht darum, denjenigen, die aus dem alten Beruf unwiederbringlich heraus gefallen sind, nicht nur ein Gnadenbrot zuzugestehen, sondern sie fĂŒr eine nĂ€chste Runde zu befĂ€higen.

Wer dazu wirklich nicht in der Lage ist, der hat selbstverstĂ€ndlich weiterhin Anspruch auf Obdach und ErnĂ€hrung. Der Skandal besteht jedoch darin, dass wir Menschen, die sich mit unserer UnterstĂŒtzung selbst helfen könnten, die Hilfe dazu verweigern. Statt der Konditionierung zur PassivitĂ€t mĂŒssen Gegenimpulse gesetzt werden. Dem Drang zur TrĂ€gheit, das jedes System schĂŒren muss, das nur Gelder verteilt, muss mit einer Logik gegengesteuert werden, die das Individuelle der Biographie nutzt. Also das Gegenteil der populistischen Phantasien: SozialhilfeempfĂ€nger zum Strassenkehren zu zwingen. Der wesentliche Lernschritt muss auf der Ebene des Bewusstseins stattfinden - die BĂŒrger zu einer anderen Auseinandersetzung mit dem Sozialen zu bringen, und die Frage des Sozialen als Emanzipationsfrage - nicht als pures Umverteilungsproblem - zu sehen.

Was ist - wenn man es in einem solchen Kontext sieht eigentlich so peinigend an dem Gedanken, junge MĂ€nner und Frauen wĂŒrden, vom Staat bezahlt, von arbeitslosen Lehrern oder Ingenieuren organisiert, den Wald aufforsten, die Innenstadt restaurieren, BĂ€che ökologisch zurĂŒck bauen? Warum sollen technikbegeisterte Abiturienten, statt in der Warteschleife bei McDonald's zu jobben, nicht kommunale Informationszentren aufbauen, in denen sie fĂŒr Computer-analphabeten im Internet recherchieren? Warum sollte man mit dem Einsatz von Sozialdienstlern nicht die Öffnungszeiten von BĂ€dern, Bibliotheken und Museen ausweiten?


Die neuen Kontrakte des Sozialen

  1. Staatliche Transferleistungen können nicht alle Risiken und Versorgungsprobleme des Lebens abfedern. Es werden deshalb private Sicherungssysteme steuerlich und mit anderen Methoden gefördert. Vom BĂŒrger wird verlangt, dass er sich entsprechend verhĂ€lt.
  2. Im Gegenzug verpflichtet sich der Staat, soziale Probleme mit nachhaltigeren Programmen anzugehen, die den BĂŒrger weniger Steuergeld kosten, aber dennoch zu verbesserten Ergebnissen fĂŒhren. Diese bestehen insbesondere in verstĂ€rkten Bildungsprogrammen gegen Arbeitslosigkeit und Armutskulturen, aber auch in Infrastrukturmassnahmen, die jedwede Form der SelbstĂ€ndigkeit fördern. Ein konsequenter Abbau von SozialbĂŒrokratien hin zu „task forces“ und mobilen Diensten ist vorzunehmen.
  3. Das weite Feld der VerbÀnde, Vereine, Initiativgruppen. Selbsthilfegruppen spielt in der Sozialpolitik eine zentrale Rolle. Den sozialen Privatinitiativen ist Vorrang zu gewÀhrleisten. Vorzuziehen sind hier Formen des sozialen Engagement, die auch der Selbstverwirklichung des einzelnen dienen.
  4. Die Kernbereiche der Arbeitslosenpolitik mĂŒssen das Prinzip der „inclusivity“ verfolgen - Einschluss statt Ausschluss aus dem produktiven Teil der Gesellschaft. Denn das zentrale Ziel ist die Vermeidung und Verhinderung einer neuen „Unterklasse“ in den europĂ€ischen Gesellschaften. Das bedeutet, dass man z. B. arbeitslosen Jugendlichen immer wieder massive Angebote macht, wie sie sich weiterbilden, nĂŒtzlich machen, Praxis erleben oder direkt ihr eigenes Geld verdienen können. Förderung durch Forderung - das heisst auch, dass man ab einer gewissen Angebotsdichte Sanktionen androhen kann, nach dem englischen Vorbild, wo Jugendliche zwischen vier Modellen wĂ€hlen können (Sozialdienst, zweiter Arbeitsmarkt, weitere Ausbildung, Job), aber KĂŒrzungen der Arbeitslosenhilfe hinnehmen mĂŒssen, wenn sie nach einer angemessenen Frist gar nichts tun.

3. Der neue Kontrakt der Arbeit

Wenn Arbeit „flĂŒssig“ wird

Jede Zeit hat ihre „Leitthemen“. War es in den 70er Jahren das Thema „Demokratisierung“, das Köpfe und Herzen bewegte, in den 80er Jahren dann die „Ökologie“, so lassen sich die 90er Jahre geradewegs auf das Wort „Arbeit“ fokussieren. An „Arbeit“ hĂ€ngt alles - unser ökonomischer Erfolg, unser Wertesystem, unser psychologisches Wohlergehen. Und die Arbeit ist das System, das sich am deutlichsten unter Evolutionsdruck befindet.

Die Lebensform der „ArbeitsplĂ€tze“ ist ein historisches Unikat des vergangenen Jahrhunderts. Noch um die Jahrhundertwende waren kaum 20 Prozent aller arbeitsfĂ€higen Menschen in „Lohn und Brot“ - 1975 90 Prozent

Die „ArbeitsplĂ€tze“, die derzeit ĂŒberall in unserer Gesellschaft verloren gehen, kommen niemals wieder zurĂŒck. Sie werden auch so nicht an anderer Stelle wieder erstehen, weil eine Wirtschaft, die auf der Akkumulation von Wissen beruht, weitaus flexiblere Arbeitskontrakte benötigt, als sie in „PlĂ€tzen“ zu organisieren sind. Die Vorstellung, lebenslang in einem Beruf Karriere zu machen, hat sich - fĂŒr die ĂŒberwiegen de Mehrheit der jungen Generation zumindest - ĂŒberlebt.

Was aber geschieht in einer Welt, in der Produkte immer individueller, differenzierter und komplexer werden? In der Wissen statt Stahl, Eisen oder Ingenieurskunst zum „Rohstoff“ wird? In der Dienstleistung, Beratung, Problemlösung, Software, den Mehrwert erzeugen? In der wir von einer anderen Art von Produktion, dem Speichern, der Verdichtung und der VerĂ€usserung von Wissen leben?


Die Strukturen des „New Work“

In Zukunft werden im Grunde nur zwei Typen von „Arbeitern“ gebraucht. Einmal Leute, die „ranklotzen“ können und damit die ProduktivitĂ€t erhöhen. Wenn man so will: ein neues Proletariat. Aber einem weit verbreiteten Vorurteil zum Trotz kann man diese Leute gerade in einer Ökonomie, deren ProduktivitĂ€t enorm gestiegen ist, gut bezahlen, und ihre Arbeit ist keineswegs immer nur stupide und gesundheitsschĂ€dlich (stupide und gesundheitsschĂ€dliche Arbeiten sind zunehmend automatisierbar). Auf der anderen Seite erhöht sich auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft die Nachfrage nach, „komplexer Wissensarbeit“, nach geistiger und „einmaliger“ Arbeit. Nach Leuten also, die in der Lage sind, höhere KomplexitĂ€ten als produktive Prozesse zu organisieren.

„Komplexe Wissensarbeit“ oder auch „New Work“ ist, zunĂ€chst, selbst lernende Arbeit. Kein Meister, kein Vorgesetzter, zeigt dem „New Worker“, was er ein fĂŒr allemal, womöglich sein Leben lang, zu tun hat. „New Work“ ist, zweitens, interdisziplinĂ€re Arbeit. Der Spezialist, der ĂŒber exklusives Teilwissen verfĂŒgt, wird zwar nach wie vor vom Arbeitsmarkt nachgefragt, es droht ihm aber das evolutionĂ€re Abseits. Sein Wissen veraltet schnell. Das „Ineinandergreifen des Verschiedenen“, das Wesen der KomplexitĂ€t, bildet sich vor allem in GrenzĂŒberschreitungen aus: Ein GĂ€rtner kann und muss Ökologe, ein Koch sollte Philosoph sein, ohne Systemwissen ist Teilwissen nur noch eine leere HĂŒlse. Ein Mediziner kann auch morgen noch ein Spezialist auf einem bestimmten Bereich sein, aber ohne Psychologie, Naturkenntnis, ein Schuss Heilmagie, ist selbst der berĂŒhmte Internist mit dem teuren Equipment bald am Ende.

Komplexe Arbeit bedeutet also - drittens - in der sozialen Konsequenz die Auflösung der klassischen Berufsbiographien. Wer gut verdienen will, muss in der Lage sein, Wechsel zu verkraften, zu managen. Er benötigt, egal, ob er in einem festen oder freien ArbeitsverhĂ€ltnis arbeitet, eine „entrepreneur“-MentalitĂ€t. Er muss seine FĂ€higkeiten chamĂ€leonhaft den wechselnden Entwicklungen anpassen können. Dies fĂŒhrt, zwangslĂ€ufig, zu biographischen BrĂŒchen, die es zunehmend schwieriger machen, die „Konstanten des Lebens“ verlĂ€sslich zu planen.


Die vier „Arbeitskulturen“ der Zukunft

1. Der High-Skill-Worker

Beim neuen „HighSkill-Worker“ steht nicht mehr die Fach-Qualifikation im Vordergrund, sondern Flexibilitat und TeamworkfĂ€higkeit, dazu ein identifikatorischer Leistungswille, gepaart mit der FĂ€higkeit, schnell zu lernen. High-Skill-Worker haben ein relativ hohes Einkommen. Sie sind, wenn man so will, die Antwort der ersten Welt auf die Arbeitsoffensive der Dritten - der massive Einsatz von Kapital und der von ihm eingesetzten Hochtechnologie (inkorporiertes Wissen!) erhöht die ProduktivitĂ€t derart, dass hohe Löhne weiter gezahlt werden können. Manche Ökonomen gehen davon aus, dass Unternehmer in kapital- und wissensintensiven Bereichen ĂŒberdurchschnittliche Löhne bezahlen mĂŒssen, um die kalkulierte Arbeitseffizienz auch zu erreichen

 

2. Der absteigende Angestellte

Das Gros unserer arbeitenden Bevölkerung wird weiter auf dem „Recht“ einer lebenslangen Arbeitsbiographie beharren. Aber diese Gruppe gerĂ€t immer weiter unter Druck

  • durch schleichende KĂŒrzungen sozialer Garantien    
  • durch neuen Leistungsdruck    
  • durch Entlassungen auf breiter Front.

Der klassische Mittelschichtsangestellte, der tut, was man von ihm erwartet, der Gewinner des Booms nach dem Krieg, wird in Zukunft der Verlierer sein. Er wird unaufhaltsam absteigen - allerdings in einer sehr langen, fast unmerklich absinkenden Parabel.

 

3. Der soziale Couch Potatoe

Unsere Gesellschaft wird sich daneben den Luxus von 20 Prozent Ausrangierten leisten, die ihr Leben vor 35 Fernsehprogrammen fristen. Schon heute liegt der Anteil der „ökonomisch RandstĂ€ndigen“ in Deutschland bei fast 20 Prozent. In England spricht man inzwischen von einer neuen Klasse der „ökonomisch Inaktiven“. Ältere MĂ€nner, die von der Sozialhilfe leben, JĂŒngere, die gar nicht erst den Einstieg schaffen, verabschieden sich aus den Statistiken. Sie bilden einen eigenen Lebensstil aus Resignation und Schwarzarbeit, eine „Schattengesellschaft“ der RandstĂ€ndigen.

 

4. Der neue SelbstÀndige

Dieser Gruppe gehört die Zukunft. Man findet sie heute schon als rasch wachsendes Milieu in den grossen StĂ€dten. „Neue SelbstĂ€ndigkeit“ bezieht sich allerdings nicht auf den konkreten Arbeitsvertrag, sondern auf ein ganzes BĂŒndel von PhĂ€nomen:

  • interdisziplinare Berufe gewinnen an Einfluss
  • Erst-, Zweit- und Drittberufe gehören zur NormalitĂ€t
  • Wir dienen mehreren Arbeitgebern
  • Hobbys werden zu Berufen - und umgekehrt
  • Lebensabschnitte mit viel Arbeit und Verdienst wechseln mit Lebensphase der Musse
  • Jeder von uns wird ein sogenanntes Arbeitsportfolio haben. Eine ganz bestimmte und spezifische Mischung von Qualifikationen und Erfahrungen.


