Die Erlebnisgesellschaft

von Gerhard Schulze |

1992 erschien "Die Erlebnisgesellschaft" zum ersten Mal ‚Äď und machte rasch Furore. Heute kann der Text mit Fug und Recht als moderner Klassiker der Soziologie gelten. Gerhard Schulze konstatierte einen umfassenden Wandel in unserer Gesellschaft, durch den das Leben zum Erlebnisprojekt geworden ist. Die Erlebnisorientierung ist die unmittelbarste Form der Suche nach Gl√ľck. Eine Suche, die noch l√§ngst nicht abgeschlossen ist ‚Äď diese neue Art zu leben m√ľssen wir erst lernen und die Folgen noch bew√§ltigen. Dies gilt auch heute noch: Die Sucht nach dem Kick und nach Performance ist eher gewachsen, und damit ist Gerhard Schulzes Analyse aktueller denn je.
Schulze, Gerhard. Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. ISBN 3593378884. Campus 2005. 612 Seiten.

Dies ist eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

 

In der Nachkriegszeit hat sich die Beziehung der Menschen zu G√ľtern und Dienstleistungen kontinuierlich ver√§ndert. Produkte werden nicht mehr als Mittel zu einem bestimmten Zweck offeriert, sondern als Selbstzweck. Sie sollen an sich zufriedenstellen, unabh√§ngig von ihrer Verwendung f√ľr irgendetwas.

So wurde Design und Produktimage zur Hauptsache, N√ľtzlichkeit und Funktionalit√§t zum Accessoire.

All diese √Ąsthetisierung von Produkten ist Teil eines umfassenden Wandels, der nicht auf den Markt der G√ľter und Dienstleistungen beschr√§nkt bleibt. Das Leben schlechthin ist zum Erlebnisprojekt geworden. Zunehmend ist das allt√§gliche W√§hlen zwischen M√∂glichkeiten durch den blossen Erlebniswert der gew√§hlten Alternative motiviert: Konsumartikel, Berufe, Partner, Kind, Kinderlosigkeit, ‚Ķ

Unsere Gesellschaft ist nat√ľrlich nicht nur eine Erlebnisgesellschaft, sie ist es aber mehr als andere Gesellschaften geworden.

 

Wenn man das Verh√§ltnis von Subjekt und Welt in unserer Gesellschaft untersucht, zeigt sich, dass dieses Verh√§ltnis subjektzentriert bezeichnet werden kann. Zudem kann man feststellen, dass ein Basismotiv in diesem Verh√§ltnis die Erlebnisorientierung ist, d.h. der Sinn des Lebens wird durch die Qualit√§t subjektiver Prozesse definiert. Man will ein sch√∂nes, interessantes, angenehmes und faszinierendes Leben f√ľhren. Es geht dabei nicht mehr prim√§r ums √úberleben, um Sicherheit, um Abwehr von Bedrohungen und Kampf gegen Restriktionen, sondern um die Lebensgestaltung jenseits situativ bedingter Probleme, unabh√§ngig vom objektiven Vorhandensein solcher Probleme. An die Stelle situativ definierter Probleme treten subjektive Lebensprobleme.

 

Subito

Erlebnisorientierung ist die unmittelbarste Form der Suche nach Gl√ľck. Der Erlebnisorientierung entgegengesetzt ist ein Handlungsmuster der aufgeschobenen Befriedigung: Sparen, langfristiges Liebeswerben, z√§her politischer Kampf, vorbeugendes Verhalten aller Art, hartes Training, Entsagung und Askese. Bei Handlungen dieses Typs wird die Gl√ľckshoffnung in eine ferne Zukunft projiziert, beim erlebnisorientierten Handeln richtet sich der Anspruch ohne Zeitverz√∂gerung auf die aktuelle Situation. Man inverstiert Geld, Zeit Aktivit√§t und erwartet fast im selben Moment den Gegenwert.

 

Probleme

Man kann zwar versuchen eine √§usserst g√ľnstige √§ussere Situation herzustellen, aber das angestrebte innere Erlebnis, ist damit nicht identische. Ausrufe wie ‚Äělangweilig‚Äú, ‚Äěnichts geboten‚Äú usw. bezeugen, dass die meisten in ihrem Alltagswissen die Tatsache vergessen, dass eben jeder f√ľr seine Erlebnisse selbst verantwortlich ist. Wir lassen uns bei jeder Erlebnisabsicht auf ein Entt√§uschungsrisiko ein.

Ein Hauptproblem erlebnisorientierten Handelns besteht darin, dass man nicht mehr weiss, was man eigentlich will. Es gibt selten sichere Anhaltspunkte f√ľr unsere Erlebnisw√ľnsche, oft genug nur Mutmassungen, ja v√∂llige Ratlosigkeit.

Am Anfang eines Erlebnisprojektes steht Unsicherheit, am Ende ein Entt√§uschungsrisiko. Beide Probleme stabilisieren sich gegenseitig. Versucht man das eine zu verringern, so versch√§rft sich das andere. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass unsere Gesellschaft nicht gl√ľcklich erscheint und dass ein immer st√§rkerer Aufwand in der Erlebnissuche betrieben wird. Der homo ludens spielt mit zunehmender Verbissenheit.

 

Soziologische Interpretationen

Die Deutungsversuche unserer Zeit lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Endvision und Anfangsbeschreibung. Allgemein ist man sich aber einig, dass die Grossgruppengesellschaft am Ende ist. Die Entwicklung der Alltags√§sthetik scheint dieser Auffassung Recht zu geben. Tritt nicht durch die volle Entfaltung des Erlebnismarktes die Individualisierung in ein finales Stadium ein? Geraten nicht die letzten Reste von Gruppenerfahrung und Solidarit√§t auf dem Erlebnismark in eine Zertr√ľmmerungsmaschine, die nur noch den einzelnen als soziales Atom zur√ľckl√§sst? Jeder sucht sein eigenes Erlebnis. Kontaktvernichter wie TV, Video, Computer, Walkman, Auto, Einkaufszentren .. tragen noch das ihrige bei. So dass sich die Menschen aus immer wieder scheiternden Erlebniskoali Erlebniskoalitionen in Lebensformen zur√ľckziehen, die sich mit perfekt eingerichteten Vergn√ľgungskabinen vergleichen lassen.

