Der wunderbare Weg

von Scott Peck |

Die Quintessenz dieses Klassikers kann man beschreiben mit der Volksweisheit „Jeder ist seines GlĂŒckes Schmied“. Habe Mut, Eigenverantwortung fĂŒr dein Leben zu ĂŒbernehmen, ist die Devise des Psychotherapeuten M. Scott Peck. Erst wenn wir daran gehen, die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, anzunehmen, findet eine bewusste positive Entwicklung in unserem Leben statt.
Peck, Scott. Der wundersame Weg. Eine neue Psychologie der Liebe und des spirituellen Wachstums. ISBN: 3442216664. Goldmann 2004. 416 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

I Teil: Disziplin

Probleme und Schmerz

Das Leben ist schwierig. Das ist eine der grössten Wahrheiten, weil wir sie, wenn wir sie wirklich erkennen, transzendieren. Viele sehen diese Wahrheit nicht, stattdessen klagen sie mehr oder weniger unablÀssig, als soll das Leben im Allgemeinen leicht sein.

Das Leben ist eine Serie von Problemen. Ereignisse lösen in uns Schmerz aus (Frustration, Trauer, Angst etc.), deshalb nennen wir sie Probleme. Wollen wir darĂŒber klagen oder sie lösen? Was das Leben schwierig macht, ist, dass der Prozess, sich Problemen zu stellen und sie zu lösen, schmerzhaft ist.

Aus dem Prozess, Problemen zu begegnen und sie zu lösen, gewinnt das Leben seinen Sinn. An den Problemen wachsen wir. Oft umgehen wir die Probleme aber wegen des damit verbundenen Schmerzes. Die Neigung, Problemen und den ihnen innewohnenden gefĂŒhlsmĂ€ssigen Leiden auszuweichen, ist die Hauptgrundlage aller menschlichen seelischen Krankheit. Doch der Umweg wird am Ende schmerzhafter als das legitime Leid, das er vermeiden sollte.

Disziplin ist ein Grundwerkzeugen, um die Probleme des Lebens zu lösen. Was sind nun Bestandteile dieser Disziplin, diese Techniken und Mittel, den Schmerz von Problemen konstruktiv zu erleben? Es sind vier:

  • Aufschub von Belohnungen
  • Akzeptieren von Verantwortung
  • Hingabe an die Wahrheit
  • Ausgewogenheit.

Das sind die Werkzeuge, mit denen man sich dem Schmerz stellt.

Aufschub von Belohnungen

Aufschub von Belohnungen besteht darin, Schmerz und VergnĂŒgen im Leben so einzuteilen, dass das VergnĂŒgen grösser ist, wenn man dem Schmerz zuerst begegnet, ihn erlebt und hinter sich bringt. Das ist die einzig anstĂ€ndige Art zu leben.

Doch weshalb gelingt es einer betrÀchtlichen Minderheit nicht diese FÀhigkeit auszubilden? Die meisten Anzeichen weisen auf die QualitÀt der elterlichen Erziehung hin.

SĂŒnden der VĂ€ter

Oft haben Kinder ohne diese FĂ€higkeit auch Disziplin erfahren, aber meist eine undisziplinierte Disziplin. Oft erziehen solche Eltern nach dem Motto: „Du sollst tun, was ich sage, nicht, was ich tue.“ Ihr eigenes Leben ist oft selber in Unordnung.

Wenn ein Kind tagaus, tagein sieht, wie seine Eltern sich mit Selbstdisziplin, ZurĂŒckhaltung, WĂŒrde und der FĂ€higkeit verhalten, ihr eigenes Leben zu ordnen, dann wird das Kind in der tiefsten Faser seines Seins spĂŒren, dass dies die Art ist, wie man leben soll.

Noch wichtiger als das Rollenmodell ist die Liebe. Selbst in einem chaotischen Zuhause ist gelegentlich echte Liebe vorhanden, und aus einem solchen Heim kann ein Kind mit Selbstdisziplin hervorgehen. Und nicht selten entlassen disziplinierte Menschen, denen es an Liebe fehlt, Kinder in die Welt, die destruktiv sind.

Wenn wir etwas lieben, dann verbringen wir Zeit damit. So ist es auch mit den Kindern.

Gute Disziplin erfordert Zeit. Eltern, welche sich fĂŒr ihre Kinder auch dann Zeit nehmen, wenn dies nicht durch schreiendes Fehlverhalten erforderlich ist, werden an ihnen DisziplinbedĂŒrfnisse wahrnehmen und darauf reagieren können. Die Liebe der Eltern baut das SelbstwertgefĂŒhl der Kinder auf. Das GefĂŒhl, wertvoll zu sein, ist deshalb ein Grundbaustein der Selbstdisziplin, weil man, wenn man sich selbst als wertvoll betrachtet, auch sorgfĂ€ltig mit sich selber umgeht. Selbstdisziplin ist sorgfĂ€ltiger Umgang mit der eigenen Person.

Die Erfahrung der Liebe gibt dem Kind auch eine Sicherheit in den Ängsten verlassen zu werden. Mit dem GefĂŒhl der Sicherheit ist ein Kind frei, Belohnungen aufzuschieben, weil es sicher weiss, dass die Gelegenheit zur Belohnung wie das Heim und die Eltern immer da ist, verfĂŒgbar, wenn sie gebraucht wird.

Zusammenfassend: Damit Kinder die FÀhigkeit entwickeln können, Belohnungen aufzuschieben, brauchen sie

  1. selbstdisziplinierte Rollenmodelle
  2. ein SelbstwertgefĂŒhl und
  3. ein gewisses Vertrauen in die Sicherheit ihrer Existenz.

Es sind die kostbarsten Geschenke, die Eltern ihren Kindern geben können.

Problemlösen und Zeit

Einmal traf ich auf meinen Nachbarn und bemerkte: „Ich bewundere sie, wie sie ihren RasenmĂ€her reparieren können. Dazu wĂ€re ich nie im imstande.“ Mein Nachbar meinte: „Weil sie sich die Zeit dazu nicht nehmen.“

Ich nehme mir immer noch keine Zeit fĂŒr mechanische Dinge. Ich weiss nun aber, dass das eine Wahl ist, die ich treffe, und dass ich weder verflucht noch genetisch minderbemittelt bin. Probleme können wir lösen, wenn wir uns die Zeit dafĂŒr nehmen.

Im Umgang mit Problemen gibt es noch einen destruktiveren Fehler als den ungeduldigen Versuch, rasch eine Lösung zu finden. Es ist die Hoffnung, die Probleme wĂŒrden von allein verschwinden. Probleme verschwinden nicht. Sie mĂŒssen durchgearbeitet werden, oder sie bleiben bestehen und bilden ein stĂ€ndiges Hindernis fĂŒr Wachstum und Entwicklung.

Die Neigung, Probleme zu ignorieren, ist ein weiteres Beispiel fĂŒr die fehlende Bereitschaft, Belohnung aufzuschieben.

Probleme freiwillig und rechtzeitig anzugehen, ehe wir dazu gezwungen werden, bedeutet etwas weniger Schmerzhaftes fĂŒr etwas Schmerzhaftes aufzugeben, in der Hoffnung auf spĂ€tere Belohnung.

Verantwortung

Es gibt keine Lösung von Lebensproblemen, ausser, man bemĂŒht sich darum. Dazu gehört, dass wir die Verantwortung fĂŒr die Probleme zuerst akzeptieren, ehe wir sie lösen können.

Wir können es nicht lösen, wenn wir sagen. „Das ist nicht mein Problem.“ Viele schieben die Verantwortung an die Gesellschaft, die Familie etc. ab.

Neurosen und Charakterstörungen

Der Neurotiker nimmt zu viel Verantwortung auf sich, der Mensch mit einer Charakterstörung zu wenig. Neurotiker sagen oft: „Ich mĂŒsste; ich sollte; ich dĂŒrfte nicht“. Das weist darauf hin, dass sich solche Menschen immer als minderwertig fĂŒhlen. Bei Personen mit Charakterstörungen hört man oft AussprĂŒche wie: „Ich kann nicht; ich muss.“ Hier zeigt sich ein Selbstbild eines Menschen, der glaubt keine Wahlfreiheit zu haben. Sie sehen die Welt und nicht sich selbst als verĂ€nderungswĂŒrdig.

Neurotiker machen sich selber unglĂŒcklich; Charaktergestörte machen alle anderen unglĂŒcklich. Eldrige Cleaver sagte: „Wenn du nicht ein Teil der Lösung bist, dann bist du ein Teil des Problems.“

Wir alle haben beide ZĂŒge. Der Grund ist, dass die Unterscheidung zwischen dem, wofĂŒr wir in diesem Leben verantwortlich sind und wofĂŒr nicht, eines der grössten Probleme der menschlichen Existenz ist. Es wird nie gĂ€nzlich gelöst. StĂ€ndig mĂŒssen wir unsere Verantwortung erkunden. Dazu gehört eine stĂ€ndige SelbstprĂŒfung und Reifung. Eltern tragen wesentlich dazu bei, den Kindern bei diesem Reifungsprozess zu helfen.

Flucht vor der Freiheit

Unsere Schwierigkeit, die Verantwortung fĂŒr unser Verhalten zu akzeptieren, liegt in dem Wunsch, dem Schmerz zu entgehen, der sich aus den Folgen dieses Verhaltens ergibt.

Wann immer wir der Verantwortung fĂŒr unser eigenes Verhalten ausweichen wollen, versuchen wir, diese Verantwortung einem anderen Individuum, einer Organisation oder sonst einem Wesen zuzuschieben. Auf diese Weise geben wir unsere Macht diesem Wesen, sei es das „Schicksal“ oder die „Gesellschaft“ oder ...

Um dem Schmerz der Verantwortung auszuweichen, flĂŒchten Milliarden Menschen tĂ€glich vor der Freiheit (vgl. „Die Furcht vor der Freiheit“ E. Fromm).

Hilde Bruch meinte in ihrem Buch „Learning Psychotherapy“, dass im Grunde alle Patienten mit einem gemeinsamen Problem in die Therapie kommen: dem GefĂŒhl der Hilflosigkeit, der Angst und inneren Überzeugung, Dinge nicht „bewĂ€ltigen“ und Ă€ndern zu können. Eine Wurzel dieses GefĂŒhls ist der Wunsch, dem Schmerz der Freiheit zu entgehen; daher akzeptieren diese Menschen die Verantwortung fĂŒr ihre Probleme und ihr Leben nur teilweise oder gar nicht. Sie fĂŒhlen sich machtlos, weil sie tatsĂ€chlich ihre Macht abgegeben haben. Wenn sie geheilt werden wollen, mĂŒssen sie frĂŒher oder spĂ€ter lernen, dass das ganze erwachsene Leben eine Anfolge von persönlichen Wahlen, von Entscheidungen ist.  Wenn sie dies ganz akzeptieren können, werden sie freie Menschen. In dem Masse, in dem sie es nicht akzeptieren, werden sie sich immer als Opfer fĂŒhlen.

Bindung an die RealitÀt

Die Wahrheit ist die RealitĂ€t. Was falsch ist, ist irreal. Je klarer wir die RealitĂ€t sehen, desto besser können wir mit der Welt umgehen. Je mehr unser Geist von Falschheit, Fehlwahrnehmungen und Illusionen getrĂŒbt ist, desto weniger sind wir in der Lage, richtige Entscheidungen zu treffen. Unsere Sicht der RealitĂ€t ist wie eine Landkarte, mit der wir das Terrain des Lebens begehen mĂŒssen.

Obwohl das einleuchtet, ziehen es viele Menschen vor, dies immer wieder zu ignorieren. Wir ignorieren es, weil unser Weg zur RealitĂ€t nicht leicht ist. Wir sind nicht mit Karten auf die Welt gekommen und mĂŒssen diese selbst entwerfen. Ihre Herstellung erfordert Anstrengung. Dies möchten einige nicht auf sich nehmen. So bleiben bei gewissen Leuten die Landkarten klein und ungenau. Die Weltsicht ist eng und irrefĂŒhrend. Im mittleren Alter haben die meisten Menschen die BemĂŒhungen aufgegeben, weil sie denken, ihre Karten seien vollstĂ€ndig und ihre Weltanschauung sei unantastbar. An neuen Informationen sind sie nicht mehr interessiert.

Nur wenige bemĂŒhen sich bis zu ihrem Tode, die Geheimnisse der Welt weiter zu erforschen und ihr VerstĂ€ndnis dessen, was wahr ist, immer mehr zu erweitern.

Dass grösste Problem besteht aber darin, dass wir unsere Karten stĂ€ndig revidieren mĂŒssen. Die Welt Ă€ndert sich laufend. Auch der Punkt, von dem aus wir die Welt betrachten verĂ€ndert sich stĂ€ndig. Grössere Umstellungen sind daher von Nöten, und diese sind oft schmerzlich. Aus Angst vor diesen Schmerzen ignorieren wir dann neue Informationen oder verleugnen sie gar als falsch oder hĂ€retisch. Vielleicht ziehen wir sogar gegen diese Informationen zu Felde und bekĂ€mpfen sie. Oft brauchen Menschen dann mehr Energie fĂŒr die Verteidigung einer ĂŒberlebten Weltsicht, als sie benötigen wĂŒrden, um alte Einstellungen zu revidieren.

Übertragung: die ĂŒberholte Karte

Übertragung ist jene Gruppe von Reaktionsweisen, die in der Kindheit entwickelt wurden (dort oft völlig angemessen waren), die aber auf unangebrachte Weise auf die Umgebung des Erwachsenen ĂŒbertragen wird.

Die RealitĂ€t wird gemieden, wenn sie schmerzhaft ist. Wir können unsere Landkarten nur dann revidieren, wenn wir die Disziplin aufbringen, diesen Schmerz zu ĂŒberwinden. Um diese Disziplin zu besitzen, mĂŒssen wir eine starke Bindung an die Wahrheit haben. Das bedeutet, dass uns die Wahrheit immer wichtiger sein muss, als unsere Bequemlichkeit. Umgekehrt mĂŒssen wir unser eigenes Unbehagen als relativ unwichtig betrachten, ja es im Dienste des Strebens nach Wahrheit sogar willkommen heissen. Geistige und seelische Gesundheit ist ein fortdauernder Prozess der Bindung an die RealitĂ€t um jeden Preis.

Offenheit fĂŒr Herausforderungen

Was bedeutet ein Leben völliger Bindung an die Wahrheit?