MobilitÀt als Produktionsmittel

Die VerĂ€nderung der Arbeit erzeugt einen Evolutionsdruck in Richtung innerer und Ă€usserer MobilitĂ€t, FlexibilitĂ€t, Selbstverantwortung. Sie erzwingt höhere KomplexitĂ€t in der Selbstvermarktung jedes einzelnen. Jeder, ob Angestellter oder Beamter, Arbeiter oder Manager, muss eine andere Landkarte verinnerlichen, auf der die „Strassen“ seiner Qualifikation abgebildet sind. Zunehmend sind charakterliche Eigenschaften („emotionale Intelligenz“) Teil des Arbeitsportfolio eines jeden. TeamworkfĂ€higkeit, sprachliche AusdrucksfĂ€higkeit, ja sogar Charme gehören zum Kernbereich der Qualifikation. Der „New Worker“ ist ein Arbeitsguerillero, der seine FĂ€higkeiten flxibel den Topographien der MĂ€rkte und Ideen anpassen kann.

Dabei sind die Gefahren nicht zu leugnen. Der „New Worker“ wird es schwer haben, sein Privatleben zu organisieren. Er ist eher ein Nomade als ein Sesshafter, eher ein KĂŒnstler als ein Familienvater. Familien benötigen Rhythmus, Berechenbarkeit. Neue Jobs erfordern Aufbruch, Lust an durchgearbeiteten NĂ€chten. Die Gefahr besteht, dass der „New Worker“ seine Familien wie „Campingmöbel“ mit sich herumschleppt. Die Gesellschaft benötigt aber gleichzeitig, um einen höheren KomplexitĂ€tsgrad zu erreichen, neue Formen sozialer Verbindlichkeiten: mehr Gemeinschaften, mehr Nachbarschaften. Aber auchFirmen benötigen, trotz aller Flexibilisierung, KontinuitĂ€t. Hier muss sich eine neuere, komplexere Arbeitskultur entwickeln.


Die Familien

Brauchen Familien nicht den festen Halt von zumindest einem berechenbaren Einkommen, auf dem sie ihr Überleben und ihre langfristige Lebensplanung aufbauen können? Vielleicht. Aber sie brauchen auch und in Zukunft immer mehr Möglichkeiten der ZeitsouverĂ€nitĂ€t. Um RĂ€ume zu finden, in denen das, was Familie sein kann, ĂŒberhaupt noch stattfinden kann, mĂŒssen wir lernen, anders mit KarriereverlĂ€ufen umzugehen.

Wer heute, meist um die Dreissig, Familien grĂŒndet, erlebt immer den gleichen RealitĂ€tsschock. Über Nacht ist die Welt von Zeitmangel und komplexen Organisationsnotwendigkeiten geprĂ€gt. Man rennt stĂ€ndig der Zeit hinterher und hat stĂ€ndig ein schlechtes Gewissen. MĂ€nner entfremden sich von den Familien, Frauen flĂŒchten um so mehr in den Beruf.

Ich glaube, dass Familien im Grunde die geborenen „AnwĂ€rter“ fĂŒr die neue Arbeitskultur sind. Die Möglichkeit, flexible Zeiten zu arbeiten, Sabbaticals zu nehmen, Rollen zu tauschen, Zeitkontrakte wahrzunehmen sind mehr als Korrekturen. Die Arbeitswelt der Zukunft ermöglicht auch konsequentere Schritte. Auf dem Lande leben und on line arbeiten - das kann, wenn es illusionslos und konsequent angegangen wird, Kindern und Familien guttun. Biographie phasenweise leben - Karriere konsequent in den spĂ€ten Zwanzigern, dann Familienpause, mit spĂ€testens 50 eine „zweite Karriere“, in der andere Qualifikationen zĂ€hlen als die VerfĂŒgbarkeit rund um die Uhr - das wird einer Gesellschaft, die sich der „Kultur der Wahl“ verschrieben hat, ein Herzensanliegen sein. Anderenfalls darf sie sich nicht wundern, wenn ihr der Nachwuchs ausgeht, wenn die Familie ein Ort von Stress und Entfremdung wird.

Ich sage nicht, dass das Projekt „neue SelbstĂ€ndigkeit“ automatisch familienfreundlich ist. Aber Erfahrungen anderer LĂ€nder - vor allem Skandinavien, Holland, der USA, zeigen, dass sich, wenn die gesellschaftlichen Institutionen, die Politik und die Wertesysteme mitziehen, die Flexibilisierung der Arbeit ein wichtiger Teil von Emanzipation sein kann. In Norwegen trifft man allerorts MĂ€nner mit Kinderwagen, die ihre Frauen im Betrieb besuchen. Nicht, weil die norwegischen MĂ€nner Softie-Mutanten sind, sondern weil die norwegischen Firmen child care als SelbstverstĂ€ndlichkeit, als Wesen des sozialen Organismus Firma begriffen haben.

Am Ende könnte sich also die Krise, in die wir heute mit steigenden Arbeitslosenzahlen  hineinschliddern, eine Ă€usserst reinigende Wirkung haben. Wenn wir sensibel und realitĂ€tsnah reagieren, könnte sie am Ende dazu fĂŒhren, dass wir einen weiteren Prozess der „Arbeitsemanzipation“ erleben - weg von der sklavischen AbhĂ€ngigkeit von „Zeit gegen Geld“, hin zu mehr Selbstbestimmung des eigenen Lebens. Unsere Arbeit wird durch Globalisierung und Rationalisierungstechniken, gewissermassen „nach oben“ gezwungen. Immer mehr Profit wird mit Ideen, Konzepten, Informationen und deren Verdichtung gemacht - immer weniger mit der Herstellung gleichförmiger Massenprodukte.

Immer mehr muss die moderne Ökonomie dafĂŒr „den ganzen Menschen fordern“ - geistige, emotionale, visionĂ€re Energien und KrĂ€fte statt Muskelkraft, Fleiss und Ausdauer. Die Wirtschaft der WissensĂ€ra will, gefrĂ€ssig, wie sie ist, den ganzen Menschen fĂŒr den Profit. Aber man kann es ja auch anders sehen, so, wie ein vernĂŒnftiger und ganzheitlich denkender Unternehmer es sieht: Die human resources sind das Entscheidende im Wirtschaftsprozess der Zukunft, deshalb muss man sparsam, nachhaltig, ökologisch mit ihnen umgehen. Firmen von heute und morgen sind Familien, VerbĂŒnde, Allianzen, in denen der Mehrwert des Geistes erzeugt wird, und die ihren Mitarbeitern Platz zum mentalen Wachstum geben mĂŒssen. Firmen von morgen mĂŒssen, um die „richtigen Leute“ anzuziehen, ein „biographisches Angebot“ machen. Und spĂ€testens hier dreht sich die Nachfragerichtung auf dem Arbeitsmarkt wieder um: Neue SelbstĂ€ndigkeit, das heisst ja auch, dass der einzelne mehr Macht, mehr VerfĂŒgung ĂŒber seine FĂ€higkeiten erhĂ€lt. Wenn er die dafĂŒr notwendigen FĂ€higkeiten und Qualifikationen erringt, gewinnt er an SouverĂ€nitĂ€t gegenĂŒber den grossen Systemen des Arbeitsmarktes und der Kapitalverwertung: Arbeit wird wieder eingesetzt in den ihr zustehenden Rang.


Die neuen Kontrakte der Arbeit

  1. Firmen können ihren Mitarbeitern nicht mehr lebenslange BeschĂ€ftigung bieten. Sie mĂŒssen auch von ihren Mitarbeitern weitaus höhere Grade an FlexibilitĂ€t, Wissenszuwachs und „mentalem Wachstum“ fordern. Im Ausgleich schliessen sie mit ihren Mitarbeitern einen neuen „Ausbildungspakt“: Sie verpflichten sich, Weiterbildung in jeder Form so in den Betriebsablauf zu integrieren, dass die Mitarbeiter sich jederzeit auch in anderen Sektoren der Wirtschaft bewĂ€hren könnten. Hierbei sind besonders die neuen Kernkompetenzen - im Rahmen emotionaler Intelligenz zu fördern, um zu hohe Spezialisierung zu vermeiden.    
  2. Der Prototypus der neuen Arbeit ist die neue SelbstĂ€ndigkeit. Deshalb fördern die staatlichen und sonstigen Institutionen konsequent alle Formen der Portfolioarbeit. Das reicht von neuen „ArbeitsĂ€mtern“, die in SelbstĂ€ndigkeit schulen, ĂŒber die allgemeine EntbĂŒrokratisierung der Gesellschaft und eine konsequente Schul- und Bildungsreform bis zu den neuen „zĂŒnftigen“ Gewerkschaften, die neue „Assoziationen von Einzelkampfern“ schaffen. Individualisierte Renten- und Versicherungsmodelle mĂŒssen den Portfolioarbeitern die Möglichkeit geben, ihre Sozialversicherung gĂŒnstig selbst zu finanzieren.    
  3. Moderne Firmen wissen, dass ihre FĂŒhrungskrĂ€fte und Mitarbeiter nur dann Leistung bringen und dazulernen können, wenn sie ihr Privatleben ausbalancieren können. Sie werden also Abstand nehmen von einer „Politik des Auspressens.“ Sie werden die Faktoren Zeit, Familie und LebensqualitĂ€t als Mehrwerffaktoren ernst nehmen und ihre Mitarbeiter dazu anhalten, lieber weniger, aber dafĂŒr besser und nachhaltiger zu arbeiten. Und sie werden die Arbeitspolitik der Firma flexibel und familienfreundlich gestalten. Und schliesslich auch ihren Mitarbeitern als wesentlichen Leistungsanreiz die Beteiligung am Produktivkapital anbieten.

4. Der neue Kontrakt der ProduktivitÀt

Vom Shareholder Value zum Workholder Value

Im Zentrum liegt eine ganz simple Frage: Wenn Globalisierung und Wissensgesellschaft eine Wirtschaftsform erzeugen, in der dem einzelnen mehr KreativitĂ€t, Selbstverantwortung und WandelfĂ€higkeit abverlangt werden - wie kann man diese Prozesse befördern? Aus Unternehmersicht: Wie kann man die Belegschaft motivieren, die ungeheuren ProduktivitĂ€tssteigerungen zu leisten, die nötig sind, um in der Zukunft mitzuhalten? Mit Sicherheit geht dies nicht durch KĂŒrzungen, Druck und Entlassungen.

Einige nĂŒchterne Zahlen können uns den Weg ins Herz dieses Problems weisen: In Deutschland sind Mitte der Neunziger 5,5 Prozent des Aktienvermögens in der Hand „normaler Leute“, also der Mittelschichten. In den USA sind es 22 Prozent.

Erst, wenn die Firma, in der wir arbeiten, in irgendeinem manifesten Sinne uns am Erfolg beteiligt, werden wir uns mit ihr identifizieren und die entsprechende Leistung bringen. So könnte die Firma ihre Mitarbeiter durch Aktien oder Aktienoptionen am Produktionsvermögen der Gesellschaft beteiligen. „Shareholder Value“ könnte so eine ganz andere Bedeutung bekommen:  „Workholder Value“.

Bei der Computerfirma SAP können Mitarbeiter heute bereits bis zu 10 Prozent ihres Einkommens in einen Aktiensparplan einzahlen. Genussscheine, Genossenschaftsanteile, Mitarbeiterdarlehen, betriebliche Investment fonds - all diese Modelle verbinden die ökonomische IdentitÀt auf höherer Ebene mit der ProduktivitÀt. Sie synchronisieren den Individualismus mit den Notwendigkeiten der Produktionsgesellschaft. Wenn das Management seinerseits die Konsequenzen zieht und sich seine Leistungen nicht mehr durch monströse FixgehÀlter, sondern durch Erfolgsbeteiligungen ausbezahlen lÀsst, können sich die starren Hierarchien auflösen, und die Leistungsunterschiede kommen erst wirklich zum Tragen.

Wenn KreativitĂ€t und Geld, der einzelne und die okonomische Macht nicht nĂ€her aneinander heranrĂŒcken, wird unsere Gesellschaft in ein Meer von EntitĂ€ten zerfallen: ein Heer von EinzelkĂ€mpfern, Lobbies, Besitzstandswahrern, Querulanten, Kritikern, eine Gesellschaft der Opfer, der „Freigesetzten“, der PseudoklassenkĂ€mpfe.