Schon wird √ľber die Grenzen der Individualisierung nachgedacht. Worin der limitierende Faktor dieser Individualisierung besteht, zeigt sich in subjektiven Krisenerscheinungen wie Entwurzelung, Sinnverlust, Kontaktunf√§higkeit, Einsamkeit. So schreit das durch die Individualisierung √ľberforderte Individuum wiederum nach kollektiven Schematisierungen und Orientierungshilfen.

1. √Ąsthetisierung des Alltagslebens

1.1. Erlebnisgesellschaft

Vielfalt

Trotz der neuen ‚ÄěUn√ľbersichtlichkeit‚Äú (Haber-mas) gibt es in unserer Gesellschaft ein fast universelles Muster der Beziehung von Mensch und Welt. Man kann sogar feststellen, dass sich die Vielfalt in unserer Gesellschaft gerade aus einer grundlegenden Gemeinsamkeit, der allgegenw√§rtigen Erlebnisorientierung, ergibt.

Der kleinste gemeinsame Nenner von Lebensauffassungen in unserer Gesellschaft ist die Idee eines sch√∂nen, interessanten, subjektiv lohnend empfundenen Lebens. Das Projekt des dienenden, einer Sache untergeordneten Lebens oder das Projekt des blossen physischen √úberlebens ist stark zugunsten des Projektes des sch√∂nen Lebens zur√ľckgetreten.

Der Wandel l√§sst sich auch als Verschiebung von Aussenorientierung nach Innenorientierung feststellen. Aussenorientierte Lebensauffassungen zielen prim√§r auf eine Wirklichkeit ab, die sich der Mensch ausserhalb seiner selbst vorstellt . Bei einer Aussenorientierung gilt z.B. das Ziel, Kinder zu haben, dann als erreicht, wenn Kinder existieren, bei einer innenorientierten Lebensauffassung erst dann, wenn sie die Eltern gl√ľcklich machen (oder wenigstens nicht zu sehr auf die Nerven gehen). Ob ein Auto f√§hrt (aussenveran-kertes Ziel), k√∂nnen alle beurteilen; ob man dabei ein sch√∂nes Fahrgef√ľhl hat (innenverankertes Ziel), muss jeder f√ľr sich entscheiden. In vielen Bereichen des Alltagslebens ist aussenorientiertes Handeln zur√ľckgegangen, innenorientiertes Handeln vorgedrungen.

Fr√ľher war z.B. aussenorientierter Transport das normale. Nur gerade die Reichsten konnten es sich leisten sich in einer Kutsche herumfahren zu lassen aus Lust an der Fahrt. Zwar wird auch heute noch der gr√∂sste Teil der Kilometer zum Zweck der Verschiebung ohne Erlebnisabsichten zur√ľckgelegt, doch hat das innenorientierte Moment im Verkehr eine so grosse Bedeutung gewonnen, dass davon ganze Industriezweige leben.

 

Das Schöne

Erlebnisorientierung richtet sich auf das Sch√∂ne. Wobei das Sch√∂ne hier ein Sammelbegriff ist f√ľr positiv bewertete Erlebnisse. Buchst√§blich kann alles f√ľr irgendjemand als sch√∂n gelten Das Projekt des sch√∂nen Lebens hat also keinen bestimmten Kurs. Doch wer sich diesem Projekt verschrieben hat, achtet auf sein Erleben und versucht die Umst√§nde so zu arrangieren, dass er sie als sch√∂n empfindet. Diese Grundmotivation war nicht immer so selbstverst√§ndlich vorherrschend. Es gibt und gab auch Gesellschaften mit anderen Selbstverst√§ndlichkeiten: Leben als √úberleben; Leben als Dienen, Pflicht, Selbstaufopferung; Leben als Existenz mit metaphysischem Bezug. Bei solchen Lebensauffassungen ergaben sich sch√∂ne Erlebnisse allenfalls als Nebenprodukte, ohne zentrales Lebensziel zu sein.

 

Erlebnisrationalität

Erlebnisrationalit√§t ist der Versuch, durch Beeinflussung √§usserer Bedingungen gew√ľnschte subjektive Prozesse auszul√∂sen. Wenn wir erlebnisrational handeln, dann wird das Erlebnis zum haupts√§chlichen Ziel unserer Handlung und bleibt nicht nur Begleiterscheinung. Handelt man erlebnisrational, wird man andere Entscheidungen treffen, als wenn es etwa darum geht, das √úberleben sicherzustellen, kollektiven Zielen zu dienen oder g√∂ttlichen Geboten zu folgen. Ein pflichtbewusster Mensch handelt z.B. ohne nach dem Erlebniswert des Handelns zu fragen. ‚ÄěEtwas tun zu wollen‚Äú ist kein Synonym zum Begriff der Erlebnisorientierung, sondern eine Oberkategorie, die viele Spielarten der Motivation mit einschliesst, unter anderem auch Pflichtbewusstsein und Erlebnisorientierung.

Erlebnisorientierung ist auch ein graduelles Phänomen. So können sich die innen- und aussenorientierten Komponenten einer Handlung mischen.

 

Eindruck

Es gibt sog. Eindruckstheorien, die behaupten, dass es vor allem auf die Situation ankommen und weniger auf das beeindruckte Subjekt. Die Erfahrung zeigt aber, dass Erlebnisprojekte meist nicht an den Umst√§nden, sondern an den Menschen selber scheitern. Mit der Bereitstellung von situativen Zutaten (Konsumg√ľter, Reisen, Veranstaltungen, Kontakte usw.) ist es meist nicht getan. Das Ziel liegt innen, die mobilisierten Mittel bleiben aussen. So k√∂nnen zwei Personen das gleiche Ereignis vollkommen verschieden erleben. Die Eindruckstheorie beantwortet auch die Frage nicht, weshalb wir gleiche Orte zu verschiedenen Zeitpunkten ganz unterschiedlich erleben, oder weshalb sich eine Kunstwahrnehmung mit einer angebotenen Interpretation ver√§ndert. Es muss z.B. nur jemand sagen, ein Bild sei doch Kitsch und schon gef√§llt es vielen nicht mehr. Eine gute Erlebnistheorie muss also dem Subjekt eine aktivere Rolle zugestehen.

