Esoterik

von Guido Kreppold |

Das naturwissenschaftliche Weltbid weiss auf die Ängste der Menschen keine Antwort. Auch die Kirche mit ihrer oft unverstĂ€ndlichen Morallehre bietet nur noch wenigen eine emotionale Heimat. Diese Heimat finden heute viele bei der Esoterik. Guido Kreppold geht diesem PhĂ€nomen nach und entdeckt in den typischen Themen der Esoterik eine vergessene Seite des Christentums.
Kreppold, Guido. Esoterik; Die vergessene Herausforderung. ISBN 3878686293. MĂŒnsterschwarzach: Vier TĂŒrme 2007. 128 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

1. Esoterik: Eine Niederlage fĂŒr die AufklĂ€rung

Die neue Walpurgisnacht

„Ihr seid noch immer da! Nein, das ist unerhört! Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklĂ€rt! Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel. Wir sind so klug! Und dennoch spukt`s in Tegel.“ Goethe, Faust I


Dasselbe könnten alle, die dem aufgeklĂ€rten Weltbild verpflichtet sind, sagen, wenn sie die esoterische Szene betrachten. Es sind nicht nur einzelne SĂŒnden gegen die Dogmen der Wissenschaft und der intellektuellen Redlichkeit. Es ist, als ob Walpurgisnacht wĂ€re.


Die Faszination des Geheimnisvollen

Der Begriff „Esoterik“ erweckt bei den Interessierten das GefĂŒhl von etwas Geheimnisvollem, von etwas, das einen der Langeweile und Öde des Alltags entreisst.

Wegen der FĂŒlle der Angebote auf dem Gebiet der Selbsterfahrung, Therapie und Lebenshilfe, ist es schwierig eine Definition von Esoterik zu finden. Sie fĂ€llt je verschieden aus, wenn man auf der Seite des streng rationalen Weltbildes steht, oder selber zur Esoterik tendiert.

Vom Wort „eso“ - innen her definiert, kann man sagen, dass es sich hier um Sonderwissen handelt, das durch höhere Erkenntnis, Intuition, Meditation gewonnen wird, aber den Kriterien der RationalitĂ€t (exo) nicht standhĂ€lt.

Esoterik muss erlebt und gelebt werden. Erst dem Übenden wird durch PrĂŒfungen, Riten, Lebensweisen, im rechten Handeln der Gehalt des esoterischen Systems erfahrbar und verstehbar. So geht es nicht so sehr um Lehrinhalte, sondern um eine Innenerfahrung des Daseins, um Zugang zu den Geheimnissen des Lebens. In der Esoterik sucht man weniger eine Lehre, eher Antworten auf Lebensfragen. Esoterik kann man daher nur verstehen, wenn man selber beteiligt ist. Vieles von dem, was sich heute in esoterischer Literatur findet, könnte man als „Gnosis“ bezeichnen: Die eigene Erfahrung ist alles. (Die von der Kirche bekĂ€mpften Gnostiker stellten ihre eigene Erfahrung ĂŒber die Heilige Schrift.)


Die Religion der Intellektuellen

Untersuchungen eines Soziologen zeigen: Mit dem Grad der Schulbildung wĂ€chst das Interesse fĂŒr Psychomarkt und Esoterik.

WĂ€hrend man wegen der intellektuellen Redlichkeit - wie man glaubt - die Bibel zu entmythologisieren versucht und sie von Wundern, Engeln und Teufeln reinigt, sitzen die „aufgeklĂ€rten“ Leute aus akademischen Berufen - fĂŒr die man es eigentlich tut - beim TischrĂŒcken zusammen, und befragen das I-Ging. Dabei fĂ€llt das Urteil ĂŒber die esoterischen Praktiken gemĂ€ss wissenschaftlicher Kriterien durchaus negativ aus. Das bedeutet: Es ist so gut wie nichts zu halten von Heilmethoden archaischer Kulturen, von Tarot, Astrologie Reiki etc. Noch weniger von den Zukunftsprognosen oder von den KĂŒnsten der Magier, die vorgeben, durch bestimmte Riten das Schicksal beeinflussen zu können. Nach den MassstĂ€ben der empirischen Wissenschaften, die einen exakten Wirkungsnachweis einfordern, ist der ganze esoterische Aufwand somit nichts als Fiktion.

Aber mit begrĂŒndeten Argumenten und AufklĂ€rung ist hier nichts zu bewirken. Hilfreicher ist die Unterscheidung zwischen den Inhalten und der psychischen Dynamik der esoterischen Bewegung.

Wer nun alle EntwĂŒrfe fĂŒr Lebenshilfe, die nicht in den aufgeklĂ€rten Rahmen der modernen Wissenschaft und der herkömmlichen Theologie passen fĂŒr nichts als Aberglaube hĂ€lt, entzieht sich der MĂŒhe der ernsthaften Auseinandersetzung. Er muss dann aber damit rechnen, jeglichen Einfluss auf Esoteriker zu verlieren.

Es muss die Frage erlaubt sein: Was ist los mit unserem Bildungssystem, wenn sich Menschen nach 20 Jahren der Schulung im kritischen Den Denken einer völlig irrationalen Bewegung ausliefern? Welche GrundbedĂŒrfnisse, SehnsĂŒchte und Werte wurde bisher ĂŒbergangen.

Mit der höheren Bildung wird auch höhere existentielle Unsicherheit erworben. Das erwachte eigene Denken stellt Kirche, Tradition und AutoritĂ€ten in Frage. Damit schwinden moralische Gewissheiten - z.B. Glaubenssysteme, die zwar einschrĂ€nken, aber auch Halt und Richtung geben. In den Seelen entsteht eine Leerstelle, die mit Nicht-Rationalem gefĂŒllt wird. Der heutige SchĂŒler muss immer mehr Dinge lernen, die mit ihm in keinem Zusammenhang stehen. Die BeschrĂ€nkung der Bildungskultur auf Willen und logisches Denken lĂ€sst das Leben veröden und nimmt ihm den tragenden Sinn. Mit Recht darf man von einer Verengung des Bewusstseins reden, wenn Intuition, Inspiration, GefĂŒhle, Ergriffensein vom Transzendenten unbekannt sind.


Die fremden MĂ€chte

In den 68er Jahre schob man die Schuld am eigenen UnglĂŒck den gesellschaftlichen und politischen VerhĂ€ltnissen zu. Heute spricht man in der Esoterik-Szene von kosmischen KrĂ€ften, von guten und bösen Geistern, Engeln und DĂ€monen. Hier geht eine streng wissenschaftliche Sicht, welche aussersinnliche MĂ€chte in das Reich der Fantasie verweisen, am eigentlichen Problem vorbei. Es steht vielmehr die Tatsache im Mittelpunkt, dass sich der moderne Mensch im Grunde seiner Existenz Verunsicherungen ausgesetzt fĂŒhlt, die ihm die Wissenschaft nicht abnehmen kann. Selbst wenn die Bedrohung reine Einbildung ist, kann sie eine gewaltige Wirkung auslösen. Doch, noch so logische Argumente können einen krankhaften Zustand der Seele nicht verĂ€ndern. Auch hier muss man unterscheiden zwischen dem Inhalt einer Vorstellung und der inneren Verfassung eines Menschen.

Nach wie vor ist der Mensch damit konfrontiert, dass fremde MĂ€chte in sein Leben eingreifen und sein Schicksal wesentlich mitbestimmen, ganz gleich, ob sie „DĂ€monen“ oder „Schutzgeister“, „Archetypen“ oder die „Dynamik des Unbewussten“ genannt werden. „Der Mensch ist nicht Herr in seinem eigenen Haus“ (Freud). Die blosse Leugnung der aussersinnlichen Wirklichkeit bzw. alles „Jenseitigen“ durch die sog. AufklĂ€rung hebt die Wirklichkeit irrationaler psychischer MĂ€chte nicht auf. Selbst wenn man einem Menschen die Ursachen und ZusammenhĂ€nge seiner Angst genaustens aufzeigen könnte, wĂ€re er sie damit noch lange nicht los.

