Freude in schwieriger Zeit

von Martin Haizmann | 15.05.2008

Jesaja 54 beginnt mit einer Aufforderung zum Jubel und zur Freude: Juble! – Freue dich mit Rühmen und jauchze!
Es ist Freude in schwieriger Zeit. Israel lebt im Exil, in der Verbannung – schon seit Jahrzehnten.

Fragen der Anfechtung und des Zweifels sind aufgebrochen: Ist Gott noch da? Hat er Macht, oder sind wir anderen Mächten – den babylonischen Göttern und Herrschern – ausgeliefert? Kann Gott eingreifen? Und wenn ja – will er es überhaupt? Kümmert ihn unser Schicksal, oder ist ihm unser Ergehen gleichgültig? Gefühle der Verlassenheit und des Preisgegeben-Seins kommen hoch.

Starke Bilder

Diese Gefühle werden in Bildern aus dem Bereich von Beziehung, Ehe und Familie ausgedrückt. Es sind Bilder von hoher Intensität, weil sie aus dem Lebensbereich stammen, in dem wir mit unseren Gefühlen stark engagiert sind. Im Bild einer Liebesbeziehung redet Gott von seiner Beziehung zu seinem Volk. Aller denkbare Schmerz und alle erfahrene Scham kommen in diesem Bild zum Ausdruck:
Die verstossene Jugendliebe (V.6): Die erste grosse Liebe – sitzen gelassen, fallen gelassen, das Herz gebrochen.
Die Unfruchtbare (V.1): Das Leben scheint unfruchtbar – in Situationen, die ich mir nicht ausgesucht und so nicht gewünscht habe. Das Leben verläuft anders als ich mir das erträumt habe; es ist scheinbar in einer Sackgasse gelandet. Der Dienst scheint unfruchtbar, ich habe keine Erfolge aufzuweisen, ich empfinde, dass ich nichts beitragen kann, ich fühle mich der Aufgabe nicht gewachsen.
Einsamkeit (V.1): Ich bin auf mich selbst zurückgeworfen, allein und im Stich gelassen, ungesehen – von Gott kommt nichts zurück.
Da werden Fragen wach: Gott, wo bist du? Wer bist du? Wer bist du für mich? – Und Gott antwortet! Er redet zu seinem Volk durch den Propheten und offenbart ihm sein Herz. Und dieses Herz ist grösser als Erfahrungen und Gefühle. Gott sichert seinem Volk seine beständige, unverbrüchliche Liebe und Zuwendung zu. Deshalb heisst es zu Beginn des Textes: Juble! – mitten im Exil. Und später: Fürchte dich nicht! – weil die tiefe Existenzangst des Volkes unbegründet ist.

Gottes Zorn bleibt nicht bestehen

Gott deutet seinem Volk die Erfahrung der Verlassenheit. Verlassen – das hatte seinen Ursprung im Zorn Gottes (V. 8). Gott hatte sich in seinem Zorn seinem Volk entzogen.
Dazu einige Gedanken:
Der Zorn Gottes ist die Traurigkeit seiner Liebe. Der in seiner Liebe schmerzlich betroffene Gott reagiert auf den Vertrauensbruch seines Volkes, dem er sich offenbart hatte und das er in eine Liebes- und Vertrauensbeziehung hineingerufen hatte.
Gottes Zorn dient dazu, dem Volk seine Situation bewusst zu machen. Es hatte die Beziehung zu Gott zerbrochen. Aber erst im Exil, als der Tempel und das Land verloren waren, wurde das dem Volk bewusst. Vorher lebte es in der Illusion, alles sei in Ordnung. Gottesdienste wurden gefeiert und Opfer gebracht. Aber mitten im frommen Betrieb hatte Israel Gott verloren – ohne es zu merken. Gottes Zorn machte dem Volk schmerzlich bewusst, wie es um seine Gottesbeziehung stand.
Gottes Zorn zielt nicht auf Zerstörung, sondern auf Neuanfang. Das Ziel ist die Wieder-Zuwendung: Mit grossem Erbarmen hole ich dich wieder zu mir. Der Zorn stellt die Liebe nicht in Frage. Liebe und Erbarmen bleiben auch während des Zorns bestehen.
Zorn und Erbarmen halten sich nicht die Waage. Der Zorn ist zeitlich begrenzt (eine kleine Weile, einen Augenblick). Gottes Erbarmen ist zeit- und grenzenlos (mit ewiger Liebe erbarme ich mich dein).

