Demut und Gehorsam

von AndrĂ© Louf |

Das Streben nach Frömmigkeit und hohen Idealen ist sehr oft eine Suchen nach sich selbst und dem eigenen SelbstwertgefĂŒhl. Wer wirklich Gott finden will, muss lernen, zuerst die eigenen SchwĂ€chen und Nöte nach oben kommen lassen. Nur aus dieser schmerzhaften Erkenntnis der eignen SchwĂ€che heraus kann wahre Demut entstehen. Gottes Gnade knĂŒpft nicht an ein Ideal, sondern an Schwachheit.
Louf, AndrĂ©. Demut und Gehorsam. ISBN 3878681135. Vier-TĂŒrme-Verlag 1990. 55 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

EinfĂŒhrung

Jeder, der sich auf den Weg macht, ein religiöses Leben zu fĂŒhren, wird den folgenden drei GefĂ€hrdungen begegnen:


- Der FehleinschÀtzung seiner selbst,

- der VerdrÀngung der eigenen Schattenseiten,

- der Faszination durch ein Ideal, das Gotteserfahrung und Belohnung verspricht, aber letztlich die Begegnung mit dem wirklichen Gott verstellt.


Es ist ein Gesetz des geistlichen Lebens, dass wir zu Gott nur ĂŒber die Erfahrung der eigenen SchwĂ€che finden. Denn Gottes Gnade kommt in unserer Schwachheit zur Vollendung. Und nicht, wenn wir die eigene Wirklichkeit verleugnen, die Gott uns zumutet.

Solange in unserer Suche nach Gott unsere tiefen menschlichen BedĂŒrfnisse nach Liebe und Geliebtwerden, unsere GefĂŒhle und WĂŒnsche verdrĂ€ngt werden, solange kann unsere Frömmigkeit nicht ausstrahlen. Sie wird verbissen, verkrampft und freudlos.

Oft ist ein hohes Ideal und das Streben nach seiner ErfĂŒllung Ersatz fĂŒr mangelndes SelbstwertgefĂŒhl. Solange dieser Zusammenhang nicht durchschaut wird, ist man nicht wirklich auf dem Weg zu Gott, sondern sucht sich selber und sein SelbstwertgefĂŒhl, fĂŒr das Gott eingesetzt wird als vermeintlich bestes Mittel.

 

Teil 1

FĂ©nelon: „Ein wahrhaft demĂŒtiger Mensch unternimmt nichts und strĂ€ubt sich gegen nichts; er lĂ€sst sich leiten und fĂŒhren, wohin man will.“

Der französische Psychologe Hesnard beschreibt in seinem Buch „Moral sans pĂ©chĂ©â€œ etwas, auf das er in seinen GesprĂ€chen mit Glaubenden gestossen ist. Die tiefglĂ€ubigen Menschen haben ein SchuldgefĂŒhl, das in keiner Weise mit dem biblischen Schuldbegriff und mit der biblischen Reue ĂŒbereinstimmt, wie er sie, als Nichtglaubender, aber als Mann der Wissenschaft, in den Texten des Evangeliums zu erkennen vermag.

Das psychologische SchuldgefĂŒhl ist heute bei vielen Menschen stark ĂŒberzogen und affektgeladen und bedarf einer tiefgreifenden LĂ€uterung.

Hesnard stellt fest, dass dieses SchuldgefĂŒhl, im Gegensatz zu dem in der Bibel geschilderten, seine Patienten völlig lĂ€hmt. Es fĂŒhrt die Menschen nicht zueinander und so auch nicht zu Gott. Dieses SchuldgefĂŒhl bleibt ganz auf den Patienten gerichtet und bildet eine Mauer. Möglicherweise um das zu verhindern, was gerade geschehen mĂŒsste: Dass man sich mit seiner tiefsten, wahren Schwachheit Gott gegenĂŒbergestellt sieht.