 

Verarbeitung

Erlebnisse werden nicht vom Subjekt empfangen, sondern von ihm gemacht. Was von aussen kommt, wird erst durch Verarbeitung zum Erlebnis. Eine Erlebnistheorie der Verarbeitung enthält drei Elemente:

  1. Subjektbestimmtheit: Auch der radikal alleingelassene Mensch erlebt, sofern er lebt, und er erlebt, ob er will oder nicht. Zu einem Erlebnis wird ein Material erst in einem subjektiven Kontext, der so, wie er mit der Situation zusammentrifft, kein zweites Mal vorkommt. Die Situation interagiert mit dem Subjekt. Von f√ľnfzigtausend Menschen in einem Stadion erlebt keiner den Torschuss in derselben Weise. Alle haben es mit demselben Material zu tun, doch interagiert es mit unterschiedlichen Kontexten.
  2. Reflexion: Reflexion ist der Versuch des Subjektes, seiner selbst habhaft zu werden. Durch Erinnern, Erzählen, Interpretieren, Bewerten gewinnen Ursprungserlebnisse festere Formen. Gegen den ständigen Verlust an Erlebnissen im Fortschreiten der Zeit setzt der Mensch Reflexion als Verfahren der Aneignung. Die Aneignung von Erlebnissen gelingt in der Kommunikation leichter.
  3. Unwillk√ľrlichkeit: Wenn ein Ursprungserlebnis in einer Reflexion nachbehandelt wird, dann ver√§ndert es sich. Das Ursprungserlebnis selber aber kann auch durch √§ussere Planung nicht gross beeinflusst werden. Diese Unwillk√ľrlichkeit des Ursprungserlebnisses h√§ngt also mit der Subjektbestimmtheit der Erlebnisse zusammen. Erst die Reflexion erlaubt eine gewisse Korrektur.
    Subjektbestimmtheit, Reflexion und Unwillk√ľrlichkeit f√ľhren dazu, dass sich Erlebnisse durch Situationsmanagement allein nicht steuern lassen.
    Es w√§re aber kein Gewinn von einer situationslastigen zu einer subjektlastigen Theorie zu wechseln. Denn √§hnliche √§ussere Umst√§nde k√∂nnen ja auch subjektive √Ąhnlichkeiten erzeugen.

 

Beziehung von Subjekt und Situation

Mit der Vermehrung von Möglichkeiten ändert sich auch die Beziehung zwischen Subjekt und Situation. Ein grosse Möglichkeitsraum gestattet es, zu wählen, statt einzuwirken.

Solange die situativen Grenzen, welche die Subjekte betrafen, eng gezogen waren, traten diese Grenzen auch in der Wahrnehmung hervor. Das Bewusstsein thematisierte den Mangel, etwa an Geld, Eigentum, Bildung etc. Das Einwirken auf die Situation war darauf ausgerichtet, sich in ihr zu arrangieren oder ihre Grenzen zu erweitern, den Mangel zu verwalten oder zu lindern. Erlebnisse blieben f√ľr den gr√∂ssten Teil der Bev√∂lkerung Nebensache; das Handeln war aussenorientiert.

Wenn sich nun in einer Gesellschaft die Grenzen so erweitert haben, dass man sie kaum noch sp√ľrt, dann ist man mit der Auswahl besch√§ftigt, und die Frage, was einem m√∂glicherweise vorenthalten bleibt taucht kaum noch auf. In einer Gesellschaft, wo der M√∂glichkeitsraum riesig angewachsen ist, stehen die Menschen unter dem Druck, fast schon unter dem Zwang, sich intensiv mit sich selber zu besch√§ftigen. Was sollen sie w√§hlen? Nun entwickelt sich ein innenorientiertes Handeln, bei dem das Subjekt die Situation als Mittel betrachtet, um bei sich selbst bestimmte Prozesse zu provozieren. Es entsteht das Projekt des sch√∂nen Lebens.

 

Erlebnisgesellschaft

Die neue Beziehung zwischen Subjekt und Situation bringt die Menschen dazu, sich stärker mit sich selbst zu beschäftigen. Erlebnisorientierte Beeinflussung des eigenen Innenlebens durch Situationsmanagement wird zum zentralen Thema.

Wer ein Haus nach vorgegebenen Pl√§nen errichten soll, muss nicht intensiv √ľber sich selber nachdenken, wohl aber derjenige, der die Pl√§ne mitgestaltet und dabei das Ziel im Auge hat, sich sp√§ter in dem Haus wohlzuf√ľhlen. Auf dem Bauherr lastet die B√ľrde der Reflexion; alle anderen m√ľssen bloss ihr Handwerk verstehen. Inwiefern hat es der Bauherr schwerer als die Handwerker? Gen√ľgt es nicht, wenn er einfach sagt, was er will? Ja - aber dies ist nicht einfach. Das Ergebnis der Reflexion ist in einem ungew√∂hnlichen Mass offen. Wer sich selbst befragt ist mit ungleich gr√∂sseren Unsicherheiten konfrontiert, als wer die ihn umgebenden Dinge erforscht.

Eine Verschiebung der Aussenorientierung nach innen erfordert eine Intensivierung der Reflexion.  Man kann eben mit sich selbst nicht wie mit einer Natursache umgehen. Daraus resultiert der Orientierungsbedarf, der die Gemeinsamkeiten der Erlebnisgesellschaft wieder erkl√§rbar macht.

 

Reflexion kann Ursprungserlebnisse nicht wiederholen; vielmehr besteht sie gerade darin, Ursprungserlebnisse in einer Weise zu betrachten, die etwas Neues entstehen l√§sst. Was f√ľr die Anschauung der Welt durch das Subjekt gilt, muss auf die Anschauung des Subjektes durch das Subjekt ausgedehnt werden: Das Ergebnis der Beobachtung ist durch die Art und Weise beeinflusst, wie man beobachtet. Keine Weltbetrachtung und Selbstbetrachtung ohne Apriori. Viele Perspektiven sind m√∂glich; unm√∂glich ist nur, sich ohne Perspektive selbst zu beobachten. dadurch, dass die Anschauung zwingend eine Anschauungsweise fordert, entsteht Unsicherheit. Ein und dasselbe Erlebnis wird als angenehm oder unerfreulich empfunden, je nachdem, mit welchen Augen man es betrachtet. Welche der zahllosen M√∂glichkeiten uns selbst zu sehen,  sollen wir w√§hlen? Wollte man diese Frage im Alltagsleben systematisch weiterverfolgen, geriete man in eine Reflexion der Reflexion und von da in einen unendlichen Regress. Einfacher ist es, sich g√§ngiger, sozial einge√ľbter Formen der Selbstanschauung zu bedienen. Dies ist die Stelle, wo sich das Subjekt in der Erlebnisgesellschaft kollektiven Schematisierungen √∂ffnet, fast immer, ohne es zu merken. Man √ľbernimmt intersubjektive Muster.

