Aktion und Kontemplation: Gedanken zu Markus 4,38

Aktion und Kontemplation: Gedanken zu Markus 4,38

von Hansruedi Koller | 14.11.2003

„Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?“, so fragen die Jünger in der Geschichte von der Stillung des Sturms. Die Aktiven, die noch halten und retten wollen, was zu retten ist, und die Passiven, die aufgegeben haben, sind symbolisch zusammengefasst im Steuermann: Er hält mit beiden Händen das Steuer, den Blick auf Jesus gerichtet – ein Bild für die Einheit von Aktion und Kontemplation als gesunder Lebenshaltung.

Die Geschichte vom Seesturm, die ich in Meditations- und Malkursen immer wieder vorlege, spricht alle unmittelbar und zentral an. Wir alle haben Erfahrungen gemacht, wo wir das Gefühl hatten, der Boden unter den Füssen werde uns entzogen oder die Decke sei uns auf den Kopf gefallen. Und doch sind wir davongekommen.

Haben wir dabei auch etwas gelernt? Die Angst existenzieller Bedrohungen scheint tief in uns verankert zu sein. Ich erinnere mich an ein Kinderbuch, in dem die Jona-Geschichte dargestellt war. Immer wieder wollte ich das Bild ansehen mit dem Sturm und dem Riesenfisch mit offenem Maul. Und unser Enkel wählte als Vierjähriger aus einem Dutzend Kinderbücher von Kees de Kort mit Konstanz das Buch mit dem Seesturm. Die gemalte Angst, die begrenzt auf einem Blatt Papier betrachtet werden kann, hilft anscheinend, die innere, unbegrenzte Angst besser zu bewältigen – oder zumindest empfinde ich Solidarität mit jenen auf dem Bild dargestellten Opfern.


Wenn ich die Geschichte meditieren lasse, lese ich immer nur bis zu diesem erschreckten Aufruf: „Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?“ Das entscheidend Wichtige an dieser Geschichte ist für mich nicht die Stillung des Sturmes, sondern dass der schlafende Jesus geweckt wird. „Not lehrt beten“, sagt der Volksmund. Wenn ich über meine grösseren und kleineren Krisen nachdenke, erfüllt mich grosse Dankbarkeit. Sie haben immer einen Schritt weiter geführt in vertieftes Vertrauen an den verborgenen anwesenden Gott.

 

Als ich vor Jahren die Auslegung der Geschichte durch den jüdischen Religionswissenschaftler Friedrich Weinreb hörte, hat sie mir so unmittelbar eingeleuchtet, dass ich sie hier gerne weitergebe.

Der See, das Wasser, ist Symbol für die Zeit. Wasser und Zeit fliessen. Wenn sie nicht von aussen bewegt werden, liegen sie ruhig. Der Wind sorgt für stürmische See, und der Geist, der in einer Epoche weht, für stürmische Zeiten. Das Wasser bedeckt den Grund des Sees. Er ist Bild für die Ewigkeit, die unsichtbar, aber immer anwesend ist. Der Grund bleibt unverändert, was immer mit dem Wasser in der Zeit geschieht. Zeit und Ewigkeit sind auch nicht nacheinander, sondern zwei Seiten der einen Wirklichkeit. Das ewige Leben beginnt nicht nach meinem Tod, sondern dann, wenn ich Jesus als den gesalbten Sohn Gottes erkenne (vgl. Johannes 17,3). Die Überfahrt von einem zum andern Ufer ist Sinnbild für mein Leben zwischen Geburt und Tod. Eine besonders eindrückliche Deutung liegt versteckt im Wort Schiff. Schiffe heisst auf hebräisch ONIA, es ist die weibliche Form des Wortes ANI, was ICH bedeutet. Bis auf die Endsilbe A ist es genau gleich geschrieben. Das, was in der Welt von meinem verborgenen Wesen sichtbar ist, ist mein Leib; robust und tragfähig einerseits, und doch auch anfällig und zerbrechlich. Die Jünger im Schiff stellen Aspekte meiner Seelenkräfte dar. Bald mutig und kämpferisch, bald verzagt und hilflos. Jedenfalls waren sie geübte Fischer und haben schon etliche Stürme erlebt.


Und nun dieser schlafende Jesus! Obwohl er vom eindringenden Wasser nass wurde, merkte er nichts vom drohenden Untergang. Die Jünger können nicht verstehen, dass man in dieser Situation so unbeteiligt bleiben kann. Sie wecken IHN. Und nun einige Fragen an uns:

  • Könnte es sein, dass es auch in uns eine verborgene Instanz gibt, die schläft, die erst geweckt werden muss?
  • Könnte es sein, dass die Krisen, die an meine Substanz gehen, den geheimen Sinn haben, diese innere Instanz zur Stellungnahme und zum Handeln zu erwecken?
  • Könnte es sein, dass alle Krisen meines Lebens Geburtswehen sind, bis Christus in mir Gestalt gewinnt (vgl. Galater 4,19)? Lebenskrisen als Geburtswehen des innern Christus! Allen Krisen wäre das lebende Fragengift „Warum das mir?“ genommen, und wir könnten uns vertrauensvoll einem Leben öffnen, das getragen ist von einem Grund, der durch nichts erschüttert werden kann.

Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch nicht verstanden? Habt ihr noch kein Vertrauen? So fragt uns Jesus immer wieder.

 

Zuerst erschienen in BST 8/2003