Der Umgang mit dem Bösen

von Anselm GrĂŒn |

Das Böse in der Welt lĂ€sst sich nicht besiegen und beseitigen, es gehört zum Menschsein dazu. Anselm GrĂŒn beschreibt Wege, mit dem Dunklen und Bösen, das jeder von uns in sich spĂŒrt, umzugehen. Er zeigt, wie wir den Kampf gegen innere Fehlhaltungen gewinnen können, die sich in uns festsetzen möchten und uns so an der Selbstverwirklichung und unserer Offenheit Gott gegenĂŒber hindern.
GrĂŒn, Anselm. Der Umgang mit dem Bösen. Der DĂ€monenkampf im alten Mönchtum. ISBN: 3878681232. Vier TĂŒrme 2001. 81 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Die Achtlasterlehre

Diese Lehre wurde vor allem von Evagrius Ponticus (gest. 399) und Cassian entfaltet. Man unterscheidet 8 Laster:

Völlerei, Unzucht, Habsucht, Traurigkeit, Zorn, Acedia, Ruhmsucht und Stolz. Jedem dieser Laster ordnet Evagrius einen DÀmon zu.

Die Gliederung der Laster erfolgt nach der platonischen Dreiteilung der Seele. Die ersten 3 Laster werden dem begehrlichen Teil (epithymia), die nÀchsten 3 dem erregbaren oder emotionalen Teil (thymos) und die letzten 2 dem geistigen Teil (nous) zugeordnet.

Die ersten 3 Laster sind Grundtriebe. Sie gehören zur menschlichen Natur und können nicht beseitigt werden. Es geht darum, sie zu integrieren, ihnen das rechte Mass zuzuordnen. Von einem erwachsenen Menschen erwartet man, dass er die drei Grundtriebe so beherrscht, dass sie dem Ganzen der Persönlichkeit nicht schaden. Da die Triebe eine positive Funktion haben, geht es nicht darum sie auszuschalten, sondern nur sie geordnet zu integrieren.

Die nĂ€chsten 3 Laster sind negative Stimmungen, die weit schwieriger zu bewĂ€ltigen sind. Sie lassen sich nicht beherrschen wie die Triebe. Der richtige Umgang mit ihnen erfordert eine innere Reife, die nur durch ehrliche Auseinandersetzung mit den Gedanken und Stimmungen und durch ein vorbehaltloses Sichöffnen Gott gegenĂŒber zu erreichen ist. In der Auseinandersetzung mit den 3 Stimmungen geht es um Integration des eigenen Schattens. Zuerst mĂŒssen die BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche eingestanden werden, damit sie nicht als negative Emotionen unkontrollierbar die Seele besetzen.

Noch schwieriger sind die beiden letzten Laster zu bĂ€ndigen. Im Kampf gegen sie geht es um die Ehrlichkeit sich selbst gegenĂŒber und um die Beziehung zu Gott. es geht um die Frage, ob ich Gott und die Menschen fĂŒr mich ausnĂŒtzen will, sie zu meiner eigenen Verherrlichung benutze oder aber ob ich Gott und den Menschen dienen will, ob ich bereit bin, meine Ideale und Gottesbilder zu lassen und mich dem wirklichen Gott zu ĂŒberlassen, mich seiner Liebe zu ergeben.

Kampf gegen die Laster-DĂ€monen

 

Die 1. Methode die im Kampf gegen die Laster angewendet werden soll, ist die genaue Beobachtung der Gedanken und Bilder und vor allem die Beobachtung, wie die Gedanken und GefĂŒhle miteinander zusammenhĂ€ngen und wie sie aufeinander folgen. Sobald man die ZusammenhĂ€nge der Gedanken und GefĂŒhle durchschaut hat, die in uns immer wieder ablaufen, hat man schon den ersten Schritt im Kampf gegen die DĂ€monen getan. Wenn man sich nur ĂŒber seine schlechte Laune beklagt oder ĂŒber seine SchwĂ€chen gegenĂŒber bestimmten Versuchungen, nĂŒtzt das nichts. Entscheidend ist, die Ursachen zu entdecken. Von welchen inneren und welchen Ă€usseren Faktoren sind sie abhĂ€ngig. Die vorausgehenden Ereignisse werden in 4 Gruppen eingeteilt:

  • raumzeitliche UmstĂ€nde,
  • soziale Gegebenheiten,
  • das Verhalten anderer Leute und
  • die eigenen Gedanken.

