"Die Kirche ist für so viel Unrecht verantwortlich"
(Kapitel 4 aus 'Warum Gott?')

von Timothy Keller | 14.08.2014

Viele Menschen, die das Christentum aus intellektuellen Gründen ablehnen, tun dies vor dem Hintergrund von Enttäuschungen mit Christen und Kirchen.

Kapitelzusammenfassung von Felix Ruther

 

Christen haben die Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens beschädigt.

1. Wenn Christen Fehler haben

"Sollten die Christen nicht besser sein als andere?" Diese Annahme gründet auf einer Fehlinterpretation der christlichen Lehre. Jak 1,17 sagt, dass jede gute und weise Handlung von Gott stammt, der sie über alle Menschen aller Religionen ausstreut. Inneres Wachstum setzt ein, nachdem jemand Christ geworden ist. Da der Charakter zu einem grossen Teil durch die Umgebung geprägt wurde, muss man ehrlicherweise auch die Startbedingungen der Einzelnen betrachten. Zudem zieht der Glaube eben gerade jene an, die es im Leben schwer haben. "Die Kirche ist ein Krankenhaus für Sünder, und nicht ein Museum für Heilige."

2. Religion und Gewalt

Christopher Hitchens: "Die Religion hat sich als enormer Multiplikator von Misstrauen und Hass zwischen verfeindeten Gruppen erwiesen." Da ist was dran. Im Namen des Christentums wurde Schreckliches verübt. Aber diese Sicht ist einseitig. Denn konsequent religionsfreie Gesellschaften haben sich als mindestens ebenso unterdrückerisch erwiesen. Die Tatsache, dass es in einer Gesellschaft zu Gewalt kommt, ist zudem nicht notwendig ein Argument gegen die herrschende Ideologie oder Religion.

3. Das Problem des Fanatismus

Heute stösst vermutlich der Fanatismus mehr ab als die früheren Religionskriege. Fanatiker sind gegen fast alles, und sie sind selbstgerecht. Im Kern des Christentums geht es aber nicht um religiöse Leistung sondern um Gnade. Dieser Glaube macht zutiefst bescheiden. Fanatiker sind dies nicht, weil sie das Evangelium zu ernst nehmen, sondern weil sie es nicht ernst genug nehmen. Fanatiker sind fanatisch im Äussern ihrer Meinung, aber nicht fanatisch im Lieben, in der Demut, im Vergeben.

Religionskritik in der Bibel

Für Jesus und die Propheten geht eine selbstgerechte Frömmigkeit immer mit einem blinden Auge für soziale Gerechtigkeit einher. Jesus verurteilt immer wieder Gesetzlichkeit, Selbstgerechtigkeit und die Liebe zu Macht und Geld. Daher liefert die Bibel selber die Kriterien für die Kritik an der Kirche.


Die Geschichte des Christentums enthält viele  Beispiele für eine erfolgreiche Selbstkorrektur, z.B beim Sklavenhandel: Wir finden den Sklavenhandel praktisch in allen Kulturen, aber Christen waren die Ersten, die zur Erkenntnis kamen, dass sie ethisch verwerflich war. In der Neuen Welt wurde die Sklaverei gegen den erbitterten Widerstand der Päpste wieder eingeführt, obwohl es die frühen Christen waren, die gegen die römische Sklaverei aufgestanden sind. Die Abolitionisten waren durchwegs Christen (u.A. Wilberforce in Grossbritannien oder Woolman in den USA).

Ein weiteres Beispiel ist die Bürgerrechtsbewegung in den USA: Sie war in erster Linie religiös motiviert. Martin Luther King wusste, dass das Gegenmittel zum Rassismus nicht weniger Christentum war, sondern ein tieferes und wahreres Christentum. Ebenso während der Apartheid in Südafrika: Desmond Tutu setzte die "Wahrheits- und Aussöhnungskommission" ein. Der Machtwechsel vollzog sich daher unter viel weniger Blutvergiessen als erwartet. Ein ähnlicher Einfluss hatte die katholische Kirche in Polen: Priester Popielusko inspirierte Lech Wales. "Wir vergeben."

Märtyrer des 20 Jahrhunderts: Erzbischof Oscar Romero wurde 1980 erschossen, weil er für die Menschenrechte in El Salvador eingestanden ist. Dietrich Bonhoeffer wurde 1945 hingerichtet.

"Wo Menschen im Namen Christi Unrecht begehen, handeln sie nicht im Geiste dessen, der selber als Opfer der Ungerechtigkeit starb und um Vergebung für seine Feinde bat."