Gott – eine kleine Geschichte des Grössten

von Manfred Lütz |

"Gott sei Dank, Gott existiert nicht. Wenn aber, was Gott verhüten möge, Gott doch existiert?" Darauf sucht Manfred Lütz Antwort. Der Bestseller-Autor von "Lebenslust" findet: "Das ist die wichtigste Frage der Welt." Zu ihrer Beantwortung macht er – wie es bei einem "echten Lütz" nicht anders zu erwarten ist – einige höchst amüsante Umwege. Er nimmt Elton Johns Auftritt auf der Trauerfeier für Lady Di ebenso unter die Lupe wie die Argumente "der besten Atheisten der Welt" oder die Debatten um Evolutionstheorie und Hirnforschung. Er analysiert, wie die Psychologen Gott auf die Couch gelegt haben, und fragt nach dem Gott der Kinder, Lehrer, Wissenschaftler und Philosophen.
Immer wieder unterbricht Lütz seine eigensinnige Reflexion mit hinreissenden Geschichten über Menschen, die es mit dem lieben Gott aufnahmen. Atheisten, findet Lütz, leben manchmal so, als ob es Gott doch ein bisschen gäbe – und Gläubige so, als gäbe es ihn nicht.
Nach der Lektüre legt man ein reiches, kluges Buch aus der Hand – und fühlt sich bestens unterhalten. Mit Gott.
Lütz, Manfred. Gott; Eine kleine Geschichte des Grössten. ISBN 3629021581. Pattloch 2007. 320 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Musik und Kunst

1. Auch wenn Elton Johns Musik anlässlich der Beerdigung von Lady D. nur die zynische Variante des Todes vertonte (wie eine Kerze im Wind), vermag uns die Musik über die simple Sicht der Dinge zu erheben. Die simple Sicht, dass es nur Chemie, Physik etc. gibt.

Musik erhebt die Menschen über sich hinaus, wohin? Ins Land der Illusionen?


2. Am Beispiel des Parthenons in Athen zeigt er, dass uns auch die Kunst über uns hinaus erheben kann. Über das rein Messbare hinaus – aber wohin?

Augustinus „Gottesstaat“ als Antwort auf die Anschuldigung der Römer, die Christen seine verantwortlich für den Untergang des römischen Reiches, man habe eben die Götter verraten.

Der „Gottesstaat“ wurde zum Lehrbuch des christlichen Mittelalters.

Nun begann man in der Kunst vor allem den Himmel abzubilden. Gold war der bevorzugte Hintergrund. Das führte aber dazu, dass man der Schönheit der Welt kaum noch Beachtung schenkte.


3. Im Herbst des Mittelalters meldete sich das Diesseits mit Macht zurück. Die Theologen entdeckten die Schöpfung erneut – Renaissance.

1453 erlag Konstantinopel dem Ansturm der Osmanen. Viele Gelehrte flüchteten ins Abendland. Das führte auch zu einer Neuentdeckung der Antike. Gott verschwand aus dem Vordergrund und wurde zum Alibi. Botticelli mahlt die nackte Venus. Savonarola schlägt zurück.

1508 beginnt Michelangelo die Fresken in der sixtinischen Kapelle. Raffael ist auch in Rom – Stanzen – Schule von Athen. Das antike Heidentum hat machtvoll sein Haupt erhoben.

Der kraftvolle Genussmensch, betont das Leben vor dem Tode. Stanza: Gott kommt nur noch schwebend über dem Altar vor – eingeordnet in ein Weltbild, das vermutlich auch ohne ihn auskommt (Kirche im Hintergrund im Gerüst – baufällig).

Auch diese Kunst verweist uns nicht eindeutig auf Gott.

Aber führt uns alle Kunst nur in eine Illusion?

Psychologie und Gott

1. „Die Zukunft einer Illusion“ von Freud (sein grosses religionskritische Werk).

Klaus Grawe Therapieforschung, demontiert Freud als Methode. Psychoanalyse wird aber zur WA zur Ideologie (Karl Popper würde das als Wissenschaft ablehnen). Auch Jürgen Habermas hat Freud ein „szientistisches Selbstmissverständnis“ vorgeworfen. Nach ihm ist die Psychoanalyse keine Wissenschaft, sondern eine hermeneutische Methode. Damit werden aber auch die religionskritischen Schriften Freuds zur Makulatur.

Freud versucht den Glauben an Gott als psychische Störung darzustellen. (Karl Kraus: Die Psychoanalyse ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.)

Dass Religion eine kollektive Zwangsneurose sei, macht dann Sinn, wenn Gott wirklich nicht existiert. Wenn Gott existiert, könnte man die atheistischen Verhaltensweisen als absurde Fluchtreflexe, mangelnde Stabilität einer Persönlichkeit mit Wirklichkeitsverlust beschreiben.

Freud stellt ein Modell zur Verfügung, wie man Religion erklären könnte, wenn Gott nicht existiert. Zur entscheidenden Frage, ob Gott wirklich existiert, hat Freud absolut nichts zu sagen. Begründen kann man seinen Atheismus mit Freud ja gerade nicht. Freud ist bloss eine Möglichkeit, den eigenen, längst entschiedenen Atheismus mit neuen Bildern und Worten auszudrücken.


2. C.G Jung und Viktor Frankl. Auch wenn bei Jung Religion oft vorkommt, geht es ihm nicht um die Existenz Gottes. Allgemein helfen Religionswissenschaftler bei der Frage, ob Gott wirklich existiert, überhaupt nicht weiter. Betrachtet man das üppige Bilderwerk von Jung, dann ist man froh, wieder dem nüchternen Juden Freud zu begegnen.

Frankl erscheint auch nur auf den ersten Blick ein Anwalt für Gott zu sein. Zwar betont er die Wichtigkeit der Frage nach Sinn und nach Gott. Er versucht sie aber psychologisch zu klären. Dass es Glaubenden besser geht, sagt letztlich nichts über die Existenz Gottes. Auch eine veritable Lebenslüge kann diesen Effekt haben. Wer sich wegen der guten psychischen Effekte für Gott entscheidet, glaubt eben nicht an Gott, sondern an die hohe Bedeutung des eigenen Wohlbefindens. Diejenigen die in der Psychotherapie Erlösung suchen, haben sich in der Türklinke geirrt.


3. Zu behaupten, die Psychologie könne etwas über Gott aussagen, hiesse, man könne etwas über die Zauberflöte sagen, wenn man genau die Bühnenmaschinerie untersucht hat und noch etwas über den psychischen Befund der Sänger weiss.

Expedition durch den Feuerbach

Feuerbach 1804-1872, Schüler von Hegel. Hegel versuchte in einem grossen System alles Wissen und Gott selber einzufangen. Ein Gott aber, den man wissen kann, ist nicht mehr Gott


1. Für Feuerbach war Gott ein psychologisches Phänomen. Gott ist die Gestaltwerdung der unerfüllten Wünsche des Menschen, eine Projektion.

Eigentlich erwartete man, dass die Religion nach der franz. Revolution verschwinden würde. Sie schien aber unverwüstlich – nicht aufoktroiert sondern als Basisbewegung.

Feuerbach lieferte dem Atheismus eine psychologische Erklärung. Karl Marx begründete denn auch seinen Atheismus mit der These Feuerbachs. Aber Feuerbach begründet den Atheismus nicht, er setzt ihn einfach voraus und versucht bloss zu erklären, weshalb es dennoch Menschen gibt, die an Gott glauben.

Dass es psychologische Gründe geben kann, etwas zu wünschen, sagt freilich aus logischen Gründen gar nichts darüber aus, ob das Gewünschte existiert.


