Der Anspruch des Schweigens

von Anselm Gr├╝n |

Schweigen ist mehr als die Abwesenheit von Gerede. Es ist Voraussetzung f├╝r einen inneren Weg der pers├Ânlichen Ver├Ąnderung und zugleich der erste Schritt. Durch das Schweigen findet der Mensch zu sich selbst, zum Gebet, zum Dialog mit Gott.
Gr├╝n, Anselm. Der Anspruch des Schweigens. M├╝nsterschwarzach: Vier-T├╝rme-Verlag 1980. ISBN 3878681267. 67 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Der Anspruch des Schweigens

Heute ist das Schweigen ÔÇ×InÔÇť. Ein Aspekt des Schweigens fehlt heute aber meist: das Schweigen als Aufgabe. Das Schweigen ist eine geistliche Aufgabe, die den Einsatz des ganzen Menschen fordert. Das Schweigen soll hier weniger als Entspannungstechnik, oder als Kunst, abzuschalten gesehene werden. Es erhebt den Anspruch: wir sollen unsere Fehlhaltungen ab-bauen, unsern Egoismus bek├Ąmpfen und uns f├╝r Gott ├Âffnen.

1. Schweigen als Kampf gegen S├╝nde und Laster

Benedikt begr├╝ndet in seiner Regel das Schweigen wie folgt: ÔÇ×Beim vielen Reden wirst du der S├╝nde nicht entgehen.ÔÇť (Spr 10,19; RB 6)


1. Gefahren des Redens

Die 1. Gefahr ist die Neugier: Neugier f├╝hrt zu Zerstreuung. Der Zerstreute k├╝mmert sich um alles M├Âgliche. Er ist aus gegossen und oberfl├Ąchlich. Der Gedanke an Gott kann sich in ihm nicht halten. In ihm kann nichts reifen.

Wer alles ausplaudern muss, Gutes wie Schlechtes, der kennt keine Geheimnisse. Im Reden will man alles benennen, alles durchschaubar, mitteilbar und damit beherrschbar machen. Wor├╝ber ich rede, das habe ich in der Hand.


Die 2. Gefahr des Redens ist das Urteilen ├╝ber andere. Unser Reden ist ein grosser Teil Reden ├╝ber andere. Auch wenn man positiv ├╝ber andere reden will, wird man urteilen und sich mit anderen vergleichen. Oft h├Ąlt man sich die eigene Wirklichkeit vom Leib, indem man vom andern spricht. Und so f├╝hrt das Reden meist nicht zu gr├Âsserer Selbsterkenntnis, sondern im Gegenteil zu einer Abwehr ehrlicher Selbstbeobachtung.


Eine 3. Gefahr des Redens ist f├╝r die M├Ânche die Ruhmsucht. Wer viel redet, stellt sich selbst in den Mittelpunkt und will beachtet werden. Ohne dass man es merkt, dreht man die Worte so, dass man damit Anerkennung hervorrufen kann. So dient das Reden h├Ąufig der Befriedigung der Ruhmsucht.


Die 4. Gefahr des Redens ist die Vernachl├Ąssigung der inneren Wachsamkeit. Im Reden f├Ąllt man st├Ąndig aus seiner eigenen Mitte, aus der Wachsamkeit sich selbst gegen├╝ber heraus.

H. Nouwen: ÔÇ×Am Anfang wusste ich nicht, warum ich mich irgendwie schmutzig, staubig und unrein f├╝hlte, aber mit der Zeit d├Ąmmerte mir, dass der Mangel an Schweigen der Hauptgrund daf├╝r gewesen sein muss. Mir kommt zu Bewusstsein, dass mit den Worten zweideutige Gef├╝hle in mein Leben eindringen. Es scheint fast unm├Âglich zu sein, zu sprechen, ohne dabei zu s├╝ndigen. ... Auf unerkl├Ąrliche Weise vermindert das Sprechen meine F├Ąhigkeit, wachsam und offen zu sein, und macht mich egozentrischer.ÔÇť


Die Erfahrung, dass wir in all unserem Sprechen immer wieder s├╝ndigen, soll uns nicht niederdr├╝cken. Wir sollen diese Erfahrung immer mit der Gewissheit verbinden, dass wir von Gott angenommen sind, wie wir sind. Benedikt fordert daher seine M├Ânche auf, niemals an der Barmherzigkeit Gottes zu zweifeln. (RB 4,90) So f├╝hrt die Erfahrung der eigenen Schw├Ąche nicht zur Schuldangst, sondern zu einem Gef├╝hl innerer Freiheit. Das Idealbild, das ich in meinem Herzen von mir trage und an dem ich so krampfhaft festhalte, wird immer mehr zerst├Ârt, ich brauche es nicht mehr mit mir herumzuschleppen, und ich darf mich neu sehen, wie ich bin. Ich darf sein, wer ich bin, weil ich so von Gott geliebt bin. Die Erfahrung, wie gef├Ąhrdet ich in meinem Reden bin, ist also gleichzeitig die Erfahrung, dass ich in Gottes Liebe und Vergebung geborgen und angenommen bin.


2. Schweigen als Weg zur Selbstbegegnung

Oft sind wir auf der Flucht vor uns selbst. Und wenn wir dann doch allein sind, dann brauchen wir irgendeine Besch├Ąftigung. Ernesto Cardenal beschreibt diese Erfahrung:

Nun f├Ąllt es dem modernen Menschen schon schwer, allein zu sein; auf den Grund seines eigenen Ichs zu steigen, ist fast unm├Âglich f├╝r ihn. Sollte er aber doch einmal mit sich selbst im stillen K├Ąmmerlein bleiben und gerade kurz vor der Erkenntnis Gottes stehen dann macht er das Radio oder das Fernsehen an. (Das Buch von der Liebe, 24)


Viele k├Ânnen es nicht ertragen, unt├Ątig zu sein, ganz einfach dazusitzen und zu schweigen. Schweigen meint nicht bloss, dass ich nichts rede, sondern dass ich die Fluchtm├Âglichkeiten aus der Hand gebe und mich aushalte, wie ich bin. Ich verzichte nicht bloss auf das Reden, sondern auch auf all die Besch├Ąftigungen, die mich von mir selbst ablenken. Im Schweigen zwinge ich mich, einmal bei mir zu sein. Das ist zun├Ąchst gar nicht angenehm. Es melden sich da alle m├Âglichen Gedanken und Gef├╝hle. Verdr├Ąngte W├╝nsche und Bed├╝rfnisse kommen ans Licht, unterdr├╝ckter ├ärger steigt hoch. Die ersten Augenblicke des Schweigens enth├╝llen uns oft das Chaos unserer Gedanken und W├╝nsche.