Die Eigenbeobachtung wĂ€hrend der Versuchung ist wohl selten möglich, daher soll man sich nach der Versuchung die Situation nochmals genau rekonstruieren. Man wird nicht leicht jeder Versuchung entgehen können, aber wenn man sich nachtrĂ€glich die Situation analysiert und erkennt, welcher Mechanismus da bei einem abgelaufen ist, ist man vor Ă€hnlichem ÜberwĂ€ltigtwerden auf der Hut.

Antonius meint, dass es wichtig sei den DĂ€mon zu benennen. Sobald wir einen Gedanken, eine Absicht, ein GefĂŒhl, eine Leidenschaft beim Namen nennen, haben wir schon eine gewisse Distanz dazu gewonnen.

Evagrius empfiehlt noch die sog. antirrhetische Methode: Man soll dem DĂ€mon ganz bestimmte Worte entgegenschleudern. Antonius fordert die Mönche auf, die DĂ€monen zu verachten und zu verlachen. Im Verlachen aktiviert man seine Emotionen und schleudert sie den DĂ€monen entgegen. Das ist schon rein menschlich gesehen ein wirksames Mittel, ĂŒber die Gedanken Herr zu werden. Doch dieses Verlachen grĂŒndet bei Antonius im Glauben an die Gegenwart des Herrn, der einem im Kampf beisteht und den Sieg garantiert. Aus diesem Glauben heraus schleudert Antonius den DĂ€monen immer wieder Worte aus der Schrift entgegen.


a) Völlerei

Der DĂ€mon ist zu raffiniert, als dass er zu einem so primitiven Laster wie der Völlerei auffordern wĂŒrde. Er fĂŒhrt nur genĂŒgend vernĂŒnftige GrĂŒnde an, die gegen das Fasten sprechen. Seine Methode ist das Rationalisieren. VernĂŒnftige GrĂŒnde verbergen die BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche, die dahinterstecken.

Evagrius empfiehlt gegen die Völlerei, dass man die SÀttigung meide. Er setzt also ein Àusseres Mass fest, an das man sich halten soll, um der Masslosigkeit des inneren Lasters zu steuern. Durch eine regelmÀssige massvolle Lebensweise wird der Trieb in Schranken gehalten und kommt allmÀhlich selbst in die rechte Ordnung.

Evagrius nennt auch den Satz: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen,“ welcher der Versuchung entgegengehalten werden soll.


b) Unzucht

Der DĂ€mon der Unzucht arbeitet vor allem ĂŒber die Phantasie, die er mit unreinen Bildern und Gedanken erfĂŒllt und so den Verstand verdunkelt. Er greift plötzlich, wie aus heiterem Himmel an und erregt eine heftige Leidenschaft.

Evagrius empfiehlt dieser Versuchung ein heftiges Wort entgegenzuschleudern (Antirrhetische Methode), das nicht analysiert, sondern die Gedanken durch den Glauben an Gott ĂŒberwindet. Indem der Kampf mit dem Trieb aufgenommen wird, wir er nicht ausgelöscht. Seine positive Kraft wird integriert.


c) Habsucht

Auch hier geht der DĂ€mon die Begierde nicht direkt an, sondern schiebt allerhand GrĂŒnde vor, die gegen Armut und Freigiebigkeit sprechen. Wiederum wird nicht der Trieb angestachelt, sondern die GrĂŒnde ihn zu zĂŒgeln werden verneint, indem Gefahren geschildert werden, die daraus entstehen können. Die vom DĂ€mon eingegebenen Gedanken erzeugen Angst und Kleinmut und rauben den inneren Schwung, seinen Trieb zu bĂ€ndigen. Mit scheinbar vernĂŒnftigen GrĂŒnden wird jedes Motiv, sich einzuschrĂ€nken, in Frage gestellt. Doch in Wirklichkeit steht hinter diesen GrĂŒnden das infantile BedĂŒrfnis, immer mehr zu besitzen.

Den Gedanken, die es nicht zulassen wollen, dem BedĂŒrftigen zu schenken, soll der Befehl Gottes: „Verschliesse deine Hand nicht vor dem BedĂŒrftigen, sondern öffne sie ihm und gib ihm, soviel er bittet,“ (Dt 15,17f) entgegengehalten werden.

