Der Glaube und die Schule

Der Glaube und die Schule

von Daniel Kummer | 15.05.2008

Der Kanton Z√ľrich hat den interreligi√∂sen Religionsunterricht eingef√ľhrt. Dies f√ľhrt zur Frage, ob religi√∂se Inhalte √ľberhaupt als "reines Wissen" vermittelt werden k√∂nnen ‚Äď und welches Verst√§ndnis von Glauben hinter dem neuen Konzept steckt.

Zur√ľck zum Glauben in der Schule?

"Der persönliche Glaube einer Lehrperson ist deren Privatsache und hat nichts mit den Lehrinhalten zu tun."1


Das Lehrmittel 'Naturwert', das der Bernische Lehrmittelverlag letzten Herbst herausgab, hat eine Diskussion angestossen, ob und wie Glaubensfragen in der Schule √ľberhaupt vertreten werden d√ľrfen. Eine Gruppe engagierter Lehrpersonen aus einem Berner Gymnasium hat thesenartig ihre Position festgehalten und mit verschiedenen Artikeln belegt. Auf den Punkt gebracht soll ihrer Meinung nach der Glaube einer Lehrperson, wie obiges Zitat ausdr√ľckt, mit den Lehrinhalten nichts zu tun haben. Ist der Glaube an Gott eher zu einer 'Behinderung' geworden? Ist er bestenfalls √ľberfl√ľssiger Zusatz, der mit dem Bildungsauftrag der Schule nichts wirklich zu tun hat?

Von christlicher Seite her stellt sich die Frage, was da auf dem Spiel steht. Kann man, wie das verschiedentlich auch von christlicher Seite her gemacht wurde, die Bereiche klar trennen, so dass es einen Bereich des Glaubens und einen Bereich des Wissens gibt?


Es scheint in der Gesellschaft eine Grundstimmung zu herrschen, dass die Begegnung von Glauben und Wissen nur konflikthaft m√∂glich ist und man deshalb die Bereiche besser klar trennt. Unter m√ľndigen Erwachsenen kann zwar jeder mehr oder weniger denken, was er will, aber sobald es um die Schule und den Bildungsauftrag geht, wird das ganze brisant. Aber was soll in dem Zusammenhang unter 'Glaube' in der Schule eigentlich verstanden werden?

Was heisst Glaube in der Schule?

Selbstverst√§ndlich geht es nicht um eine Bedeutung, die dem Wort 'vermuten' unterstellt. Geht es, im Sinne des Hebr√§erbriefes, um ein 'f√ľr wahr halten' von etwas? Geht es im Glauben haupts√§chlich darum, etwas zu wissen und das dann f√ľr wahr zu halten? Martin Buber stellt dem ein Glaubensverst√§ndnis entgegen, das wesentlich substanzieller ist: "Religi√∂se Erziehung darf nicht als eine 'Erziehung zum Glauben' verstanden werden, 'wenn Glaube nicht eine blosse √úberzeugung und Gewissheit bedeutet, dass Etwas ist, sondern ein Sich- an-Etwas-binden' meint. Dieses 'Wagnis' kann nur jeder f√ľr sich selbst eingehen, mit seiner eigenen Person. Wohl aber kann einer der in solcher Verbundenheit steht, einem anderen 'das Gesicht des wirklichen Glaubens zeigen' ‚Äď er zeigt es ihm in sich selbst, in seiner Person und in seinem Leben, in dem er in jedem Augenblick, so gut er es vermag, diese Verbundenheit lebt."2 Hier ist 'Glaube' kein blosser Diskussions- oder Wissensinhalt mehr, sondern ein Vertrauens- und Lebensschritt. Aber ist eine solche Art des Glaubens in der Schule denkbar? Kann Glaube √ľberhaupt Bestandteil der Bildung sein und wenn ja, in welcher Form?

