Freiheit – Wurzelgrund der Spiritualität

von Eckhard Bieger |

Freiheit wird dargestellt als einzige Verpflichtung des Lebens, der wir uns nicht entziehen können. Sie erweist sich als grosse Chance, die darin besteht, die eigene Berufung zu finden. Dieses erweist sich als das zentrale Thema unserer Freiheit. Wie das gelingen kann und dass in der menschlichen Existenz selbst das Versprechen gelingender Freiheit liegt, zeigt der Autor in diesem Buch überzeugend auf. Freiheit ist die grosse Herausforderung für den Menschen der Moderne. Wir könnten vor uns selbst nicht bestehen, würden wir auf die freie Gestaltung unseres Lebens verzichten, denn Freiheit ist tatsächlich die einzige Verpflichtung, der wir uns nicht entziehen können. Und doch sind wir ihr gegenüber nicht frei. Was aber wie ein Zwang erscheint, ist letztlich die grosse Chance unseres Lebens: eine einmalige und eben nicht von Lebensstilen und der Konsumwerbung vorgestanzte Biographie zu leben. Wie das gelingen kann und dass in der menschlichen Existenz selbst das Versprechen gelingender Freiheit liegt, zeigt der Autor in diesem Buch überzeugend auf.
Eckhard, Bieger. Freiheit – Wurzelgrund der Spiritualität. ISBN 3786725667. Grünewald 2005. 156 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Vorwort

Was Post-Moderne genannt wird, schlägt sich in einem neuen Erleben der Freiheit nieder. In der Moderne war die Freiheit wie ein Motor für die gesellschaftlichen Veränderungen – in der Post-Moderne wurde sie zur Last. Die gesellschaftlichen Reformprojekte versprechen kein bessres Leben mehr. Zu viele Lebensentwürfe und Weltanschauungen werden angeboten. Man kann sie nicht alle ausprobieren. Die Freiheit besteht aber weiter und fordert uns heraus, das Leben selber zu leben. Weil das Entscheiden so komplex geworden ist, muss man sich noch intensiver mit der Freiheit befassen.

I. Teil: Die Freiheit ist anders

1. Freiheit ist immer im Spiel

Dass wir wählen können, macht unsere Freiheit aus. Wir werden nicht wie Tiere durch unsere Instinkte gesteuert, vielmehr sind wir frei zu entscheiden, wohin unser Lebensschiff fahren soll. Das Freisein fordert uns ständig heraus, darüber nachzudenken, was wir tun. Wir können uns mit anderen beraten aber entscheiden müssen wir uns selber. Und die Freiheit fordert uns noch auf intensivere Weise, wenn wir mit anderen Freiheiten, d.h. konkreten anderen Menschen, zurecht kommen müssen.
Obwohl Freiheit ein zentrales Thema unseres Lebens ist, geht es letztlich um das Gelingen unseres Lebens. Als gelungen erscheint uns aber das Leben erst, wenn es unseren Erwartungen von dem, was Gelingen bedeutet, entspricht. Diesen Erwartungen geht aber schon eine Entscheidung voraus. Ich entscheide mich für eine Vorstellung von Gelingen. Ich kann auch nur von Gelingen sprechen, wenn es von meiner Entscheidung abhängt, dass ich dieses Ziel erreicht habe. So steht die Freiheit auch in einem direkten Zusammenhang mit dem Gelingen.
Auch wenn uns die Freiheit zur Last wird, ist sie immer da. Wir können nicht zu viele Entscheidungen anderen überlassen ohne unzufrieden zu werden. Aber auch wenn wir andere für uns entscheiden lassen ist unsere Freiheit mit im Spiel. Wir entkommen unserer Freiheit nicht.

2. Glauben – anders können wir unsere Freiheit nicht leben

Wenn wir unser Leben in einer Welt mit anderen Menschen zum Gelingen bringen wollen, müssen wir uns darauf einstellen, wie die Welt funktioniert. Wir müssen uns eine Vorstellung von der Welt machen oder eine solche übernehmen. Soll ich mein Leben daran ausrichten, dass in unserer Welt die Gesetze von Leistung und Konkurrenz gelten? In diesem Lebenskonzept können nur die von Gelingen sprechen, die es an die Spitze geschafft haben.
Man kann es aber auch anders sehen: Ganz wenig habe ich selber in der Hand, vieles fällt mir einfach zu. Bei dieser Weltsicht wäre Dankbarkeit statt Durchsetzungswille angebracht.
Das sind nur zwei, der vielen möglichen Weltsichten. Doch ich kann nie sicher sein, ob eine Lebensvorstellung auch zum gelingenden Leben führend wird. Ich muss „glauben“, dass mein Leben unter dieser Vorgabe gelingt. Die Auswahl der Lebenssicht ist immer Glaubenssache. Mein Glaube hat aber erhebliche Konsequenzen, denn wie ich glaube, so lebe ich. Meine Freiheit und damit meine Entscheidungen hängen von meinem Glauben ab, denn der bestimmt, wie ich die Welt sehe und gibt damit den Rahmen vor, in dem ich meine Entscheidungen treffe.
Das lässt sich auch an anderen Glaubensrichtungen ablesen. Wenn z.B. das eigene Volk, die eigene Nation zum höchsten Glaubensinhalt wird dann opfern Menschen viel damit die eigene Nation einen Vorsprung gewinnt. Ebenso würde die Weltsicht der Reinkarnation meine Entscheidungen stark beeinflussen.
Die verschiedenen Weltsichten beeinflussen mein Verhältnis zu anderen Menschen, meine Vorstellungen darüber, worauf das Leben hinausläuft und welche Bedeutung der Tod hat.
Heute folgen viele Menschen den Prämissen der Leistungsgesellschaft. Die meisten gehen davon aus, dass diese Weltsicht realistisch und keine Glaubenssache sei. Aber weshalb sind die Menschen, die von der Widergeburt ausgehen, weniger realistisch?
Im Alltag scheint die Lebenssicht der Leistungsgesellschaft realistisch. Blicke ich aber auf das Leben insgesamt, entsteht die Frage, ob die heutige Lebenssicht alles berücksichtigt, worauf es im Leben ankommt. Zumindest ist sie eine Glaubenssache, wie alle anderen Weltanschauungen auch. Das zeigt sich bereits daran, dass nur der motiviert ist, sich dem Wettbewerb zu stellen, der an die Prinzipien der Leistungsgesellschaft glaubt. Wer das nicht glaubt, lebt anders.
Um Klarheit darüber zu verschaffen, was der eigene Glaube ist und um andere Glaubensrichtungen besser einschätzen zu können, kann die Freiheit als Leitfaden dienen. Sie ist uns in vielem näher als unser Glauben und daher auch in vielem verborgener.

3. Glauben durch Freiheit

Da vor allem die Freiheit die Würde des Menschen begründet, müssen auch wir der Freiheit gerecht werden. So soll das, was wir glauben, also das, was unsere Lebenshaltung beeinflusst, nicht an unserer Freiheit vorbei unsere Leben bestimmen. Da wir in der Regel unsere Lebenssicht unbewusst übernommen haben, sollten wir prüfen, ob sie unserer Freiheit gerecht wird.

3.1. Die Freiheit ist unausweichlich
Wir sind frei an die Existenz Gottes zu glauben oder nicht. Wir sind aber nicht frei, unsere Freiheit zu leugnen. Denn im Moment, in dem wir das tun, haben wir bereits Gebrauch von unserer Freiheit gemacht. Die Freiheit macht uns frei gegenüber Vielem, aber nie gegen die Freiheit selber.

3.2. Ein Mehr an Freiheit
Mit unserer Entwicklung vergrössert sich meist auch unsere Freiheit. Ein Mehr an Freiheit ist aber meist nur mit einiger Selbstdisziplin zu erreichen. Wer mehr Gestaltungsmöglichkeiten in sein Leben bringen will, braucht dazu Kompetenzen, die er sich erwerben muss.