Weiter empfiehlt Evagrius die Habsucht durch das Austeilen von Almosen zu vertreiben. Liebe und Habsucht können nicht koexistieren. Daher soll man ganz bewusst das Weggeben einĂŒben.


d) Traurigkeit

Die Traurigkeit entsteht manchmal durch Frustration der WĂŒnsche, manchmal ist sie eine Folge des Zorns. Die letzte Ursache der Traurigkeit ist fĂŒr Evagrius eine ĂŒbertriebene AnhĂ€nglichkeit an die Welt.

Traurigkeit engt das menschliche Herz ein, schnĂŒrt es zusammen, wĂ€hrend Freude es weitet. Typisch fĂŒr die Traurigkeit ist auch das HĂ€ngen an der Vergangenheit. Dort war alles besser. Oft flĂŒchtet man sich dann in die Scheinwelt einer verklĂ€rten Vergangenheit. Und sobald man sich mit der Gegenwart konfrontieren muss, vergrĂ€bt man sich in seine Traurigkeit.

Bei Traurigkeit fĂŒhlt man sich oft verlassen. Evagrius rĂ€t daher das Wort: „Ein barmherziger Gott ist der Herr, dein Gott. Er wird dich nicht aufgeben und verderben.“ (Dt 4,31)

Das Symptom der Traurigkeit kann durch Selbsttrostmittel wie Essen und Konsumieren beseitigt werden. Doch wenn die Ursache der Traurigkeit nicht beseitigt wird, braucht man immer mehr dieser Tröstungen, deren Wirkung dann auch immer kĂŒrzer anhĂ€lt. Dennoch weiss Evagrius, dass man nicht immer an die Wurzel der Traurigkeit gehen kann. Er fordert daher zum Psalmensingen und zum Gebet auf, welche die Traurigkeit vertreiben. Um der Traurigkeit aber ursĂ€chlich zu begegnen muss ich die Einstellung zu den Dingen Ă€ndern. Wenn ich immer weniger an den Dingen, an den Menschen und auch am Erfolg hĂ€nge, kann die Traurigkeit immer weniger in meinem Leben ansetzen.


e) Zorn

Eng mit der Traurigkeit ist der Zorn verbunden, denn der Zorn kann oft zur Traurigkeit fĂŒhren. Zorn nennt man eine aufbrausende Bewegung des emotionalen Teils der Seele gegen den, der einem Unrecht getan hat oder Unrecht getan zu haben scheint. Der Zorn verdunkelt den Geist des Menschen und raubt ihm die Klarheit. Der zornige Mensch ist seinem Affekt derart ausgeliefert, dass er sich von ihm zum Handeln, und hier vor allem zur Rache hinreissen lĂ€sst. Wenn Rache nicht möglich ist, wandelt er sich in Groll, in eine unzufriedene Ă€rgerliche Dauerstimmung, oder aber in Traurigkeit.

Im Zorn fĂŒhlt man sich oft in einem Zwiespalt, der unglĂŒcklich macht. Man weiss instinktiv, was zu tun wĂ€re, aber dann halten einen alle möglichen herbeigezogenen GrĂŒnde davon ab. Evagrius durchschaut das raffinierte Spiel der Rationalisierung und durchschneidet es mit einem Wort der Bibel, dessen AutoritĂ€t sich nicht durch VernunftgrĂŒnden auflösen lĂ€sst. „Die Sonne soll nicht untergehen ĂŒber eurem Zorn.“

Wenn der Zorn nicht vor dem Schlaf aufgearbeitet wird, beeinflusst er das Unbewusste negativ, so dass man am nĂ€chsten Tag eine schlechtere Ausgangsposition hat. Man ist Ă€ngstlicher, innerlich geschwĂ€cht, unfĂ€hig, gegen die negativen Emotionen zu kĂ€mpfen. Ebenso gefĂ€hrlich, wie den Zorn in den Schlaf zu nehmen, ist es, sich mit ihm in die Einsamkeit zu begeben. Einsamkeit ist hier Gift. Sie fĂŒhrt zur Verwirrung des Herzens. Zornige sollen daher unter die Menschen gehen, damit sich der Zorn nicht festsetzen kann.