Die NZZ vom Sonntag publiziert am 23. März drei Artikel, die alle die Kenntnis
christlicher Wurzeln und Werte in der Schule als wesentlichen Bildungsbestandteil fordern3. Hier scheint also eine grundsätzliche Trendwende sichtbar zu werden. Die NZZ bezieht sich dabei auf eine Stellungnahme des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH), der am 22. Oktober verfasst und verabschiedet wurde4. Offensichtlich gab es kein passendes Fest im Kirchenjahr, bis das Ereignis platziert werden konnte.


Zu Beginn der Stellungnahme werden zwei Fragerichtungen aufgeworfen: ob und wie Religion noch Thema an der Schule sein soll und wie mit besonderen Anspr√ľchen gl√§ubiger Kinder resp. deren Eltern im Schulbetrieb umgegangen werden soll. Von der Alltagserfahrung der Lehrpersonen her, scheinen diese beiden Fragen im Vordergrund zu stehen. Hier wird eine Doppelstrategie sichtbar, dass man einerseits die religi√∂se T√ľre √∂ffnet, aber sich zugleich gegen√ľber denen abgrenzt, die dieses Anliegen 'zu sehr' mittragen. Diese Doppelstrategie scheint die meisten Vertreter, die sich mit der Neukonzeption religi√∂ser Bildung auseinander setzen, zu bestimmen.


Wie religiöse Bildung Teil des Lehrplans sein könnte, wird in folgende Richtungen konkretisiert.
Erstens gehe es darum, einer 'wachsende(n) Ignoranz den geschichtlichen Grundlagen'5 gegen√ľber entgegen zu wirken und in dem Sinn ein 'Verst√§ndnis vieler heutiger Ph√§nomene' aufzubauen, die mit der Geschichte des christlichen Abendlandes zu tun haben. Brauchtum und Kultur sollen die Sch√ľler 'ideengeschichtlich einordnen k√∂nnen'. Dies wird begr√ľndet: "Denn in der Politik geht es immer auch um kulturelle Identit√§t, um Menschenbilder und Visionen vom Zusammenleben in der Gemeinschaft. Bildung sollte wenigstens verstehen lassen, worum da jeweils gerungen wird."


Insofern geht es prim√§r um die Vermittlung eines Wissens √ľber Wurzeln und religi√∂se Hintergr√ľnde von in der Schweiz lebenden Menschen, so dass daraus ein St√ľck gegenseitiger Respekt unterst√ľtzt werden kann. Im folgenden wird dargelegt, dass die Pers√∂nlichkeitsentwicklung eines Idividuums die Besinnung auf Grundfragen der menschlichen Existenz verlangt und diese R√ľckbindung (religio) habe auch eine religi√∂se Dimension, die aber heute nicht mehr kirchlich konfessionell verpflichtend sein d√ľrfe. Es gehe im Gegenteil darum, einerseits Wissen zu vermittelt, andererseits echt offene Fragen zu stellen und damit Suchbewegungen mit 'ungewissem Ausgang (zu) unterst√ľtzen.'


Insofern wird klar f√ľr eine Form der religi√∂sen Bildung votiert, die durchaus mit dem Konzept 'teaching about religion' gleichgesetzt werden kann. Stellt das eine R√ľckkehr zu schulischen Verh√§ltnissen dar, wie sie vor der S√§kularisierung der 80er/90er-Jahre geherrscht haben?