1. Die starke Idealisierung des Klosterlebens

 Wenn ein Novize ins Kloster kommt, möchte er ein vorbildlicher, vielleicht ein heiliger Mönch werden, und geht mit seiner ganzen Energie daran, dieses Ideal zu verwirklichen.

Er merkt noch nicht, dass dies nicht dem Evangelium entspricht, dass sein Streben eigentlich ein heidnisches Vollkommenheitsstreben ist. Heisst es doch: „Wer sich erhöht, wird erniedrigt, und wer sich erniedrigt, wird erhöht werden.“

Sein BemĂŒhen steht auch im Gegensatz zur Geschichte, die Jesus vom PharisĂ€er und Zöllner erzĂ€hlt. (Lk 18,9) Der PharisĂ€er reprĂ€sentiert das gutgemeinte, jedoch rein menschliche Vollkommenheitsstreben, das Jesus verwirft. Der PharisĂ€er spielt sich auf mit seiner eigenen Kraft. Der Zöllner kennt seine Schwachheit, er nimmt sie an, er ist mit ihr ausgesöhnt. Und aus dieser Schwachheit heraus ruft er zu Gott. Er hat sich auf den Platz gestellt, der der Vollkommenheit entgegengesetzt ist. Dieser Gegensatz zur Vollkommenheit findet Gnade in den Augen Jesu. „Ich bin fĂŒr die SĂŒnder gekommen.“ und „Dirnen und Zöllner gehen euch voran ins Reich Gottes.“

Noch etwas erkennt der junge Mönch im allgemeinen nicht: Auch in sich selber trĂ€gt er ein unbewusstes Vollkommenheitsstreben. Es wird ihm durch das Über-Ich auferlegt. In sich trĂ€gt er ein ideales Ich, mit dem er in Frieden leben muss. Es ist eine Verdichtung all dessen, was er als junger Mensch jemals an AutoritĂ€t erfahren hat. Die Bindung an diese Instanz ist ein unbewusstes Verlangen nach Liebe, nach Geborgenheit, nach affektiver Sicherheit.

All dessen ist sich der junge Mensch nicht bewusst. Vielleicht spĂŒrt er nicht einmal, dass er nicht er selbst sein darf. Vielleicht fĂŒhlt er sich nirgends geliebt und setzt sich daher tapfer fĂŒr irgendein ganz hochstehendes Ideal ein. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, sich irgendwie geliebt zu fĂŒhlen. In einer bestimmten Weise ist er aber ein Sklave dieser Instanz. Wenn wir einen Menschen geistlich begleiten, stossen wir oft auf derartige Über-Ichs, das wir dann zuweilen das Gewissen nennen.

Dieser Mensch hat also sein objektives, nach aussen projiziertes Ideal. zudem hat er noch eine unbewusste Instanz in sich, die er normalerweise nicht erkennt.

In der geistlichen Literatur liegt die Gefahr, dass man sie falsch liest. Im Sinne von: Willst du vollkommen sein, dann tu dies ... Da steigt man auf einen Berg, erklimmt eine Leiter. Benedikt sagt: "Im Hinabsteigen, steigt man empor, und das nicht aus eigener Kraft. Man kann nicht einmal die Leiter selber wÀhlen. Es ist Gott, der einen Menschen ruft und ihm dann auch die Gnade gibt. Wollten wir es aus eigener Kraft tun, es kÀme nichts dabei heraus."

Der wahre Boden der Demut liegt aber in der eigenen Tiefe, dort, wo man wirklich schwach ist, und nicht im Ideal. Das ist nur eine irreale Abschirmung. Es geht entsetzlich viel Energie verloren, und ein solcher Mensch ist gewöhnlich auch stĂ€ndig mĂŒde und chronisch depressiv. Vor allem aber, auch wenn dieser Mensch Ă€usserst tapfer ist: Es blĂŒht nichts auf in ihm. Er strahlt nichts aus. Er kann kein Leben weitervermitteln. Er lebt nur von billigen Überzeugungen, von Enthusiasmus und Angst. Er erreicht höchstens eine mehr oder weniger gute Anpassung. Das genĂŒgt aber nicht. Irgendwo muss ein Durchbruch in seine tiefste Schwachheit hinein stattfinden. Dann kann es beginnen. Die Gnade muss die Schwachheit gefunden haben, und die knĂŒpf nicht am Ideal an, sondern an der Schwachheit.

