Die Bibel – heute noch aktuell?

Die Bibel – heute noch aktuell?

von Felix Ruther | 15.02.2010

Heute argumentieren Vertreter des Unglaubens oft sehr aggressiv. Sie sagen nicht: «Die Bibel ist nicht mehr aktuell», sondern behaupten: «Sie ist ein schÀdliches Buch, das man von Kindern fernhalten muss!» Wie kann man auf gute Weise auf solche Angriffe reagieren?

In einer Debatte zwischen Christen und Atheisten Ă€usserte sich ein Professor ganz unverhohlen. Er kritisierte ein Bibelplakat mit dem Text: «Vertraue nicht Menschen, vertraue Gott.» Das sei eine gefĂ€hrliche Botschaft fĂŒr schwache Menschen, denn man mĂŒsse doch auch den Menschen vertrauen.
In seinem BĂŒchlein «Brief an ein christliches Land» schreibt der amerikanische Philosoph Sam Harris: «Die Vorstellung, dass die Bibel ein vollkommener Wegweiser zur Moral sei, ist angesichts ihrer Inhalte schon mehr als erstaunlich.»1 Er zitiert dann diverse Gesetze aus dem Alten Testament: GotteslĂ€sterer, Ehebrecher und Homosexuelle sollten wir steinigen... Er meint weiter, heutige Christen könnten sich nicht auf Jesus berufen mit dem Argument, er habe diese Barbarei abgeschafft, denn Jesus billige das Gesetz voll und ganz. Dazu verweist er auf MatthĂ€us 5,17: «Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzuheben.»
Richard Dawkins wird noch polemischer: Die Bibel begrĂŒnde ein «ethisches System, das jeder zivilisierte, moderne Mensch, ob religiös oder nicht, widerwĂ€rtig finden mĂŒsste – freundlicher kann ich es nicht formulieren. Doch ich will fair sein», meint Dawkins ironisch: «Die Bibel ist in grossen Teilen nicht systematisch böse, sondern einfach nur grotesk.»2

TatsĂ€chlich, man könnte geneigt sein, Gott zu fragen: «Weshalb nur hast du uns ein Buch gegeben, das jeder Rassist und jeder Fernsehprediger fĂŒr sich auslegen kann; ein Buch, mit dem nicht nur Unfug sondern auch BrutalitĂ€t legitimiert wird; ein Buch, in dem so vieles von unserer Auslegung abhĂ€ngt und damit der Beliebigkeit preisgegeben wird?»

Ein Appell an den Verstand

Ich denke, dass Gott uns die Bibel zumutet, weil er uns mit Verstand ausgerĂŒstet hat. Nicht nur betend, auch denkend sollen wir an die ĂŒberlieferten Worte herangehen. Er mutet uns die Bibel zu, weil wir erkennen sollen, dass wir mit der Gabe der Bibel nicht Gott selber in der Hand halten. Und er mutet uns dieses Buch zu, weil wir demĂŒtig feststellen mĂŒssen, dass unsere Erkenntnis StĂŒckwerk ist und wir bei der Aktualisierung dieser alten Worte, trotz aller theologischen Arbeit, auf das Wirken des Heiligen Geistes angewiesen sind und bleiben.
Vom Textcharakter her kann man Bibelstellen zusammenstellen, welche ganz GrundsÀtzliches, ja «ewig Wahres» aussagen. Viele Texte enthalten jedoch historische Berichte oder Worte, die in eine bestimmte Situation hinein gesprochen wurden. Man wird der Bibel daher nicht gerecht, wenn man sie unhistorisch liest.

Wir mĂŒssen auch bedenken, dass wir oft einfach Zuhörer sind. Wenn sich ein Prophet an das Volk Israel wendet oder Paulus an eine bestimmte Gemeinde schreibt, dann hören wir eben die biblische Botschaft an Israel oder an eine bestimmte Gemeinde. Soll dieser Text auch auf unsere Situation anwendbar sein, dann muss er aktualisiert werden. Wir hören zum Beispiel, dass Jesus in Kana Wasser in Wein verwandelt hat. Ohne Aktualisierung wĂŒrde eine Predigt zu diesem Text zur blossen NacherzĂ€hlung – oder zur Aufforderung, ebenfalls Wasser in Wein zu verwandeln.

Aktuell, wenn aktualisiert

Die Christenheit geht seit ihren AnfĂ€ngen einhellig davon aus, dass der Heilige Geist die biblischen Texte aktualisieren kann und will. Schon Jesus aktualisierte das Gesetz. In MatthĂ€us 5 sagt Jesus nicht nur: «Ich bin nicht gekommen, um ausser Kraft zu setzen, sondern um zu erfĂŒllen.» Er zeigt auch, was dieses «ErfĂŒllen» bedeutet. Zweimal (MatthĂ€us 5,21-22 und 27-28) betont er: «Ihr habt gehört ... ich aber sage euch.» FĂŒr jeden Zuhörer war damals klar, was da geschah: Ein Rabbi legt das Gesetz aus und aktualisiert es. «ErfĂŒllen» bedeutete fĂŒr Jesus, den Buchstaben des Gesetzes so zu aktualisieren, dass Gottes ursprĂŒngliche Absicht wieder hervorschien: Der Mensch ist nicht fĂŒr die Gebote da; die Gebote dienen dem Leben – wie z.B. der Sabbat.

