«Die Berufung weiterführen» - Leiterwechsel in der VBG

«Die Berufung weiterführen» - Leiterwechsel in der VBG

von Jonas Bärtschi, Benedikt Walker, Christoph Egeler | 24.06.2015

Ende August übergibt Benedikt Walker die Leitung der VBG an Christoph Egeler. Wichtig für den neuen Leiter ist die Vernetzung mit anderen Organisationen und eine konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Zielgruppe. Jonas Bärtschi stellte dem alten und dem neuen Gesamtleiter einige spannende Fragen.

Benedikt Walker, du hast vor 20 Jahren deine Arbeit bei der VBG begonnen.Was hat dich über alle die Jahre motiviert, dabeizubleiben?
BW: Ich begegnete in der VBG Menschen, mit denen ich über meine Lebens und Glaubensfragen diskutieren konnte, ohne dabei als Person in Frage gestellt zu werden oder den Glauben abgesprochen zu bekommen. Dieses Umfeld ermutigte mich, meine Grundsätze im positiven Sinn immer wieder zu hinterfragen.


Was ist heute anders als damals?
BW: Vor zwanzig Jahren befand sich das VBG-Sekretariat in einem Zürcher Wohnquartier, heute ist es ein zentral gelegener Begegnungsort. Weiter wandelte sich das VBG-Magazin «Bausteine» vom Themenheft zu einer Mitgliederzeitschrift mit Beiträgen aus der aktuellen Arbeit. Drittens ist das gemeinsame Bibellesen bei Sitzungen unter den Angestellten kaum mehr wegzudenken – nicht als Referat oder Auslegung, sondern als Begegnung miteinander und mit Gott. Ein vierter Punkt ist, dass die Arbeit aufgrund der veränderten juristischen Rahmenbedingungen komplexer geworden ist, etwa bei der Rechnungslegung nach Swiss GAAP FER 21 oder mit dem Gesamtarbeitsvertrag des Gastgewerbes, der in der Casa Moscia und im Campo Rasa gilt.


Christoph Egeler, was ist aus deiner Sicht unter der Leitung von Benedikt Walker weiterentwickelt worden?
CE: Ich denke vieles. Allem voran: Dass die VBG in der christlichen Landschaft der Schweiz bekannter und besser vernetzt ist. Und dass die Strukturen, Abläufe und das Auftreten gegen aussen professionalisiert wurden.


Was zeichnet die VBG innerhalb der christlichen Szene der Schweiz aus?
BW: Die VBG ist ein Ort, an dem ein bekennender Glaube an Jesus Christus gelebt wird und wo gleichzeitig Platz ist für persönliche Fragen an diesen Glauben. Diese Kombination ergibt einen Nährboden, auf dem vieles wachsen kann, zum Beispiel unsere zwei sehr unterschiedlichen Gruppenhefte «begründet glauben» und «Begegnungsort Bibel».


Christoph, was heisst das für die Zukunft der VBG?
CE: Als Bewegung hat die VBG eine Berufung, die wir so treu und so gut wie möglich ausleben sollten. Auf eine Weise, die den Kirchen und Gemeinden dient und andere christliche Bewegungen und Werke ergänzt statt konkurrenziert. Auf der Ebene der konkreten Arbeit ist eine wichtige Erkenntnis, dass wir die Menschen dort abholen müssen, wo sie sind, und dass wir ihre Bedürfnisse ernst nehmen – ohne dabei unsere Themen, Überzeugungen und Ziele aus den Augen zu verlieren.


Wo hinterlässt du Baustellen, Benedikt?
BW: Die grösste Baustelle ist das Campo Rasa. Viele Menschen haben schon viel Schönes an diesem Ort erleben dürfen. Es ist gut, dass die VBG das Campo hat, und es gibt spannende Träume zur Weiterentwicklung. Aufgrund der vielschichtigen Rahmenbedingungen ist die Umsetzung aber nicht so einfach. Für mich gibt es weiterhin etliche offene Fragen, wie ein langfristig funktionierendes Finanzierungsmodell bei allen wirtschaftlichen Herausforderungen und den Rahmenbedingungen durch den Gastrogesamtarbeitsvertrag aussieht.