General-Electronic-Chef Jack Welch, Ă€usserte sich neulich in einem SPIEGEL-Interview zum „Shareholder Value“ so:

Frage: Selbst europĂ€ische Manager finden es pervers, dass Unternehmer in Amerika nur ankĂŒndigen mĂŒssen, ein paar tausend Leute zu entlassen, und schon schiesst der Aktienkurs nach oben.

Jack Welch: Das hat es gegeben. Auf Dauer hat aber niemand damit Erfolg. Wenn sie Shareholder Value schaffen wollen, mĂŒssen sie vor allem zufriedene und motivierte Arbeiter haben. Vergessen sie nicht, dass unter den Shareholdern unseres Konzerns auch die Mitarbeiter sind. Im Schnitt besitzen sie Aktien im Wert von 75 000 Dollar, das sind neun Milliarden Dollar Vermögen, dreimal soviel wie vor zehn Jahren.

Modelle der Mitarbeiterbeteiligung sind eine Antwort einer „emanzipierten“ Gesellschaft auf die Herausforderungen der WeltmĂ€rkte. Sie differenzieren und integrieren gleichzeitig. Mit andern Worten: Sie erlösen KomplexitĂ€t. Sie sind die einzig moderne Antwort auf die Tatsachen des Marktes, des Individualismus und der Demokratie in den entwickelten Industriegesellschaften.

Hier zwei Beispiele fĂŒr erfolgreiche Modelle der neuen Art:

  • Die Fluggesellschaft United Airlines, die kurz vor dem Konkurs stand, hat im Jahre 1995 60 Prozent ihrer Aktien auf ihre 4000 Mitarbeiter ĂŒbertragen und die Löhne um 15 Prozent gekĂŒrzt. Die ProduktivitĂ€t von United Airlines hat sich innerhalb kĂŒrzester Zeit verdoppelt. Die Mitarbeiter sind bereit, mal mehr, mal weniger zu arbeiten, je nachdem, wie die MarktverhĂ€ltnisse sich entwickeln.
  • Die Ditec, eine Softwarefirma mit 1000 Mitarbeitern, hat an ihre Mitarbeiter zwischen 7 und 46 Aktien zu Vorzugspreisen verkauft. Hier wird auch das Topmanagement am Konzept beteiligt - relativ geringe ManagergehĂ€lter werden durch Aktienpakete ergĂ€nzt.

5. Der Kontrakt des neuen Lernens

Die Grundlage der Wissensgesellschaft

„Die Menschheit hat bis jetzt l0 hoch 15 Bits an Information gespeichert. Bis zum Jahr 2000 wird sich die Menge etwa verdoppeln. Dabei gilt fĂŒr die Infosintflut folgendes: Etwa drei FĂŒnftel sind Unsinn und vermischter Unsinn; ein FĂŒnftel ist zwar sinnvoll, aber vergĂ€ngliche Info, und kaum ein FĂŒnftel besteht aus ernsten DenkfrĂŒchten. Sogar die Forschungsanstalten werden in der Flut versinken, weil sie nicht Information, sondern deren Selektion benötigen, um weiter agieren zu können.“ (Stanislaw Lem)

Das grösste Zivilisationsproblem unserer Tage lautet: Wie unterscheide ich zwischen wahren und wichtigen Informationen und dem Rest?

Wissensgesellschaft ist fĂŒr das, wohin die Reise geht, ein sehr viel nĂŒtzlicherer und prĂ€ziserer Begriff als Informationsgesellschaft

Jeder, der einmal versucht hat, das Datennetz nach einer bestimmten Information zu durchkĂ€mmen, weiss, dass Information und Wissen zwei Ă€usserst verschiedenartige Sachverhalte sind. Unser Wissen wird in der elektronischen Welt unaufhörlich verdĂŒnnt. Der Zuwachs substantiellen Wissens ist heute wie damals ein Ă€usserst mĂŒhsamer Prozess. Er hĂ€ngt nĂ€mlich nicht von der FĂŒlle der Daten ab. Wissen bedeutet: Das, was an Information Sinn macht. Wissen besteht aus der FĂ€higkeit, viele verschiedene Dinge zu verdichten und sie unter den Hut eines einzigen Sachverhalts zu bringen - ihnen einen Sinn zu geben. Wer wissen will, muss geistige Leistungen wie Kombinieren, Assoziieren, Einordnen, Strukturieren, Analysieren, Kommunizieren, Ahnen zu einer Gesamtsicht integrieren können - und all das auf einmal ist etwas, was ein Computer eben nicht kann. Wissen ist ein kultureller, kein technischer Akt.


Medienanalphabetismus

LĂ€ngst lassen sich die AbdrĂŒcke einer neuen kulturellen Polarisierung erkennen. Es scheiden sich zwei Kasten, die sich unrettbar voneinander fortentwickeln: Passive und aktive Mediennutzer, Medienkompetente und sekundĂ€re Analphabeten.

Auch passive Mediennutzer sind der Medienflut keineswegs hilflos ausgeliefert. Das „Zapping“ als Technik, sich unerwĂŒnschte Information vom Leib zu halten, Information gleichsam zu rationalisieren, ist heute ein Volkssport geworden. FĂŒr passive Mediennutzer ist es im Prinzip ziemlich egal, welche Information sie sich „reinziehen“. Es geht vor allem um ReizstĂ€rke; das Medium muss unterhalten, es muss KomplexitĂ€t verlĂ€sslich reduzieren.

Aktive Mediennutzer gehen mit Information anders um: Sie benutzen sie zur Erhöhung ihrer inneren KomplexitĂ€t. Dies geht nur, wenn man den Informationszufluss kontrolliert und dosiert, wenn man Kategorien von „wichtig“ und „unwichtig“ entwickelt.

Auch jemand, der tÀglich 12 Stunden auf dem Information highway unterwegs ist, kann ein Medienanalphabet sein! Sein Informationsverhalten kann primitiv im Sinne eines rein quantitativen Reinschaufelns sein. Er kann den Computer benutzen wie eine Kinderrassel zur Beruhigung, zur ewigen Wiederholung, zur Regression.

In Zukunft wird nicht unbedingt derjenige „das Spiel gewinnen“, der wie selbstverstĂ€ndlich mit Maus und Internet umgeht. Das ist eine bisweilen notwendige, aber keine hinreichende Bedingung fĂŒr die Qualifikation von morgen. FĂŒr komplexes Wissen ist der Computer ein tool, mehr nicht. Es gibt Aufgaben, Herausforderungen und Probleme, die man ohne den Computer weitaus besser erledigen kann als mit ihm. Denken wir nur an die Humandienstleistungen. Die KĂŒnste. Das Management. Das Heilen. Auf einer gewissen Ebene der KomplexitĂ€t stören sogar Informations- und Kommunikationsströme. Wer wirklich kre-ativ sein will, benötigt  die leeren RĂ€ume der Kontemplation. SchlĂŒsselqualifikationen

Wenn „Arbeit“ die (scheinbar) knappe Ressource unserer Zeit ist, dann wird „Bildung“ der SchlĂŒssel fĂŒr die Zukunft.


Die SchlĂŒsselqualifikationen der Zukunft

  • Fachkönnen statt Fachwissen. Es wĂ€re ein Irrtum, die Fachqualifikation einfach als unwichtig abzuschreiben. Ein freundliches Wesen haben, ein guter Mensch sein - das reicht nicht. „Fachkönnen“ ist die FĂ€higkeit, das eigene Wissen innerhalb eines Betriebes in die Lösung praktischer Aufgaben umsetzen zu können.
  • Emotionale Intelligenz. Dieser Begriff hat sich in der modernen Debatte weitgehend durchgesetzt. Er umfasst ein weites Feld an FĂ€higkeiten des einzelnen, sich selbst zu organisieren und zu steuern, wobei im Unterschied zu den Intelligenzmodellen der Vergangenheit kommunikative, kooperative und psychologische FĂ€higkeiten des einzelnen zunehmend in den Vordergrund rĂŒcken.
  • Informationsintelligenz: Die FĂ€higkeit, im Meer der Informationen das Wichtige auszusuchen und zu filtern. Die FĂ€higkeit, seinen Medienkonsum sinn- und massvoll zu steuern und „Hype“ von RealitĂ€t zu unterscheiden. Im englischen auch computer literacy - die FĂ€higkeit, mit den neuen Informationstechnologien und Medien kreativ und sinnvoll umzugehen.
  • Selbstmanagement-lntelligenz: Die FĂ€higkeit, sich selbst „zu managen“, ist in den flexibleren, aber auch unsicheren Arbeits- und Lebenslandschaften der Zukunft von existentiellem Belang. Das verlangt nach der Qualifikation, sich selbst „von oben zu betrachten“ und die eigenen FĂ€higkeiten vernĂŒnftig und ohne narzisstische Überhöhung oder Erniedrigung einzuschĂ€tzen. Dazu gehört sowohl Selbstrespekt als auch der Respekt vor dem anderen, vor allem jene FĂ€higkeit, an der es auch den „Erwachsenen“ heute mangelt: Zwischen den eigenen BedĂŒrfnissen und der Welt mit ihrer ÜberfĂŒlle an Konsum- und Sinnesreizen eine vernĂŒnftige Balance zu finden.


Individualisierung der Bildung

Die Bildungskrise ist letztlich das Resultat des ersten individualpsychologischen Hauptsatzes: Ein grösseres Ich fordert mehr Eigensinn. Doelker: „Schulen und UniversitĂ€ten bleiben HĂ€user des Lernens. Darin wird es allerdings anders zugehen als heute. Die neuen Techniken brechen den Klassenverband auf, weil jeder sein Lerntempo selber bestimmen kann. Nicht mehr der DĂŒmmste gibt das Tempo vor, jeder einzelne muss individuell betreut werden.“

Beispiel aus Canada: ZunĂ€chst wurden die Lernziele neu definiert. Und zwar nicht nur programmatisch, sondern als ĂŒberprĂŒfbare und benotete LernfĂ€cher. Man fĂŒhrte eine neues „Kleeblatt“ von Lernzielen ein, das strikten QualitĂ€tskontrollen unterliegt.

  1. Academics: Wissen und Kulturtechniken im herkömmlichen Sinn; Lesen, Schreiben und Rechnen, ergÀnzt durch den wesentlichen Punkt computer literacy - Computervertrautheit, Umgang mit Wissensbeschaffung und Wissenstechnologie, und das auch bereits bei den SechsjÀhrigen!
  2. Teamwork: Die FĂ€higkeit, selbststĂ€ndig in der Gruppe zu arbeiten - auch ohne Anleitung -, ist nicht nur ein „soft scill“ der neuen Schulen, sondern steht im Zentrum aller Programme. Es wird geprĂŒft, trainiert und ĂŒberall gefördert. Aus vielen Lern- und Erarbeitungsprozessen ziehen sich die Lehrer ganz zurĂŒck, benotet wird nicht die richtige, sondern die angemessene Lösung eines Problems in der Gruppe.
  3. Self-Management: Die FĂ€higkeit, sich selbst einzuschĂ€tzen, zu kontrollieren, herauszufordern und zu steuern rĂŒckt, je Ă€lter die SchĂŒler werden, immer mehr in den Mittelpunkt. Hierzu zĂ€hlen UnterrichtsfĂ€cher wie Selbstdarstellung, Rhetorik, aber auch, bei den sozial Schwachen, merkwĂŒrdige themenzentrierte Lerneinheiten wie „Respect and Self-Respect“ - Unterrichtsstunden, in denen SelbstwertgefĂŒhl gelernt wird. Denn SelbstwertgefĂŒhl, so weiss man in der neuen kanadischen PĂ€dagogik, ist das Zentrum der Persönlichkeitsentwicklung.
  4. Das lernende Lehrerteam: In den Schulen des DURHAM BOARD ist die Lehrerausbildung nicht mit der Verbeamtung (die es kaum noch gibt) zu Ende. Im Gegenteil. Der wichtigste SchĂŒler in der Schule ist der Lehrer. „Fortbildung“, das heisst nicht, einmal im Jahr zu einem Kursus in die Rocky Mountains zu fahren, sondern Implementierung der Lehrerfortbildung in die Schule selbst. Schule wird zu einer „Zweigstelle der UniversitĂ€t“. Lehrer ĂŒben Computer, neue Lehrmethoden, tauschen sich aus, wechseln in den Schulen hin und her.
    Damit wandeln sich auch die inneren Bilder der PĂ€dagogik. Co-Evolution als Prinzip des Lernens wird fĂŒr die SchĂŒler mehr als ein hohles Wort. Er sieht, wie die Lehrer sich verĂ€ndern, Fragen stellen, Lösungen suchen - genauso, wie es von ihm selbst verlangt wird, und analog dazu, wie die Arbeitswelt um sie herum sich verĂ€ndert.