Wenn es falsch ist, von einem hohen Ideal her zu leben, wie soll dann zur Demut hingefĂŒhrt werden?

Wir mĂŒssen lernen, aus unserer tiefsten Sehnsucht, aus unseren BedĂŒrfnissen und Nöten zu leben. Die mĂŒssen nach oben kommen. Denn in ihnen strömt unser wirkliches Leben. Auch wenn es sich anfangs mit GefĂŒhlen und Verlangen anmeldet, denen wir nicht zustimmen können, auch wenn diese Verlangen noch der Diakrisis (Unterscheidung der Geister) unterworfen werden mĂŒssen, so werden wir doch lernen mĂŒssen, aus dieser Verwundbarkeit zu leben, aus unserer eigenen Schwachheit. Das tönt gefĂ€hrlich. Aber schon rein menschlich gesehen, liegen dort unsere echten Wachstumsmöglichkeiten. Dazu kommt die Wahrheit des Evangeliums, das sagt: In der Schwachheit, bin ich stark. Kierkegaard sagt: „Die grösste Ketzerei des Christentums war zu glauben, der Gegensatz zur SĂŒnde sei die Tugend. Nein, der Gegensatz zur SĂŒnde ist die Gnade.“

2. Demut und SchuldgefĂŒhl

Wer unbewusst aus einem hochgespannten Ideal heraus lebt, um mit dieser unbewussten Instanz in sich ins reine zu kommen, der erfĂ€hrt durch diese Instanz immer wieder sehr schmerzliche VorwĂŒrfe, die bei ihm SchuldgefĂŒhle wecken und ein GefĂŒhl der Angst. Hier kommt nun das von aussen angebotene Demutsideal zu Hilfe. Es bietet eine gĂŒnstige Gelegenheit, diese unbewussten GefĂŒhle nach aussen abzureagieren. Die unbewussten Forderungen bleiben aber und die AngstgefĂŒhle hĂ€ufen sich sogar. Diese falsche Demut, die unbewusst kein anderes Ziel hat, als den selbstgestellten Forderungen einigermassen zu genĂŒgen, ist mit GefĂŒhlen der Schuld und der Selbstvernichtung geladen. Sie fĂŒhrt in einen Teufelskreis.

Zulange hat diese Art von Demut die GlĂ€ubigen geknechtet. Heute regt sich eine verstĂ€ndliche Reaktion dagegen. Sie besteht in einer aggressiven Auflehnung gegen alle von aussen, eigentlich aber von innen, vom Über-Ich her auferlegten Forderungen. Obwohl sich der Mensch auflehnt und glaubt nun frei zu sein, ist er immer noch von der Angst versklavt. So werden in dieser Gegenreaktion alle Verpflichtungen abgeworfen: Freiheit um jeden Preis, Bindungslosigkeit. So sind Demut, Reue, Schuld und SĂŒnde zu unertrĂ€glichen Begriffen geworden. Weil die neurotische Form der Demut als sehr schĂ€digend und lĂ€hmend empfunden wurde, kann man heute keine Form der Demut mehr akzeptieren. Und man zieht sogar das moralische Gesetz in Zweifel.

Die Schwierigkeit liegt nun darin, dass heute niemand wie der Zöllner gestehen wird: Ich bin noch nicht so weit, ich kann das eigentlich noch nicht nachvollziehen, ich muss noch zu meiner Schwachheit stehen; Gott wird mir dann die Gnade schenken. Nein, heute reagiert man neurotisch und sagt: Aber es war keine SĂŒnde!

Dies alles erschwert es uns heute, ĂŒber die Demut zu sprechen.