3.3. Freiheit ist mehr als die Vielzahl von Entscheidungen.
Im Übergang zum Jugendalter entdeckt man plötzlich, dass man in Vielem bevormundet wird. So schliesst man oft, dass Freiheit darin bestehe, das zu tun, was man will. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass das Mehr an Freiheit nicht schon durch ein Mehr an Entschlüssen erreicht wird und sicher nicht durch ein Mehr an umgestossenen Entscheidungen. Es ist wie bei einer Bergwanderung. Wenn ich erst einmal verschiedene Wege ausprobiere, bin ich, wenn es dunkel wird, erst auf halber Höhe angekommen. Ein Ziel umzustossen, nur weil sein Erreichen zu anstrengend erscheint, ist nicht ein Merkmal grösserer Freiheit. Wer sich ein Ziel gesetzt hat und auf diesem Weg zum Ziel viele „Unfreiheiten“ in Kauf nimmt, wird deshalb nicht unfrei.
Wenn wir unsere Freiheit als ein Vermögen sehen, das es stetig zu mehren gilt, müssen wir genau zusehen, worin das Mehr besteht. Das Mehr gewinnen wir nicht so sehr dadurch, dass wir häufig neue Entscheidungen treffen und alte revidieren, sondern dass wir das Ziel im Auge behalten, zu dem wir aufgebrochen sind.
Wir haben das Vermögen der Freiheit, damit wir „Chef“ unseres Lebens werden und dann auch die Verantwortung für unser Leben übernehmen.
Da unsere Entscheidungen von unserer Lebenssicht abhängen, müssen wir uns um unseren Glauben kümmern, den wir gewählt haben. Denn die Weltanschauung, die wir gewählt haben, gibt unserem Leben die Richtung. Ein wichtiges Kriterium für die Wahl der Glaubensrichtung ist, ob sie ein Mehr an Freiheit ermöglicht.

4. Freiheit und Tod

Weil am Ende der Tod scheinbar über die Freiheit siegt, müssen wir uns täglich mit dem Tod auseinandersetzen, nämlich immer dann, wenn wir mit Bedrohungen und anderen Beeinträchtigungen unseres Lebens zu Recht kommen müssen.
Dem Tod einen Sinn zu geben, vermag die Naturwissenschaft nicht. Eine mögliche Antwort auf die Sinnfrage, die der Tod stellt, bietet die Vorstellung der Wiedergeburt. Dieser Glaube setzt voraus, dass es etwas im Menschen gibt, das durch den Tod nicht aufgelöst wird. Viele Religionen sehen den Tod als Übergang in ein anderes Leben. Im Blick auf die Freiheit beantwortet diese Aussage vom ewigen Leben die Frage nach der Bedeutung des Todes: Der Tod hat nicht das letzte Wort und steht daher nicht über der Freiheit. Im Durchgang zu einem anderen Leben verliert der Mensch die Freiheit nicht. Denn alle Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod gehen davon aus, dass wir etwas von unserer Biographie mitnehmen, auch die Brüche und Fehlentscheidungen. Besonders das Christentum legt Wert auf die Einmaligkeit der Person in ihrer konkreten Biographie. Das Scheitern gehört zur Freiheit. Damit ist unsere Freiheit aber nicht nur durch den Tod in Frage gestellt, sondern auch durch das Scheitern.

5. Unfreie Freiheit

Die Freiheit steht uns nicht einfach zur Verfügung. Wir müssen sie entwickeln. Dazu ist es notwendig Beeinträchtigungen unserer Freiheit zu kennen.

5.1. Beeinträchtigungen von aussen
Verletzungen und Niederlagen schränken den Spielraum unseres Handelns ein und sind unserer Freiheit abträglich.

5.2. Unfreiheit von innen – Kehrseite unserer Charaktereigenschaften
Noch mehr wird unsere Freiheit wahrscheinlich durch Faktoren begrenzt, die von innen kommen. Z.B. Neid, Unmässigkeit, Eitelkeit (schränkt unsere Freiheit deshalb ein, weil wir etwas tun, nicht weil wir uns dafür frei entscheiden, sondern weil wir damit gut ankommen wollen), Geiz, Habsucht, innere Trägheit. Früher nannte man diese Fehlhaltungen „Laster“. Heute werden sie „Schatten“ genannt, weil sie die Kehrseiten von positiven Eigenschaften sind.
Die Freiheit wird durch diese Schatten beeinträchtigt, weil wir dazu neigen, ständig in ihre Fallen tappen, und weil jedes Mal unser Charakter dadurch etwas in die falsche Richtung ausgeformt wird. Dadurch verlieren wir Spielräume der Freiheit.
Zwei mögliche Konsequenzen:

  • Wir lassen uns immer mehr von den Beeinträchtigungen unserer Freiheit leiten, weil uns der Blick für das verstellt ist, was wir für unser Leben wirklich wollen.
  • Wir befreien uns von innen her zum vollen Gebrauch der Freiheit.

Damit die Freiheit nicht in sich selbst unfrei wird, muss sie entwickelt und geläutert werden. Alle grossen spirituellen Schulen wissen davon und leiten an, sich mit den eigenen schlechten Neigungen auseinanderzusetzen. Eine grössere äussere Freiheit ist nur dann hilfreich, wenn auch die innere Freiheit wächst. Diese wächst aber nur durch Arbeit an sich selbst.

6. Bedrohung der Freiheit durch Übelwollen

In unserer Freiheit scheint nicht nur Gutes enthalten zu sein. Das Böse kann uns auch erfassen, wenn wir korrekt leben und uns an die Gesetze halten. Das Böse zielt auf die Vernichtung des anderen. Zugleich richtet es sich aber auch gegen uns selber.
Die böse Tat bewirkt Unfreiheit. Das zeigt sich schon im Kleinen: wegen Diebstahlsgefahr muss ich alles abschliessen.
Wir sind nicht frei, in einer besseren Welt zu leben und müssen uns vor Überheblichkeit hüten, denn jeder ist zum Bösen fähig.

7. Das kollektive Böse

Die menschliche Freiheit kann durch das Böse erfasst werden. Wenn das Böse ein kollektives Phänomen ist, das die individuelle Freiheit tangiert, ohne dass der Einzelne an dem Übel direkt beteiligt ist, können wir gar nicht frei entscheiden.
Rene Girard macht in seinen Büchern den Mechanismus kollektiver Gewalt am Modell des Sündenbocks durchsichtig („Ich sah den Satan fallen wie ein Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums.“).
Für die eigene Lebensorientierung muss das kollektive Böse in Rechnung gestellt werden. Denn bereits dann, wenn wir selbst in einen Mobbing- oder einen anderen Sündenbock-Mechanismus hineingezogen werden, handeln wir nicht mehr aus unserer eigenen Freiheit heraus. Im Sinne der eigenen grösseren Freiheit müssen wir uns jedoch vor dem Hineingezogenwerden
bewahren, das schon mit der kleinen üblen Nachrede auf dem Flur beginnt. Wir müssen auch erkennen, dass unsere Freiheit weit mehr bedroht ist, als wir gewöhnlich erkennen.

Wenn wir die Dimensionen der Freiheit ausschöpfen wollen, stossen wir sowohl an die Grenze des Todes wie auch auf die Beeinträchtigung der Freiheit, die in dem individuellen und kollektiven Übel liegt.
Befreiung von der Bestimmungsmacht des Todes und des Übels, das Menschen getan haben, sind Voraussetzungen für ein Leben in Freiheit.
Wir stossen in der Auseinandersetzung mit der Freiheit auf die dringende Notwendigkeit, dass die Folgen des Bösen überwunden werden, damit wir überhaupt von Freiheit sprechen können. Da der Mensch aus sich offensichtlich nicht die Kraft hat, die Folgen des Bösen aus der Welt zu schaffen, braucht er eine Instanz, die dazu in der Lage ist. Muss man also davon ausgehen, dass die menschliche Freiheit auf Gott angewiesen ist, um sich als frei zu verwirklichen? Die verschiedenen Weltanschauungen geben darauf verschiedene Antworten.