  1. Zuerst ist es ein Leben stĂ€ndiger, niemals endender, strenger SelbstprĂŒfung. Wir kennen die Welt nur durch unsere Beziehung zu ihr. Um die Welt zu kennen, mĂŒssen wir daher nicht nur sie untersuchen, sondern gleichzeitig auch uns, die Untersuchenden. Menschen, die sich selber nie untersuchen mögen kompetent sein, aber sie sind niemals weise. Ein an der Weisheit orientiertes Leben muss aus Kontemplation und Handeln bestehen.
    Weil die PrĂŒfung der Innenwelt viel schmerzhafter als die Untersuchung der Aussenwelt ist, leisten viele Menschen diese notwendige SelbstprĂŒfung nicht.
  2. Ein Leben völliger Hingabe an die Wahrheit bedeutet auch ein Leben  der Bereitschaft, sich persönlich herausfordern zu lassen. Wir können uns nur dadurch vergewissern, dass unsere Landkarte der RealitĂ€t entspricht, wenn wir unsere Karte der Kritik anderer Kartenhersteller aussetzen. Sonst leben wir in einem geschlossenen System. Die Heilung des Geistes ist erst dann vollstĂ€ndig, wenn Offenheit fĂŒr Herausforderungen zu einem Lebensstil geworden ist.
  3. Ein Leben völliger Verpflichtung der Wahrheit gegenĂŒber bedeutet ein Leben totaler Aufrichtigkeit. Unsere Karten mĂŒssen wirklich fĂŒr die ÜberprĂŒfung durch andere offen stehen. Diese Ehrlichkeit ist nicht schmerzlos. Die LĂŒgen sind der Versuch, legitime Schmerzen zu umgehen. Sie erzeugen daher seelische Krankheit, denn eine entscheidende Wurzel seelischer Erkrankungen ist stets ein ineinander greifendes System von LĂŒgen, die uns gesagt wurden und die wir selbst geĂ€ussert haben.

ZurĂŒckhalten der Wahrheit

Weil es weniger anfechtbar erscheint, ist das ZurĂŒckhalten wichtiger Information (weisse LĂŒgen) die hĂ€ufigste Form der LĂŒge, und da es schwer zu entdecken und anzugehen ist, ist diese Form der LĂŒge oft verderblicher als das direkte Aussprechen von Unwahrheiten (schwarze LĂŒgen).

Dennoch gibt es Situationen, in denen eine totale Offenheit unangebracht wĂ€re. Welche Regeln sollte man beachten, wenn man sich der Wahrheit verpflichtet fĂŒhlt?

  1. Sagen sie nie die Unwahrheit.
  2. Denken sie daran, dass das ZurĂŒckhalten einer Wahrheit immer eine potentielle LĂŒge ist und in jedem Falle eine bedeutsame moralische Entscheidung erfordert.
  3. Die Entscheidung, die Wahrheit zurĂŒckzuhalten, sollte nie auf persönlichen BedĂŒrfnissen beruhen.
  4. Die Entscheidung, die Wahrheit zurĂŒckzuhalten, muss immer von den BedĂŒrfnissen jener bestimmt sein, denen diese Wahrheit vorenthalten wird.
  5. Die EinschĂ€tzung der BedĂŒrfnisse der anderen muss durch Liebe geleitet sein.
  6. Hauptfaktor fĂŒr diese EinschĂ€tzung ist die FĂ€higkeit dieser Person, wie sie die Wahrheit fĂŒr ihr eigenes Wachstum nutzen kann.


All das ist eine BĂŒrde der Selbstdisziplin, die sich aber lohnt. Denn Menschen, die nicht lĂŒgen sind frei. Sie werden nicht von der Notwendigkeit belastet, etwas zu verbergen. Je ehrlicher man ist, desto einfacher ist es, weiterhin ehrlich zu sein. Durch ihre Offenheit leben Menschen, die sich der Wahrheit verpflichtet haben, im Offenen, und weil sie ihren Mut ĂŒben, im Offenen zu leben, werden sie frei von Furcht.

Ausgewogenheit

Die Disziplin muss aber auch selber diszipliniert werden. Die Art der Disziplin, die dazu erforderlich ist, nenne ich Ausgewogenheit. Ausgewogenheit gibt uns FlexibilitÀt.

Zorn z.B. ist eine manchmal notwendige Emotion, damit wir uns wehren. Manchmal ist er aber auch nicht hilfreich. Es ist also notwendig, dass die höheren Zentren unseres Gehirns (Urteilskraft) in der Lage sind, die niedrigeren Zentren (Emotion) zu regulieren und zu mÀssigen. Um unseren Zorn angemessen und kompetent zu handhaben, brauchen wir ein ausgefeiltes, flexibles Reaktionssystem.

Reife geistig-seelische Gesundheit erfordert also eine ausserordentliche FĂ€higkeit, immer neu ein empfindliches Gleichgewicht zwischen miteinander konkurrierenden BedĂŒrfnissen, Pflichten, Verantwortungen etc. herzustellen.

Das Wesentliche an der Disziplin der Ausgewogenheit ist, etwas „aufgeben“ zu können. Bei wichtigen Dingen ist Aufgeben eine der schmerzlichsten Erfahrungen, die der Menschen machen kann. Wenn wir uns den Persönlichkeitsmerkmalen zuwenden, etablierten Verhaltensmuster, Ideologien, ja sogar ganzen Lebensstilen. Dies sind die schwierigeren Formen des Aufgebens, die erforderlich sind, wenn die Lebensreise weiterfĂŒhren soll.

Die Gesundheit der Depression

Das GefĂŒhl, das mit dem Aufgeben von etwas Geliebtem einhergeht, ist Depression. Gesunde Menschen mĂŒssen wachsen und das geht einher mit dem Verlust des alten Selbst. Depression ist daher ein normales PhĂ€nomen. Sie wird erst dann ungesund, wenn etwas den Prozess des Aufgebens stört, so dass die Depression verlĂ€ngert wird. Auch Lebenszykluskrisen (Midlife-Krise) sind solch schmerzhafte VorgĂ€nge, denn beim erfolgreichen Durchlaufen dieser Perioden werden wir lieb gewonnene Begriffe und Handlungsweisen aufgeben mĂŒssen.

Verzicht und Wiedergeburt

Eine Unterart des Aufgebens ist das Ausklammern. Es ist die Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen dem BedĂŒrfnis nach StabilitĂ€t und BestĂ€tigung des Selbst und dem BedĂŒrfnis nach neuem Wissen und neuem VerstĂ€ndnis, indem man zeitweilig das eigene Selbst aufgibt – es sozusagen beiseite stellt, um Raum zu schaffen fĂŒr die Aufnahme neuen Materials in das Selbst.

Die besten Entscheidungen treffen jene, die bereit sind, bei ihren Entscheidungen am meisten zu leiden, die aber dennoch die FĂ€higkeit zur Entscheidung behalten. Ein Mass – und vielleicht das beste Mass – fĂŒr die Grösse eines Menschen ist seine FĂ€higkeit zu leiden. Die grossen Menschen jedoch sind auch voller Freude.

Wessen Ziel darin besteht, Schmerz zu vermeiden und dem Leid auszuweichen, der sollte keine höhere Ebene des Bewusstseins oder spirituelle Entwicklung anstreben. Erstens sind sie ohne Leiden nicht zu erreichen, und zweitens wird der Betreffende wahrscheinlich zu Diensten gerufen, die schmerzhafter oder zumindest anstrengender fĂŒr ihn sind, als er es sich vorstellen kann. Wer sich daraufhin die Frage stellt, warum sich dann ĂŒberhaupt entwickeln, weiss nicht genug ĂŒber die Freude.

Etwas Letztes zum Thema „Aufgeben“: Man muss etwas erst besitzen, um es aufgeben zu können. Erst muss man sich eine IdentitĂ€t aufbauen, ehe man sie aufgeben kann, erst muss ein Ich entwickelt sein, ehe man es verlieren kann.

Es gibt Leute, die eine AbkĂŒrzung zur Heiligkeit nehmen wollen. Oft versuchen sie das durch Imitation der Ă€usseren Gewohnheiten Heiliger. Es geht aber nur, wenn man sich der schmerzlichen Tatsache stellt, dass man am Anfang beginnen und durch die Mitte gehen muss.

Disziplin ist also ein System von Techniken, um konstruktiv mit dem Schmerz des Problemlösens umzugehen. Die StÀrke, die Energie und der Wille, diese Techniken zu benutzen, entstammen der Liebe

II Teil: Liebe

Definition der Liebe

Die Liebe ist zu umfassend und zu tief, um jemals in Form von Worten wirklich verstanden zu werden. Dennoch lohnt sich ein Versuch.

Liebe ist der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nÀhren.

  1. Der Zweck des Handelns unterscheidet den liebenden vom nicht liebenden Menschen.
  2. Liebe ist auch ein Akt der Selbstentwicklung, selbst wenn der Zweck das Wachstum eines anderen ist.
  3. Die Liebe schliesst Selbstliebe und die Liebe zu anderen ein. Wir sind ja unfÀhig, andere zu lieben, wenn wir uns selbst nicht lieben. Auch können wir keine Kraftquelle sein, wenn wir nicht unsere eigene Kraft nÀhren.
  4. Es bedeutet Anstrengung, die eigenen Grenzen auszudehnen. Unsere Liebe wird nur sichtbar oder real durch das, was wir tun. Liebe ist nicht mĂŒhelos.
  5. Wille ist mehr als Wunsch. Er ist ein Wunsch, der so stark ist, dass er in Handlung umgesetzt wird. Wollen beinhaltet auch eine Wahl. Wir mĂŒssen nicht lieben. Wir entscheiden uns zu lieben.

Ver“lieben“

Eines der verbreitetsten MissverstĂ€ndnisse ist die Annahme, „Verliebtsein“ sei eine Form von Liebe. Verliebtheit ist eine erotische Erscheinung, denn wir verlieben uns nicht in unsere Kinder oder gleichgeschlechtlichen Freunde, auch wenn wir sie sehr lieben mögen. Zudem ist diese Erfahrung immer vorĂŒbergehend. Das bedeutet dann aber nicht, dass wir die Person nicht mehr lieben.

Das Wesentliche an der Verliebtheit ist ein plötzlicher Zusammenbruch eines Teils der Ich-Grenzen, der es ermöglicht, die eigene IdentitÀt mit der eines anderen Menschen zu verschmelzen.

In den ersten Monaten seines Lebens unterscheidet ein SÀugling nicht zwischen sich selbst und dem Rest der Welt. Es gibt noch keine IdentitÀt und daher noch keinen Unterschied zwischen Ich und Du.

SpĂ€ter erfĂ€hrt das Kind seinen eigenen Willen als etwas vom Verhalten der Mutter Getrenntes. Ein GefĂŒhl fĂŒr das „Ich“ beginnt sich zu entwickeln. Gegen Ende des ersten Lebensjahres wissen wir: Das ist mein Arm etc. – ja sogar, das ist mein Standpunkt, das sind meine GefĂŒhle. Wir erkennen damit unsere Grenzen. Der Prozess der Entwicklung von Ich-Grenzen dauert bis ins Erwachsenenalter an. Im Alter von 2-3 findet sich das Kind im Allgemeinen mit den Grenzen der eigenen Macht ab. Gelegentlich wird das Kind aber noch in seiner Phantasiewelt von AllmachttrĂ€umen (Welt der Superhelden) geleitet.

Hinter den Ich-Grenzen ist es aber einsam. Daher sehnen wir uns, aus den Mauern der IndividualitÀt heraustreten zu können. Die Erfahrung des Verliebtseins, gestattet dieses Heraustreten - zeitweilig. Das plötzliche Aufhören der Einsamkeit, wird von den meisten als ekstatisch erfahren: Wir und der Geliebte Mensch sind eins.

Diese Erfahrung erweckt in uns ein Echo aus der Zeit, als wir in der SĂ€uglingszeit mit unserer Mutter verschmolzen waren. Wir erleben auch ein GefĂŒhl der Allmacht – alles scheint möglich, vereint mit dem Geliebten Menschen. Die GefĂŒhle wĂ€hrend des Verliebtseins sind aber ebenso irreal wie die des ZweijĂ€hrigen.

AllmĂ€hlich treten aber die Ich-Grenzen wieder an ihren Platz. Er will ins Kino, sie nicht. Sie will ... er nicht. Die Partner „entlieben“ sich wieder. An diesem Punkt beginnen sie entweder, die Beziehung zu lösen, oder sie fangen mit der Arbeit an wirklicher Liebe an. Wirkliche Liebe hat ihre Wurzel nicht in einem GefĂŒhl. Sie tritt oft in einem Zusammenhang auf, bei dem das GefĂŒhl der „Liebe“ fehlt, nĂ€mlich dann, wenn wir liebend handeln, obwohl wir keine Liebe empfinden.

Sich zu verlieben ist kein Willensakt – keine bewusste Wahl. Wir können uns in einem unpassenden Moment verlieben, können das Verliebtsein aber nicht frei wĂ€hlen. Disziplin und Wille können diese Erfahrung kontrollieren aber nicht schaffen.

Sich zu verlieben ist auch keine Ausdehnung der eigenen Grenzen, sondern nur ein vorĂŒbergehender, teilweiser Zusammenbruch dieser Grenzen. Die Ausdehnung der Ich-Grenzen erfordert Anstrengung; sich zu verlieben nicht.

Verliebtsein hat auch nicht das Ziel des Wachstums. Wenn ĂŒberhaupt ein Ziel existiert, dann das, unsere eigene Einsamkeit zu beenden. Meist fĂŒhlen wir uns dann ĂŒberhaupt nicht entwicklungsbedĂŒrftig.

Krass ausgedrĂŒckt: Verliebtheit ist ein Streich, den unsere Gene unserem ansonsten wachen Geist spielen, um uns in die Falle der Ehe zu locken. Viele von uns hĂ€tten in ehrlichem Entsetzen vor dem Realismus der EhegelĂŒbte das Weite gesucht, wenn sie nicht verliebt gewesen wĂ€ren.

Der Mythos romantischer Liebe

Die Illusion, Verliebtheit werde ewig andauern, wird durch den Mythos der romantischen Liebe gefördert.