Im Schweigen machen wir uns nichts mehr vor, wir sehen, was in uns vorgeht. F├╝r viele ist diese Erfahrung so unangenehm, dass sie sie nicht lange aushalten k├Ânnen. Sie m├╝ssen dar├╝ber sprechen. F├╝r die heilende Bedeutung des Sichaussprechens haben wir heute viel Verst├Ąndnis. Gerade weil viele Menschen heute unf├Ąhig zu echter Kommunikation sind, m├╝ssen sie es wieder lernen, sich auszusprechen und darin Befreiung von inneren Spannungen zu erfahren. F├╝r viele ist es ein Problem, dass sie ├╝ber das, was sie im Tiefsten verletzt, nicht sprechen k├Ânnen. Sie schlucken alles hinunter und werden innerlich verbittert.

Doch neben dem Aussprechen ist auch das Schweigen ein Heilmittel. Man kann innere Vorg├Ąnge und Prozesse auch zerreden. Das Schweigen soll helfen, Abstand zu gewinnen gegen├╝ber Aufregung und ├ärger. Bevor man ├Ąrgerlich auf den andern reagiert, soll man erst einmal schweigend in den Grund seines ├ärgers vordringen.

John Eudes zu H. Nouwen: "Der ├ärger enth├╝llt oft, wie man ├╝ber sich selbst denkt und f├╝hlt und welche grosse Bedeutung man seinen eigenen Ideen und Einsichten zumisst. Wenn Gott wieder die Mitte deines Lebens wird und wenn du es fertig bringst, dich mit all deinen Schw├Ąchen vor ihn zu stellen, dann k├Ânntest du wahrscheinlich wieder etwas Abstand gewinnen, deinen Groll verebben lassen und wieder beten." (Ich h├Ârte auf die Stille, 41)


Benedikt wendet das Schweigen als Heilmittel f├╝r Br├╝der an, die bestraft und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden. (RB 25) Das Schweigen soll dem gefallenen Bruder die M├Âglichkeit geben, in sich zu gehen, ├╝ber sich zu trauern und die Verfehlung zu bereuen. W├╝rde er mit andern sprechen, w├╝rde er allzu leicht sich und sein Verhalten rechtfertigen. Im ersten Augenblick wird man die Schuld immer bei andern suchen und sich ungerecht behandelt f├╝hlen. Es braucht erst eine Zeit des Schweigens, um sich selbst wieder klarer zu sehen.

Das Schweigen unterdr├╝ckt unsere Emotionen und Aggressionen nicht, sondern b├Ąndigt sie, bringt Ordnung in sie hinein. Durch das Reden werden die Emotionen immer wieder aufgewirbelt und gar verst├Ąrkt, manchmal sogar verfestigt. Im Schweigen k├Ânnen sie sich setzen. Im Reden lege ich mich fest und suche meine erregten Worte zu verteidigen. Das Schweigen kann ein Mittel sein, diese Erregung zuerst zu verarbeiten und zur Ruhe kommen zu lassen. Das ist nicht so einfach.

3 Jahre trug er Altvater Agathon) einen Stein im Mund, bis er zurecht kam mit dem Schweigen. (Apo 97)

Das Schweigen kann jedoch auch Gift sein. Wenn einer meint, er brauche die andern nicht, er k├Ânne alles mit sich allein ausmachen, so heilt das Schweigen nicht, sondern isoliert.

Zudem kann es durchaus n├Âtig sein, den andern auf sein ├ärger hervorrufendes Verhalten aufmerksam zu machen. Schweigen w├Ąre in einem solchen Fall ein ÔÇ×Sich-dr├╝ckenÔÇť. Aber wenn zuerst schweige und nicht sofort meinen ├ärger ausspreche, kann ich eher erkennen, ob es sich lohnt, den andern anzusprechen und in welchem Ton ich das tun m├╝sste.

Weil die Verurteilung des andern blind macht f├╝r die eigenen Fehler, soll man aber oft schweigen. Im Schweigen kann man dann im Fehler des andern die eigenen entdecken. So r├Ąt ein Altvater:

Wenn du jemand s├╝ndigen siehst, so bete zum Herrn und sage: Verzeihe mir, denn ich habe ges├╝ndigt.

Weil wir die Voraussetzungen nicht kennen, unter denen der andere so handelt, verbieten wir uns jedes Urteil und lassen stattdessen das Verhalten des andern unser eigenes deuten. Der Fehler des andern wird zu einem Spiegel, in dem wir die unseren klarer erkennen.

Wenn er (Agathon) etwas sah, und sein Herz ├╝ber die Sache urteilen wollte, sprach er zu sich: "Agathon, tu das nicht!" Und so kam sein Denken zur Ruhe. (Apo 100)

Das Schweigen im Blick auf andere erm├Âglicht uns eine klarere Selbsterkenntnis, es l├Ąsst uns den Mechanismus der Projektion durchschauen, in der wir unsere eigenen Fehler in den andern verlagern und somit unf├Ąhig werden, sie bei uns zu entdecken. (Apo 779)

Das Schweigen angesichts der Fehler des andern hat noch eine andere Funktion. Es soll den an andern heilen. Das Aufdecken seiner Fehler kann den andern entmutigen, das schweigende Zudecken heilt ihn. Das Schweigen ist hier Ausdruck einer Liebe, in der man den andern annimmt, sich nicht ├╝ber ihn erhebt, sondern um die eigene Schw├Ąche weiss, weil man sich im Schweigen selbst begegnet ist.


3. Schweigen als Sieg ├╝ber die Laster

Woran denken wir, wenn wir nicht besch├Ąftigt sind, wenn unsere Aufmerksamkeit nicht durch ein Tun gefesselt ist? Was geht uns vor dem Einschlafen durch den Kopf? Diese unkontrolliert aufsteigenden Gedanken zeigen uns unseren inneren Zustand an. Die M├Ânche benutzten diese Gedanken, um zu erforschen, ob sie einem der 8 Laster verhaftet sind: V├Âllerei, Unzucht, Habsucht, Traurigkeit, Zorn, Lustlosigkeit (acedia), Ruhmsucht oder Stolz.