2. Man kann auch psychologisch erklären, warum jemand nicht an Gott glaubt – unter der Voraussetzung, dass Gott existiert:

Sturmfreie Bude: Für die Welt der Wirtschaft ist es psychologisch verständlich, dass man Gott möglichst unschädlich macht. Eine gute Idee ist dabei, Gott zur Privatsache zu erklären. Dieser Gott ist aber eine Witzfigur.

Das grenzenlose Ego: Lagerfeld: Es fängt mit mir an, es hört mit mir auf, basta! Der Gotteshass mancher medienbekannter Narzissten ist psychologisch ohne weiteres erklärbar.

In Gesellschaften, in denen Gott ausser in abgegrenzten zeitlichen und örtlichen Bezirken kaum noch vorkommt, erfordert ausdrücklicher Glaube inzwischen Mut und ist begründungsbedürftig, während der praktische oder theoretische Atheismus keiner Begründung mehr bedarf. Das Bedürfnis, zur Mehrheit, zu den Siegern zu gehören, ist bei vielen übermächtig. Aber massenpsychologische Phänomene sagen nichts über die Existenz Gottes aus. Sie sagen etwas über die Beeinflussbarkeit des Menschen aus. Doch die Wahrheit liegt nicht unbedingt im Trend und ist demoskopisch nicht zugänglich.

Es gibt auch oft Menschen die Gott leugnen, weil sie von der Kirche und ihrem Personal enttäuscht wurde.

All das hat mit der Frage, ob Gott existiert aber nichts zu tun. Es zeigt nur, dass es viele psychologisch nachvollziehbare Gründe gibt, weshalb man Atheist werden kann – selbst dann, wenn Gott existiert.


3. Es ist ohnehin nicht die feinste Art, in Debatten die andere Überzeugung psychologisch wegzuerklären, und sie damit als ernst gemeinte existentielle Überzeugung nicht wirklich ernst zu nehmen. Weder leiden die Glaubenden noch die Atheisten an irgendeinem Psychodefekt.

Pascals Wette. Pascal hielt die Frage nach Gott für eine Frage  auf leben und Tod.

Gott der Atheisten

1. Georges Minois „Die Geschichte des Atheismus von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (2000). Er unterscheidet einen praktischen und einen theoretischen Atheismus. Ein praktischer Atheist mag sich zu irgend etwas bekennen, lebt aber so, wie wenn es keinen Gott gäbe.


2. Schon im AT gibt es Atheisten (Ps 10); Griechen: Demokrit (460-370 v.Chr.) Materialist. Die Griechen lehnten die Vorstellung eines einen transzendenten Gottes aber nicht ab. Epikur – goldenes Mittelmass – Götter wirken aber eher störend.


3. Originelles hat der mittelalterliche Atheismus nicht hervorgebracht. Doppelte Wahrheit: Eine die nur im Himmel gilt (Gott wird in den Himmel eingeschlossen) eine die auf der Welt gilt.


4. in der Renaissance entdeckte man die Atheisten der Antike wieder. Auch Pantheismus wurde modern, sowie der Deismus. Aber auch der Atheismus der beginnenden Neuzeit brachte nichts Neues.


5. Da der christliche Gott nicht identisch mit der Natur war, wurde die Natur für die naturwissenschaftliche Untersuchung befreit. Das Konzil von Trient unterschied zwischen profan und sakral – es rief die Christen zur vermehrten Innerlichkeit auf.

Die weltliche Wissenschaft machte sich immer unabhängiger. Der Atheismus wendete sich oft gegen ein Zerrbild des christlichen Gottes, weil ihn viele nicht mehr richtig kannten. (Abbé Meslier: hinterliess ein atheistisches Schriftchen – die Materie ist ewig und unerschaffen. Warum gibt es das Böse? Meslier weigerte sich für einen Adeligen zu beten, der gerade seine Bauern misshandelt hatte. Sein Erzbischof bestrafte ihn und Meslier sann auf Rache.)

Die Aufklärung hatte einen Gott gebastelt nach der Vernunft. Doch dieser Gott hatte keine Überlebenschancen. Er war auch oft ein Gott der Herrschenden. Mit der franz. Revolution musste er beseitigt werden.

Gott störte auch in der Wissenschaft. Es entstand der kleine Gott der kleinen Atheisten (Deismus). Dieser Gott überlebte das blutige Ende des 18 Jahrh. nicht. Alles, was übrig bleibt vom Atheismus der Aufklärung, vom Sieg der Vernunft gegen Gott, ist grenzenloser Pessimismus – das Leben ist sinnlos, der Tod erst recht – was bleibt: das Nichts.

Marquis de Sade: in einer deterministischen Natur gibt es keinen Gott und keine Freiheit, daher auch keine Moral und keine Schuld – ausschliesslich Natur, und die ist eben grausam. Zurück zur Natur bedeutet also zurück zur Grausamkeit.


6. Das 19. Jahrhundert: Jean Paul: „Christus ist kein Gott!“ und Christus antwortet: „Es ist keiner. Wir sind alle Waisen – ohne Vater.“ Jean Paul beschreibt die Angst des Atheisten vor dem Nichts (selber findet er durch diese Angst zu Gott).

Friedrich Nietzsche: Gott ist tot – nicht nur alles ist erlaubt, der Starke Übermensch kommt.

Eigentlich sei nur der moralische Gott widerlegt – meinte Nietzsche später.


7. Super-GAU im Tempel des Nichts: Nietzsche stirbt am 25.8.1900, am 14.12.1900 stellt Max Planck seine Quantentheorie vor. Diese Theorie verändert das naturwissenschaftliche Weltbild derart, dass as entscheidende Argument des Atheismus zusammenbricht. Unwahrscheinliche Ereignisse sind wieder möglich. Wunder durchbrechen keine Naturgesetze, sie sind einfach sehr unwahrscheinlich. Gescheite Atheisten haben das begriffen, so wurde die Quantentheorie in Russland verboten.

Mit der Urknalltheorie fällt auch noch die atheistische Überzeugung des anfangslosen Universums. Und als noch die letzten Bündnisse von Thron und Altar aufgelöst wurden, fielen auch viele wirksame Argumente gegen den Glauben weg (Atheismus als Protest gegen „die da oben). Der Atheismus verliert darauf den Schwung.

Es bleibt Nietzsche, wegen der klaren Konsequenzen, die er aus seinem Atheismus gezogen hat. Die meisten haben freilich nicht verstanden, warum das Gebäude des Atheismus zusammenstürzte.

Wer nichts mehr glaubt, glaubt alles. Es ist nicht der Atheismus der herrscht, sondern die grosse allgemeine Verunsicherung. Man ist bereit auf der Stelle alles und jedes zu glauben – doch vielleicht nur zum Teil und nur für eine gewisse Zeit.

Die Ereignisse des 20 Jahrhunderts haben den Gott der Atheisten sterben lassen. Doch nicht Gott. Viktor Hugo in „Les misérables“ (1862): „Der Atheist glaubt mehr, als er meint. Verneinen ist im Grunde eine zornige Form der Bejahung. Die Bresche beweist die Mauer. Jedenfalls heisst verneinen nicht zerstören. Die Bresche, die der Atheismus ins Unendliche schlägt, ähnelt den Wunden, die eine Bombe dem Meer zufügt. Alles schliesst sich wieder und setzt sich fort.“

Der Gott der Kinder

Kinder sind keine Atheisten. Nie.