Dieser Mythos erzĂ€hlt uns, dass es fĂŒr alle den einen idealen Partner gebe, und dass der (in den Sternen)  vorausbestimmt sei und uns alle BedĂŒrfnisse stillen werde. Das ist eine entsetzliche LĂŒge. Wenn sich dann die romantische Liebe verflĂŒchtig hat, versucht man dennoch sein Leben diesem Mythos anzupassen. Diese Paare preisen dann ihre Einheit, sprechen sogar fĂŒreinander und sind letztlich zu eng verheiratet. Das wirkliche Akzeptieren der eigenen IndividualitĂ€t ist aber die einzige Grundlage, auf der eine reife Ehe bestehen und wirkliche Liebe wachsen kann.

Mehr ĂŒber Ich-Grenzen

Das MissverstÀndnis, Verliebtheit sei eine Art von Liebe, ist gerade deshalb so gefÀhrlich, weil es ein Körnchen Wahrheit enthÀlt.

Die Erfahrung wirklicher Liebe hat ebenfalls mit Ich-Grenzen zu tun, da sie eine Ausdehnung dieser Grenzen beinhaltet. Die BeschrĂ€nkungen, denen man unterliegt, sind die Ich-Grenzen. Je mehr und je lĂ€nger wir diese Grenzen ausdehnen, desto mehr lieben wir, desto mehr verschwindet der Unterschied zwischen dem selbst und der Welt. Das fĂŒhrt auch zu einem ekstatischen GefĂŒhl. Es ist aber sanfter und weniger dramatisch, als beim Verliebtsein, dafĂŒr aber wesentlich stabiler und letztlich auch befriedigender.

Sexuelle AktivitĂ€t und Liebe können zwar gleichzeitig vorkommen, treten aber auch getrennt auf, weil es sich um grundlegend verschiedene PhĂ€nomene handelt. Vor allem beim Orgasmus erfahren wir einen mehr oder weniger ausgeprĂ€gten Zusammenbruch der Ich-Grenzen – aber nur fĂŒr Sekunden.

Zur Beschreibung der lĂ€nger andauernden „Einheit mit dem Universum“, die mit wirklicher Liebe verbunden ist, benutzen wir den Begriff „mystische Vereinigung“. Der Weg zu dieser Vereinigung ist aber nicht jener der Regression, sondern des Erwachsenwerdens. Erst wenn ich Ich-Grenzen besitze kann ich sie aufgeben. Eine IdentitĂ€t muss zuerst hergestellt sein, ehe sie transzendiert werden kann. Das Selbst muss erst gefunden sein, ehe man es verlieren kann. Die zeitweilige Lockerung der Ich-Grenzen, die mit Verliebtheit, Geschlechtsverkehr oder Drogen verbunden ist, mag uns einen kurzen Blick in das GlĂŒck schenken. Verliebtheit ist selbst nicht Liebe, wohl aber ein Teil des grossen und geheimnisvollen Plans der Liebe, denn sie gibt uns einen Vorgeschmack. Dauerhaftes spirituelles Wachstum ist aber nur durch das bestĂ€ndige Üben wirklicher Liebe zu erreichen.

AbhÀngigkeit

Das zweithĂ€ufigste MissverstĂ€ndnis ĂŒber die Liebe ist die Vorstellung, AbhĂ€ngigkeit sei Liebe. Wer aber fĂŒr sein Überleben ein anderes Individuum braucht ist ein Parasit nicht ein Liebender. In Beziehungen dieser Art gibt es keine Freiheit und keine Wahl. Sie ist eine Sache der Notwendigkeit und nicht der Liebe. Liebe ist die freie AusĂŒbung einer Wahl. Zwei Menschen lieben sich nur, wenn sie durchaus fĂ€hig sind, ohne einander zu leben, aber dennoch das Zusammenleben wĂ€hlen.

AbhĂ€ngigkeit bei gesunden Menschen ist pathologisch, aber zu unterscheiden von dem, was man AbhĂ€ngigkeitsbedĂŒrfnisse bezeichnet. Bei den meisten regiert dieser Wunsch nicht das ganze Leben, er ist nicht das vorherrschende Thema. Wenn diese WĂŒnsche aber die QualitĂ€t unserer Existenz diktieren, dann haben wir mehr als nur AbhĂ€ngigkeitsbedĂŒrfnisse. Dann sind wir abhĂ€ngig. AbhĂ€ngige Menschen sind mit dem BemĂŒhen geliebt zu werden so beschĂ€ftigt, dass sie keine Energie mehr haben wirklich zu lieben. Sie sind wie Verhungernde, die nach Nahrung gieren und selbst keine Nahrung haben, um sie anderen zu geben.

Passiv abhĂ€ngige Menschen wechseln rasch ihre Partner, denn es scheint so, dass es ihnen gleichgĂŒltig ist, vom wem sie abhĂ€ngig sind, solange nur jemand da ist. (Passiv AbhĂ€ngige befassen sich nur damit, was andere fĂŒr sie tun können.)

Wenn es ihr Ziel ist, geliebt zu werden, dann werden sie dieses Ziel verfehlen. Man kann nur dann sicher sein, dass man geliebt wird, wenn man ein Mensch ist, der liebenswert ist, und sie können nicht liebenswert sein, wenn ihr Hauptziel im Leben ist, geliebt zu werden, und zwar passiv. Passiv AbhĂ€ngige tun fĂŒr den anderen nur etwas, damit die Bindung des anderen an sich zementiert wird. Deshalb tauschen gesunde Paare immer mal wieder starre Rollen (kochen etc.). Dadurch verringert es die gegenseitige AbhĂ€ngigkeit. Passiv AbhĂ€ngige verkleinern die eigene Freiheit und die des Partners. Aber eine wirklich gute Ehe kann nur zwischen zwei starken und unabhĂ€ngigen Menschen bestehen.

Passive AbhÀngigkeit hat ihre Wurzel in einem Mangel an Liebe wÀhrend der Kindheit.


Es ist das Schlimmste, das wir uns antun können, wenn wir von anderen Menschen abhĂ€ngig sind. Wir wĂŒrden uns besser auf Heroin verlassen. Denn Heroin lĂ€sst uns nie im Stich, solange wir es haben – andere Menschen aber schon.

TatsĂ€chlich sind passiv abhĂ€ngige Menschen oft drogen- oder alkoholsĂŒchtig. Sie sind SuchtgefĂ€hrdete Persönlichkeiten.

AbhÀngigkeit ist also keine Liebe. Sie will eher nehmen als geben. Sie fördert Infantilismus statt Wachstum. Sie will nicht befreien, sondern fangen und einengen. Letztlich werden Beziehungen von ihr nicht gefördert, sondern zerstört.

Besetzung ohne Liebe

Das einzige Ziel wahrer Liebe ist spirituelles Wachstum oder menschliche Entwicklung.

Wenn wir uns selbst lieben, dann mĂŒssen wir uns mit allen möglichen Dingen versorgen, die nicht direkt spirituell sind. Auch Heilige mĂŒssen schlafen, und sogar Propheten mĂŒssen spielen. Hobbys können daher Mittel sein, uns selbst zu lieben. Wenn das Hobby aber zum Selbstzweck wird, dann wird es zum Ersatz fĂŒr statt zum Mittel zur Selbstentfaltung. Auch Macht und Geld können Mittel zu einem liebevollen Ziel sein.

Dennoch verwenden wir das Wort „Liebe“ hier nicht fĂŒr Beziehungen zu Objekten. Denn wenn wir mit dem Wort „Liebe“ unsere Beziehung zu allem beschreiben, was uns wichtig ist, was wir besetzen, ohne RĂŒcksicht auf die QualitĂ€t dieser Beziehung, dann werden wir nicht zwischen Weisheit und Narrheit, zwischen Gut und Böse unterscheiden können.

Peck zeigt, dass „Liebe“ zum Tier auch nicht der gegebenen Definition von Liebe entspricht. Denn normalerweise „liebt“ man z.B. einen Hund nur so lange, wie er nicht gegen uns protestiert. Beim Menschen zeigt sich Liebe gerade darin, dass sich der andere selbstĂ€ndig entwickeln kann. Wie beim Haustier gibt es auch MĂ€nner, die ihre fremdsprachige Frau nur so lange „lieben“, wie sie nicht mit ihr kommunizieren können und so ihren anderen Willen erkennen mĂŒssen. Analog gibt es MĂŒtter, die nur die kleinen Babys lieben – das ist aber Mutterinstinkt und nicht Liebe. Liebe ist aber mehr als Instinkt. Sie ist vernĂŒnftiges Geben und Verweigern, Argumentieren, KĂ€mpfen, Konfrontieren, DrĂ€ngen, Ziehen, Trösten ... VernĂŒnftiges Handeln erfordert aber ĂŒberlegte und manchmal schmerzliche Entscheidungen.

„Selbstaufopferung“

Die Motive hinter unvernĂŒnftigem Geben und destruktivem „NĂ€hren“ sind zahlreich, doch solche Verhaltensweisen haben immer ein gemeinsames Grundmerkmal: Unter dem Deckmantel der „Liebe“ geht der „Gebende“ seinen eigenen BedĂŒrfnissen nach, und zwar ohne RĂŒcksicht auf die spirituellen BedĂŒrfnisse des EmpfĂ€ngers.

Z.B. Ein Pfarrer, der seiner ganzen Familie bis zur Selbstaufgabe dient, sie damit infantilisiert und letztlich nur seinem Selbstbild des liebevollen und mitfĂŒhlenden Menschen dient.

Die Frau, die sich immer wieder mit einem Mann einlĂ€sst, der sie stĂ€ndig schlecht behandelt, sucht in ihrem Masochismus die moralische Überlegenheit – letztlich will sie sich fĂŒr frĂŒhere Misshandlungen rĂ€chen.

Masochisten nennen ihre Selbstaufopferung gerne „Liebe“. Liebe ist aber nicht Selbstaufopferung.

Wann immer wir meinen, etwas fĂŒr einen anderen Menschen zu tun, leugnen wir in gewisser Weise unsere eigene Verantwortung. Was wir auch tun, wir tun es, weil wir uns dafĂŒr entschieden haben, es zu tun, und wir treffen diese Wahl, weil sie die ist, die uns am meisten befriedigt. Was immer wir fĂŒr jemanden anderen tun, wir tun es, weil es ein BedĂŒrfnis erfĂŒllt, das wir haben.

Jeder der Liebt, kennt die Freude zu lieben. Wenn wir wirklich lieben, so deshalb, weil wir lieben wollen. Die Liebe beinhaltet zwar eine VerĂ€nderung des Selbst, doch diese VerĂ€nderung ist eine Ausdehnung und nicht ein Opfer des Selbst. Echte Liebe fĂŒllt das selbst, statt es zu leeren. Liebe ist in gewissen Sinn ebenso selbstsĂŒchtig wie Nicht-Liebe. Nicht Selbstsucht oder Selbstlosigkeit unterscheidet Liebe von Nicht-Liebe, sondern das Ziel der Handlung. Echte Liebe sucht immer das spirituelle Wachstum – Nicht-Liebe hat andere Ziele.

Liebe ist kein GefĂŒhl

Liebe ist eine Handlung, eine AktivitĂ€t – kein GefĂŒhl. Zahllose Menschen, die auf ein GefĂŒhl der Liebe hin handeln, tun das oft auf lieblose Art. Andererseits wird ein wirklich liebender Mensch liebend handeln, auch wenn er die betreffende Person vielleicht abstossend findet.

So mĂŒssen Partner in einer konstruktiven Beziehung aufeinander eingehen, ganz gleich, was sie gerade empfinden. Denn echte Liebe beinhaltet Verpflichtung. Immer, wenn sich Paare entlieben beginnt daher die Chance fĂŒr die echte Liebe. NatĂŒrlich ist es leichter, mit Besetzung und einem GefĂŒhl von Liebe zu lieben. Echte Liebe existiert aber mit oder ohne GefĂŒhl von Liebe.

Das SchlĂŒsselwort zur Unterscheidung lautet: Wille. Wirkliche Liebe ist vom Willen bestimmt, nicht vom GefĂŒhl. Der Mensch der liebt, tut dies, weil er sich dazu entschieden hat. Er ist die Verpflichtung eingegangen, sich liebevoll zu verhalten, ob ein GefĂŒhl von Liebe besteht oder nicht. Wenn es besteht, umso besser. Manchmal ist es sogar notwendig, dass ein liebender Mensch es vermeidet, sich in seinem Verhalten an GefĂŒhlen der Liebe zu orientieren. Ich lerne z.B. eine Frau kennen, die mich sehr anzieht und die ich lieben möchte, aber weil ich meine Ehe nicht gefĂ€hrden möchte, denke ich, ich wĂŒrde sie gerne lieben, aber ich werde es nicht tun. Meine LiebesgefĂŒhle mögen unbegrenzt sein, aber meine Kraft liebevoll zu handeln ist sicher begrenzt. Ich muss daher wĂ€hlen. Wahre Liebe ist nicht ein GefĂŒhl, das uns ĂŒberwĂ€ltigt, sondern eine wohlbedachte Entscheidung, die uns verpflichtet.

Gerne verwechselt man GefĂŒhle der Liebe mit echter Liebe, denn es ist oft leichter in den GefĂŒhlen ein Beweis seiner Liebe zu finden, als in den konkreten Taten. Aber Liebe ist, was Liebe tut. Liebe und Nicht-Liebe sind, ebenso wie Gut und Böse, objektive und nicht rein subjektive PhĂ€nomene.

Arbeit der Aufmerksamkeit

Wenn wir unsere Grenzen ausdehnen, dann tun wir das gegen unsere eigene TrÀgheit oder gegen den Widerstand der Angst. Das eine nennen wir Arbeit, das andere Mut. Liebe ist also eine Form von Arbeit oder eine Form von Mut. Zwar ist nicht jede Form von Arbeit auch Liebe, denn die Liebe sucht das Wachstum, aber Liebe ohne Arbeit gibt es nicht.

Die Hauptform, die die Arbeit der Liebe annimmt, ist die Aufmerksamkeit. Wenn wir einen Menschen lieben, dann schenken wir ihm unsere Aufmerksamkeit, und das ist ein Willensakt – ein Akt der Arbeit gegen die TrĂ€gheit unseres Geistes.

Die bei weitem wichtigste Art Aufmerksamkeit zu ĂŒben, ist Zuhören. Gut zuzuhören ist eine Übung der Aufmerksamkeit und damit notwendigerweise harte Arbeit. Weil sie das erkennen oder diese Arbeit nicht auf sich nehmen möchten, sind die meisten Menschen keine guten Zuhörer.