Esoteriker werden daher vom Urteil der modernen Wissenschaft nicht berĂŒhrt. Sie treten sogar zum Gegenangriff an und sagen: Euer Denken kommt aus einem Weltbild, das nur die Aussenseite der Wirklichkeit umfasst. Die Innenseite, also die Beziehung des Menschen zu sich selbst, zureinander und zur Schöpfung, d.h. die Erlebniswelt, bleibt bei aller AufklĂ€rung im Dunkel. Noch nie haben die Menschen so viel Wissen und Macht besessen, und dennoch stehen sie den Grundfragen des Lebens ratlos gegenĂŒber. Weil diese Grundfragen in Krisen oft eine Bedrohung darstellen, die rationale Bildungsstruktur aber versagt, ebenso die rationale Theologie, suchen die Menschen Hilfe in irgend welchen AnsĂ€tzen.

 

Geistesgeschichte: Gewinn und Verlust
Die Entfaltung des Rationalen und Individuellen scheint einen Höhepunkt erreicht zu haben. Dieser Höhepunkt wurde aber mit grossen Verlusten erkauft. Bei allem Feuerwerk des Erlebens, wĂ€chst die Zahl derer, die im Innersten eiskalt sind. Sie können nichts mehr empfinden fĂŒr die, mit denen sie leben, noch weniger können sie den Kindern die nötige WĂ€rme geben. Oft fehlt ihnen die Kraft zu allem. Sie fĂŒhlen sich durch die AnsprĂŒche der Arbeit und ihrer Umgebung ĂŒberfordert. So wĂ€chst die Zahl der FrĂŒhrentner stĂ€ndig. Auf diesem Hintergrund wird verstĂ€ndlich, dass der Markt fĂŒr die vielfĂ€ltigsten Formen der Selbsterfahrung gerade aus nichteuropĂ€ischen Kulturen blĂŒht. Sie sind daher so beliebt, weil sie die Einseitigkeit einer rein rationalen Einstellung, vor allem die Eintönigkeit der Arbeitswelt durchbrechen und vom Machen zum Zulassen hinfĂŒhren. In einem gewissen Sinn kann man das Esoterik-Angebot als Gegenkultur zur europĂ€ischen Zivilisation sehen. Sie ist die Folge des emotionalen und spirituellen Verlustes, den der moderne Mensch durch die einseitige rationale PrĂ€gung erleidet und setzt ganz neue Akzente: Wahrnehmen des Hier und Jetzt, und nicht ferne Ziele anstreben;  einen anderen Umgang mit der Zeit (sich Zeit gönnen); bewusster Genuss des Lebens (Es-sen, Trinken, Sex); Entdeckung und Annahme des Leibes auch in seiner Bedeutung fĂŒr das Religiöse (In der Kirche fĂŒrchtet man, dass man Körpererfahrung fĂŒr religiöse Erlebnisse hĂ€lt).

Wie immer man die Dinge sehen mag, man sollte die gewaltige Kraft, die in den esoterischen AnsĂ€tzen der Selbsterfahrung steckt, beachten. Sie entspricht dem BedĂŒrfnis des einzelnen nach Vertiefung, sich dem zuzuwenden, das bisher vernachlĂ€ssigt wurde. Die Aufgabe besteht aber nicht nur darin, sich dem Unbewussten zu stellen, sondern es dann auch in Worte zu fassen. Erst das Aussprechen befreit und schafft NĂ€he in Bewusstheit und ohne neuen Zwang Wir dĂŒrfen den erworbenen Stand des Denkens, der UnterscheidungsfĂ€higkeit, der Freiheit und SelbstĂ€ndigkeit nicht wieder verlieren. Wir sollten lernen mit dem Herzen zu denken, dĂŒrfen aber dabei den Kopf nicht verlieren.


GrenzpfĂ€hle gegen die Überschwemmung?

Viele BeitrĂ€ge in theologischen Schriften laufen darauf hinaus, aufzuzeigen, wie widersprĂŒchlich und gegen jede rationale Einsicht die DenkansĂ€tze der neuen Weltanschauung sind. Solche Veröffentlichungen sind aber nichts anderes als der Versuch mit GrenzpfĂ€hlen eine Überschwemmung einzudĂ€mmen. Argumentatives Vorgehen gegen Esoterik-Begeisterte ist in den meisten FĂ€llen von vornherein zum Scheitern verurteilt - einfach weil die gemeinsame Plattform fehlt. Es liegen verschiedene Denkmodelle vor. Anstatt sich auf inhaltliche Auseinandersetzungen zu stĂŒrzen, ist es fruchtbarer, das Suchen der Interessierten als solches und die Faszination ernst zu nehmen und zum Thema zu machen. Anstatt fremde LebensentwĂŒrfe und ZugĂ€nge zur Wirklichkeit zu widerlegen, sollten wir als Christen erst einmal fragen: Was bewegt diese Menschen?


Die vergessene Herausforderung

Die Ratlosigkeit innerhalb des traditionellen Christentums im Hinblick auf die stĂ€rkste Konkurrenz seit Jahrhunderten mag darin ihren Grund haben, dass die theologische Ausbildung an den emotionalen und existentiellen BedĂŒrfnissen der Menschen von heute so ziemlich vorbeigeht. Die Wahrheit, die Jesus vertreten hat, war jedoch keine abstrakte Lehre, sie war höchst personal, sie war er selbst. Der Aufstieg irrationaler weltanschaulicher Bewegungen macht den Mangel an spiritueller Erfahrung und personaler Überzeugungskraft im Raum der Grosskirchen offenbar.

So stellt sich fĂŒr uns die Frage: Mit welchem Potential an geistiger, spiritueller und emotionaler Wirksamkeit können wir der Esoterik-Szene entgegentreten? Eines lĂ€sst sich sicher sagen: Es geht nicht auf der rein intellektuellen Ebene und nicht ohne volles persönliches Engagement. Damit ist gemeint, dass uns ihre Fragen auch berĂŒhren und umtreiben mĂŒssen. Im Grunde geht es darum, dass wir uns den Anfragen unseres Lebens voll stellen, statt in vordergrĂŒndigen ErklĂ€rungen der Problematik ausweichen und, selbst unbeteiligt, Lösungen fĂŒr andere suchen. „Der Hauptgrund der Entfremdung der Menschen vom Glauben ist die UnfĂ€higkeit der Kirche, auf die Sorgen verstehend einzugehen, dem frustrierten GlĂŒcksverlangen entgegenzukommen und den Menschen in ihrer Überforderung, Vereinsamung und Lebensangst einen Raum des Aufatmens, der SolidaritĂ€t und Geborgenheit zu bieten.“ Prof. Eugen Biser

Diesem Vorwurf können wir nur begegnen, wenn wir uns unserer eigenen Problematik stellen, unserer Überforderung, Angst und Einsamkeit, und uns dem Prozess der Heilung aussetzen. Anderen Hilfestellung zu geben ist nur möglich, wenn man die Nöte des Lebens am eigenen Leib ausgetragen hat. Das beste Argument - ein Damm und nicht nur ZaunpfĂ€hle - ist die eigene reflektierte und bearbeitete Lebensgeschichte.


Die Einsamkeit und die Suche nach Gott

Menschen leiden heute unter einer seelischen Heimatlosigkeit und Entwurzelung. Im letzten ist es die nicht gelungene Suche nach Gott. Die Einbindung in eine lebendige Religion mit ihren festen und Riten ist abgerissen oder nie gelungen. So findet die Seele keinen Raum, wo sie ausruhen könnte. Um so grösser werden dadurch die Erwartungen an das GlĂŒck im ganz kleinen Kreis oder an das Leben zu zweit. Ob nun innerhalb oder ausserhalb der Kirche, Tatsache ist, dass immer mehr Menschen an einem Zustand des „Stecken-Bleibens“ oder „Festgefahrenseins“ leiden. Es ist, als ob sich die Seele aus allem entfernt hĂ€tte. Man hat keinen Schwung bei der Arbeit, das GesprĂ€ch zwischen den Lebenspartnern verstummt, es fehlen die EinfĂ€lle, das Leben mit Freude kreativ zu gestalten. Die GefĂŒhle sind wie vertrocknet, es findet kein Austausch mehr statt, auch nicht im Sexuellen; alles ist verödet. Satt einander eine Hilfe zu sein, wird man einander zur Last. Man fĂŒhlt sich ĂŒberfordert von anderen, von den Kindern und vom Beruf. Damit geht die Angst einher, nicht zu genĂŒgen vor dem, was auf einen zukommt, vor dem eigenen Schicksal, vor den VerĂ€nderungen in der Arbeitswelt. Selbst glĂ€ubige Menschen sind verunsichert durch die verschiedensten gegensĂ€tzlichen Meinungen im heimatlichen religiösen Raum.