Der Heilige Geist muss in uns den BerĂŒhrungspunkt freilegen, wo die Gnade an unsere Schwachheit, an unsere Ohnmacht ansetzt und zur Kraft des Geistes wird. Dies kann der Geist nur, wenn er zerschlĂ€gt und die Mauern um unser Herz aufbricht. Er muss uns aus dem Sattel heben, wie er es mit Paulus auf dem Weg nach Damaskus gemacht hat. Das tut er von aussen durch Geschehnisse, aber auch von innen. Das geistliche Leben ist nicht nur eine OberflĂ€chenschicht, eine Art Deckmantel, der ĂŒber alles gebreitet wird. Der ganze Mensch muss geheilt und gerettet werden. Das reicht bis in die tiefsten Schichten von uns. Dieser Durchbruch der Gnade ist auch Abbruch. Er ist immer schmerzhaft. Er fĂŒhrt den Menschen immer in seine tiefste Schwachheit hinein, zu seinem Tiefpunkt.

Wenn aber die Mauern der falschen Demut und der falschen Vollkommenheit zertrĂŒmmert sind, dann ist plötzlich aufs neue alle möglich. Der Mensch ist seiner Angst total ausgeliefert. Da kann kein Ideal mehr helfen - aber da ist Gott. Da kann Gott sich als die erbarmende Liebe zeigen.

Dieses Stehen in der Schwachheit, um hineingenommen zu werden in die rettende Liebe, das ist die Gnade der Demut. Es ist ein Wunder, das den Menschen zur Ruhe bringt, zur Versöhnung mit seiner ZwiespĂ€ltigkeit, das ihn hinfĂŒhrt zur tieferen Einheit mit Gott und den Mitmenschen.

Isaak von Ninive sagte:

"Wer seine SĂŒnden kennt, ist viel grösser als einer, der einen Toten auferweckt. Wer eine Stunde lang wirklich ĂŒber sich selbst weinen kann, ist grösser als einer, der die ganze Welt unterrichtet; wer seine eigene Schwachheit kennt, ist grösser als einer, der die Engel schaut."

 

Teil 2

Wie kann man jemanden zur Demut fĂŒhren?

1. Geistliche FĂŒhrung als Weg zur Demut

Oft gab der geistliche Vater Vorstellungen und Ideale weiter. Er ermutigte und appellierte an den Willen. Zu einer echten Kommunikation mit den tiefsten GefĂŒhlen kam es in den meisten FĂ€llen nicht. Auch der geistliche FĂŒhrer selbst war zu jener Zeit mit seinen eigenen tiefsten GefĂŒhlen nicht ins reine gekommen. Und die GefĂŒhle anderer riefen darum nur Angst oder Unmut oder Scham in ihm wach. Das Problem bei diesem Vorgehen ist, dass die Gnade eigentlich niemals zu ihrem Recht kommt.

Geist und Fleisch (im umfassenden Sinn) liegen im Streit. Wenn wir das Verlangen des Geistes in uns hören wollen, dann muss auch das Verlangen des Fleisches an die OberflĂ€che kommen und muss wahrnehmbar werden. Wir mĂŒssen also mit unseren eigenen Verlangen konfrontiert werden, damit das tiefe DrĂ€ngen des Geistes in uns ans Licht kommen kann. Die geistliche FĂŒhrung muss den jungen Menschen demnach seinen wirklichen Verlangen nĂ€herbringen, um ihn so dem Geist nĂ€herzubringen. Es geht um das Aufdecken der verborgenen Gedanken und SĂŒnden, um die tiefsten Absichten und WĂŒnsche. Es geht aber nicht um Beichte, sondern um ein Bewusstmachen durch das Aussprechen.