Der „GrĂŒnder“ als neues Leitbild des UniversitĂ€ren Lernens

Wenn meine SchĂŒler trotz Blaumachens die nĂ€chste Klausur schaffen, beglĂŒckwĂŒnsche ich sie, schrieb neulich ein erleuchteter Lehrer in der ZEIT. Fallen sie wegen hĂ€ufigen Fehlens durch, so widerfĂ€hrt ihnen das als Konsequenz ihrer eigenen freien Entscheidung. Mein Unterricht ist ein Service, den sie aus freien StĂŒcken annehmen oder ablehnen. Sein Wert bemisst sich als Funktion der BedĂŒrfnisse und Lebensplanung seiner Abnehmer. Weder erstere noch letztere stehen zur Disposition pĂ€dagogischer Missionare oder sind Gegenstand gesellschaftlicher Vereinbarungen. Ein freiheitlich demokratischer Staat hat die Aufgabe, seinen BĂŒrgern BrĂŒcken zu bauen. Wer sie nicht begehen will, hat sich frei und selbst bestimmt anders entschieden. Zur Emanzipation gehört auch das Recht auf die eigene Katastrophe.

Was der „Spezialist“ fĂŒr die Industriegesell- schaft, könnte fĂŒr die Zeit der Jahrtausendwende, der „GrĂŒnder“ werden. Ein Typus, in dem sich Erfinder, ÜberlebenskĂŒnstler und Unternehmer mischen, der den Innovationsprozess in die Gesellschaft hinein vorantreiben kann.

Unser Bildungssystem hat mit seiner Akademisierung zu einer „Mandarin-MentalitĂ€t“ beigetragen, die auch das gesellschaftliche Werteempfinden gefĂ€hrlich stört. Handarbeit, unternehmerische Tugend, praktischer Einfallsreichtum, taktisches Geschick gelten nichts in einer auf akademischem Privileg und Beamtenidealen fussenden Kultur. Dagegen könnte das „Lernziel GrĂŒndermentalitĂ€t“ ein wirksames Gegenmittel sein. Die Schulen gelten nicht mehr als Zubringer zur Uni: Wer heute da nicht anlangt, ist aller Beteuerung zum Trotz nicht ganz voll zu nehmen. Schule schafft kĂŒnftig das Bewusstsein, dass jeder Ort Chancen zur Realisierung von Eigensinn, zur Erlangung von Eigentum, GlĂŒck und Wohlstand enthĂ€lt. Ein geschickter Schneider, ein wendiger Kaufmann, ein passionierter Koch oder ein weitsichtiger Bauer sind gesellschaftlich wertvoller als depressive Uniassistenten oder missgĂŒnstige LiegenschaftsamtsrĂ€te. Die UniversitĂ€ten werden nicht mehr daran gemessen, welche Mengen an Fussnoten und akademischen WĂŒrden sie produzieren, sondern wieviel „GrĂŒndereuphorie“ sie zu erzeugen vermögen.

Vielleicht lÀsst sich ein neuer Gesellschaftsvertrag auf folgender Ebene abschliessen: Lebenslange BeschÀftigung und steigende Löhne kann kein Unternehmen mehr garantieren. Das Unternehmen kann sich aber sehr wohl verpflichten, dem Mitarbeiter wÀhrend seiner BeschÀftigungszeit die Möglichkeit zur beruflichen Weiterqualifizierung zu bieten. Mit diesen erweiterten Qualifikationen kann der Mitarbeiter anschliessend bei einer anderen Firma ein höheres Gehalt verdienen. An die Stelle lebenslanger BeschÀftigung tritt lebenslange BeschÀftigbarkeit.


„New Learning“ - weitere Trends in der Bildung der Zukunft

Wenn es mehr und mehr um emotionale und kommunikative Kompetenzen geht, wenn die FĂ€higkeiten, die der Individualismus und die Informationsgesellschaft von uns fordern, nicht mehr Wissensaneignung, sondern eigenstĂ€ndige „Sinnproduktion“ ist, dann nĂ€hern wir uns im Kern wieder der alten „Charakterbildung“ an.

Selbstausbildungsprozess in einem Vier-Punkte-Raster:

  1. Was will ich? Wo möchte ich in einigen Jahren sein? Was sind meine WĂŒnsche und TrĂ€ume?
  2. Was kann ich? Was sind meine spezifischen FÀhigkeiten? Was sollte ich demnÀchst fördern oder lernen?
  3. Wie ist mein Charakter? Was sind meine Eigenheiten, die ich kaum verÀndern kann?
  4. Was sind meine Ressourcen? Habe ich ein ganz bestimmtes Hobby, in dem ich mich auskenne? Privatvermögen?


Die RĂŒckkehr der Mentoren: Gerade bei steigenden KomplexitĂ€tsgraden des Wissens gibt es keine Alternative zur persönlichen Vermittlung von Wissensgut. Die „Internet“ Schule ohne Lehrer ist ein falscher Denkansatz: Je höher die Informations-KomplexitĂ€t, desto wichtiger werden Menschen, von denen man lernen kann, wie man all dies sinnvoll zusammenfĂŒgt. Die alte Institution des „Bildungsmentors“ wird deshalb wieder aufleben. Der Lehrer wird vom Wissensvermittler zum Wissensmoderator.


DiĂ€tetische Bildung: In einer Kultur des Überflusses wird es zur entscheidenden Frage, wie ich mich von dem allgemeinen „Zuviel“ an Wissen und Ablenkungen abgrenzen kann. „DiĂ€tetik“ als umgreifender Begriff bezieht sich auf die FĂ€higkeit, den eigenen Geist/Körper/die Seele im Gleichgewicht mit der Umwelt zu halten - und in der Lage zu sein, „nein“ zu sagen.


Bildung als Sozialpolitik

Wenn Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten ein Rat fĂŒr ihr kĂŒnftiges Leben gegeben wurde, dann lautete er in etwa: Studiere so lange und so viel wie möglich, und suche dir dann einen sicheren und erfolgversprechenden Arbeitsplatz. Das war in der Welt der planbaren Biographien und programmierten Aufstiege richtig.

  Im Grunde hat sich an der Grundaussage - Bildung ist die Voraussetzung fĂŒr upward mobility - nicht viel geĂ€ndert. Doch es wandelt sich das VerhĂ€ltnis zwischen der Welt der Bildung und der Welt der Arbeit. Da Arbeit immer mehr von Wissensverdichtung lebt - wir verdienen Geld mit Ideen, Prozessen, Logistiken -, da Bildung immer weniger aus Faktenwissen und immer mehr aus „KomplexitĂ€tstechniken“ besteht, sind beruflicher Werdegang und Bildungswerdegang nicht mehr ,“hintereinander“ denkbar.

Heute lautet daher der Rat, den wir unseren Kindern geben mĂŒssen: Du solltest so frĂŒh wie möglich Erfahrungen sammeln, Geld verdienen, dich nicht an eine Firma binden und immer wieder aus Berufen aus- und einsteigen, dich weiterbilden, bis du dein individuelles Portfolio sortieren kannst. Dann solltest du lange auf Weltreise gehen.

Und was sollen wir mit all den Ungebildeten in unserer Gesellschaft machen, den „Unbildbaren“, denen, die die schöne neue Welt der sozialen und digitalen Kompetenz nicht erreichen können? Es kann nur eine hartnĂ€ckige Antwort geben: sie bilden!


Der Kontrakt des „neuen Lernens“

  1. Der Staat garantiert seinen BĂŒrgern nicht mehr Versorgung in jeder (Not-) Situation, sondern zuallererst Zugang zu Qualifikation jedweder Art. Sozialtransfer und Arbeitslosengeld kann auch in „Qualifikationskapital“ gezahlt werden.   
  2. Zu den klassischen Kulturtechniken, die um Computer/Medienkompetenz ergĂ€nzt werden mĂŒssen, kommen die beiden SĂ€ulen „Teamwork-Kompetenz“ und „Selbst-Management-Kompetenz“.    
  3. Die UniversitÀten werden zur Wirtschaft und zur Gesellschaft hin geöffnet. Forschungsprojekte unterliegen einer öffentlichen Kontrolle. Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Schul- und Ausbildungsmodellen wird bewusst gefördert, Sponsorentum ebenfalls.
  4. Das neue Leitbild fĂŒr die UniversitĂ€ten ist nicht mehr der „Akademiker“, sondern der „GrĂŒnder“. SelbstĂ€ndigkeit und wirtschaftliche FĂ€higkeiten sind unabdingbares Element jedes zukĂŒnftigen Ausbildungsgangs.
  5. Die Bildungsinstitutionen werden entsprechend eines „gesellschaftlichen Coaching“ reformiert. Ziel der diversen Ausbildungen sind nicht „AbschlĂŒsse“, sondern   lebenslange Lernbiographien. Jeder BĂŒrger hat das Recht, alle fĂŒnf Jahre ein Semester auf einer UniversitĂ€t zu belegen.

6. Der Kontrakt der Innovation

Auf dem Weg zu einer neuen Erfindungskultur

Aus Sicht der Trendforschung können wir seit einiger Zeit eine wachsende ErnĂŒchterung in bezug auf den Information Highway ausmachen. Die Amerikaner haben bereits einen Namen fĂŒr diesen Gegentrend: Computer Backlash.

Es ist nun auch den Fans bekannt, dass nur wenige Aspekte des tÀglichen Lebens digitale Netze erfordern. Zum Kochen, Fahren, Besuchen, Verhandeln, Essen, Wandern und Tanzen können Sie darauf verzichten. Sie brauchen keine Tastatur, um Brot zu backen, Tischfussball zu spielen, eine Steinmauer zu bauen, ein Gedicht aufzusagen oder ein Gebet zu sprechen.

Diejenigen, die den „Cyberspace“ im Moment - mehrheitlich - in Betrieb halten, sind ein ganz spezifischer Menschenschlag. Ich ĂŒberzeichne nur wenig, wenn ich sie in aller Zuneigung als spĂ€tpubertĂ€re Jugendliche mĂ€nnlichen Geschlechts, die frĂŒher an MotorrĂ€dern geschraubt hĂ€tten, skizziere.

(Könnte diese bereitwillige Abwanderung der mĂ€nnlichen „Jugend“ in den Cyberspace vielleicht etwas mit der unheimlichen und stĂ€ndig zunehmenden StĂ€rke junger Frauen zu tun haben?)


Die Zukunft unserer Forschungspolitik

Drei selektive Bereiche sollten die MitteleuropÀer als ihr Talentkapital verteidigen und ausbauen:

  • Die Umwelttechnik
  • Neue Werkstoffe
  • Biotechnologie: keine genmanipulierten Lebensmittel, sondern eindeutige Orientierung auf den klassischen Pharmabereich - Zunutzemachung biologischer Prozesse fĂŒr humane (medizinische) Aufgaben.


Inovation als KomplexitÀtsreduzierung

Alle Zivilisationsentwicklungen - und letztendlich jeder Markterfolg - sind Problemlösungen. Aber unsere technischen Artefakte - und auch viele KonsumgĂŒter - lösen zunehmend keine Problememehr, sie erzeugen dauernd neue. Sie produzieren unerlöste KomplexitĂ€t in gigantischen Mengen. Sie nerven. Sie stressen. Sie machen uns verrĂŒckt. Sie verstopfen unseren Lebensraum und lassen unsere FĂ€higkeiten verkĂŒmmern, statt sie zu erweitern. Wenn man das weiss, ergeben sich die grössten MĂ€rkte der Zukunft nicht im Bereich der Erweiterung (menschlicher FĂ€higkeiten, sondern in der Vereinfachung.  So werden „Entschleunigungstechniken“ als Gegentrend gefragt sein.

Aus der Synthese zwischen Beschleunigungs- und Entschleunigungstechnologien entwickeln sich allmĂ€hlich Artefakte einer Zukunftskultur, die beides auf einer höheren Ebene können (das Handy, das in der Tasche vibriert, statt zu klingeln; der Van, der Reisen mit dem Auto wieder entschleunigt; man sitzt erhöht ĂŒber der Strasse, man „wohnt“ beim Reisen). Diese neuen Produkte werden vor allem eines sein: einfach. Sie werden sicherer, haltbarer, humaner sein als ihre VorgĂ€nger. Und sie werden wandlungsfĂ€higer: Sie anzupassen und nachzurĂŒsten, loszuwerden und wieder umzuformen, wird wichtiger.