8. Die Weltanschauung, die der Leistungsgesellschaft zugrunde liegt

Die Vorstellungen dieser Weltsicht sind so einflussreich, dass sie auch die Mentalität in den Kirchen zu einem guten Teil prägen.
Als Prototyp dieser Weltsicht kann der Leistungssportler gesehen werden. Wer nur einmal Erfolg hat und dann in seiner Leistung abfällt. Wird schnell vergessen. Das gilt auch für das Berufsleben: Solange Leistung erbracht wird, geht es dem Leistungsträger gut. Denn wenn Leistung der zentrale Massstab ist, haben Nachsicht und Verständnis für Schwächen wenig Raum. Die Orientierung am Erfolg erfordert, dass nur das Beachtung findet, was den Erfolg sichert. Der zentrale Glaube dieser Weltsicht lautet: Die Leistung und ihr Gegenwert in Geld bilden die zentrale Achse des Lebens, um die herum sich alles andere organisieren muss.
Viele Menschen können aber die geforderte Leistung nicht erbringen. Liegt es da nicht nahe, meine Leistungsfähigkeit als Geschenk zu sehen? Wäre ein Glaube, der davon ausgeht, dass mir viel geschenkt sein muss, nicht ebenso realistisch? Es würde die Lebenssicht und damit die gesamte Gesellschaft erheblich ändern, wenn Dankbarkeit am Anfang stünde und nicht das Pochen auf die eigene Leistung.
In der Leistungsgesellschaft kann der einzelne in einem gewissen Rahmen seine Freiheit ins Spiel bringen und Erfolge erzielen. Aber der Spielraum ist begrenzt. Wir wissen, dass der Einzelne z.B. keinen Einfluss auf die Entwicklung der Wirtschaft hat. Er kann sich allenfalls geschickt verhalten. Wie im Biologischen sind wir in der Wirtschaft nur ein Glied in einer Kette, die wie die Evolution durch Faktoren beeinflusst ist, die unserer Lebenszeit voraus liegen. Diese Faktoren stecken unseren Freiheitsraum ab.
Man kann die biologische Sicht auch als allgemeingültig ansehen. Dann erklärt uns die Biologie unsere Freiheit. Entscheidungen werden dann aber zu reinen Funktionen unserer Gehirnströmen. Sicher haben alle Entscheidungen etwas mit unserem Gehirn zu tun. Für unsere Lebenssicht macht es aber einen grossen Unterschied, ob wir uns vorstellen, dass unser Leben von den Gehirnfunktionen gesteuert wird oder ob wir selbst mit unserer Freiheit unserem Leben Richtung geben müssen. Wer sich aber bewusst für seine Freiheit entscheidet, muss auf der anderen Seite auch die Verantwortung für sein Tun übernehmen. So muss ich auch meine Untaten als Teil meiner Freiheitsgeschichte sehen.

9. Hat die Freiheit mit einer anderen Freiheit zu tun?

Wenn wir eine Antwort von den Naturwissenschaften erwarten, können wir nur mit den allgemeinen Naturgesetzen rechnen. Diese beschreiben das Allgemeine, was sich als Gesetzmässigkeit herausstellt. Freiheit ist aber gerade nicht das, was sich aus allgemeinen Gesetzmässigkeiten ableiten lässt. Auch die Erklärung, dass unsere Entscheidungen durch irgendwelche Zufallsmechanismen des Gehirnes gesteuert würden, kann nicht befriedigen. Wenn wir von chemischen Prozessen in unseren Nervenzellen gesteuert wären, könnte es so etwas wie die unter allen Umständen zu lebende Freiheit nicht geben.
In diesem zufälligen, von Launen, Zeitströmungen, von gesundheitlichen Risiken abhängigen Wesen taucht etwas auf, das dieses Wesen unmissverständlich fordert, ohne Wenn und Aber, unbedingt. Unbedingt heisst, dass die Freiheit (Leben deine Freiheit!) und die sittliche Verpflichtung (Schade deinem Mitmenschen unter keinen Umständen!) die Bedingungen stellt und sich nicht von anderen Bedingungen abhängig machen darf. Da die Evolution vom Zufall gesteuert ist, kann sie dieses Unbedingte nicht hervor bringen. Wir sind also auf etwas verwiesen, das nicht bedingt ist und das unsere Freiheit will. Das kann aber kein Etwas sein, das nicht selbst von Freiheit bestimmt wäre. In der Freiheit stossen wir also auf ein Gegenüber, das die Religionen Gott nennen. Doch können wir Gott erkennen? Oft wurde doch gesagt, dass Gott nur eine Projektion unserer Phantasie sei.

10. Müssen wir Gott erkennen?

Offensichtlich kann man sein Leben leben, ohne sich mit Gott zu beschäftigen. Es gibt auch kein wissenschaftliches Experiment, das Gott „beweisen“ könnte, so wie man Elementarteilchen nachweisen kann. Wenn Gott „bedingungslos“ ist, dann können wir Menschen ihn keiner Bedingung unterwerfen, wie wir das durch naturwissenschaftliche Experimente tun. Wir stellen im Experiment den Teilchen Bedingungen, unter denen es sich zeigen muss. Könnten wir Gott unseren Bedingungen unterwerfen, wäre es um unsere Freiheit schlecht bestellt. Denn unsere Freiheit käme von einem Wesen her, dem wir Bedingungen stellen könnten. Wenn Gott wirklich frei sein soll, dann ist es unmöglich, dass wir ihn einem Experiment unterwerfen könnten. Wenn wir Gott diese Freiheit zusprechen, dann müssen wir darauf warten, dass er von sich aus sich zu erkennen gibt. Es gibt zwei Weisen der Erkenntnis Gottes. Zum einen werden wir durch Nachdenken, durch Erfahrungen, durch andere Menschen auf einen Weg gelenkt, der uns zu der Einsicht führt: Es muss ein Wesen geben, das unsere Freiheit garantiert. Das ist nicht dasselbe, wie wenn Menschen sagen, ich bin von Gott berührt worden, Gott selber hat mich angesprochen.
Unser Denken erreicht Gott nur ahnend. Wir fühlen uns angezogen, spüren, dass es für uns wichtig ist, die bisherigen Vorstellungen zu überwinden, um uns auf etwas einzulassen, was nicht fassbar ist.

11. Der religiöse Sinn der Freiheit

Wir können den Spielraum unserer Freiheit vergrössern. Letztlich stellt sich aber die Frage: Wofür sind wir denn frei?
Die menschliche Existenz erstreckt sich in der Zeit. Das ermöglicht überhaupt, Entscheidungen zu treffen, die die Zukunft bestimmen. Die Freiheit ermöglicht uns, die Lebenszeit zu gestalten. Das ist die Faszination der Freiheit. Wenn wir fragen, was es bedeutet, dass wir die Freiheit von Gott erhalten haben, dann liegt die Bedeutung dieses Geschenkes gerade darin, dass uns ein eigenes, unverwechselbares Leben geschenkt wird, über das wir sogar noch selber entscheiden. So wie wir körperlich einmalig sind, so ist auch unser Leben ganz einmalig.
Da dieses Leben aber von vielen Wechselfällen und auch von unserer eigenen Unentschlossenheit abhängt, und weil unsere Freiheit durch Übel bedroht ist, stellt sich die Frage, ob wir mit dem Geschenk der Freiheit auch eine gewisse Garantie erhalten haben, dass unser Leben gelingt. Wenn wir die Freiheit nur dazu hätten, um zu scheitern, wären wir eigentlich berechtigt, dieses Geschenk zurückzugeben.

12. Ist das Gelingen versprochen?

Mit dem Geschenk der Freiheit ist das Risiko verknüpft, dass unser Leben nicht gelingt. Ob etwas gelungen erscheint, können wir nur im Rückblick feststellen. Der wertende Blick zurück ist wiederum von unserer Weltsicht abhängig. Die gewählte Weltsicht bestimmt nicht nur den Rahmen für unsere Entscheidungen, sondern prägt auch das Urteil über einen Lebensabschnitt sowie über das Leben insgesamt. Dabei kann man beobachten, dass wer Erfolg und ähnliche Werte zuoberst auf seine Werteskala gesetzt hat, viel stärker von den herrschenden Bedingungen abhängig ist (im Krieg oder bei einer wirtschaftlichen Flaute, können diese Werte arg ins Trudeln kommen), als jemand, der Gemeinschafts-Werte gewählt hat (den anderen kann man auch im Krieg noch helfen). Wenn wir uns auf ein Leben nach dem Tod einstellen, dann werden viele Werte zweitrangig und es kommt nur noch auf Weniges an, was im Jenseits zählt. Die Nächstenliebe, die ich geübt habe, gehört auf jeden Fall dazu.
So sehen wir, dass nicht jede Weltanschauung die gleichen Aussichten auf ein gelingendes Leben versprechen kann. Entscheidend für das Gelingen sind die Entscheidungen, die wir in der Anfangsphase getroffen haben. Wir können also durch die Wahl der Werte, die unsere Entscheidungen bestimmen sollen, schon einem Misslingen unseres Lebens vorbeugen. Weil wir am Anfang oft nicht abschätzen können, ob wir gut entschieden haben und das Gelingen von vielen Faktoren abhängt, suchen Menschen oft nach einer Instanz, die über das Gelingen oder Misslingen bestimmt oder zumindest darauf Einfluss nimmt. Viele befragen aus diesem Grunde ihr Horoskop.
Das Gelingen wird aber viel weniger durch die äusseren Umstände als viel mehr durch uns selber in Frage gestellt. Das Scheitern rührt häufig daher, dass wir nicht konsequent die Werte umsetzen, für die wir uns entschieden haben. So sind wir selbst für das Gelingen unseres Lebens das grösste Risiko. Mangelnde Selbstdisziplin, Unentschlossenheit, Feigheit und das Verweigern des ehrlichen Blickes auf die Realität führen oft zum Scheitern. Zum anderen sind es die Verführungen, denen wir nachgegeben haben. Da unser Leben nicht rückgängig gemacht werden kann, sind wir im Scheitern auf uns allein gestellt. Das ist die Konsequenz der Freiheit. Wenn wir mit unserem Scheitern konfrontiert werden, können wir uns auch nicht an die Naturgesetze wenden, die alles umkehren sollen. Wer gescheitert ist, ist gescheitert.