1. Kinder nehmen ganz unmittelbar wahr und stecken die Wirklichkeit und die Menschen nicht in eine Schublade. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Hat schon Paul Watzlawick gefragt, und dabei die Illusionen der Erwachsenenwelt ad absurdum geführt. Jede Wirklichkeit kann man unter unterschiedlichen Perspektiven sehen. Wie die eigentliche Sichtweise ist, das hängt sehr von der Frage ab, die sich uns gerade stellt. Erwachsene wissen es nicht besser als die Kinder, nur anders, vielleicht kontexttauglicher und nützlicher – aber deshalb auch wahrer?


2. Gott ist unermesslich wie das Meer, aber genauso wirklich wie das Meer. Wenn man mit Erwachsenenakribie versucht, ihn ganz und erschöpfend zu erfassen, dann ist man ein Knirps, der sich übernimmt. Wir können mit der Schaufel nicht das Meer auslöffeln.

Kinder kennen noch das Staunen, das nicht nach der Lösung von Rätseln verlangt, sondern an das Geheimnis rührt, das deshalb Geheimnis und nicht Rätsel heisst, weil es bleibt. Wer begreift eine Blume wirklich? Der Botaniker, der Fotograph, das Kaninchen oder das Kind, das es einfach bestaunt und schön findet. Wenn man die Phänomene unmittelbar sieht, erlebt man sie intensiver, ganzheitlicher, als wenn man sie bloss unter den immer eingeschränkten wissenschaftlichen Perspektiven wahrnimmt. Diese Perspektiven dürfen gerade dann, wenn sie den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erheben, nur einen methodisch definierten Ausschnitt aus der Wirklichkeit wiedergeben. Die Sichtweise des Kindes ist keineswegs weniger wahr.


3. Beim nachdenken über die Weise, wie Kinder die Welt sehen, geht es um die Frage der Kontingenz: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?  Alles, was ich wahrnehme ist natürlich nicht hinreichend erklärt, wenn ich es unter speziellen und damit immer nur teilweisen Perspektiven zu  verstehen suche (Evolution, Ökologie, Perspektive des Fotographen etc.). Wenn sie vor einem Baum stehen und ihn wahrnehmen und es ihnen dann nicht gelingt, dass alles ganz sinnlos ist, dann würde der konsequenteste Atheist, Nietzsche, ihnen heimlichen Glauben an eine sinnsetzende Instanz vorwerfen. Und wenn sie sich weigern sollten, das Gott zu nennen, dann würde er ihnen Wortspielerei vorwerfen.

Kinder sind keine Atheisten, weil sie die Selbstverständlichkeit der Geborgenheit in einer Welt voller Sinn erleben, und das ist die Voraussetzung für so etwas wie Glück. „Man hört es nicht, wenn Gottes Weise summt, man hört es erst, wenn sie verstummt.“ Kinder hören diese Weise, weil sie das Selbstverständliche noch staunend wahrnehmen.

Der Gott der Lehrer

Als ich aufwuchs, wollte ich der Gottesfrage nachgehen und alle Religionen prüfen. Ich suchte die Diskussion und brachte meine Vorbehalte gegen die christliche Religion vor. Aber statt einer Auseinandersetzung, erhielt ich nur Kopfnicken. So sprach dann der Religionslehrer über ziemlich alles, nur nicht über den christlichen Glauben.


1. Naturreligionen. Das bedeutet zunächst einmal Angst. Angst vor den in der Natur wirksamen Geistern, die man beschwichtigen muss.


2. 528 v.Chr. sass Siddhartha Gautama unter dem Feigenbaum und hatte seine grosse Erleuchtung.

Im Buddhismus kommt Gott nicht vor. Der Buddhismus endet eigentlich da, wo auch Nietzsche endete, im Nichts – Nirwana.

Der Taoismus erscheint wie der Hinduismus für Chinesen. Eine Götter- und Geisterwelt, die von gewissen Weisheitslehren erträglicher gestaltet wird.

Der Shintoismus Japans ist eine höchst spezielle Form des kollektiven National- und Staatskultes. Tiefere religiöse Fragen beantwortet er aber nicht.


3. Irren sich nun alle anderen Religionen? Schon Justin erkennt „logoi spermatikoi“ in allen anderen Religionen und Kulturen, Funken des Heiligen Geistes. Dass die kath. Kirche im Heidentum manches „wahr und heilig“ (2. Vat. Konzil) findet, ist noch heute manchen Protestanten suspekt.

Wenn wir vom Buddhismus reden, dann ist der ernst zu nehmen, nicht aber die westlichen Nachahmerprodukte, die Plastikreligionen aus der Esoterikecke.

Am 24.4. 1870 hielt das Vatikanum 1 fest, dass Gott mit dem natürlichen Licht der Vernunft aus den geschaffenen Dingen erkannt werden kann. Protestanten protestierten. Karl Barth meinte, dass diese Lehre es ihm verunmögliche, je katholisch zu werden.

Der Gott der Wissenschaftler

Der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft war nicht zu vermeiden. Die Religion war in den Naturreligionen und auch in den griechischen Religionen das Mittel die Kräfte der Natur in Schach zu halten. Der Wissenschaft ging es aber darum, die Welt und die Natur ganz nüchtern als Objekt zu betrachten, als ein durch die menschliche Vernunft verstehbares und berechenbares Objekt. Im mythischen Denken kam das einer Gotteslästerung gleich.


1. Wie entkommt man diesem Konflikt? Entweder versucht man die ganze Götterwelt nicht mehr ernst zu nehmen, oder die Religion erlaubt im Namen Gottes den Zugriff auf die Welt. Die erste Variante findet man bei den frühen griechischen „Wissenschaftlern.“ (Thales von Milet sagte eine Sonnenfinsternis voraus – 28.5.585 v.Chr.) Die Römer waren Techniker und betrieben eigentlich keine Wissenschaft – ähnlich in Indien, China und anderen Hochkulturen.

Max Weber (areligiöser Gründer der Soziologie) war der Meinung, dass das Christentum die zweite der oben genannten Möglichkeit eröffnete.

Gott war nicht identisch mit der Welt oder der Natur. Damit war die Welt radikal entgöttlicht. Und Gott sagte zum Menschen: „Macht euch die Erde untertan.“ Das war ganz neu in der Geschichte der Religionen. Es erstaunt daher nicht, dass die Wissenschaft in einer christlichen Umgebung entstehen konnte. Ursprünglich gab es daher den Kampf zwischen Christentum und Wissenschaft gar nicht. Albert der Grosse (1200-1280, Lehrer von Thomas) gilt als der erste Naturwissenschaftler. Der Gott der Wissenschaftler war eindeutig der christliche Gott.

Als Papst Clemens VII. hörte, dass Kopernikus die Sonne ins Zentrum des Systems stellte, war er begeistert. Zwar nannte ihn Luther einen Narren, aber Kopernikus veröffentlichte 1543 auf Drängen eines Kardinals sein Hauptwerk, das er dem damaligen Papst Paul III. widmete (der nahm die Widmung erfreut auf). In Salamanca (erzkatholisch) lehrte man nur noch Kopernikus. Schon früher ist Columbus ja nicht über den Weltrand gefahren. 1572 setzte Gregor XIII. zu einer Kalenderreform an, der natürlich das kopernikanische Weltbild zugrunde lag. Dieser Kalender war ein deutliches Zeichen der Einmütigkeit zwischen Kirche und Wissenschaft. Auch unter dem Nachfolger Sixtus V. herrschte eine grosse Offenheit gegenüber den Wissenschaften.


