Effata - öffne dich!

Effata - öffne dich!

von Heiner Schubert | 12.01.2012

Wir bringen AuszĂŒge aus der Predigt von VBG-PrĂ€sident Heiner Schubert am VBG-Tag 2011 in ZĂŒrich ĂŒber Markus 7,31-37.

Wenn es eine unverzichtbare Bedingung fĂŒr das Reden mit Gott oder ĂŒber Gott gibt, so ist das Offenheit: Offenheit zu hören; Offenheit, dass es ganz anders kommen kann, als ich erwartet habe, Offenheit als Bereitschaft und Neugier. Interessanterweise gilt das nicht nur fĂŒr die Begegnung mit Gott, sondern auch fĂŒr Begegnungen mit Menschen. Wer im Voraus genau weiss, wie‘s wirklich ist, wird bei diesen Begegnungen scheitern.

Jede Begegnung ist eine Krise der Bilder, die ich in mir habe – von Gott oder von den Anderen. Wer nicht bereit ist, diese Bilder jedesmal in Frage zu stellen, wird weder Gott noch dem Anderen wirklich begegnen. Er begegnet letztlich nur dem, was er immer schon wusste und immer schon dachte. Er bleibt ein Gefangener seiner selbst. Es gibt kommunikativ wenig Hoffnungsloseres, als diese geistig und geistlich sklerotischen Menschen, die durch nichts und niemanden bewegt werden können, ihren Standpunkt zu verlassen. Es ist eine Art der Gehörlosigkeit und Sprachlosigkeit, die zwar medizinisch nicht nachweisbar ist, aber genauso der innigen Zuwendung Gottes – eines Wunders – bedarf.

So wie Jesus sich dem Kind in Markus Kapitel 7 zuwendet, wendet er sich uns zu, mit unseren Begrenzungen, Barrieren und Barrikaden. Jesus öffnet dem Kind einen intimen Raum, wo es nicht den Kommentaren und dem «Gegaffe» der Menge ausgesetzt ist. Das ist sehr berĂŒhrend. Wir lernen daraus, dass es fĂŒr die Begegnung mit Gott und mit Jesus diese intimen RĂ€ume braucht. Es braucht sie fĂŒr mich, und es braucht sie fĂŒr die Anderen.

Das beste Passwort

Es gibt in meiner Beziehung zu Gott einen Bereich, der nur uns zwei etwas angeht. Es ist eine Art geschĂŒtzter Bereich, fĂŒr den nur wir zwei das Passwort kennen, das kein Hacker auf der Welt knacken kann. In diesem Raum muss ich zuhause sein, ich muss ihn kennen und mich darin aufhalten können. Es sind die kostbaren Momente, in denen ich erlebe, dass Jesus sich mir ganz zuwendet und ich ihm meine Verletzungen und Behinderungen hinhalten kann. Dieser Raum ist ein Geschenk und eine Aufgabe. So wie das gehörlose Kind von Bekannten gebracht wird, so braucht es meine Initiative, diesen Raum zu suchen und zu pflegen.
In der Geschichte wird das Kind von seiner Mutter gebracht. Ich nahm mir die Freiheit, das so darzustellen. Markus erzĂ€hlt, einige hĂ€tten einen Gehörlosen zu Jesus gebracht und ihn gebeten, ihm die Hand aufzulegen (V. 32). In dieser kurzen Bemerkung stehen zwei fĂŒr die VBG entscheidende Dinge. Wir sind die, welche die Menschen zu Jesus schleppen. Das ist unser Job. Dazu sind wir angetreten. Der Fehler, den wir manchmal machen, ist, so genau zu wissen, was Jesus tun sollte. So genial es von den Leuten in der Geschichte ist, mit dem Behinderten zu Jesus zu gehen, so falsch ist es zu meinen, Jesus Regieanweisungen geben zu mĂŒssen. FĂŒr diesen Menschen passt offenbar das Handauflegen ĂŒberhaupt nicht. Bei ihm braucht es NĂ€he, Privatheit, und etwas himmlischen «Speuz». Es ist etwas vom Schwierigsten, nicht stĂ€ndig zu wissen, was fĂŒr die Anderen gut ist, vor allem, wenn man Lehrperson ist. Viele von uns sind es – Pfarrer sind ĂŒbrigens selten besser –, und wir kennen die Falle, Lösungen zu prĂ€sentieren anstatt zuzuhören.

Nur ein Go-Between?