├äusserlich schweigen wir, doch innerlich reden wir ununterbrochen. In uns reden die unbefriedigten Triebe, die ungestillten Bed├╝rfnisse, in uns reden die nicht im Gleichgewicht gehaltenen Emotionen und Stimmungen, und in uns reden Eitelkeit und Ruhmsucht. Innerlich schweigen kann daher nur, wer die 8 Laster ├╝berwunden hat. Daher geh├Ârt zur ├ťbung des Schweigens der Kampf gegen die Laster, der Kampf gegen die inneren Fehlhaltungen, gegen ├╝bertriebene Bed├╝rfnisse und W├╝nsche, gegen das Chaos unbeherrschter Emotionen und gegen den Wahn, sich selbst immer in den Mittelpunkt zu stellen. Das Schweigen ist ein Mittel im Kampf gegen die inneren Fehlhaltungen.

Der Weg zum inneren Schweigen ist aber weit und kaum einer wird wohl in diesem Leben ganz ans Ziel kommen. Doch ansatzweise ist dieses Schweigen erfahrbar. Wenn wir lange genug gegen die Sucht gek├Ąmpft haben, immer an das Geld und den Gelderwerb zu denken, dann werden wir entdecken, dass wir beim Beten von solchen Gedanken auf einmal frei sind. Doch solange wir mit unserer Habsucht nicht zurecht kommen, n├╝tzt uns die beste Entspannungsmethode nichts. Das Schweigen ist f├╝r die M├Ânche eben ein moralisches Problem, nur durch den Sieg ├╝ber die Fehlhaltungen erreichbar und nicht durch Meditationstechniken oder Entspannungs├╝bungen.

F├╝r Cassian ist dieser Zustand des reinen Schweigens identisch mit der Reinheit des Herzens. Die Voraussetzung daf├╝r ist die Demut, in der man nicht etwas erreichen will, weder Versenkungszust├Ąnde noch absolute Stille, sondern in der man sich ganz Gott ├╝berl├Ąsst. Die Demut ist eine Reaktion auf die Erfahrung Gottes und der eigenen Schw├Ąche vor Gott. Sie ist also letztlich Geschenk, von Menschen nicht mehr aus eigener Kraft erreichbar. Ich kann mich in sie ein├╝ben, indem ich schweigend gegen meine Laster angehe und sie bek├Ąmpfe. Aber sie ist immer nur ein Ziel, auf das wir zwar zustreben, das uns aber nur hin und wieder als Geschenk Gottes erfahrbar werden kann.


4. Die rechte Rede

Unser Sprechen ist ein Test, wie weit unser Schweigen echt ist. Wenn ich schweige, um  Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, dann gebe dann nur m├╝rrisch Antwort, wenn ich reden soll. Wenn ich schweigend Selbstgespr├Ąche gef├╝hrt habe, dann wird es im Reden aus mir hervorsprudeln ohne jede Schranke.

Benedikt gibt konkrete Anweisungen, wie ein Reden aussehen soll, das aus dem Schweigen w├Ąchst. Der M├Ânch soll in Demut sprechen (cum humilitate RB 6,19; 61,9; 65,32), W├╝rde (cum gravitate RB 7,161; 42,26), in Ehrfurcht (cum reverentia), vern├╝nftig (rationabiliter RB 31,12; 61,9; 65,32), in Liebe (cum caritate RB 61,10), sich unterordnend (cum subjectione RB 3,10; 6,19), g├╝tig (cum man suetudine RB 66,11), bescheiden (cum modestia RB 22,18) und in der Furcht Gottes (cum timore Dei RB 66,11).

Es geht auch um ein Sprechen aus dem H├Âren auf den Geist. Wir sollen nicht unsere Meinung durchsetzen wollen, nicht uns aussprechen und uns redend in den Mittelpunkt stellen, sondern wir sollen das sagen, was der Geist uns eingibt. Wenn unser Reden aus dem H├Âren auf den Geist fliessen w├╝rde, w├Ąre es nicht so wichtigtuerisch und hartn├Ąckig.

W├╝nsche braucht man nicht zu verdr├Ąngen, man soll sie ruhig ├Ąussern, aber immer mit der Haltung des Loslassens. Ich darf etwas verlangen, aber zugleich darf ich nicht darauf bestehen, sondern muss bereit sein, den Wunsch auch loszulassen. Demut und Ehrfurcht h├Ąngen bei Benedikt eng zusammen. In der Ehrfurcht lasse ich den andern sein, wie er ist. Ich will ihn mit meinem Reden nicht ver├Ąndern nicht mit Gewalt ├╝berzeugen, ihn nicht besiegen mit meinen Argumenten, sondern ich lasse ihn, ich achte ihn und wahre das Gesp├╝r f├╝r sein Geheimnis. Das gilt auch f├╝r die Kritik, die ich anzubringen habe. Die Demut bedeutet eine innere Freiheit, ich nehme mir die Freiheit, auf Missst├Ąnde aufmerksam zu machen, ohne mich als Richter aufzuspielen ohne die andern dazu zu dr├Ąngen, sich zu ├Ąndern. Ich lasse den andern die Freiheit, aus meinen Bemerkungen zu machen, was ihnen gut d├╝nkt.

Sprechen soll Ausdruck unserer Liebe und G├╝te zu den Menschen sein. Das kann es aber nur, wenn wir redend nicht uns selbst in den Mittelpunkt stellen, wenn wir im Reden uns den andern nicht vom Hals halten wollen, sondern wenn wir frei von aller Selbstsucht offen sind f├╝r den andern und seine Bed├╝rfnisse.

In der Furcht des Herrn sprechen, das bedeutet ein Gesp├╝r f├╝r die Gegenwart Gottes im andern haben. Unser Umgang mit dem andern ist f├╝r Benedikt nicht ein rein zwischenmenschlicher Vorgang. Im andern begegnet uns Christus. Und so k├Ânnen wir den andern nur in der Furcht Gottes als den erkennen, der er ist.