2. Mit dem Namen von Galileo Galilei verbindet sich das Königsdrama der Wissenschaft. Damals herrschte die grosse Kontroverse zwischen Protestantismus und Katholizismus. Als nun ein führender Mann eines Reformordens Protestant wurde, gründete man in Rom die Inquisition. Obwohl man die Bibel bisher unter der Sicht des ptolemäischen Weltbildes interpretierte, war Kopernikus schon allgegenwärtig. Mit seinem Weltbild gab es nur wenige Bibelstellen, die neue Interpretationsprobleme machten. 1611 wurde Galileo noch mit allen Ehren in Rom empfangen. Der erste Prozess 1616 endete noch mit einer Papstaudienz. Kardinal Bellarmin riet Galileo, das kopernikanische Weltbild als Hypothese zu vertreten und nicht als Wahrheit. Werner Heisenberg nannte das Inquisitionsurteil von 1616 eine „vertretbare Entscheidung“ – weiss man doch heute, dass die Wissenschaft immer nur falsifizierbare Wahrscheinlichkeiten verkünden kann und nicht mehr. Später veröffentliche Galileo dennoch eine Streitschrift auf Italienisch. Darin liess er den Gegner als „Dummkopf“ auftreten. Der Bruch seines Versprechens, nicht mehr zu publizieren, wurde nun Gegenstand eines zweiten Verfahrens. Galileos Fall wurde später aufgebauscht.


3. Die führenden Wissenschaftler des 17. Jahrh. waren noch Christen: Newton, Pascal, Descartes, Keppler. Erst das 18. Jahrh. sah den Übergang der Wissenschaftler ins agnostische und atheistische Lager. Der absolute Staat und die mit ihm verbundene Kirche wurden als repressiv erfahren und zunehmend abgelehnt. Der Gott der Wissenschaftler war ein deistischer Gott. Laplace zu Napoleon: „Gott? Ich brauche diese Hypothese nicht mehr.“

Die Wissenschaft des 19. Jahrh. kannte den christliche Gott nicht mehr und lehnte den deistischen Gott ab. Ein Gott störte das ganze deterministische Verständnis der Welt.

In dieser Zeit trat Darwin auf. Seine Theorie hätte eigentlich zu keinem Konflikt führen müssen. Die Bibel beschreibt ja nicht die Welt, sie deutet sie. Darwins Theorie beschreibt aber die Welt. Viele Glaubensüberzeugungen entwickeln sich. Nur für die Fundamentalisten war eine solche „Historisierung“ der Wahrheit immer schon ein Glaubensabfall. Wenn es also schon in der Kirche eine Entwicklung gab, dann muss das auch für die Erkenntnisse der Wissenschaft gelten. Doch letztlich hat die Evolutionstheorie mit der Frage, ob Gott existiert oder nicht, überhaupt nichts zu tun. Sie liefert nur die Gesetze, wie sich die belebte Welt entwickelt hat. Zur entscheidenden Frage, warum überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts, hat sie nichts zu sagen – auch gibt sie keine Antwort auf die Frage, weshalb Ordnung in der Welt herrscht und nicht Chaos. Sie kann auch nichts über die Zukunft aussagen. Für aufgeschlossene Christen war die Evolutionstheorie eigentlich nur der Übergang von einem Töpfergott zu einem allmächtigen Gott.


4. Durch den Darwinismus kam die prinzipielle Unvorhersagbarkeit ins Spiel (Mutation). Damit brach die Vorstellung des herrschenden Atheismus, wonach die Natur prinzipiell berechenbar sei, zusammen. Der Zufall betrat das Territorium der Wissenschaft.

Doch auch die Vorstellung gewann Raum, dass mit Darwin nun alles erklärbar sei. Aber jede Theorie, die beansprucht, alles ein für alle Mal erklären zu können, ist niemals eine wissenschaftliche Theorie. Es wäre eine Weltanschauung, oder Ideologie, Opium für das Volk.

1870 verkündete die Kirche – in Bezug auf Römer 1 – dass die Vernunft Gott erkennen könne. Damit gab sie Gegensteuer zur herrschenden Irrationalität der Romantik. Christlicher Glaube muss sich also auch vor der Vernunft rechtfertigen. Aber Vernunft ohne Moral in der Wissenschaft führt unter Umständen zu Hiroshima.

Noch 1900 verkündete Ernst Haeckel in „Die Welträtsel,“ dass demnächst alle Naturgesetze entdeckt seien, und nichts Unerklärliches mehr existiere. In diesem Moment schien der Atheismus mit der Wissenschaft zu verschmelzen. Doch plötzlich kam die Quanten-, die Relativitäts- und die Urknalltheorie – und Karl Popper sprach der Wissenschaft die Erkenntnis ewiger Wahrheiten grundsätzlich ab. Das führt zur Zerstörung des Fundamentes des Atheismus. Gewisse Wissen¬schaftler wandten sich wieder der Religion zu: Max Planck, Werner Heisenberg: „Wer könnte behaupten, dass die objektive Seite der Welt wirklicher wäre als die subjektive.“ Gerade die Liebe konnte ja nicht objektiviert werden – und die ist meist wichtiger für ein Wissenschaftler als alles, was er wissenschaftlich erkannt hat.


5. Wunder: Selbst Hans Küng hält sie für unmöglich, weil sie die Naturgesetze verletzen. Sicher, ernstzunehmender Glaube, der der Vernunft verpflichtet ist, darf nicht auf irrationalen Wunderglauben reduziert werden. Ausser dem Grundwunder der Auferstehung Christi ist kein Katholik verpflichtet an Wunder zu glauben. Wunder sind Zeichen Gottes für die Menschen – also keine Zauberkunststücke.

Doch die Naturgesetze beschreiben ja nur, was mit grosser Wahrscheinlichkeit geschieht – sie sagen nicht, dass etwas prinzipiell unmöglich ist. Und, niemand kann begreifen, aus welchem Grund etwas entstanden ist, wenn er bloss herausgefunden hat, nach welchen Gesetzmässigkeiten es sich entwickelt hat. Es ist auch ein Wunder, dass nicht alles ins thermodynamisch Wahrscheinlichste, nämlich ins Chaos versinkt. Wenn ich die Evolutionstheorie kenne, weiss ich noch nicht, wer Natur und Naturgesetze so eingerichtet hat, dass die Evolution sich zum Menschen erheben wird. Dass durch blosses Überleben der Durchsetzungsfähigsten, die für die Durchsetzung nicht sehr geeignete 9. Symphonie entstehen konnte, glauben manche vielleicht nur noch, weil sie die Evolutionstheorie zur Möblierung ihres atheistischen Wohnzimmers benutzt haben.


6. Hawking schreibt, dass die Urknalltheorie nicht mit der Vorstellung eines christlichen Gottes übereinstimme.

Neuerdings gibt es wieder den ideologischen Darwinismus, der behauptet, dass ein weiter wirkender Schöpfergott mit der Evolutionstheorie nicht vereinbar sei. Dann gibt es noch die Kreationisten, die behaupten, die Bibel müsse wörtlich genommen werden, etwas, das selbst die Jüdischen Nomaden vor 3000 Jahren nicht glaubten. Beide haben im Biologieunterricht nichts zu suchen.

In der Hirnforschung gibt es Leute, die behaupten, es gebe keinen freien Willen: „Mein Gehirn entscheidet, und nicht ich.“ Aber die Korrelation zwischen materiellen Prozessen und geistigen Prozessen als simple Eins-zu-eins-Abbildung zu verstehen, ist auf dem wissenschaftlichen Stand von ca. 1720.

