Fasziniert von Jesus

von Heiner Schubert | 15.11.2010

Unter diesem Titel sprach Heiner Schubert am VBG-Tag 2010 vom 4. September ĂŒber die ganz besonderen Eigenschaften von Jesus Christus. Wir bringen seine Predigt leicht bearbeitet und gekĂŒrzt (Zwischentitel durch die Redaktion).

Fascinare heisst auf Lateinisch «beschreien, behexen». Ich bin von Jesus fasziniert, und das ist o.k., auch wenn das Wort ursprĂŒnglich aus finsteren, heidnischen und okkulten (!) Wurzeln stammt. Weil nach Johannes und dem Kolosserbrief Jesus schon ganz am Anfang – bei der Erschaffung der Welt – dabei war, beunruhigt mich das nicht. Er ist allem Finsteren definitiv ĂŒberlegen. Er ist der Herr.

Das ist das erste, was mich an ihm fasziniert: Er gibt mir UnabhĂ€ngigkeit. Unsere Freiheit wurde durch den Tod des Sohnes Gottes teuer erkauft. Niemand kann uns in neue Fesseln legen, denn Gottes Sohn ist auferstanden. «Eure Herren gehen – unser Herr aber kommt!» rief Gustav Heinemann, der spĂ€tere deutsche BundesprĂ€sident, 1950 den Teilnehmern des Evangelischen Kirchentages zu.

Gebunden von Glamour und Werbung

Mich fasziniert an Jesus, dass er mich befreit. Er macht mich frei von den AnsprĂŒchen, die andere an mich haben. In frĂŒheren Zeiten wĂ€ren die meisten von uns wohl Leibeigene oder Knechte gewesen. Die wenigsten hĂ€tten als edle Ritter oder betörende BurgfrĂ€uleins gelebt. Der menschliche Drang, sich andere zu unterwerfen, ist jedoch durch die AufklĂ€rung nicht verschwunden. Heute sind die Mechanismen einfach subtiler. Es sind selten mehr FĂŒrsten und Barone, die Macht ĂŒber uns haben wollen. Menschen unterwerfen sich freiwillig: Sie verkaufen ihre Seele fĂŒr einen Moment der BerĂŒhmtheit an die Medien, oder sie leihen sie fĂŒr etwas Sicherheit und Wohlstand ihrem Arbeitgeber. Die Medien und die Firmen freut`s. Die Werbung verheisst uns GlĂŒck, wenn wir dieses oder jenes Produkt kaufen. Die erfolgreichsten Firmen sind die, welche die grösste «Kundenbindung» erzielen. Wir sind Gebundene – durch VertrĂ€ge und Kontrakte; wir ĂŒberschreiben nur zu gerne die Verantwortung fĂŒr unser Leben an den, der uns Sicherheit verspricht.

Alle diese Herren gehen. Unser Herr aber kommt. Er macht mich frei von meinen Ängsten, die mich in die Arme windiger GeschĂ€ftemacher oder listenreicher Ideologen treiben. Jesus ist ganz schön subversiv: Er befragt meine SehnsĂŒchte nach ihrem Gehalt und deckt auf, wer sich meiner SehnsĂŒchte fĂŒr seine eigenen Ziele bedienen will. Die Freiheit, zu der er mich einlĂ€dt, bringt die heilige Teresa von Avila wunderbar auf den Punkt: «Solo dios basta» – Gott allein genĂŒgt.

