Gott – und das Böse in dieser Welt

von Peter Henning | 01.09.2008

Die Bibel lädt uns ein, uns im Glauben auf eine Vertrauensbeziehung zu Gott einzulassen. So können wir auch das Rätselhafte im Wesen Gottes und das Böse, das sich vor seinem Angesicht abspielt, besser verstehen.

Die Reformatoren vertraten eine theologia viatorum – eine Theologie derer, die auf dem Wege sind. Das entspricht der alttestamentlichen und jüdischen Überzeugung, dass wir Gott nicht denken, aber erfahren können. Martin Buber spricht deshalb von Jahwe als ‘Wegegott’:

«Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Ausspruch Jahwes! Denn: Soviel der Himmel höher ist als die Erde, soviel sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken» (Jes 55,8+9).

Gute Theologie führt zum Frieden Gottes

Im Neuen Testament erinnert uns Paulus an diese Grenzen unseres Denkvermögens. 1. Korinther 13,9- 12 gehört zur Grundeinsicht christlicher Theologie. Sie bewahrt uns vor theologischen Spekulationen.

Christliche Theologie bezeugt also einen «Frieden Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft» und «Herz und Sinne» (Willensmitte und Gedankenwelt) bewahren kann (Phil 4,7). Wahrheit ist also kein Denksystem, sondern die Begegnung mit Gott auf dem Weg! Wie verlässlich uns Gott begegnen will, bezeugt die Bibel, die nicht in erster Linie unsere logische Neugier befriedigen, sondern unser Vertrauen in Gott stärken will!

In diesem geschenkten Vertrauen erkenne ich, dass sich Wahrheit in unserer polaren Welt nur komplementär erfassen lässt: Wir dürfen nicht einseitig die eine Aussage zugunsten der anderen eliminieren. Ebensowenig dürfen wir sogenannt widersprüchliche Aussagen harmonisieren bzw. zu einem ‘höheren System’ synthetisieren. Und schliesslich dürfen wir uns auch nicht dazu hinreissen lassen, das Absurde zu feiern und uns in eine pessimistische oder gar agnostische Grundhaltung zu verlieben.

Der Lebensweg wie auch der Weg der Geschichte will also in den polaren Spannungen im Vertrauen und im Frieden ausgehalten und durchgestanden werden.

Die Weltwirklichkeit – zwei logisch unvereinbare Gesamtbilder

Wenn wir in der Theodizeefrage ‘Wie kann ein gerechter Gott so viel Böses in dieser Welt zulassen?’ weiterkommen wollen, müssen wir uns der polaren Realität stellen, wie sie die Bibel bezeugt:

 

a) Der Unheil verursachende Böse, der Satan, steht unter Gott und ist ‘nur’ «Gottes Teufel, Büttel und Diener» (M. Luther).

Gott ist Einer und teilt seine Gottheit nicht mit einem zweiten ‘Gott’ (Monotheismus). Deshalb haben wir es auch in Leid, Unglück und Not ausschliesslich mit Gott zu tun! Kein Teufel, kein Dämon und keine Macht kann mir schaden, auch wenn sie mir real und subjektiv erfahrbar ‘schaden’ (Amos 3,6; Jes 45,7; Röm 8,31-39).

Das bezeugen viel gesungene Glaubenslieder der Kirche, wie

‘Ein feste Burg ist unser Gott’ (Martin Luther, KG 32)

‘Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich’ (Paul Gerhardt, KG 656)

‘In dir ist Freude in allem Leide’ (KG 652, Erfurt 1598)

 

b) Der Unheil verursachende Satan ist der Gegenspieler Gottes, der mit aller Schärfe als «Mörder und Lügner von Anfang an» sein Unwesen treibt.

Entsprechend versteht Jesus sein Wirken als Kampf gegen ihn (Dualismus). Deshalb ist die Weltgeschichte ein unheimlicher Kampfplatz zwischen Licht und Finsternis. «Wir sind im Kampfe Tag und Nacht» (Eph 6,10-17)!

Logisch ist diese Grundspannung nicht lösbar. Paulus hat diese doppelte Sicht auch in der Erfahrung seines eigenen Leidens nicht aufgehoben (2 Kor.12,7-10). So wie unsere polare Welt insgesamt die Erlösung braucht, so brauchen wir auch die Erlösung von der Theodizeefrage. Sie wird erst dann gelöst, wenn wir endgültig erlöst worden sind (Joh 16,20-23a; Offb 21,3-7).