Oft werden Wissenschaftler über Gott befragt. Dabei haben sie meist wirkliche Kompetenzen nur in einem kleinen Bereich und wissen von Gott bisweilen nicht viel mehr als der Bäcker von nebenan. Das Ergebnis solcher Befragungen ist denn auch oft unfreiwillig komisch.

Wissenschaftler jedenfalls betreiben nur dann seriöse Wissenschaft, wenn sie nicht behaupten, Wahrheiten erkennen zu können, sondern bloss stets falsifizierbare Wahrscheinlichkeiten. Ganz offensichtlich sind sie für die Frage nach dem Sinn des Ganzen nicht kompetenter als andere Menschen. Um diese Frage beantworten zu können, ist Lebensweisheit viel wichtiger als alle akademischen Abschlüsse.

Der Gott der Philosophen

Thomas von Aquin hatte die Gewohnheit, sich bei einem Gedanken stets zu fragen, ob die Vetula, das alte Mütterchen, seine Einsicht teilen könnte. Wenn nicht, dann hielt er diese Einsicht für wenig relevant. Wenn wirklich wichtige, existentielle Einsichten nur einer hochintelligenten Elite vorbehalten wäre, dann wäre das Grund genug, an der Existenz eines guten Gottes zu zweifeln.


1. Sokrates gegen die Sophisten (Sie bezweifelten die Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit, priesen den Eigennutz und bestritten jegliche Moral – Nihilismus lässt grüssen – Gott war für sie eine Erfindung der Menschen, der Herrschenden).

Plato, Aristoteles, Thomas (Gottesbeweise – sie versuchen den Gott, den man im Glauben kennen gelernt hat, zusätzlich auch mit den Mitteln der Vernunft verständlich zu machen. Sie sicherten die christliche Hochachtung vor der Vernunft.) Thomas lehnte aber den Beweis von Anselm ab.

Heute Spaemann: „Nur wenn Gott ist, gibt es etwas anderes als subjektive Weltbilder, so etwas wie das „Ding an sich ... Es sind die Dinge, wie Gott sie sieht. Wenn es den Blick Gottes nicht gibt, gibt es keine Wahrheit jenseits unserer subjektiven Perspektiven ... Die Spur Gottes in der Welt sind wir selbst. Der Begriff Gottesebenbildlichkeit des Menschen bedeutet: Wahrheitsfähigkeit.“  Was glaubt jener, der an Gott glaubt? „Er glaubt an die fundamentale Rationalität der Wirklichkeit. Er glaubt, dass das Gute fundamentaler ist als das Böse. Er glaubt, dass das Niedere vom Höheren aus verstanden werden muss, und nicht umgekehrt. Er glaubt, dass Unsinn Sinn voraussetzt und dass Sinn nicht eine Variante der Sinnlosigkeit ist.“


2. Interessant wird die Philosophie erst wieder im 17. Jahrhundert mit René Descartes. In der Aufklärung bastelte man den deistischen Gott. Doch als 1755 in Lissabon die Erde bebte, purzelte der vom Schreibtisch. Er brach unter den Anklagen zusammen. Denn wenn er die Welt optimal geschaffen habe und nun im Lehnstuhl sitzt, wie kann denn dieses Erdbeben geschehen. Und was ist mit dem Tod? Wenn mit ihm alles aus ist, dann ist die menschliche Existenz absolut sinnlos. (Lamettrie in „Der Mensch als Maschine“: „Die Welt wird niemals glücklich sein, sofern sie nicht atheistisch ist.“ – Auf dem Totenbett wurde er noch Katholik.) Seit Anbeginn der Menschheit zeigt sich aber der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tode. Alle Religionen ist dieser Glaube eigen. Dem steht die verwesende Leiche gegenüber. Nun muss man sich entscheiden. Ist die Chemie und Biologie die einzige Erkenntnismöglichkeit, oder hält man die Ansicht von Milliarden von Menschen für wahr, dass der Mensch eben nicht ins Nichts versinkt. Es gibt immer verschiedene Perspektiven. Sie können sich ergänzen: z.B. da der Mensch wesentlich aus Wasser besteht, ist er nur einige Rappen wert. Doch unter dem Aspekt seiner Würde ist er unendlich viel wert. Auch die Würde kann man erkennen, allerdings nicht mit den Instrumenten der Chemie oder Biologie. Dennoch bestreitet niemand diese Erkenntnis. Und die tiefe Gewissheit, die wir alle von dieser Erkenntnis haben, ist die Grundlage unseres Zusammenlebens. Bei wirklich Existentiellem geht es nämlich niemals bloss um Wissen, sondern immer um Gewissheit. Daher muss sich jeder die Frage stellen: Ist die einzige ernstzunehmende Wahrheit über die Welt, jene, die wir durch die Biologie oder Chemie begreifen? Sind die Erkenntnisse der Kunsthistoriker, Phil I etc. völlig irrelevant.

Dann gab es noch das Problem mit der Moral. Voltaire schickte seine Bediensteten immer hinaus, wenn er mit anderen über den Atheismus debattierte. Er fürchtete eine Gesellschaft des Atheismus.


3. David Hume bestritt ganz grundsätzlich die Möglichkeit jeglicher wirklicher Erkenntnis von irgendwelchen Dingen. Kant erkannte das Problem und schrieb eine „Kritik der reinen Vernunft.“ Hier sicherte er die Möglichkeit von Erkenntnis, indem er präzis Bedingungen herausarbeitete. Er begrenzte die mögliche Erkenntnis auf in Raum und Zeit anschaubare Gegenstände. Ein solcher Gegenstand ist Gott aber nicht. Auch 150 Jahre später meinte Wittgenstein (in „Tractatus logico-philosophicus“): „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Für ihn war aber klar, dass es das Unaussprechliche gibt – das Mystische. Dies erkennt man aber anders als die Gegenstände der Physik und Chemie.

Kants Hauptanliegen galt aber der „Kritik der praktischen Vernunft.“ Hier dachte er über die Bedingungen zur Möglichkeit der Moral nach: jeder Mensch kennt in sich das Bestreben, gut sein zu wollen – jeder spürt den kategorischen Imperativ. Am Schluss schreibt er: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Die Einsicht, dass jeder Mensch in sich die Überzeugung verspürt, gut zu sein, hat drei Konsequenzen („Postulate“): Das moralische Gesetz kann nur dann vernünftig sein, wenn es a) die Freiheit des Menschen gibt, wenn b) die Unsterblichkeit der Seele gibt und wenn c) es schliesslich auch Gott gibt.

Zu b): Wenn mit dem Tod alles aus ist, dann wäre moralisches Verhalten, eine Riesendummheit. Nur so ist sicherzustellen, dass das Unglück das dem moralisch Handelnden zustösst, wieder gut gemacht werden kann.

Zu c): Doch wer soll sicherstellen, dass der unsterblichen Seele nach dem Tod Gerechtigkeit widerfährt? Eine solche Instanz nennen die Menschen Gott.

Damit sind die Freiheit, die Unsterblichkeit der Seele und Gott die zwingenden Schlussfolgerungen aus der Überzeugung von der Vernünftigkeit des moralischen Gesetzes. Entweder ist das moralische Gesetz unvernünftig, dann muss man es vernünftigerweise mit aller Kraft unterdrücken, und versuchen, guten Gewissens ohne jede Moral zu leben (Nietzsche wird als einziger diesen konsequenten Weg gehen). Oder man hält das moralische Gesetz für vernünftig. Dann muss man aus Vernunftgründen die Freiheit des Menschen, die Unsterblichkeit und die Existenz Gottes annehmen. Eine dritte Möglichkeit schliesst Kant aus, denn das würde der Vernunft widersprechen.

