Die sechs spirituellen Traditionen der VBG

Die sechs spirituellen Traditionen der VBG

von Felix Ruther | 05.08.1999

Die VBG formuliert ihre zentralsten Glaubensinhalte nicht mehr in einem eigenen Bekenntnis, sondern stimmt mit allen Christen in das apostolische Glaubensbekenntnis ein. Mit diesem Wechsel wuchs der Wunsch, die SpiritualitÀt unserer Bewegung noch klarer zu umschreiben. Angeregt durch die Renovare-Bewegung um Richard Foster begann ich, die VBG-Geschichte nach ihren spirituellen SchÀtzen zu durchforsten und formulierte sechs Traditionen mit je zwei Schwerpunkten. Sie sollen uns als geistliche Leitlinien dienen.

Geistliche Leitlinien aus den monastischen Traditionen

1. SchöpfungsspiritualitÀt

Durch verschiedene klösterliche Traditionen wurde ĂŒber die Jahrhunderte hinweg eine SchöpfungsspiritualitĂ€t ĂŒberliefert, die uns eine Ehrfurcht vor der guten1 Schöpfung lehrt, sowie zu einer grundsĂ€tzlichen Weltbejahung2 und sinnenfrohen Gottesbeziehung fĂŒhrt. Sie weist auch auf die Begegnungsmöglichkeit3 mit Gott in seiner Schöpfung hin. Gott und nicht der Zufall steht am Anfang4 der Schöpfung. Teile seines Wesens sind in seiner Schöpfung erkenn- und erfahrbar5.

Gottes Wesen offenbart sich in seiner Schöpfung, die nicht nur ist6, sondern sich selbst aus den von Gott in sie gelegten KrĂ€ften weiter entfaltet7. Das gilt auch fĂŒr den Menschen mit seinem schöpferischen Potential8.‹Weil die Welt Gott gehört9, ist unser Umgang mit der Schöpfung nur dann angemessen, wenn wir sie bewahren und massvoll verwalten10. Wenn wir nicht mehr an den Schöpfergeist11 glauben, wird die Welt zwangslĂ€ufig auf blosse Materie reduziert.
‹Die VBG will daher eine Bewegung sein, in der das Lob des Schöpfers auf verschiedene Art und Weise sichtbar wird:
im konkreten Lob-Gebet und -Gesang, das dem Schöpfer dargebracht wird12;
in der ehrfurchtsvollen Anerkennung der Gottes-Ebenbildlichkeit jedes Menschen, seiner Freiheit13, seiner WĂŒrde und seiner schöpferischen FĂ€higkeiten14; im achtsamen und nachhaltigen Umgang mit der ganzen Schöpfung15.

2. Kontemplation

Weil sie Gott noch tiefer begegnen wollten16, haben viele Menschen immer wieder die Einsamkeit17 und Stille18 gesucht oder sich in kommunitĂ€ren Gemeinschaften19 zusammengefunden, um einander bei dieser Gottsuche beizustehen.‹Die tiefste Sehnsucht jedes Menschen ist die Sehnsucht nach Liebe. Diese Sehnsucht wird erst und nur in Gott20 ihre Vollendung finden. Der kontemplative Lebensstil quillt aus dieser Sehnsucht21. In ihm geht es um die Pflege der persönlichen Liebesbeziehung zum dreieinen Gott, sei es im Alltag, in der Einsamkeit oder in kommunitĂ€ren Gemeinschaften.‹Die kontemplative Tradition zeigt uns Wege, wie wir unser gesamtes Leben in der Gegenwart verwirklichen können, wie wir auch in aller Hektik und allen Sorgen des Alltags Raum fĂŒr die Begegnung mit Gott gewinnen können. Sie verweist uns auch auf den Wert geistlich gefĂŒllter Rituale. So lehren uns auch Jesus und die Apostel durch ihr Vorbild, dass ein Leben aus der Liebeskraft, die von Gott stammt, immer Stille, Einsamkeit, Fasten, WĂŒstentage, Gebet und Betrachtung benötigt.
‹Die VBG will daher eine Bewegung sein, in der die verschiedensten Formen der kontemplativen Tradition gelehrt und gemeinsam eingeĂŒbt werden.