 

f) Acedia

Dieser DÀmon ist der beschwerlichste. Zuerst bewirkt er, dass die Sonne sich nicht mehr bewegt, und dass der Tag 50 Stunden zu haben scheint. Dann treibt er einen, stÀndig zum Fenster hin zu schauen und aus dem Zimmer zu springen, um die Sonne zu beobachten, ob es noch nicht Feierabend sei, und herumzuschauen, ob nicht jemand kÀme. Er lÀsst eine Aversion gegen den Lebens- und Arbeitsort aufsteigen, gegen die Lebensweise und Arbeit, und er gibt die Idee ein, dass es niemanden gibt, der einen tröstet.

Die Acedia raubt der Seele jede Spannkraft. Man hat zu nichts mehr Lust. Cassian nennt sie daher auch Überdruss oder innere Beklemmung. Diese innere Lustlosigkeit treibt einen entweder in den Schlaf oder in die Flucht, in die Betriebsamkeit. Gregor der Grosse zĂ€hlt zu den Folgen der Acedia die Verzweiflung, Entmutigung, Missmut, Verbitterung, GleichgĂŒltigkeit, SchlĂ€frigkeit, Langeweile, Flucht vor sich selbst, Neugier, Zerstreuung im Gerede, Unruhe des Geistes und des Körpers, Unstetheit und Wankelmut.

AndrĂ© Louf nennt die Acedia: „eine Art von SchwindelgefĂŒhl angesichts des leeren Raumes, der sich zwischen der Seele und Gott auftut, und die UnfĂ€higkeit, diesen Leerraum zu durchdringen oder ihn ganz einfach auszuhalten.“

FĂŒr Evagrius besteht die GefĂ€hrlichkeit der Acedia gerade darin, dass sie sich dem, der an ihr leidet, verbirgt. Die ungeordneten Triebe ĂŒbernehmen die Herrschaft, oft sogar unter der Maske der Tugend.

Die Mönche raten, auszuharren, dann entsteht neues Leben, Friede und Freude.

Ein Wort, das Evagrius in seiner antirrhetischen Methode im Kampf gegen die Acedia einsetzt lautet: „Verlasse dich auf den Herrn, und tue, was recht ist.“ (Ps 37,3) Evagrius tröstet hier nicht, sondern ermahnt, sich auf den Herrn zu verlassen und das zu tun, was recht ist. Dieser Satz, immer wieder mit erregtem Herzen vorgebracht, soll vor Selbstmitleid bewahren und herausfĂŒhren in ein Tun und in ein Vertrauen. Das ist kein psychologischer Trick, sondern ein Ernstnehmen des biblischen Wortes, in dem Gott selbst die Richtigkeit seiner Verheissung garantiert. Hier wird, nicht wie im autogenen Training, ĂŒber die menschliche Dimension hinaus ein Wort Gottes zur Wiederholung empfohlen. Und von der göttlichen Kraft erhofft sich der Beter Heilung. Denn im Wort wirkt Gott selber als Arzt.

Das Wort Gottes verheisst jedoch nicht immer Linderung. Es kann auch BedrĂ€ngnis zumuten: „Es ist keiner, der meine Seele tröstet. Denke ich an Gott, dann muss ich stöhnen.“ (Ps 77,3) Hier wir zum Standhalten aufgerufen. Indem man seine Erfahrung in den Psalmen wiederfindet, verliert die eigene Situation das Unheimliche und BeĂ€ngstigende. Etwas Bekanntes ist nicht mehr so gefĂ€hrlich. Der Angefochtene fĂŒhlt sich beim Beten dieses Psalmen nicht mehr alleine, sondern mit allen Psalmbetern verbunden.

Allgemein gesagt, tĂ€te es uns gut, wenn wir fĂŒr unsere Krankheiten und GefĂ€hrdungen die richtigen Worte aus der Bibel parat hĂ€tten, die eine Heilung bewirken könnten, wenn wir sie im Glauben an ihre RealitĂ€t uns immer wieder vorsagen wĂŒrden (antirrhetische Methode).