1.2. Die Vermehrung der Möglichkeiten

Bedingt durch die Vermehrung der M√∂glichkeiten gewinnt die Handlungsform des W√§hlens gegen√ľber der Handlungsform des Einwirkens an Boden. T√§glich stehen wir vor der Notwendigkeit der freien Wahl. Fast immer sind jedoch die Gebrauchswertunterschiede der Alternativen bedeutungslos. Waschmittel x w√§scht genau so gut wie Waschmittel y, und Bef√∂rderungsprobleme lassen sich mit verschiedenen Automarken gleich gut l√∂sen. Dies zwingt uns dazu, st√§ndig Unterscheidungen nach √§sthetischen Kriterien vorzunehmen. Erleben wird vom Nebeneffekt zur Lebensaufgabe.

Die Vermehrung der Wahlmöglichkeiten kann an den folgenden vier Teilaspekten gezeigt werden:

  1. Angebot: In besonderem Masse gilt diese Angebotsexplosion f√ľr diejenigen Angebote, deren Gebrauchswert ausschliesslich in ihrem Erlebniswert besteht, etwa Kino, Musikkonserven, Illustrierte.
  2. Nachfragekapazit√§t: Konsumf√§higkeit ist abh√§ngig vom Realeinkommen und der Zeit, die man f√ľr das Verbrauchen einsetzen kann. Beeindruckend ist gerade der Gewinn an verf√ľgbarer Zeit. Simultan dazu expandierten die Reall√∂hne. Ungleiche Konsumchancen bestehen zwar noch, doch hat sich die Skala mehr und mehr vom Bereich des Lebensnotwendigen in den Bereich des Entbehrlichen verschoben. So hat sich der Anteil der Ausgaben f√ľr Grundnahrungsmittel und andere physisch unentbehrliche G√ľter an den Gesamtausgaben von 1950 bis 1973 etwa halbiert.
  3. Zugänglichkeit: Zunehmend stehen die Möglichkeitsräume fast allen Menschen offen. Die sozialen Unterschiede spielen fast keine Rolle mehr.
  4. Gestaltbarkeit der Welt: Heute gilt fast alles als gestaltbar, Psyche, Beziehungen, Familie, Biographie, Körper. All das gilt zunehmend als machbar, reparierbar, revidierbar. Immer mehr Menschen sehen ihre Existenz in einem umfassenden Sinn als gestaltbar. Damit öffnen sie sich neue Möglichkeitsräume, die vorher durch kognitive Barrieren (Fatalismus, Vorstellung der Gottgegebenheit) verschlossen waren.

1.3. Erlebe dein Leben

Angebotsexplosion, Ausweitung der Konsumpotentiale, Wegfall von Zugangsbarrieren, Umwandlung von vorgegebener in gestaltbare Wirklichkeit: Die Erweiterung der M√∂glichkeiten f√ľhrt zu einem Wandel der Lebensauffassungen. Man befindet sich in einer Situation, die als Entscheidungssog zu bezeichnen ist. Das gerade erstandene Buch wird vielleicht nie gelesen; man geht ins Restaurant, obwohl man gerade zu Abend gegessen hat. Es kommt nicht darauf an, aber man w√§hlt dieses, macht jenes, nimmt irgendetwas im Vorbeigehen noch mit, findet etwas anderes ganz nett und holt es sich. Man muss sich nicht entscheiden, aber man entscheidet sich doch, wie jemand, der im Zustand der S√§ttigung gedankenverloren in eine volle Pralinenschachtel greift.

Im Entscheidungssog der M√∂glichkeiten wird der Mensch immer wieder auf seinen Geschmack verwiesen. Immer wieder muss man sich danach richten, worauf man Lust hat, wonach sonst? Der Handelnde erf√§hrt sich nicht als moralisches Wesen, als K√§mpfer f√ľr ein weit entferntes Ziel, als Unterdr√ľckter mit der Vision einer besseren Welt, als √úeberlebensk√ľnstler, als Tr√§ger von Pflichten. Wissen, was man will, bedeutet wissen, was einem gef√§llt. ‚ÄěErlebe dein Leben!‚Äú ist der kategorische Imperativ unserer Zeit.

So wandern denn Erlebnisanspr√ľche von der Peripherie ins Zentrum der pers√∂nlichen Werte; sie werden zum Massstab √ľber Wert und Unwert des Lebens schlechthin und definieren den Sinn des Lebens.

Im Hintergrund erlebnisorientierten Handelns steht meist die naive Eindruckstheorie des Erlebens, an deren Aufrechterhaltung der Erlebnismarkt mit allen Mittel arbeitet. Indem die Eindruckstheorie suggeriert, dass es gen√ľge, die Situation zu manipulieren, um gew√ľnschte Erlebnisse zu haben, verdeckt sie die Schwierigkeiten, die im Projekt des sch√∂nen Lebens angelegt sind. Die Manipulation von Situationen vollzieht sich durch Aneignung von Waren, Besuchen von Veranstaltungen, Inanspruchnahme von Dienstleistungen, Herstellen oder Abbrechen von Kontakten. Doch Erlebnisse lassen sich nicht bereits durch Situationswahl programmieren.

1.4. Unsicherheit

Nicht das Leben an sich, sondern der Spass daran ist das Kernproblem, das nun das Altagshandeln strukturiert. Unsicherheit ist ein Teil dieses Problems: Was will ich eigentlich?

Stimmt es, dass es Menschen unter harten materiellen Bedingungen eigentlich besser geht? In philosophischer Hinsicht ja: Sie wissen, was sie wollen und was sie zu tun haben. In ihrem Leben gibt es einen integrierenden und identit√§tsstiftenden Faktor. Menschen, die nach oben wollen, haben Mittelkrisen, Menschen, die oben sind, haben Sinnkrisen. Diese haben die Pointe ihrer Existenz noch vor sich, jene m√ľssen sich √ľberlegen, was danach kommt. F√ľr jenen, der unten ist und den noch nicht aller Mut verlassen hat, ist das Leben eine spannungsvolle Herausforderung. Das Privileg der Unterprivilegierten besteht in der Faszination der handgreiflichen Erfolgschance, das Problem der Privilegierten in der Langeweile von Menschen, die nicht recht wissen, was sie wollen. Der Gl√ľckspilz ist ungl√ľcklich der Habenichts gl√ľcklich (‚ÄěHans im Gl√ľck‚Äú, ‚ÄěKannitverstan‚Äú Hebel; ‚ÄěWieviel Erde braucht der Mensch?‚Äú Tolstoi; ‚ÄěAus dem Leben eines Taugenichts‚Äú Eichendorf).

