Gesandt – aus gutem Grund

Gesandt – aus gutem Grund

von Rico Bossard | 01.09.2010

Die VBG-SchĂŒlerarbeit versteht sich als eine Bewegung mit einer Mission. Zusammengefasst lautet diese «Leben teilen – Glauben stĂ€rken». Doch ist es heute ĂŒberhaupt noch gerechtfertigt, eine Aufgabe im Sinne einer Mission zu erfĂŒllen? Ist es legitim, dass sich die Bibelgruppen an Mittelschulen zu einer Mission bekennen und sich ihre Mitglieder als Gesandte verstehen? Liegt in diesem VerstĂ€ndnis nicht die Gefahr, manipulativ und fundamentalistisch zu werden? DĂŒrfen glĂ€ubige BGler ihre MitschĂŒler und MitschĂŒlerinnen mit Fragen nach Gott herausfordern?

Das Wort «Mission» kann als rotes Tuch wirken und bei Schulleitungen oder Jugendlichen zu einer Abwehrhaltung fĂŒhren. Dass sich dabei die Christen fragen mĂŒssen, welchen Beitrag sie dazu leisten, dass Mitmenschen sich bedrĂ€ngt fĂŒhlen, ist richtig. Es ist jedoch offenkundig, dass dieses Thema auch von einer ÜbersensibilitĂ€t begleitet ist.

Mission verstanden als «gesandt sein»

In der «Sternstunde Religion» von SF TV Ă€usserte sich der Schweizer Theologe Tobias Brander, GefĂ€ngnisseelsorger und Missionar in Hongkong, auf die Frage, ob er sich als Missionar bezeichnen wĂŒrde, wie folgt: «Ja, im Sinne von gesendet sein. Ich habe etwas erlebt, eine existenzielle Erfahrung des Angenommenseins gemacht und möchte dies mitteilen. Ich wĂŒrde mich aber nicht als Missionar bezeichnen im Sinne, dass es mein erstes Ziel ist, mein GegenĂŒber zu bekehren. Wenn ich etwas von dem, was ich erlebt habe, mitteilen kann, dann berĂŒhre ich andere Leben. Und was in diesen Leben geschieht, das ist dann eine Frage der Beziehung dieser anderen Menschen mit Gott.1»

Im Johannesevangelium 17,20-26, dem Hohepriesterlichen Gebet, sieht sich Jesus als Gesandter Gottes, welcher wiederum seine JĂŒnger und JĂŒngerinnen aussendet. Es ist seine Abschiedsrede, sozusagen sein VermĂ€chtnis.

Die Botschaft der Mission

Jesu Mission hat die Botschaft der Freiheit in die ganze Welt gebracht. Gott beachtet alle Menschen, vor ihm ist jeder Mensch gleich viel wert. Diese Botschaft erquickt die MĂŒhseligen und Beladenen und bewahrt die Starken davor, sich von Leistung und Erfolg ein erfĂŒlltes Leben zu versprechen. Diese Botschaft soll weitergesagt werden, das ist der Auftrag auch der Bibelgruppen.

Personen sind Botschafter

Die Werbung weiss schon lange, dass Persönlichkeiten auch Botschafter sind. Die gute Nachricht braucht TrĂ€ger, die selbst Beteiligte sind; Menschen, die erlebt haben, dass diese Botschaft trĂ€gt und eine gute Grund- und Ausgangslage fĂŒr das Leben ist. Die Mitarbeitenden der VBG SchĂŒlerarbeit ermutigen deshalb junge Menschen an den Mittelschulen, sich an ihren Schulen zu treffen, um gemeinsam diese Botschaft zu leben und zu feiern: im Gebet, beim Bibellesen, in der Anbetung. Wer die so gewonnene Freiheit erfahren hat, kann sie auch bezeugen. In diesem Sinne vermitteln Christen an Mittelschulen eine Beziehung: zu Menschen und zu Gott. Bereits an ihrem Anfang betont die Bibel, dass das Einzigartige des Menschseins seine Ausrichtung auf Gott hin sei, die Begegnung mit ihm als dem GegenĂŒber der Menschen. Das gemeinsame Bibellesen und das Gebet fĂŒreinander in der Bibelgruppe ermöglicht einen Einblick in die Beziehungsgestaltung. Gesandt in die Welt zum Zeugnis, das ist Mission: Das Leben teilen mit all seinen Fragen und die SchĂ€tze des Glaubens miteinander entdecken. Die Ferienwochen im Sommer und Winter (Mosciacamps und Snowcamps) der SchĂŒlerarbeit sind ein Beitrag dazu.