‹1     1. Mose 1,10.12‹

2     1. Timotheus 4,4‹

3     Römer 11,36; Weisheit 13,1; Psalm 139,8f

‹4     1. Mose 1.1; Psalm 8,4; Kolosser 1.16.17

5     Römer 1,19.20

‹6     Psalm 104,29; Hiob 34,14.15

7     1. Mose 1,11.12

8     Psalm 8,6; 1. Mose 1,26.27; Weisheit 2,23

9     Johannes 1,11

10    1. Mose 2,15; 3. Mose 25,2-7

11    Weisheit 1,7

‹12    Psalm 104,31.33; 130,13; Römer 11,36

13    1. Korinther 6,12

‹14    1. Mose 11,6; 2.Mose 28,3; 1. Samuel 16.18

‹15    1. Mose 2,15; 3. Mose 25,2-7

16    Apostelgeschichte 17,27.28

17    Hosea 6,3; Sacharia 8,20 f.; Apostelgeschichte 15,17

‹18    Lukas 6,12

19    Jesaja 30,15

20    Apostelgeschichte 2,44f

21    Jesaja 55,1-3

 

Geistliche Leitlinien aus den reformatorischen Traditionen

1. Bibel

Die reformatorische Tradition hat die Bibel wieder ganz neu entdeckt. Weil die VBG davon ausgeht, dass sich Gott selber durch das von verschiedenen Autoren geschriebene Buch offenbart hat1, glauben wir, dass sich alle Äusserungen des christlichen Glaubens an diesen Schriften messen mĂŒssen2. Wir wissen, dass innerhalb der christlichen Kirche verschiedene Auffassungen darĂŒber bestehen, wie die Inspiration der Bibel und deren Inhalte zu deuten sind. Uns ist dabei wichtig, zwischen den zentralen Wahrheiten der Offenbarung, wie sie sich im apostolischen Glaubensbekenntnis niedergeschlagen haben, und den verschiedenen Interpretationen und Traditionen zu unterscheiden. Als Bewegung möchten wir eine klare Verankerung im Zentrum unseres Glaubens – im Bekenntnis: „Jesus ist der Herr!“3 – vermitteln und daneben zu grosser Freiheit anleiten.
Im Umgang mit der Bibel soll uns nicht eine zugreifende und versachlichte Haltung prĂ€gen. Wir möchten in allem Forschen und theologischen Arbeiten nie den Beziehungsaspekt unseres Glaubens vergessen und im Umgang mit der Bibel eine betend-empfangende, ehrfurchtsvolle Demut pflegen4. Eine Haltung, die sich nicht gegenĂŒber theologischen Erkenntnissen verschliesst, die auch die Wirkungsgeschichte verschiedener biblischer Texte ernst nimmt und verschiedene anerkannte Auslegungstraditionen achtet.


Die VBG ist daher eine Bewegung, in der die Menschen immer wieder an die Bibel herangefĂŒhrt werden, sei es in Gruppen oder durch Anleitung zur tĂ€glichen Bibelbetrachtung5. Als Bewegung möchte sich die VBG an den in der Bibel offenbarten Wahrheiten orientieren.

2. Gnade

In einer Zeit, als viele Christen glaubten, sich das göttliche Heil kaufen oder verdienen zu mĂŒssen, betonte die reformatorische Tradition wieder die befreiende biblische Grundwahrheit, dass das göttliche Heil als Geschenk bereit liegt6. Seit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus7 und durch Jesu Tod8 und Auferstehung9 liegt dieses Geschenk fĂŒr alle Menschen, unabhĂ€ngig von ihrer „frommen“ Vorleistung oder ihrer Herkunft, bereit10. Wer das Geschenk der Gemeinschaft mit Gott ehrlich sucht, wird zu Gott umkehren11 und ihn um diese Gabe bitten, und Gott wird niemanden abweisen, der in dieser Haltung zu ihm kommt12. Die VBG versteht sich grundsĂ€tzlich als Bewegung, die diese gute Nachricht vom geschenkten Heil weitersagen möchte13.
Wie alle Kirchen, die sich zum apostolischen Glauben bekennen, versteht auch die VBG die biblischen Aussagen von der Menschwerdung Gottes, vom Tod, von der Auferstehung Jesu, von seinem gegenwÀrtigen Wirken und seiner Wiederkunft als Mitte des christlichen Glaubens14.