Neu ist die gesellschaftliche Verbreitung dieses Problems.

Selbst wenn man das Angebot der Werbung, das einem Klarheit √ľber eigene W√ľnsche verspricht, als Suggestion erkennt, hat das Angebot in einer zunehmenden Verunsicherung durch Innenorientierung eine Chance geh√∂rt zu werden. Die √úberlebensf√§higkeit der Werbung trotz aller Enttarnung weist auf ein Orientierungsbed√ľrfnis hin, das schon Z√ľge von Angst tr√§gt. Diese Angst √∂ffnet das Individuum f√ľr blindes Vertrauen, wider besserer Einsicht und erzeugt ein Anlehnungsbed√ľrfnis, das sich in Mentalit√§ten, Gruppenbildungen und neuen Formen der √Ėffentlichkeit niederschl√§gt. Man nimmt wieder kollektive und institutionelle Orientierungshilfen an: Stil, Stiltypen, soziale Milieus, Szenen. Ohne kollektive Muster w√§ren viele durch das Programm, so zu leben, wie sie wollen, philosophisch √ľberfordert. Erst die Orientierungskrise, die sich mit dem Wunsch nach einem erlebten Leben verbindet, erkl√§rt bestimmte soziale Strukturen, die in unserer Gesellschaft immer mehr in den Vordergrund treten.

1.5. Enttäuschung

Heute ist es fast selbstverst√§ndlich, dass Produkte eine st√§ndige Gebrauchswertsteigerung erfahren. Die Konsumenten registrieren solche Produktentwicklungen und reagieren darauf. Durch st√§ndigen Austausch und fortlaufende Erg√§nzung der Dinge des t√§glichen Lebens verbessern sie, objektiv gesehen, ihre Lebensqualit√§t. Aber die subjektive Bedeutung dieser Verbesserungen ist gering, wie die Zufriedenheitsforschung immer wieder gezeigt hat. Schon der noch nicht einmal gekaufte, nur in Betracht gezogene Gegenstand ist durch die sichere Erwartung, dass eine √ľberlegene Produktgeneration folgen wird, in seinem Wert gemindert. Im Lauf der Jahre lernt man, dass die letzten Errungenschaften, Neuigkeiten, Trends niemals die letzten bleiben werden.

Die explosionsartige Zunahme des Brauchbaren  f√ľhrt zu einem Verfall der Freude an Brauchbarkeit. Je mehr sich die Qualit√§t der Dinge steigert und je leichter man dar√ľber verf√ľgen kann, desto blasser erscheint ihr Gebrauchswert. Die F√§higkeit, sich am Gebrauchswert zu freuen, w√§re ein sicherer Schutz vor Entt√§uschung. Handelt man aussenorientiert, kommt es auf Freude nicht an, gleichwohl versp√ľrt man sie, wenn etwas seinen Zweck erf√ľllt. Beim innenorientierten Handeln wird das sch√∂ne Erlebnis zur Hauptsache, Brauchbarkeit zur Nebensache. Dadurch entsteht Entt√§uschbarkeit. Die Frage ist nun, wie niedrig man das Risiko der Entt√§uschung halten kann.

Wie bei anderen Werten besteht aber die Tendenz, dass sich wiederholte Erlebnisse entwerten. Auf der Suche nach dem verlorenen Reiz braucht man st√§rkere Dosen und erlebt dennoch weniger. Das Individuum kann sich unter diesem Erlebnishunger sogar so ver√§ndern, dass der Erlegbnishunger schon gar keine Befriedigung mehr zul√§sst. Im Moment der Erf√ľllung entsteht bereits die Frage, was denn nun als n√§chstes kommen soll, so dass sich Befriedigung gerade deshalb nicht mehr einstellen kann, weil die Suche nach Befriedigung zur Gewohnheit geworden ist. So steigt auch der Erwartungsdruck in allen Lebensbereichen. Je vorbehaltloser Erlebnisse zum Sinn des Lebens gemacht werden, desto gr√∂sser wird die Angst vor dem Ausbleiben von Erlebnissen.

Zur Angst vor Langeweile gesellt sich auch die Angst, etwas zu versäumen. So gross die Zahl der Angebote auch ist, im Konsum des Erlebnisses liegt unvermeidlich eine Festlegung. Gewählt zu haben bedeutet immer auch, andere Möglichkeiten ausgeschlagen zu haben. Der entgangene Gewinn an Erlebnissen ist jedoch nicht zu kalkulieren.

Entt√§uschungen sind, ebenso wie sch√∂ne Erlebnisse, eine bestimmte Form der Selbstbeobachtung: Man reflektiert Ursprungserlebnisse. Viele meinen im Sinne der einfachen Eindruckstheorie, dass die Umst√§nde f√ľr die Entt√§uschung verantwortlich seien und versuchen diese zu manipulieren. Neue Entt√§uschungen sind so aber garantiert.

Das Projekt des schönen Lebens verbindet sich mit seinen Folgeproblemen von Unsicherheit und Enttäuschung zu einem dynamischen Motivationsgemenge, aus dem neue kollektive Strukturen hervorgehen. An die Stelle von Gesellschaftsbildung durch Not tritt Gesellschaftsbildung durch Überfluss.

1.6. Wandel der Problemdefinition und Gesellschaftsbildung

Noch am Ende des 19. Jahrhunderts dominierten aussenorientierte Probleme die Gesellschaft. Aus der Erfahrung der Knappheit und Bedrohung erwuchs ein Problembewusstsein, das an der Situation ansetzte. Es ging prim√§r um √§ussere Lebensbedingungen: Ressourcen, Sicherheit, Abwehr von Gesundheitsrisiken. Nach einer Zeit der Koexistenz verschiedener Problemdefinitionen normalisierte sich das ehemalige Luxusproblem der Erlebnisorientierung. Nicht mehr Knappheit, sondern √úberfluss ist nun die √ľberwiegende allt√§gliche Erfahrung, nicht nehmen, was zu bekommen ist, sondern w√§hlen m√ľssen, nicht Versorgung, sondern Entsorgung.