Wenn ich einem Lehrer aufmerksam zuhöre, dann zeigt das, dass ich mich liebe und daher bereit bin fĂŒr mein Wachstum Arbeit zu leisten.

Den Kindern zuhören wozu? Die Bereitschaft zuzuhören ist eine der besten konkreten Beweise der WertschÀtzung, die man einem Kind geben kann. Zudem schafft Wert wiederum Wert und Liebe schafft Liebe.

Wirkliches Zuhören, völlige Konzentration auf den anderen ist immer eine Manifestation von Liebe. Ein wesentlicher Bestandteil wirklichen Zuhörens ist die Disziplin des Ausklammerns, das zeitweilige Aufgeben der eigenen Vorurteile, Bezugsrahmen und WĂŒnsche, damit man die Welt des Sprechers so weit wie möglich von innen her erleben kann.

Da wirkliches Zuhören tatkrÀftige Liebe ist, ist es nirgends besser am Platz als in der Ehe. Dennoch hören die meisten Paare einander nie wirklich zu. Wirkliches Zuhören kann aber nur in einer geeigneten Umgebung stattfinden. Wenn Paare nach der Phase des Verliebtseins beginnen einander wirklich zuzuhören, dann wissen wir, dass das Wachstum in der Ehe begonnen hat.

Es stimmt zwar, dass die FĂ€higkeit zu echtem Zuhören mit der Zeit und Übung allmĂ€hlich besser wird, doch Zuhören ist niemals ein mĂŒheloser Vorgang.

Wirklich dem Bericht ĂŒber den Tageslauf zuzuhören und die gehörten Probleme von innen her zu verstehen, den Versuch zu machen, konsequent geduldig zu sein und alles andere auszuklammern – alle diese Aufgaben sind hĂ€ufig langweilig, oft unbequem und immer energiezehrend; sie bedeuten Arbeit. Da Liebe Arbeit ist, ist die Essenz von Nicht-Liebe Faulheit.

Das Verlustrisiko

Der Akt der Liebe – die Ausdehnung des Selbst – erfordert eine Bewegung gegen den Widerstand der TrĂ€gheit (Arbeit) oder der Angst (Mut). Wir wenden uns nun dem Mut zu.

Wenn wir uns ausdehnen betreten wir neues Terrain, das verĂ€ndert uns und ist Angst einflössend. Wir können nur lieben, was in der einen oder anderen Art fĂŒr uns wichtig ist. Dabei besteht aber immer die Gefahr der ZurĂŒckweisung und des Verlustes. Ein volles Leben ist auch immer voller Schmerz. Und der Versuch, legitimes Leiden zu vermeiden ist eine Wurzel emotionaler Erkrankung.

Risiko der UnabhÀngigkeit

Alles Leben stellt an sich ein Risiko dar, und je liebender wir unser Leben leben, desto mehr Risiken gehen wir ein. Von den vielen Risiken, die wir in einer Lebensspanne eingehen können, ist das grösste das Risiko des Erwachsenwerdens. Erwachsenwerden bedeutet, sich von den Eltern und ihrer Macht zu trennen und den eigenen Weg mutig zu gehen. Viele wagen diesen Schritt nie richtig und bleiben von der Zustimmung oder Missbilligung der Eltern bestimmt. Sie haben nie gewagt, ihr Schicksal wirklich in die eigenen HÀnde zu nehmen.

Man ist nur dann frei höhere Wege spirituellen Wachstums einzuschlagen, wenn man den Sprung in das Unbekannte totalen Selbstseins, psychischer UnabhÀngigkeit und einzigartiger IndividualitÀt getan hat.

Solange man heiratet, eine bestimmten Beruf ergreift, Kinder bekommt ... um seine Eltern zufrieden zustellen oder die Erwartungen irgendwelcher anderer Menschen oder der Gesellschaft liebt man nicht wirklich, denn die höchste Form der Liebe ist immer völlig freie Wahlentscheidung und nicht ein Akt der KonformitÀt.

Das Risiko der Verpflichtung

Verpflichtung ist die Grundlage jeder echten liebevollen Beziehung. Sie garantiert nicht das Gelingen, trĂ€gt jedoch mehr als jeder andere Faktor zur Sicherung der Beziehung bei. Mit der Verpflichtung ist aber auch ein Risiko verbunden. Das Verpflichtetsein ermöglicht den Übergang vom Verliebtsein zur echten Liebe.

Charaktergestörte neigen dazu, nur oberflĂ€chliche Beziehungen einzugehen. Das liegt weniger daran, dass sie Angst vor der Verpflichtung haben, sondern vielmehr daran, dass sie keine Ahnung davon haben, meist weil ihre Eltern ihnen gegenĂŒber keine sinnvollen Verpflichtungen eingegangen sind.

Neurotiker dagegen sind sich meist der Natur von Verpflichtungen bewusst, hÀufig jedoch von der Angst davor gelÀhmt. Oft haben sie eine elterliche Verpflichtung erfahren, die dann durch Tod oder Scheidung abgebrochen wurde.

Die geschilderten Verletzungen können nicht durch ein paar oberflÀchliche Versicherungen geheilt werden.

Eines der Probleme in den erwachsenen Beziehungen von Menschen, die nie eine feste Verpflichtung von Seiten ihrer Eltern erfahren haben, ist das „Ich werde dich verlassen, bevor du mich verlĂ€sst“-Syndrom. Es kann sich verschieden zeigen: FrigiditĂ€t, sich nicht einlassen auf die Kinder etc.

Eltern, die nicht willens sind, das Leid von VerĂ€nderung und Wachstum zu riskieren und von ihren Kindern zu lernen, wĂ€hlen den Weg zur SenilitĂ€t, und ihre Kinder und die Welt werden sie ĂŒberholen. Das Lernen von den eigenen Kindern ist die beste Gelegenheit, sich selbst ein sinnvolles Alter zu sichern.

Das Risiko der Konfrontation

Das vermutlich grösste Risiko der Liebe ist das Risiko, Macht mit Demut auszuĂŒben. Das hĂ€ufigste Beispiel dafĂŒr ist der Akt liebevoller Konfrontation. Wann immer wir jemandem Vorhaltungen machen, sagen wir dieser Person im Wesentlichen: „Du bist im Unrecht; ich bin im Recht.“ Menschen in verschiedenen Rollen tun dies routinemĂ€ssig und beilĂ€ufig und verstreuen Kritik nach allen Seiten. Kritiken und VorwĂŒrfe, gewöhnlich impulsiv in Zorn oder Ärger geĂ€ussert, vergrössern eher die Verwirrung in der Welt als die AufklĂ€rung.

Dem wirklich liebenden Menschen fĂ€llt der Akt der Kritik oder Konfrontation nicht leicht: Ihm ist klar, dass hier ein grosses Potential an Arroganz liegt. Dennoch kann es sein, dass er sich in der Position grösseren Wissens befindet. Dadurch ist er in der Tat verpflichtet, aus liebender Sorge den anderen mit diesem Problem zu konfrontieren. Der liebende Mensch erfĂ€hrt daher das Dilemma zwischen dem liebevollen Respekt vor dem eigenen Lebensweg des anderen und der Verantwortung, den geliebten Menschen zu fĂŒhren. Das Dilemma kann nur durch gewissenhafte SelbstprĂŒfung gelöst werden. Diese SelbstprĂŒfung ist die Essenz von Demut.

Die arrogante Art der Kritik erfolgt mit instinktiver und spontaner Sicherheit. Sie ist aber gewöhnlich erfolglos und erzeugt mehr Groll als Reife. Die andere Art erwÀchst aus der Demut. Sie ist seltener, da sie eine wirkliche Ausdehnung des Selbst erfordert, ist dagegen mit grösserer Wahrscheinlichkeit erfolgreich und niemals destruktiv.

Nun gibt es aber Menschen, die ihre arrogante Kritik zwar bremsen können, sich aber hinter der Sicherheit der Demut verstecken und nie wagen, Macht auszuĂŒben. Keine Kritik zu ĂŒben, wenn sie zur Förderung von Reife nötig wĂ€re, ist ebenso ein Versagen der Liebe wie gedankenlose Kritik oder Verurteilung. Wenn Eltern ihre Kinder lieben, mĂŒssen sie, sparsam und sorgfĂ€ltig, aber dennoch aktiv, den Kindern von Zeit zu Zeit Vorhaltungen machen, ebenso wie sie ihren Kindern erlauben mĂŒssen, umgekehrt sie zu kritisieren. Das gleiche gilt auch fĂŒr die Ehe. In erfolgreichen Ehen sind die Ehegatten einander die besten Kritiker. Das gilt auch fĂŒr die Freundschaft.

Gegenseitige liebevolle Konfrontation ist ein bedeutsamer Teil aller erfolgreichen und sinnvollen menschlichen Beziehungen. Ohne sie ist die Beziehung flach.

Es liegt auf der Hand, dass es noch viele andere und oft bessere Arten gibt, den Lauf der Ereignisse zu beeinflussen, als durch Konfrontation: durch Beispiele, VorschlÀge, Belohnung, Fragen, Verbieten, Zusammenwirken etc.

Liebende Individuen mĂŒssen sich mit der Kunst Macht auszuĂŒben befassen, denn wenn man das Wachstum des anderen fördern will, dann muss man sich mit der wirksamsten Art beschĂ€ftigen, die in dem gegebenen Fall angebracht ist. Wenn wir gehört werden wollen, mĂŒssen wir in einer Sprache sprechen, die der Zuhörer verstehen kann.

Immer, wenn wir Macht ausĂŒben, versuchen wir den Lauf der Welt, der Menschheit zu beeinflussen, spielen also Gott. Die meisten von uns erkennen das nicht. Wer aber liebt, weiss auch, dass es dazu keine Alternative gibt, ausser Tatenlosigkeit und Ohnmacht. Mit diesem Bewusstsein nimmt der liebende Mensch die Verantwortung fĂŒr den Versuch auf sich, Gott zu spielen, und zwar nicht achtlos, sondern so, dass der Wille Gottes fehlerlos erfĂŒllt wird. So können es Menschen nur aus der Demut der Liebe heraus wagen, Gott zu sein.

Liebe ist diszipliniert

Echte Liebe ist selbstdiszipliniert und jede wirklich liebende Beziehung ist eine disziplinierte Beziehung.

Leidenschaft ist ein sehr tiefes GefĂŒhl. Die Tatsache, dass ein GefĂŒhl unkontrolliert ist, besagt in keiner Weise etwas darĂŒber, ob es tiefer ist als ein diszipliniertes GefĂŒhl.

Man sollte nicht Sklave seiner GefĂŒhle sein, aber Selbstdisziplin bedeutet auch nicht, seine GefĂŒhle bis zur Nichtexistenz zu unterdrĂŒcken.

Der richtige Umgang mit den eigenen GefĂŒhlen liegt eindeutig auf einem komplexen (und daher nicht einfachen) ausgewogenen Mittelweg; er erfordert stĂ€ndige Urteilskraft und stetige Anpassung. Dabei behandelt der Eigner seine GefĂŒhle (seine Sklaven) mit Respekt, gibt ihnen gute Nahrung, Obdach und FĂŒrsorge, hört ihnen zu und antwortet ihnen, ermutigt sie, aber organisiert sie auch, setzt ihnen Grenzen, trifft Entscheidungen, leitet sie in neue Richtungen und bildet sie, lĂ€sst dabei aber niemals einen Zweifel daran, wer Herr ist. Das ist der Weg gesunder Selbstdisziplin.

Auch das GefĂŒhl der Liebe muss diszipliniert werden. So können wir z.B. nicht einfach alle lieben. Wirkliche Liebe können wir nur fĂŒr einige Menschen aufbringen. Der Versuch, die Grenzen unserer Energie zu ĂŒberschreiten, bedeutet, mehr anzubieten, als man geben kann, und es gibt einen Punkt, jenseits dessen der Versuch, alle zu lieben, die uns begegnen, betrĂŒgerisch und destruktiv wird, und zwar gerade fĂŒr diejenigen, denen wir helfen möchten. Wir mĂŒssen wĂ€hlen, wen wir wirklich lieben wollen. Diese Wahl ist nicht leicht, sie kann ĂŒberaus schmerzhaft sein, wie es so oft der Fall ist, wenn man eine gottĂ€hnliche Macht ĂŒbernimmt. Doch sie muss getroffen werden. Es ist z.B. eine Verschwendung von Energie, wenn wir versuchen jemanden zu lieben, der diese Liebe nicht fĂŒr sein spirituelles Wachstum nutzen kann. Echte Liebe ist kostbar.

Wenn man von sich sagen kann, man habe wirklich liebende Beziehungen zu Ehepartner und Kinder aufgebaut, dann hat man bereits mehr geschafft, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben schaffen. Die oberste Verpflichtung eines wirklich liebenden Menschen sind immer seine ehelichen und elterlichen Beziehungen.

Wenn ich durch die Liebe wachse, dann wÀchst auch meine Freude, wird immer gegenwÀrtiger und bestÀndiger. Vielleicht bin ich ein Neopuritaner. Aber ich bin auch sehr begierig nach Freude.

Liebe und Getrenntsein

Echte Liebe hĂ€lt die Unterscheidung zwischen uns selbst und dem anderen immer aufrecht. Der wirklich Liebende nimmt den Geliebten immer als einen Menschen mit völlig getrennter IdentitĂ€t wahr. Es kommt hĂ€ufig vor, dass diese Getrenntheit weder wahrgenommen noch respektiert wird, und das ist Ursache vieler seelischer Erkrankungen und unnötiger Leiden. In ihrer Extremform nennt man diese Haltung Narzissmus. Narzisstische Individuen sind unfĂ€hig, ihre Kinder, Ehepartner oder Freunde als auf einer emotionalen Ebene von ihnen getrennte Wesen wahrzunehmen. Sie betrachten die anderen als Ausdehnung ihrer selbst. Daher fehlt ihnen die FĂ€higkeit zur EinfĂŒhlung. Mangels Empathie reagieren solche Eltern gewöhnlich auf emotionaler Ebene unangemessen auf ihre Kinder und bieten diesen keine Anerkennung oder BestĂ€tigung ihrer GefĂŒhle. Solche Kinder wachsen mit erheblichen Problemen im Umgang von GefĂŒhlen auf.