Die Suche der Menschen geht heute der Frage nach: Wo eröffnet sich eine Möglichkeit, den seelischen Stillstand zu ĂŒberwinden, einen festen Grund unter sich und Kraft in sich zu erfahren. Nicht zuletzt ist es die Sehnsucht nach religiöser Tiefe, nach der mystischen Dimension ausserhalb des AlltĂ€glichen, nach Ausbrechen aus der rein rationalen Welt. Man könnte es eine Suche nach Gott nennen, auch wenn die Betroffenen dem kaum zustimmen. Denn unter Gott verstehen sie oft ein abstraktes Wesen jenseits dieser Welt, das, obwohl mit Allmacht ausgestattet, den Menschen seinem Schicksal ĂŒberlĂ€sst. So ein Gott ist nicht anziehend und kann nicht Grund fĂŒr leidenschaftliche Suche sein. Wenn schon Gott gesucht werden soll, dann muss er innerhalb dieser Welt sein, nicht ein Feind der GefĂŒhle, sondern deren Anwalt, nicht ein Wesen der abstrakten Begriffe sondern der unmittelbaren Erfahrung.

Wo ist heute die Kraft des Religiösen im christlichen Raum? Dort wo Fragen im Mittelpunkt stehen, die das Leben berĂŒhren und ausmachen. Dort wo man sich verstanden fĂŒhlt, innerlich beteiligt und erfĂŒllt und beglĂŒckt weggeht. Dort wo einer Predigt, dem man anmerkt, dass er sich der Einsamkeit, der Angst und den Zweifeln gestellt hat.

2. Die Esoterik und ihre Themen

Die Einheit der Welt: Heimat gegen die Verlorenheit

1981 berichtete jemand vor 400 Psychologen ĂŒber Castanedas Begegnung mit dem indianischen Zauberer Don Juan. Fast 90 Min. lang folgte man ergriffen den AusfĂŒhrungen. Das zentrale Thema des Vortrages war die Sicht: Es besteht eine Einheit von Mensch, Kosmos und Gott. Das Erlebnis dieses Vortrages war deshalb so bereichernd und wohltuend, weil die Sehnsucht der Zuhörenden, aus der Verlorenheit in die Einheit mit sich selbst und mit der Welt zu kommen, zumindest in diesem Moment erfĂŒllt wurde.

Es gibt andere Augenblicke, in denen man begreift, was mit Einheit von Mensch, Kosmos und Gott gemeint sein kann: Erlebnisse, ausgelöst durch eine tiefe BerĂŒhrung durch ein MusikstĂŒck, durch eine Abendstimmung in der Natur, etc. Das bekannteste und ĂŒberzeugendste Beispiel eines solchen Zustandes ist der Sonnengesang des hl. Franziskus. Dieser Mann stand an dem Punkt, wo sich Gott, Mensch und die Schöpfung berĂŒhren. Wir hĂ€tten das beste Mittel gegen das Abdriften in magische, fremde, undurchschaubare spirituelle Praktiken, wenn wir dieses einzigartige Lied des hl. Franziskus so singen könnten wie er, mit derselben Freude und Hingabe, mit demselben GefĂŒhl, in dieser Welt zuhause zu sein. Auch bei der Stelle im Kolosserbrief (1,16f) dĂŒrfen wir annehmen, dass hinter dieser Aussage die Erfahrung der Einheit steht.

Aufgrund dieser Einheitsterfahrung konnte dann die Vorstellung entstehen, dass der Mensch eine Welt im Kleinen (Mikrokosmos) ist, der der Welt im Grossen (Makrokosmos) entspricht. Das ist eine Sicht der Wirklichkeit, die bei Naturvölkern, in alten Kulturen und im christlichen Mittelalter verbreitet war (Kusanus, 15 Jahrh.: Der Mensch ist aber auch die Welt). Ein Sioux sagte: „Der Mensch trĂ€gt das Weltall in der Mitte seines Herzens.“ FĂŒr viele sind solche SĂ€tze reine Fantasie. Trotzdem gibt es eine grosse Aufnahmebereitschaft fĂŒr diese andere Sicht von Mensch und Kosmos. Dies lĂ€sst schliessen, dass hier in mythologischer Form eine Wahrheit ausgesprochen wird, die im engen rationalen Rahmen der Wissenschaftlichkeit verlorenging.

In einem Ă€gyptischen Text der SpĂ€tantike heisst es: „Was oben ist, ist gleich dem, was untern ist, um die Wunder des Einen zu vollbringen.“ Wenn man statt “oben“ und “unten“, “aussen“ und “innen“ sagt, wird einiges verstĂ€ndlicher. Es ist unbestritten, dass das Innere eines Mensches, d.h. wie er denkt und fĂŒhlt, was er hofft und befĂŒrchtet, auch das Äussere beeinflusst.

Der Esoterik wird vorgeworfen, dass man eine reine Innerlichkeit zelebriere: „Es gibt in dieser Welt nichts zu verbessern, aber sehr viel an sich selber.“ (Th. Detlefsen) Hier werden wir eindeutig widersprechen. Es gibt in dieser Welt viel zu verbessern. Nur ist die Frage: Wo fangen wir an? Dauerhafte VerĂ€nderung der Ă€usseren VerhĂ€ltnisse wird ohne Wandlung des inneren Menschen nicht möglich sein. Wer jedoch an sich selber eine grosse Aufgabe sieht, ist dem Vorwurf ausgesetzt, er kreise egozentrisch um sich selbst. Doch durch die BemĂŒhung, seine eigene Problematik zu lösen, wird man sich selbst, den Menschen und den UmstĂ€nden eher gerecht und findet Lösungen, mit denen sich leben lĂ€sst. Alle grossen gestalten des Christentums haben sich zunĂ€chst dem Prozess der eigenen Wandlung ausgesetzt. Dieser Prozess beansprucht alle Aufmerksamkeit und Energie. Deshalb zogen sie sich aus der gewohnten Umgebung in die Einsamkeit zurĂŒck.

Der Satz „Das Aussen entspricht dem Innen“, brauchen wir nicht eng so zu verstehen, dass Leid, Krankheit oder GlĂŒck nur eine Folge der inneren Verfassung oder sogar eines frĂŒheren Lebens wĂ€re. Nicht jede Krankheit ist psychisch bedingt und nicht jedes seelische Heilwerden macht auch schon gesund. Im Gegenteil kann man ausgehend von den Lebensgeschichten der Heiligen annehmen, dass die erfahrene Einheit von Gott, Mensch und Welt nicht der Zustand einer dauernden Euphorie ist, sondern mit Leiden verbunden ist. So hat sich Jesus ganz und gar dem Anspruch des Innen (Stimme des Vaters) gestellt und zugleich die Herausforderungen von aussen angenommen - daran ist er zerbrochen. Aber damit hat er einen Raum eröffnet, in dem trennende WĂ€nde beseitigt sind.

Dass es einen Punkt gibt, wo Mensch, Kosmos und Gott einander berĂŒhren, ist altchristliche Lehre. Entscheidend ist, ob wir ihn finden.


Gott ist innen: Erfahrung vor Belehrung

Heute herrscht im Raum der Kirche die grosse Klage, dass Gott sich zurĂŒckzieht, dass man nur mit MĂŒhe ĂŒber ihn reden kann. Andererseits wird seine Erscheinung in unserer Zeit nicht wahrgenommen bzw. werden Menschen, denen sie zuteil wird, nicht ernst genommen.Ausserordentliche religiöse PhĂ€nomene werden von theologischer Seite mit Skepsis betrachtet. Das Schwinden des Religiösen im christlichen Raum und das AufblĂŒhen esoterischer Praxis hat damit zu tun, dass religiöse Erfahrung im theologischen Denken und im praktischen Tun nicht den gebĂŒhrenden Stellenwert besitzt. Blaise Pascal hat den Gegensatz von einem bloss gedachten und einem erfahrenen Gott erkannt (Sein Memorial: Gott Abrahams .. nicht der Gott der Philosophen). FĂŒr Pascal ist Gott Feuer wie fĂŒr Moses. Was immer es gewesen sein mag, das Wort „Feuer“ spricht von einer innersten Betroffenheit, schmerzlich und beglĂŒckend zugleich. Gewissheit, Freude und Friede erfĂŒllte ihn, sogar TrĂ€nen der Freude. Gott ist nicht ein Gedanke, mit dem man jongliert; er ist das letzte Innen der Existenz; er ist das, was den Menschen zuinnerst aufwĂŒhlt und umwirft, das, was ihn unbedingt angeht.

