Exkursion in eine Weltstadt

von Anne-Lise Diserens | 12.06.2007

Anne-Lise Diserens, Leiterin des Fachkreises Architektur und Andreas Widmer, Leiter des Fachkreises Kunst der VBG, fĂŒhrten Ende April 15 Teilnehmende zu einer Architektur- und Kunstexkursion nach New York. Aus der Ruhe der Morgenbesinnung mischte sich die Schweizer Gruppe jeden Tag in die hektische Betriebsamkeit und den dichten Verkehr Manhattans, um die Superlative und Extreme der Weltstadt zu entdecken. Hier einige Impressionen.

Spielregeln in New York


„Die wahren New-Yorker verstehen, dass Menschen, die anderswo als in New York leben, sich in gewisser Weise selbst betrĂŒgen, so ein Sprichwort.“ Man mag sich ĂŒber den Wahrheitsgehalt dieser Aussage streiten. Unleugbare Tatsache ist jedoch, dass diese Stadt auf die meisten Besucher zumindest bei der ersten Begegnung eine grosse und oft anhaltende Faszination ausĂŒbt. Wenn es auch manche andere, ans Wasser gebaute Wolkenkratzer-StĂ€dte gibt, so besitzt New York doch eine markante Eigenheit, welche diese Stadt unvergleichbar macht. Es sind ihre eigenen Gesetze – Spielregeln –, welche ihr Treiben bestimmen. In diesem Sinne ĂŒbt jedes ‚Spiel’, welches es dort zu spielen gibt, je nach dem, wie weit man sich darauf einlĂ€sst, seine eigene Faszination und Macht auf die Mitspielenden aus.

Die stĂ€rkste Anziehungskraft auf unzĂ€hlige Menschen ĂŒbt dasjenige Spiel aus, dessen Stimme eine grosse Karriere verspricht. Seit Jahrzehnten ruft der Broadway unzĂ€hlige Schauspieler an seine Theater mit dem grossen Versprechen von Erfolg und Ruhm. Tragischerweise erfĂŒllt sich dieses Versprechen lĂ€ngst nicht immer. Die Finanzwelt wiederum lockt zwar nicht unbedingt mit BerĂŒhmtheit, aber doch mit Reichtum, in welchem vielleicht manch einer das Potential zu Ruhm ahnt. Aber auch bei diesem Spiel gibt es Verlierer. So gross das Versprechen, so gross vielleicht auch das Risiko fĂŒr diejenigen, die sich darauf einlassen.

So kann unter UmstĂ€nden dieses Spielchen mit seiner Sogwirkung die Mitspieler immer weiter hineinziehen, und unbemerkt seinen Preis fordern. Freizeit wird immer geringer und mancher ist sogar dazu bereit gewisse Werte, welche er oder sie bis anhin vertreten hat, fĂŒr dieses Spiel preiszugeben. Sich gegen diesen Sog zu wehren und damit genĂŒgend Distanz zu diesem Spiel zu erkĂ€mpfen gelingt nicht jedem ohne weiteres. Diese skizzierte, fast magisch wirkende ZirkularitĂ€t von dem, was New York verspricht und gleichzeitig auch fordert, lĂ€sst nicht jeden so einfach wieder los. Deshalb steht es gar nicht so ĂŒbel um den Touristen mit eingeschrĂ€nktem Budget und RĂŒckflug-Ticket in der Hosentasche, welcher sich dem Rausch dieser Grossstadt weit unbeschwerter hingeben kann.


Stefan Baumann, Philosoph

Stadt der Superlative und Extreme


VerĂ€nderungen spielen in NY eine grosse Rolle, innerhalb weniger Momente verĂ€ndert sich das Stadtbild völlig. Man befindet sich wie in einer neuen anderen Welt, die nicht mit der bisherigen zu vergleichen ist (Soho, Chinatown, Financial District, Chelsea, Midtown). Auf der einen Seite gestreute niedere Blockrandbebauung mit Nottreppen an der Eingangsfassade, auf der anderen ungeheure Dichte, Höhe und Konzentration der Baumassen. SĂ€mtliche Epochen sind vertreten: Neoklassizismus ĂŒber Moderne hin zum Dekonstruktivismus. Nicht die einzelnen Bauten sind NY, sondern deren Anordnung, Verdichtung, Höhe und Proportion. Die Stadt lebt von der Schnelligkeit und Hektik des Alltags, dem stĂ€ndigen Wechsel. Der Besuch des Central Parcs ist wie ein Eingang in eine andere Welt. Im Hintergrund schematisch die Wolkenkratzer, das Tosen des Verkehrs, hier eine grĂŒne Oase. Die Natur steht im surrealen Gegensatz zu den kĂŒnstlichen Gebirgen aus Stahl und Glas. Die Stadt lebt von diesen architektonischen und kulturellen GegensĂ€tzen. Die Architektur der Dichte, Konzentration und Streuung ist beeindruckend. In New York lĂ€sst sich leicht die stĂ€dtebauliche Entwicklung, die Entstehung neuer Trendviertel beobachten. Die Höhen der GebĂ€ude sind unbegreiflich, der Wechsel zwischen Enge, Weite Dichte und Streuung ist eindrĂŒcklich.