Zwischen Gottes verborgenem und offenbarendem Handeln unterscheiden

Die Bibel will uns von ‘Gottesbildern’ befreien, die in uns im Laufe unserer Biografie gewachsen sind. Sie bezeugt ein doppeltes Wirken Gottes in der Geschichte:

a) Gott wirkt in der jetzigen Welt «in jedem Spatzen, Haarausfall und Klima». Wir erfahren das als beglückend und erschreckend zugleich, aber auch mannigfaltig schön und widersprüchlich absurd in einem. Deshalb ist hier nur die Erfahrung möglich, nicht aber das gläubige Vertrauen. Wer diese gegensätzlichen Lebenserfahrungen an sich heranlässt, wird eines Tages in völliger Verzweiflung enden. Die Bibel spricht hier vom verborgenen und geheimnisvollen Handeln Gottes in unserer gefallenen Welt (Jes 28,21; Ps 69; 73; 77 u.a).

b) Gott wirkt für uns das Heil in Christus. HIER begegnet mir Gott eindeutig und klar als der grenzenlos liebende, barmherzige und gute Gott, der alles schuldhaft an uns Klebende wegwischt und uns neu erschafft. Hier kann nun gläubiges Vertrauen, Gewissheit und Lebensmut entstehen. Diese Gewissheit erträgt auch die widersprüchlichen Erfahrungen.

Gott selbst nimmt das Leiden auf sich

Das Absurde wird nun – überraschenderweise – von Gott selbst ‘ad absurdum’ geführt: Er leidet selbst an der Welt und unter der Welt! Damit stehen wir Menschen auf einer höheren Ebene vor einer neuen Frage: Warum lässt Gott das Leid an sich selbst zu?

Mit dem Kreuzestod Jesu Christi werden die Hauptfragen des Theodizeeproblems zum Paradoxon (logisch nicht auflösbarer Widerspruch):

Da stirbt der einzig wirklich Unschuldige der Weltgeschichte: Warum ausgerechnet ER und nicht wir?

Da soll nun der notorisch Gottlose glückselig weiterleben, weil er gerechtfertigt ist durch die gnädige Vergebung seiner Schuld. Warum lässt Gott dieses ‘Glück’ zu?

Da fällt vom Leiden Gottes und vom Kreuz Christi her ein tröstliches Licht auf unser Leid: Gott will uns tragen!

Plötzlich bin ich gefragt:

«Ich, ich und meine Sünden,

die sich wie Körnlein finden

des Sandes an dem Meer,

die haben dir erreget,

das Elend, das dich schläget,

und deiner schweren Martern Heer.»

(KG 441 u.a.)

Unser Glaube ist adventlich

Der Glaubende lebt in der Sehnsucht nach der endgültigen Erlösung, weil er im täglich angefochtenen Glauben lebt. Gerade wegen der Denk- und Existenznöte entwickeln Christen mitten in dieser Theodizeeproblematik das ‘eschatologische (auf die Ewigkeit ausgerichtete) Heimweh’, weil es kein System gibt, die Rätsel dieser Welt und meines Lebensschicksals durch unser logisches Denkvermögen zu lösen. Christen haben es deswegen gut, weil sie eine adventliche Hoffnung haben.

Das Dennoch des Glaubens im Zeichen lebendiger Hoffnung

Die ‘Kunst des Glaubens’ hält das Ineinander des offenbaren und verborgenen Handelns des einen Gottes in der Weggemeinschaft mit IHM aus. Und dieser Glaube entfaltet ein trotziges ‘Dennoch’ (Hiob 1,21; 2,10; Ps 73,23-28; Röm 8,18-39). Es ist das Wirken des Heiligen Geistes (Paraklet – Beistand), wenn uns innerlich das unerschütterliche Weltregiment Gottes nicht nur gezeigt, sondern zur Gewissheit wird. So können wir den ‘verborgenen Gott in der Welt’ und den ‘Vater Jesu Christi’ zusammen glauben! Die strahlende Liebe und Erlösung Gottes wird durch die dunkle Wolkenwand unverstehbaren Leidens hindurchgeglaubt und vorausgeglaubt.

So – und nur so – entsteht das für viele Menschen so unbegreifliche, unverständliche und schwärmerisch erscheinende ‘Lob Gottes aus der Tiefe’ (Paulus, Paul Gerhardt, Dietrich Bonhoeffer u.v.a.).

Dieser Glaube ist allerdings kein Happiness-Festival. Glaube, Liebe und Hoffnung erhalten ihre Stabilität durch Tiefgang; eine ‘Light-Version’ versandet erfahrungsgemäss in wenigen Jahren. Dafür sind wiederum die Psalmbeter, Paulus (Röm 5,3-5) und unzählige Persönlichkeiten der Kirchengeschichte Zeugen. Adolf Schlatter spricht deshalb ganz im Sinne der paulinischen Erfahrung (1 Tim 6,12; 2 Tim 4,7) von der ‘Last des Glaubens’.

 

Glaube ist also neben vielem anderen auch Überwindungsarbeit und Kampf gegen die realen und geschichtlichen Erfahrungen, Gefühle und Stimmen des eigenen Herzens. Nur in dieser geschenkten Glaubensgewissheit gibt es die Geborgenheit bei Gott, in der die Theodizeefrage ertragen werden kann: Sie wird zwar logisch nicht gelöst, aber in ihrer lähmenden Mächtigkeit aufgelöst!

 

Zuerst erschienen in BST 3/2008