1    Johannes 5,39; 2. Timotheus 3,16

2    Psalm 119, 33-35; HebrĂ€er 4,12

3    1. Korinther 12,3; Johannes 20,28; Römer 14,8; Philipper 3,8

4    Psalm 119,11.12

5    Kolosser 3,16

6    Johannes 1,12; Römer 4,5

7    Johannes 1,14; 1. Johannes 4,2.9

8    Johannes 3,16; Römer 5,8; 1. Thessalonicher 5,9.10

9    1. Korinther 15

10    Philipper 3,3ff; Epheser 2,8.9; Titus 3,4.5

11    Jesaja 55,7; Apostelgeschichte 2,37.38

12    Römer 10,13; Lukas 11,9.10

13    Römer 1,14.15; 2. Korinther 5,14.20; 1. Johannes 1,3

14    Philipper 2,6-11

 

Geistliche Leitlinien aus der charismatischen Tradition

1. Erfahrbarkeit Gottes

Wenn die Traditionskirchen die SpontaneitĂ€t des christlichen Glaubens zu verlieren drohten, schenkte Gott oft charismatisch-pfingstliche AufbrĂŒche. Diese AufbrĂŒche fĂŒhrten ĂŒber die neue Betonung des Heiligen Geistes mit all seiner UnverfĂŒgbarkeit1 und seinen Kraftmanifestationen2 zu einer Belebung des enthusiastischen Christseins. Verkopfte Gottesdienste wurden im Zuge dieser AufbrĂŒche zu ganzheitlicheren Erfahrungen der unmittelbaren Gottesgegenwart3.
Gott schenkt durch die Kraft des Heiligen Geistes so viel, dass Geistergriffene davon abgeben können4 und nicht stĂ€ndig mit ihrer geistlichen Armut konfrontiert sein mĂŒssen. Die Wirkungen des Heiligen Geistes sind mannigfach. Er wirkt spontan und oft ĂŒberraschend5. Er befreit von jeder Tyrannei6 und verleiblicht den Glauben. Kriterium fĂŒr den Erweis des Geistes sind aber weder Zeichen noch Wunder noch Ergriffenheitserlebnisse, sondern das Christusbekenntnis7 sowie der Dienst jener Liebe, die den andern höher achtet als sich selbst8. Die VBG betont, dass zur Initiation in den christlichen Glauben neben der Abkehr von todbringenden Werken9, dem existenziellen Vertrauen in Jesus10, der Taufe als öffentlichem Bekenntnis11 auch die ErfĂŒllung im Heiligen Geist gehört12. Gerade weil der Geist Christi der Geist der Liebe ist13, brauchen Christen fĂŒr ihren Lebensvollzug ein tĂ€glich neues ErfĂŒlltwerden mit der Kraft des Heiligen Geistes14.

2. Charismen

In den jĂŒngeren charismatischen AufbrĂŒchen wurden die Gaben des Geistes (Charismen) wieder ganz neu entdeckt. Gottes Geist durchdringt einerseits natĂŒrliche Begabungsstrukturen15 und weckt andererseits neue Gaben16. Diese Geistdurchdringung fĂŒhrt zu farbigen, einmaligen Persönlichkeiten17, die mit ihrem ganz speziellen Begabungsspektrum zum Dienst an der Gemeinde und der Welt gerufen sind18.
So verstehen sich Gaben immer auch als Aufgaben19. GabengemĂ€sses Leben fĂŒhrt einerseits zur Entlastung, weil Begabte auch um ihre Grenzen wissen; nicht jeder muss alles können20. Andererseits wissen sich alle Begabten auch in der gegenseitigen ErgĂ€nzung aufeinander angewiesen21.
Die Reife einer gesunden Gottesbeziehung zeigt sich aber nicht in der Vielzahl der Begabungen, sondern in ihrer Durchdringung mit Liebe22.
Die charismatischen AufbrĂŒche haben auch neu betont, dass in allen alltĂ€glichen Dingen mit der Gegenwart des Heiligen Geistes und seinen Impulsen gerechnet werden darf23.
Die VBG möchte den Menschen in ihren Reihen bei der Suche nach ihrem Begabungsspektrum beistehen und ihnen nach Möglichkeit Übungs- und EntfaltungsrĂ€ume fĂŒr ihre Gaben schaffen. Die Strukturen der VBG sollen daher so gewĂ€hlt werden, dass Menschen in den verschiedenen VBG-Gruppen zu mĂŒndigen und farbigen Persönlichkeiten heranwachsen können.