Es geht Benedikt nicht um ├Ąusseres Schweigen, sondern um die Schweigsamkeit als Gesp├╝r f├╝r Gottes Gegenwart und als gesammeltes Ruhen in Gott. Wenn einer im Glauben an Gottes Gegenwart spricht, dann unterbricht das Reden nicht sein Schweigen, sondern w├Ąchst aus ihm, es zerst├Ârt das Schweigen nicht, sondern teilt es auch den andern mit.

2. Schweigen als Loslassen

Schweigen kann passives Nichtreden, innere Haltung der Sammlung, Kampf gegen Fehlhaltungen und ein positives Tun oder Akt des Loslassens sein. Ob einer schweigen kann, das zeigt sich nicht an der Menge seiner Worte, sondern an der F├Ąhigkeit loszulassen.

F├╝r manche ist das Schweigen ein R├╝ckzug in die Verantwortungslosigkeit des Mutterschosses. Man m├Âchte sich im Schweigen weiter geborgen f├╝hlen, und weigert sich, sich vom Kampf des Lebens die Traumbilder zerst├Âren zu lassen. Wer redet, setzt sich immer den andern aus, er bietet eine Angriffsfl├Ąche, seine Worte k├Ânnen kritisiert, l├Ącherlich gemacht werden. Er kann sich mit seinen Worten blamieren. Manch einer schweigt aus diesem innerem Stolz heraus. Er kann sich und das Bild seiner Vollkommenheit nicht loslassen. Es w├Ąre besser f├╝r ihn, wenn er das Risiko einginge, sich im Sprechen auch einmal zu blamieren. Wenn ich entdecke, wie komisch ich dahergeredet habe, und wenn ich Gott dennoch daf├╝r danken kann, dann lasse ich mich wirklich los. Ich mache mir dann keine Gedanken, wie ich besser und erbaulicher h├Ątte reden k├Ânnen, sondern lasse mich und meine Idealbilder von mir los, um mich ganz Gott zu ├╝berlassen. Um dieses Loslassen geht es letztlich im Schweigen.


1. Die Methode des Loslassens

Wenn im Schweigen alle m├Âglichen Gedanken und Gef├╝hle in mir auftauchen, so kann ich mit ihnen solange k├Ąmpfen bis sie zur Ruhe kommen. Oder ich kann die Gedanken und Gef├╝hle nicht so wichtig zu nehmen und sie einfach loszulassen. Ich schaue die Gedanken oder das Gef├╝hl an und lasse sie los, nehme sie nicht so wichtig. Der Gedanke ist da, aber er soll mich nicht besch├Ąftigen. Wenn er im n├Ąchsten Augenblick wieder kommt, dann ├Ąrgere ich mich nicht, sondern ich lasse ihn wieder los. Ich stehe nicht unter dem Leistungsdruck, ihn loswerden zu m├╝ssen, sondern ich gehe mit ihm gelassen um, ich lasse ihn kommen und gehen, bis er immer weniger kommen und mich frei l├Ąsst. Zuerst aber muss meine Gedanken annehmen: Das ist mein Problem, diese Gedanken sind ein Teil von mir, sie zeigen, wer ich bin. Wenn ich darauf vertraue, dass ich von Gott angenommen bin mit all den Gedanken, die mich bedr├Ąngen, dann werde ich aber frei vom Druck zu meinen ich m├╝sse sie unbedingt loslassen k├Ânnen.


Zun├Ąchst geht es darum, innere Spannungen loszulassen. Dazu bieten sich verschiedene Methoden an.

  • Die 1. Methode setzt beim K├Ârper an. Man versucht, sich in seinem Leib loszulassen, in den Muskeln, vor allem in den Muskeln der Schulter, des R├╝ckens, aber auch des Gesichts und des Halses. An diesen Stellen setzen sich unsere inneren Spannungen gerne fest. K├Ârperliche Entspannung ohne ├änderung der inneren Haltung  ist aber nur Symptombehandlung.
  • Die 2. Methode setzt bei den Ursachen der Spannungen an. Sie fragt, wo sind meine ├╝bertriebenen Anspr├╝che und W├╝nsche, wo setzen mich meine unbefriedigten Bed├╝rfnisse in Spannung, wo lasse ich mich von den Sorgen in eine ungute Spannung bringen? Ich gehe also das geistige Problem an, das die Spannung erzeugt und versuche den ├╝bertriebenen Anspruch, die ├Ąngstliche Sorge loszulassen. Aber das gelingt nicht mit einem Willensakt. Ich kann nicht mit zusammengebissenen Z├Ąhnen loslassen. Ich darf das Problem nicht l├Âsen wollen, sondern ich muss die ├╝bertriebenen Sorgen und Anspr├╝che weggeben, sie mir nehmen lassen.


H├Ąufig sind unsere Spannungen von irgendwelchen ├ängsten verursacht. Wir haben Angst vor unsern Schw├Ąchen und sichern uns dagegen ab durch ein System von Vorschriften, die wir peinlich genau befolgen. Oder wir bauen uns ein Geb├Ąude aus hohen Idealen auf, mit dem wir uns den Blick in den eigenen Abgrund verstellen wollen. Wir leben dann st├Ąndig in der ├Ąngstlichen Spannung, doch einmal auf unsere Schw├Ąchen zu stossen. Wenn wir entdecken, dass wir unsere Ideale mit einer gewissen ├ängstlichkeit h├╝ten und ├Ąngstlich an bestimmten ├Ąusseren Formen h├Ąngen, ist es immer ein Zeichen, dass wir hier unter einer Spannung stehen, von der wir uns freimachen sollten. Eine Hilfe, von solchen Spannungen frei zu werden, ist das Vertrauen, dass ich in Gott geborgen bin, dass ich mich in seine Arme hineinfallen lassen kann, weil mich nicht strafende, sondern liebende Arme erwarten. Ich lasse meine Absicherungen los, mit denen ich mich selbst gegen Gott absichern will und lasse Gott an mich heran. Ich verzichte auf alle geistlichen Erfolge und ├╝berlasse mich, so wie ich bin, mit all den mich bedr├Ąngenden Gedanken Gott. Er darf nun die F├╝hrung ├╝bernehmen in mir und darf seine Liebe zu mir zeigen.