Die Entscheidung Kants, Gott als Untermieter der Moral zu sehen, hatte aber auch negative Konsequenzen – das Christentum wurde zur moralischen Veranstaltung – „der liebe Gott sieht alles“ – Angstmache mit Gott.


4. Kierkegaard ist der grosse philosophische Inspirator der Moderne. Er denkt radikal vom Individuum her, von der Angst machenden Vereinzelung. Die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts, Sartre, Jaspers, Gabriel Marcel werden von ihm angetrieben – vor allem wird es Martin Heidegger sein.

Jürgen Habermas (religiös unmusikalisch) erklärte 2001, man müsse die Bedeutung der Religion wieder ernst nehmen. Der religiöse Bürger im säkularen Staat müsse als religiöser Bürger respektiert werden. Man dürfe ihm nicht zumuten, von seiner religiösen Überzeugung abzusehen, wenn er am öffentlichen Diskurs teilnehme. Das betrifft zwei Tendenzen: Die Intoleranz der atheistischen Laizisten, welche die Religion zur Privatsache erklären und religiöse Bürger zwingen wollen, nur mit Annahmen an der öffentlichen Debatte teilzunehmen, die unter der Bedingung gelten – als wenn es keinen Gott gäbe. Zweitens sollen die Kirchenvertreter nicht so daher reden, wie es die anderen alle schon tun.

Robert Spaemann ist der Auffassung, dass Atheismus unvernünftig sei. Denn wenn vernünftig sei, was alle vernünftigen Wesen für vernünftig halten, dann war es zu allen Zeiten der Menschheit vernünftig, an Gott zu glauben.

Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs

1. Amenophis IV und seine Frau Nofretete starteten eine Rebellion gegen die Götter 1359 v.Chr. Ihnen ging der vielgestaltige Götterhimmel auf die Nerven (wie später auch Buddha und Sokrates). Er suchte mit den Mitteln der Vernunft Gott – den einen Gott, einen Gott zu dem man beten konnte, nicht nur ein Gott der Philosophen. Verehrt wurde dieser Gott „Aton“ im Symbol der Sonne. Amenophis nannte sich nach seinem neuen Gott: Echnaton – Strahl des Aton. Nach seinem Tod löschte die Priesterschaft diesen neuen Kult aus. Auch der Nachfolger – ein Knabe – wurde umbenannt: Von Tut anch Aton in Tut anch Amun (nach der alten Reichsgottheit Amun).


2. Keine hundert Jahre später ruft Mose sein Volk zusammen.

Sören Kierkegaard hat in seinem Werk „Furcht und Zittern“ bis ins letzte psychologische Detail den Zug Abrahams mit Isaak zum Berg Morija beschrieben. Ihm ist klar, dass der Glaube an Gott entweder lächerlich oder todernst ist. Bei Abraham geht es darum, dass ein Mensch rückhaltlos Gott vertraut, selbst wenn er überhaupt nichts mehr versteht. Hier stehen wir vor der Wand, vor die wir mit dem Gott der Philosophen geraten sind. Der Zug Abrahams ist vor dem Gerichtshof der Vernunft niemals zu rechtfertigen. Kierkegaard spottet daher über das kleine Licht der Vernunft.

Die Antwort auf die Sehnsucht der Menschen müsste ein Gott sein, der Person ist, ein Gott dem wir wirklich begegnen könnten, der uns anredet und dem wir antworten können. Ob es diesen persönlichen Gott gibt, darüber können wir Menschen von uns aus nichts sagen. Die Begegnung mit einer wirklichen Person kann daher nicht bloss das Ergebnis meiner vernünftigen Schlussfolgerungen sein. Auch der klügste Philosoph muss aus seiner Studierstube heraustreten, wenn er diese Begegnung machen will. Sören Kierkegaard wirft daher auch allen Philosophen mit ihren so genannten Gottesbeweisen Respektlosigkeit vor.

Gottes oder eines Menschen kann man sich gewiss sein. Sie wissen zu wollen, ist respektlos. Sie sind keine Rätsel, die man lösen könnte. Sie sind Geheimnisse, denen Respekt gebührt. „Ich kenne dich ganz genau,“ ist vielleicht das respektloseste, das man seiner Frau sagen kann. Denn so billigt man ihr keine Freiheit, keine Veränderungsfähigkeit und keine Würde zu. Wenn Gott wirklich Person ist, dann „weiss“ man das Entscheidende über ihn nicht dadurch, dass man etwas über ihn „weiss,“ sondern natürlich nur dadurch, dass man ihm begegnet. Wenn man schon durch eine noch so detaillierte Beschreibung einen Menschen nicht kennen lernen kann, wie viel weniger dann Gott. Doch, wenn wir Gott vorschreiben, wie er sich zu offenbaren hat, dann ist das falsch. Die Juden glauben, dass sich Gott aus Respekt vor der Freiheit und Würde des Menschen liebevoll Schritt für Schritt offenbart hat, gemäss der Fassungskraft der Menschen.

Was heisst „Glauben?“ Um einem Menschen zu vertrauen, reicht kein Wissen, man muss ihm begegnen. Dann aber bedeutet es viel mehr als Gewissheit, wenn man aus voller Überzeugung sagen kann, dass man diesem Menschen vertraut. Es wäre also fahrlässig einem Menschen zu vertrauen, nur weil man irgendetwas über ihn weiss. Das gilt auch für Gott. Abraham könnte nicht „Vater“ des Glaubens genannt werden, wenn Abraham nicht diese tiefe Gewissheit von Gott gehabt hätte – eher müsste man ihn als Patron der Spielcasinos verehren. Der Glaube ist aber keine Leistung des Menschen. Er ist Geschenk Gottes, und der Mensch kann sich diesem Geschenk gegenüber öffnen oder verschliessen.


3. Israel musste erst noch begreifen, dass sein Gott nicht nur ein Stammesgott ist (in den alten Psalmen kommen andere Götter noch vor). Gott ging in seiner Pädagogik Schritt für Schritt vor, so dass die Menschen jeden Schritt auch verstehen konnten.

Gott ist Person. Wer das begriffen hat, der versteht weshalb das AT eigentlich ein Buch ist, das Geschichten erzählt. Eine Sache lernt man schlimmstenfalls durch eine Gebrauchsanleitung kennen; eine Person durch die Erzählung ihrer Geschichte. Und, eine Person lernt man kennen, indem man sie anspricht – betet.


4. Juden stehen vor ihrem Gott, Muslime beugen sich in den Staub. Man diskutiert nicht mit diesem Gott wie die Juden. Die islamische Gottesvorstellung hinterlässt eigentlich eine trostlose Landschaft aus Schwarz und Weiss.

Zusammenfassung: Erfahrung von Musik und Kunst eröffnet uns den Blick über einen primitiven Materialismus hinaus.

Psychologie ist für die Frage nach der Existenz Gottes ein hilfloses Instrument. Die Frage bleibt offen.

Atheisten haben sich ernsthaft mit Gott befasst. Doch der Gott, gegen den die Atheisten oft rebellierten, war allzu häufig kein wirklich ernstzunehmender Gott.

An der Wende zum 20 Jahrhundert brachen dem Atheismus die Argumente aus den Naturwissenschaften weg.

Nur der radikale Protest von Nietzsche blieb davon unberührt.

Der Gott der Kinder entpuppt sich als keineswegs kindische Veranstaltung. Der Zugang der Kinder zur Wirklichkeit ist ein durchaus kostbarer.