Der Zorn weicht dem Jubel

In seinem Zorn hat Gott sich seinem Volk entzogen: Für eine kleine Weile verliess ich dich. Aber nun gilt: Mit grossem Erbarmen hole ich dich wieder zu mir! Gottes Volk hat keinen Grund und kein Recht mehr, sich in Gefühlen und Gedanken des Verlassenseins zu verlieren. Die Lebenswirklichkeit, die Gott hier seinem Volk zuspricht, gilt auch uns – erst recht, nachdem Jesus am Kreuz den Zorn Gottes über unsere Sünde getragen hat. Auch uns wendet sich Gott (wieder neu) zu und erklärt uns sein beständiges und verlässliches Erbarmen:
Du bist die Jugendliebe Gottes, seine erste Liebe, umworben von Gott. Er holt dich zu sich nach Hause! Wenn wir das begreifen und verinnerlichen, fällt alle Angst ab, dass wir zu kurz kommen könnten. Wer die Liebe seines Lebens gefunden hat, hat keine Angst mehr, zu kurz zu kommen. Das Gefühl, sitzengelassen zu sein, verwandelt sich in die Gewissheit, geliebt und heimgeholt zu sein.
Wer bei Gott ist, dessen Leben ist immer fruchtbar. Er verheisst unserem Leben Fruchtbarkeit und Gelingen. Und zwar über alles hinaus, was ich mir vorstellen kann: Du Unfruchtbare, juble laut … deine Kinder beerben Völker.
Spare nicht – wir haben immer etwas zu geben, immer etwas beizutragen. Gott lädt uns ein, grösser von unserem Leben zu denken, als wir das meist selbst tun. Wir sollen Raum schaffen für den Segen, den Gott durch uns schenken möchte. Spare nicht!
Nochmals: Wir haben keinen Grund und kein Recht, uns etwas anderes einzureden, uns in anderen Gefühlen und Gedanken zu verlieren – Gefühle, zu kurz zu kommen, in einer Sackgasse zu stecken, ein unfruchtbares Leben zu haben, ungesehen und ohne Wertschätzung zu sein.
Gott bekräftigt das Gesagte nochmals doppelt: mit einem Schwur und mit einem Bundesschluss. Der Schwur ist verbunden mit dem Bild des Noahbundes, der Bundesschluss mit dem Bild der Berge.
Dir nie mehr zürnen, dich nie mehr bedrohen – wie beim Noahbund, als ich schwor, dass die Wasser nicht mehr über die Erde gehen sollten. So wie die Wasser der Sintflut diese Welt nie mehr fluten werden, so wird Gottes Zorn nie mehr mein Leben fluten, mich nie mehr zu einem (Gott-)Verlassenen und Einsamen machen, mein Leben nicht mehr unfruchtbar werden lassen – nie mehr!

Grösser ist seine Gnade

Berge mögen weichen – Erschütterungen werden kommen. Aber selbst wenn das unerschütterlich Scheinende ins Wanken gerät – meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Shaloms soll nicht hinfallen. Seine Gnade, der Bund seines Friedens – das ist meine Lebenswirklichkeit. In diesen Bund ist mein Leben eingebunden. Daraus kann ich nie mehr herausfallen. Und daran ist nicht zu rütteln. Selbst wenn alles um uns herum auseinanderfällt – wenn sogar Berge ins Wanken geraten – Gottes Bund hält!
Dies ist ein Zuspruch, unter dem wir bereits hier und heute leben dürfen. Es ist aber auch Verheissung, die über diese Weltzeit hinausweist und offenbar werden wird, wenn die neue Welt Gottes kommt. Dann wird – im Rückblick – deutlich werden, dass mein Leben schon immer unter diesem Vorzeichen stand:
Mit ewiger Liebe erbarme ich mich dein […] meine Liebe soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der sich deiner erbarmt, Jahwe.


Kleiner denkt Gott nicht über unser Leben, weniger bedeuten wir ihm nicht, Geringeres hat er nicht mit uns vor. Er segne uns, damit wir in der Wirklichkeit seines Zuspruchs leben. Amen.

Zuerst erschienen in BST 2/2008