Befreit von fremden AnsprĂŒchen

Jesus macht mich frei von den AnsprĂŒchen anderer Menschen. Vor einigen Jahren traf ich an einem Seminar Prinz Wilhelm XXVIII von Soundso. Dieser Mensch ist der 28. Wilhelm, und er wird den 29. hervorbringen mĂŒssen. Das will die Familie – und die Tradition. Wir lachen. Aber, liebe Eltern, ĂŒberlegt euch doch einmal, womit ihr eure Kinder an euch bindet: MĂŒssen sie ewig dankbar sein fĂŒr all die Opfer, die ihr gebracht habt? Sollen sie es einmal weit bringen? Oder geht es nur ums Weihnachtsfest, wo bitteschön alle da zu sein haben? Aus Seelsorge und Therapie und aus dem eigenen Leben kenne ich abenteuerliche Geschichten von Festlegungen, Bindungen und AuftrĂ€gen, die unbewusst Kindern aufgeladen werden. Dass Jesus auch von solchen Verstrickungen frei macht, ist kein frommer Spruch, sondern handfest zu erlebendes Geschenk: Dass ich frei mein Leben leben darf. Bindungen können gelöst, Delegationen verabschiedet werden. Ich bin nicht fĂŒr das GlĂŒck des Anderen verantwortlich, weder fĂŒr das meiner Eltern noch fĂŒr das meiner Kinder. Ich bin nicht der Lebenssinn meines Partners. Sie glauben nicht, in wie vielen Paarbeziehungen solche unerfĂŒllbaren Forderungen zu MissverstĂ€ndnissen und Konflikten und letztlich zum Scheitern fĂŒhren.

Viel anderes fasziniert mich an Jesus. Zwei Stichworte dazu.

 

1. Der Ruf

Wir haben in unserem Leben den Ruf in die Nachfolge gehört. Wir haben den Ruf gehört, den eigenen Ehrgeiz, die eigenen PlĂ€ne, die eigenen Hoffnungen und TrĂ€ume, die eigenen Grenzen und Defekte, SehnsĂŒchte und Ängste am merkwĂŒrdigsten Ort der Welt abzugeben: am Kreuz. Wir haben uns entschieden, als Menschen durch die Welt zu gehen, die den Himmel geschmeckt haben und die Erde und ihre Menschen lieben, weil wir dem folgen wollen, der den Himmel im Blut und die Erde in den Knochen hat: Jesus Christus. DafĂŒr nehmen wir in Kauf, als Sonderlinge zu gelten, als Exoten; und wir nehmen in Kauf, uns nie mehr ganz in der Welt zuhause zu fĂŒhlen. E.T. ist unser Freund, denn wir lieben es, mit unserem Vater zu telefonieren, der unsere Wohnung im Himmel schon bereitgestellt hat. Wir verzichten darauf, das VorlĂ€ufige fĂŒr das EndgĂŒltige zu halten, das Zelt fĂŒr die Wohnung. Wir betrachten unsere Leistungen mit Skepsis, weil wir nie wissen, wie Gott beurteilt, was wir tun und lassen; es spielt nĂ€mlich keine Rolle. Wir ahnen, dass das, was wir von uns grossartig und gut finden, möglicherweise in den Augen Gottes recht banal ist – denn es ist in der Regel auf dem Boden unserer Begabungen gewachsen. Und schliesslich sind unsere Gaben dazu da, dass wir mit ihnen wuchern. Und wir sind gewiss, dass das, wofĂŒr wir uns schĂ€men, was uns peinlich ist – und was auch wirklich peinlich IST –, im Himmel kein Grund zur Zerknirschung mehr sein muss. Weil Gott es ganz anders sieht als wir. Wir brauchen das Wasser nicht mehr auf die eigenen MĂŒhlen zu lenken.

Alles, was wir haben, ist der Ruf. Er ist nicht verhandelbar. Er gibt uns eine WĂŒrde, die uns niemand nehmen kann. Wir gehören zu den Herausgerufenen, denn ekklesia – Kirche – heisst nichts Anderes. Wir gehören zu einer Elite, die sich nicht durch Sportlichkeit, Macht, Geld und Bildung auszeichnet, sondern durch ihre BedĂŒrftigkeit. Wir haben begriffen, dass uns etwas fehlt. Dass wir ohne die Hilfe Gottes und seines Geistes eindimensionale Menschen bleiben. DafĂŒr belĂ€cheln uns die Starken, die ohne fremde Hilfe durchs Leben gehen, die Erfolgsmenschen. Oder diejenigen, die sagen, Gott sei fĂŒr die Schwachen da. Wie recht sie haben. Wir sind Desillusionierte, ErnĂŒchterte, weil aller schöne Schein uns nicht tĂ€uscht. Wir können zulassen, was schief ist, anerkennen, was misslingt, weil unser Leben nicht mehr daran hĂ€ngt, dass etwas gelingt oder schön aussieht.