In der weit verbreiteten, milderen aber dennoch destruktiven Form eines Narzissmus’ berĂŒcksichtigen Eltern die Einzigartigkeit ihrer Kinder nicht, sondern betrachten sie als Ausdehnung ihrer selbst, Ă€hnlich wie ihre feinen Kleider, ihren sauber gemĂ€hter Rasen etc. als Ding, das ihren Status in der Welt reprĂ€sentiert.

Auch in vielen Ehen entstehen Störungen durch die Schwierigkeit, das Getrenntsein von nahe stehenden Personen, nicht voll akzeptieren zu können. Die Ehe ist so etwas wie ein Basislager, von dem aus jeder fĂŒr sich den Gipfel ersteigen muss. Wenn nun aber der Mann vom Gipfel ins Lager zurĂŒckkommt und sich nie fĂŒr das Lager investiert, dann wird irgendwann seine Frau davonlaufen. Das Bild lĂ€sst sich auch auf den Kapitalisten ĂŒbertragen, der die Gesellschaft vernachlĂ€ssigt, weil er nur das Individuum im Auge behĂ€lt. Umgekehrt kann es sein, dass die Frau die Ehe und das Zusammensein ĂŒberbewertet, so dass kein individueller Aufstieg zum jeweiligen Gipfel mehr möglich wird. Sie handelt wie die Kommunisten, die der Gemeinschaft  ein solches Gewicht zugestehen, dass das Schicksal des Individuums dabei keine Beachtung mehr findet.

Beide, Mann und Frau mĂŒssen sowohl den Herd versorgen als auch ihre BestĂ€tigungen draussen suchen. Denn gute Ehen können nicht von Individuen aufgebaut werden, denen das grundlegende Alleinsein Schrecken einjagt und die in der Ehe eine Verschmelzung suchen. Echte Liebe pflegt sogar die IndividualitĂ€t des anderen, denn das letzte Ziel des Lebens ist die spirituelle Reise zum Gipfel, die nur jeder alleine unternehmen kann.

Liebe und Psychotherapie

Weder eine bedingungslos positive Beachtung, noch magische Techniken, Worte oder Handlungen machen die Psychotherapie wirksam und erfolgreich; es sind menschliche Anteilnahme und Kampf. Es ist die Bereitschaft des Therapeuten, sich auszudehnen, damit der Patient wachsen kann – Bereitschaft, unsicheren Boden zu betreten, sich selbst auf einer emotionalen Ebene wirklich in die Beziehung einzubringen, tatsĂ€chlich mit sich selbst und dem Patienten zu kĂ€mpfen. Kurz gesagt, der wesentliche Bestandteil erfolgreicher, tiefer und sinnvoller Therapie ist die Liebe.

Die Mehrzahl der Patienten beendet ihre Therapie weit unter der ErfĂŒllung ihrer eigentlichen Möglichkeiten. Sie mögen eine kurze oder sogar lĂ€ngere Strecke auf dem Weg spirituellen Wachstums zurĂŒckgelegt haben, doch sie wollen nicht die ganze Reise machen. Das ist oder scheint ihnen zu schwierig. Sie sind zufrieden damit, gewöhnliche MĂ€nner und Frauen zu sein, und streben nicht danach, Gott Ă€hnlicher zu werden.

Das Geheimnis der Liebe

Selbstdisziplin entwickelt sich auf dem Boden der Liebe. Aber woher kommt die Liebe selbst? Gewiss gibt es Dimensionen der Liebe, die noch nicht diskutiert wurden und ĂŒberaus schwer zu verstehen sind. Ich glaube nicht, dass Fragen hinsichtlich dieser Aspekte von der Soziobiologie beantwortet werden. Die gewöhnliche Psychologie mit ihrem Wissen um die Ich-Grenzen mag eine kleine Hilfe sein – aber nur eine kleine. Die Menschen, die am Meisten ĂŒber derartige Dinge wissen, findet man unter religiösen Menschen, die sich dem Mysterium widmen. Ihnen und dem Thema der Religion mĂŒssen wir uns zuwenden, wenn wir auch nur die geringste Einsicht in diese Dinge erlangen wollen.

III Teil: Wachstum und Religion

Weltsicht und Religion

Da jedermann irgendein VerstĂ€ndnis der Welt hat, eine Weltsicht, ganz gleich wie beschrĂ€nkt oder unzutreffend, besitzt jeder eine Religion. Diese nicht allgemein anerkannte Tatsache ist von allergrösster Wichtigkeit: Jeder hat eine Religion. Religion muss sich nicht in rituellen Praktiken oder der Mitgliedschaft in einer Gemeinde ausdrĂŒcken. Tatsache ist, dass jeder explizit oder implizit eine Reihe von Ideen und Überzeugungen hinsichtlich der eigentlichen Natur der Welt hat. Therapeuten tun gut daran, diese Weltsicht bei ihren Patienten zu suchen, denn die Weltsicht eines Patienten ist immer ein entscheidender Teil seiner Probleme, und eine Korrektur dieser Sicht ist fĂŒr seine Heilung nötig. Oft ist die Religion eines Patienten, diesem nur teilweise bewusst. Es kann sogar sein, dass er glaubt eine gewisse Religion zu haben, wĂ€hrend er in Wirklichkeit einem ganz anderen Glauben nachlebt. Unsere Weltsicht wird nicht so sehr durch das, was unsere Eltern sagen bestimmt, sondern vielmehr durch die Weltsicht, die sie durch ihr Verhalten fĂŒr uns schaffen. Unsere erste (und leider oft auch einzige) Vorstellung ĂŒber die Natur Gottes ist einfach eine Extrapolation der Natur unserer Eltern.

Die Tatsache, dass unsere Religion ursprĂŒnglich weitgehend von unserer Kindheits-Erfahrung bestimmt wird, stellt uns vor das Problem: Die Beziehung zwischen Religion und RealitĂ€t. Um eine Weltsicht zu entwickeln, die realistisch ist – d.h., die der Wirklichkeit des Kosmos und unserer Rolle darin entspricht, so gut wir die Wirklichkeit eben erkennen können -, mĂŒssen wir unser VerstĂ€ndnis stĂ€ndig revidieren und erweitern, um neues Wissen von der grösseren Welt einzuarbeiten. Hier geht es wieder um das Estellen von Landkarten. Viele transzendieren den Einfluss von Elternhaus, Kultur und Kindheits-Erfahrungen nicht. Es muss uns nicht wundern, wenn es Konflikte gibt, da sich meist ganz verschiedene Ansichten ĂŒber die Natur der Wirklichkeit begegnen.

Religion und Wissenschaft

Spirituelles Wachstum ist eine Reise aus dem Mikrokosmos in einen immer grösseren Makrokosmos. Damit wir dem Mikrokosmos entkommen und uns von unseren Übertragungen befreien können, mĂŒssen wir lernen. Wir mĂŒssen unseren Gesichtskreis stĂ€ndig erweitern.

Kurzfristig ist es bequemer, das nicht zu tun – da zu bleiben, wo man ist und den Schmerz zu vermeiden, der mit der Aufgabe lang gehegter Begriffe verbunden ist. Der Weg spirituellen Wachstums geht aber in die andere Richtung.

Dieser Weg beginnt mit der Infragestellung von allem. Zuerst von der ĂŒberlieferten Religion unserer Eltern. Um lebensfĂ€hig zu sein, muss unsere Religion eine ganz persönliche sein, geschmiedet durch das Feuer unserer Fragen und Zweifel im Schmelztiegel unserer eigenen Erfahrung. Ich kann nicht mit einem Glauben aus zweiter Hand an einen Gott aus zweiter Hand ĂŒberleben.

Wissenschaft ist eine Religion. Vereinfacht lautet einer der wichtigsten LehrsĂ€tze: Das Universum ist real und deshalb ein gĂŒltiges Untersuchungsobjekt. Es ist sinnvoll – d.h. es folgt gewissen Gesetzen und ist vorhersagbar. Da Menschen schlechte PrĂŒfer sind, mĂŒssen sie wissenschaftliche Methoden anwenden. So können nur wiederholbare Erfahrungen zur Beurteilung herangezogen werden (Experiment). Auch mĂŒssen andere Menschen unter gleichen Bedingungen, die gleich Erfahrung machen können.

Diese wissenschaftliche Einstellung hilft uns, unsere Erfahrungen im Mikrokosmos in eine persönliche Erfahrung des Makrokosmos umzusetzen. Unser Weg beginnt also damit, dass wir Wissenschaftler werden.

Viele, die so zu denken beginnen, meinen sie hĂ€tten nun  keine Religion mehr. Dem ist aber nicht so. Sie haben sogar eine tiefe. Sie verehren die Wahrheit. Die skeptische Weltsicht wissenschaftlich orientierter Menschen ist sicher besser als jene, die auf blindem Glauben beruht. Dennoch scheinen viele Wissenschaftler ein grosses Problem mit der RealitĂ€t Gottes zu haben. Sicher haben sie gute GrĂŒnde, den Glauben als Schöpfung des Menschen zu betrachten. Ist der Glaube an Gott eine Krankheit?

Der Fall Kathy

Oft verpassen es die Kirchen, ihren GlĂ€ubigen dabei zu helfen, die religiösen Lehren auf vernĂŒnftige Weise in Frage zu stellen. Das fĂŒhrt dann oft zu grossen psychischen Problemen. Diese Tatsache verleitet dann oft die Psychiatrie in der Kirche ihren Hauptfeind zu sehen.

Der Fall Marcia

Bei Marcia gewann der Gottesbegriff zunehmend an Einfluss, ohne dass der Therapeut ihre religiösen Begriffe in irgendeiner Weise herausgefordert hÀtte. In Kathys Fall musste der Therapeut aktiv ihre religiösen Ideen herausfordern, um eine VerÀnderung zu bewirken.

Das Baby und das Badewasser

Die Fallgeschichten zeigen, dass die Antwort auf die Frage, ob Religion eine Form von Psychopathologie sei, Ja und Nein lautet.

Menschen wĂŒnschen sich aber einfache Antworten. Das macht sie anfĂ€llig fĂŒr zwei IrrtĂŒmer, wenn sie nach der RealitĂ€t Gottes fragen. Der erste besteht darin, das Kind mit dem Bade auszuschĂŒtten, der zweite in dem, was man den Tunnelblick bezeichnen könnte.

Gewiss gibt es um die RealitĂ€t Gottes herum eine ganze Menge unerfreulicher Erscheinungen. Heilige Kriege, Inquisition ... Hemmungen, Angst, Wahnsinn. Doch sind das Dinge, die Gott den Menschen angetan hat, oder solche, die der Mensch Gott angetan hat? Ist die menschliche Neigung an Gott zu glauben schuld, oder die Neigung, dogmatisch zu sein? Denn auch Atheisten können sehr dogmatisch sein. Ist der Glaube an Gott den wir los werden mĂŒssen, oder ist es der Dogmatismus? Reife Wissenschaftler zeichnen sich durch das Bewusstsein aus, dass Wissenschaft ebenso dem Dogmatismus unterworfen sein kann wie jede andere Religion.

So wie es fĂŒr unser spirituelles Wachstum wichtig ist, die allgemeinen Annahmen zu hinterfragen, so muss das auch in der Wissenschaft geschehen. Skeptischer Atheismus ist nicht unbedingt die höchste VerstĂ€ndnisebene, die menschliche Wesen erreichen können. Im Gegenteil, es gibt Grund zur Annahme, dass hinter tĂ€uschenden Vorstellungen und falschen Begriffen von Gott eine Wirklichkeit liegt, die Gott ist. Aber der Gott der vor der skeptischen Phase steht, mag wenig mit dem gemein haben, der nach der Skepsis steht.

Wissenschaftliche Tunnelsicht

Ein weiterer Grund, warum Wissenschaftler Gefahr laufen, das Kind mit dem Bade auszuschĂŒtten, ist der, dass sie das Kind nicht sehen. Viele Wissenschaftler sehen sich die Nachweise fĂŒr die RealitĂ€t Gottes einfach nicht an. Sie leiden an selbst auferlegten Scheuklappen.

Einen Grund fĂŒr diesen Tunnelblick findet man in der wissenschaftlichen Methodologie. Der Gebrauch der Messung hat der Wissenschaft enorme Fortschritte im VerstĂ€ndnis des materiellen Universums ermöglicht. Das hat zur Folge, dass viele Wissenschaftler allen Dingen gegenĂŒber, die unmessbar sind geradezu ablehnen gegenĂŒberstehen. Es ist als wollten sie sagen: „Was wir nicht messen können, können wir nicht wissen; ĂŒber das, was wir nicht wissen können, brauchen wir und keine Gedanken zu machen.“ Dadurch schliessen viele Wissenschaftler Gott aus ihren ernsthaften Überlegungen aus.

Wissenschaftler haben auch aus den Naturgesetzen so etwas wie ein Idol gemacht. Das hat zur Folge, dass jedes Geschehen, das mit den gegenwĂ€rtig bekannten Naturgesetzen nicht zu erklĂ€ren ist (Wunder), vom wissenschaftlichen Establishment als nicht real angesehen wird. Die Kirche geht den anderen Weg. Sie bestĂ€tigt Wunder, lĂ€sst sie aber nicht untersuchen. So wollen die Vertreter der Religion ihre Religion nicht von der Wissenschaft erschĂŒttern lassen, ebenso wie die Wissenschaft sich nicht von der Religion erschĂŒttern lassen wollte. Das zeigt sich am Beispiel der Wunderheilungen.

Wenn die Wahrnehmung erst einmal von der Herrschaft der vorgefassten Meinungen und des persönlichen Interesses gelöst ist, ist sie frei, die Welt an sich so zu erleben, wie sie ist, und die ihr innewohnende Herrlichkeit zu erblicken. Wahrnehmung des Wunderbaren erfordert keinen Glauben und keine Vermutungen. Es handelt sich nur um eine volle und konzentrierte Aufmerksamkeit fĂŒr die Gegebenheiten des Lebens.

Wir sollten nicht nach der Teilung des Meeres Ausschau halten, sondern sollten in den gewöhnlichen Alltagsereignissen nach dem Wunderbaren suchen und gleichzeitig eine wissenschaftliche Orientierung behalten. Wenn wir dies tun, dann sollten wir immer einen klaren Kopf bewahren. Z.B. bedeutet die Tatsache, dass zwei Ereignisse zeitlich zusammenfallen nicht unbedingt, dass sie auch kausal verbunden sind.