7. Jenseits der Globalisierungsfalle

Warum Ungleichheit eine moralische Utopie sein kann

Gegen die Globalisierung zu polemisieren Ă€hnelt dem Versuch, ĂŒber das Wetter zu schimpfen, ohne das Dach zu reparieren. Die meisten von uns sind aufgewachsen in einer gesellschaftlichen Welt, in der die Abschirmung gegen den Rest des Planeten hervorragend funktionierte. Vieles der Globalisierungsdebatte hat hier seinen Ursprung.

Vieles unterliegt nicht der Globalisierung: Schon heute werden bei uns ĂŒber 50 Prozent des Bruttosozialproduktes mit Dienstleistungen erzeugt. Gerade in den Humandienstleistungen liegt aber eines der stĂ€rksten Wachstumspotentiale der kommenden Zeit - wie weite Teile der Landwirtschaft, sind die neuen Servicebereiche nicht globalisierbar und auch nur begrenzt rationalisierbar.

Globalisierung zeigt auch Vorteile:

  • Globalisierung bedeutet, dass Nationen, die sich frĂŒher feindselig gegenĂŒberstanden, heute in ein Netz von wirtschaftlichen Verflechtungen eingebunden sind. Eine rein nationale Politik wĂ€re ökonomisch eine Kamikazeaktion. Ein Neonazi als Kanzler einer westeuropĂ€ischen Nation wĂŒrde keine 24 Stunden im Amt bleiben, weil die internationale KreditfĂ€higkeit des Landes und die Aktienkurse seiner Unternehmen sofort in den Keller abstĂŒrzen wĂŒrden. Kapital ist aber heute das wichtigste Mangelgut, wichtiger als alle Rohstoffe und EnergietrĂ€ger zusammen.
  • Globalisierung garantiert fĂŒr die exportorientierten Nationen Mitteleuropas das wirtschaftliche Überleben, denn die BinnenmĂ€rkte sind gesĂ€ttigt, unsere Geburtenraten sind im Keller, und neue MĂ€rkte finden wir nur in anderen Regionen des Planeten.


PlĂ€doyer fĂŒr eine „Utopie der Ungleichheit“

Nehmen Sie an, Sie stammen aus Pakistan und sind gerade auf dem Weg ins gelobte Europa.

Nun - zunĂ€chst wĂ€re es angenehm, wenn Sie auf der Strasse nicht wegen ihrer Andersartigkeit beglotzt oder mit Steinen beworfen wĂŒrden, und wenn das Dach ĂŒber ihrem Kopf nicht abbrennt. Aber weiterhin? NatĂŒrlich: Sie möchten arbeiten können!

Der Apostel der Gleichheit wĂŒrde jetzt sofort fordern, dass Sie einen Mindestlohn erhalten. Darauf haben Sie gerade noch gewartet! „Mindestlohn“ bedeutet nĂ€mlich, dass Ihnen die einzige Waffe, die Ihnen beim Kampf ums Überleben - und langfristig um den sozialen Aufstieg - zu VerfĂŒgung steht, Ihre billigere Arbeitskraft, aus der Hand geschlagen wird. Jetzt konkurrieren Sie auf gleicher Ebene mit den einheimischen Anbietern von Arbeitskraft - und die Wahrscheinlichkeit, dass Sie von diesen frĂŒher oder spĂ€ter eins auf die Backe bekommen, steigt!

So funktionieren „Sozialgarantien“ unter den Bedingungen des Wohlfahrtsstaates als Barriere gegen die Armen. Lohngarantien sind fĂŒr den, der mit nichts als seiner billigen Arbeitskraft ins Land kommt, nichts anderes als ein Arbeitsverbot. Eine regulierte Gesellschaft ist fĂŒr alle, die nicht alteingesessene Rechte geniessen, ein Monstrum.

Dabei wĂ€re die Überwindung dieser Denk-begrenzung ökonomisch mittelfristig ein Segen. Denn jeder von uns weiss es ja - die Nivellierung der Löhne fĂŒhrt in unserer Nationalökonomie zu agonischen Erscheinungen. Arbeit, die erledigt werden soll, bleibt liegen. Dienstleistungen, die uns dazu befĂ€higen wĂŒrden, uns besser um unsere Familie zu kĂŒmmern oder komplexere Jobs anzunehmen, werden nicht angeboten oder in die IllegalitĂ€t gedrĂ€ngt. (Wer soll die vielen Gebrechlichen und Alten pflegen?)

Ein „Konsens der partiellen Ungleichheit“ könnte also wie folgt lauten:

Wir lassen eine bestimmte Anzahl von Newcomern ins Boot, die zu niedrigen Löhnen Arbeiten ausfĂŒhren, die unsere Gesellschaft nicht mehr bereit oder in der Lage ist, auszufĂŒhren.   

Wir bevorzugen dabei die Mobilen, die LeistungsfÀhigen und die Spezialisierten.

Diesen Newcomern geben wir die Chance, ihre Löhne und ihren Aufstieg selbst in unserer Gesellschaft auszuhandeln. Wir geben ihnen zwar die minimalen rechtlichen Garantien, zahlen ihnen aber keinerlei Unterhalt. Wir werden nicht immer verhindern können, dass sie durch GeschĂ€ftemacherei, Mietwucher und dubiose Leihfirmen ausgebeutet werden, einige von ihnen werden den Belastungen nicht gewachsen sein. Aber wir behindern sie nicht in ihrem Versuch, nach oben zu kommen - wie unsere Vorfahren alle einmal versucht haben, nach oben zu kommen.    

Wir tun diesen Schritt nicht aus altruistischen GrĂŒnden. Dadurch, dass bestimmte Arbeiten jetzt erledigt werden, können wir unsere Ökonomie anders und besser entwickeln. Weil jetzt SupermarkteinkĂ€ufe nach Hause geliefert werden, weil junge Familien preiswerte Babysitter bekommen, weil die Landwirtschaft ihre Ernten organisieren kann, können in unserer Gesellschaft auch die qualifikationsintensiven und komplexen Aufgaben besser erfĂŒllt werden - was auf die Dauer die Einkommen aller erhöht. MĂŒtter und VĂ€ter können leichter berufstĂ€tig sein, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Die Wissensgesellschaft kann sich weiter entwickeln, weil viele von uns sich jetzt auf komplexere Berufe/TĂ€tigkeiten konzentrieren können. Durch höhere Ungleichheit wird also eine notwendige Evolution begĂŒnstigt.    

Am Ende zahlt sich dieses Risiko fĂŒr beide Seiten aus, es ist ein Win-Win-Spiel. Die „Newcomer“ werden in ihrer ĂŒbergrossen Zahl dem Elend und der Not ihrer HeimatlĂ€nder entkommen, ihre Überweisungen dorthin werden dringend benötigtes Kapital schaffen, wir werden unsere Gesellschaft weiterentwickeln.

 

Zusammenfassung: Der „New Deal“ des 21. Jahrhunderts

Wenn alle - wirklich alle - diese Bedingungen erfĂŒllt sind, wird das System „springen“ - auf die höhere KomplexitĂ€tsebene und auf eine neue StabilitĂ€t. Und nach diesem Muster sollten wir die notwendig kommenden Transformationen der Zukunft benennen und gestalten können.

  • WĂ€hrend Arbeit in der Feudalgesellschaft mehr oder minder als Fronarbeit organisiert war, wandelte sie sich in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft zur Lohnarbeit. Die zukĂŒnftige Zivilisation muss sie notwendigerweise zur Portfolioarbeit verĂ€ndern: Sie wird in der Individualgesellschaft mehr und mehr zur Selbst-Verwirklichung.
  • WĂ€hrend in der Feudalgesellschaft die Sippe, der Clan ĂŒber das Schicksal des Individuums entschied, basierte das Familienmodell der IndustrieĂ€ra auf der Kleinfamilie. KleinfamiliĂ€re Strukturen „dienten“ der klassischen Lohnarbeit, indem sie dem ErnĂ€hrer einen „Service“ boten, der ihn arbeitsfĂ€hig machte und hielt - die Rolle der Frauen war damit in den gesellschaftstragenden Mittelschichten klar definiert. Bei den Unterschichten hingegen blieben die familiĂ€ren Strukturen so lange chaotisch, bis sie den Aufstieg ins Klein- oder MittelbĂŒrgertum schafften, und damit auch deren Werte ĂŒbernahmen. Dieses Konzept funktioniert nur, solange es genĂŒgend „Lebensberufe“ gibt, und solange die Frauen stillhalten. In der zukĂŒnftigen Zivilisation werden deshalb vielfĂ€ltige Formen „familiĂ€rer Freundschaftskreise“ entstehen, die dem einzelnen ein weites Netz an Diversifizierung in seinen sozialen Beziehungen ermöglicht und sein BedĂŒrfnis nach individueller Biographie mit seinen SicherheitsbedĂŒrfnissen rĂŒckkoppelt.
  • Die industrielle Zeit war von dem sozialen Aufstieg breiter Massen in die Mittelschichten geprĂ€gt. Millionen und Abermillionen Menschen kamen innerhalb weniger Generationen zu einem materiellen Wohlstand, der noch vor zwei hundert Jahren als unvorstellbar gegolten hĂ€tte. Heute leben wir im Westen in Gesellschaftsstrukturen, in denen 70 Prozent der Bevölkerung in des Wortes genauer Bedeutung begĂŒtert sind (und das wird sich, allen Unkenrufen zum Trotz, so schnell nicht Ă€ndern). Wenn materielle Probleme aber zweitrangig werden, dann wird ein anderes LebensbedĂŒrfnis ins Zentrum des allgemeinen Bewusstseins treten: Balance.

Balance zwischen vielen Dingen und dem Ich, zwischen den vielfÀltigen Anforderungen des privaten, des beruflichen, des technologischen Raumes.


Fassen wir die wichtigsten Paradigmen der zukĂŒnftigen Zivilisation noch einmal zusammen:

  1. Eine Zivilisation der Zukunft (und eine Zivilisation mit Zukunft) muss einen neuen Kontrakt zwischen den Ich-Gewordenen und der Gesellschaft definieren. Der neue Gesellschaftskontrakt muss Individualisierung „berĂŒcksichtigen“ - indem er dem einzelnen mehr Raum gibt -, er ist aber auch mehr auf die sozialen Energien des einzelnen angewiesen. Wir werden das immer vollkommener, worauf die gesellschaftliche Evolution seit der Überwindung des Feudalismus fusst: eine Gesellschaft freier EigentĂŒmer.
    Das Ich fordert mehr, weitet seinen Radius aus - es muss nun auch die Konsequenzen ziehen und seinen „contract social“ mit der Gesellschaft im Sinne höherer AktivitĂ€t erneuern, damit die Balance erhalten bleibt.
  2. Der neue Gesellschaftskontrakt muss die jeweilige Kultur planetar neu „positionieren“, ohne ihre Eigenarten zu zerstören.
  3. Im Zentrum der neuen Werte, die unsere Zivilisation weiter tragen, bedarf es einer Leitidee von „lessness“. Die Vermehrung von GĂŒtern, die Eskalation des Genusses, war das Charakteristikum der industriellen Phase: mehr, weiter, höher, schneller. Aber Wohlstand und Demokratie, Selbstbilder und Alltage sind in der zukĂŒnftigen Zivilisation nicht mehr von permanentem Wachstum geprĂ€gt. Man kann es profan ausdrĂŒcken: Mehr geht nicht hinein. Unser Zivilisationsproblem besteht heute im Umkippen vom Überfluss in den Überdruss. „MangelernĂ€hrung“ buchstabiert sich heute bei uns nicht mehr als Hunger, sondern als Überfettung. Wer genau hineinhört in den grossen Diskurs, der spĂŒrt heute schon, wie die Werte kippen in die Richtung einer freiwilligen Selbstbescheidung; nicht gegen die Lust, nicht gegen das Lebenseros gerichtet, sondern gerade im Sinne der SensibilitĂ€t und des individuellen Erlebens. „Weniger ist mehr“ heisst letztlich: Verwirklichung, Reifung der IndividualitĂ€t, UnterscheidungsfĂ€higkeit. WĂ€hrend wir noch darauf programmiert sind, materielle GĂŒter, ReizquantitĂ€ten und Geschwindigkeiten zu steigern, lernen wir nun mĂŒhsam die Kulturtechniken der Auswahl, des WĂ€gens, der MĂ€ssigung.
    Wie gestalten wir in den gewaltigen Informations- und Reizfluten, die heute unsere Kinder und uns selbst ĂŒber schwemmen, verantwortungsvolle Vater- und Mutterschaft? Wie gehen wir, als Lebensunternehmer, mit den wirklich raren Rohstoffen unserer Kultur um - Zeit, Ruhe, Musse, Distanz, Achtsamkeit? Was tun wir, um unsere persönlichen Ressourcen körperlicher wie geistiger Art zu erhalten und zu entwickeln? Wie entkommen wir der stĂ€ndigen Ambivalenz, mit der wir in einer vollkommen freizĂŒgigen „Kultur der Wahl“ konfrontiert sind.
  4. Die Zivilisation der Zukunft benötigt ein neues Denken, das sich durch die Paradoxa der KomplexitÀt nicht beirren lÀsst.
    Es geht um die Integration des Paradoxen auf einer höheren Ebene. Dass wir Egos sind und trotzdem Gruppenwesen, dass es Globalisierung neben Regionalisierung gibt, dass ein „linker“ nicht einem „rechten“ Gedanken widersprechen muss - darin liegt das minimale Lernpensum. FrĂŒher oder spĂ€ter kommen wir darauf, dass das eine ohne das andere keinen Sinn ergibt  und dass die WidersprĂŒche zusammengehören, weil sie erst das ausmachen, was „Welt“ ist, und dass die Welt um so lebenswerter ist, desto mehr Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen in ihr koexistieren kann.