Zum Beispiel Manhata. Die ehemalige Indianersiedlung ist architektonisch durch die Masse, die Anordnung der GebĂ€ude und durch deren Höhe und Staffelung einzigartig. Die GebĂ€ude nehmen keine RĂŒcksicht auf ihr GegenĂŒber. Wichtig ist der Ort an dem sie stehen. New York, eine Stadt in der nichts unmöglich scheint, sogar der Luftraum ĂŒber niedrigeren GebĂ€uden kann und darf zugunsten eines Höheren an den Nachbarn verkauft werden, die Höhe der Bauten ist rein durch die statische Machbarkeit begrenzt. Der Strassenraster wurde nach dem Vorbild antiker StĂ€dte gebaut. Der Broadway, der ursprĂŒngliche Indianerpfad ĂŒber die Insel, stört das streng geometrische Raster, dadurch entstehen Grundrisse wie der des Flatiron-Building. Die Strassen sind durch die Überhöhung und Dichte der Bauten nahezu Schluchten geworden mit den legendĂ€ren gelben Taxen. Der Raster verleiht den Strassen eine Unendlichkeit und doch Überschaubarkeit. Die geraden Blicke entlang der Strassen, das typische Hineinstehen einzelner Bauten aufgrund des Broadwayverlaufes, sind markant fĂŒr NY.
Uta Bohner, Architektin

Architektur und Kunst in New York


Wer ĂŒber die Architektur von New York schreiben will, muss bei der Skyline Manhattans beginnen. Der erste Blick bereits im Anflug oder spĂ€testens bei der Fahrt vom Flughafen hinein in die Stadt ist auch nach mehreren Besuchen immer noch ĂŒberwĂ€ltigend. Zwischen einer Vielzahl namenloser HochhĂ€user sind immer wieder vertraute GebĂ€ude, Empire State- oder Chrysler-Building, zu erkennen. Nur dort, wo der Blick das World Trade Center sucht, ist bloß eine LĂŒcke – und wie wir im Laufe der Woche zu sehen bekamen – eine große Baustelle zu finden.

Nicht nur in der Architektur, auch in der Kunst ĂŒbernahm New York nach fĂŒnfundvierzig die Position von Paris und Berlin. UnĂŒbersehbar die raumfĂŒllenden Werke der „abstrakten Expressionisten“ Barnett Newman und Jackson Pollock im MoMA. Andreas Widmer wies aber auch auf kleinformatige, fĂŒr die amerikanische Nachkriegsmoderne Ă€hnlich zentrale Werke wie Christina's World von Andrew Wyeth hin, die man leicht ĂŒbersieht. Ein Höhepunkt der Woche war der Dialog zwischen alter und neuer Welt, zwischen Moderne und Postmoderne, Konstruktion und Dekonstruktion in den zwischen Kunst und Architektur pendelnden Arbeiten Gordon Matta-Clarks. Die Retrospektive des in kurzer Zeit in den 1970ern entstandenen Schaffens wurde sehr passend im von Marcel Breuer erbauten Whitney Museum gezeigt.


New York war aber nie nur Stadt des Geistes und der schönen KĂŒnste, stets auch Stadt des Aufstiegs, der VerdrĂ€ngung und des Geldes. KĂŒrzlich erhielt bei einer Auktion ein Werk von Warhol fĂŒr knapp 80 Mio. Dollar den Zuschlag. Die Symbiose von Kunst und Kommerz verĂ€ndern in so genannten Gentrifizierungs-Prozessen seit bald vierzig Jahren immer wieder ganze Stadtviertel. Von Leerstand und gĂŒnstigen Mieten angelockt, ziehen erst KĂŒnstler in durch wirtschaftlichen Strukturwandel getroffene Quartiere ein. Improvisierte Kneipen und KunstrĂ€ume, wie das von Gordon Matta-Clark und einer Gruppe befreundeter KĂŒnstler mit sozialem Anspruch in Soho eröffnete „Food“, und kleine LĂ€den entstehen, worauf erste Touristen die Gegend entdecken. Langsam steigen GrundstĂŒckspreise und Mieten, was wiederum Investoren und zahlungskrĂ€ftige KĂ€ufer, Bauherren und Architekten lockt. Aus improvisierten LĂ€den werden teure Boutiquen; die Restaurants der Gegend werden exklusiv. Wo vor dreissig Jahren KĂŒnstler ihre Studios hatten, steht heute der durchdesignte Prada-Store von Rem Koolhaas. Worauf der ganze Prozess, erst in Chelsea und nun auf der anderen Seite des East Rivers, in Brooklyn und Queens, von neuem beginnt.


Daniel Burckhardt, Wissenschaftshistoriker