Reden von Gott in der Schule, das ist der missionarische Auftrag der Bibelgruppen. LĂ€ngst wissen jedoch viele MittelschĂŒler und -schĂŒlerinnen nichts mehr vom Evangelium. Daher ist es notwendig, dass die alten Geschichten wieder neu erzĂ€hlt werden. Das braucht Mut und die FĂ€higkeit zu sagen, was ich glaube und warum. Ich muss dialogfĂ€hig werden oder bleiben. Dies gelingt nur, wenn ich einen guten Grund habe, auf dem ich stehe, und wenn ich fĂŒr mein GegenĂŒber erkennbar bin2. Die SchĂŒlerarbeit der VBG will junge Christen und Christinnen an Mittelschulen in ihrer SprachfĂ€higkeit unterstĂŒtzen. Das Leitwort «Glauben stĂ€rken» fasst dies zusammen.

SprachfÀhigkeit entwickeln

SprachfĂ€hig sein bedeutet somit, sich der SchĂ€tze des Glaubens bewusst zu werden und sie anderen zugĂ€nglich zu machen, zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit der Bibel. Dabei wird sichtbar, was gemeinsam trĂ€gt. Zur SprachfĂ€higkeit gehört auch eine Übersetzungskompetenz. Martin Luther schreibt in seinem «Sendbrief vom Dolmetschen», dass er bei seiner Übersetzungsarbeit nach der grössten VerstĂ€ndlichkeit fĂŒr die Leserschaft strebte. Er lehnte wörtliche Übersetzungen ab, welche der Zielsprache widersprachen, und orientierte sich daran, wie die Menschen redeten. «Denn wer dolmetschen will, muss einen grossen Vorrat von Worten haben, damit er die recht zur Hand haben kann, wenn eins nirgendwo klingen will.3» Es ist wichtig, Worte zu haben, damit die Botschaft in die heutige Zeit, in die Lebenssituation der Jugendlichen hineingesagt werden kann, so dass sie verstĂ€ndlich ist. Dies macht dialogfĂ€hig. In unserer individualisierten Gesellschaft kommt es mehr denn je darauf an, dass man sagen kann, was man glaubt, was ĂŒberzeugt und trĂ€gt. Die Begeisterung fĂŒr den Glauben, die daraus erwachsene Hoffnung und der Trost, der darin zu finden ist, gilt es den Menschen weiterzuerzĂ€hlen.

Der deutsche Philosoph JĂŒrgen Habermas sagte in einer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, in der sĂ€kularen Gesellschaft mĂŒssten die GlĂ€ubigen ihre religiösen Überzeugungen in sĂ€kulare Sprache fassen. Gleichzeitig mahnte er die sĂ€kulare Seite, ein GespĂŒr fĂŒr die religiöse Sprache zu bewahren4.

SprachfĂ€higkeit meint das Wort, aber nicht ausschliesslich Worte. Deshalb verfolgt die VBG SchĂŒlerarbeit an den Mittelschulen das doppelte Ziel «Leben teilen – Glauben stĂ€rken». Die Botschaft soll nicht aufdringlich, nicht penetrant, aber doch deutlich weitergegeben werden. Die VBG SchĂŒlerarbeit ermutigt Jugendliche, ihre FĂ€higkeiten dazu auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Sie bietet dazu Schulungen an.

Herausforderung Mittelschule

Die Zeit an einer Mittelschule bringt viele Herausforderungen mit sich. Zum einen ist diese Lebensphase durch einen Berg offener Fragen geprĂ€gt. Man muss sich damit auseinandersetzen, welche Begabungen in einem stecken, welchen Beruf man anstreben will und welche Ausbildung dazu am geeignetsten wĂ€re. Dazu gesellen sich Fragen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen IdentitĂ€t. Eine Zeit des Umbruchs und der VerĂ€nderungen, verbunden mit der Herausforderung, zu wĂ€hlen und dabei auf anderes verzichten zu mĂŒssen. Junge Menschen suchen auch heute noch nach Religion und wollen auf ihre grossen Lebensfragen Antworten finden. Hier sind Jugendliche gefragt, welche einen Zugang zum Glauben ermöglichen (siehe angedacht S.2). Ob jedoch Menschen den Bezug und damit die Beziehung zu Gott aufnehmen, bleibt in ihrer eigenen Verantwortung. Zuallererst sehen junge Christen im Anderen den NĂ€chsten.

Mittelschulzeit - Segenszeit

In dieser Zeit wird auch der Glaube stark herausgefordert. Was trĂ€gt? Die Fundamente des Glaubens werden hinterfragt. Ansichten werden durch Inhalte und Diskussionen im Unterricht in Frage gestellt. Dieses Umfeld bietet ein Potenzial, im Glauben zu reifen. Es gilt nicht einfach die Zeit an der Mittelschule zu ĂŒberstehen, sondern an ihren Herausforderungen des Glaubens zu wachsen. Die VBG SchĂŒlerarbeit will genau hier einsetzen.

 

1 Sternstunde Religion SF, Jesus im Osten – Buddha im Westen, 2009

2 Margot KÀssmann: «Auf gutem Grund», 2002

3 Martin Luther: «Sendbrief vom Dolmetschen», 1530

4 JĂŒrgen Habermas: Dankesrede des FriedenspreistrĂ€gers, 2001

 

Zuerst erschienen in BST 3/2010