Sam Harris versteht Jesus schlichtweg falsch. Es wĂ€re aber ein MissverstĂ€ndnis zu meinen, dass der Heilige Geist, wann immer wir die Bibel öffnen, zu uns sprechen mĂŒsse. Die Bibel ist kein Automat, der beim Öffnen Gottes Stimme ausspuckt. Wir merken auch schnell einmal, dass der Heilige Geist uns beim Aktualisieren der biblischen Texte nicht zu einheitlichen Auslegungen fĂŒhrt. Auch wer die Ansicht vertritt, der biblische Text sei von Gott Wort fĂŒr Wort eingegeben, lĂ€uft Gefahr, dass seine Aktualisierung nicht die Absichten Gottes widerspiegelt, sondern seine theologischen Vorlieben. Dennoch können wir uns, bei aller Unsicherheit, den Prozess der Aktualisierung oder Auslegung nicht ersparen.

Last but not least: Wenn wir das von Gott Gehörte nicht umsetzen, versickert auch die klarste Aktualisierung durch den Heiligen Geist auf halbem Wege. Erst wenn uns der Geist durch die Worte der Bibel zur Praxis fĂŒhrt, können wir auf die Frage, ob die Bibel aktuell sei, mit einem Ja antworten.

Leitlinien zur Aktualisierung der Bibel

1. Mein Motiv – die zentrale Frage

Weshalb studiere ich die Bibel? Suche ich den lebendigen Gott, der «nirgendwo krĂ€ftiger als in der Heiligen Schrift» redet (Luther), oder suche ich eine BestĂ€tigung meiner theologischen Vorurteile oder meines BibelverstĂ€ndnisses? Ich setze daher mein Vertrauen nicht auf die Bibel, sondern auf Gott selber und auf seine Bereitschaft, durch die Bibel zu mir zu sprechen – zumindest dann und wann, wenn ich hörbereit bin.

Diese Haltung unterscheidet uns von fundamentalistischen Kreisen oder vom Umgang der Muslime mit dem Koran. Gerade der fundamentalistische Bibelzugang liefert die Folie, mit der die «neuen Atheisten» wie Harris und Dawkins die Bibel kritisieren.

2. Gottes Offenbarung hat ein Zentrum: Jesus Christus
«Christus ist der Herr!» – Herr auch der Bibel. Jesus und die Bibel mĂŒssen unterschieden werden: Beide sind «Gottes Wort», haben aber nicht die gleiche AutoritĂ€t. Nicht durch die Bibel ist die Welt entstanden, sondern «durch ihn (Jesus) ist alles erschaffen» (Joh 1,3). Und niemand kann uns Gott besser vorstellen, als «der eingeborene Sohn, der an der Brust des Vaters ruht» (Joh 1,18).

Ich frage daher bei jedem Text: Was hĂ€tte Jesus dazu gesagt? Mit dieser Frage entscheide ich, dass kein biblischer Text an Jesus vorbei AutoritĂ€t ĂŒber mich gewinnen darf. Ich weiss mich daher in der Nachfolge Jesu, wenn ich die (alttestamentliche) Aufforderung ignoriere, GotteslĂ€sterer zu steinigen. Damit mein VerstĂ€ndnis von Jesus und seiner Offenbarung von Gott in mir wachsen können, lese ich die Bibel – bevorzugt die Evangelien.

3. Die zentrale Absicht der Bibel
Unsere Vorannahmen bezĂŒglich des Grundanliegens der Bibel bestimmen, wie wir die einzelnen Teile auslegen oder aktualisieren. Ich bin ĂŒberzeugt, dass alle Teile der Bibel dem einen Ziel dienen: Sie wollen uns Gott vorstellen, indem sie uns zeigen, wie wir zu einem richtigen VerhĂ€ltnis mit ihm gelangen können. Die Annahme, die Bibel sei eine EnzyklopĂ€die, die auch auf unsere wissenschaftlichen Fragen des 21. Jahrhunderts Antworten geben mĂŒsse, scheint mir daher falsch zu sein.


4. Die Tradition
Weil ich nicht glaube, dass ich die einzig richtige Auslegung eines Bibeltextes kenne, befrage ich andere, wie sie ihn verstanden haben. Ich studiere Kommentare, lese in der Gemeinschaft die Bibel und frage auch, wie sich eine bestimmte Auslegetradition in der Geschichte ausgewirkt hat. Denn Jesus sagte: «An den FrĂŒchten sollt ihr sie erkennen.»


5. Der Verstand
Gott hat uns einen Verstand gegeben, den wir bei der Aktualisierung der Bibel nicht ausschalten dĂŒrfen.

Gewinne ich mit diesen Punkten eine absolute Sicherheit? Nein, meine Erkenntnis bleibt immer StĂŒckwerk. Sicherheit haben wir nur in Gott. Dennoch: «Christsein bedeutet, dass wir uns in einem niemals endenden GesprĂ€ch mit der Bibel befinden, das grundlegend fĂŒr unsere IdentitĂ€t und Vision ist. Wenn dieses GesprĂ€ch verstummt oder planlos wird, hören wir auf, Christen zu sein, denn die Bibel gehört zum Herz des Christentums.»3


1    Sam Harris: «Brief an eine christliches Land», S. 30

2    Richard Dawkins: «Der Gotteswahn», S. 327

3    Marcus Borg: «Heute Christ sein», S. 55

 

Zuerst erschienen in BST 1/2010