13. Gebrochenes Gelingen

Die Freiheit ermöglicht dem Menschen eine eigenständige Biographie zu schreiben. Damit übernimmt er die Verantwortung für sein Leben und das Risiko des Scheiterns. Doch wie kann man sich gegen das Scheitern schützen und was ist der Ausweg, wenn man gescheitert ist?
Ein wichtiger Faktor, das Gelingen weniger von äusseren Umständen abhängig zu machen auch mit Rückschlägen besser fertig zu werden, ist die Weltsicht, für die man sich entschieden hat. Die Entscheidung für gute Werte ist aber keine Garantie, dass wir nicht gegen unsere Ideale handeln und schuldig werden. Wie kommt man da wieder raus? Man muss zu seinem Fehlverhalten stehen und hoffen, dass die anderen einem verzeihen. Um fähig zu sein, anderen zu verzeihen, muss man erkannt haben, dass man immer wieder selber im Gossen oder Kleinen schuldig wird.
Wir bleiben durch Rivalität, Aggression und Gewalt in unserer Freiheit eingeschränkt und oft auch bedroht. Häufig greifen wir zum Sündenbockmechanismus. Die Jünger Jesu haben sein Sterben als Alternative entdeckt. Er hatte schon in seinen Predigten die Forderung aufgestellt, seine Feinde zu lieben. D.h., dass Jesus seinen Anhängern das Recht genommen hat, einen anderen zu hassen. Der Mechanismus des Sündenbocks, Gewalt, Kriege etc. werden erst möglich wenn es die „Erlaubnis gibt“, dass man den anderen hassen darf.
Bei seiner Hinrichtung wehrte sich Jesus nicht. Offensichtlich wollte er den Sündenbock-Mechanismus von innen her überwinden. Es geht also nicht um ein Nachgeben gegenüber der Gewalt, sondern um die Überwindung dieses Mechanismus.
Wer in Jesus den von Gott gesandten Erlöser erkennt, sieht im Tod Jesu nicht nur einen der vielen Fehlgriffe der Menschheitsgeschichte, sondern den Willen Gottes, den Menschen aus dem Kreislauf von Misstrauen, Ausgrenzung, Mord und Krieg zu befreien. Und ist es nicht eine grössere Freiheit, wenn ich den Mechanismus erkenne, ihm dadurch nicht mehr so ausgeliefert bin und in seiner Überwindung den Beginn der Erlösung erfahre?

14. Der biologische und der soziale Tod

Weder das Christentum noch andere Religionen behaupten, dass der biologische Tod überwunden werden könne. Leben heisst im Sinne der meisten Religionen, an der Vorläufigkeit und auch Nichtigkeit dieses Lebens nicht zu verzweifeln, das Sterben einzuüben, d.h. loslassen zu lernen, das Ende bewusst in den Blick zu nehmen.
Wir haben allerdings keine empirische Bestätigung dafür, dass der Tod das Tor in ein erfülltes Leben ist.
Macht uns die Botschaft des Christentums freier, die uns dieses Leben als etwas Vorläufiges erklärt und die Erfüllung unserer Sehnsucht in einem Leben verspricht, zu dem der Tod der Übergang sein wird?
Einige Kriterien zur Beantwortung dieser Frage können wir nennen: Die Botschaft sollte uns frei machen, aus der uns zur Verfügung stehenden Lebenszeit eine unverwechselbare Biographie zu formen. Das können wir umso freier, je weniger wir uns von Trends, Moden und all dem abhängig machen, was unsere Freiheit eingrenzt. Unausweichlich werden wir es mit Schuld und Schuldigwerden zu tun haben. Zwar können wir uns diesen Mechanismen nicht entziehen, wir können ihnen aber einen bestimmenden Einfluss auf unser Fühlen und Handeln verwehren und vielleicht sogar den anderen helfen, sich von den Antipathien nicht mehr bestimmen zu lassen. Wenn wir dann noch das Loslassen einüben, weil wir den Tod als das Tor zu einem anderen Leben sehen, können wir mit unseren Ängsten, die uns immer wieder überfallen, besser umgehen.

15. Freiheit als Praxis der Spiritualität

Wir ahnen, dass unsere Freiheit von einer Freiheit herkommen muss, die selbst in vollem Sinn frei ist. Wenn wir in den Horizont dieser grösseren, uns umfassenden Freiheit treten, betreten wir den Raum der Spiritualität. Wenn wir Spiritualität als Freiheitspraxis verstehen, dann besagt das, dass wir unsere Freiheit und damit unser Leben als etwas verstehen, das uns anvertraut ist.
Wenn wir uns auf den Ursprung unserer Freiheit beziehen, dann entscheiden wir uns für eine bestimmte Lebenssicht. Das ist eine Glaubensentscheidung, denn es gibt keine Kriterien aus der Naturwissenschaft, die eine bestimmte Lebenssicht empirisch absichern könnten. Wir können uns auch nicht auf den Zufall berufen, denn die Freiheit verlangt von uns, dass wir sie ernst nehmen, uns entscheiden und damit die Verantwortung für unser Leben gerade nicht dem Zufall überlassen. Wir können frei entscheiden, wir sind aber nicht frei zu entscheiden. Diese Notwendigkeit können die Naturwissenschaften nicht erklären, denn wie soll aus Zufall Notwendigkeit werden? Die Unbedingtheit muss anderswo herkommen.
Wenn wir die Freiheit so zu sehen gelernt haben, eröffnet sich damit eine Perspektive, von der wir eine Antwort erwarten können. Wer interessiert sich letztlich für unsere Freiheit? Wer nimmt Anteil an unserem Scheitern, wer freut sich über unser Gelingen? Das unpersönliche Universum kann es nicht. Wenn es nur dieses gäbe, worin läge dann der Sinn unserer Freiheit?
Viele Menschen finden immer wieder Hinweise dafür, dass es neben und hinter dieser Welt, die uns die Naturwissenschaften beschreiben, noch etwas weiteres gibt, das auf die Sinnfrage antwortet, nicht so eindeutig wie es die Naturwissenschaften gewohnt sind, aber doch vernehmbar. Um diesen Fragen nachzugehen und für mögliche Antworten aufmerksam zu werden, machen sich Menschen auf den spirituellen Weg.

II Teil: Freiheit – der spirituelle Weg

1. Wie gewinne ich meine Freiheit?

Die Freiheit wächst aufgrund der Erfahrung, die ich mache, wenn ich mich entscheide, und sie entwickelt sich weiter mit jeder Entscheidung.
Wenn ich mich nur halbherzig entscheide oder meine Entscheidungen zu sehr von anderen abhängig mache, dann fehlt mir meist die Energie, meine Entscheidung auch durchzuhalten. So muss ich meine Freiheit ständig weiterentwickeln, bis dahin, dass ich bewusst auf die letzte grosse Herausforderung zugehen kann, den Tod.

2. Sich für die Freiheit entscheiden

Es ist eine Frage meiner Weltsicht, ob ich mich als Produkt meiner Hirnstrukturen oder als Autor meines Lebens verstehe.
Freie Menschen gewähren anderen wiederum Freiheit. Innerlich freie Menschen geben uns Raum für unsere eigene Freiheit. Die Freiheit des anderen ist spürbar. Sie zeigt sich darin, dass man selber entscheidet, weil man sich selber ein Urteil gebildet hat. Wer sich frei entscheidet, muss seinen Standpunkt gegenüber anderen vertreten und muss für seine Entscheidung auch gerade stehen. Das kann zu Konflikten führen. So können nur konfliktfähige Menschen ihre Freiheit entwickeln und bei dem bleiben, was sie als richtig erkannt haben.