"Es genĂŒgt, einen Gedanken ans Licht zu bringen; allein schon dadurch wird er neutralisiert." (Kassian)

Die Gedanken werden von einem anderen besehen, angeschaut, und das heisst zuerst und vor allem: angenommen. In erster Linie braucht der geistliche FĂŒhrer nur zuzuhören, weder zu beschönigen, noch zu verurteilen. Denn wenn man auf das Über-Ich des jungen Menschen einwirkt, dann wird alles nur noch schlimmer, man bĂŒrdet ihm noch mehr auf. Die konkreten WĂŒnsche werden weder gutgeheissen noch abgelehnt. Der Mensch selber wird angenommen. Er darf sein, wie er ist, wie er sich blossstellt mit seinen Verlangen. Ob sie gut oder schlecht sind, braucht vorlĂ€ufig noch nicht entschieden zu werden. Das einfach Menschliche in diesen Verlangen muss zuerst respektiert werden. Und das ehrfĂŒrchtige Zuhören des geistlichen Vaters stĂ€rkt diesen schwachen Menschen in seinem Menschsein. Es stĂ€rkt seine WĂŒrde als Glaubender, der es wird lernen mĂŒssen, sein Vertrauen allein auf Gottes Barmherzigkeit zu setzen.

"Er hasse das Böse, aber er liebe die BrĂŒder." (Benedikt)

Der Bruder muss sich geliebt fĂŒhlen, wie er ist, die SchwĂ€chen eingeschlossen. So wird geistliche Vaterschaft zur Ikone des Vaters im Himmel, der die Sonne scheinen lĂ€sst ĂŒber Gute und Böse.

Wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist, kann er etwas mitteilen ĂŒber diese Gedanken und GefĂŒhle - ohne Urteil und Beschönigung. Das darf erst geschehen, wenn sich in diesem Klima der Liebe und des Vertrauens alle Angst und alle Scham vom so mĂŒhsam Ausgesprochenen lösen konnte. Dann kann man den Dingen etwas nachgehen und nachspĂŒren, was sich hinter den Verlangen eigentlich verbirgt, wo das tiefste Verlangen wurzelt, das gewĂŒrdigt werden muss.

Wenn aber die Angst, die Scham, die SchuldgefĂŒhle einmal fortgefallen sind, dann erst ist die Möglichkeit gegeben, dass die echte SĂŒnde, das, was nach dem Evangelium als SĂŒnde gilt, nach oben kommt. Was ganz stark als SĂŒnde empfunden wurde, stellt sich danach als harmlos heraus. Was aber nicht als SĂŒnde erkannt worden war, erweist sich als SĂŒnde, verwoben mit Hochmut und vor allem mit Mangel an Gottvertrauen und Gottesliebe. Wenn jedoch die echte SĂŒnde ans Licht kommt, tritt immer auch zugleich die Barmherzigkeit Gottes zutage. Das geht gar nicht anders. Die echte SĂŒnde kann sich dem Menschen nur im Lichte der Gnade offenbaren. Sonst ist es noch ein verkehrtes Bild der SĂŒnde. Das ist neu schaffend.

Der begleitende Dialog vermag das nicht aus sich selber. Er schafft nur die AtmosphĂ€re, in der die Gnade Gottes freier wirken kann, weil der junge Mensch spĂŒrt, dass er angenommen ist.

Wer so mit seinen menschlichen Verlangen ins reine gekommen ist und nicht lĂ€nger damit Versteck spielt, der kann nun auch, ohne zu verdrĂ€ngen, einigen seiner Verlangen entsagen, im echt evangelischen Sinn. Er kann besser auf sein FĂŒhlen achtgeben. So kann er auch dem tieferen Verlangen des Heiligen Geistes in sich Raum geben, dem Willen Gottes. Und das ist Gehorsam, nĂ€mlich das Freiwerden fĂŒr dieses tiefe Wollen Gottes in uns und fĂŒr die Möglichkeit, auf eine positive Weise dem zu entsagen, was man Eigenwillen nennt. Man kann nun aufgeben ohne neue Frustration und ohne neues Trauma, das die alten Frustrationen von neuem aufreisst. So wird man mehr Mensch und mehr Christ.

2. Demut und Lieben-Lernen

Laufen wir heute nicht Gefahr, dass unsere Liebe auf zweierlei Weise verunstaltet wird?

