Frei werden fĂŒr gute Beziehungen

von Jonas BĂ€rtschi | 15.02.2010

Vom 27. Dezember 2009 bis zum 1. Januar 2010 fand in der Casa Moscia der Neujahrskurs fĂŒr Studierende und junge Erwachsene statt. Der Kurs stand unter dem Thema «Beziehungen – niemand ist eine Insel».

«Menschen ohne Beziehungen können nicht Person werden», erklĂ€rt Manfred Engeli den 116 Studierenden und BerufstĂ€tigen, die sich im Vortragssaal mit Sicht auf den Lago Maggiore versammelt haben. Der christliche Psychotherapeut und Buchautor betont, Beziehungen gehörten zum Schönsten, aber auch zum Schmerzvollsten im Leben: «Wir alle sehnen uns danach, geliebt zu werden und lieben zu dĂŒrfen, doch der SĂŒndenfall hat unsere BeziehungsfĂ€higkeit beschĂ€digt.»

Töchter und Söhne des Allerhöchsten

In sechs Referaten fĂŒhrt Engeli die Teilnehmenden durch einen Prozess, der ihnen helfen soll, Gottes Ziele fĂŒr ihr Leben zu entdecken: Sie sollen in ihrer einmaligen Art Person sein, wie Gott es sich vorgestellt hat, hineinwachsen in ihre IdentitĂ€t als Töchter und Söhne des Allerhöchsten und schliesslich in all ihren Beziehungen «makarios» werden – liebesfĂ€hig und glĂŒcklich, nicht im unrealistischen, oberflĂ€chlichen Sinn, sondern ganzheitlich, durch alle Höhen und Tiefen des Alltags.
«Gott liefert uns nicht eine Checkliste mit all den Dingen, an denen wir arbeiten mĂŒssen», fĂŒhrt Engeli aus. Vielmehr mĂŒsse jede Person auf das hören, was der Heilige Geist in ihr anklingen lasse – und sich dann dieser konkreten Herausforderung stellen. «Den ganzen Rest können wir getrost Gott ĂŒberlassen. Er wirkt an uns, ohne dass wir es merken», ist Engeli ĂŒberzeugt.

«Du musst nicht wissen, wer du bist.»

Die BeziehungsfĂ€higkeit eines Menschen hĂ€nge sehr stark von dessen Selbstbeziehung ab. «Das Mass der Selbstliebe setzt das Mass der NĂ€chstenliebe fest», meint Engeli in Bezug auf das Gebot in MatthĂ€us 22,39. Aus der Psychologie sei bekannt, dass man ĂŒber sich selbst nur so viel wissen könne, wie einem von anderen Menschen zurĂŒckgespiegelt werde. «Wir mĂŒssen lernen, auf das zu sehen, was uns Gott zurĂŒckspiegelt.» Der Anspruch, sich selbst zu erkennen, komme aus einer heidnischen Tradition, betont Engeli. In einem Moment der existenziellen Angst habe er selber erfahren, wie Gott einen anderen Lösungsweg habe: «Er sagte zu mir: Du musst nicht wissen, wer du bist. Du bist. Und du gehörst mir!»
Aus dieser Gnade Gottes erwachse die Selbstannahme, die eine unabdingbare Voraussetzung fĂŒr die Begegnung mit anderen Menschen sei. «Gottes Liebe will durch mich zu anderen Menschen fliessen. Der Output dieses Systems hĂ€ngt von der engsten Stelle ab, der Selbstbeziehung. Wer sich nicht mag, ist im Grunde ein Egoist.»

Defizite stillen lassen

Die eigene Geschichte wirkt sich ebenfalls prĂ€gend auf das Beziehungsverhalten aus. «Wir alle treten das Erbe unserer Eltern an, sowohl genetisch als auch seelisch», erklĂ€rt Engeli. Es sei unumgĂ€nglich, dass man von der Familie Verhaltensmuster ĂŒbernehme, die ungesund oder destruktiv sind: «Wir geben weiter, was uns selbst geschehen ist», erklĂ€rt Engeli.
Auch der Konkurrenzkampf unter Geschwistern habe einen Einfluss auf die Art und Weise, wie man mit Beziehungen umgehe. «Niemand in diesem Raum hat keine Defizite an Liebe und Annahme», stellt der Referent fest. «Doch Gott kann diese Defizite stillen.»
Viele Menschen seien auch geprÀgt von negativen Erlebnissen. Wie sich diese auf eine Person auswirkten, habe vor allem mit der Verarbeitung des Erlebten zu tun: «Wir haben die Tendenz, Geschehnisse immer gegen uns zu interpretieren, anstatt bei den Fakten zu bleiben», stellt der erfahrene Berater fest.
Er beobachtet jedoch, dass die Seele diesen zahlreichen Altlasten zum Trotz nicht immer der kausalen Logik von Ursache und Wirkung folgt – «und das ist eine Gnade Gottes, denn sonst wĂ€ren wir alle seelische KrĂŒppel!» Gerade bei seinen eigenen Kindern konnte er beobachten, dass es besser herauskommt, als es aufgrund der geschehenen Verletzungen und EnttĂ€uschungen hĂ€tte herauskommen können. «Das hĂ€ngt damit zusammen, dass Gott uns vom Kreuz her sieht. Er will, dass allen Menschen geholfen wird. Das ist nicht nur geistlich zu verstehen. Seine Lösung ist keine Reparatur des Menschen, sondern eine komplette Neuschöpfung!»