Ein weiteres Beispiel: Gegen die Seele, die wegen einer Krankheit des Körpers Gedanken der Acedia in sich einlĂ€sst sage man: `Tragen muss ich den Zorn des Herrn, denn wider ihn habe ich gefehlt, bis er meinen Streit fĂŒhrt und mir Recht verschafft. Er fĂŒhrt mich hinaus ans Licht, seinen gerechten Sinn darf ich schauen.` (Micha 7,9)“  Hier wird alles als PrĂŒfung gedeutet, die mir der Herr zumutet, als Durchgang zum Licht. Oft verwirren uns solche Widerfahrnisse deswegen so stark, weil sie ohne Deutung bleiben. Sie sind unverstĂ€ndlich und lassen uns daher im Dunkel. Die Sinnlosigkeit der Ereignisse verdunkelt uns den Sinn unseres Lebens und raubt uns so die innere Spannkraft und stĂŒrzt uns in die Acedia, in die Lustlosigkeit, in die Depression. Die Deutung durch das Wort Gottes gibt uns die Kraft daran zu reifen. Die Deutung einer Sache ist aber etwas sehr Subtiles. Allzu leicht können wir falsche Deutungen geben. Dann schadet uns die Sache noch mehr.

Evagrius empfiehlt auch TrĂ€nen als Heilmittel gegen die Acedia. Durch die Acedia fĂŒhlt man sich ausgebrannt, leer und öde, hat alle seine GefĂŒhle verdrĂ€ngt, um den Schmerz nicht spĂŒren zu mĂŒssen. Durch die TrĂ€nen bricht die harte Kruste auf und es kann wieder Leben in die Seele einströmen. Weiter rĂ€t Evagrius zu einer Methode, die man auch in der modernen Psychologie kennt. Dabei stellt man sich vor, man sitze auf einem Stuhl vor sich selber. Und nun solle man mit dem eigenen Ich, das da auf dem Stuhl sitzt, zu sprechen beginnen. Man solle all seinen Ärger und seine WĂŒnsche ansprechen und einen Dialog mit ihnen beginnen. Dabei soll man nicht autoritĂ€r oder hart gegen sich vorgehen, sondern seine GefĂŒhle und WĂŒnsche ernst nehmen.


Als weiteres Mittel im Kampf gegen die Acedia gibt Evagrius das Aushalten an.  Den Rat, in der Zelle zu bleiben, geben viel MönchsvĂ€ter: Jemand sagte zum Altvater Arsenios: „Meine Gedanken quĂ€len mich, indem sie sagen: Du kannst nicht fasten und auch nicht arbeiten, so besuche wenigstens die Kranken; denn auch das ist Liebe.“ Der Greis aber der den Samen der DĂ€monen kannte, sagte zu ihm: „Geh und iss, trink, schlafe und arbeite nicht, nur verlass dein Kellion nicht!“ Er wusste nĂ€mlich dass das Ausharren im Kellion den Mönch in seine rechte Ordnung bringt.

Das Bleiben in der Zelle soll den Mönch davor bewahren, sich und seiner Versuchung davonzulaufen. Grade, wenn es in einem brodelt, muss man bleiben. Denn nur durch das Bleiben kommt man an die Wurzel seiner Probleme. Irgendwann muss jeder zum eigenen Tiefpunkt vorstossen. Aus der Zelle zu gehen, wĂŒrde einen um die Chance bringen, zu dieser Tiefe durchzudringen.

Eine weitere Hilfe im Kampf gegen die Acedia ist der Gedanke an den eigenen Tod: „Der Mönch muss sich immer bereit halten, als ob er morgen sterben wĂŒrde, und umgekehrt muss er seinen Leib benutzen, alsob er mit ihm viele Jahre lebe.“ Der Gedanke an den Tod ist also nur fruchtbar, wenn man sich nicht gesundheitlich zugrunde richtet, sondern in der Spannung lebt, bereit zu sein jeden Tag zu sterben und zugleich seinen Körper so zu halten, als ob er 100 Jahre alt wĂŒrde.