1    Johannes 3,8

2    Lukas 24,49; Apostelgeschichte 1,8; 2. Timotheus 1,7

3    1. Korinther 14,26

4    2. Korinther 9,8

5    1. Samuel 19,20; Apostelgeschichte 8,39

6    2. Korinther 3,17

7     1. Korinther 12,3; 1. Johannes 4,2.3

8     Galater 5,22

9    HebrĂ€er 6,1; Apostelgeschichte 2,38

10     Apostelgeschichte 16,31; Römer 10,9-11

11     Apostelgeschichte 16,33

12    Apostelgeschichte 8,15; 9,17; 19,2

13    2. Timotheus 1,7

14    Epheser 5,18

15    2. Mose 28,3

16    Römer 12,6; 1. Korinther 12

17    1. Korinther 7,7; 12,28

18    Römer 12,6; 1. Korinther 12,7; 1. Petrus 4,9

19    Lukas 19,11ff

20    1. Korinther 12,29.30

21    Römer 12,4-6; 1. Korinther 12,12ff

22    Römer 5,5; 1. Korinther 13; Galater 5,22

23    Apostelgeschichte 8,29; 13,2

 

Geistliche Leitlinien aus den sozial-ethischen Traditionen

1. Christus im Mitmenschen

In der Kirchengeschichte gab es immer wieder Bewegungen, die ihr Christsein vor allem darin verwirklicht sahen, dass sie sich den Schwachen und Armen in all ihren Nöten und Leiden annahmen1. Diese Haltung findet ihren Grund im biblischen Gottesbild2 und im Lebenszeugnis von Jesus, dessen Blick nicht zuerst der SĂŒnde des Menschen galt, sondern dem Leiden, und fĂŒr den SĂŒnde nicht zuletzt die Weigerung war, am Leid der anderen teilzunehmen. Seine Identifikation mit allen Menschen, ganz besonders mit allen, die irgendwie am Rande der Gesellschaft standen3, war so stark, dass er sagen konnte: „Was ihr einem dieser Geringsten tut, das tut ihr mir“4.
Diese Hochachtung jedes Menschen5 ist ein Grundzug biblischer Anthropologie: der Mensch bleibt trotz all seiner Gefallenheit schöpfungsmĂ€ssig Abbild Gottes. Er besitzt daher WĂŒrde, EigenstĂ€ndigkeit und Eigenwirksamkeit sowie die FĂ€higkeit, vor sich selber, gegenĂŒber dem Mitmenschen und vor Gott verantwortlich zu sein6.
Die VBG möchte sich daher fĂŒr die Achtung der MenschenwĂŒrde einsetzen und in den verschiedenen Arbeitszweigen diakonische Projekte unterstĂŒtzen. Innerhalb der Bewegung sollen die Menschen immer den Vorrang vor der Sache haben und auch ihre umfassende Eigenverantwortung wahrnehmen können.

2. Neue Strukturen

Christliche NĂ€chstenliebe wird nicht nur am einzelnen Mitmenschen konkretisiert. Sie will auch gesellschaftliche, kulturelle, wirtschaftliche und politische Strukturen durchdringen7. Eine gesunde Beziehung zum Schöpfergott zeigt sich auch darin, dass sich der Mensch als Mitschöpfer der Gesellschaft versteht. Als solcher muss er darauf achten, dass in dem Mass, wie seine Kenntnisse und produktiven Möglichkeiten wachsen, auch die Verpflichtung wĂ€chst8, damit seinen Mitmenschen, den nachfolgenden Generationen und der ganzen Mitwelt zu dienen. Alles Mitwirken an der Gestalt dieser Welt muss sich an der biblischen Vorstellung von Gerechtigkeit orientieren und soll auf ein umfassendes „Shalom“ fĂŒr alle Geschöpfe abzielen.
Die VBG versucht daher, durch ihre TÀtigkeit in den verschiedenen Berufszweigen aufzuzeigen, dass sich christlicher Glaube auch in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen wirksam erweisen muss, wenn er nicht zum abgehobenen SchwÀrmertum verkommen will.