Es geht im Schweigen letztlich um einen inneren Thronwechsel. Nicht mehr ich soll planen, wie mir meine frommen ├ťbungen und meine religi├Âsen Ideale einen Zuwachs an geistlichem Reichtum vermitteln k├Ânnen, sondern Christus soll in mir herrschen. Nicht ich und meine geistlichen Bed├╝rfnisse stehen dann im Mittelpunkt, sondern Christus, dem ich mich ├╝berlasse, indem ich mich selbst im Schweigen loslasse, indem ich das Heft aus der Hand gebe und Christus an und mit mir handeln lasse. Ich nehme mich selbst nicht mehr so wichtig und gebe es auf an meinem eigenen Denkmal zu bauen. Mein Ideal ist mir nicht mehr wichtig. Wichtig ist nur noch, dass der Geist Gottes in mir wirken kann.

Wie das Sichselbstloslassen konkret aussieht, das haben die Br├╝der von Taize in ihrer Einf├╝hrung in die Retraite treffend beschrieben. Ich lasse mich selbst los, wenn ich erst einmal meine Neugier loslasse, wenn ich nicht meine, ├╝berall mitreden zu m├╝ssen, alles wissen zu m├╝ssen. Dann nennen die Br├╝der verschiedene Bereiche in mir, die zum Schweigen kommen m├╝ssen:

  • Schweigen der Phantasie: Die Gef├╝hlsregungen, die Traurigkeiten, die eitle Gesch├Ąftigkeit der Gedanken kommen zum Schweigen.
  • Schweigen des Ged├Ąchtnisses: Das Vergangene, die vergeblichen Klagen, die Bitterkeiten kommen zum Schweigen. Sich nur an die Erweise von Gottes Barmherzigkeit erinnern.
  • Schweigen des Herzens: Die W├╝nsche kommen zum Schweigen, die Antipathien kommen zum Schweigen, die Liebe kommt zum Schweigen in allem, was an ihr ├╝bertrieben ist.
  • Schweigen der Eigenliebe: Der Blick auf die eigene S├╝nde, auf die eigene Unf├Ąhigkeit kommt zum Schweigen. Das Selbstlob kommt zum Schweigen. Das ganze menschliche Ich kommt zum Schweigen.
  • Schweigen des Geistes: Die unn├╝tzen Gedanken zum Schweigen bringen. Die spitzfindigen ├ťberlegungen, die den Willen schw├Ąchen und die Liebe eintrocknen lassen, zum Schweigen bringen. Alles eigene Suchen und Streben zum Schweigen bringen.
  • Schweigen des Richtgeistes: Schweigen im Blick auf andere Menschen: nicht richten.
  • Schweigen des Willens: Die ├ängste des Herzens, die Schmerzen der Seele zum Schweigen bringen. Die Verlassenheitsgef├╝hle zum Schweigen bringen.
  • Schweigen mit sich selbst: Nicht auf sich selbst h├Âren, sich nicht beklagen und nicht tr├Âsten, mit sich selbst schweigen, sich vergessen, sich von sich selbst l├Âsen.


Wer so schweigen will, der muss sich selbst loslassen. Und er wird erfahren, dass sich dagegen vieles in uns wehrt, weil wir uns festhalten wollen und Gott lieber als Instrument unserer Vollkommenheit benutzen, anstatt uns in unserer Unvollkommenheit ihm zu ├╝berlassen.

Ein wichtiger Aspekt am Loslassen liegt darin, dass ich meine Verbitterungen loslasse. Es gibt Menschen, die die Wunden der Vergangenheit st├Ąndig mit sich tragen. Sie f├╝hlen sich gekr├Ąnkt, weil sie in der Erziehung nicht gen├╝gend Zuwendung und Liebe bekommen haben, oder weil sie von Menschen entt├Ąuscht wurden. Sie brauchen die Erinnerung an diese Wunden, um an ihrer Verbitterung festhalten zu k├Ânnen. Sie k├Ânnen den Menschen nicht verzeihen, die sie verletzt haben, und sie k├Ânnen Gott nicht verzeihen, der ihnen diese Vergangenheit zugemutet hat.

Ich muss mich loslassen, damit Gott mit mir etwas tun kann. Ich muss meine H├Ąnde auftun, meine Selbstbehauptung aufgeben, mich selbst hergeben, damit Gott Zutritt hat zu mir und so an mir handeln kann.


2. Schweigen als Sterben

Die monastische ├ťberlieferung beschreibt das, was mit Loslassen gemeint ist, mit dem Bild des Sterbens und dem der Pilgerschaft.

Im Schweigen wird der M├Ânch tot f├╝r die Welt. Wem dieses innere Sterben gelungen ist, der kann dann mitten in der Welt leben, ohne von ihr beherrscht zu werden. Er lebt in der Welt und doch nicht von der Welt. Sein Grund, aus dem er lebt, ist Gott.

Benedikt fordert in der Regel, dass wir uns t├Ąglich den Tod vor Augen halten sollen. (RB 4,55)

Die Vorstellung, im Grab zu liegen, ist nicht etwas, das unsere Vitalit├Ąt abschneiden oder einengen wollte. Im Gegenteil sie ist eine Hilfe, dass das wahre Leben in uns sich entfalten kann. Es ist keine Flucht vor dem Kampf, den das Leben von uns fordert, sondern es ist eine Hilfe, das wahre Leben zu gewinnen, die Auferstehung Christi an sich mitten in seinen Aufgaben, mitten in seinem Alltag zu erfahren.


3. Schweigen als Pilgerschaft

Abbas Tithoe sagt: "Pilgerschaft (peregrinatio) heisst: dass der M├Ânch Gewalt habe ├╝ber seinen Mund." (Apo 911)

Im Reden greife ich in das Geschehen der Welt ein, werde aktiv, kommentiere, kritisiere oder lenke es in eine bestimmte Richtung, indem ich anordne und befehle. Im Schweigen l├Ąsst der M├Ânch die Welt los. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Er masst sich nicht an, sie zu beurteilen, weil er sie von Gott gelenkt weiss. So l├Ąsst er die Welt Welt sein und geht seinen Weg zu Gott durch die Welt wie durch fremdes Land, in dem er sich nicht niederlassen darf. Im Schweigen wandert man aus aus der Wohnung des Wortes. Im Wort wohnt der Mensch in dieser Welt. Das Wort zeigt, dass er dazugeh├Ârt. Es schafft Kommunikation mit der Welt.