Was sind für euch Schlüsselmomente aus der VBG-Zeit?
CE: Mitzuerleben, wie sich schüchterne, unsichere Erstsemestrige in kommunikative und selbstsichere Drittsemestrige verwandeln, die Verantwortung übernehmen. Zu spüren, wie wertvoll es für Teilnehmende eines Kurses war, wenn sie sich mir im persönlichen Gespräch anvertrauten. Bei einem Kaffee unverkrampft und sehr offen über den christlichen Glauben reden zu können mit einem Studenten, der sich als «Suchender » bezeichnet.

BW: Ein Schlüsselmoment meines Lebens ereignete sich vor knapp 30 Jahren an einem VBG-Regio-Anlass für Mittelschülerinnen und Mittelschüler – ich lernte meine heutige Frau Marianne kennen. Da soll noch einer sagen, der Bereich Schule arbeite nicht nachhaltig!

 

Christoph, was sind die Beweggründe für dein Engagement in der VBG?
CE: Es gibt ganz praktische Beweggründe für mein Engagement in der VBG, zum Beispiel, dass ich als ausgesprochener Generalist gut in diese sehr vielseitige Arbeit hineinpasse. Auf meinem persönlichen Lebens- und Glaubensweg waren zwei Kernanliegen der VBG besonders wichtig, nämlich die denkerische Auseinandersetzung mit dem Glauben sowie das Praktizieren eines ganzheitlichen Glaubens, der aus verschiedenen christlichen Traditionen schöpft. Nicht zuletzt arbeite ich seit knapp zehn Jahren in der VBG mit, weil mich der Auftrag fasziniert und ich von dessen Relevanz überzeugt bin: Menschen in der Welt der Bildung ganzheitlich begleiten und stärken, damit sie als Persönlichkeiten wachsen und der Gesellschaft zum Segen werden können. Ein solcher Glaube wird wahrgenommen und kann anderen Menschen die Liebe Gottes sichtbar machen.


Im September trittst du mit der VBG-Gesamtleitung eine anspruchsvolle neue Stelle an. Wie kannst du in hektischen Zeiten abschalten?
CE: Zum Beispiel alleine mit Gott auf einem Spaziergang in der Natur, als Gast in einem Kloster, beim Spielen mit den Kindern – oder wenn ich mich ganz auf Musik einlassen kann, sei es hörend oder spielend.


Worüber kannst du dich ärgern?
CE: Am meisten über Ungerechtigkeiten aller Art! Über die vielen Formen von Ungerechtigkeit in der Welt, aber auch ganz egoistisch, wenn ich mich selbst ungerecht behandelt fühle. Besonders ärgert es mich, wenn ungerechtfertigte Pauschal-Vorwürfe gegen Christen erhoben werden, etwa gegen gläubige Lehrpersonen oder christliche Organisationen im Bildungs- oder Sozialbereich.


Welche Leitungseigenschaften hättest du gerne?
CE: Leiten ist eine komplexe und vielschichtige Angelegenheit, entsprechend gibt es verschiedene Eigenschaften, die dafür nötig sind. Spezifisch möchte ich zwei Eigenschaften stärker entwickeln: das Vertrauen und das zielorientierte
Handeln. Ich möchte meinen Mitarbeitenden Vertrauen entgegenbringen und mich so verhalten, dass sie auch mir vertrauen können. Beim zielorientierten Handeln wiederum steht die Wirkung im Vordergrund – ich möchte
stets im Auge behalten, was wir als Bewegung erreichen und verändern.


Benedikt, was wird unter der Leitung von Christoph Egeler in der VBG weiterentwickelt werden?
BW: Ich bin kein Prophet und habe auch keine spezifischen Erwartungen an Christoph, wie er die VBG weiterentwickeln muss. Er ist ein besserer Redner als ich und wird sicher mehr Zeit und Energie für Referate aufwenden. Ich denke, dass er die VBG inhaltlich prägen und weiterentwickeln wird.


Christoph, wofür wird die VBG in zehn Jahren bekannt sein?
CE: Zuerst einmal wünsche ich mir, dass die VBG ganz grundsätzlich einen höheren Bekanntheitsgrad haben wird als heute. Darüber hinaus hoffe ich, dass die VBG in zehn Jahren noch stärker als Brückenbauerin zwischen christlichen Konfessionen und Denominationen wirken kann und für ihre Innovation und Lebendigkeit bekannt ist. Ich bin zuversichtlich, dass wir immer wieder Wege finden werden, unseren ganz spezifischen Auftrag zeitgemäss und von den Bedürfnissen der Menschen her umzusetzen.

 

Das Interview führte Jonas Bärtschi.

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