1    Apostelgeschichte 2,45; 20,35; 28,8

2    Judith 9,11

3    Lukas 4,18-21; 5,32

4    MatthĂ€us 25,40

5    1. Mose 1,27-31; 2,15; 2. Mose 34,6; Psalm 68,6f

6    5. Mose 5,7; 11,26; Römer 1,18; 2,1.2.14.15

7    Jeremia 29,7; Jesaja 58,6-8; SprĂŒche 29,2; Römer 13,4-6

8    Tobit 4,8; Lukas 12,15; 1. Timotheus 6,18; 1. Johannes 3,17

 

Geistliche Leitlinien aus der Scholastik

1. Glauben und Denken

In der Scholastik des 13. Jahrhunderts wurde das VerhĂ€ltnis von Glauben und Denken in einer ganz neuen Weise durchdacht. Dies fĂŒhrte einerseits zur KlĂ€rung des Glaubens und andererseits zur Befreiung der Wissenschaft vom theologischen Diktat.
Ein Glaube, der um seine guten GrĂŒnde und Grenzen weiss1, kann sich ganz offen allen Fragen stellen2 und muss auch jene Fragen, die mögliche Hindernisse fĂŒr den Glauben darstellen können, nicht verdrĂ€ngen. Dieses VerdrĂ€ngen geschieht, wenn wir unser Denken gewaltsam abbrechen, weil es zu gefĂ€hrlichen Konsequenzen zu fĂŒhren scheint.
Kein Mensch und kein Christ darf sich unter Berufung auf den Glauben vom Denken dispensieren3. Die Liebe zu Gott, dem einzig Wahrhaftigen4, verbietet es auch, in denkerischen Auseinandersetzungen Tatsachen zu verschweigen, die uns unbequem sind, Argumente der Gegenposition zu karikieren5 und nur GrĂŒnde fĂŒr die eigene Überzeugung ins Licht zu rĂŒcken.
In den VBG-Gruppen soll daher immer eine AtmosphÀre der Offenheit herrschen6, die es allen Beteiligten ermöglicht, ihre Fragen und Ansichten in die Diskussion einzubringen. Die VBG möchte sich auch den Anfragen von aussen stellen.

2. Die ungeteilte Wahrheit

Die scholastische Tradition betonte, dass Gottes Wesen und sein Wille deckungsgleich sind7. Werte8, Denkgesetze9 und Naturordnungen10 sind von Gott gesetzt11, aber nicht willkĂŒrlich, sondern in Übereinstimmung mit seinem Wesen. Damit können nicht nur aus der biblischen Offenbarung, sondern auch aus der geschaffenen Welt RĂŒckschlĂŒsse auf Gottes Wesen und Art gezogen werden12. Das scholastische Denken erhielt gerade darin sein GeprĂ€ge, dass es die ganze Wissenschaft und die ganze Welt, trotz ihrer Gefallenheit, mit Gott in Verbindung brachte13. Die VBG teilt die Ansicht der Scholastik, dass jede Wahrheit von Gott stamme14, wer immer sie auch erkenne. Damit kann das, was durch einen recht geleiteten, biblischen Glauben ĂŒberliefert wird, dem nicht widersprechen, was durch die in ihren Grenzen forschende, natĂŒrliche Vernunft erkannt wird. Daher anerkennen wir dankbar Erkenntnisse, die von einer Wissenschaft zu Tage gefördert wurde, welche ihren Geltungsbereichen nicht verlĂ€sst.

1    Epheser 1,17.18; 4,14

2    Apostelgeschichte 17,16 ff.

3    1. Korinther 14,20

4    Psalm 33,4; Offenbarung 3,7

5    MatthĂ€us 5,22; 1. Korinther 13,6

6    1. Johannes 1,7

7    Psalm 115,3; Weisheit 12,18b; 2. Korinther 1,19b; Epheser 1,11

8    2. Mose 20

9    2. Korinther 10,5

10   Psalm 104; Hiob 38 ff.

11    Psalm 19,2; Jesaja 45,18.19

12    Jesaja 45,18.19; Psalm 8,2; 19,2; 50,6; Römer 1,19.20

13    Psalm 83,19; 139,8 ff.

14    Psalm 119,160; Johannes 14,6

 