3. Die Freiheit spricht mit uns

Der Ruf der Freiheit ist immer auch eingebettet in die verschiedenen Ängste, die ebenfalls zu uns reden. Denn Freiheit gibt es nicht ohne das Risiko zu scheitern und damit auch nicht ohne Angst. Wenn wir uns für die Freiheit entscheiden, dann müssen wir auch die Ängste überwinden, die mit jeder Entscheidung verbunden sind.
Die Freiheit hat etwas Unbedingtes. Sie lässt sich nicht von anderen Bedingungen bestimmen. Aber kann aus mir dieses Unbedingte kommen, wo ich doch ein Wesen bin, das von so Vielem abhängig und damit bedingt ist? Wie viele Launen bestimmen mich doch, wie viele Stimmen reden von innen und aussen auf mich ein. Das besondere der Freiheit liegt darin, dass mein Leben von ihr her seine Notwendigkeit bekommt. Ich selbst soll über den Kurs meines Lebensschiffes entscheiden und den auch gegen alle Zufälligkeiten, gegen manche Vorurteile und gegen viele Widrigkeiten durchhalten. Sein Leben selbst zu bestimmen hat etwas Asketisches, denn wer sich ablenken lässt, kommt nicht ans Ziel.
Das Unausweichliche der Freiheit deutet auf jemanden hin, der nicht den Zufällen unterworfen ist und der voll und ganz frei ist. Wenn in unserem Inneren ein Anspruch hörbar wird, der sich keinen Bedingungen unterwirft, treten wir in den Bereich der Spiritualität. Hier tritt uns etwas entgegen, das nicht von uns gemacht ist, ein Gegenüber. In Bezug auf unsere Freiheit ist dieses Gegenüber direkt an unserer Freiheit interessiert. Aber ist nicht Gott gerade der, der unsere Freiheit bekämpft?

4. Freiheit – nur möglich ohne Gott?

Jean Paul Sartre bringt in seinem Drama „Die Fliegen“ diese Frage auf und meint, dass für Gott (Jupiter) die Freiheit des Menschen eine Gefährdung seiner Herrschaft sei. Um den Menschen am Gebrauch der Freiheit zu hindern, verwickelt er ihn in Schuldgefühle (Erinnyen). Für Jupiter liegt der Sinn der Erschaffung der Menschen darin, dass er Untertanen hat. Der schuldig gewordene Mensch, der bereut, ist in die subtilste Form der Abhängigkeit geraten, aus der er sich nicht mehr befreien kann. Freiheit besteht daher darin, seine Untaten nicht mehr zu bereuen (das gelingt nur Orest, der den Mord seines Vaters rächt). Weil, wie bei Sartre, die Beziehung zu Gott von vielen nur als Abhängigkeit gedacht werden kann, legt das für viele die Konsequenz nahe, die Beziehung zu Gott, der Freiheit zuliebe aufzukündigen. Bestätigt wir er noch dadurch, dass die Religion nicht selten unter dem Vorzeichen der Unfreiheit auftritt. Der Gegensatz zwischen menschlicher Freiheit und dem Anspruch Gottes an sein Geschöpf ist aber von Sartre unzureichend beschrieben worden.

5. Gott - ein Freund meiner Freiheit?

Wenn wir unsere Freiheit entdecken, haben wir unsere Kindheit verlassen. Dann tritt uns Gott als der entgegen, der auf die Einhaltung seiner Gebote pocht. In der Kindheit hat uns ein fester Rahmen Sicherheit gegeben. Als wir den Unterschied zwischen Gut und Böse entdeckten, waren wir froh, dass der starke Gott das Gute will. Die religiösen Botschaften passten gut in unser Weltbild. Mit dem Übergang ins Jugendalter wird diese Sicht, die Gott als Garant für die Weltordnung sieht, fragwürdig.
Mit der Zeit merken wir, dass Freiheit unsere Verantwortung begründet, dass sie ihre Würde findet, wenn wir die Verantwortung für unser Leben zu 100% übernehmen. Gerade, wenn wir für eine Entscheidung unsere Freiheit in Anspruch nehmen, übernehmen wir auch die Verantwortung. In der Phase, in der wir uns unserer Freiheit versichern, sie erproben, sie ausweiten, sehen wir Eltern, Institutionen und auch Gott als Konkurrenten dieser Freiheit. Die Abgrenzung gegen Autoritäten gehört zum Erwachsenwerden.
Je mehr ich verstehe, dass die Verantwortung, die ich für meine Entscheide selber trage, darauf hinweist, dass mir die Freiheit gegeben wurde, kann ich auch erkennen, dass Gott gar nicht der Konkurrent meiner Freiheit ist. Er hat mir die Freiheit geschenkt, damit ich mit ihr ein einmaliges Leben gestalte. Ich merke, dass Gott zwar immer noch der Garant der Ordnung ist, dass er aber mehr von mir will, als nur die Einhaltung seiner Gebote.
Wenn ich meine Verantwortung voll übernehme, können mir andere immer weniger helfen. In dem Mass, in dem ich Gott als den Freund meiner Freiheit erkenne, werde ich mit ihm reden. Ich brauche das Alleinsein, um diese Beziehung zu Gott zu pflegen.
Die Beziehungen zu anderen Menschen ändern sich auch. Zwischen Distanz und Nähe gibt es eine deutlichere Unterscheidung. Einerseits suche ich den intimen Austausch über Erfahrungen, andererseits wird mir bewusst, dass der Andere auch autonom und für sein Leben verantwortlich ist.

6. Der Geist der Freiheit

Spiritualität beinhaltet das Wort Geist. Spiritualität meint das Leben mit dem Geist. Da es nicht nur den einen Geist gibt, ist die Unterscheidung der Geister eine wichtige Kunst.
Am Leben von Paulus erkennen wir, dass wenn wir mit aller Kraft etwas erreichen wollen, wir dann in der Gefahr sind, hart und unerbittlich zu werden. Unser Blickwinkel verengt sich. Wir werden unduldsam gegen andere. Wir sehen zwar, dass der Weg zur Spiritualität erkämpft sein will, aber dass wir das Entscheidende nicht selbst herstellen können (Damaskus bei Paulus). Das gibt uns ein Kriterium (Unterscheidung der Geister) um den Markt der spirituellen Angebote zu beurteilen. Wenn eine Lehre direkte spirituelle Erfahrungen in der Form von Erleuchtung verspricht, widerspricht das der Bibel. Nicht irgendwelche religiöse Praktiken bewirken das menschliche Heil, sondern die Offenheit gegenüber Gott, das von Gott zu empfangen, was den Menschen heil macht. Das ist die Haltung des Glaubens. Das Geschenk Gottes nennen wir Gnade. Jeder spirituelle Weg birgt in sich die Gefahr, dass man meint, das Entscheidende sei durch eigene Anstrengung zu gewinnen. Es ist eben leichter, wenn man sich an etwas halten kann, denn dann muss man nicht vertrauen. Spiritualität hat aber etwas mit Risiko zu tun. Denn wer sich auf den Weg macht, erhält nicht die Garantie, dass er durch besondere Erfahrungen oder durch Erleuchtung belohnt wird.
Spiritualität oder geistliches Leben kann als inneres Gespür für den Geist beschrieben werden, der mich dadurch frei macht, dass ich mich nicht an Äusseres klammern muss. Der Zugang zum Geist wird mir geschenkt. Ich muss ihn nicht durch äusseres Tun erwirken.
Im Galaterbrief zeigt Paulus wie Kriterien für den wahren Geist der Spiritualität gewonnen werden können (5,20-22). Nicht wenige religiöse Menschen zeigen eine gewisse Härte und Unerbittlichkeit, reden negativ über andere, versöhnen nicht, sondern polarisieren. Das ist nach Gal. kein Zeichen für eine am Heiligen Geist ausgerichtete spirituelle Praxis.
Eine Spiritualität beinhaltet auch eine Wertorientierung, die aus der zugrunde liegenden Weltanschauung stammt. Das bedeutet, dass ich mich mit den weltanschaulichen Optionen einer Spiritualität auseinandersetzen muss. Denn in meinem Handeln werde ich durch meine Lebenssicht gelenkt. In Bezug auf den Geist muss geklärt werden, vom wem dieser Geist kommt, der mir den spirituellen Weg öffnet. Das ist die weltanschauliche Aussage, die jede spirituelle Schule offen legen muss.
Christliche Spiritualität erkenne ich an den gaben, die der Geist gibt und auch daran, dass er zur Übereinstimmung mit Jesus führt und mich nicht in Gegensatz zu ihm führt (vgl. 1. Joh 4,1-2). Der wahre Geist muss dem Geiste Jesu entsprechen.