Blick in die Geschichte der Schule mit Religion

Die momentane Entwicklung hat meines Erachtens eine innere Logik, wie sie auch schon in anderen Zeitabschnitten vorgekommen ist. So wurde z.B. auch Anfang der 90er-Jahre von franz√∂sischen Intellektuellen gefordert, dass christliche Werte wieder im schulischen Unterricht handlungsleitend werden sollen. Dies war damals vor allem eine Abwehrstrategie gegen fundamentalistische Tendenzen von islamischer Seite her. Schon damals wurde richtigerweise erkannt, dass eine religi√∂se 'Leerstelle' in der Schule nicht freibleiben, sondern von anderen besetzt w√ľrde. So verstehe ich auch die Entwicklung, wie sie im Kanton Z√ľrich bez√ľglich dem Fach 'Religion und Kultur' gelaufen ist. Der Bibelunterricht war eigentlich von der Elternakzeptanz her gut und durch die Dispensationsm√∂glichkeit rechtlich unproblematisch. Trotzdem wurde der Unterricht 2003 abgeschafft, mit der Begr√ľndung, dass dies in einer pluralistischen Gesellschaft ein unzeitgem√§sses Modell sei und die Schule zu konfessioneller Neutralit√§t verpflichtet sei. Dies f√ľhrte zu beachtlichem Widerstand von freikirchlicher Seite her, der aber vermutlich erwartet wurde, weil bereits ein Konzept 'Religion und Kultur' als neues Fach bereit lag. Als dritter Schritt in der Entwicklung wird dieses Fach nun aber f√ľr alle obligatorisch gestaltet, ohne dass eine Abmeldem√∂glichkeit bestehen soll. Das wird (z.B. im Kantonsparlament des Kantons Z√ľrich) mit dem Auftrag zu Toleranz und Respekt zu erziehen begr√ľndet.6 Der Europ√§ische Gerichtshof hat sich auch schon in Gerichtsf√§llen hinter das Obligatorium eines Religionsunterrichts im Sinne des 'teaching about' gestellt, da der Unterricht nicht indoktrinierend ausgerichtet sei.7

Spannend wird nun die Frage sein, ob sich diese Linie in die nicht ganz harmonischen HarmoS-Verhandlungen weiterziehen wird, so dass auch f√ľr den neuen Deutschweizer Lehrplan Ausrichtung und Inhalte, sowie die Stundentafel des Faches 'Religion' z.B. vom Kanton Z√ľrich √ľbernommen werden.

Welches Verständnis von Glaube steht hinter dem Konzept?

Wenn man die Formulierungen, vor allem die Modalverben, z.B. des Z√ľrcher Lehrplanes betrachtet, geht es nicht um Glaube im Sinne des Vertrauens in einen g√ľtigen Gott. Es geht um Kenntnisse und um Wissen √ľber die eigene und andere Religionen. √úberall dort aber, wo etwas auf dem Spiel steht, werden nie Formulierungen verwendet, die blosses Wissen und blosse Kenntnisse anzeigen, sondern es sollen verbindliche Haltungen und Einstellungen aufgebaut werden. So sind es z. B. bezeichnender Weise nicht religi√∂se Inhalte, die besondere Beachtung erfahren: "Ethische Gemeinsamkeiten der verschiedenen Glaubensbekenntnisse erfahren eine besondere Beachtung."8

Deshalb vermute ich, dass dieses religi√∂se Gef√§ss in einem Sinn verstanden wird, der grunds√§tzlich relativistisch ist. F√ľr Eltern stellt sich die Frage, ob das problematischer ist, als wenn nicht √ľber Religion informiert wird. Da es bei Religion vom Kern her aber nicht um ein Sachwissen geht, sondern um ein Grundvertrauen dem Leben gegen√ľber, habe ich den Eindruck, dass durch ein solches Konzept der Eindruck entsteht, dass man als Sch√ľler die 'religi√∂se Sache' bereits kennt und sich nicht weiter damit befassen muss. Ein aufkl√§rerischer Zugang zu existentiellen Wertbereichen ist meines Erachtens grunds√§tzlich problematisch.

Wie entsteht Verbindlichkeit?

In einem Vortrag der 'Gr√ľnen Akademie' der Heinrich B√∂ll Stiftung in Berlin im Jahre 2003 hielt Dr. Willfried Maier einen Vortrag zum kulturllen Ged√§chtnis der Schule. Hier setzt er sich mit der Frage auseinander, wie Wert√ľberzeugungen durch Bildung aufgebaut werden k√∂nnen und vergleicht den Zugang von Theodor Adorno mit dem von Hannah Arendt. Adorno hat sich Mitte der 60er- Jahre in einer Radioansprache gefragt, wie Erziehung nach Auschwitz aussehen kann. Hierin fordert er ein Konzept, das die Kritikf√§higkeit der Sch√ľler st√§rkt, so dass sie sich gegen autorit√§re Pers√∂nlichkeiten wehren lernen.