Der Gott der Lehrer warf einen Blick auf die Religionen der Welt.

Naturwissenschaft und Glaube: Weder der Fall Galilei noch jener von Darwin, auch nicht die Hirnforschung bieten Argumente gegen die Existenz Gottes.

Der Gott der Philosophen brachte Argumente für die Existenz Gottes. Doch gegen den Gott der Philosophen blieb der Protest von Pascal. Pascals Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist der personale Gott

Die Antwort – ein aufregendes Ereignis

1. Edith Stein – zufällig las sie die Selbstbiographie der Therese von Avila. Sie las die ganze Nacht. Am morgen beschloss sie sich taufen zu lassen.

Schon Platon sagte in seinem 7. Brief, Sokrates sei der Auffassung gewesen, die Wahrheit erschliesse sich nicht durch endlose Ketten von Argumenten, sondern blitze plötzlich auf.

Man kann nicht begreifen, man kann ihm nur begegnen.

Gott offenbarte sich im AT – blieb aber dennoch der ferne Gott. Erst in Jesus zeigte er sein liebendes Angesicht. Weshalb gerade so? Lassen wir doch Gott Gott sein und schreiben wir ihm nicht vor, wie er sich zeigen soll.

Was soll denn die ganze Theologie? Sie sagt nichts Neues und vor allem nichts anderes.


2. Die Theologie hat die Aufgabe, die Fragen, die aus der Welt auf die tiefe und eigentlich so einfache christliche Botschaft zukommen, für Menschen, die solche Fragen haben, redlich auf höchstem intellektuellem Niveau zu beantworten.

(Sekten: Sie halten sich in einem Schwarz-Weiss-Denken selbst für die Besitzer der Wahrheit, trennen sich nicht nur von den anderen Zeitgenossen, sondern auch von allen früheren historischen Epochen.)

Gute Theologie dient dem Glauben, sie beherrscht ihn nicht.

Weshalb wurde Gott Mensch? Wenn man jemandem seine Liebe erklären will, kann man dafür keinen Vertreter schicken – auch kein nettes Buch aus den Wolken fallen lassen. Man muss selber gehen. (Dreifaltigkeit; Jesus, ganz Gott, ganz Mensch; Heiliger Geist)


3. Wenn Gott normale Menschen aus Liebe erlösen wollte, dann musste er konkret und anfassbar bei ihnen bleiben und nicht nur in einem Text. Das Christentum ist daher keine Buchreligion. Es ist konkrete Nachfolge Christi in einer konkreten Gemeinschaft, genannt Kirche.

In dieser Kirche gibt es viel Dunkles, aber auch Helles.

Doch, nur die Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Die tätige Liebe war immer das Entscheidende und nicht das Wissen über Gott (gegen die Gnosis).


4. Dieser Glaube an Gott respektiert die Vernunft, aber er ist dennoch nicht ein Glaube nur für eine intellektuelle Elite. Im Gegenteil, der Glaube an Jesus Christus verlangt die Reinigung der Vernunft von hochmütiger Selbstüberschätzung. Damit tut der Glaube etwas, was der Vernunft selbst gar nicht fremd ist. Nur eine Vernunft, die sich ihrer Grenzen bewusst ist, kann heute wissenschaftlich ernst genommen werden, Man könnte sagen, der Glaube bringt die Vernunft zur Vernunft. Auf diese Weise kann die Vernunft selbstbewusst, aber auch bescheiden und demütig werden, wie dazumal die „Weisen aus dem Morgenland,“ die vor einem Säugling in Palästina die Knie beugten. So haben das auch grosse Philosophen selbst gesehen. Blaise Pascal: „Ich werde es hier nicht unternehmen, mit natürlichen Gründen die Existenz Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele oder irgendetwas dieser Art zu beweisen; nicht nur deshalb, weil ich mich nicht stark genug fühlen werde, um in der Natur etwas zu finden, was verhärtete Atheisten überzeugen könnte, sondern vielmehr darum, weil diese Erkenntnis ohne Jesus Christus nutzlos und unfruchtbar ist.“

David Hume: „Philosophischer Skeptiker zu sein ist bei einem Gelehrten der erste und wesentlichste Schritt auf dem Weg zu einem echten gläubigen Christen.“

Karl Jaspers (Immanuel Kant kommentierend): „Denn würde uns hier Wissen zuteil, so würde unsere Freiheit gelähmt. Es ist, als ob die Gottheit das uns Höchste - das Aus-sich-selber-Sein der Freiheit - schaffen wollte, aber, um es möglich zu machen, sich selbst verbergen musste.“

Allerdings gilt auch, was Joseph Ratzinger gesagt hat: „Dem, der glaubt, wird freilich immer mehr sichtbar werden, wie voller Vernunft das Bekenntnis zu jener Liebe ist, die den Tod überwunden hat.“

Die Gottesvorstellung, die sich die reine Vernunft machte, ist gescheitert. Alles Zwingende ist ohnehin der personalen Begegnung mit Gott nicht angemessen. Ein überwältigender Gottesbeweis, ein für jeden vernünftigen Menschen zum Glauben an Gott zwingendes Wunder, wäre tatsächlich „über¬wältigend,“ gewaltsam den Menschen auf die Knie zwingend, jede menschliche Freiheit auslöschend. Nicht die Logik also zwingt zum Glauben an Gott, obwohl viele gute Gründe dafür sprechen, nicht die Mathematik zwingt zum Glauben an Gott, auch die Moral nicht und längst nicht mehr die staatliche oder gar kirchliche Macht. Nur ein wirklich erfahrbarer wahrer und wirklicher Gott, der den Menschen in seiner Freiheit respektiert, kann die Antwort auf das Fragen, der Menschen sein. Der Mensch kann sich ihm öffnen oder nicht, ihm vertrauen oder nicht, ihn bezweifeln oder ihm glauben.

Dieser Glaube ist daher keine Leistung, die von spirituellen Hochleistungschristen errungen wird, sondern ganz im Gegenteil ein Geschenk Gottes an alle Menschen, die sich dafür öffnen oder wenigstens nicht verschliessen. Der theologische Ausdruck für dieses Geschenk heisst Gnade. Ein Zugang zu Gott kann zum Beispiel gelin¬gen, indem man einfach einmal anfängt zu beten, obwohl man – noch - gar nicht an Gott glaubt. Schon im Alten Testament steht der Satz: „Wer mich von ganzem Herzen sucht, von dem lasse ich mich finden.“ Der geniale Blaise Pascal hat einem solchen Suchenden einmal gesagt: „Sie wollen zum Glauben gelangen und kennen nicht den Weg dazu? ... Lernen Sie von denen, die früher wie Sie, von Zweifeln geplagt wurden ... Ahmen Sie deren Handlungsweise nach, tun Sie alles, was der Glaube verlangt, als wenn Sie schon gläubig wären. Besuchen Sie die Messe, gebrauchen Sie Weihwasser usw., das wird Sie zweifellos einfältig machen und zum Glauben führen.“ In seinem neuen Jesusbuch schreibt Papst Benedikt XVI.: „Das Fragen nach Gott, das Suchen nach seinem Gesicht - das ist die erste und grundlegende Bedingung für den Aufstieg, der in die Begegnung mit Gott führt.“

Das Neue Testament sagt: „Klopft an und es wird euch aufgetan.“ Ein solcher Glaube hat viel mit Vertrauen zu tun. Kinder können auf anrührende Weise grenzenlos vertrauen. Sie können ihren Eltern vertrauen wie Abraham seinem Gott. Das ist nicht kindliche Naivität, das ist ein unglaubliches Gefühl voll menschlicher Zärtlichkeit. Ein solches Vertrauen ist Voraussetzung für wirkliches Glück. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“ Nicht um Vernunftfeindschaft geht es hier. Es geht um die höchst vernünftige Einsicht, dass Vernunft jedenfalls für das Glück nicht reicht, Tiefes Vertrauen in einen Grund aller Dinge, in einen guten Schöpfer und Erhalter der Welt und einen Gott, der in meiner Sterbestunde mich nicht im Stich lässt, das ist überhaupt nicht kindisch, das ist vielmehr das Geheimnis des wahren Glücks.