7. Regeln für die grössere Freiheit

Im Galterbrief verweist Paulus auf die grössere Freiheit, die sich nicht von kultischen Vorschriften abhängig macht. Dass man aber in den Tag hinein leben kann, muss Paulus auch korrigieren (1. Thess 5,14 auch 4,11).
Warum braucht Spiritualität einen geordneten Tagesablauf und warum macht uns das Befolgen bestimmter Regeln nicht unfrei, sondern frei? Der Grund ist der, dass ich mir mit den Regeln die Freiräume schaffe, um das Zimmer, das ich im Innern entdeckt habe zu bewohnen. Das bedeutet nicht, dass Spiritualität darin besteht, bestimmte Regeln strikt zu befolgen. Die Regeln zu befolgen, ist in sich noch keine spirituelle Praxis, sie sollen eine Praxis ermöglichen. Wenn ich die Regeln zum Inhalt der Spiritualität mache dann verspiele ich die Freiheit, die sie mir schenkt.
Es geht erst einmal darum, den Raum, der sich mir im Inneren eröffnet regelmässig zu besuchen. Haben wir das innere Zimmer betreten, in dem die grössere Freiheit auf uns wartet, können wir die darin zu findenden Schätze bergen, religiöse Texte, die Bibel lesen, meditieren, beten... Für den spirituellen Weg brauchen wir Anregung. Wir müssen auch von anderen hören und uns gründlich mit dem Weg beschäftigen. Das ist u.a. der Sinn, warum man die Bibel oder andere Texte meditiert: Ich nehme die Haltungen in mich auf, die dort in Form von Erzählungen, Weisheitstexten und Ratschlägen für ein intensiveres persönliches Leben zu finden sind. Da jede Spiritualität auf einer Weltanschauung basiert, helfen mir die Texte auch, in diese Weltanschauung tiefer einzudringen. So wird z.B. die tägliche Lektüre in vielen Ordensregeln vorgeschrieben.
Am Anfang kostet es Mühe, im Tagesablauf regelmässig Platz für eine spirituelle Praxis freizuhalten. Nach einiger Zeit spüre ich aber schon, dass mir etwas fehlt, wenn ich nicht wenigstens einmal am Tag in dem Zimmer war. Hilfreich ist der Kontakt mit Menschen, die diesen Weg auch gehen.
Sinnvoll hat sich erwiesen, am Morgen den Tag vorauszumeditieren. Worauf will ich besonders achten?
Am Mittag sollte ich die Zeit nutzen um Distanz zu gewinnen, damit ich besser Wichtiges erkenne und mich nicht verführen lasse, mir Unwichtiges als wichtig einreden zu lassen.
Der Abend gilt dem Rückblick. Ich danke für das Geschenkte und das Gelungene und erkenne, wo ich inkonsequent war, oder andere geärgert habe.
Wichtig ist auch, dass es innerhalb der Woche einen Tag gibt, wo ich mir mehr Freiräume herausnehmen kann. Und einmal im Jahr sollte ich aussteigen und mich zurückziehen.
Einen bestimmten Tagesablauf halte ich ein, damit die Spiritualität in dem Vielen nicht untergeht.

8. Unterscheidung der Geister

Die tägliche spirituelle Praxis ist nicht zuletzt deshalb unentbehrlich, weil wir sie für die Unterscheidung der Geister brauchen. Es ist eine Erfahrung, die schon die Wüstenväter gemacht haben, als sie die Zivilisation des römischen Reiches verlassen haben. Auch sie erlebten schlechte Laune und Missmut. Auch in uns wird es Widerstände geben.
Der spirituelle Weg ist nur in einigen Phasen von einem inneren Frieden begleitet, oft ist er durch heftige Auseinandersetzungen bestimmt. Für die Unterscheidung der Geister ist es daher wichtig zu wissen, in welcher Phase ich mich befinde. Wir können uns an den klassischen vier Phasen orientieren. Diese vier Schritte durchlaufen wir mehrfach, nie an einem Tag, selten in einer Woche.

  1. Einstimmung: Ich betrete den spirituellen Raum und mache mir bewusst, dass mir meine Existenz und alles Andere geschenkt ist. Wenn Widrigkeiten auftauchen, scheuche ich diese nicht weg, sondern frage mich, was sie zu bedeuten haben.
  2. Via purgativa: Hier geht es um Reinigung. Am Anfang fordert dies besonders viel von mir. Je feinfühliger ich durch Meditation, Tagebuchschreiben und Gebet werde, desto schneller spüre ich aber, wo ich gefehlt habe. In der ersten Phase meines Weges wird mir immer mehr bewusst, dass sich in meinem bisherigen Leben einiges an Schuld angehäuft hat. Ich bin meiner Freiheit nicht gerecht geworden, habe mich vor Entscheidungen gedrückt, andere verletzt und meine Verantwortung nicht wahrgenommen.
    Mit der Zeit stelle ich fest, wie sich immer eine bestimmte Charakterseite zwischen alle guten Vorsätze stellt. Früher nannte man diese Charaktereigenschaften „Laster“, heute nennt man sie „Schatten“. Wichtig ist, dass wir vor allem am Abend diesen Schritt der Reinigung gehen, indem wir auf den Tag zurückblicken und das ins Auge fassen, was misslungen ist. Zum Nachtgebet (Komplet) gehört in der Tradition immer ein ausdrückliches Sündenbekenntnis.
  3. Via illuminativa: Mein spiritueller Weg beginnt mit einer „Erleuchtung“. mir ist etwas aufgegangen, ich habe Zugang zu einer neuen Wirklichkeit gefunden. Im laufe meines Weges gewinne ich tiefere Einsichten in das, worauf es ankommt und gewinne mehr Verständnis für andere Menschen. Vor allem gewinne ich eine tiefere Einsicht in mein eigenes Leben. In der Freiheit geht es ja darum, dass ich nicht irgendein Leben lebe, sondern meines. Dazu muss ich mich immer wieder entscheiden. In der Tradition wird das „Berufung“ genannt. Die grossen Kinofilme reden immer wieder von diesen Berufungen. Der Held wird aus seinem alltäglichen Umfeld herausgerufen, er muss sich auf den Weg machen, immer grössere Hindernisse überwinden, sich dem Bösen stellen und es überwinden, um dann geläutert zurückzukommen. Nach dieser Heldenreise ist er fähig, eine Verantwortung zu übernehmen. Oft wird er mit einem Schatz oder einer Braut belohnt. So wie es in den Filmen beschrieben wird, gewinne ich auch im Raum der Spiritualität das Gehör für den tieferen Auftrag in meinem Leben, und ich spüre, wenn ich den Ruf erkannt habe, auch die Kraft, mich auf meinen Weg zu machen.
  4. Via unitiva: Reinigung und Erleuchtung führen mich zu der tieferen Ebene meines Lebens. Ich komme im Raum der Spiritualität dem näher, der mein Leben trägt. Diese Einigung ist von grosser Einfachheit bestimmt, ich brauche nicht viele Worte, es ist eher eine intensive Gegenwärtigkeit.


Der spirituelle Weg braucht die Unterscheidung der Stimmen, die uns vom inneren Weg abbringen wollen.
In der Phase der Einstimmung bedrängt uns der Alltag, uns fällt alles ein, was noch erledigt werden muss. Am Abend fühlen wir uns so Müde von den Anforderungen des Tages, dass wir meinen ein anderer Tagesschluss täte uns besser.
In der Phase der Via purgativa gibt es viele Stimmen, die uns einreden, dass unsere Sünde ja gar nicht so schlimm sei, dass andere schuld seien. Oder uns beschleicht ein Missmut, der uns versucht vom spirituellen Weg wegzulocken. Besonders verführerisch ist der Geist, der uns erklärt, unser Missmut rühre von unserer geistlichen Übung.
In der Phase der Via illuminativa können wir uns auf die paulinischen Kriterien von Gal 5,22 verlassen.
Die Bibel sieht in einem vertieften Glauben, einer von weniger Angst bedrängten Hoffnung und einer intensiveren Liebe die entscheidenden Kriterien.
Unruhe, der Impuls, anderen etwas heimzahlen zu müssen, Rücksichtslosigkeit, Überheblichkeit wie auch eine abgehobene Euphorie sind Anzeichen, dass kein guter Geist am Werk ist. Das gilt vor allem für die Entscheidungen, die ich treffe.
Die Versuchung auf der Via unitiva ist gemäss der Wüstenväter der Stolz, der mich auf die anderen herabschauen lässt, die noch so viele Schatten mit sich herumtragen. Die Ursache dieses Stolzes ist die Einbildung, die innere Einheit sei mein Werk und nicht Geschenk.