Zuerst, dass sie zu etwas sehr Aktivem verbildet wird. Um zu lieben, muss man etwas tun - meinen wir. Das ist leichter, als etwas zu erspĂŒren, als mitzufĂŒhlen!

Und dann betonen wir den sozialen Aspekt der Liebe zu sehr.

Es ist viel einfacher, in der Mehrzahl zu „lieben“, denn das abstrahiert und idealisiert die Liebe wieder so stark, dass man sich im Konkreten ganz freigestellt wĂ€hnen kann von der Forderung, jemanden wahrhaftig lieben zu lernen. Ich fĂŒhle mich im Dienste an den anderen, und damit bin ich zwar glĂŒcklich, aber ohne je wirklich verwundbar zu sein in meiner Schwachheit, wo die wirkliche Liebe anknĂŒpfen kann. Um Jemanden echt lieben zu können, muss ich von ihm verletzt werden können. Er schlĂ€gt mir Wunden. Es tritt in mir eine SchwĂ€che zutage, die allein durch den Geliebten geheilt werden kann. Liebe macht bedĂŒrftig und abhĂ€ngig. Sie öffnet uns fĂŒr den anderen, macht horchend. Weil man in der Liebe an erster Stelle eine gewisse Armut erfĂ€hrt - ich kann nicht mehr ohne den anderen sein -, darum ist echte Liebe nie möglich ohne Demut.

Wer diese geistliche Armut zu leben lernt, der wird empfindsam und verletzlich fĂŒr die Liebe Gottes. Er hat die 99 anderen Schafe zurĂŒckgelassen, um das verlorene Schaf zu suchen. Gott hat BedĂŒrfnis nach dem Menschen. So sehr hat er die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn fĂŒr sie dahingegeben hat.

3. Die Askese der Schwachheit

Askesis und askein heisst im Griechischen „sich einĂŒben“. Ist das ein Sich-EinĂŒben auf seine eigene Kraft? Ich glaube nicht. Askese bedeutet ein Sich-EinĂŒben auf die Gnade. Und weil die Gnade immer nur bei unserer Schwachheit ansetzt, darum ist Askese, und muss es sein, ein EinĂŒben auf unsere Schwachheit, ein Sich-EinĂŒben auf das Geheimnis von Schwachheit und Gnade.

Jede Askese muss den Menschen an seinen Nullpunkt bringen, wo seine KrĂ€fte zusammenbrechen, wo er mit seiner Ă€ussersten Schwachheit konfrontiert wird und ihr nicht mehr gewachsen ist. So wird sein Herz zerschlagen, und mit ihm all seine menschlichen VollkommenheitsplĂ€ne. In diesem zerschlagenen Herzen, wo nur noch Schwachheit und Unvermögen herrschen, da kann die Kraft Gottes auftreten und alles neu ĂŒbernehmen.

Gesetzt den Fall, ein junger Mönch kommt und fragt: „Vater Abt, darf ich morgen frĂŒh eine Stunde frĂŒher aufstehen? Ich kann es wohl.“ - „Nun, wenn Sie es können, dann ist es nicht nötig. Dann hat es ja keinen Sinn mehr! Denn wo stehen Sie dann? Dann stehen Sie auf der Seite der Gerechten ...“ Völlig anders wĂ€re die Situation aber, wenn er sagt: „Das ist fĂŒr mich ein schwacher Punkt, und ich spĂŒre, dass Gott mich hier anruft, um durch diese Schwachheit hindurch an mir sein Wunder zu wirken.“ Das ist Askese. Und nicht jeder ist dazu berufen.

Die Frage lautet nicht: Ist er stark genug? An erster Stelle steht die Frage: Wird dieser junge Mensch von Gott, vom Heiligen Geist dazu gedrÀngt? Gibt Gott irgendwie eine Garantie, dass er durch diese Kraft den jungen Menschen in seiner Ohnmacht nicht zusammenbrechen lassen wird? Dass Gott ihn aus dieser Ohnmacht retten wird?