Evagrius rĂ€t ferner im Kampf gegen die Acedia zu einem geregelten Leben. Wer seinem Leben eine feste Ordnung gibt, klug angeordnet im Wechsel von Gebet und Arbeit, Spannung und Entspannung, der ĂŒberwindet die Anfechtungen der Acedia: „Zu jedem Werk setze dir Zeit und Mass fest und höre nicht eher auf, als bis du es vollendet hast, und bete hĂ€ufig und innig, und der Geist der Acedia wird von dir weichen.“

Die Ă€ussere Ordnung bewahrt einen davor, der Unordnung des eigenen Unbewussten ausgeliefert zu sein. Poimen meint: „Wenn der Mensch Ordnung einhĂ€lt, dann wird er nicht verwirrt.“ Die Seele, die in der Acedia ihre Spannkraft verloren hat, gewinnt durch eine Ă€ussere Ordnung die innere Spannung zurĂŒck, die fĂŒr ihre Gesundheit notwendig ist.


g) Ruhmsucht

Dieser Gedanke schleicht sich leicht bei den Tugendhaften ein und regt den Wunsch, nach dem Ruhm der Menschen zu streben. In der Phantasie lĂ€sst er den Betroffenen DĂ€monen austreiben, Heilungen vollziehen oder vor einer Menge predigen, die seinen Mantelsaum berĂŒhren möchte

Die Ruhmsucht entsteht oft dort, wo die anderen Laster ĂŒberwunden scheinen. Doch sie verdirbt das Streben, die Laster zu ĂŒberwinden. Sie lĂ€sst einen aus falschen Motiven heraus kĂ€mpfen, nicht um fĂŒr Gott offen zu werden, sondern um den Menschen zu gefallen. Damit verliert man aber den ehrlichen Blick fĂŒr sich selbst. Manch einer, der sich mit hohen Idealen identifiziert, erliegt der Versuchung der Ruhmsucht. Weil das Ideal von den Menschen geschĂ€tzt wird, verspricht man sich durch das Streben nach ihm eine Steigerung seines SelbstwertgefĂŒhles. Es geht um eine Verherrlichung des eigenen Ich, nicht um Auslieferung an Gott.

Evagrius durchschaut die GrĂŒnde, die unser Verstand herbeizieht, hinter denen sich aber nur das Suchen nach der eigenen Ehre versteckt: „Gegen die Ruhmsucht, die etwas von den Geheimnissen des Glaubens den Weltleuten aufdeckt (sage man): Vor den Ohren eines Dummen rede nicht.“ (Spr 23,9) Gegen die Gedanken, die uns antreiben, in die Welt zu gehen wegen des Gewinnes derer, die uns sehen: Wie Leckerbissen sind eines OhrenblĂ€sers Worte. (Spr 26,22)

Eine andere Versuchung besteht darin, sich als Lehrer aufzuspielen, obwohl man selbst noch zu wenig Erfahrung hat. Man glaubt, dass den eigenen Worten eine entscheidende Bedeutung fĂŒr das Heil seiner Mitmenschen zukomme. Evagrius meint: „Macht euch nicht so zahlreich zu Lehrern, da ihr doch wisst, dass wir ein umso ernsteres Gericht erfahren werden.“ (Jak 3,1)

Gegen die Ruhmsucht zu kĂ€mpfen hĂ€lt Evagrius fĂŒr sehr schwierig, da jeder Sieg der Anlass zu neuem RĂŒhmen wird. Der eigentliche Sieg ĂŒber die Ruhmsucht kann nicht durch einen willentlichen Vorsatz errungen werden, sondern nur durch Erfahrung, Wer Gott erfahren hat, der hat es nicht nötig, sich vor den Menschen zu rĂŒhmen. Wem Gott aufgegangen ist, dem ist jedes menschliche RĂŒhmen vergangen. Wer diese Erfahrung nicht gemacht hat, soll sich an die geistlichen Regeln halten. Dann hĂ€lt man sich und seinen Erfolg nicht mehr fĂŒr aussergewöhnlich, sondern weiss sich als schwacher Mitstreiter einer grossen Schar.


h) Stolz

„Der DĂ€mon des Stolzes fĂŒhrt die Seele in den tiefsten Fall. er ĂŒberredet sie, Gott nicht als Helfer anzuerkennen, sondern zu glauben, dass sie selbst die Ursache ihrer guten Taten ist, und die BrĂŒder von oben herab als unverstĂ€ndig und unwissend zu betrachten.“

Stolz ist nicht nur das letzte der Laster. Es ist auch das gefĂ€hrlichste Laster. Der Stolze hĂ€lt sich selbst fĂŒr Gott und verleugnet letztlich sein Menschsein. Das fĂŒhrt ihn weg von der RealitĂ€t in eine Scheinwelt, in der er sich immer mehr aufblĂ€ht, um schliesslich in geistiger Verwirrung zu enden. Man verleugnet seine Schatten und wird ohne es zu merken, von seinem Unbewussten ĂŒberschwemmt. Das fĂŒhrt zu einem Verlust des seelischen Gleichgewichtes.