Der Imperativ ‚ÄěErlebe dein Leben!‚Äú definiert ein existentielles Problem, dessen Vertracktheit damit beginnt, dass es als unproblematisch erscheint. Was soll schon schwierig daran sein, sich ein sch√∂nes Leben zu machen, wenn man halbwegs die Ressourcen daf√ľr hat? Man meint Erlebnisorientiertheit sei der Anfang vom Ende aller Schwierigkeiten. In Wahrheit setzen sich die Schwierigkeiten auf einer neuen Ebene fort. Bedroht ist nicht mehr das Leben, sondern der Sinn.

Das Ziel der Erlebnisorientierung verbindet sich mit den √Ąngsten Unsicherheit und Entt√§uschung. Diese √Ąngste  stimulieren sich gegenseitig. Unsicherheit verlangt nach stabilisierenden Handlungen: Anlehnung an kollektiv eingefahrene Muster, Wiederholung oder Traditionsbildung. Man sucht nach Entlastung von der Frage ‚ÄěWas will ich eigentlich?‚Äú Mit der Routinisierung des Erlebens h√§ufen sich jedoch die Entt√§uschungserfahrungen, denn die Erlebnisintensit√§t sinkt normalerweise mit der Wiederholung der Erlebnisreize. Der erlebnisorientierte Mensch ger√§t in ein Dilemma. Gibt er dem Streben nach Sicherheit nach, beginnt die Langeweile, tut er etwas gegen die Langeweile, verunsichert er sich.

Diese neue Art der Problemdefinierung spiegelt sich auch im Umgang mit solchen Problemen wieder, die sich eigentlich ausserhalb dieser Problemdefinition befinden: Krankheit, Tod, Kriege, Verbrechen, Hunger, Drogen, Armut, Arbeitslosigkeit und Umweltprobleme. Vor allem zwei Muster der Umdeutung sind als Reaktion auf solche Probleme verbreitet: √Ąsthetisierung und Marginalisierung.

  • √Ąsthetisierung: Sie beginnt schon bei den Informationsanbietern. Diese verdichten die t√§gliche globale Ausbeute an schrecklichen Ereignissen zu kurzen Erlebniseinheiten. Auf Distanz gehalten durch den Tonfall des Sprechers und durch die Einbettung der Nachrichten in andere Erlebnisangebote (Film, Quiz, Werbung) ger√§t das Ungl√ľck in die Sph√§re des Unwirklichen, kaum noch unterscheidbar von einer Verfolgungsjagt in einer beliebigen Actionserie. Nachrichten werden zur Unterhaltung; Mitleid und Besorgnis zur Pose (die vom Voyeurismus ablenken soll) oder gleich zur Hauptsache, zum Erlebnis.
  • Marginalisierung: Armut wird weggefegt, versteckt. Arme selber verstecken sich hinter der Maske des Normalen. Noch auffallender ist die Kluft zwischen Realit√§t und Interpretation bei der Behandlung von Umweltkrisen. Auf das Ausbleiben von Schnee reagieren wir mit dem Bau von Schneekanonen, auf Algenbl√ľten in der Adria durch Umbuchung. Als Kollektiv sind wir bisher unf√§hig gewesen, wieder hinter die Innenorientierung zur√ľckzugehen zu einer auf Bedingungen des √úberlebens gerichteten Orientierung, die der objektiven Umweltsituation angemessen w√§re. Die Fixierung scheint so stark zu sein, dass eine Umorientierung wohl erst nach einer H√§ufung radikaler Bedrohungserfahrungen zu erwarten ist.

1.7. Zusammenhänge

Die √Ąsthetisierung des Alltagslebens l√§uft nur punktuell, im jeweiligen individuellen Handeln, auf Befriedigung hinaus, langfristig jedoch, wegen des mit Erlebnisorientierung verbundenen Entt√§uschungsrisikos, auf eine permanente Stei- gerung des Appetits. Schon die Antwort des Marktes und der Kulturpolitik auf den Erlebnishunger des Publikums - eine nicht mehr √ľberschaubare Masse von Erlebnisangeboten - enth√§lt die Gefahr der Desorientierung. Doch dieses Pro-

blem, den √úberblick zu verlieren, ist nur ein Aspekt einer allgemeinen Unsicherheit. Andere Orientierungsprobleme kommen hinzu, etwa die Un√ľbersichtlichkeit der erweiterten M√∂glichkeitsr√§ume, die Zersplitterung der Schaupl√§tze des Alltagslebens, die Fluktuation der Sozialkontakte, die kognitive √úberforderung durch Informationen.

Auf eine Kurzformel gebracht, ist die folgende Analyse ein Versuch, die Gesellschaft der Gegenwart aus dem allgemeinen Bem√ľhen um Orientierung heraus zu deuten. Pers√∂nlicher Stil, alltags√§sthetische Schemata und soziale Milieus werden prim√§r verstanden als Konstruktionen, die Sicherheit geben sollen. Im Rahmen dieser Untersuchung spielen vor allem vier Muster der Bew√§ltigung von Unsicherheit eine Rolle: Wiederholung, Vereinfachung, Ausbildung von Gemeinsamkeiten, Autosuggestion.

Unter dem Einfluss erlebnisorientierter existentieller Anschauungsweisen gestalten sich Wirklichkeitsmodelle und objektive soziale Realit√§t allm√§hlich um, da sich die Menschen unter neuen Gesichtspunkten f√ľreinander interessieren. Definitionen von √Ąhnlichkeit und Un√§hnlichkeit, soziale Ann√§herung und Distanzierung, Vorstellungen √ľber die Grenzen sozialer Gruppen kreisen um verschiedene Varianten der Erlebnisorientierung. Anschaulich werden diese Varianten freilich nur indirekt, in Form pers√∂nlicher Attribute, die als Zeichen f√ľr bestimmte Erlebnisorientierungen gelesen werden. Besonders evident und signifikant sind Lebensalter, Bildung und pers√∂nlicher Stil. In der sozialen Wirklichkeit und in dem Bild, das sich die Menschen von ihr machen, treten typische Kombinationen dieser Merkmalsklassen hervor. Dabei haben Wirklichkeitsmodelle nicht nur passiven Status wie etwa eine Fotografie im Verh√§ltnis zur Realit√§t. Sie √ľben auch aktiv Einflu√ü auf die Wirklichkeit aus. Wie ist dies m√∂glich?