IV Teil: Gnade

Das Wunder der Gesundheit

Das erste Wort, das in der berĂŒhmten Hymne (Amazing grace), in Verbindung mit Gnade erscheint, ist „amazing“ – erstaunlich, höchst verwunderlich. Wenn man etwas nicht im normalen Verlauf der Dinge erfolgt, wenn etwas nicht vorhersagbar ist durch das, was wir von den „Naturgesetzen“ wissen, dann erstaunt uns das. Anhand von vielen Beispielen kann gezeigt werden, dass Gnade ein hĂ€ufiges PhĂ€nomen und in gewissem Masse sogar vorhersagbar ist. Doch im Bezugsrahmen der konventionellen Wissenschaften und der „Naturgesetze“, wir sie kennen, bleibt die RealitĂ€t der Gnade unerklĂ€rlich. Sie bleibt wunderbar und erstaunlich.

So weiss man sehr gut weshalb Neurosen ausbrechen. Was man jedoch nicht weiss, ist, warum die Neurosen nicht schwerer sind. Innerhalb der gewöhnlichen Begriffe der KausalitĂ€t weiss man nicht, warum bestimmte Menschen z.B. nicht Selbstmord begehen. Man kann nur sagen, dass es eine Kraft gibt, deren Mechanismus wir nicht ganz verstehen und die bei den meisten Menschen sie seelische Gesundheit auch unter ungĂŒnstigsten Bedingungen zu schĂŒtzen und zu fördern scheint.

Das Gleiche gilt bei den körperlichen Erkrankungen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass wir erkranken und sterben; verwunderlich ist, dass wir gewöhnlich nicht sehr hĂ€ufig erkranken und nicht so schnell sterben. Auch hier können wir sagen: Es gibt eine Kraft, deren Mechanismus die körperliche Gesundheit auch unter ungĂŒnstigsten Bedingungen zu schĂŒtzen und zu fördern scheint.

Man kann sich vorstellen, dass Resistenz gegen seelische Störungen oder körperliche Krankheiten im unbewussten Seelenleben oder in körperlichen Prozessen des Individuums lokalisiert ist. Wenn wir jedoch die „Resistenz“ bei UnfĂ€llen betrachten, dann gibt es hier ein Wechselspiel zwischen mehreren Individuen oder zwischen Individuen und unbelebten GegenstĂ€nden. Wenn Leute bei AutounfĂ€llen völlig unverletzt aus einem vollstĂ€ndig demolierten Fahrzeug entsteigen, dann ist die normale Reaktion ein blankes Erstaunen. Wie erklĂ€ren wir das? Reiner Zufall? Nichtreligiöse Menschen, sind dann gerade deshalb so erstaunt, weil die Bewahrung in diesen UnfĂ€llen nicht zufĂ€llig zu sein scheint. Wer solche UnfĂ€lle nicht dem reinen Zufall oder einem unerklĂ€rlichen Schicksal ĂŒberlassen will, den dĂŒrfte hier auch der Begriff des Instinktes zur ErklĂ€rung nicht sonderlich befriedigen. Denn die unbelebte Maschine besitzt ja keinen.

Das Wunder des Unbewussten

95% oder mehr unseres ganzen Bewusstseins stellt das Unbewusste dar. Wenn wir lange und hart genug daran arbeiten, uns selber zu verstehen, werden wir entdecken, dass dieser grosse Teil unseres Geistes, der uns kaum bewusst ist, unvorstellbare ReichtĂŒmer enthĂ€lt.

Eine Möglichkeit, durch die wir von der Existenz dieses grossen, aber verborgenen Bereichs erfahren, ist der Traum. Nur sind die TrĂ€ume nicht immer leicht zu verstehen, weil das Unbewusste oft Symbole benutzt. Wenn es uns jedoch gelingt, die Traumsprache zu ĂŒbersetzen, scheint die Botschaft immer dazu bestimmt, unser spirituelles Wachstum zu fördern – als Richtungsanzeiger, wenn wir uns verloren fĂŒhlen, und als Wegweiser, wenn wir stecken bleiben.

Ebenso elegant und hilfreich kann das Unbewusste auch im Wachzustand zu uns sprechen, wenn auch in anderer Form. Das ist die Form der „mĂŒssigen Gedanken“ oder auch nur Gedankenfragmente. Wie bei den TrĂ€umen zollen wir diesen Gedanken meist keine Aufmerksamkeit und schieben sie beiseite. Aus diesem Grund werden die Patienten in der Psychoanalyse immer wieder aufgefordert, alles zu sagen, was ihnen in den Sinn kommt, so albern oder unbedeutend es auf den ersten Blick auch scheinen mag. Freud und seine AnhĂ€nger neigten dazu, das Unbewusste als GefĂ€ss des Primitiven, Antisozialen und Bösen in uns zu betrachten. C.G. Jung war es dann, der eine Korrektur dieser Auffassung einleitete, unter anderem prĂ€gte er den Ausdruck von der „Weisheit des Unbewussten.“

Doch weshalb befinden sich gewisse WĂŒnsche und GefĂŒhle im Unbewussten, so dass sie seelische Krankheiten hervorrufen können? Weshalb wurden sie verdrĂ€ngt? Die Antwort lautet, dass das Bewusste sie nicht wollte. Und in diesem Nicht-Wollen, diesem Leugnen liegt das Problem. Das Problem ist nicht, dass Menschen solche GefĂŒhle haben, sondern vielmehr, dass sie ein Bewusstsein haben, welches oft nicht willens ist, sich diesen GefĂŒhlen zu stellen und den Schmerz des Umganges mit ihnen zu ertragen, sondern sie lieber unter den Teppich kehrt.

Eine dritte Art, auf die das Unbewusste in Erscheinung tritt und zu uns spricht, wenn wir es hören wollen, ist unser Verhalten. Ich meine hier Versprecher und andere „Fehler“ im Verhalten oder „Freudsche Fehlleistungen.“

Wenn ein Patient in einer Therapie eine Fehlleistung bringt, ist dieses Vorkommnis immer hilfreich fĂŒr den therapeutischen Heilungsprozess. Fehlleistungen drĂŒcken die verleugneten GefĂŒhle aus, ob negativ oder positiv. Sie bringen die Wahrheit ans Licht. Sie zeigen, wie die Dinge wirklich sind, und nicht, wie wir sie gerne hĂ€tten.

Aufgrund zahlreicher Faktoren unterscheidet sich unsere bewusste Selbstvorstellung fast immer mehr oder weniger von der RealitĂ€t dessen, was wir wirklich sind. Eine grosse und wesentliche Aufgabe bei unserer spirituellen Entwicklung ist das stĂ€ndige BemĂŒhen, unsere bewusste Selbstvorstellung in immer grössere Übereinstimmung mit der RealitĂ€t zu bringen. Wenn ein grosser Teil dieser Aufgabe relativ rasch erfĂŒllt wurde, fĂŒhlt man sich wie neu geboren.

Das Wunder der SerendipitÀt

(S.: bezeichnet den sog. GlĂŒcklichen Zufall, der zu einem Erkenntnisfortschritt fĂŒhrt, also etwa unerwartete und ungeplante Zufallsentdeckungen im Verlauf eines Forschungsvorganges.)

Peck schildert verschiedene PhĂ€nomene: Bei zwei Personen tauchen im Traum die selben Bilderfolgen auf; C.G. Jung hört einer Patientin zu, die von einem KĂ€fer im Traum erzĂ€hlt, zur selben Zeit fliegt ein solcher KĂ€fer gegen das Sprechzimmerfenster; Peck kommt nicht weiter bei seinem Buch, da wird ihm ein BĂŒchlein ĂŒbergeben, das die Lösung bringt ...

„GegenwĂ€rtig kann ich nur den sehr starken, aber „unwissenschaftlichen“ Eindruck Ă€ussern, dass die HĂ€ufigkeit solcher statistisch unwahrscheinlichen Ereignisse, die eindeutig nĂŒtzlich sind, wesentlich grösser ist als die schĂ€dlicher Geschehnisse.“

SerendipitÀt kommt bei jedem von uns vor, doch hÀufig erkennen wir sie nicht; wir finden solche Ereignisse ganz unwichtig und machen sie uns folglich auch nicht voll zunutze.

Definition der Gnade

Die bisher beschriebenen PhÀnomene haben einiges gemeinsam:

a) Sie dienen dazu, das menschliche Leben und das spirituelle Wachstum zu nÀhren.

b) Der Mechanismus ihres Wirkens ist nur teilweise oder gar nicht verstÀndlich.

c) Ihr Vorkommen ist universal.

d) Ihr Ursprung liegt ausserhalb des bewussten Wollens und der bewussten Entscheidungsprozessen.

Die allgemeine Verbreitung dieser PhÀnomene weist darauf hin, dass sie Manifestationen eines einzigen PhÀnomens sind: einer mÀchtigen Kraft. Diese Kraft ist von religiösen Menschen schon immer erkannt worden; sie gaben ihr den Namen Gnade und lobten und priesen sie.

Wir können diese Kraft nicht messen. Dennoch existiert sie. Sollen wir uns der Tunnelsicht bedienen und sie ignorieren, weil sie nicht so leicht in den traditionellen wissenschaftlichen Begriffen des Naturgesetzes unterzubringen sind? Ich glaube aber, dass wir nicht zu einem vollen VerstÀndnis des Kosmos, des Platzes der Menschen in diesem Kosmos und folglich der Natur des Menschen selbst gelangen, ohne das PhÀnomen der Gnade in unseren begrifflichen Rahmen aufzunehmen.

Das Wunder der Evolution

Spirituelles Wachstum ist die Evolution des Individuums. Die physikalische Evolution ist letztlich ein Wunder, denn sie widerspricht dem 2. Thermodynamischen Hauptsatz, wonach die Energie von Natur aus von einem Zustand grösserer Organisation zu einem Zustand geringerer Organisation fliesst. Der Fluss der Evolution lÀuft gegen die Kraft der Entropie.

Auch der Prozess des spirituellen Wachstums ist anstrengend. Er arbeitet auch gegen den natĂŒrlichen Widerstand, gegen eine natĂŒrliche Neigung, die Dinge so zu lassen, wie sie waren, an den alten Landkarten und alten Verhaltensweisen zu hĂ€ngen und den leichtesten Weg zu gehen. Wie im Fall der physikalischen Evolution besteht das Wunder darin, dass der Widerstand ĂŒberwunden wird. Wir wachsen. Es gibt eine Kraft, die uns auf irgendeine Weise drĂ€ngt, den schwierigeren Weg zu wĂ€hlen und aus dem Sumpf und Schlamm herauszukommen, in den wir so oft hineingeboren werden. Wer aber Wachstum erreicht, erfreut sich nicht nur der FrĂŒchte dieses Wachstums, sondern gibt es auch an die Welt weiter. Indem wir uns als Individuen weiterentwickeln, entwickelt sich auch die Menschheit.

Was aber ist diese Kraft, die uns als Individuen und als Spezies gegen den Widerstand unserer eigenen Lethargie zum Wachstum drÀngt? Es ist die Liebe. Liebe ist die Ausdehnung des Selbst, ist der eigentliche Akt der Evolution. Inmitten der Menschheit ist die Liebe die wunderbare Kraft, die dem Naturgesetz der Entropie trotzt.

Das Alpha und das Omega

Es bleibt jedoch noch immer die Frage: Woher kommt die Liebe? Oder: Woher kommt die gesamte Kraft der Evolution? Woher kommt die mÀchtige Kraft, die ihren Ursprung ausserhalb des menschlichen Bewusstseins hat und die das spirituelle Wachstum fördert?

Die „Wissenschaft“ kann diese Fragen nicht beantworten, weil sie zu grundlegend sind. Wir wissen z.B. auch nicht wirklich, was ElektrizitĂ€t ist.

Um die Wunder der Gnade und der Evolution zu erklĂ€ren stellen wir die Hypothese von der Existenz eines Gottes auf, der wĂŒnscht, dass wir wachsen – eines Gottes, der uns liebt. Vielen erscheint diese Hypothese zu einfach, zu kindlich. Doch was haben wir anderes? Die Gegebenheiten mit Hilfe des Tunnelblickes zu ignorieren, ist keine Antwort. Wir können keine Antwort erhalten, indem wir die Frage nicht stellen.

Wir können weiter fragen: Auf was hin sollen wir wachsen? Was will Gott von uns? Wo ist der Endpunkt der Evolution?

Wenn wir darĂŒber nachdenken kommen wir zu einem einzigen Schluss: Gott will, dass wir Er werden. Wir wachsen auf die Gottheit hin. Gott ist der Ursprung und das Ziel der Evolution. Das meinen wir, wenn wir sagen, Er sei das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende.

Das ist auch ein erschreckender Gedanke. Denn es ist eine Sache an einen netten, alten Gott zu glauben, der fĂŒr uns aus seiner Höhe herab sorgt. Eine ganz andere Sache ist es, an einen  Gott zu glauben, der eben gerade will, dass wir seine Stellung, seine Macht, Seine Weisheit, seine IdentitĂ€t erreichen. Eigentlich wollen wir Gottes Verantwortung nicht. Wenn Gott unerreichbar ist, dann brauchen wir ĂŒber unser spirituelles Wachstum keine Sorgen zu machen, brauchen uns nicht um liebendes Handeln zu bemĂŒhen; wir können uns entspannen. Wenn Gott im Himmel ist und wir hier unten, dann können wir ihm alle Verantwortung ĂŒberlassen. Sobald wir aber glauben, dass es dem Menschen möglich ist, Gott zu werden, können wir niemals lange rasten, niemals sagen: „Meine Aufgabe ist erledigt.“ Der Gedanke, dass Gott uns aktiv fördert, damit wir heranwachsen und werden wie er, konfrontiert uns mit unserer eigenen TrĂ€gheit.

Entropie und ErbsĂŒnde

Da sich dieses Buch mit spirituellem Wachsen befasst, beschĂ€ftigt es sich auch mit den Hindernissen fĂŒr dieses Wachstum.

Letztlich gibt es nur ein Hindernis, und das ist die TrÀgheit. TrÀgheit ist das Gegenteil von Liebe. TrÀgheit ist die Kraft der Entropie, wie sie sich in unser aller Leben manifestiert.