 

2. Auferstehung

Mich fasziniert, dass Jesus die Antwort auf die unertrĂ€glichen WidersprĂŒche im Leben ist. Zum Beispiel darauf, dass mit dem Tod blĂŒhendes Leben und ĂŒber Jahre angehĂ€ufte Kompetenz vernichtet wird. Welche Verschwendung. Jesus ist die Antwort auf das Leid in meinem eigenen Leben. Ich muss die Antwort nicht immer verstehen. Wenn sie mich nicht mehr trĂ€gt, heisst das nicht, dass ich zuwenig oder falsch glaube oder ein Zweifler bin. Denn jetzt sind Andere da, die mich durchtragen, wo mich die Antwort nicht mehr trĂ€gt. Das ist das Geheimnis der Gemeinschaft, die Jesus stiftet.

NatĂŒrlich kann ich die Nachricht, dass der Tod besiegt ist und das Böse bezwungen ist, als faule Ausrede brauchen, mich nicht einzusetzen. Ich kann erklĂ€ren, dass das Böse der Welt noch heftige RĂŒckzugsgefechte liefert, aber definitiv besiegt ist – und dann die HĂ€nde in den Schoss legen und die Welt ihrem Schicksal ĂŒberlassen. Aber das wĂ€re zynisch.

Dann hĂ€tte ich etwas GrundsĂ€tzliches nicht begriffen: Dass Jesus den Tod besiegt hat, ist keine Schlafpille, sondern der heftigste Muntermacher, den es gibt. Dagegen wirken Fisherman’s friends und Red Bull wie Schlaftabletten. Denn die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten verlieren ihre lĂ€hmende Wirkung, die sie unweigerlich bei all denen entfalten, die sich noch einen Rest von SensibilitĂ€t bewahrt haben. Irgendwie bringt Jesus zusammen, was nicht aufgeht. Das fasziniert mich, auch wenn ich es nicht verstehe. Niemand versteht die Auferstehung. Darum rationalisieren die meisten sie so gerne weg, allen voran die Theologen. Die Nachricht von der Auferstehung befreit mich von der Sorge, was spĂ€ter kommt. Sie befreit mich von der Angst, das Leben zu verpassen. Sie lĂ€dt mich ein, mich mit gelungenen Halbheiten zufrieden zu geben und dem TotalitĂ€tszwang unserer Zeit eine lange Nase zu drehen. Unser Leben muss nicht super gut, unsere Beziehungen nicht total harmonisch, die VBG nicht voll effizient sein; es reicht, es halb gut zu machen, weil das Vollkommene das Attribut des Himmels ist. Wir mĂŒssen nicht den Himmel auf Erden schaffen, denn das Leben ist vorlĂ€ufig. Die Auferstehung befreit mich zur Gelassenheit gerade da, wo die Dringlichkeit mich bewegt.

Manchmal, liebe BrĂŒder und Schwestern, kommt Sehnsucht auf. Die Sehnsucht, endlich das Ganze zu sehen. Die Sehnsucht, dass das Leid ein Ende hat, das jedes Leben berĂŒhrt. Manchmal ist der Sehnsuchtsruf «Maranatha!» mein tĂ€glicher Begleiter. Wenn zu viel nicht aufgeht, zu viel Leid mir den Atem nimmt. Wenn die Zweifel kommen, trĂ€gt das Zeugnis der BrĂŒder und Schwestern. Nicht weil sie Glaubenshelden, nicht weil sie stark sind und ich schwach, sondern weil ihre eigene Geschichte sie durchscheinend gemacht hat fĂŒr Gott. Ich wĂŒnsche euch und mir und der VBG, dass wir an Transparenz gewinnen. Dass das Licht der Auferstehung durch uns hindurch in die Welt scheint.

 

Zuerst erschienen in BST 4/2010