Cassian, der erste bedeutende M├Ânchsschriftsteller im Westen, erkl├Ąrt das Wesen der peregrinatio in seiner Interpretation von Gen 12,1. Dort ist von einem dreifachen Auszug die Rede: vom Auszug aus der Heimat, aus der Verwandtschaft und aus dem Vaterhaus.

Auszug aus der Heimat bedeutet f├╝r Cassian den Verzicht auf alle G├╝ter dieser Welt, das Loslassen aller Bindungen an diese Welt. Wer die Welt l├Ąsst, der besitzt nichts mehr, er wird arm. Im Schweigen l├Ąsst der Mensch den Reichtum des Wortes los. Er hat nichts, womit er gl├Ąnzen und Eindruck machen kann.

Auszug aus der Verwandtschaft ist f├╝r Cassian Auszug aus dem fr├╝heren Lebenswandel, der uns von Geburt an anh├Ąngt, dass er uns gleichsam blutsverwandt ist. Wir sollen uns von dem trennen, was unser Herz in Beschlag nahm. Schweigen als Auszug aus der Verwandtschaft meint  ein Loslassen der Erinnerungen. Schweigen verlangt ein Loslassen der Vergangenheit und ein sich Einlassen auf die Realit├Ąt der Gegenwart, letztlich auf den gegenw├Ąrtige Gott, dem man nicht im Ausschm├╝cken vergangener Erfahrungen, sondern nur im Aushalten der Gegenwart als dem wirklichen Gott begegnen kann.

Den Auszug aus dem Vaterhaus interpretiert Cassian als Absage an das Sichtbare und Verg├Ąngliche und als Hinwendung zum Unsichtbaren, zum Ewigen und Zuk├╝nftigen. Das Schweigen ist somit das Durchhalten der Fremdheit in dieser Welt. Wer schweigt, bleibt einem fremd. Er wird nicht vertraut mit den Menschen seiner Umgebung, mit der Welt.

Die Bilder vom Sterben und von der Pilgerschaft dr├╝cken einen wesentlichen Aspekt des Schweigens aus. Im Schweigen macht sich der M├Ânch frei von dieser Welt, um offen zu werden f├╝r Gott. Die Bilder vom Sterben und Auswandern gelten nicht bloss f├╝r die Asketen der W├╝ste, sie gelten auch f├╝r uns. Wir m├╝ssen irgendwie die Welt ├╝bersteigen, transzendieren, wir m├╝ssen aus ihr auswandern und uns wandernd von einer andern Stimme f├╝hren und rufen lassen, wir m├╝ssen f├╝r die Welt tot sein, um von Gott her und f├╝r Gott zu leben. Diese Haltung w├╝rde uns zu einer inneren Freiheit und Gelassenheit f├╝hren, nicht zu Weltverachtung und Welthass, sondern zu einer gelassenen Liebe allen Dingen gegen├╝ber und zu einem Verankertsein in Gott mitten in unsern weltlichen Aufgaben.


4. Schweigen als Freiheit und Gelassenheit

Das Schweigen als Loslassen, als Sterben und Auswandern aus dieser Welt macht uns innerlich frei. Wir h├Ąngen an nichts mehr ausser an Gott. Wenn wir aus dieser Freiheit Dingen und Menschen gegen├╝ber arbeiten w├╝rden, k├Ânnten wir sachlicher arbeiten, weil wir unsere eigenen Bed├╝rfnisse und W├╝nsche nicht st├Ąndig mit den Dingen vermischten, und wir k├Ânnten mehr arbeiten, weil wir nicht unn├Âtige Energie in nebens├Ąchliche Dinge wie Anerkennung und Lob investieren w├╝rden.

Wer gelernt hat, mitten im Tun sich selbst und seine Anspr├╝che loszulassen, der kann seine Arbeit gelassen tun, ohne innere Spannungen. Er ist aus der Welt ausgewandert und steht allein im Dienst Gottes. Er tut seine Arbeit nicht um seiner selbst willen, sondern um des Werkes willen, um Gottes willen. Er ist frei, sachgerecht und sachlich zu arbeiten, ohne st├Ąndig seine Emotionen hineinzubringen. Wer sich selbst in seinem Tun und Reden und Denken losl├Ąsst, erf├Ąhrt eine innere Freiheit, in der er sich auf Gott hin ├Âffnen kann und sich von Gott in Dienst nehmen l├Ąsst

3. Schweigen als Offenheit f├╝r Gott

1. Schweigen als H├Âren

Benedikt spricht im 6. Kapitel von taciturnitas und meint damit einmal die Haltung des Schweigens, zum andern eine Atmosph├Ąre der Sammlung. Dieser Raum der Sammlung ist der Ort, an dem der M├Ânch auf Gott hin offen ist, an dem er auf Gottes Wort in Schrift und Liturgie h├Âren und an dem er in der Gegenwart Gottes leben kann. Benedikt beschreibt hier mehr eine Atmosph├Ąre als eine Technik des Schweigens. Es ist eine Atmosph├Ąre der Offenheit f├╝r Gottes Geist. Benedikt setzt die beiden Worte "schweigen" und "h├Âren" nebeneinander. Das Schweigen dient dem H├Âren, dem Lauschen auf Gottes Wort.

Wer im Schweigen offen ist f├╝r Gottes Wort, der h├Ârt es auch aus den Worten des Abtes und der Mitbr├╝der heraus, der kann auch im N├Ąchsten Gottes Gegenwart sehen. Entscheidend ist f├╝r Benedikt nicht eine Disziplin des Schweigens, sondern eine Haltung der Ehrfurcht, in der der M├Ânch offen ist f├╝r Gottes Geheimnis in der Stille, im Wort und in den Menschen.

Es geht im Schweigen also darum, das Durchdrungensein von der Gegenwart Gottes nicht aufzul├Âsen.

Wenn ich offen durch die Natur gehe, dann f├╝hle ich mich eingeh├╝llt von Gottes Gegenwart, einer Gegenwart, die nicht bedr├╝ckt, sondern befreit und heilt, in der ich mich daher auch k├Ârperlich wohl f├╝hle. Das Gesp├╝r f├╝r die Gegenwart Gottes soll man, so sagt Benedikt, auch in seinen Geb├Ąrden ausdr├╝cken. Wer im Gottesdienst zu lesen oder vorzusingen hat, soll es mit diesem Gesp├╝r f├╝r Gottes N├Ąhe tun, damit die Br├╝der dadurch erbaut werden, damit ihnen im Wort und im Gesang Gott selbst gegenw├Ąrtig wird. (RB 47,10)

Das Schweigen erm├Âglicht eine Atmosph├Ąre, in der man beten kann und bewahrt das, was im Gebet gewachsen ist. Wer nach dem Gebet sofort wieder spricht, kann die Frucht des Gebetes nicht behalten. Die Sammlung verfliegt, er giesst aus, was sich in ihm gesammelt hat.