Dritter Teil

ZukunftsmentalitÀten

Das geistige RĂŒstzeug des Wandels

1. Warum ist Optimist geworden bin

Die Überwindung des Alarmismus und der Abschied vom Weltuntergangsdenken

Alle Anstrengungen des Denkens, der AufklĂ€rung und Vernunft enden, wenn wir uns selbst aufgeben. Wenn wir nur die (unbestreitbaren) Risiken sehen, werden wir scheitern. Wenn wir im Innersten nur Pessimisten sind, werden wir alle zusammen letzten Endes das erzeugen, was wir befĂŒrchten.


„Endismus“ als Zeitgeist

NatĂŒrlich ist „Endismus“ kein Privileg des deutschsprachigen Raumes. SpĂ€testens seit Fukuyamas „Das Ende der Geschichte“ blĂŒht im gesamten westlichen Kulturraum eine Endewelle ohne Ende.

Es gibt aber in der Geschichte praktisch keine Situation, in der etwas „endet“. Selbst grandiose UntergĂ€nge wie die des aztekischen oder tausendjĂ€hrigen Reiches sind lediglich Metamorphosen, Umwandlungen. Im GefĂŒge der Welt geht nichts verloren. Kulturelle, zivilisatorische Konstrukte sind unglaublich zĂ€h. Gehen sie unter, findet man ihre Muster, ihre Inhalte, in neuer und anderer Gestalt wieder.

Das jĂŒdische Volk hat zahlreiche Ausrottungsversuche seiner Feinde ĂŒberlebt - von Seiten der Babylonier, der Perser, der Römer, der Kreuzzugsfanatiker, der Spanier, des untergehenden Zarismus, von Hitlerdeutschland und in der jĂŒngsten Gegenwart der abwechselnden Koalitionen verschiedener arabischer Staaten.

Aber, höre ich den Pessimisten in mir sagen, leben wir nicht doch in einer Zeit, in der sich alles gleichzeitig zuspitzt, von der Generationsfrage bis zum Ozonloch, von der Automatisierung der materiellen Produktion bis zum Bevölkerungswachstum? Ist die Menschheit nicht zum erstenmal tatsÀchlich in der Lage, sich selbst auszurotten - und rechtfertigt, ja erzwingt dies nicht allemal die alarmistische Ausrufung des Ausnahmezustands?

Einem Bewohner Mitteleuropas, der vor, sagen wir, 500 Jahren lebte, wĂ€re diese These so unverstĂ€ndlich wie unsinnig gewesen. Er war bedroht von einer Vielzahl „Apokalypsen“ in der genauen Bedeutung dieses Wortes. Pestilenz, Krieg, Feuer, Naturkatastrophen, frĂŒher Tod, all das waren totale und allgegenwĂ€rtige Bedrohungen, die nicht nur ihn, sondern auch seine Sippe, Familie und Stadt, sprich: seine Welt komplett ausrotten konnten.

Die Wahrnehmung, dass immer die Katastrophen und Bedrohungen der Gegenwart die schlimmsten sind, entspricht einem tief greifenden BedĂŒrfnis der menschlichen Psyche. Es entlastet und erhöht zugleich: Wir, ausgerechnet wir, erleben die grosse Zeitenwende! Aber kaum etwas davon hĂ€lt genauerer Betrachtung stand:

  • Das MĂ€rchen vom schlimmen Wetter (FRu: wenig ĂŒberzeugend)
  • Das MĂ€rchen von der stĂ€ndig zunehmenden Geschwindigkeit: Ein weiteres alarmistisches GerĂŒcht, das sich derzeit geradezu epidemisch ausbreitet, lĂ€sst sich in dem knappen Satz „Alles wird immer schneller“ - zusammenfassen. Diese Formel erzeugt einen veritablen Dauerstress und begrĂŒndet in den meisten FĂ€llen, warum man nicht weiter und genauer hinschauen muss. Denn morgen, sehr verehrtes Publikum, ist dieser Trend/dieses Produkt/das PhĂ€nomen, von dem die Rede ist, ja sowieso schon wieder vorbei! Wozu also die MĂŒhe?

In der Tat kann der unvoreingenommene Beobachter sich des Eindrucks steigender Akzeleration nicht entziehen. Jedes Jahr kommt ein Computerchip mit doppelt so hoher Verarbeitungsgeschwindigkeit auf den Markt. Jedes Jahr erhöht sich die Anzahl der FernsehkanĂ€le, die Schnittfolgen der Videoclips, die Angebote der ReisebĂŒros, der MĂŒslisorten, der Frauenmagazine...

Ich bestreite nicht, dass sich die Informationsdichte unserer modernen Zivilisation erhöht, dass der KomplexitĂ€tsdruck fĂŒr den einzelnen steigt. Aber ist dies gleichbedeutend mit „höhere Geschwindigkeit“? Kann man die Geschwindigkeit, mit der Gesellschaften, Kulturen in ihrer Evolution voranschreiten, beliebig steigern? Bedeutet höhere Taktrate auch höher Umsatzgeschwindigkeit von realen Informationen? Oder bedeutet es vielleicht einfach nur: mehr DatenmĂŒll, mehr Unsinn, mehr QuantitĂ€t?

  • Das MĂ€rchen vom „entfesselten Kapitalismus“ (FRu:wenig ĂŒberzeugend)
  • Das MĂ€rchen von der „Bevölkerungsexplosion“ (FRu: auch nicht ĂŒberzeugend)
  • Das MĂ€rchen von den finalen Seuchen


Die Faszination des Finalen

Warum ist negative Zukunftserwartung so faszinierend? Ganz einfach: In einer Welt, die dem Einzelnen immer höhere Grade an KomplexitĂ€t abverlangt, wirken alarmistische Formeln paradoxerweise beruhigend. Sie erzeugen Sinn und Ordnung. Dem Warner selbst geben sie das GefĂŒhl, in jedem Fall recht zu haben - er kann ja nie verlieren (wenn seine dĂŒstere Prophezeiung nicht eintritt, hat er mit Erfolg gewarnt). Dem Gewarnten vermittelten sie eine Aufwertung des Ich. Wenn ich durch eine nur scheinbar kleine SĂŒnde des falschen Handelns (Autofahren, Elektrosmog erzeugen, Joghurtbecher nicht sortieren) die Existenz des Planeten, womöglich gar der Schöpfung beenden kann, bin ich unendlich wichtig.

Wir sollten der bitteren Wahrheit ins Auge sehen: Der Alarmismus ist eine MarktlĂŒcke wie jede andere. Seine „Wahrheiten“ entstehen entlang der Nachfragelinien gesellschaftlicher Ängste. Seine Fakten bezieht er aus ebensolchen Informationsverbiegungen, wie sie stets den Betreibern von Kernkraftwerken oder Chemiekonzernen zugeschrieben werden. Alarmismus ist in unserer Gesellschaft ein neues Privileg; er konstituiert eine Kaste von UnberĂŒhrbaren, von „Gutmenschen“, von Gesinnungseliten.

Bleibt das letzte Argument des Alarmismus: Übertreibung kann am Ende nicht schaden, weil sie zumindest die Aufmerksamkeit auf Probleme lenkt. Doch ab einem gewissen Grad - und diesen Zustand haben wir bei einigen Themen bereits erreicht - kippen die Warnungen in ihr Gegenteil um: Die Gesellschaft reagiert mit Apathie. Sie verliert ihre AbwehrkrĂ€fte. Sie streckt die Waffen. So bringt der Alarmist am Ende die Gesellschaft zum Schweigen. Sie verliert die vitalen KrĂ€fte, mit der sie auf reale Bedrohungen reagieren und die notwendigen Wandlungsprozesse einleiten kann.

Aber eine Gesellschaft, die die Hoffnung verliert, wird untergehen.


Das MĂ€rchen von der besten aller Welten

Ich möchte mich zu einer allerletzten Ketzerei hinreissen lassen. Sie soll lediglich in Form eines kurzen Gedankenspiels stattfinden. Was wĂ€re, lieber Leser - und ich bitte Sie, diesen Gedanken nur eine Sekunde zu prĂŒfen -, wenn alles nicht immer schlechter, sondern im Gegenteil alles immer besser wĂŒrde?

Man stelle sich vor:

  • Wir wĂŒrden heute in einer Welt leben, die uns und unseren Nachkommen bessere Möglichkeiten bieten, wichtige Entscheidungen des Lebens, der Liebe, der Selbstverwirklichung selbst und autonom zu entscheiden.
  • Wir lebten in einer Periode, in der die Chancen fĂŒr Frieden eher gestiegen und Katastrophen wie die des Zweiten Weltkrieges eher unwahrscheinlicher geworden sind.
  • Wir lebten in einer Zeit, in der zwar nicht alle Probleme der Menschheit gelöst sind, in der unsere Zivilisation bei wichtigen Fragen aber stĂ€ndig lernt, mit verĂ€nderten Bedingungen umzugehen.
  • Wir lebten in einer Zeit, in der die grossen Trendströmungen - Individualismus, Informationsgesellschaft, Globalisierung - fantastische neue Chancen bedeuten. Auch und gerade fĂŒr diejenigen, die bislang keine Stimme hatten, die Völker der Dritten Welt.
  • Wir lebten in einer Gesellschaft, in der das VerhĂ€ltnis zwischen den Menschen schwieriger, aber auch liebevoller geworden ist. Liebe ist nicht mehr durch Konvention, Gewöhnung kanalisiert, das macht sie „freier“, aber auch verletzlicher. Persönliche Erfahrungen, Erlebnisse, AbwĂ€gungen erscheinen konfliktreicher, sind aber zugleich auch „reicher“ im Sinne von mentalen QualitĂ€ten. Wir können uns heute besser spĂŒren, als die Menschen es jemals konnten.


Optimismus macht frei. Optimismus zwingt uns schlichtweg zurĂŒck in die Eigenverantwortung. Optimismus, der nicht blauĂ€ugig ist, heisst nĂ€mlich, dass wir akzeptieren, dass wir die Wahl haben. Wenn der Untergang nicht zwangslĂ€ufig ist, wenn das Benzin nicht ausgeht (oder wenn es ausgeht, wir einfach auf andere EnergietrĂ€ger umsteigen), wenn die Überbevölkerung nicht alle Probleme sowieso „löst“ -, indem sie alles beendet, dann mĂŒssen wir mit der Welt, so, wie sie ist, irgendwie leben. Dann ist es unser verdammter Job, das Beste aus den Chancen zu machen und die Risiken umsichtig und kalten Blutes zu minimieren.

Die Zukunft wird so sein, wie wir sie jetzt, im Augenblick, sehen wollen, sagt Anatolij Kim in „Vor uns die Jahrtausendwende“, oder es wird sie nicht geben, wenn wir uns sagen, dass es fĂŒr uns keine Zukunft gibt... Deshalb hĂ€ngt unsere Zukunft von unserer höchsten Phantasie ab, von dem guten oder bösen Willen, davon, wie wir sie uns im Grunde unseres Herzens vorstellen wollen.

Im Grunde ist alles ganz einfach, und im Grunde hatte sie ganz recht, die gute Angela Davis, deren Plakat in meinem Jugendzimmer an der Wand hing:

Either you are part of the problem or you are a part of the solution.

