"Es kann nicht nur eine wahre Religion geben"
(Kapitel 1 aus dem Buch 'Warum Gott?')

von Timothy Keller | 14.08.2014

Auf die Frage, was das grösste Problem mit dem Christentum sei, hört man oft, dass es der christliche Ausschliesslichkeitsanspruch sei. Da Religionen wirklich ein Sicherheitsrisiko für den Frieden darstellt, ergreift man drei Strategien, dieses Risiko zu minimieren: Man will Religion verbieten, man macht sie schlecht oder man erklärt sie zur Privatsache.

Kapitelzusammenfassung von Felix Ruther

 

Alle drei Strategien werden scheitern und das Problem eher verschärfen.

1. Religion verbieten?

Die gross angelegten Versuche in der UDSSR, China etc. habe gezeigt, dass das Ergebnis nicht mehr Friede, sondern mehr Unterdrückung ist. Religion ist eben kein Notbehelf aus primitiven Stufen der Evolution, sie ist ein permanenter, zentraler Aspekt des Menschseins, den man durch Unterdrückung eher noch bestärkt.

2. Religion schlecht machen?

Anders als die Verbotsstrategie erzielt diese Strategie Teilerfolge. Gewisse Grundthesen werden dabei so lange wiederholt, bis sie den Status allgemein akzeptierter Wahrheiten erlangen. Einige Grundthesen:

  1. "Alle grossen Religionen sind gleich wahr und lehren im Grunde dasselbe."
    Sind aber Religionen, die z.B. Kinderopfer fordern mit den anderen in den gleichen Topf zu werfen? "Aber glauben nicht alle an denselben Gott?" Auf die Frage, wer denn dieser Gott sei, wird meist ein "neuer Gott" postuliert, der mit den Gottesvorstellungen der einzelnen Religionen nicht übereinstimmt. Zudem ist diese Aussage eine Lehraussage, obwohl behauptet wird, dass die Lehre über Gott in den einzelnen Religionen nicht so wichtig sei. Hier liegt also eine Selbstwidersprüchlichkeit vor.

  2. "Jede Religion erkennt einen Teil der spirituellen Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit." (Gleichnis von den Blinden die einen Elefanten betasten und zu anderen Schlüssen kommen.)
    Wer eine solche Ansicht vertritt, meint, er allein sehe die ganze Wahrheit, von der er aber gerade behauptet, dass niemand die Wahrheit besitzt.

  3. "Religionen sind zu sehr Produkte der Kultur, um 'wahr' sein zu können."
    Diese relativistische Ansicht funktioniert nur, wenn für sich selber eben kein Relativismus in diesem Urteil angenommen wird. Denn diese Ansicht kann ebenso kulturell bedingt sein.

  4. "Es ist anmassend, seine Religion als die Richtige zu bezeichnen und andere zu missionieren."
    Die Behauptung, dass die Religion X die einzig richtige sei, ist aber nicht engstirniger als die Ansicht, dass die Art Y, über die Religionen zu denken (nämlich, dass sie alle gleich sind), die einzig richtige ist.
    Die meisten nichtwestlichen Kulturen haben kein Problem damit, zu behaupten, dass ihre eigene Kultur und Religion die beste sei. Die Vorstellung, dass man so etwas nicht behaupten darf, ist zutiefst mit der westlichen Tradition der Selbstkritik und des Individualismus verankert. Wer also anderen Ethnozentrismus vorwirft, sagt damit: "Die Art, wie unsere (westliche) Kultur andere Kulturen sieht, ist fortschrittlicher als eure Art."

Religion zur Privatsache machen?

Der Versuch, eine Öffentlichkeit zu schaffen, in der das religiöse Gespräch nicht mehr vorkommt, wird den Vertretern der organisierten Religion sagen, dass sie allein, und sonst keiner, erst dann am öffentlichen Dialog teilnehmen dürfen, wenn sie ein Teil ihrer Identität, der für sie der wichtigste ist, abgelegt haben. Zudem gibt es keine weltanschauliche Neutralität. Alle moralischen oder ethischen Überzeugungen basieren auf einem bestimmten Glauben.

Warum der christliche Glaube die Welt retten kann

Das Christentum hat das Zeug dazu, seine Anhänger zu Werkzeugen des Friedens zu machen. Denn im seinem Zentrum steht ein Mann, der seine Feinde liebte und seinen Mördern vergab. Der alle Menschen als Ebenbild Gottes mit Würde und Wert ansah, aber auch an der Erlösungsbedürftigkeit aller festhielt. Er lehrte ein Leben aus Gnade und nicht aus religiöser Leistung, was eher dazu führt, dass sich der Glaubende nicht für etwas Besseres hält als der Nichtglaubende.