Ein Experiment mit offenem Ausgang

Ein Experiment mit offenem Ausgang

von Fritz Imhof | 22.10.2012

Auch die NZZ hat kĂŒrzlich das Campo Rasa geortet und ĂŒber das 50 Jahre-JubilĂ€um berichtet. Was macht Rasa so interessant?

Wer die Berichte von ehemaligen Mitarbeitenden und Leitungspersonen am 20. Oktober im Rocca-Saal des Campo Rasa mitverfolgte, musste zum Schluss kommen: Die Entstehung, Geschichte und Gegenwart dieses VBG-«Ferienzentrums», wie man es heute nennt, ist einmalig.

Evangelist der Studenten entdeckt Bergdorf

Speziell ist schon die GrĂŒndung. Hans BĂŒrki, Evangelist, Zentrumsleiter der Casa Moscia, Impulsgeber der VBG, traf scheinbar zufĂ€llig auf einer Wanderung auf das Dorf hoch ĂŒber dem Centovalli und merkte sogleich, dass hier seine Vision wahr werden könnte. BĂŒrki suchte seit lĂ€ngerer Zeit einen Ort, wo die zahlreichen jungen Leute, die bei Evangelisationen in Unis und Mittelschulen zum Glauben gekommen waren, ihren Glauben vertiefen konnten. Dazu hielt er Ausschau nach einem Ort, der weitab vom Alltag eine Oase der Ruhe und SpiritualitĂ€t wĂ€re.

Den Berichten zufolge stiess BĂŒrki, kaum in Rasa angekommen, auf Leute, die ihr baufĂ€lliges Haus verkaufen und nach Amerika auswandern wollten. Es war das erste GebĂ€ude von etlichen weitern Ruinen, StĂ€llen und Palazzi, welche die VBG im Laufe der Jahre kaufte, neu aufbaute, renovierte und fĂŒr ihre BedĂŒrfnisse einrichtete. Freiwillige, vor allem Studierende aus mehreren LĂ€ndern, packten hart an und bauten Mauern, renovierten und deckten DĂ€cher neu mit Granitplatten. Und vieles Andere.

Am Anfang die Aufbaulager

Zoom

BegrĂŒssung der GĂ€ste zur JubilĂ€umsfeier

Am Anfang stand ein Architekt der VBG, der dem Traum von Hans BĂŒrki Konturen verlieh: Hansruedi Koller, der zusammen mit seiner Frau Gerda und den Kindern nach Rasa zog und die Aufbauarbeiten leitete. Es galt, nicht nur HĂ€user aufzurichten, sondern auch Menschen in die Bibel, ins Gebet und die Stille zu fĂŒhren. Er sicherte sich dazu die Hilfe des deutschen Theologen Michael Kattmann, der neben andern Impulsen die Rasa-Mitarbeitenden namentlich mit der SchöpfungsspiritualitĂ€t bekannt machte.

Das Campo Rasa wurde in der Folge zu einem Ort, wo immer wieder neue spirituelle Impulse und Formen eingeĂŒbt und gelebt werden durften. Auch Formen, bei welchen mancher Christ im Unterland zumindest die Nase rĂŒmpfte. Angefangen von der charismatischen Bewegung, die zu ihrer Anfangszeit die VBG-Mitarbeitenden erfasste. SpĂ€ter mit Formen der Kontemplation und Meditation bis hin zu Exerzitien. 

Bekannt wurde Hans BĂŒrki als Transaktionsanalytiker. Er wollte, dass das Evangelium nicht nur den Kopf besetzt, sondern Menschen wirksam verĂ€ndert und zu JĂŒngern machte. Zudem  stzte man sich in Rasa auch mit zeitgeistigen Impulsen wie Gruppendynamik oder mit dem Spannungsfeld Psychologie und Glaube auseinander. Das ergab heisse GesprĂ€che und Diskussionen, daneben ganz persönliche Lebensberatung und KrisenbewĂ€ltigung.

Happige Lebenssschule

Eine Lebenschule war das Campo Rasa ganz besonders fĂŒr die Leitenden und Mitarbeitenden des jeweiligen Saisonteams. Rasa glich in seiner Abgeschiedenheit und mit seiner Einbettung in eine andere Kultur einem Missionsfeld auf einem andern Kontinent. Da wurden Menschen mit ihren Grenzen konfrontiert, es gab Lebenskrisen und BrĂŒche – aber auch viel Glaubens- und LebensprĂ€gung.

Besonders in die Geschichte von Rasa gingen die Life-Revision-Seminare von Hans BĂŒrki ein. Der vielseitig hochbegabte geistliche Leiter holte Leader aus allen Kontinenten bis hin nach Japan nach Rasa, krempelte ihr Leben um und vermittelte ein neue Sicht der Dinge. Impulse, die auch Bewegungen in der Schweiz wie etwa die BewegungPlus nachhaltig verĂ€nderten.

Integration ins Dorf

 

Zoom

Gottesdienst zum 50 Jahre-JubilÀum in der Kirche Rasa

Besondere Erfahrungen machte das Campo Rasa auch mit dem erklĂ€rten Willen, Teil des Dorfes und seiner Kultur zu werden. Dazu startete die VBG im Bergdorf ein Landwirtschaftsprojekt, machte Felder neu urbar und produzierte biologisches Rindfleisch. Mit der Aufnahme der Landwirtschaft verbesserte sich auch der Kontakt mit den Einheimischen schlagartig. Man beteiligte sich am St. Anna-Fest. SpĂ€ter organisierte die VBG die 1. August-Feier fĂŒr das Dorf.

Von der Aufbauphase in den 70er Jahren sind noch Elemente geblieben. So die benediktinische Losung Bete und Arbeite (ora et labora). Und ganz konkret die beiden Ferienlager «Ora et labora fĂŒr Studierende» und «Ora et labora fĂŒr Familien». Bis zum Mittag verbessert man Mauern, jĂ€tet und fĂ€hrt das Heu ein, am Nachmittag trifft man sich zum Bibellesen und einer gemeinsamen Stille. Das Campo hat ĂŒbrigens seit langem die ökologische Herausforderung erkannt. Es unterhĂ€lt eine zentrale Holzfeuerung und bereitet sein Warmwasser mit Sonnenkollektoren auf. Vor und nach Saisonbeginn kommen dafĂŒr Dutzende Freiwillige nach Rasa, um beim Holzschlag zu helfen.

Im Zeichen der guten Integration des Campo in das Dorf fand der JubilĂ€umsgottesdienst in der Pfarrkirche Rasa statt – mit Predigt, Gesangsgruppe, liturgischen und freien Gebeten und dem Segen des Priesters der St. Anna Kirche. Deren Turmuhr schlĂ€gt immer ein wenig anders als die Kirchen im Tal – vielleicht ein Symbol fĂŒr die Einzigartigkeit dieses besonderen Ortes?