2. Die Kultur des Wandel

Das geistige Handwerkszeug fĂŒr die kommende Transformation


Einige Kernkompetenzen fĂŒr ZukunftsfĂ€higkeit:

 

1. Eine realistische Vorstellung der Welt haben

ZunĂ€chst mĂŒssen wir die Verzerrungen, die unsere Psychen der RealitĂ€t antun, durchschauen und ĂŒberwinden. Zukunftsbilder sind oft von inneren Krankheiten infiziert, sie zeugen auch von kindlichen SchĂ€digungen und biographischen Defiziten.

Wir können es gar nicht genug betonen: Nein, die Welt ist nicht dazu da, uns zu strafen. Nein, es lauert kein Untergang an der nĂ€chsten Strassenkreuzung. Eine kaltblĂŒtige RisikoabwĂ€gung bringt ein Ergebnis mit dem man arbeiten kann: Die wirklich existentiellen Bedrohungen fĂŒr die Menschheit lassen sich auf vier, fĂŒnf reale Gefahren beschrĂ€nken. Die Chancen, diese Faktoren zu unseren Gunsten zu verĂ€ndern, stehen gut, denn Menschen sind von der Evolution auf Überleben programmiert.

Vertrauen in die Zukunft ist in diesem Weltbild nicht nur möglich, sondern auch von systemischer Logik gedeckt. Um ein einmal funktionierendes System (wie das der „industriellen Demokratie“) zum Kippen zu bringen, braucht es Jahre und Jahrzehnte von Agonie, Krankheit, Verderbnis. Komplexe Systeme - und unsere gesellschaftlichen Systeme gehören allemal dazu - sind geschmeidiger, flexibler im Umgang mit Krisen als einfache mit wenigen Variablen. Die uns tragenden KrĂ€fte sind zĂ€her, als dass es kurz in den Untergang kippen könnte.

Die RealitĂ€t ist widersprĂŒchlich - aber genau das ist es auch, was ihr StabilitĂ€t verleiht. Je mehr industrial food - desto mehr Bionahrungsmittel. Je mehr industrielle Tierhaltung, desto mehr Vegetarier. Je mehr LĂ€rm, Stress, falsche KomplexitĂ€t, desto mehr setzen sich Techniken der Kontem- plation, der kreativen Musse durch; Menschen gehen offline, finden ihre eigenen seelischen Zentren, organisieren sich mentale RĂ€ume. Je mehr FunktionalitĂ€t und Ökonomie unser Leben regieren, desto entschlossener suchen die Menschen nach dem Menschlichen, den kleinen Gesten, dem Zusammenhalt. Auf diese ewige Dialektik ist Verlass. Gewiss, sie benötig immer das aktive Handeln. Aber es gibt keine Anzeichen dafĂŒr, dass dieser Mechanismus plötzlich abbricht. Im Gegenteil.

Ein realistisches VerhÀltnis von der Welt heisst also: in die Zukunft vertrauen können. Und auch, dass wir das UnabÀnderliche akzeptieren und annehmen - ohne dabei unsere GestaltungsrÀume zu vergessen oder zu klein anzusetzen. Das Neue erschreckt, aber der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass im Neuen noch genug Altes, BewÀhrtes stecken wird, damit wir es dort aushalten konnen.


2. Den eigenen Verantwortungsradius definieren

Der zweite wichtige Schritt ist die Justierung der Bedeutung des eigenen Ich. Die Geschichte der Jugendrevolte hat gezeigt: Wir können weder alles revolutionĂ€r umstĂŒrzen, noch alles verderben. Das VerhĂ€ltnis zwischen den Geschlechtern, die Ökonomie, das Wetter, die menschliche Natur- es gibt Dinge, die sich schlichtweg unserem VerĂ€nderungsdrang entziehen. Die Evolution hat Konstanten und StabilitĂ€ten hervorgebracht, die dem „Neuen“ immer wieder trotzen.

Darin liegt andererseits auch eine gewaltige Entlastung, die grosse Energien freisetzen kann. Welch frohe Botschaft: Nein, wir sind nicht fĂŒr alles verantwortlich! Die Ausbeutung der Dritten Welt, die Abholzung der RegenwĂ€lder, die Gewalt im Fernsehen, die Entfremdung zwischen Mann und Frau/der Rechtsradikalismus/die Fremdenfeindlichkeit - das sind ohne Zweifel gewaltige Probleme und Gefahren. Aber niemand von uns kann die ganze Welt tragen. Jeder von uns kann ein Scherflein beitragen (und viele Scherflein haben schon manches Problem beseitigt).

Zukunftsfitness heisst also auch: wissen, was man Ă€ndern will und kann - und wo man besser loslassen sollte. Menschen, die diesen Sortierungsprozess hinter sich haben, laufen oft zu aussergewöhnlichen Leistungen auf. Denn sie können sich auf einen Punkt konzentrieren, ihr Talent, ihre Eigenart zum BlĂŒhen bringen, ohne dass sie gleichzeitig das GefĂŒhl haben, dass „das alles nicht reicht, um die Menschheit zu retten“.

Das war eines der schrecklichsten Fallen meiner Jugend: Alles, was wir taten war immer nicht genug, nur „partikular“ und „nicht konsequent“ (das konnte man nur sein, wenn man Bomben auf die Herrschenden warf oder anderswie ausflippte). Uns fehlte deshalb stĂ€ndig die Liebe zum Detail, jene Aufmerksamkeit, die man dringend braucht, wenn man die Verwirklichung von TrĂ€umen ernst nimmt.

Erst, wer seine Verantwortung begrenzt, kann welche ĂŒbernehmen.


3. Prozesse als Evolution sehen

Wer seine mentalen Hausaufgaben weiter erledigen will, der muss seinen Blickwinkel derart verschieben und erweitern können, dass er in den Prozessen, die uns umgeben, nicht finale Strukturen, sondern evolutionĂ€re Prinzipien erkennt. Auch das fĂŒhrt zu enormer Entlastung.

EvolutionĂ€res Bewusstsein heisst, dass wir die Gesetze der KomplexitĂ€t in der Wirtschaft, den Sozialsystemen, den Technologien spĂŒren und verstehen lernen. Und dass wir lernen, nicht gegen, sondern mit ihnen zu arbeiten.

Das evolutionĂ€re Denken hilft uns dabei, zu verstehen, dass es keine „exterritorialen“ Prozesse in unserer Welt gibt. Die Vorstellung, irgendwo tief in der Ökonomie oder der Gesellschaft, sĂ€sse eine Art Antimaterie, die uns morgen oder ĂŒbermorgen in die Verderbnis zwingt, ist schlichtwegs falsch. Die wirkliche Gefahr in solchen Vorstellungen liegt viel eher darin, dass wir gerade das produzieren, was wir bekĂ€mpfen wollen!


4. Gelassenheit

Die meisten Entwicklungen und Trends, die unser Leben verĂ€ndern, sind langfristig - sie lassen uns genĂŒgend Zeit zum Reagieren. Vieles, was heute in den Medien als Bedrohungs-Sensation gehandelt wird, ist in Wirklichkeit ein epochaler Prozess, mit dem sich unsere Kultur schon lange auseinandersetzt. „Globalisierung“ wurde schon 1848 von Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ beschrieben. Auch Individualisierung hat ihre Wurzeln in der bĂŒrgerlichen Revolution, ebenso wie die Informationsgesellschaft im Grunde ein alter Hut ist.


5. Enpowerment

Es ist natĂŒrlich einfach, sich ĂŒber die neuen Gurus des positiven Denken lustig zu machen, jene smarten Herren im adretten Anzug, die sich auf Massenveranstaltungen mit Arbeitslosen mit Einpeitscher-Parolen und you-can-get-it-if-you-really-want-Philosophien bereichern. Aber dahinter steckt auch unsere typische Abwehrhaltung, die bestimmte Übertreibungen dazu benutzt, das Ganze zu denunzieren. Gewiss erzeugt positives Denken im Billigwaschgang eher Schaum und wenig Wirkung. Aber die zentrale Frage bleibt: Wie schaffen wir es, die kollektive OpfermentalitĂ€t zurĂŒckzudrĂ€ngen und einen realistischen Optimismus so faszinierend zu machen, dass er zu einer Art Massenbewegung wird?

Unsere Kultur hat ein riesiges Nachholbe- dĂŒrfnis in diesen Dingen und viel zu viele dĂŒstere Herren mit den gesenkten Augenbrauen, die uns seit Jahrzehnten immer wieder davon ĂŒberzeugen wollen, dass alles ĂŒbel enden wird.


Visionen

Vision. Ein Begriff, der nicht zuletzt durch unsere Geschichte und unsere Erfahrungen diskreditiert worden ist. Aber ohne Vision, ohne die Idee eines besseren Morgen, kann keine Gesellschaft, keine Kultur eine Transformation bewerkstelligen.


1. Visionen in der Politik: Leadership und „Storytelling“

Im Grunde ist die Aufgabe der Politik - und des Politikers  leicht zu beschreiben. Er muss der Gesellschaft eine Vision ihrer möglichen Zukunft anbieten, an der sie sich orientieren und verĂ€ndern kann. Er muss den „kommenden Konsens“ formulieren - einen Konsens, der möglichst viele und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen einschliesst.

In den ruhigen Zwischenphasen der Geschichte, in denen das Wachstum anhĂ€lt und die kulturellen Parameter nicht in Frage gestellt sind, können auch „Politiker des Status quo“ den Job erfĂŒllen.

In Zeiten allerdings, in denen Kultur und Gesellschaft unter Anpassungs- und Innovationsdruck geraten, muss die politische Vision mehr leisten: Sie muss die Transformation plausibel machen.

Dazu bedarf es mehr denn je charismatischer und symbolischer FĂŒhrer. Allerdings macht das Wort „FĂŒhrerschaft“ ohne die Idee der steigenden und bewĂ€ltigten KomplexitĂ€t keinen Sinn. Auch Hitler war ein charismatischer VisionĂ€r, aber seine Vision zielte auf die totale Regression, auf die Vernichtung des VielfĂ€ltigen, auf die Abschaffung von KomplexitĂ€t. In Krisenzeiten finden solche dunklen Charismatiker leicht ihr Publikum: Sie versprechen einfache Lösungen, Reduktion des Komplexen, Wiederaufteilung der Welt in Schwarz und Weiss. Von Le Pen bis Scientology - der RĂŒckwĂ€rtsgang ist in Zeiten des gestiegenen KomplexitĂ€tsdrucks zunĂ€chst die erste Reaktion.

Positive charismatische FĂŒhrer haben vor allem die FĂ€higkeit, angstfreie Geschichten ĂŒber die Zukunft zu erzĂ€hlen. Und damit die Gesellschaft den Mut aufbringt, ihre alten Strukturen und Gewohnheiten zugunsten höherer KomplexitĂ€t aufzugeben, bedarf es aussergewöhnlicher rhetorischer Begabung. Die Zuhörer werden zur Schau ĂŒber den Tellerrand ihrer Ängste und BefĂŒrchtungen verfĂŒhrt. Sie werden „enthypnotisiert“.

Ein guter politischer FĂŒhrer verkörpert geistige und moralische IntegritĂ€t, Reife, verarbeitete Erfahrungen, Kraft des Glaubens, Instinkt, Machtwille, aber gleichzeitig auch Jugendlichkeit, sprich VitalitĂ€t. Die letzte Generation dieser Modernisierer, die realistische Visionen erzĂ€hlen konnten, hatte ihre grosse Zeit in den 60er Jahren. John F. Kennedy fĂŒhrte Amerika - und damit die westliche Welt - vom Autoritarismus der NachkriegsĂ€ra in den Wertekanon der Moderne: Individualismus, Technikbejahung und Toleranz - der letzte grosse KomplexitĂ€tssprung der westlichen Kultur. In Deutschland war Willy Brandt das Äquivalent, das gleichzeitig mit der Vergangenheit versöhnen musste - „Mehr Demokratie wagen“ war nichts anderes als ein Schlachtruf des gewaltigen Individualisierungschubs, der in den spĂ€ten 60ern begann.

Eine gelungene politische Wandlungskultur entsteht im Spannungsfeld zwischen den Matadoren der VerĂ€nderung und den Auguren des Status quo. Einer benötigt den anderen, um an ihm zu wachsen. Wir brauchen die Kohls der Geschichte, denn ohne sie wissen wir nicht, was wir verlassen können und mĂŒssen. Eine Gesellschaft im stĂ€ndigen Wandel wĂŒrde ebenso zerbrechen wie eine Kultur der Beharrung.