Hannah Arendt sieht die Ursache dagegen st√§rker in der Weltentfremdung des modernen Menschen, der zu seiner Welt und auch zur Gesellschaft grunds√§tzlich auf Distanz geht! Dies h√§ngt, so Arendt, damit zusammen, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr in unsere Welt von den Erwachsenen eingef√ľhrt werden. Erwachsene m√ľssten sich wieder zust√§ndig f√ľhlen f√ľr die Art, wie wir zusammenleben und f√ľr die Welt um uns herum. Erst wenn Eltern f√ľr unsere Welt, in die sie ihre Kinder 'hineingezeugt' haben, Verantwortung √ľbernehmen und sich mit den Verh√§ltnisse, wie sie sind auch identifizieren, k√∂nnen Kinder Werthaltungen aufnehmen und integrieren. Distanz ist zur Wertorientierung keine Hilfe! Eine Haltung der Kritik einzunehmen distanziert generell und baut keine √úberzeugungen auf. Verbindlichkeit, auch in Wertfragen entsteht durch Stellvertretung der Eltern und Erzieher.


Diese Sichtweise wird auch von entwicklungspsychologischer Seite her, z.B. der Bindungstheorie, klar gest√ľtzt. Treue und Verbindlichkeit in Beziehungen kann wesentlich der leben, der selbst Zutrauen und herzliche Bindung erlebt und erfahren hat. Identit√§tspsychologisch geht es darum, dass Identit√§t nur dort aufgebaut wird, wo eine gewisse Einheitlichkeit und Verbindlichkeit sichtbar und erlebbar wird.

Religion ohne Verbindlichkeit?

Insofern wird deutlich, dass Unterricht '√ľber Religion' problematischer ist, als bislang √ľberhaupt wahrgenommen wird. Religi√∂se Bildung sollte n√§mlich vor allem eines: Vertrauen wecken, dass das Leben sich lohnt und ein g√ľtiger Gott da ist, der sich f√ľr uns interessiert.

 

Falls das Fach 'Religion und Kultur' sich wirklich durchsetzt, sollte es nur von Menschen unterrichtet werden, die selbst klar religi√∂s verankert und verwurzelt sind. Ansonsten entsteht ein Verst√§ndnis von Religion, das dem Bindungs- und Verbindlichkeitscharakter der Religion diametral entgegen steht! Zentral ist in jedem Fall, dass das kirchliche Angebot ausgebaut wird, damit Kinder auch mit gelebter Religion in Ber√ľhrung kommen k√∂nnen!



1 schule-und-evolution.uwen.ch/9.4.08
2 Ventur, B.: Martin Bubers pädagogisches Denken und Handeln, Neukirchener (April 2003) S.52
3 NZZ am Sonntag vom 23.03.2008. Es waren drei Artikel, die sich zum Thema √§usserten: Das Christentum kehrt ins Schulzimmer zur√ľck. - Lehrerverband fordert Vermittlung der unverbr√ľchlichenWerte des Abendlandes; Schule soll christliche Werte vermitteln. - Lehrerverband fordert Abkehr von einer weltanschaulichen Neutralit√§t im Unterricht; Es braucht den Unterricht √ľber die christliche Religion.
4 www.lch.ch/dms-static/e8656357-fccd-4850-a4e1828f93f256a8/071022_LCH_SchuleundReligionen.pdf
5 hier und im folgenden: ebd. S. 4
6 Elisabeth Scheffeldt (sp., Schlieren): Fundamentalismus wird durch Ablehnung und Abschottung gefördert. Darum darf es keine Abmeldemöglichkeit geben. (Quelle: www.kantonsrat.zh.ch/internet/Protokolle/NZZ/NZZ2006/NZZ060213.pdf)
7 siehe parlamentarische Verhandlungen im Kanton Z√ľrich: www.kantonsrat.zh.ch/internet/Protokolle/NZZ/NZZ2006/NZZ060213.pdf 8 Bildungsrat Kt. Z√ľrich, Beschluss vom 27. Februar 2006

Zuerst erschienen in BST 2/2008