Gegen den DĂ€mon des Stolzes richtet sich folgender Rat: Erinnere dich deines frĂŒheren Lebens und deiner alten Fehler, wie du den Leidenschaften unterworfen warst, du, der durch die Barmherzigkeit Christi zur Leidenschaftslosigkeit gelangt bist. Überlege auch Folgendes: Wer ist es, der dich beschĂŒtzt?

All diese Gedanken sollen einen zu der Einsicht fĂŒhren, dass das Gute in uns Geschenk Gottes ist, ĂŒber das wir uns freuen sollen, das wir aber doch immer als Geschenk und nicht als eigenes Verdienst betrachten mĂŒssen. Wer sich so betrachtet, der hat zu sich selbst eine gesunde Distanz. Er hat durchaus einen Blick fĂŒr seine StĂ€rken, aber er weiss, dass ihm seine StĂ€rken geschenkt sind, gegeben als Aufgabe, die zugleich Verantwortung bedeutet.

Zeichen fĂŒr den Sieg

 

Der Zustand, der durch den Sieg ĂŒber die DĂ€monen erreicht wird, wird von den monastischen Autoren verschieden benannt. FĂŒr Cassian ist es die Reinheit des Herzens, fĂŒr Benedikt die Demut, fĂŒr Athanasius die Gelassenheit, fĂŒr Evagrius die apatheia, die Leidenschaftslosigkeit.

FĂŒr Evagrius ist das Gebet ohne Zerstreuung ein Zeichen dieses Zustandes. Das Hin und Her der Emotionen hat aufgehört. Der Mensch hat zu sich selbst gefunden, nicht zu einem gefĂŒhllosen Zustand, sondern zu einer Verfassung, in der er mit seinen GefĂŒhlen zur Ruhe kommt, weil sie ganz auf Gott gerichtet sind.

Evagrius: „Genau wie ein Spiegel von den Bildern nicht befleckt wird, die er widerspiegelt, so bleibt die leidenschaftslose Seele unbefleckt durch die Dinge dieser Welt.“ Man sieht die Dinge, ohne dass man seine eigenen Emotionen und WĂŒnsche in sie hineinprojizieren muss. Man kann die Dinge sehen, wie sie sind. Wer die DĂ€monen besiegt hat, fĂŒr den ist die Welt entdĂ€monisiert. Die DĂ€monen können gegen ihn nicht mehr mit den Dingen dieser Welt kĂ€mpfen. Die Dinge rĂŒhren keine unguten Emotionen und Triebe mehr auf.

Nicht nur die Beziehung zu den Dingen und Menschen der Gegenwart ist in Ordnung, sondern auch die gegenĂŒber der Vergangenheit. Wer die DĂ€monen besiegt hat, hat damit seine Vergangenheit geheilt, er hat seine eigene Lebensgeschichte geheilt. Die Erinnerungen sind nicht mehr Wunden, die stĂ€ndig seine Probleme aufrĂŒhren, sie sind nicht mehr Ursache fĂŒr seine Projektionen, sondern sie sind geheilt, sie verursachen keine Verwirrung, keine Verbitterung, keine Ressentiments mehr. All die HassgefĂŒhle und Bitterkeiten, die wir als Reaktion auf unsere KrĂ€nkungen aufgebaut haben, wurden ans Licht gelassen. So konnte Gott sie heilen. Nun vergiften sie unser Leben nicht mehr. Sie haben ihre Wirkkraft verloren. Die Vergangenheit ist angenommen. Und so können die DĂ€monen sie nicht mehr benutzen, um uns zu verwirren und zu Ă€ngstigen, um Ärger, Zorn oder Traurigkeit in uns hervorzurufen. Und weil die Vergangenheit geheilt ist, können wir ohne Zerstreuung zu Gott beten. Die Erinnerungen an die eigenen Wunden tauchen nicht mehr im Gebet auf, um uns von Gott abzuhalten. Wir sind fĂ€hig, ganz gegenwĂ€rtig zu sein, uns ganz dem gegenwĂ€rtigen Gott zu öffnen.