Dieses Wechselspiel ist in Deutschland durch die ĂŒberlange Zeit des Kohlschen Regiments sicherlich gestört. Es ist deshalb mehr als wahrscheinlich, dass die Jahrtausendwende auch in Deutschland einen Posttraditionalisten nach dem Muster Blair oder Clinton hervorbringen wird.


2. Visionen im Privaten: Die Idee der Lebenskunst

Die Geschichte unserer Kultur in den letzten dreissig Jahren ist die Geschichte von millionenfachenpersönlichen AufbrĂŒchen. Frauen haben ihre langweiligen oder gewalttĂ€tigen MĂ€nner verlassen, haben ihr Selbst, ihren Stolz, ihre WĂŒrde, ihre Erotik entdeckt. Jugendliche haben „Nein“ zu den Torheiten ihrer Eltern gesagt; MĂ€nner haben sich von Traditionen und alten Denkweisen entfernt. Überall war Unruhe, Aufbruch, Zweifel, Arbeit am Selbst.

Vision im Privaten ist auch heute noch zuallererst Emanzipation. Aber man scheitert schnell, wenn man nur weiss, was man verlassen will. Die Tragik der subkulturellen Revolten in den letzten Jahrzehnten ist immer die Feindfixiertheit gewesen. Aber wohin will man?

Hier zeigt sich auch der Unterschied zwischen romantischen, idealistischen Visionen und jener Art von Vision, die dem Komplexen verpflichtet ist. Eine Vision, die uns leiten kann, hat stets einen realistischen Kern. Sie handelt von geistigem und persönlichem Wachstum, von Reifungsprozessen, von Selbstverwirklichung, die auf Integration beruht. Sie ist nie nur Flucht, Abgrenzung, Freiheit-Von.

Man kann Menschen, die an Visionen leiden, leicht erkennen. Es ist etwas Stumpfes an ihnen, etwas SĂŒchtiges. Sie sind geradlinig oft in einem stupiden, ermĂŒdenden Sinn. Sie werden nicht mĂŒde, zu betonen, dass die anderen schuld sind und sie selbst unschuldige Opfer. Eine Vision, die „funktioniert“ im Sinne höherer menschlicher KomplexitĂ€t, erfĂŒllt dagegen den Menschen. Sie leitet ihn nicht im Sinne einer exakten Zielvorgabe, sie gibt ihm aber eine verlĂ€ssliche Suchrichtung.

Die QualitĂ€t einer Vision ist keine Frage des „Kleinen“ oder „Grossen“. Einen GemĂŒsegarten zu pflegen, Kinder zu erziehen, eine Firma zu grĂŒnden und zum Erfolg zu fĂŒhren, eine Wohnung zu gestalten ... können genauso „erhabene“ persönliche Visionen sein wie grosse Aufgaben in Politik oder Wissenschaften. Entscheidend ist, dass die Vision den Prozess in sich einbegreift, der zum Ziel - einer höheren KomplexitĂ€t des Daseins - weist. Wie dieser Prozess gestaltet wird, ist im Grunde sekundĂ€r.

In den vergangenen Epochen waren Biographien von klar definierten Lebenszielen definiert: Auto, das Haus, die geschĂ€ftliche Position. Aber in einer Welt des entfalteten Individuums und eines weitgehend realisierten Wohlstands ist die LinearitĂ€t solcher „Visionen“ unterbrochen. Plötzlich merken wir, dass die Steigerung von materiellem Wohlstand keinen QualitĂ€tsgewinn mehr bringt. Die vielen GĂŒter und GebrauchsgegenstĂ€nde entpuppen sich immer mehr als Zeitfresser. Und ab einem kritischen Punkt merken wir plötzlich, dass ja die Zeit zum Kostbarsten gehört, was wir haben. Dies ist die Stunde der Vision als Vorstellung von Lebenskunst: Wie bekomme ich einen roten Faden in dieses chaotische Gebilde namens Leben? Wie setze ich  entscheidende Frage in einer Kultur der Wahl - PrioritĂ€ten? Nicht ausserordentliche Leistungen oder extreme Performance ist es, was der Lebensutopie eine sinnvolle Dimension gibt, sondern der Grad der Integration der verschiedenen Lebensfraktale. Wie ich Familie, Karriere, Freunde ... miteinander in Einklang bringe - darauf kommt es an.


3. Visionen in der Wirtschaft: Die neue Firmenkultur

Wir leben in Zeiten der ĂŒberbordenden MĂ€rkte. Kunden werten anspruchsvoller, Produkte individueller, Innovationen flĂŒchtiger, Konkurrenten zahlreicher und aggressiver, Produktionsprozesse komplexer. Die KomplexitĂ€t des Gesamtsystems Wirtschaft steigt und kann nur durch eine neue innere KomplexitĂ€t der Firmen beantwortet werden

In den komplexen Ökonomien der Zukunft wird die Entwicklung einer werte-orientierten Firmenvision zum zentralen Aufgabe der FĂŒhrung und des Management. Es reicht schon lĂ€ngst nicht mehr, einfach „der Beste“ sein zu wollen. Firmen, die tatsĂ€chlich visionĂ€r handeln und auch so erscheinen wollen, mĂŒssen heute mehrere Bedingungen erfĂŒllen:

  • Sie mĂŒssen realistisch und glaubwĂŒrdig  sein - ĂŒberzogene Formeln und schwammige Formulierungen sind kontraproduktiv.
  • Sie muss nach innen und nach aussen gleichermassen kommunizierbar sein. Die Botschaft muss so klar sein, dass sie vom Pförtner bis zum Direktor, vom Briefbogen bis zum Werbeauftritt deutlich machen kann, wohin das Unternehmen evolutionĂ€r will.
  • Sie muss Antwort auf die Frage geben, welches Problem der Menschen die Firma in zehn Jahren lösen will. Und sie muss diese Antwort phantasieanregend, poetisch formulieren und inszenieren.

Die Vision ist nichts anderes als das Steuerungselement, die den vielfĂ€ltiger und effektiver ausgeformten Organismus einer Firma koordiniert. Sie rationalisiert und koordiniert gleichsam die SinnbedĂŒrfnisse und optimiert die Kommunikationsprozesse nach innen und nach aussen. Eine realistische Vision erspart Tausende von Briefing-GesprĂ€chen, Motivationsreden, Zwangsmassnahmen, Kontrollen. Gute Visionen funktionieren obendrein wie ein Lockstoff, der auf grosse Entfernungen das anziehen kann, was die Firmen des 21. Jahrhunderts am dringlichsten brauchen: Komplexe Intelligenz, human resources, sprich: die richtigen Mitarbeiter. In der Ideen- und Wissensgesellschaft wird dieses Werkzeug zum wichtigsten ProduktivitĂ€tsmittel, wichtiger als Maschinen, Immobilien und gute Administration, ebenso wichtig wie Kapital und innovatives Management.


Der Glaube an die Zukunft

Wenn man die Idee des Komplexen innerlich angenommen hat, legt sich die Aufgeregtheit, mit der man heute ĂŒber die Zukunft streitet. In der Idee des Komplexen sind wir sowohl mit der Idee der Evolution als auch mit der Idee der Zivilisation auf einer tieferen Ebene verbunden. Wenn der Sinn beider Systeme im Versuch besteht, höchstmöglichste Differenziertheit zu wagen, sind wir dabei wichtige Mitspieler, aber wir spielen nicht die erste Geige. Es kann scheitern, es kommt immer wieder zu RĂŒckschlĂ€gen - aber die Idee ist unzerstörbar.

Aufmerksame Leser werden spĂŒren, dass spĂ€testens hier ein religiöser Ton ins Spiel kommt. Ich glaube in der Tat, dass die Idee Gottes und die Idee des Komplexen im Grunde artverwandt sind. In der Idee der KomplexitĂ€t steckt die Idee der „Kraft“, die das Universum antreibt und voranbringt, die ihm eine Richtung und einen Sinn verleiht. Vertrauen in diese Kraft ist das Urmotiv jeder Religion, und ohne dieses Urvertrauen können wir, so meine ich, nicht wachsen.

Wie kann Leben etwas Kleines sein - schrieb einst Hans Magnus Enzensberger. Wir alle können, im Kleinen oder im Grossen, an der Entfaltung dieser Möglichkeiten mitarbeiten. Auch das Wiederholen, die Regression, das Scheitern, sind Teil des Prozesses. Auch kleine Ideen, Projekte, Lebensaufgaben, bilden einen wichtigen Teil dieser Evolution. Die Bildung von Bewusstsein und Weisheit sind im Grunde der Kern des „Projekts Evolution“, und in diesem Sinne geht keine Energie verloren, ist kein Versuch zu klein und kein Scheitern zu gross.

Werden wir es schaffen? Werden wir die nĂ€chste Stufe bewĂ€ltigen? Ich bin kein Prophet?  Wie das Spiel am Ende ausgeht, das ist so wenig voraussehbar wie das Wetter im Sommer 2015.


Ich möchte dieses Buch mit einem Zitat eines halbvergessenen romantischen Dichters des 19. Jahrhunderts schliessen. Es war eine Zeit, in der man Überdruss hatte an jener Art „Fortschritt“, den die Zeiten der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und der industriellen Revolution im Gefolge hatten: UmstĂŒrze, Kriege, Terror, BrĂŒche, Hunger und Elend, ungeheure Beschleunigungen. Dennoch wollte diese Epoche nicht einfach zurĂŒck, in die guten alten Zeiten. Man hielt beharrlich und mit bĂŒrgerlichem Ernst an der Notwendigkeit des Wandels fest. Aber diese Art Fortschritt sollte mit und nicht gegen die Menschen erfolgen, durch Bildung, Wissen und Arbeit, nicht mit Gewalt, Krieg und Terror.


Adalbert Stifter schreibt 1852 im Vorwort zu „Bunte Steine“ unter dem Titel: Das sanfte Gesetz


Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, VerstandesgemĂ€ssheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Streben halte ich fĂŒr gross; mĂ€chtige Bewegungen des GemĂŒtes, furchtbar einher rollenden Zorn, den entzĂŒndeten Geist, der nach TĂ€tigkeit strebt, umreisst, Ă€ndert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht fĂŒr grösser, sondern fĂŒr kleiner... Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird... KrĂ€fte, die nach dem Bestehen der ganzen Menschheit hinwirken, die durch die EinzelkrĂ€fte nicht beschrĂ€nkt werden dĂŒrfen, ja im Gegenteil beschrĂ€nkend auf sie selber einwirken. Dieses sanfte Gesetz wirkt ĂŒberall, wo Menschen neben Menschen wohnen, es liegt in der Liebe der Ehegatten zueinander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zueinander, in der sĂŒssen Neigung der Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der TĂ€tigkeit, wodurch man fĂŒr seinen Kreis, fĂŒr die Ferne, fĂŒr die Menschheit wirkt... Wie gewaltig und in grossen ZĂŒgen auch das Tragische und Epische wirkt, so sind es doch hauptsĂ€chlich immer die gewöhnlichen, alltĂ€glichen, in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen, in denen dieses Gesetz am sichersten als Schwerpunkt liegt, weil diese Handlungen die dauernden, die grĂŒndenden sind, gleichsam die Millionen Wurzelfasern des Baumes des Lebens.

Wie es mit dem Aufwartssteigen des menschlichen Geschlechts ist, so ist es auch mit seinem Abwartssteigen. Untergehenden Völkern verschwindet zuerst das Mass. Sie gehen nach einzelnem aus, sie werfen mit kurzem Blicke auf das BeschrĂ€nkte und Unbedeutende, sie setzen das Bedingte ĂŒber das Allgemeine; dann suchen sie den Genuss und das Sinnliche, sie suchen Befriedigung ihres Hasses und Neides gegen den Nachbarn, in ihrer Kunst wird das Einseitige geschildert, das nur von einem Standpunkt aus GĂŒltige, dann das Zerfahrene, Unstimmende, Abenteuerliche, endlich das Sinnenreizende, in der Religion sinkt das Innere zur blossen Gestalt oder zur ĂŒppigen SchwĂ€rmerei herab, der Unterschied zwischen Gut und Böse verliert sich, der einzelne verachtet das Ganze und geht seiner Lust und seinem Verderben nach...“


Einen auf dieser Art von - nennen wir es ruhig mutig so - Demut und Zartheit aufgebauten Zukunftsoptimismus wĂŒnsche ich uns allen fĂŒr das 21. Jahrhundert.