Es ist eine enorme Herausforderung, sich mit der Rolle des Go-Between zu begnĂŒgen und es Gott zu ĂŒberlassen, seine Geschichte mit den uns anvertrauten Menschen zu machen. Gerade wo unser Kurierdienst unserer Ansicht nach scheitert, braucht es das Loslassen. Es ist Gottes Geschichte mit einem Menschen, nicht unsere. Ich finde das manchmal schwierig, gerade da, wo ich jahrelang fĂŒr jemanden gebetet habe. Aber ich weiss ja nicht, wie Gott wirkt, und wenn ich nichts sehe, heisst das nicht, dass Er nicht am Werk ist. Vielleicht ist Er schon daran, auf Seine Weise. Vielleicht hat Er ihn beiseite genommen, weil Er nicht will, dass dieser Mensch zum GesprĂ€ch wird, zum Erfolg fĂŒr die Kuriere, zur Gebetserhörung; weil Er diesem Menschen Zeit lassen will. Vielleicht sogar bis nach dem Tod.
Und dann ist da dieser Ruf: «Effata». FĂŒr die Leute, die das Evangelium hörten, als es in den Gemeinden vorgelesen wurde – die wenigsten konnten ja selber lesen – war dieses «Effata» wie ein Weckruf. Die Sprache von Markus ist eine Art Pidgin-Griechisch – gut verstĂ€ndlich fĂŒr die Leute, die es hörten. Und dieses «Effata» muss sie erschreckt haben, weil es so unvermittelt und fremd mitten in der sorgfĂ€ltigen Schilderung aufblitzt. Das ist kein rhetorischer Trick von Markus, sondern ein Hinweis darauf, dass wir nochmals genauer hinhören sollten. Jesus heilt nicht nur eine körperliche Fehlfunktion, sondern er spricht den Gehörlosen als Person an.

Grenzen sprengen

Im Laufe unseres Lebens pflegen wir uns mit unseren Grenzen einzurichten und das zu tun, was uns möglich ist. Das ist sinnvoll, weil sonst das Leben ein einziger Stress und eine Kette von Misserfolgen wird. Es gibt Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen. Sie ziehen in der Regel eine Spur von Chaos, Leichen und VerwĂŒstung hinter sich her. Es ist also durchaus sinnvoll, im Rahmen zu operieren, der mir gegeben ist. Aber es gibt auch Erfahrungen, Erlebnisse und PrĂ€gungen, die mich zu Unrecht einschrĂ€nken und zurĂŒckbinden; die es verunmöglichen, dass ich das in mir von Gott angelegte Potenzial auslebe. Dann fehlt eine entscheidende Farbe in der Welt, weil ich das – falsche – GefĂŒhl habe, zur grauen Maus geboren zu sein. Das Kind braucht nicht nur Heilung seiner körperlichen Gebrechen – es braucht auch die Ermutigung, dass es jetzt zu den Anderen gehen darf, dass es ein Mitglied der Gesellschaft ist; dass es etwas beizutragen hat innerhalb der Gemeinschaft, zu der es gehört. Wir dĂŒrfen die Anstrengungen nicht unterschĂ€tzen, die auf dieses Kind warten. Es wird dem hartnĂ€ckigen Vorurteil begegnen, zu nichts nĂŒtze zu sein. Mit dem Ruf: «Öffne dich» sprengt Jesus die Grenzen dieses lĂ€hmenden Selbstbildes. Es hat keine Basis mehr.
«Effata!» Dieser Ruf ergeht auch an uns Mitglieder einer Gesellschaft, die zuviel konsumiert; die stĂ€ndig die Haupt- mit der Nebensache verwechselt; die unter dem Berg materieller und geistiger Möglichkeiten erstickt. Wenn wir können – nicht alle können es, zum Beispiel aus gesundheitlichen oder persönlichen GrĂŒnden –, so mĂŒssen wir uns öffnen, dann gilt «Effata!» auch uns. Er ruft uns aus dem Irrgarten eigener Verstrickungen, aus den ElfenbeintĂŒrmen unserer edlen Überzeugungen; er ruft uns heraus – weg vom wĂ€rmenden Kaminfeuer unserer Hauskreise und In-Groups. Hin zur Begegnung mit dem Anderen. Am Schluss zĂ€hlen die Begegnungen, die wir gewagt haben – nicht, was wir alles erworben, auf die Beine gestellt oder erlebt haben. Markus erzĂ€hlt vom Gehörlosen, er habe nicht nur das Gehör wiedererlangt, sondern auch sofort die rechten Worte gefunden: «und er konnte richtig reden» (V. 35). Ist das nicht wunderbar? Das ist fĂŒr mich die vielleicht ökumenischste Stelle im ganzen Neuen Testament. Wie können wir einander absprechen – die Protestanten den Katholiken, die Katholiken den Protestanten, die Freikirchen den Landeskirchen und umgekehrt – und dann kommen noch die Orthodoxen ins Spiel – wie können wir einander absprechen, richtig zu reden, wo Gottes Geist uns treibt? Auch im Aufeinander-Hören mĂŒssen wir den Ruf hören: «Effata!», der die verkalkten und verhĂ€rteten Vorurteile aufbricht und wegblĂ€st und uns den Menschen hinter den ganzen theologischen Krusten zeigt, der – wie wir – ein Kind Gottes ist.
Wir haben keine Zeit, uns ĂŒber verschiedene Auffassungen zu streiten. Diese Auseinandersetzungen sind in den meisten FĂ€llen ein unverzeihlicher Luxus. Es gibt zu viele Menschen, die darauf warten, dass sich ihnen jemand in echter Zuneigung zuwendet. Dass ihnen endlich jemand zuhört. Dass jemand sie bei der Hand nimmt und zu Jesus fĂŒhrt, der die Mauern, mit denen sie meinten sich schĂŒtzen zu mĂŒssen, einreissen kann.
Amen.