Geistliche Leitlinien aus den Heiligungsbewegungen

1. Hin zu Gott

Die Heiligungsbewegungen haben das Ausgesondertsein1 fĂŒr Gott („Heiligkeit“) betont. Dabei ist die geschenkte Heiligkeit2 der Ausgangspunkt praktizierter Heiligung3 – der zunehmenden Umgestaltung in Gottes Wesensart4. FĂŒr eine gesunde SpiritualitĂ€t darf die Spannung zwischen der geschenkten Heiligkeit und der Heiligkeit als Ziel nicht aufgehoben werden5.
Beim EinĂŒben guter Gewohnheiten und Haltungen geht es darum, mit dem Wirken des Heiligen Geistes Schritt zu halten. Heiligung geschieht dort, wo sich Gottes Heilswirken6 und menschliches Mitwirken7 in geheimnisvoller Art und Weise begegnen und ergĂ€nzen8.
In der Beziehung zu Gott Àussert sich die Heiligung als aufrichtiges Verlangen, Gott in Liebe und Treue, durch Hingabe und Lobpreis zu gefallen9. Dadurch steht Heiligung einer ReligiositÀt entgegen, die zuerst ihre eigene Befriedigung sucht. Heiligung ist aber immer mehr als die Vollendung des einzelnen GlÀubigen oder der Kirche. Heiligung zielt auch auf die ganze Welt, mit der Gott an sein Ziel kommen will10.
Die Heiligungsbewegung betont die Heiligkeit Gottes11. Gott offenbarte sich nicht nur als der nahe Freund12, er ist auch der immer Andere, der UnverfĂŒgbare13. Gott kann auch meine PlĂ€ne und WĂŒnsche durchkreuzen.
Die VBG erachtet es als wichtiges Ziel, zu einem biblischen Gottesbild zu fĂŒhren, das Liebe und Gericht14, Triumph und Leiden15, Allmacht und NĂ€he16 umspannt, im vollen Bewusstsein, dass nur Gott selber absolut und unwandelbar ist, nicht aber unsere Gotteserkenntnis17.

2. Weg von der Welt

In der Beziehung zur SĂŒnde erscheint Heiligung als Widerstandsbewegung18 und in der Gestalt von Disziplin, die man sich auferlegt, um allen KrĂ€ften und Neigungen abzusagen19, welche Entfremdung zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen bewirken.
Die Gemeinde Jesu ist daher stets ein StĂŒck „Alternativbewegung“ und „Protestgemeinschaft“, oder sie wird zum faden Salz20. Diese Bewegung „weg von der Welt“21 hat ihren tiefen Sinn nicht in der Verneinung, sondern im Ruf „hin zu Gott“. Unter „Welt“ verstehen wir daher nicht Gottes gute Schöpfung, sondern die gott- und menschenfeindlichen KrĂ€fte22. Die Absonderung von der Welt23 darf daher nie zu einer kultur- und bildungsfeindlichen, apolitischen24 und gesetzlichen25 Haltung fĂŒhren.
Die VBG möchte sich immer wieder von der Frage nach dem spezifisch Christlichen leiten lassen und in allen TĂ€tigkeiten und Äusserungen möglichst transparent sein. In Fragen der Individualethik will sie sich an den biblischen Normen orientieren. Diese Absicht wird durch die Überzeugung geleitet, dass ein Leben innerhalb der Ordnungen Gottes zur wahren Freiheit und tiefster Menschlichkeit fĂŒhrt26.

1    2. Korinther 7,1; Epheser 1,4; 1. Petrus 1,16; HebrĂ€er 12,14

2    1. Korinther 1,30; 2. Korinther 5,17; Philipper 1,1

3    Kolosser 3,16.17

4    2. Korinther 3,18; Epheser 5,1

5    Römer 7,14ff; Philipper 3,12-14

6    1. Korinther 1,8; 1. Thessalonicher 5,23

7    3. Mose 19,2; 1. Petrus 1,14-16

8    Philipper 2,12.13

9    Psalm 150; MatthĂ€us 22,37; 1. Petrus 4,11

10    Offenbarung 21

11    Offenbarung 4,8

12    MatthĂ€us 26,50; Johannes 15,15; Jakobus 2,23

13    2. Mose 3,14; 33,19-23; Römer 11,33-35

14    1. Johannes 4,8; Weisheit 14,30; 1 Korinther 3,13f; Offenbarung 14,7

15    2. Korinther 2,14; Kolosser 2,15; Jesaja 53

16    MatthĂ€us 28,18; Offenbarung 15,3.4; Josua 1,5; MatthĂ€us 28,20

17    1. Korinther 13,9

18    Römer 6,12.13; 1. Johannes 4,4; Römer 12,1-3

19    Kolosser 3,5-15

20    MatthĂ€us 5,13

21    2. Korinther 6,17; Philipper 3,20

22    1. Johannes 1,15-17

23    1. Korinther 2,6

24    Nehemia 2,12b

25    2. Korinther 3,6

26    Psalm 119,1.2