Willensakt der Vergebung

Wenn Jesus die Menschen auffordere, sich immer wieder zu vergeben, sei dies nicht nur ein Gebot, sondern ein Angebot: «Vergebung ermöglicht es mir, selber Frieden zu finden», erklĂ€rt Engeli. Nur dann sei man wieder frei, sich auf andere einzulassen. Die Seele muss jedoch einen Weg machen, bevor sie dieses Angebot annehmen kann: «Vergebung heisst eingestehen, dass der Andere mir nichts mehr schuldig ist – das braucht Zeit.» Gott habe durch Jesus den Weg zu diesem Willensakt freigemacht. «Doch die Entscheidung liegt bei uns. Und wenn wir sie einmal getroffen haben, mĂŒssen wir ihr treu sein, auch wenn die alten GefĂŒhle zurĂŒckkommen.»
All dies kann jedoch nicht aus eigener Anstrengung geschehen. «Lieben kann man nicht, indem man sich MĂŒhe gibt.» Als Mensch sei man immer in einer AbhĂ€ngigkeit, könne aber wĂ€hlen, ob man sich abhĂ€ngig macht von sich selbst, von anderen Menschen – oder von Gott. «Gottes Liebe ist Lebenskraft, sie ist unser Betriebsstoff», betont Engeli. «Wir brauchen nicht nur eine allgemeine Stillung unserer Defizite, sondern auch eine tĂ€gliche Stillung und Stille, in der uns Gott auffĂŒllen kann.» Jesus lade die Menschen ein, aus der Stellung des Geschöpfs in die Stellung als Töchter und Söhne Gottes zu treten. In dieser neuen Freiheit sei man erst richtig fĂ€hig zu lieben. «Das Paradox ist, dass wir freier werden, je mehr wir uns von Gott abhĂ€ngig machen. Und in jeder Beziehung kann es nur so viel Liebe geben, wie Freiheit vorhanden ist.»

Die "hollĂ€ndische BrĂŒcke"

Ein produktives Verhalten in Konfliktsituationen beschreibt Manfred Engeli mit dem Bild der hollĂ€ndischen ZugbrĂŒcke, die aus zwei unabhĂ€ngigen BrĂŒckenteilen besteht. «Bei einem Konflikt ist es normal, dass beide Parteien ihren Teil der BrĂŒcke hochziehen», erklĂ€rt er. Danach mĂŒsse jede Person den Konflikt fĂŒr sich selbst bereinigen: «Es ist besser, deinen Teil der BrĂŒcke erst dann wieder herunterzulassen, wenn du nicht mehr darauf angewiesen bist, dass der andere dich verstehen muss», betont Engeli. Nur so sei man wirklich offen fĂŒr sein GegenĂŒber. Ziel sei es, dem Anderen unabhĂ€ngig von seinem Verhalten Liebe entgegenzubringen. «In einer Beziehung sind wir nur fĂŒr unseren Teil verantwortlich – fĂŒr diesen aber zu 100 Prozent!»

Die Frucht der Liebe

Gott wĂŒnscht sich, dass die Menschen in ihren Beziehungen lernen, so zu lieben, wie er es tut, ist Manfred Engeli ĂŒberzeugt. Die göttliche Agape-Liebe sehne sich nach dem Anderen, fordere aber nicht, sie lasse sich zurĂŒckstossen und wende sich trotzdem nicht ab. «Dieses Liebesgebot können wir nicht erfĂŒllen. Doch Gott gibt, was er von uns verlangt.» Wenn wir uns seiner Gegenwart aussetzten, könne der Heilige Geist die Frucht der Liebe in uns wachsen lassen.
Bisweilen sei es aber nötig, gewisse Beziehungshindernisse bewusst abzulegen: «Wir können Gott fragen, wie er uns sieht – und uns Schritt fĂŒr Schritt auf dieses Bild hin bewegen. Dazu gehört, MinderwertigkeitsgefĂŒhle, Stolz und Selbstmitleid bewusst abzugeben», rĂ€t der Psychotherapeut Engeli. Auch Grundhaltungen wie Menschenfurcht, Kritiksucht, Verletzlichkeit oder Rechthaberei könnten ein Hindernis fĂŒr die Begegnung mit dem Anderen sein: «Die Beziehung zu Gott eröffnet uns in unseren Beziehungen einen neuen Weg ... Wir dĂŒrfen den Anderen mit Gottes Augen sehen und ihn deshalb ohne Vorbehalte annehmen und lieben lernen.» Vor schwierigen Begegnungen könne es zudem helfen, Gott spezifisch um seine Geduld oder Liebe zu bitten und diese dann wie ein Kleid ĂŒberzuziehen.

 

Zuerst erschienen in BST 1/2010