Es wird zwar bestĂ€ndig behauptet, dass Gott in der Geschichte handelt, aber allein bei einem solchen Satz schalten die meisten schon ab, weil davon im Hier und Jetzt nichts zu spĂŒren ist. Derartiges Reden wird zur Belehrung, die niemand bewegt. Wenn in Paulus nicht die Kraft seiner Urerfahrung mit dem Auferstandenen gewirkt hĂ€tte, hĂ€tte er sicher kein Bewohner Korinths fĂŒr den Glauben gewinnen können.

FĂŒr uns heisst das: Wie kann das Feuer in uns geweckt werden, wenn nirgends ein Funkenflug zu entdecken ist? Hier könnte Eckehards Reden vom „SeelenfĂŒnklein“ zu Hilfe kommen. Es wird dann entfacht, wenn wir Achtsamkeit entwickeln fĂŒr das, was in uns vorgeht, vor allem wenn wir den Sinn schulen fĂŒr das, was echt und stimmig ist, und die Sehnsucht nach Tiefe und ErfĂŒllung zulassen. Das fordert allerdings den Einsatz unserer ganzen Person. Was Pascal und andere erlebt haben, ist nicht einfach machbar; Erfahrungen geschehen, sie sind dem Willen entzogen. Aber man kann sich dafĂŒr bereit machen. Es gibt Wege, die in die NĂ€he solcher Erlebnisse fĂŒhren. Hier ist der Ansatz der esoterischen Richtung: Sie sind deshalb gesucht, weil sie nicht damit beginnen, Lehren zu verkĂŒnden sondern Anleitung zu je eigener Erfahrung geben. Im christlichen Lager sieht man dabei hĂ€ufig nur die Konkurrenz. Tatsache aber ist, dass hier Menschen in einer atheistischen Zeit anfangen, religiös zu werden.

 

Die Wahrsagekunst: Ein Mittel gegen die Zukunftsangst?

Man sucht sich Rat bei der Astrologie, im Handlesen, bei Tarot-Karten und Pendeln. „Opfern Menschen reihenweise ihren klaren Verstand?“ könnte man fragen. Auch hier gilt es die Keime der Wahrheit zu entdecken und sich vor pauschalen Urteilen zu hĂŒten. Immerhin hatte die Astrologie im Mittelalter kein geringes Ansehen.

Um einer ernsthaft betriebenen Astrologie gerecht zu werden, mĂŒssen wir auf das Weltbild des in uns wohnenden archaischen Menschen zurĂŒckgreifen. Dieses ist ganzheitlich. Damit ist gemeint: Wir Menschen können unser Schicksal nicht losgelöst von dem uns umgebenden Kosmos betrachten. Wir sind eingebettet in die Welt. „Wie oben, so unten“ - wie die Gestirne zueinander stehen, so vollziehen sich die Schicksale der Menschen. Die gegenseitige Entsprechungen (Analogien) sind die Grundlage der Astrologie. Die Sterne sind daher nicht die Verursacher des Schicksals, sondern sie zeigen die VorgĂ€nge nur.

Wir können das Interesse fĂŒr die Sterne als eine Suche nach einer letzten Sicherheit in der Form des archaischen Menschen sehen. Nichts ist heute mehr verlĂ€sslich. So bleiben nur noch die Sterne. Der wohlwollende Betrachter kann in der Astrologie auch eine Art Charakterkunde sehen oder eine an den Himmel projizierte Tiefenpsychologie.

Die Gefahr im Umgang mit der Astrologie wird mit Recht angemeldet. Oberstes Prinzip sollte sein: Sich nie die eigene Entscheidung abnehmen lassen. Mit den Ergebnissen aller zukunftsdeutenden KĂŒnste sollte man wie mit den TrĂ€umen verfahren. Sie sind nicht unmittelbar eindeutige Aussagen, sondern Bilder und Symbole fĂŒr einen psychischen Tatbestand. Die Arbeit mit Traum oder Tarot-Karten bildet die Intuition. Wer einen bisher geleugneten oder verborgenen Sachverhalt seines Lebens einsieht, lĂ€sst neue GefĂŒhle zu. Die Intuition bringt Verstand und GefĂŒhle zusammen. Dies bedeutet StĂ€rkung der EntscheidungsfĂ€higkeit und damit mehr innere Sicherheit. Wenn die Arbeit mit den WahrheitskĂŒnsten zur kritischen SelbstprĂŒfung und Selbsterfahrung und somit zum Wachstum der Persönlichkeit fĂŒhrt, dann gestalten wir unsere Zukunft zumindest zu einem erheblichen Teil selber.


Magie: Der geheimnisvolle Zugang zur Wirklichkeit

FĂŒr die einen hat das Wort „magisch“ keinen guten Klang. Man verbindet es mit fremden, undurchschaubaren Praktiken, um Einfluss auf die Natur oder andere Menschen ohne deren Einsicht und Einwilligung zu gewinnen. Andere erhoffen durch Magie das ersehnte GlĂŒck ĂŒber undurchsichtige KanĂ€le zu erhalten.

Auch hier muss man den Kern der Wahrheit entdecken. Es kann nicht alles ganz falsch sein. Schliesslich werden die Magier in Mat 2,1-12 recht positiv dargestellt. Um der Sache auf die Spur zu kommen, muss man sich mit dem esoterischen bzw. magischen Weltbild auseinandersetzen. Im Rahmen dieses Weltbildes kann einiges recht sinnvoll erscheinen. Es handelt sich eben hier nicht um rein logisches Denken, sondern um eine Vor-Logik. Voraussetzung von allem ist, dass fĂŒr den archaischen Menschen der gesamte Kosmos belebt und beseelt  (Weltseele) ist. Auch unsere Seele und die GefĂŒhle, ebenso unsere Verhaltensweisen folgen anderen Regeln als unser rationales Denken. Die wichtigsten Regeln sind die Gleichzeitigkeit (SynchronizitĂ€t) und die Entsprechung (Analogie).

Auf dem Hintergrund der Analogie werden die magischen Rituale der Naturvölker vollzogen. WĂ€hrend wir genau unterscheiden zwischen dem, was in uns ist und dem, was in der Natur ist, reicht die Seele archaischer Menschen weit ĂŒber sich hinaus. Ein Schamane redet mit den Pflanzen, mit den Steinen und wird einer von ihnen. Von allen Lebewesen strömt etwas in ihn ein und von ihm strömt auch etwas aus. Aufgrund dieser seelischen Verbundenheit wird verstĂ€ndlich, dass man nach dem Gesetz der Analogie Einfluss auf die Umwelt ausĂŒben kann. Das Mittel dazu ist das Ritual (Analogiezauber- z.B. Regentanz, der Tanz nimmt den Regen vorweg).

Da auch der Sitz unserer Impulse, der Leidenschaften etc. nach diesen Regeln „funktioniert“, ist der Grundsatz der Analogie auch Voraussetzung, um Einfluss auf das Unbewusste, auf Gesinnung und Stimmung auszulösen. Die bittere Erfahrung mit dem Dritten Reich bestĂ€tigt die Annahme, dass wir den archaischen Menschen in uns tragen - und dass magische Praktiken ein gewaltiges Potential der Zerstörung auslösen können. Eine sog. AufklĂ€rung, welche alles, was mit Magie zu tun hat, fĂŒr null und nichtig erklĂ€rt, geht an der Wirklichkeit vorbei. Statt dessen brauchen wir gerade die „magischen“ Rituale, festgelegte Muster der Entsprechung und Ähnlichkeit, um einen positiven Wandel herbeizufĂŒhren. z.B. Um jemanden aus seiner Trauer erlösen zu können, muss der Therapeut ein Ă€hnliches GefĂŒhl, ein Mitleiden mit dem Betroffenen aufbringen. Der grosse Erfolg der esoterischen Angebote beruht darauf, dass sie diese Rituale beherrschen. Ob das den Beteiligten immer zum Guten gereicht, ist eine andere Frage.

Ein guter Hinweis fĂŒr die NĂ€he unserer Seelenlandschaft zur magischen Welt der Indianer sind unsere TrĂ€ume. Beim Versuch einen Traum zu verstehen, sollte man sich immer sagen: Es ist wie wenn ... Die Analogie steht im Mittelpunkt.