9. Entscheiden in Freiheit

Um ein Leben nach einem bestimmten Muster zu führen brauchen wir keine Freiheit. In der Freiheit steckt die Verpflichtung, dass wir ein einmaliges Leben führen und nicht andere Lebensentwürfe kopieren. Die Einmaligkeit unseres Lebens zu entdecken ist der eigentliche Reiz unseres Lebens, die Faszination, die nicht verlischt, auch wenn sie harten Prüfungen ausgesetzt ist. Denn wir müssen damit rechnen, dass das Einmalige nicht besonders erwünscht ist. Unsere Umwelt und oft auch die Religionsgemeinschaft sind in der Regel nicht daran interessiert, dass wir unser einmaliges Leben leben, sondern dass wir berechenbar bleiben. So kommt dann der Ruf zu unserer Einmaligkeit ganz selten aus unserer Umwelt. Wir müssen in unserem Inneren suchen. Dazu hilft uns auch der Kampf gegen unseren Schatten, der uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht und mit dem wir ein Leben lang zu kämpfen haben.
Die eigentliche Berufung, die die Einmaligkeit unseres Lebens ausmacht, muss von der absoluten Freiheit kommen, die unsere Freiheit will. Unser spiritueller Weg führt uns dahin, dass wir unsere Freiheit als Geschenk einer viel grösseren Freiheit verstehen lernen. Während für viele Menschen unsere Freiheit nicht leicht zu ertragen ist und sie Widerstand gegen unseren einmaligen Lebensweg leisten, gerät die absolute Freiheit nicht mit uns in Konkurrenz. Sie kann unsere Freiheit vorbehaltlos wollen. Und sie ist auch befähigt, uns eine Einmaligkeit zu eröffnen, die unserer Freiheit angemessen ist.
Unsere Freiheit befähigt uns in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod einige Entscheidungen zu treffen, die unseren Lebenskurs bestimmen. Auf diese Entscheidungen kommt es an. Dazu reicht eine rein intellektuelle Überzeugung aber nicht. Der spirituelle Weg führt uns dahin, denn es geht in diesen Entscheidungen um eine tiefere Wahrnehmung unserer selbst. Ahnungen, Bilder, Gefühle und Träume werden uns dabei leiten. Meist prüfen wir dabei nicht viele Entscheidungsalternativen, sondern werden auf etwas aufmerksam, entwickeln eine Ahnung, die sich langsam zu einer klareren Vorstellung verdichtet. Vereinfacht kann man sagen (in Anlehnung an Ignatius von Loyola), dass eine Entscheidung im „guten Geiste“ getroffen wurde, wenn wir dadurch die Linien unseres Lebens tiefer erfassen und ihnen klarer folgen. Eine solche Entscheidung strömt Ruhe aus und muss in eine grössere Freiheit führen. Diese erkennen wir daran, dass wir Angst verlieren, grosszügiger werden, uns mehr engagieren, die Freiheit der anderen mehr im Blick haben und uns mehr von der Gerechtigkeit leiten lassen. Oder: Glauben, Liebe und Hoffnung nehmen zu.

10. Widrigkeiten und Verletzungen

Wenn wir auf unserem Weg unser Lebensschiff auf Kurs gebracht haben, fühlen wir uns mit uns selbst in Übereinstimmung, wir spüren Ruhe und Kraft, den Weg zu gehen, den wir mit der Entscheidung eingeschlagen haben. Meistens ist uns auch eine Phase geschenkt, in der wir uns auf die Umsetzung unserer Entscheidungen konzentrieren können. Aber zu meinen, mit der Verwirklichung unserer Freiheit sei uns ein ungestörtes Leben geschenkt, widerspricht der Erfahrung.
Wer seine Freiheit wahrnimmt, ist für andere erst einmal nicht kalkulierbar. Es entsteht auch eine Provokation dadurch, dass ich durch meine Entscheide eine andere Ausstrahlung gewinne und andere die Verpflichtung spüren, auch entschiedener den Kurs ihres Lebens zu bestimmen. Wenn ich in meiner Persönlichkeit gereift bin, entsteht oft auch Neid.
Was aber ist der Sinn dieser Widrigkeiten? Wie soll ich reagieren? Je verletzender der Angriff war, desto näher liegt der Gedanke, es dem anderen heimzuzahlen. Ich werde auf jeden Fall wieder in die Via purgativa versetzt, denn ich muss diese Gefühle klären, verarbeiten und darf meine Freiheit nicht von diesen Gefühlen bestimmen lassen. Zwei Gefahren muss ich beachten:

  • Ich könnte mich verleiten lassen, mich zu rächen.
  • Die Widerstände könnten mich dazu bringen, meine Entscheidung zu revidieren.

Die Widrigkeiten können aber dazu verhelfen, meine Entscheidung noch tiefer zu verankern, noch deutlicher zu klären, worin meine Berufung besteht und sie noch klarer nach aussen zu vertreten.
Wenn ich mich dazu verleiten lasse, auf Verletzungen mit eigenen Feindseligkeiten zu reagieren, geht das zu Lasten meiner Freiheit. Ich lasse andere über meine Gefühle wie auch über meine Planung bestimmen. Jesus hat der durchaus verständlichen Reaktion, sich zu revanchieren, das Gebot der Feindesliebe entgegengesetzt. So werden in der christlichen Tradition Widrigkeiten und Feindschaft im Blick auf den Lebensweg Jesu gedeutet, der am Ende seines Lebens all das aushalten musste. Widerstände können daher dazu führen, dass ich Jesus näher komme.

11. Der Umgang mit Widerständen und Konflikten

Die Welt hat sich nicht verändert, weil ich meinen Weg gefunden habe. Sie kann immer noch unfreundlich und verletzend sein. Ich muss mich nun zu einer Konfliktarbeit entschliessen, die nicht mehr vom Prinzip des „dem anderen heimzahlen“ folgt, sondern der Führung des Geistes. Konflikte überfallen mich wie bisher, und ich spüre wie sie mich zu Reaktionen drängen, die ich mit meinen Wertevorstellungen nicht vereinbaren kann. Man kann in Konflikten jammern, es zurückzahlen, sich zurückziehen, mit scharfen Bemerkungen reagieren, andere auf meine Seite ziehen ... Wenn ich auf dem spirituellen Weg weiterkommen will, muss ich eine andere Form der Auseinandersetzung finden. Auch wenn ich meinen Reaktionsmustern nicht entfliehen kann, ist es mir doch möglich in kleinen, sehr kleinen Schritten zu lernen, mich von den alten Mustern nicht mehr blind leiten zu lassen. Dazu muss ich einen kleinen Spalt, zwischen meinen spontanen Gefühlen und meiner Reaktion schaffen. Nur so bleibe ich handlungsfähig und frei. Nun muss ich versuchen, die Angriffe, den anderen verstehen zu lernen. Das bewirkt im Gegenüber auch eine Distanz zu seinem eigenen Ärger, weil er sich ansatzweise verstanden fühlt und sein Anliegen vorbringen kann. Nun kann man versuchen den Konflikt gemeinsam zu entschärfen oder zu lösen.
Die spirituelle Einstellung gegenüber Konflikten zielt auf den Frieden und folgt dem Gebot der Feindesliebe. Sie will sich in ihrer Freiheit nicht beeinträchtigen lassen, weil negative Gefühle unerwünschte Reaktionen erzeugen.
Jeder Konflikt zwingt mich auch mit der Begrenztheit des Menschen zu rechnen. Ich habe meine Schatten. Dort bin ich am meisten verletzlich und angreifbar. Aber auch der andere hat seine Schatten. So bewahren uns diese Konflikte auch, selber hochmütig zu werden.

Es gibt aber neben den Konflikten, die durch Verstehen aufgearbeitet werden können auch solche, in denen meine Freiheit von mir Konsequenz verlangt. Es sind Konflikte, die mit den Werten zusammenhängen, die ich nach aussen vertreten muss. Das erfordert Mut und zugleich einen verbindlichen Ton. Ich kann erregt sein, darf aber nie aggressiv handeln und reden. Hassgefühle sind falsch, aber auch das Zurückweichen. Es würde meine Freiheit mindern, wenn ich nicht für Werte einstehe, die ich erkannt habe, denn dann bestimmen andere, ob ich diese Werte verwirklichen kann oder nicht. (Beispiele: Ich schreite ein, wenn jemand ungerecht behandelt wird; ich stelle mich auf die Seite der Schwachen ...)
Es gibt auch Konflikte, weil ich einen Bruder ermahnen muss. Dabei ist zu beachten, dass die Aversion vieler gegen einen spirituellen Weg daher rührt, dass religiöse Menschen oft von oben herab urteilen. Wer einen spirituellen Weg geht hat nicht zugleich das Recht erworben, anderen in die Lebensführung hineinzureden. Daher muss man selber zuerst kritikfähig werden, bevor man die anderen kritisiert (Splitter/Balken Mt 18,15ff).