In der Geschichte von der Schlange im Paradies ist entscheidend, das was fehlt. Weshalb haben Adam und Eva nach dem GesprĂ€ch mit der Schlange Gott nicht gefragt: „Weshalb sollen wir nicht von der Frucht essen?“ Sie machten sich die MĂŒhe nicht, Gott aufzusuchen und ihn zu fragen. Sie hörten auf die Schlange, doch sie hörten sich nicht Gottes Seite der Geschichte an, ehe sie handelten. Warum dieser Fehlschlag? Es fehlte das Zwischenstadium des Disputes. Dass wir den Disput zwischen Gut und Böse nicht fĂŒhren, ist die Ursache der Bösen Handlung. Wenn sie ĂŒber eine mögliche Handlung disputieren, versĂ€umen es menschliche Wesen gewöhnlich, Gottes Standpunkt dazu einzuholen. Dieses VersĂ€umnis ist eine Folge der TrĂ€gheit. Es erfordert Arbeit, diesen inneren Disput zu fĂŒhren. Es erfordert Zeit und Energie. Wenn wir Gott in uns zuhören, dann stellen wir gewöhnlich fest, dass er uns drĂ€ngt, den schwierigen Weg einzuschlagen, den Weg der grösseren Anstrengung. Diesen Disput zu fĂŒhren bedeutet, sich Leid und Kampf zu öffnen.

Die ErbsĂŒnde existiert also, es ist unsere TrĂ€gheit. Sie ist sehr real und existiert in jedem von uns. Es ist die Kraft der Entropie in uns, die uns nach unten drĂŒckt. Eine der wichtigsten Formen, die diese TrĂ€gheit annimmt, ist die Furcht. Zwar ist nicht jede Furcht auch TrĂ€gheit, aber viel von unserer Furcht ist Angst vor der VerĂ€nderung. Es bedeutet z.B. Arbeit die eigenen Landkarten immer wieder zu revidieren. Folglich bekĂ€mpfen wir neue Informationen oft. Auch in der Liebe sollten wir uns ausdehnen und neues Land betreten. Auch hier fĂŒrchten wir das Neue. Auch Eva und Adam versuchten die AbkĂŒrzung zu nehmen um an neues Wissen zu gelangen.

Gott zu befragen, mag uns eine Menge Arbeit kosten. Doch die Moral von der Geschichte ist, dass es getan werden muss.

Psychotherapeuten wissen, dass die Patienten zwar zu ihnen kommen, weil sie eine VerĂ€nderung anstreben, dass sie gleichzeitig aber nichts so sehr fĂŒrchten wie VerĂ€nderung – die Arbeit der VerĂ€nderung. Sie ziehen die Aufrechterhaltung des Status quo der ungeheuren Anstrengung vor, die nötig wĂ€re, um aus ihrer speziellen Sackgasse herauszukommen.

Am Anfang des spirituellen Wachsens sind sich die Menschen ihrer eigenen TrĂ€gheit meist nicht bewusst und verkleiden sie daher unter allen möglichen Rationalisierungen, die zu durchschauen oder zu bekĂ€mpfen der wachstumsbereite Teil des Selbst noch zu schwach ist. Aber TrĂ€gheit als das zu erkennen, was sie ist, und sie sich selbst einzugestehen, ist der Beginn ihrer Überwindung.

Wir alle haben ein krankes und ein gesundes Selbst. Ganz gleich, wie neurotisch oder sogar psychotisch wir sein mögen. Es gibt immer einen Teil von uns, und sei er noch so klein, der will, dass wir wachsen, der VerĂ€nderung liebt, der sich von Neuem angezogen fĂŒhlt und der bereit ist, die Arbeit zu leisten und die Risiken auf sich zu nehmen, die mit spiritueller Entwicklung verbunden sind. Auch das Umgekehrte gilt. Das gesunde Selbst muss daher immer auf der Hut sein vor der TrĂ€gheit des kranken Selbst, das noch in uns lauert. In dieser Beziehung sind wir Menschen alle gleich. In jedem von uns ist die ErbsĂŒnde der TrĂ€gheit, die allgegenwĂ€rtige Kraft der Entropie, die uns zurĂŒckdrĂ€ngt in die Kindheit, in den Mutterschoss und in den Sumpf, aus dem wir uns entwickelt haben.

Das Problem des Bösen

Das Problem des Bösen ist vielleicht das grösste aller theologischen Probleme. Trotzdem hat die Psychologie meist so verhalten, als existiere das Böse nicht.

Hinsichtlich der Natur des Bösen bin ich zu vier Schlussfolgerungen gelangt:

  1. Das Böse ist real und versucht das Licht auszulöschen, weil es im Lichte selbst offenbart wĂŒrde. Böse Menschen hassen das Gute, weil es ihnen ihre Schlechtigkeit offenbart. Sie hassen die Liebe, weil sie ihnen ihre TrĂ€gheit zeigt. Sie werden das Licht, das Gute und die Liebe zerstören, um dem Schmerz dieser Selbsterkenntnis zu entgehen.
  2. Das Böse ist die auf die Spitze getriebene Faulheit und TrĂ€gheit. In der Definition ist die Liebe die Antithese zur TrĂ€gheit. Wirklich böse Menschen vermeiden es aktiv, sich auszudehnen. Sie tun alles, um ihre TrĂ€gheit zu schĂŒtzen. Da spirituelle Reife ihr krankes Selbst bedroht, versuchen sie mit allen Mitteln, die spirituelle Gesundheit der Menschen in ihrer Umgebung zu zerstören. Das Böse ĂŒbt Macht aus. Es versucht andere mit Zwang dem eigenen Willen zu unterwerfen, um die Ausdehnung des eigenen Selbst zu vermeiden.
  3. Die Existenz des Bösen ist unvermeidlich. In Anbetracht der Kraft der Entropie und der Tatsache, dass die Menschen einen freien Willen besitzen, ist es nicht zu umgehen, dass die TrĂ€gheit im Menschen vorkommt. Die Kraft der Liebe und die Entropie stehen miteinander in Konflikt, und ihre ReprĂ€sentanten bekĂ€mpfen einander. Es ist daher natĂŒrlich, dass das Böse das Gute hasst und umgekehrt.
  4. Unwissentlich dient das Böse als Leuchtturm, der andere vor den Klippen warnt. Da die meisten von uns mit einem fast instinktiven Abscheu vor der Scheusslichkeit des Bösen begnadet sind, wird unsere eigene Persönlichkeit durch das Bewusstsein seiner Existenz gelÀutert, wenn wir seine Gegenwart erkennen. Es war das Böse, das Christus ans Kreuz schlug, doch so ermöglichte es uns, ihn auch von weitem wahrzunehmen.

Unsere Beteiligung am Kampf gegen das Böse in der Welt ist eine der Möglichkeiten, durch die wir wachsen.

Die Evolution des Bewusstseins

Wir sind nun an dem Punkt angelangt, an dem wir spirituelles Wachstum als Wachstum oder Evolution des Bewusstseins definieren können.

Die Entwicklung des Bewusstseins ist die Entwicklung bewussten Wissens gemeinsam mit  unserem Unbewussten, das dieses Wissen bereits besitzt. Es handelt sich um die Synchronisation von Bewusstsein und Unbewusstem.

Wir haben aber noch nicht geklĂ€rt, weshalb das Unbewusste all das Wissen schon besitzt, das wir noch nicht bewusst erworben haben. Hier können wir nur Hypothesen aufstellen. Und wieder kenne ich keine ĂŒberzeugendere als die Hypothese eines Gottes, der ein Teil von uns ist. Der nĂ€chstgelegene Ort, an dem wir nach der Gnade suchen können - ist in uns selbst. Die Überschneidung zwischen Gott und Mensch liegt zumindest teilweise in der Überschneidung zwischen unserem Bewusstsein und unserem Unbewussten. Unser Unbewusstes ist Gott – Gott in uns. Dieses Konzept gleicht der christlichen Lehre vom Heiligen Geist, der in uns wohnt.

C.G. Jung teilte das Unbewusste ein in das oberflĂ€chlichere, individuelle „persönliche“ Unbewusste und das tiefere „kollektive“ Unbewusste, das den Menschen gemeinsam ist. Aus meiner Sicht ist das kollektive Unbewusste Gott; das Bewusstsein ist der Mensch als Individuum, und das persönliche Unbewusste ist die Überschneidung zwischen beiden. Als solche muss es zwangslĂ€ufig Schauplatz einigen Aufruhrs zwischen dem Willen Gottes und dem Willen des Individuums sein. So enthalten TrĂ€ume Botschaften von liebender Weisheit aber auch Zeichen von Konflikten. Die meisten Psychotherapeuten siedeln psychische Krankheiten im Unbewussten an. Ich vertrete die entgegengesetzte Ansicht. Ich glaube, dass seelische Defekte Störungen des Bewusstseins sind. Weil sich unser bewusstes Selbst sich unserem Unbewussten widersetzt werden wir krank. Mit anderen Worten: Geistig-seelische Krankheit tritt dann auf, wenn der bewusste Wille des Individuums erheblich vom Willen Gottes abweicht, nĂ€mlich dem eigenen unbewussten Willen des Individuums.

Ich habe gesagt, das letzte Ziel spirituellen Wachstums sei, dass das Individuum eins werde mit Gott, Dass es Gott erkenne. Da das Unbewusste in seiner Ganzheit Gott ist, können wir das Ziel spirituellen Wachstums auch definieren als das Erreichen der Gottheit durch das bewusste Selbst. Wenn wir als Erwachsene, die fÀhig sind unabhÀngige Entscheide zu treffen, die die Welt beeinflussen, unseren reifen, freien Willen mit dem Willen Gottes identifizieren können, dann hat Gott durch unser bewusstes Ich eine neue und wirksame Lebensform angenommen. Wir sind dann sozusagen Gottes rechte Hand geworden. Und soweit wir dann durch unsere bewussten Entscheidungen fÀhig sind, die Welt nach seinem Willen zu beeinflussen, wird unser Leben selbst zu einem Vermittler der Gnade Gottes und schaffen Liebe, wo vorher keine war.

Die Natur der Macht

Es gibt zwei Arten der Macht – politische und spirituelle.

Politische Macht ist die FĂ€higkeit, andere offen oder verdeckt dazu zu zwingen, dem Willen der MĂ€chtigen zu gehorchen. Sie beruht auf einer Stellung oder auf Geld und nicht auf der Person, die die Stellung innehat oder das Geld besitzt. Diese Macht ist nicht verbunden mit GĂŒte und Weisheit.

Spirituelle Macht wohnt ganz im Individuum. Es ist die FĂ€higkeit, Entscheidungen mit einem Maximum an Bewusstsein zu treffen. Die meisten Menschen handeln aber mit geringem VerstĂ€ndnis fĂŒr ihre eigene Motivation und ohne die Folgewirkungen ihrer Entscheidungen zu erkennen.

Nihilisten meinen, dass wir im Meer von Unwissenheit sinnvolle Ziele nicht finden können.

Andere wagen zu hoffen, sie könnten sich selbst aus der Unwissenheit herausarbeiten. Ja, das ist möglich. Doch dieses grössere Bewusstsein erreicht man nicht durch einen einmaligen Erleuchtungsblitz. Es muss erarbeitet werden durch geduldiges BemĂŒhen, alle Dinge zu studieren. Solche Menschen sind bescheidene SchĂŒler, denn dieser Weg, ist ein Weg langsamen Lernens. Doch allmĂ€hlich bekommen die Dinge einen Sinn. Wir können spirituelle Macht erlangen.

Im Grunde ist diese Macht freudvoll. Denn es befriedigt, zu wissen, was wir tun. Da ist aber noch eine andere Freude. Es ist die Freude der Kommunion mit Gott. Denn wenn wir wissen, was wir tun, dann haben wir teil an der Allwissenheit Gottes. Diese teilhabe macht bescheiden, denn man erkennt, dass die eigene Macht nur eine winzige Äusserung einer viel grösseren Macht ist. Wenn man sagen kann: „Dein Wille geschehe,“ dann bringt das einen Verlust des Selbst, und dieser Verlust bringt eine ruhige Ekstase mit sich. Denn im Bewusstsein der engen Verbindung mit Gott, erleben diese Menschen eine Aufhebung der Einsamkeit.

Es ist leicht, mit nur wenig Wissen zu handeln. Je mehr wir aber wissen, desto komplexer werden die Entscheidungen. Das kann uns lÀhmen. Spirituelle Macht ist also nicht nur Bewusstsein; sie ist auch die FÀhigkeit, mit immer grösserem Bewusstsein noch immer Entscheidungen zu treffen. So bedeutet es an der Allwissenheit Gottes teilzuhaben, auch an seiner Qual teilzuhaben, die durch seine Allwissenheit bei Entscheidungen entsteht.

Die Macht fĂŒhrt auch zur Einsamkeit. Man ist ganz alleine verantwortlich. Ein schmerzliches Thema des Evangeliums ist die stĂ€ndige Frustration Christi darĂŒber, dass er niemanden fand, der ihn verstehen konnte. Dieses Alleinsein ist eine solche BĂŒrde, dass es einfach unertrĂ€glich wĂ€re, wenn nicht im gleichen VerhĂ€ltnis wie unser Abstand zu den Menschen unsere NĂ€he zu Gott wachsen wĂŒrde. In dieser GottesnĂ€he liegt aber genĂŒgend Freude, um uns zu stĂŒtzen.

Gnade und geistig-seelische Krankheit: Der Mythos des Orest

Bisher wurden verschiedene Aussagen gemacht:

  • Neurose ist immer ein Ersatz fĂŒr legitimes Leiden.
  • Seelische Gesundheit ist Bindung an die Wahrheit um jeden Preis.
  • Geistig-seelische Krankheit tritt auf, wenn der bewusste Wille des Individuums erheblich vom Willen Gottes abweicht.

Nun sollen diese Aussagen zusammengefĂŒhrt werden.

Viele Aspekte der realen Welt sind leidvoll. Indem wir gewisse Tatsachen aus unserem Bewusstsein drĂ€ngen, versuchen wir diese Aspekte zu ignorieren. Mit diesen Abwehrmechanismen beschrĂ€nken wir unser Bewusstsein. Das kann so weit fĂŒhren, dass unser WeltverstĂ€ndnis fast keinen Bezug zu RealitĂ€t mehr hat. Weil unser Verhalten aber auf unserem VerstĂ€ndnis beruht, wird auch unser Verhalten unrealistisch. Dadurch verliert man die BerĂŒhrung zur Wirklichkeit, und man wird fĂŒr krank gehalten. Doch schon lange bevor unsere Mitmenschen uns fĂŒr krank halten, weist uns unser Unbewusstes auf unsere zunehmende Fehlanpassung hin, mit schlechten TrĂ€umen, AngstanfĂ€llen, Depressionen und anderen Symptomen. Das Unbewusste versucht und herauszuhelfen und unserem Bewusstsein zu vermitteln, dass etwas nicht stimmt. Mit anderen Worten, die schmerzhaften und unerwĂŒnschten Symptome geistig-seelischer Krankheit sind Manifestationen der Gnade. Die unangenehmen Symptome einer seelischen Erkrankung dienen dazu, den Menschen zu zeigen, dass sie den falschen Weg eingeschlagen haben, dass ihr Geist nicht wĂ€chst und dass sie in ernster Gefahr sind. Symptome und Krankheit sind aber nicht dasselbe. Die Krankheit besteht schon lange vor den Symptomen.