Der M├Ânch reagiert auf seine Erfahrungen mit Gott, indem er alles wegr├Ąumt, was ihn am weiteren H├Âren st├Âren k├Ânnte. Es ist ein Schweigen der Ehrfurcht, in dem der M├Ânch verstummt vor dem Geheimnis, das ihm aufleuchtet. Die Erfahrung verfliegt, sobald man zu reden anf├Ąngt.

Derselbe (Johannes) war gl├╝hend im Geiste. Ein Besucher lobte sein Werk. Er arbeitete gerade an einem Seile. Und er schwieg. Wieder versuchte der andere, ein Wort aus ihm herauszubringen, aber wieder schwieg er. Beim dritten Mal sagte er zu dem Besucher: "Seit du hier hereingekommen bist, hast du Gott von mir verjagt." (Apo 347)


Ich darf mir nicht den Luxus des Schweigens erlauben, wenn ich mich selbst darin geniessen will, wenn ich nur meine Ruhe haben will. Ich darf den vielen, die auf ein Wort warten, nur dann das Wort verweigern, wenn ich schweigend wirklich besch├Ąftigt bin, wenn mein Schweigen nicht passives Nichtstun ist, sondern aktives H├Âren, ein Gehen in die W├╝ste, in den Raum Gottes, wenn ich auf das lausche, was Gott mir im Schweigen sagen will.


2. Schweigen als Vollendung des Gebetes

Ein Thema, das in der monastischen Gebetslehre immer wieder erscheint, ist das Beten ohne Bilder und Gedanken, das Beten als reines Schweigen vor Gott. Das Schweigen ist zun├Ąchst eine Hilfe, um ├╝berhaupt beten zu k├Ânnen, um seinen Geist auf Gott zu richten, um in der lectio divina  auf Gottes Wort zu h├Âren. Doch wenn der M├Ânch weit genug im geistlichen Leben fortgeschritten ist, dann wird er das wortlose Beten, ja sogar das bildlose Beten entdecken. Doch diese Art zu beten ist letztlich Geschenk von Gottes Gnade. Sie kann nicht als Technik ge├╝bt werden. Sie ist ein Ziel, das erst erreicht werden kann, wenn die vorhergehenden Stufen beschritten worden sind: lectio, oratio und meditatio.

Die monastische ├ťberlieferung kennt 4 Stufen des Gebetes. Die 1. Stufe ist die Lesung, in der der M├Ânch das Wort Gottes lesend aufnimmt, es gegen sich gelten l├Ąsst. Die 2. Stufe ist die oratio, in der er dem Gelesenen antwortet. Oft unterbricht er auch das Lesen. Er kniet nieder oder wirft sich auf den Boden, um Gott auf das Wort zu antworten, das ihn im Herzen getroffen hat. Lectio und oratio sind 2 Seiten des Dialogs zwischen Gott und dem Menschen. In der lectio spricht Gott, in der oratio der Mensch.

In der meditatio als der n├Ąchsten Stufe l├Ąsst der M├Ânch das Gelesene einfach auf sich wirken. Er liest nicht weiter, sondern l├Ąsst sich von einem Wort in ein gesammeltes Schweigen f├╝hren, in dem das Wort, ohne analysiert zu werden, das ganze Herz durchdringen und verwandeln kann. Der Mensch braucht in der meditatio keine Worte mehr zu machen, er bleibt schweigend unter dem Eindruck des Wortes. Die Stille der meditatio ist keine Leere, sondern eine erf├╝llte Stille, Stille  vom Gotteswort hervorgerufen, Stille in Gottes Gegenwart. Es ist eine Stille mit Christus, mit einem Du, das mich anschaut, dem ich keine frommen Worte sagen muss, in dessen Gegenwart ich einfach dasein kann, mich anschauen lasse, mich von seinem Wort, von seiner Gegenwart durchdringen lasse.

Christi Gegenwart wird durch das Wort der Lesung konkretisiert. Die Bilder, die mir in der Lesung begegnen, lassen ein menschliches Bild Jesu, auch ein menschliches Bild Gottes vor meinen Augen entstehen, vor dem ich still werde, weil das Anschauen und das Sich Anschauenlassen Erf├╝llung genug ist.

Die letzte Stufe des Gebetes ist f├╝r die M├Ânche die contemplatio, die Schau Gottes. Hier h├Âren Bilder und Vorstellungen auf. Hier wird Gott unmittelbar erfahrbar in reinem Schweigen. Doch die contemplatio ist reines Geschenk. Ich kann Gott durch mein Still- und Leerwerden nicht zwingen, dass er mich mit geistlichem Reichtum erf├╝llt. Das w├Ąre geistliche Habsucht. Das Schweigen in der contemplatio ist Reaktion auf das Wirken Gottes und nicht eine Methode, besser beten zu k├Ânnen. Daher soll man sich an die 3 andern Stufen halten und nicht ungeduldig nach der 4. Stufe Ausschau halten.

Schweigen kann zwar eine Hilfe sein, offen f├╝r Gott zu werden. Doch das tiefe Schweigen ist immer Reaktion, die von Gottes m├Ąchtigem Erscheinen selbst bewirkt wird.

Der Herr ist in seinem hl. Tempel - stille vor ihm alle Welt! (Hab 2,2)

Als es (Lamm) das 7. Siegel ├Âffnete, entstand eine Stille im Himmel von etwa einer halben Stunde. (Off 8,1)

Wir k├Ânnen nur einen Raum der Stille und Sammlung schaffen. Die M├Ânche geben daher keine Technik an, wie etwa die Zenmeditation. ├ťben k├Ânnen wir nur Lesung, Gebet und Meditation. Alles andere ist Gottes Werk.

Das Thema des schweigenden Betens hat vor allem Evagrius Ponticus entfaltet. In seinem Traktat de oratione schreibt er:

Zwinge dich dazu, w├Ąhrend des Gebetes deinen Geist stumm und taub werden zu lassen. Dann wirst du beten k├Ânnen.

