Die Brillen der Bibelleser reinigen

Die Brillen der Bibelleser reinigen

von Fritz Imhof | 24.11.2011

Die Bibel fĂŒr den persönlichen Gebrauch – aber auch ihre Bedeutung fĂŒr die Gesellschaft – waren Themen der von acht Organisationen durchgefĂŒhrten Tagung zum Thema „Der Schatz im Cellophan“. Unter den Veranstaltern war auch die VBG.

Das Interesse an der Tagung war gross. Die 145 Teilnehmenden brachten den Tagungsort, das Theologisch-Diakonischen Seminar Aarau (TDS), an seine KapazitĂ€tsgrenze. Zu den acht Veranstaltern gehörten nebst Organisationen wie dem Bibellesebund, der VBG und den Wycliffe-BibelĂŒbersetzern auch die Erwachsenenbildungsstellen der römisch-katholischen und der reformierten Landeskirche des Kantons Aargau.

Die Brillen der Bibelleser

Wie die Brillen, mit denen die Bibel gelesen werden kann, aussehen, beschrieb Peter Opitz, Professor fĂŒr neuere Kirchen- und Theologiegeschichte an der UniversitĂ€t ZĂŒrich. „Die Bibel will provozieren“, sagte Opitz, sie wolle aber auch ermutigen, einen Weg mit ihr zu gehen. Dabei sollten sich Leser davor hĂŒten, mit einem festen VorverstĂ€ndnis an sie heranzugehen. Denn so könne sie ihre Wirkung verlieren. Jede Perspektive auf die Bibel – auch die pietistische – eröffne etwas, verschliesse aber auch Wichtiges. Das Ziel des Bibellesens mĂŒsse sein, die Bibel so zu lesen „dass wir Gott als sein eigener Zeuge reden lassen“. Die Bibel sei einem „Zelt der Begegnung mit den ersten Zeugen“ zu vergleichen. Opitz griff zu einem Vergleich: „Gottes Wort scheint durch die menschlichen Zeugenworte hindurch wie das Licht durch Kirchenfenster.“

Verstehen und hören

Es gebe, so Opitz zwar Methoden, die Texte der Bibel besser zu verstehen, aber keine Methode, sie als Wort Gottes besser zu hören. Dazu gebe es nur eine richtige Haltung, nĂ€mlich Gott um den Heiligen Geist zu bitten. Im GeistverstĂ€ndnis liege der SchlĂŒssel, Gottes Stimme zu hören.

Opitz warnte auch vor einem verbreiteten MissverstĂ€ndnis. Die Bibel sei kein Kompendium der göttlichen Gesetze – sondern „ein Buch, in dem es Geheimnisse zu entdecken gibt – und wo wir selbst immer daran sind, neue Geheimnisse zu entdecken“.

Unsere Kultur sei aber von einem jahrhundertealten Zwangschristentum geprĂ€gt. Das Evangelium als Zentrum der Bibel mĂŒsse – gegen das verbreitete gesetzliche VerstĂ€ndnis der Bibel – als befeiende und froh machende Botschaft verkĂŒndet werden.

Die Bibel als Lebensmitte ...

„Unser tĂ€gliches Wort gib uns heute – was macht die Bibel in meinem Alltag?“ war das Thema von Peter Henning, dem Dozenten fĂŒr Kirchengeschichte und ehemaligen Rektor des TDS Aarau. Henning forderte, mit Bezug auf Texte von Dietrich Bonhoeffer und Paul Schutz, die Teilnehmenden auf, die Bibel als „Lebensmittel“ fĂŒr den persönlichen Alltag und als „Quelle fĂŒr Klugheit“ schĂ€tzen zu lernen. Henning zitierte dazu Bonhoeffer mit den Worten: „Ich lese morgens und abends drin, oft auch noch ĂŒber Tag, und jeden Tag nehme ich mir einen Text vor, den ich fĂŒr die ganze Woche habe und versuche mich dann ganz in ihn zu versenken, um ihn wirklich zu hören. Ich weiss, dass ich ohne das nicht mehr richtig leben könnte.“

... und als Impuls fĂŒr die Gesellschaft

Die Bibel fordere aber auch die Kirche heraus, sie als Impuls fĂŒr die aktuellen Fragen in Gesellschaft und Umwelt ernst zu nehmen, so Henning. Die Anwendung der Klugheit könnte „in der aktuellen Grundlagenkrise entscheidende NotausgĂ€nge und heilsame Perspektiven öffnen“. Eine Kirche, welche die Bibel ernst nehme sei eine „prophetisch-kritische Provokation“, welche der Gesellschaft Widerstand leisten mĂŒsse, wo die tragischen Folgen einer „Dehumanisierung, Entsolidarisierung und massiven Verachtung der Schöpfung“ sichtbar werden.

ErfahrungsschÀtze

In Workshops zeigten Vertreter der mitorganisierenden Kirchen und Organisationen, wie die Bibel umgesetzt, eingesetzt und verstanden werden kann. Der Kirchengeschichtsdozent Peter Henning zeigte, wie sie auch dann gelesen werden kann und soll, wenn sie scheinbar schweigt. Pfarrerin Rita Famos zeigte in vier Schritten, wie man sie den Menschen unserer Zeit vermitteln kann. Der katholische Erwachsenenbildner Thomas Markus Meier wies auf Erstaunliches hin, wenn man Übersetzungen miteinander vergleicht. Die Seelsorgerin Ruth Maria Michel regte an, die Bibel gewinnbringend in der Stille zu lesen. Die Erwachsenenbildnerin der reformierten Landeskirche ZĂŒrich, Brigitte SchĂ€fer, ermutigte, vom Erfahrungsschatz frĂŒherer Christen zu profitieren. Hanspeter Schmutz, Leiter des Instituts INSIST zeigte, wie die Bibel ohne ideologische Brille gelesen werden kann. Angela WĂ€ffler, Leiterin des Evangelischen Theologiekurses (ETK) fĂŒhrte in das Bibellesen aus der Sicht der Frauen ein.