Wie es bei der Gnade hĂ€ufig der Fall ist, weisen die meisten Menschen diese Gabe zurĂŒck und nehmen die Botschaft nicht an. Sie tun dies auf die verschiedensten Arten, doch alle stellen Versuche dar, der Verantwortung fĂŒr die eigene Krankheit auszuweichen. Sie versuchen die Symptome zu ignorieren, indem sie behaupten, jeder habe ja von Zeit zu Zeit diese kleinen AnfĂ€lle. Sie suchen ihnen zu entgehen, indem sie die Stellung wechseln oder nicht mehr Auto fahren, gewisse AktivitĂ€ten meiden etc. oder versuchen sich durch Schmerzmittel, Alkohol etc. von den Symptomen zu befreien. Selbst wenn sie die Symptome noch bejahen, machen sie oft auf subtile Art die Umwelt dafĂŒr verantwortlich: die Angehörigen, falsche Freunde, die Firma oder das Schicksal.

Nur die wenigen Menschen, die die Verantwortung fĂŒr ihre Symptome akzeptieren, die erkennen, dass sie Ausdruck einer Störung in ihrer eigenen Seele sind, nehmen die Botschaft ihres Unbewussten an und akzeptieren die Gnade. Sie akzeptieren die eigene UnzulĂ€nglichkeit und den Schmerz der Arbeit, die zur Heilung notwendig ist. DafĂŒr werden sie aber reich belohnt. Von ihnen sprach Christus: „Selig die Armen im Geiste“.

Das Beschriebene wir nun am Mythos von Orest und den Furien illustriert.

Der Prozess der Bewusstwerdung ist nicht leicht. Daher brechen die meisten Patienten eine Therapie ab, sobald sie erkennen, dass sie gezwungen werden, die volle Verantwortung fĂŒr ihren Zustand und seine Heilung zu ĂŒbernehmen. Lieber bleiben sie krank und geben den Göttern die Schuld, als dass sie gesund werden und nie wieder anderen die Schuld geben können. HĂ€ufig wehrt sich der Patient wie ein trotziges Kind auf dem ganzen Weg bis zur Anerkennung seiner vollen Verantwortung fĂŒr sich selbst.

Diejenigen, die sich ihrer seelischen Krankheit gestellt haben, die die volle Verantwortung dafĂŒr ĂŒbernommen und in sich selbst die notwendigen VerĂ€nderungen zu ihrer Überwindung vorgenommen haben, sind nicht nur geheilt und frei von den FlĂŒchen der Kindheit und ihrer Vorfahren, sondern stellen auch fest, dass sie in einer neuen und anderen Welt leben. Was sie frĂŒher als Problem wahrnahmen, nehmen sie jetzt als Chance wahr. FrĂŒher verleugnete GefĂŒhle werden zu Quellen von Energie und FĂŒhrung. Dinge, die frĂŒher als Last erschienen, wirken jetzt als gute Gabe, einschliesslich der Symptome, die geheilt wurden. Selbst wenn sie die Therapie ohne Glauben an Gott verlassen, gehen solche Patienten doch im Allgemeinen mit einem sehr realen GefĂŒhl fort, von der Gnade berĂŒhrt worden zu sein.

Widerstand gegen die Gnade

Beim Abschluss eines erfolgreichen Falles wĂŒrde ich gerne glaube, ich hĂ€tte den Patienten geheilt, doch ich weiss, dass ich in Wirklichkeit nicht mehr als ein Katalysator war – und dazu noch GlĂŒck hatte, da die Menschen sich letztlich selbst heilen.

Warum aber tun das nur so wenige? Der spirituelle Weg steht doch allen offen? Christus sagt: Viele sind berufen, aber nur wenige auserwÀhlt.

Einige Antworten werden in durch die klassischen Lehrmeinungen gegeben:

Heilung basiert auf unterschiedlicher Schwere der Pathologie.

Bei psychotischen Personen geht man davon aus, dass sie in den ersten neun Lebensmonaten von ihren Eltern ausserordentlich schlecht umsorgt wurde. Die daraus resultierenden Folgen können nur Àusserst schwer gebessert werden. Eine Heilung ist aber fast unmöglich.

Bei Charakterstörungen nimmt man an, dass die Betroffenen zwischen dem neunten Monat und zweiten Lebensjahr nicht angemessen umsorgt wurde. Die Erkrankung ist weniger schwer als bei den Psychotikern, aber dennoch schwer zu heilen.

Individuen mit Neurosen wurden irgendwann zwischen dem zweiten und dem fĂŒnften Lebensjahr schlecht umsorgt. Ihre Erkrankung gilt daher als weniger schwer und daher leichter zu behandeln.

Diese Betrachtungen lassen aber die elterliche Betreuung in der spĂ€teren Kindheit ausser Acht. Auch sagt die Schwere der Erkrankung nichts Definitives ĂŒber den Heilungserfolg aus. Zudem wird der Faktor des eigenen Willens zur Heilung zuwenig berĂŒcksichtigt. Peck glaubt, dass dieser Wille, der entscheidende Faktor fĂŒr Erfolg oder Misserfolg in der Therapie ist. Dieser Wille zum Wachsen ist in seiner Essenz dasselbe PhĂ€nomen wie die Liebe, denn wirklich liebende Menschen sind wachsende Menschen. Die Liebe wird zwar von den Eltern genĂ€hrt. Die elterliche FĂŒrsorge erklĂ€rt aber noch nicht alleine diese FĂ€higkeit. Die FĂ€higkeit zu lieben wird auch durch die Gnade oder die Liebe Gottes genĂ€hrt. Diese Liebe wirkt im Unbewussten, durch andere Personen, sowie auf zusĂ€tzliche Arten, die wir nicht kennen. Aufgrund der Gnade ist es den Menschen möglich, die Traumata liebloser elterlicher Betreuung zu ĂŒberwinden.

Weshalb entwickeln sich aber nur einige zu liebevollen Personen? Die Gnade steht doch allen zur VerfĂŒgung. Die einzige Antwort, die gegeben werden kann ist die, dass sich einige dafĂŒr entscheiden, den Ruf der Gnade nicht zu hören. Der obige Satz von Jesus könnte so umformuliert werden: „Jeder von uns wird zur Gnade und von der Gnade gerufen, aber nur wenige entscheiden sich dafĂŒr, diesen Ruf zu hören.“

Aber warum entscheiden sich nur so wenige fĂŒr den Ruf der Gnade? Die Antwort wurde schon gegeben: Es ist unsere TrĂ€gheit, die Entropie, die ErbsĂŒnde, mit der wir alle geschlagen sind. Es ist nur natĂŒrlich, dass wir vor der Schwere zurĂŒckschrecken, die das spirituelle Wachstum mit sich bringt.


Es ist eine Tatsache, dass psychische Probleme mit bemerkenswerter HĂ€ufigkeit dann auftreten, wenn der Betroffene kurz zuvor in eine Position grösserer Macht und Verantwortung befördert worden ist (Beförderungsneurose). Mit dem spirituellen Wachstum ist es ebenso, wie mit dem Berufsleben. Der Ruf der Gnade ist eine Beförderung. Sich der Gnade, der Gegenwart Gottes bewusst zu sein, fĂŒhrt zu einer inneren Ruhe und einem Frieden. Andererseits bringt dieses Bewusstsein aber auch eine enorme Verantwortung. Denn, wenn man die NĂ€he Gottes erlebt, erfĂ€hrt man auch die Verpflichtung, Gott zu sein, Vermittler seiner Macht und Liebe zu sein. Der Ruf zur Gnade ist ein Ruf zu einem Leben anstrengender FĂŒrsorge, des Dienens und aller dazu erforderlichen Opfer. Es ist der Ruf, der Menschheit gegenĂŒber wie ein Vater oder wie eine Mutter zu handeln. So ist es kein Wunder, dass Patienten wenig Geschmack an der Macht finden, die echte psychische Gesundheit begleitet. Psychotherapeuten sind vertraut mit der Tatsache, dass die Menschen im allgemeinen Angst vor psychischer Gesundheit haben. So besteht eine wesentliche Aufgabe des Therapeuten auch darin, gesundende Menschen durch eine Mischung von Trost, Beruhigung und Strenge daran zu hindern, von dieser Erfahrung davonzulaufen. Aspekte dieser Angst sind ziemlich legitim und an sich nicht ungesund: Die Angst, dass man die gewonnene Macht missbrauchen könnte. Sind meine Sorgfalt und meine Liebe ausreichend, um mich zu leiten? Diese BefĂŒrchtungen sind aber schon Bestandteil der Sorgfalt und Liebe und daher nĂŒtzlich zur Selbstbeherrschung, die vor dem Machtmissbrauch bewahrt. Daher sollte man sie nicht beiseite schieben. Sie sollten aber auch nicht so gross sein, dass sie uns Hindern die gegebene Macht zu ĂŒbernehmen.

FĂŒr die meisten ist aber nicht diese Angst der zentrale Punkt ihres Widerstandes gegen die Gnade. Die Meisten sind wie Kinder. Sie glauben, dass die Freiheit und Macht des Erwachsenseins ihnen zusteht, finden aber wenig Geschmack an der erwachsenen Verantwortung und Selbstdisziplin. In eine Position zu gelangen, in der wir nur noch uns selber die Schuld geben können, ist eine Furcht erregende Sache. Wenn wir in dieser gehobenen Position nicht Gottes Gegenwart spĂŒren, wĂ€ren wir entsetzlich allein. Doch die meisten Menschen wollen Frieden, ohne das Alleinsein der Macht, und sie wollen das Selbstvertrauen des Erwachsenseins, ohne erwachsen werden zu mĂŒssen.

Es bleibt die Frage: Was unterscheidet die Wenige von den Vielen? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Christus selbst sprach von der Unvorhersehbarkeit der Gnade: „Der Wind weht, wo er will.“ So können wir zwar vieles ĂŒber das PhĂ€nomen der Gnade sagen, doch am Ende mĂŒssen wir seine geheimnisvolle Natur einfach zur Kenntnis nehmen.

Willkommenheissen der Gnade

Bisher schien in diesem Buch spirituelles Wachstum etwas zu sein, das man erlernen könne. Es ist auch eine Sache der Wahl, ob wir von der Gnade gesegnet werden oder nicht. Im Grunde sage ich damit: Gnade ist verdient. Und ich weiss, dass das wahr ist.

Gleichzeitig weiss ich jedoch, dass das keineswegs so ist, denn die Gnade kommt zu uns. Es kann auch sein, dass wir sie gar nicht suchen, und sie uns doch findet. Auf einer Ebene treffen wir tatsÀchlich die Wahl, ob wir den Ruf der Gnade beachten oder nicht, doch auf einer anderen Ebene scheint es klar, dass Gott derjenige ist, der die Wahl trifft. Gerade jene, die der Gnade am nÀchsten sind, sind sich am meisten der geheimnisvollen Natur der Gnade bewusst.

Wie lösen wir dieses Problem? Überhaupt nicht.

Wir können höchstens sagen, dass wir zwar durch unseren Willen die Gnade nicht erreichen können, dass wir aber unseren Willen dazu benutzen können, uns ihrem geheimnisvollen Kommen zu öffnen. Wir können uns selbst zu fruchtbarem Boden machen, zu einem Ort, der die Gnade willkommen heisst.

Das gilt auch fĂŒr die Liebe: Wenn wir nach der Liebe suchen – wenn wir erwarten, geliebt zu werden -, können wir das nicht erreichen; wir werden fordernd und abhĂ€ngig statt wirklich liebend. Wenn wir aber uns selbst und andere nĂ€hren ohne das vordringliche Ziel, dafĂŒr belohnt zu werden, dann sind wir liebenswert geworden, und die Belohnung des Geliebtwerdens findet uns.  So ist es auch mit der Liebe Gottes.

Es gibt Menschen die jeden Schritt auf dem spirituellen Weg vorgezeigt erhalten haben möchten. Die spirituelle Reise erfordert aber Mut und Initiative und UnabhĂ€ngigkeit im Denken und Handeln. Zwar stehen die Worte der Propheten und die Gnade zur VerfĂŒgung, doch den Weg muss man alleine zurĂŒcklegen. Kein Lehrer kann uns zum Ziel bringen. Es gibt keine Worte und Lehren, die den spirituell Reisenden der Notwendigkeit entheben, seine eigene Methode zu suchen, mit Anstrengung und Angst seinen eigenen Weg durch die einzigartigen UmstĂ€nde seines Lebens zur Identifikation mit Gott zu finden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse der Neuzeit förderten die Ansicht, dass unser Leben bedeutungslos sei. Sobald wir aber einmal die RealitĂ€t der Gnade spĂŒren, wird unser VerstĂ€ndnis unserer selbst als sinnlos und bedeutungslos erschĂŒttert. Die Tatsache, dass es jenseits unserer selbst und unseres bewussten Willens eine mĂ€chtige Kraft gibt, die unser Wachstum fördert, reicht aus, um unsere Vorstellung von der eigenen Bedeutungslosigkeit umzustĂŒrzen. Denn die Existenz dieser Kraft – sobald wir sie einmal wahrnehmen – zeigt mit Gewissheit, dass unser Wachstum von grösster Bedeutung fĂŒr etwas Grösseres als uns selbst ist. Dieses Etwas nennen wir Gott. Die Existenz der Gnade ist ein prima facie-Beweis nicht nur fĂŒr die RealitĂ€t Gottes, sondern auch dafĂŒr, dass Gottes Wille auf das Wachstum des Menschen gerichtet ist. Wir leben unser Leben unter den Augen Gottes, unter seiner FĂŒrsorge.

Durch die Gnade wissen wir, dass wir willkommen sind. Was können wir mehr verlangen?