Um Einfluss auf die GefĂŒhle anderer zu nehmen und sie zu verĂ€ndern, mĂŒssen wir nach dem Prinzip der Ähnlichkeit vorgehen. Um jemanden von seiner Traurigkeit zu erlösen helfen keine Argumente, sondern nur ein Ă€hnliches GefĂŒhl, das Mitleiden mit dem Betroffenen.


Von der Magie lernen:

Magie verstanden als Einfluss auf die Wirklichkeit durch Vorahmung des gewĂŒnschten Effektes, scheint im diametralen Gegensatz zur Naturwissenschaft zu stehen. Dieser Umgang mit der RealitĂ€t hat aber durchaus seine Berechtigung, wenn es sich um belebte, eigentĂ€tige Wesen handelt, im konkreten Fall um die bewusste Seele in uns. Das „magische“ Denken in diesem Sinn ist keineswegs ĂŒberholt, es kommt auf den Bereich an, in dem es angewandt wird. Das naturwissenschaftliche Vorgehen deckt nicht den ganzen Umfang der Wirklichkeit ab. Es greift dort nicht, wo es um menschliche Probleme geht. Es gilt beide Bereiche zu unterscheiden. Wer auf magische Weise ein Auto starten will wird sich lĂ€cherlich machen. Wenn aber die wissenschaftliche Seite Übergriffe auf einen Bereich macht, der ihr nicht zusteht, scheint das niemandem mehr aufzufallen. Wenn man glaubt, dass die Seele des Menschen auch wie eine Maschine funktioniere, kann das tragisch enden. Man kann z.B. ein harmonisches Miteinander, edle Gesinnung und Begeisterung nicht durch Beschluss verordnen. Das ErwĂŒnschte ist Ergebnis von Erlebnisprozessen. Sie beginnen mit emotionaler Entlastung und nicht mit neuen Forderungen.


Der neue Mensch

Die New-Age-Bewegung hat sich die Verheissung vom neuen Menschen zu eigen gemacht. Nicht die wissenschaftliche Forschung ist die Grundlage fĂŒr den Bewusstseinssprung, sondern spirituelle Erfahrung soll die Transformation des Ich vom individuellen in das kosmische Bewusstsein leisten. Damit greift die New-Age-Bewegung auf alte esoterische Traditionen zurĂŒck.

Das sog. moderne LebensgefĂŒhl meint, dass es vor allem auf das Hier und Jetzt ankomme, dass man Erlebnisse auf alle mögliche Weise steigern mĂŒsse, dass der Blick auf die Zukunft weniger wichtig sei. Die esoterischen AnsĂ€tze des Weges nach innen, der Wandlung und Transformation fallen allerdings eher dort auf fruchtbaren Boden, wo der unbeschwerte Optimismus angeschlagen ist, wo eher existentielle Verunsicherung vorherrscht. Oft ist es aber einfach auch das BedĂŒrfnis, sich nach innen zu kehren, sich Zeit zu nehmen, um dem Anspruch der Tiefe zu genĂŒgen.

Was sagt der kirchlich-christliche Raum zu diesem Aspekt? Die FrĂŒhkirche hatte die Kraft Menschen zu wandeln. Das ist mehr als die Spannung zw. der (frustrierenden) Gegenwart und der Vollendung auszuhalten (theol. Kommentar). Es ist mehr, sogar total anders als zum Befolgen der Gebote anhalten. Das Grundlegende der Christen von damals war eine Erfahrung, weniger ein Hineinwachsen in schon vorgegebene Schemata oder ein mĂŒhsames, wiederholtes Ausrichten an hohen Idealen. Es muss etwas gewesen sein, was den ganzen Horizont des Erlebens, der Motivation und Impulse und den des Denkens, der Lebensinhalte und Werte umgekippt hat. Es ist etwas, das nicht unmittelbar vom Willen hervorgerufen wird, sondern ein Widerfahrnis. Paulus nennt es Gnade; etwas, was nicht er gemacht hat, sondern was mit ihm geschehen ist. Was aber ist mit den Neuen Menschen bei uns heute?

ZunĂ€chst sollten wir uns von der Vorstellung frei machen, als ob wir durch die Taufe schon alles hĂ€tten. Im Hinblick auf die Taufe werden Erlebnisprozesse Erwachsener geschildert, das kann ein getauftes Kleinkind gar nicht erfahren. Dem spirituellen Niveau nach steht die Mehrzahl der Getauften unserer Zeit den damaligen Heiden wesentlich nĂ€her als dem von Dynamik und Aufbruch erfĂŒllten Christen der FrĂŒhzeit.

 

Sympathische Eigenschaften
Im New-Age-Wörterbuch werden die QualitĂ€ten des Neuen Menschen des nĂ€chsten Weltzeitalters angefĂŒhrt. Sie stammen aber nicht aus einer esoterischen Schule, sondern von Carl Rogers. Rogers weiss sich dem Standpunkt der klaren Vernunft genauso wie den gefĂŒhlsbestimmten, unberechenbaren Vorgegebenheiten des Menschen - dem Bereich der heutigen Esoterik - verpflichtet. Er versucht zwischen beiden eine BrĂŒcke zu schlagen. Denn nur dann entsteht etwas qualitativ Neues, wenn im Menschen selbst die GegensĂ€tze zwischen Rationalem und Irrationalem auf einer höheren Ebene zu einer fruchtbaren Einheit gebracht sind. Nur so können die Einseitigkeiten der verschiedenen Weltanschauungen und Kulturen ĂŒberwunden werden.

Es lohnt sich die Eigenschaften des Neuen Menschen, wie sie Rogers sieht ernst zu nehmen und sie mit denen des christlichen Ursprungs zu vergleichen.