The day after – Werte, Wahrheit und Glück

1. Bekehrung einer depressiven Managerin auf einer Wallfahrt – später Eintritt ins Kloster.

André Frossard; Mutter Theresa.


2. Wie funktioniert ein erfülltes spirituelles Leben? Das möglichst tägliche Gebet ist wichtig. Mit dem lebendigen Gott muss man lebendig sprechen.

Kirchenbesuch: Gerade in Zeiten der inneren Trockenheit muss man unermüdlich die Felder bewässern. Juden: Nicht die Juden haben den Sabbat gehalten, sondern der Sabbat hat die Juden gehalten. Der gemeinsame Gottesdienst macht klar, dass der Glaube an Gott nicht Privatsache ist.

Ab und zu sind gehaltvolle Reisen nach innen nötig: Exerzitien oder Einkehrtage.


3. Nächstenliebe: Max Horkheimer: „Warum soll ich gut sein, wenn es keinen Gott gibt?“ Die Wertedebatte hängt in der Luft, wenn sie die Frage nach Gott ängstlich vermeidet. Gregor Gysi fürchtet eine gottlose Gesellschaft, weil eine solche Gesellschaft wahrscheinlich unsolidarisch sein wird. Nicht nur Voltaire wusste, dass man mit dem Atheismus, mit dem er persönlich spielte, keinen Staat machen kann. Der bis zum Letzten durchdachte konsequente Atheismus ist streng genommen politikunfähig.

Der christliche Glaube ist auch ideologiekritisch. Denn, wenn Gott transzendent ist, wenn er nicht identisch ist mit dieser Welt, dann verdienen innerweltliche Ziele niemals göttliche Verehrung. Sie sind immer nur vorläufig, nie endgültig.

Gott und die Psychologie

1. Jürg Willi redet von Gott. Was ist Seelsorge? Echte Begegnung – im Sinne von Buber.

Der Mensch ist ein dialogisches Wesen – und darin Abbild des dreifaltigen Gottes.

Sind Heilige Spinner, weil sie Stimmen hören? Ignatius von Loyola wurde dahingehend untersucht – er zeigte keinerlei Symptome einer psychischen Erkrankung, er war vielmehr einer der genialsten Menschen aller Zeiten. Aussergewöhnlichkeit gleich als krank zu diskriminieren ist spiessig, jedenfalls nicht wissenschaftlich.


2. Wie wäre es, wenn wir selber mal Gottes Stimme vernehmen würden? Naive Menschen werden sich das vielleicht „total super“ vorstellen.

Oft wolle man, dass Gott etwas sagt, dass einem gerade so passt – Gott ist aber nicht verbuchbar. Er tritt ergreifend und erschütternd in das Leben der Menschen ein, reisst sie aus allem Lebenseinerlei heraus und weist ihnen kraftvoll den Weg: Mose, Jona. Wen Gott ruft, den ergreift er ganz, dabei durchkreuzt er die Pläne der Menschen.

Wie kann man Gott zum Lachen bringen? Indem man ihm erzählt, was man für morgen plant. Selbst die Päpste mussten das erfahren.

Sein Eingreifen dürfen wir uns nicht harmlos vorstellen und auch nicht wunschgemäss. Gott ist nicht unser Angestellter. Sein Geist weht wo er will. Geistesgegenwärtig leben heisst in einem solchen Sinne, für den Anruf Gottes jederzeit bereit sein.

Vom Ereignischarakter biblischen Lebens leitet sich eine charakteristische Haltung ab, eine Haltung des Horchens. „Wer mit Gott nicht eines seiner Wunschbilder empfangen will, der muss warten können – in gänzlicher Aufmerksamkeit.“ (Simone Weil 1909-1943)

Mystiker waren solch Ergriffene von Gott.


3. In düsteren Zeiten, im Schatten entsetzlicher Verbrechen und erdrückender Schuld berührt Gott, der die Liebe ist, viele Menschen am tiefsten. Gott der Schuld vergibt.

„Wo war Gott in Auschwitz?“ Robert Spaemann: „Am Kreuz.“

Wenn es aber Gott nicht gibt, wenn es Schuld nicht gibt und keine Erlösung, dann ist die Welt beängstigend – vgl. Nietzsche. Wenn Hitler, Stalin, Mao nur schuldlose Opfer ihrer Hirnfunktionen waren, dann lauert um die nächste Ecke das nächste Grauen.

Schuld gehört unvermeidlich zum Menschsein. Es hilft nicht, wenn man vor der Schuld davon laufen will. Man muss sich dem Drama menschlicher Schuld stellen. Dazu muss man sie einmal beim Namen nennen. Eine Zeit, die die Schuld verdrängt, hat auch einen menschlichen Umgang mit Schuld verlernt. Es fehlt inzwischen jedes Mass. Kleine Fehltritte und grosse Übeltäter werden gleichermassen mit selbstgerechter Häme an den Pranger gestellt. Würde Gott genauso reagieren, hätte niemand von uns eine Chance. Im Grunde kann nur der allmächtige Gott Schuld wirksam vergeben

Kunst und Musik – sinnliche Wahrheit

1.  Maria: Kein Christ darf Maria anbeten.

Dostojewski: „Die Schönheit wird die Welt retten.“

Einstein: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst steht.“


2. Grabtuch: Das Christentum ist die sinnlichste Religion, die es gibt, denn es glaubt an die Menschwerdung, Gottes. Der Clou ist, dass der menschgewordene Gott hier sinnlich erlebbar wird.  


3. Musik: Robert Spaemann: (Grammatischer Gottes¬be¬weis): Wenn es keinen Gott gibt, dann kann man nicht mehr wirklich sagen: Es wird irgendetwas wirklich gegeben haben. Denn irgendwann wird es niemanden mehr geben, der sich erinnern kann, und das wäre dann auch das Ende aller Vergangenheit. Es wird dann aber auch Bach und Mozart nicht mehr gegeben haben. Nur wenn es Gott gibt, wird kein Wort einmal ungesprochen sein, kein Schmerz unerlitten, keine Freude unerlebt.

Spaemann nannte diese Gedanken Nietzsche-resistent. Denn Nietzsche sagte: „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.“

Musik ist der existentielle Beweis, dass es etwas Immaterielles gibt und dass das Bestand haben kann.

Schluss. Mutter Theresa: „Im Gericht wird uns Gott nicht fragen: Wie viele gute Sachen hast du im leben gemacht? Er wird fragen: Mit wie viel Liebe hast du das getan, was du getan hast?“

„Es ist wichtig, Gott zu finden. Und er kann nicht im Lärm und in der Rastlosigkeit gefunden werden. Gott ist ein Freund der Stille. Sieh doch, wie die Natur in Stille wächst: die Bäume, die Blumen, das Gras. Sieh die Sterne, den Mond und die Sonne, wie sie in Stille ihre Bahnen ziehen. Wir brauchen Stille, um fähig zu werden, Seelen zu berühren.“