12. Freiheit in der Partnerschaft

Wir leben unsere Freiheit immer im Wechselspiel mit der Freiheit anderer. Ohne die anderen würden wir unsere Freiheit gar nicht entdecken, wir wären nicht herausgefordert. Die Erfahrungen mit der Freiheit anderer erlebe ich aber nicht generell als befreien, sondern häufig als Widerstand. Am häufigsten geht der Streit um die Einschätzung einer Situation oder eines Sachverhaltes. Wenn wir aber das Prinzip der je grösseren Freiheit leben möchten, dann muss jeder seine Freiheit, d.h. seine Ideen und Überlegungen einbringen können. Die Freiheit des anderen ist ein sehr hohes Gut, denn sie begründet seine Menschenwürde und erfordert meine Achtung.
Das innere Leben einer Beziehung wird davon bestimmt, wie der einzelne seine Freiheitsgeschichte verwirklichen kann. Partnerschaften sind gerade dadurch bedroht, dass der eine sich vom andern abhängig macht und sich beide in ihrer Freiheitsgeschichte beeinträchtigen. Es besteht die Gefahr, dass man sich bindet, damit man mit seinen Ängsten und Unsicherheiten nicht mehr alleine ist. Man ist froh, dass es jemanden gibt, der einem mithilft die Lasten des Lebens zu tragen. Damit ist die Gefahr verbunden, dass vieles, was man nicht selber zustande bringt, vom Partner erledigt wird. Aber die Bindung an einen Menschen muss nicht zwangsläufig mit dem Verlust der Freiheit verknüpft sein. Im Gegenteil bietet eine Partnerschaft auch die Chance, das eigene Leben reicher und freier zu entfalten. Denn die Partnerschaft sollte auf Freiheit basieren. Diese Achtung der Freiheit des anderen kann allerdings nur durchgehalten werden, wenn sie auch am Beginn gegeben war. Denn wenn der eine nicht wirklich frei diese Partnerschaft gewählt hat, dann verliert der andere die Achtung oder derjenige, der sich nicht frei entschieden hat, wird immer unzufriedener, weil er seine Freiheitsgeschichte nicht auf der Basis von Abhängigkeit fortschreiben kann. Wenn beide darauf achten, dass der andere seine Freiheitsgeschichte weiter schreiben kann, dann entfaltet die Partnerschaft Lebendigkeit. Dadurch entsteht auch ein bleibendes Interesse am anderen.

13. Wo bleibt meine Freiheit, wenn mir etwas oder sogar alles misslingt? Ein Wort zum Schluss

Täglich hören oder lesen wir, dass ein Projekt oder gar ein Leben gescheitert ist. Meist werden dabei nur äussere Faktoren geschildert.
Die grösste Gefahr für das Gelingen meines Lebens bin ich jedoch selber. Auch wenn andere schneller laufen, effektiver arbeiten, geschickter verhandeln können, bin ich es in entscheidenden Momenten, der sich selbst ein Bein stellt. Fehlhaltungen beobachten wir bei anderen genau, uns selbst bleibt unser Hauptfehler meist lange verborgen. Und wenn uns andere wohlwollend darauf aufmerksam machen, reagieren wir nicht selten mit Abwehr. Haben wir nach vielen Niederlagen unseren Fehler wenigstens akzeptiert, dauert es noch lange, bis wir ihn etwas eingrenzen können und nicht mehr ganz unvorbereitet überrascht werden. Bleiben wir allerdings bei unserer Abwehrhaltung und machen weiterhin die anderen für unsere Niederlagen verantwortlich, verstärkt sich unser Fehler weiter und wir isolieren uns immer mehr. Deshalb sehen es die grossen spirituellen Schulen als notwendig an, dass wir durch Niederlagen gehen, denn nur so haben wir eine Chance, von uns selbst Distanz zu gewinnen und nicht mehr überfallartig von unserem Hauptfehler immer wieder ausgetrickst zu werden.
Aber das ist noch nicht die grösste Gefährdung für das Gelingen unserer Freiheitsgeschichte. Denn von einem Gelingen unseres Lebens können wir ja erst sprechen, wenn wir die wichtigen Entscheidungen frei getroffen haben und nicht nur nach dem Kalkül des grösseren Nutzens, des absehbaren Erfolges, der grösseren Anerkennung bei anderen Menschen gefolgt sind. Wenn wir wichtigen Entscheidungen aus dem Weg gegangen sind, uns nicht engagiert, Verantwortung nicht übernommen haben, dann können wir nicht von Gelingen sprechen, denn wir haben ja gar nichts in Angriff genommen, das gelingen konnte. Ohne Entscheidung ist unser Leben, zumindest in Bezug auf unsere Freiheit, misslungen. Misslungen ist unser Leben auch in dem Masse, wie wir die Freiheit anderer eingeschränkt und Versprechen nicht eingehalten haben. Am Ende des Lebens steht jeder vor einem Berg von Misslungenem. Oft wird am Ende des Lebens erst deutlich, ob die Werte, für die ich mich aufgerieben habe, die ich zum Kriterium für das Gelingen meines Lebensplans gemacht hatte, sich noch als tragfähig erweisen. Viele Menschen müssen feststellen, dass sie am Ende des Lebens über Geldmittel verfügen, aber sich das Leben seltsam leer anfühlt.
Philosophie und Religion versuchen auf dieses Problem eine Antwort zu geben. Der Wiedergeburtsglaube, so wie er sich im Westen in den letzten Jahren entwickelt hat, verspricht die Chance, es beim nächsten Mal besser machen zu können. Die asiatische Interpretation der Wiedergeburt ist weniger freundlich. Sie sieht die Wiedergeburt als schmerzhaften Weg der Reinigung, der mir das abverlangt, was ich an Negativem verursacht habe.
Der jüdische-christliche Glaube geht nicht davon aus, dass der Mensch aus sich heraus in der Lage ist, das Übel, das er verursacht hat, wieder gut zu machen. Das erbarmende Eingreifen Gottes allein kann den Menschen aus seiner ausweglosen Situation befreien. Das wird mit dem Wort „Erlösung“ ausgedrückt.
Die Problematik eines misslungenen Lebens  jeder von uns muss sich mit dieser Tatsache auseinandersetzen  stellt sich im Kontext der Frage eines Lebens nach dem Tode anders als wenn der einzelne davon ausgeht, dass er sich mit der Auflösung seines Gehirns auch als Subjekt seiner Freiheit verflüchtigt. Der Glaube an eine Auferstehung der Toten kann uns die Freiheitsperspektive verdeutlichen.
Von Auferstehung muss im Zusammenhang mit der leiblichen Existenz gesprochen werden. Wenn nur die Seele unsterblich ist, so wie es die Griechen sahen, kann man das, was misslungen ist, mit dem Körper abstreifen. Das Aufsteigen der Seele in den Himmel konnte von den Griechen als Weg der Reinigung gesehen werden. Wird der Mensch jedoch ganzheitlich gesehen, gehört der Leib zum Menschen und man spricht von Auferstehung, denn der Leib ist ja offensichtlich mit dem Tod vom Lebendigen abgeschnitten. Dieser Glaube an die völlige Wiederherstellung der menschlichen Existenz als leibseelische Einheit ist eine Forderung der Gerechtigkeit. Wenn jeder Mensch mit seiner Freiheit aus der Hand Gottes kommt, dann muss Gott ihm sozusagen garantieren, dass er durch die Freiheit seinem Leben eine einmalige Biographie gibt. Wird er von anderen daran gehindert, verlangt es die Gerechtigkeit, dass Gott diese Einbusse ausgleicht.
Der Glaube an die Auferstehung führt die Frage nach der Verwirklichung unserer Freiheit über den Tod hinaus. Diese Dimension der Freiheit verwirklicht sich, weil die absolute Freiheit, von der unsere Freiheit herkommt, uns nicht mit dem Gelingen und Misslingen unseres Lebens alleine lässt. Das ist dann auch der religiöse Gehalt unserer Freiheit. Wir haben mit unserer Freiheit nicht nur das Versprechen erhalten, dass uns ein einmaliges Leben geschenkt ist, sondern wir werden im Gelingen und Misslingen unseres Lebens begleitet. Das Gelingen müssen wir nicht alleine, im heroischen Aufbäumen gegen äussere Einflüsse und die aus uns selbst kommenden Gefährdungen unseres Lebensentwurfes bewältigen. Weil derjenige, der uns unsere Freiheit geschenkt hat, auch das Gelingen unseres Lebens will, eröffnen sich Möglichkeiten, die wir aus uns selbst nicht schaffen können. Das ist entscheidend für unsere Freiheit. Denn da das Misslungene am Ende unser Leben wahrscheinlich mehr bestimmt als das Gelungene, schneiden wir uns im Laufe unseres Lebens immer mehr von unserer Freiheit ab  durch die Fehlhaltungen indem wir die Freiheit anderer eingeschränkt haben, indem wir einer Entscheidung ausgewichen sind, wo wir hätten frei entscheiden müssen. Unsere Freiheit wird grösser, wenn wir nicht mehr allein unserem Misslingen ausgeliefert sind.