Im Vergleich zu fr√ľher haben die Menschen mehr Spielraum, Realit√§t so zu inszenieren, wie sie sich diese vorstellen. Die Art und Weise, wie sie ihre Existenzformen aufbauen, folgt einem neuen Muster. Wurden fr√ľher Subjekt und Situation √ľberwiegend durch Vorgaben und soziale Kontrolle zusammengezwungen, so ist in der Gegenwart mehr Selbstbestimmung im Spiel: Wahl, freie Symbolisierung, gewollte Pr√§gung durch eine pers√∂nliche Umwelt, die zu immer gr√∂sseren Teilen von den Handelnden bewu√üt komponiert wird. Der selbstbestimmte Typus des Aufbaus von Existenzformen reguliert auch die Entstehung sozialer Netzwerke. Beziehungswahl tritt an die Stelle von Beziehungsvorgabe. Es entstehen Gruppen, in denen sich objektiv jene erlebnissignifikanten Zeichenkonfigurationen verdichten, an denen sich die Menschen subjektiv orientieren.

1.8 Gemeinsamkeit trotz Individualisierung

Gibt es angesichts der Individualisierung noch gesellschaftliche Ordnungen, die die Soziologie untersuchen kann? Diese Untersuchung geht davon aus, dass auch unter der Individualisierung neue Gemeinsamkeiten entstehen.

Hauptsächlich vier Komponenten machen den Inhalt der Individualisierungsthese gegenwärtig aus:

  1. Abnehmende Sichtbarkeit und schwindende Bindungswirkung traditioneller Sozialzusammen-hänge (Schicht und Klasse, Verwandtschaft, Nachbarschaft, religiöse Gemeinschaft).
  2. Zunehmende Bestimmung des Lebenslaufes und der Lebenssituation durch individuelle Entscheidungen.
  3. Hervortreten persönlicher Eigenarten - Pluralisierung von Stilen, Lebensformen, Ansichten, Tätigkeiten.
  4. Eintr√ľbung des Gef√ľhlslebens: Einsamkeit, Aggressionen, Zynismus, Orientierungslosigkeit.

 

Die Gleichzeitigkeit von Individualisierung und Kollektivität ist kein Widerspruch in sich. Konfrontieren wir diese Aussage mit den obeigen vier Punkten:

  1. Dem R√ľckgang der Bedeutung traditioneller Sozialzusammenh√§nge steht das Hervortreten neuer Sozialzusammenh√§nge gegen√ľber. Dabei handelt es sich allerdings um Formen der Vergesellschaftung, die dem einzelnen die Teilnahme freistellen. Mit der st√§rkeren Beteiligung des Individuums sinkt nicht notwendig die Verbindlichkeit sozialer Strukturen. M√∂glich ist sogar das Gegenteil: Selbstbindung kann gr√∂ssere normative Kraft entfalten als der Zwang der Verh√§ltnisse.
  2. Durch Zunahme der Optionen wird das Subjekt zwar immer mehr auf sich selbst als w√§hlende Instanz zur√ľckverwiesen. Mit dem Entscheidungsbedarf w√§chst aber auch der Orientierungsbedarf, so dass an die Stelle des √§usseren Orientierungsdrucks der innere tritt. Wir registrieren Konformit√§tsbereitschaft ohne Zwang und Sanktionen. Die pers√∂nliche Suche nach Gesellschaft entsteht aus Unsicherheit, die mit Wahlfreiheit im allgemeinen verbunden ist, mit innenorientiertem Handeln im besonderen.
  3. Am offensichtlichsten manifestiert sich Individualisierung in der Pluralisierung der Existenzformen. Je mehr die Menschen die Wahl haben, desto unterschiedlicher k√∂nnen sie ihr Leben komponieren. Garderobe, Interieurs, Berufskarrieren, Ansichten und Einstellungen, pers√∂nliche Beziehungs- und Familiengeschichte, k√∂rperlicher Habitus, Sprachmuster - viele Bereiche, die uns als Subjekt ausmachen, scheinen sowohl in sich differenzierter geworden zu sein als auch in ihrer Kombination vielf√§ltiger. Die Zunahme von Verschiedenartigkeit mit der Auflosung des Gemeinsamen gleichzusetzen, w√§re allerdings ein logischer Fehler. Wenn statt zehn M√∂glichkeiten hundert oder tausend zur Verf√ľgung stehen, l√§√üt sich der expandierte Raum individueller Differenzierung durch Klassifkationen wieder reduzieren.‚Ä®Gegen den Wirbel objektiver Pluralisierung behaupten wir uns mit semantischer Entpluralisierung.
  4. Auch die Krise der Lebensfreude deutet nicht auf die Abwesenheit von Gesellschaft hin, sondern auf neue Formen. F√ľr die W√§hlbarkeit von Waren, Lebensl√§ufen und Beziehungspartnern haben wir mit dem Verlust jener emotionalen Balance zu bezahlen, die uns das Vorgegebene selbst dann vermittelt, wenn es uns das Leben schwer macht. An die Stelle von engen und langfristig bestehenden Verwandtschaftsgruppen, Nachbarschaften und √∂konomisch restringierten oder privilegierten Milieus ist kein gesellschaftliches Vakuum getreten. Neue, psychisch schwierigere Formen von Gesellschaft kristallisieren sich heraus: gew√§hlte Beziehungen, regional und temporal punktualisierte Kontakte, revidierbare Koexistenzen, indirekte Gemeinsamkeiten, wie sie etwa durch √§hnlichen Konsum konstituiert werden, durch Zugeh√∂rigkeit zum selben Publikum, durch die Erfahrung von Normalit√§t aus der distanzierten Beobachtung der Alltagswelt um uns herum. Auch so k√∂nnen soziale Strukturen und intersubjektiv geteilte Deutungsmuster entstehen.

Gef√ľhle der Einsamkeit und Orientierungslosigkeit scheinen den Zusammenbruch sozial konstruierter Wirklichkeit anzuzeigen, doch sind sie nur psychische Begleiterscheinungen einer individualisierten sozialen Wirklichkeit. Der Mensch ist auf sich selbst verwiesen; selbst sein Vergn√ľgen ist sein Privatvergn√ľgen. Vor viele Wahlen gestellt, in Selbstverantwortung entlassen, erlebt er sich getrennt von anderen, verunsichert durch die Anforderung, etwas aus seinem Leben zu machen, oft heimlich im selben Ma√üe entt√§uscht, wie er sich f√ľr das Projekt seines Lebens engagiert. Weder Kollektivit√§t noch Individualit√§t sind grenzenlos. Wie erzwungene Gemeinsamkeit eine Individualisierungstendenz erzeugt, so die Entgrenzung des Lebens eine Bereitschaft zur Gemeinsamkeit.