Zun├Ąchst schreibt Evagrius, soll das Gebet frei sein von leidenschaftlichen Gedanken. In den leidenschaftlichen Gedanken zeigen sich die Laster. Wir erfahren immer wieder, dass gerade dann, wenn wir beten wollen, Gedanken an Menschen auftauchen, die uns auf die Nerven gehen, die uns vielleicht Unrecht getan haben. Wir m├╝ssten daher erst diese Gedanken loswerden, um wirklich beten zu k├Ânnen.

Aber nicht nur zornige, sondern auch irgend welche andere Gedanken halten uns von Gott ab. Unser Geist besch├Ąftigt sich mit den Gedanken anstatt mit Gott. Er denkt an dieses oder jenes, nur nicht an Gott. Selbst wenn wir unsere Phantasie auf Gott richten und uns Bilder von Gott ausdenken, kann uns das von Gott trennen. Denn manchmal sind uns unsere Bilder von Gott wichtiger als Gott selbst.

Die Skepsis des Evagrius gegen├╝ber allen beschreibbaren Gotteserfahrungen soll uns davor bewahren, allzu leichtfertig von der Erfahrung Gottes zu sprechen. Unser Beten ist ├╝ber lange Strecken hinweg Nicht-Erfahrung, Aushalten der eigenen Leere, Schweigen unserer Gedanken und Gef├╝hle, nur ein Ahnen der F├╝lle mitten in unserer Leere. ├ťber dieses Ahnen kann man nicht mehr reden, sondern man tr├Ągt es in sich wie eine zarte Bl├╝te, die man nicht dem rauhen Wind aussetzen darf. Die Tatsache, dass Benedikt das schweigende Beten gar nicht erw├Ąhnt, zeigt, dass es f├╝r die M├Ânche die Ausnahme war. Wer sich tagt├Ąglich um ein redliches Chorgebet, um gute Meditation, Lesung und pers├Ânliches Beten m├╝ht, der erf├Ąhrt von Zeit zu Zeit erf├╝llte Augenblicke des Schweigens als ein Geschenk Gottes.

Wesentlich optimistischer spricht man in der deutschen Mystik des Mittelalters von der schweigenden Erfahrung Gottes. Die h├Âchste Stufe des Betens ist f├╝r Meister Eckehart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse das schweigende Einswerden mit dem Seelengrund, in dem Gott selbst bildlos ruht. Wenn wir alle Bilder loslassen und in unsern bildlosen Grund versinken, dann sind wir mit Gott eins. Eckehart meint, die Bilder, die wir uns von Gott machen, k├Ânnen Gott daran hindern, dass er selbst in uns eingeht:

Das mindeste Bild der Kreatur, das in dir haftet, ist so gross wie Gott: es hindert dich deines ganzen Gottes. Soweit ein solches Bild in dich eingeht, muss Gott weichen, und soweit dieses Bild hinausgeht, geht Gott hinein. (Eckehart)

Im Schweigen geht es darum, alle Bilder und Gedanken loszulassen und, damit wir Gott den Weg nicht verstellen. Wenn wir den Gott loslassen, den wir uns ausdenken, dann geben wir Gott die M├Âglichkeit, in uns geboren zu werden:

Im innersten Wesen der Seele, im F├╝nklein der Vernunft, geschieht die Gottesgeburt. In dem Reinsten Edelsten und Zartesten, was die Seele zu bieten vermag, da muss es sein: in jenem tiefen Schweigen, dahin nie gelangte eine Kreatur noch irgendein Bild. (Eckehart)

In jedem von uns ist ein Ort, an dem es v├Âllig still ist, ein Ort, frei von den l├Ąrmenden Gedanken, frei von Sorgen und W├╝nschen. Es ist ein Ort, an dem wir selbst ganz bei uns sind. Dieser Ort, ist f├╝r Eckehart das Wertvollste im Menschen. Dort findet die wahre Begegnung zwischen Gott und dem Menschen statt. An diesen Ort des Schweigens m├╝ssen wir vordringen. Wir brauchen ihn nicht zu schaffen, er ist da, er ist nur versch├╝ttet durch unsere Gedanken und Sorgen. Wenn wir diesen Ort des Schweigens in uns freischaufeln, dann k├Ânnen wir Gott begegnen, wie er ist. Wir schreiben dann Gott nicht vor, wie er uns zu begegnen hat, sondern werden offen f├╝r sein Kommen, wie er es uns zugedacht hat. Auch wenn wir diesen Ort des Schweigens in uns freilegen, k├Ânnen wir keine Gotteserfahrung erzwingen. Wir k├Ânnen ebenso nur Leere und Dunkelheit sp├╝ren. Aber wir sind dann offen f├╝r Gottes Kommen. Wir erwarten nicht neugierig und ungeduldig auf eine Erfahrung Gottes. Wir lassen alle Erwartungen los, die Erwartung einer intensiven Gotteserfahrung. Wir lassen unsere Bilder und Vorstellungen los, wir lassen uns selbst los. Wir brauchen Gott nichts vorzuweisen, keine erbaulichen Gedanken, keine frommen Gef├╝hle. Wir sind einfach vor Gott und schweigen. Wir halten unser leeres Herz in seine Gegenwart, um es von seiner unaussprechlichen und nicht mehr mit Worten zu beschreibenden Liebe erf├╝llen zu lassen. Wir warten vor Gott und wissen nicht, ob Gott kommt und uns ergreift. Wir wissen im Glauben nur, dass er da ist, auch wenn wir ihn nicht erfahren. Auszuharren und zu warten, auch die Nicht-Erfahrung im Gebet auszuhalten, das feste Ufer der Gedanken und Bilder loszulassen, sich in Gottes Liebe fallen zu lassen, sich f├╝r Gottes Gegenwart zu ├Âffnen, ohne die Gewissheit, etwas davon zu sp├╝ren, darin best├╝nde das Schweigen.


Abk├╝rzungen:

  • Apo: Apophthegmata Patrum, zit. nach der ├ťbers. von. B. Miller, Weisung der V├Ąter, Freiburg 1965. Die Zahlen geben die Nummer des Apophthegma nach der Z├Ąhlung von Miller an.
  • RB: Die Regel St. Benedikts