  1. Offenheit: Neue Erfahrungen, Betrachtungsweisen, Lebensarten nicht sofort ablehnen, sondern sich daraus zum eigenen spirituellen und persönlichen Wachstum und zur Erweiterung des Horizontes Anregung holen.
    Bei der Taufe wurde frĂŒher der „Effata-Ritus“ vollzogen. Damit soll angedeutet werden, dass das Ergebnis eines Bekehrungsweges ein neues Reden und Hören ist. (FRu: Auch: PrĂŒfet alles, das Gute behaltet. 1. Thess 5,21)
  2. AuthentizitĂ€t: Ablehnung von Heuchelei, Betrug, DoppelzĂŒngigkeit. Gemeint ist die Echtheit eines Menschen im Reden, Auftreten und Begegnen. Das schafft Vertrauen, und ermöglicht es anderen sich zu öffnen.
    Im NT steht dafĂŒr das Wort „Wahrheit“. Echte ReligiositĂ€t zeigt sich darin, ob jemand rechthaben oder rechtsein will.
  3. Skepsis gegenĂŒber Wissenschaft und Technologie: Sie ist insofern berechtigt, als die Technik die Sehnsucht des Menschen nach wahrem GlĂŒck, nach ErfĂŒllung, nach Verstehen und NĂ€he nicht abdeckt, und ihr Missbrauch mit Recht zu fĂŒrchten ist.
  4. Ganzheit: Sie ist das hervorstechendste Anliegen der Esoterik und eines der GrundbedĂŒrfnisse der Menschen unserer Zeit. Es bedeutet, dass der Mensch nicht mehr in verschiedene Segmente aufgeteilt ist, sondern dass alle Lebens- und Erfahrungsbereiche eingeschlossen sind.
    Im christlichen Kontext spricht man von Heil. Das Entscheidende dĂŒrfte sein, dass die BerĂŒhrung mit dem Heiligen in der Tiefe der Existenz innere Einheit und wohltuende Geschlossenheit mit sich bringt. Wer davon getroffen und geprĂ€gt ist, kann auch andere berĂŒhren und ihnen Ă€hnliche Erfahrungen und Einsichten mit sich und Gott ermöglichen. Hier ist der Grund, warum Begegnungen mit Heiligen so beliebt waren. Ein Mensch, der von der AtmosphĂ€re des auferstandenen Jesus geprĂ€gt ist, ist heil, heilig und ganz. Er kann auch diese QualitĂ€ten an andere weitergeben (Mk. 16,17).
  5. NĂ€he: Man bemĂŒht sich, Gemeinsamkeiten zu entdecken und gemeinsame Ziele zu erreichen. Ob die gewonnene NĂ€he Einengung und UnterdrĂŒckung oder sogar Aufgabe der eigenen IdentitĂ€t bedeutet oder ob NĂ€he in Freiheit möglich ist, an dieser Frage mĂŒssen die neuen Formen der Selbsterfahrung und der spirituellen Innenwege gemessen werden.
  6. Prozessbewusstsein: Es ist die Einsicht, dass Leben stĂ€ndige VerĂ€nderung bedeutet. Der Wandel wird aber nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung der eigenen Lebendigkeit erlebt. Es ist das Gegenteil von Erstarren in Routine und Denken in Schablonen. Es beinhaltet die Bereitschaft zum Risiko, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. FĂŒr Prozess steht in den spirituellen Schulen das Wort „Weg“. Das ist auch ein zentrales Wort des Christentums (Apg 22,4 und Joh 14,6). Die Erfahrung mit Jesus wird also auch als Weg beschrieben. Das bedeutet Aufbruch, Wandel, Entwicklung, Lebendigkeit - nicht Erstarrung und VerhĂ€rtung.
  7. Anteilnahme: Eine unaufdringliche, nicht moralisierende, nicht urteilende Form der Zuwendung. Sofort fĂ€llt hier das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ein (Lk 16,25f). Jesus will mit dieser Geschichte sicher auch darauf hinweisen, dass einer mit einem anderen Glauben (Samariter), auch zu einer guten Tat fĂ€hig ist. Was die Sorge um die Armen und Kranken anbelangt, haben wir in der Christenheit grosse Helden vorzuweisen. Was aber gegenseitige Toleranz, EinfĂŒhlung und Achtung auch den Vertretern eines anderen Glaubens gegenĂŒber anbelangt, sieht es allerdings beschĂ€mend aus.
  8. Der neue Mensch, wie Rogers und Jesus ihn sehen, nimmt auch auf die GefĂŒhle des andern RĂŒcksicht. Er wird die Wahrheit, die ihm so wichtig ist, dem anderen nicht um die Ohren schlagen, sondern sie ihm wie einen Mantel anbieten, in den er schlĂŒpfen kann. NĂ€chstenliebe besteht auch darin, die Entscheidungen des anderen zu respektieren und seine Überzeugungen und Lebensgeschichte zu verstehen.
    Ökologie: Der neue Mensch lebt in Einklang mit der Natur und schĂŒtzt sie. Schon Paulus spĂŒrte das Seufzen der Schöpfung (Röm 8,19-23). Auch der hl. Franz zeigt eine grosse Schöpfungsliebe.
  9. Ablehnung von Institutionen, wenn sie ĂŒberstrukturiert sind und sich gegen Menschen wenden. Auch Jesus greift die VerhĂ€rtung und Herzlosigkeit in der Auslegung der Gesetze an. Er ist alles andere als ein Freund des seelenlosen Apparates. Man darf aber nicht zu viel von der hĂ€ufig geforderten VerĂ€nderung der Strukturen erwarten, wenn sich nicht auch der Mensch Ă€ndert.
  10. Innere AutoritĂ€t: Damit hĂ€ngt das Vertrauen in die eigenen Erfahrungen zusammen. Heute muss man sie oft gegen Tradition und Ă€ussere AutoritĂ€t verteidigen. Allerdings gehört zu einer echten inneren AutoritĂ€t auch die Bereitschaft, seine Erfahrungen und Überzeugungen kritisch ĂŒberprĂŒfen zu lassen. Echte AutoritĂ€t ist gelassen und selbstkritisch.
  11. In zwei weiteren Punkten nĂ€hert sich Rogers dem Christlichen. Zum Neuen Menschen gehört die Unwichtigkeit materieller Dinge, GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber materiellen Anreizen und Belohnungen, gegenĂŒber Geld und Statussymbolen.
  12. Damit verbunden ist die Sehnsucht nach dem Spirituellen. Es wird etwas gesucht, das grösser ist als das Individuum. Es geht um BewusstseinszustÀnde, welche die Einheit und Harmonie mit dem Universum zum Inhalt haben.

Niemand wird bestreiten, dass hier von einer ganz anderen Seite Werte des Urchristentums auftauchen. Wer wie Jesus in einer Wiesenblume mehr Schönheit sieht als im Prachtschloss des orientalen FĂŒrsten Salomo und wer auch den Feinden Achtung und WĂŒrde schenkt, der hat etwas begriffen von der Einheit und Harmonie des Ganzen bzw. des Universums.

Der Mensch der AufklĂ€rung muss sich mit dem des Mittelalters, sogar mit dem noch Ă€lteren archaischen Menschen in sich versöhnen. Der westliche Mensch braucht etwas vom Instinkt und der NĂ€he zur Natur, die man noch bei den Indianern beobachten kann. Ähnlich ist es mit der spirituellen Kraft, die wir EuropĂ€er heute bei asiatischen Religionen suchen, die wir aber im Mittelalter einmal hatten.

Die esoterische Überschwemmung aus diesen Kulturen ist deshalb möglich, weil beim europĂ€ischen Menschen in Bezug auf Religion, Instinkte und GefĂŒhle eine Leerstelle ist. Die von C.G. Jung praktizierte Bildung der Persönlichkeit hat zum Ziel, diese Leerstelle mit den Inhalten der eigenen unbewussten Seele zu fĂŒllen. Der archaische Mensch ist ja in uns selbst. Er soll mitleben dĂŒrfen aber in Bewusstheit

 

Der neue Mensch: nur Utopie?
Nun bleibt aber noch die Frage nach der Verwirklichung. Franz von Assisi hat zwar Bewunderer, aber wenige, die ĂŒberzeugend so leben, wie er. Hier setzt die esoterischen Schulen an. Sie haben Transformation in ihrem Programm. Sie kenne Mittel und Wege, um aus alten neue Menschen zu machen. Die Methoden bestehen darin, dem einzelnen ausserordentliche Erlebnisse zu verschaffen, die gerade seiner inneren Leere, Trauer oder Einsamkeit entsprechen und ihn auf diese Weise auf eine neue Spur der Lebenseinstellung und Gestaltung fĂŒhren.

Dass es auf das Erleben und nicht auf die Belehrung ankommt, wenn Menschen sich wandeln sollen, diese Wahrheit scheint in den traditionellen christlichen Gemeinschaften meist vergessen worden zu sein. Hier könnten wir sehr viel von Rogers und Jung lernen, die sich mit Heilung und Entwicklung der Persönlichkeit befasst haben. Ihr Weg kann so beschrieben werden:

In uns selbst, jenseits unseres Bewusstseins, ist die Dynamik einer heilenden und wandelnden Kraft. Sie ist Bild Gottes und GefĂ€ss der göttlichen Gnade. Als Organ der Gotteserfahrung bewirkt sie eigentĂ€tig die Entwicklung zur Ganzheit, zu einer differenzierten IndividualitĂ€t, zu einer neuen NĂ€he zu den Menschen und zur Natur. Jung geht von einer geistigen Mitte aus, die diesen Prozess von sich aus als geistige Kraft in Bewegung setzt. Diese Instanz ist nicht nur Zentrum fĂŒr den Einzelnen, sondern fĂŒr alle, die daran angeschlossen sind. FĂŒr Christen ist hier Christus, Mitte und Haupt der Gemeinde.

Auslöser des Prozesses sind meistens EinbrĂŒche in das gewohnte Leben (oft um die Lebensmitte). Sie zwingen, uns von Ă€usseren Lebensinhalten zurĂŒckzuziehen, uns voll dem Innen (griechisch eso) zuzuwenden und ganz dem nachzugehen, was das Eigene ist. Dabei geschehen oft spirituelle Neuheitserfahrungen, welche die bisherigen WertmĂ€ssstĂ€be in Frage stellen. Ohne solche Ereignisse ist die Wende im Leben vieler Heiliger nicht zu verstehen.

Die Nachfolge Jesu beginnt dann wirksam zu werden, wenn in uns ein Ă€hnlicher Prozess angestossen wird. Man kann Erlebnisse aber nicht machen - man kann sich nur fĂŒr sie bereiten. Dies geschieht dann, wenn wir uns mit uns selbst konfrontieren. Wir sollten bei einem Konflikt unsere eigenen Anteile sehen, statt unsere neg. Seiten auf andere zu projizieren. Wir werden dann der Not, Einsamkeit und Leere in uns nicht mehr davonlaufen.

3. Esoterik: Die existentielle Falle

Auslöschung der IndividualitÀt?