1.9. Tour d`horizon

Konstruktivismus

Die einfachste Umschreibung f√ľr die Grundelemente des Konstruktivismus lautet: Jeder legt sich seine Welt selbst zurecht. Im Mittelpunkt der Theorie steht das Subjekt, gewissermassen als Bauherr der Konstruktionen (Vertreter: Maturana).

Wissenschaftstheoretische Argumente sprechen aber f√ľr die Konstrukte von objektiver Wirklichkeit und Erkenntnis (‚ÄěKonstrukt‚Äú insofern, als es sich auch hierbei nur um Anschauungsweisen handelt). Wir brauchen diese Konstrukte als Leitidee, um geeignete und ungeeignete Forschungsverfahren zu unterscheiden, brauchbare und unbrauchbare Interpretationen, seri√∂se Theorie und Unsinn. Dass uns sichere Wahrheit nicht erreichbar ist, dass wir nichts √ľber das Wesen der Dinge erfahren k√∂nnen, dass gerade die Gemeinschaft der Wissenschaftler immer wieder besonders l√§cherliche Episoden der Desinformation inszeniert, dass man am Wahrheitsgehalt von Aussagen umso mehr zweifeln muss, je autoritativer er reklamiert wird - all dies ist gewiss unbestreitbar, doch werden diese Einsichten nach vieler Wiederholungen allm√§hlich zur selbstverst√§ndlichen Prop√§deutik. Was dagegen oft kaum der Prop√§deutik f√ľr w√ľrdig erachtet wird - die √úberlegung, wie man sinnvoll empirisch argumentieren kann - entpuppt sich bei n√§herem Hinsehen als immer noch grosse, grade in der Soziologie erst in Ans√§tzen bew√§ltigte Herausforderung.

2. Zeichenfluktuation und Bedeutungskonstanz

Es gilt zwei grundverschiedene Arten von Enttäuschungen zu unterscheiden: Die Enttäuschung des Nichthabens und die Enttäuschung des Nichterlebens. Im ersten Fall fehlen die Mittel. Sozialgeschichtlich hat die zweite Art der Enttäuschung stark zugenommen, während die erste aus dem Leben vieler Menschen fast verschwunden ist. Oft wird aber die Enttäuschung zweiter Art dem Erlebnisprojekt (Zeichen) zugeschoben. Erlebnisse hängen aber nicht nur von der Qualität der Zeichen ab, sondern vor allem von unserer persönlichen Leistung beim Aufbau von Bedeutung. Keine noch so aufwendige Infrastruktur von Service-Einrichtungen des Erlebnismarktes kann uns diese Anforderung abnehmen.

Wenn aber der Erlebnismarkt immer mehr Zeichen produziert, eine immer gr√∂ssere Flut von Reizen auf uns ergiesst, dann wird die Situation immer un√ľbersichtlicher und die Zuordnung von Zeichen und Bedeutung wird unklarer. Es wird daher auch schwerer √ľberhaupt etwas zu erleben.

Nicht nur die Neuartigkeit, sondern auch diegrosse Zahl von Zeichen erschwert die Konstruktion von Erlebnissen. Denn erst dann, wenn die Konsumenten die un√ľbersehbare Zahl von Artikeln und Dienstleistungen, die der Erlebnismarkt bereith√§lt, auffassen und mit Bedeutung in Verbindung bringen k√∂nnen, ist es ihnen m√∂glich  diese Zeichen auch √§sthetisch zu nutzen. Immer wieder neue Zeichen m√ľssen auf physische Strukturen des Erlebens bezogen werden, die wir nicht st√§ndig √§ndern k√∂nnen, wenn wir √ľberhaupt noch etwas empfinden wollen. Ein erlebnisorientierter Mensch droht sich gerade durch die konsequente Umsetzung seines Programms das Wasser abzugraben. Indem er sich mit allen nur denkbaren Reizen versorgt, erh√∂ht er die Schwierigkeiten des Erlebens und damit auch die Wahrscheinlichkeit von Entt√§uschungen der zweiten Art.

Mit der Verdichtung alltags√§sthetischer Episoden (Erlebnisorientierung bezeichnet die Absicht, alltags√§sthetischer Episode den h√§ufigsten Typus der Ausf√ľhrung. Die kleinste Einheit ist die Episode, Episoden zusammen bilden den Stil) sank die F√§higkeit, dem einzelnen Zeichen noch Bedeutung abzugewinnen. Darauf nicht mit Askese zu reagieren, um die Erlebnisf√§higkeit wiederherzustellen, sondern mit Mehrnachfrage, ist zwar verst√§ndlich, aber kontraproduktiv. Je mehr sich die Zeichenmenge aufbl√§ht, je rascher ihr Austausch betrieben wird, desto einleuchtender scheint die √úberlegung, dass doch nun jeder genug Angebote f√ľr seinen speziellen Bedarf finden k√∂nne, um sich starke Erlebnisse zu bereiten - und desto unwahrscheinlicher wird es in Wirklichkeit. Die √úberdosis des Neuen l√§sst Langeweile aufkommen, das Ungew√∂hnliche wird allt√§glich, die Zeichen treiben schneller an uns vorbei, als wir intensiv empfundene Bedeutungen dazu konstruieren k√∂nnen. Rasche Zeichenfluktuation steigert das Entt√§uschungsrisiko, Entt√§uschungsangst steigert die Nachfrage.

Gleichzeitig w√§chst die Unsicherheit. In der prek√§ren Situation drohenden Bedeutungsverlustes der Zeichen, mag sie auch durch das eigene Nachfrageverhalten √ľberhaupt erst entstanden sein, entsteht ein eminentes Bed√ľrfnis nach Ord- nung und Orientierung. Gefragt sind Strukturen, die den blind machenden Wirbelsturm von Zeichen verhindern und die Herstellung von Beziehungen zu den dauerhafteren, nur allm√§hlich wandelbaren subjektiven Bedeutungsmustern erleichtern. So bilden sich Strukturen wie - alltags√§sthetische Schemata, soziale Milieus, Szenen. Sie verweisen auf ein kollektives Bedeutungssystem.