Bei ernsthaften esoterischen AnsĂ€tzen ist oberstes Ziel die Wandlung des Menschen zur Einheit mit sich selbst, mit dem Kosmos und mit Gott. Eine EinfĂŒhrung in die Mysterien, die sogenannte Initiation soll diesen Prozess bewirken. Der SchĂŒler, Adept, soll sich fĂŒr eine höhere Welt öffnen und deren KrĂ€fte erfahren und dadurch zu einem neuen Menschen werden.

Die Frage wird immer sein: Wie sieht der Mensch aus, der dabei herauskommt? In einem Wörterbuch heisst es: Endziel ist die absolute und endgĂŒltige Auslöschung der IndividualitĂ€t ohne Bewusstseinsverlust. Im christlichen Raum ist aber immer die AusprĂ€gung und nicht die Auslöschung der IndividualitĂ€t Ziel des menschlichen und spirituellen Strebens. Der Mensch findet dann seinen Sinn und die ErfĂŒllung seines Lebens, wenn er sich auf die Erfahrung des Transzendenten einlĂ€sst.

Wer den Weg nach innen gehen will, braucht auch ein starkes Ich. Gerade die Bedrohungen und Ängste, denen man dabei ausgesetzt ist, erfordern es. Zuerst sollte ein Mensch lernen, sich abzugrenzen, „ich“ zu sagen, den Raum seiner Lebensmöglichkeiten entdecken; er sollte sich eine feste Disziplin auferlegen und sich die FĂ€higkeit zur Konzentration aneignen.

So sehr der Wert der Stille, den der Osten pflegt, zu schĂ€tzen ist, so kann das nur die eine Seite eines spirituellen Weges sein. Zur Ganzheit gehört auch das Wort. Das, was in einem vorgeht, auszusprechen und zu verstehen ist die Grundlage der Begegnung von Mensch zu Mensch, der Bewusstwerdung und der Persönlichkeitsbildung. Wie der Westen die Stille braucht, damit das leergewordene Wort wieder an Kraft gewinnt, so braucht der Osten die Kultur des Wortes, um sich zu artikulieren und zu reflektieren. Im Osten muss die IndividualitĂ€t entwickelt werden, im Westen muss sie in die Schranken gewiesen werden. Man kann hĂ€ufig hören: Östliche und westliche Heilswege fĂŒhren zum selben Ziel. Man muss jedoch ergĂ€nzen: Es ist nicht derselbe Mensch, der dabei herauskommt.

 

Psychische Inflation: Die AufblÀhung des Ich

Der Weg der Individuation fĂŒhrt zunĂ€chst in die Tiefen und Dunkelheiten des menschlichen Daseins. Es ist die Konfrontation mit den negativen Eigenschaften, mit den Defiziten der Persönlichkeit, ebenso mit Krankheit, Leid und Tod. ZunĂ€chst ist es Abstieg.

Der Innenweg wird falsch, wenn man meint, sich den Abstieg nach unten, d.h. in die nĂŒchterne Sicht der Wirklichkeit, in das Austragen von Einsamkeit und Leid ersparen zu können, und man stĂ€ndig nur von einem Gipfel zu noch höheren Gipfeln fortschreiten möchte. Das bedeutet konkret: Alle Angebote, die vorzĂŒglich mit Ekstase und Erleuchtungserlebnissen werben, sind verdĂ€chtig. Die Suche nach High-Erlebnissen kann zur Sucht werden und lebensuntĂŒchtig machen. Jung spricht von der Inflation des Bewusstseins. Damit meint er einen Zustand bei Menschen, die von sich höchst eingenommen sind, die ihren eigenen Horizont fĂŒr das Mass aller Dinge halten, die glauben alles und jedes zu wissen und beurteilen zu können. Ohne jede eigene Lebenserfahrung unterschĂ€tzen und entwerten sie die anderen. Von sich selbst wie hypnotisiert lassen sie nicht mit sich reden. Sie glauben einzigartig und fĂŒr höchste Ziele erwĂ€hlt zu sein.

Inflation ist immer dann gegeben, wenn Menschen mit einem DauerlĂ€cheln ihre felsenfesten Überzeugungen anderen einzureden versuchen; wenn sie weder Argumenten zugĂ€nglich noch bereit sind, eigene Positionen kritisch zu ĂŒberprĂŒfen. Die Faszination an der psychischen Inflation ist, dass sie in Euphorie versetzt, dass sie den einzelnen seiner Einsamkeit und Last eigener Entscheidungen entreisst, dass sie die Einheit schafft, nach der sich Menschen sehnen. Aber es geht auf Kosten der freien, eigenstĂ€ndigen Persönlichkeit.


Gnosis: Von der Selbsterfahrung zur SelbstĂŒberschĂ€tzung

Die Gnosis war im Altertum eine philosophisch-religiöse Bewegung, die von den Theologen bekĂ€mpft wurde, weil die Gnostiker ihre eigenen Erfahrungen ĂŒber die Zeugnisse der Hl. Schrift stellten. Es bestand auch immer die Gefahr, dass der Erleuchtete sich mit seinem Licht identifizierte und sich ĂŒber seine eigene Dunkelheit und ĂŒber alle Nichterleuchteten (die grosse Menge) erhaben dĂŒnkte.

Das bedeutet, Gipfelerlebnisse dĂŒrfen nicht Selbstzweck sein, sondern sollten Anstoss und Impuls sein, sich wieder auf den beschwerlichen Weg nach unten bzw. nach innen zu machen.

Die eigene Dunkelheit erkennen heisst selbstkritisch sein, sowohl in bezug auf die eigene Person wie auf die Gruppe und deren Überzeugungen. Nach Jung sind ziemlich alle neureligiösen Bewegungen unter dem Stichwort Gnosis einzuordnen (Anthroposophie, Theosophie). Das AufblĂŒhen der verschiedenen Sekten scheint die Meinung Jungs zu bestĂ€tigen, dass sich das moderne Bewusstsein mit seinen intimsten und stĂ€rksten Erwartungen der Seele zuwendet und zwar nicht im Sinne irgendeiner traditionellen Konfession, sondern im gnostischen Sinn. Der moderne Mensch will nicht glauben, sondern wissen, das heisst Urerfahrung machen.


Der Grössenwahn des Bhagwan

Seine Techniken und Lehren fĂŒhrten zur Auflösung der IdentitĂ€t und zum Abbau der Persönlichkeitsgrenzen und des Intimraumes. Die Praktiken liessen keinen Raum fĂŒr freie Entscheidungen. Es gab nie Zeit zum Nachdenken.

Was dabei herauskommt, sind Menschen, die aufgeladen sind mit Energie, die aber die FĂ€higkeit zum kritischen Denken und zu echter zwischenmenschlicher Begegnung verloren haben und es nicht einmal merken.

4. Esoterik: Die Innenseite des Christentums

Ohne Zweifel steht heute Esoterik in starker Konkurrenz zu den Kirchen. Einem schwindenden christlichen Glauben steht eine erstarkende Bewegung gegenĂŒber. Vermutlich bedeutet Glauben fĂŒr viele nur ein FĂŒrwahrhalten von GlaubenssĂ€tzen und das Einhalten von Normen. Sie tun sich schwer mit einer fĂŒr die Menschen aller Zeiten ergangenen Offenbarung, sie möchte lieber ihre eigene Hier und Jetzt erleben. Sie geben deshalb lieber neue Heilswege, die ihnen die Erfahrung von Neuem und Ungewohntem erschliessen, den Vorrang.

Man sollte dieses BedĂŒrfnis nicht entwerten, sondern als Anlass fĂŒr einen neuen spirituellen Aufbruch in der Kirche nutzen.

Weil Christentum in seinem wesentlichen Kern keine Lehre ist, sondern eine ganz und gar personale Beziehung zu Christus, sollte man als erstes bei den personalen BezĂŒgen der Menschen ansetzen. D.h. das Eigentliche, nĂ€mlich Glaube, Hoffnung und Liebe, kann nicht als Lehrinhalt, sondern mĂŒsste wesentlich ĂŒber Begegnungen und Erleben vermittelt werden. Konkret heisst das, wir sollen jeden Menschen mit seiner Suche und mit seinen Überzeugungen ernst nehmen, wie absurd sie uns auch erscheinen mag.

Jede zwischenmenschliche Beziehung besitzt etwas Esoterisches, d.h. etwas, das nur fĂŒr den „Eingeweihten“ zugĂ€nglich ist. Die Begegnung zweier Menschen bleibt fĂŒr Aussenstehende immer etwas Geheimes, in diesem Sinn Esoterisches. In Bezug auf Gottes personale Liebe verschĂ€rft und vertieft sich sogar das Esoterische, denn was zwischen einem Menschen und Gott vorgeht, kann ausser den beiden niemand ergrĂŒnden. In diesem Sinne ist bei Jesus auch das esoterische Element zu finden.

 

Der „Einweihungsweg“ Jesu

Ein zentraler Begriff im Bereich der Esoterik ist die Einweihung, Initiation oder der Einweihungsweg. Er ist meist Ritualisiert mit Belehrung und harten PrĂŒfungen verbunden. Es geht dabei um eine innere Entwicklung. Christliche Mystiker (Bonaventura) haben in Anlehnung an Plotin vom Weg der Reinigung (via purgativa), der Erleuchtung (via illuminativa) und vom Weg der Einung (via unitiva) gesprochen. Diese Grade sind als ÜbergĂ€nge zu einem immer tieferen Verstehen zu werten. Wie in den esoterischen Traditionen, kann dieser Weg nur verstanden werden, wenn man ihn erlebend nachvollzieht. Das wichtigste Kennzeichen des Innenweges ist, das das Göttliche als eine innere, hinter und ĂŒber dem Ich liegende Instanz erfahren wird, nĂ€mlich als ein Ergriffensein, als ein inneres ErglĂŒhen. Gott in der Tiefe der Seele ist das Thema der grossen Mystiker innerhalb und ausserhalb des Christentums.

Man kann nun das historische Leben Jesu unter dem Aspekt des Einweihungsweges betrachten: Taufe, Worte aus dem Himmel (vgl. Mose beim Dornbusch; Elia am Horeb), WĂŒstenzeit mit wilden Tieren, Fasten, Versuchung.

Die zweite Stufe, die Erleuchtung, ist erst in jĂŒngster Zeit ĂŒber die östliche Meditation wieder in das Bewusstsein gerĂŒckt. Der „Erleuchtete“ hat eine unmittelbare Verbindung zur transzendenten Quelle seines Wesens. Deshalb vermittelt er Kraft und Ausstrahlung und eine neue, ĂŒberlegene Sicht der Wirklichkeit. Er steht ĂŒber allen politischen und weltanschaulichen Positionen. Das Kennzeichen ist MĂŒndigkeit, d.h. emotionale und geistige Autonomie; weiterhin: Freiheit von Angst vor Sinnlosigkeit, vor Einsamkeit und vor dem Tod. Das ĂŒberweltliche Leben, das durch sie hindurchbricht, bedeutet FĂŒlle des Daseins und universale Liebe. Es ist die volle Bejahung allen Lebens und aller Menschen, ganz gleich welchem Stand und Volk sie angehören.


Jesus: Der Erleuchtete

Das Verwandeltwerden Jesu, bei seiner VerklĂ€rung lenkt den Blick auf die innere Dimension der Gestalt und Botschaft Jesu. Deutlicher kann nicht sichtbar werden, was es heisst, dass das Reich Gottes in Jesus gekommen sei. Das Thema der Erleuchtung war Jesus nahe: Vgl. der Gerechte wird leuchten wie die Sonne (Mt. 13,43); Licht der Welt (Mt 5,14f). Das Leuchten aus eigener Kraft ist Synonym fĂŒr Autonomie und SouverĂ€nitĂ€t gegenĂŒber der Tradition und den Herrschenden der Zeit. Damit ist auch die ĂŒberströmende Liebe zu den Verachteten verbunden, und zu jedem Menschen, der die Begegnung sucht. Das Thema der Erleuchtung ist auch SchlĂŒssel fĂŒr viele Aussagen Jesu, die uns als paradox oder als Überforderung erscheinen. So findet man einen Zugang zum VerstĂ€ndnis der Bergpredigt. Wesentlich ist, dass ein Erleuchteter ĂŒber den Emotionen steht. Feindesliebe verlangt eine Position ĂŒber den GegensĂ€tzen, ĂŒber Sympathie und Antipathie. Sie ist nur dem möglich, der nicht mehr aus dem emotionalen, sondern aus dem noch stĂ€rkeren geistigen Erlebnisgrund seine unmittelbaren Impulse empfĂ€ngt.

Andere Hinweise: Wer so radikal von der Sorglosigkeit reden kann, muss in sich eine absolute FĂŒlle getragen haben. Auch Leiden und Tod gehören zum Innenweg Jesu.


Der Einweihungsweg der JĂŒnger: Kein theologisches Seminar

In der Schulung der JĂŒnger kam es nicht auf die gedankliche Erfassung des Gesagten an. Es ging weniger um die intellektuelle Ebene als um die emotionale und spirituelle. Das Entscheidende ist die Dynamik, die in den JĂŒngern geweckt wird. Als sie Jesus begegnen, beginnt fĂŒr sie ein neues Leben. Die NĂ€he zu ihm bewirkt, das sie an seiner Innenerfahrung teilnehmen, und somit ist es der innere Weg, der ihnen eröffnet wurde. Die Unterweisung war also ein Öffnen und HinfĂŒhren, eine Wandlung, ein Einweihungsweg. Daraus wurde eine Erlebnis- und Schicksalsgemeinschaft mit Jesus ĂŒber den Tod hinaus.

Das Ergebnis des Einweihungsweges, die Fortschritte der Entwicklung werden von Jesus als kostbarer Schatz und als innerer Reichtum bezeichnet (Mt13,12; 13,43).


Innen und aussen: Die alten Grenzen aufheben

Die Gleichnisse Jesu können nur von einem erfunden worden sein, der Erfahrungen des inneren Wachstums gemacht hat und von solchen verstanden werden, die es erlebend nachvollziehen können. Wem innere Entwicklung fremd ist, der tut sich mit Jesu Worten schwer. Deshalb ergibt sich eine Trennung, zwischen denen, die draussen sind, die etwas zum ersten mal hören und sich nicht darauf einlassen (exoterischer Kreis), und denen, die innen sind, dem esoterischen Kreis (Mk 4,10-12). DĂŒrckheim meint, dass die eigentliche Trennlinie heute zwischen denen verlaufe, die zum lebendigen, schöpferischen, verbindenden und einenden Urgrund durchgestossen sind und mit ihm FĂŒhlung haben und aus seiner Kraft leben und auf der anderen Seite, jenen, denen die BerĂŒhrung mit der Tiefe des Seins verschlossen ist. Die OberflĂ€chlichen, fĂŒr die Religion ohnehin ĂŒberflĂŒssig ist.

Mit anderen Worten: Es geht nicht darum, dass Gott bewiesen oder geleugnet wird, sondern dass das, was wir Gott nennen, mit einem neuen, erfahrbaren Inhalt gefĂŒllt wird. (vgl. Jesu und die Samariterin am Brunnen - Joh 4,19f).


Bitteres in SĂŒsses verwandeln

Das Wort „anbeten“ ist heute ein Fremdwort geworden. Es scheint ĂŒberflĂŒssig zu sein. Wer es aber verstanden hat, wird anders reden.

Anbetung heisst: Ich komme zur Ruhe. Ich spĂŒre mich selbst und weiss mich von einem tragenden Grund und GegenĂŒber aufgehoben. Ich erkenne, dass ich mich einem Grösseren verdanke. Deshalb kann ich geschehen lassen und auch meine Ängste lassen. Es entsteht ein Raum der Zweckfreiheit, wo sich die GefĂŒhle erholen, wo Sammlung und Neuorientierung geschieht. Wer zur Anbetung in Wahrheit findet, wird anders.

In der FrĂŒhzeit der Christenheit war es der Prozess der Bekehrung und der Taufe. Wer ihn vollzog, wurde eingetaucht in den Denk- und Erlebnishorizont Jesu, in die AtmosphĂ€re, die er ausstrahlte. Dieses Eintauchen in den Erlebnishorizont Jesu beschreibt Franz mit den Worten: Bitteres verwandelt sich in SĂŒsses.


Schluss: Unvermischt und ungetrennt

Das naturwissenschaftliche Denken hat Intellekt vom GefĂŒhl, Wissen von Werten getrennt. Die Folge ist eine seelenlose, erstarrte Welt. Als Gegenreaktion vermischt und verwechselt die Esoterik alles und schafft Chaos und Verwirrung. Daher gilt es die Balance zu gewinnen, zw. dem Reich des Irrationalen und dem kritischen Verstand.