«Glücklich der Mensch...»

«Glücklich der Mensch...»

von Manfred Engeli | 11.04.2012

So beginnen mehrere Psalmverse. Wer möchte nicht glücklich sein? Wenn wir aber Menschen fragen, was sie denn glücklich macht, gehen die Antworten weit auseinander.

Auch Philosophen und Dichter haben sich seit der Antike mit dieser Frage beschäftigt, und viele sind zum Schluss gekommen, dass es nicht die äusseren Umstände sind, die uns glücklich machen. Wie humorvoll kommt das doch im Märchen «Hans im Glück» der Gebrüder Grimm zum Ausdruck!

In den letzten Jahren hat sich auch die Psychologie mit der Frage zu beschäftigen begonnen, weshalb es gewissen Menschen trotz schwerer Erfahrungen so gut geht und was ihr Beitrag dazu ist. Ich denke etwa ans Thema Resilienz oder an gewisse Bücher über die Ehe. Zur Zeit lese ich das Buch des kanadischen Psychologen Yvon Dallaire, «Qui sont ces couples heureux?», in dem er der Frage nachgeht, was Paare dazu beitragen können, dass ihr Ehe-Glück andauert und zunimmt. Glück ist also mehr als Zufall und Geschenk. Was können wir dazu beitragen, glücklich zu werden und zu bleiben?

Gesegnet, zufrieden, glücklich

Erstaunt es da, dass «Glück» auch ein biblisches Thema ist? Gott will unser Glück: «Den Einsamen gibt Gott ein Zuhause, die Gefangenen führt er heraus ins Glück, die Empörer aber bleiben in der Öde» (Psalm 68,7). Dieser Text lässt erahnen, dass Glück aus Gottes Sicht in Beziehung gebracht werden muss mit anderen biblischen Begriffen: Leben in Freiheit, in Beziehungen und Gemeinschaft und im Frieden Gottes («Shalom»). Im Neuen Testament wird das Glück, das Gott für uns will, mit dem griechischen Wort «makarios» umschrieben. Es wird meist mit «glückselig» übersetzt. Es bedeutet, dass ein Mensch von Gott gesegnet und damit völlig zufriedengestellt und glücklich ist. Dies geschieht dadurch, dass der Heilige Geist und Christus in ihm Wohnung nehmen. Er lebt zwar noch in der Welt, aber durch die Hingabe an Gott und die Gemeinschaft mit ihm wird er frei von Fremdbestimmung durch die Welt.

Nicht die Umstände, sondern die Beziehungen

«Makarios» wird man also nicht durch die Umstände, sondern in seinen Beziehungen. Da Gott uns ihm ähnlich geschaffen hat, bilden die Beziehungen das Zentrum unseres Lebens. Je mehr diese durch das Empfangen und Schenken von Liebe geprägt sind, desto freier werden wir von den Umständen. Beim Lesen der wichtigsten Makarios-Textstellen im Neuen Testament fällt auf, dass der Mensch auch in sehr notvollen Situationen glücklich sein kann: im Aushalten der Versuchung, in geistlicher und materieller Armut, im Leiden, im Weinen und Trauern, im Geschmäht- und Gehasst-Werden, in der Verfolgung; aber auch beim Empfangen der Vergebung, im Ledig-Sein, im «blinden» Glauben und im Sterben.
Ist das nun einfach ein uns glücklich zufallendes Gottes-Geschenk oder haben wir unseren Teil dazu beizutragen? Glauben bedeutet immer das Zusammenspiel von Gottes Handeln aus Liebe und unserem Beitrag. Diese Interaktion erinnert mich an ein Pingpong-Spiel: Gott hat alles bereitgestellt; der liebevolle Anschlag, der sich ganz auf unsere Möglichkeiten einstellt, kommt von ihm. Wenn wir den Ball abnehmen und zurückspielen, geht das Spiel weiter; Gott wird das Spiel nie abbrechen.
In Jesaja 59,8 steht: «Den Weg des Friedens kennen sie nicht.» Dies gilt auch fürs Glücklichwerden: Der Mensch versteht eigentlich gar nicht, was ihn glücklich macht. Gott aber kennt den Weg zum Makarios-Glück, und er hat ihn für uns vorbereitet. Das ist sein «Anschlag» im Zusammenspiel; gehen müssen wir den Weg aber selber, Schritt um Schritt. Wie dieser Weg aussieht, wie wir ihn mit Gottes Hilfe finden und gehen können, versuche ich in meinem Buch «Makarios – Der Weg, ein glücklicher Mensch zu werden» aufzuzeigen.
In seinem Wort gibt Gott uns konkrete Hinweise für den Makarios-Weg, sei es durch direkte Anweisungen (vgl. etwa Mt 6,34) oder durch Modelle, von denen wir lernen können. In Matthäus 11,29 bietet sich Jesus dafür an. Wie hat denn Jesus, der «Menschensohn», das Makarios-Sein gelebt? Wenn wir die Seligpreisungen lesen – jede wird durch «makarios» eingeleitet – verstehen wir, dass Jesus hier umschreibt, was er selber erlebt und gelebt hat. Jesus war ganz makarios. Was bedeutet das für seine Beziehungen? Um dieser Frage nachzugehen, nehme ich das Konzept des Beziehungs-Dreiecks zu Hilfe (siehe Abbildung unten links). Dazu einige Feststellungen, aus denen Sie dann die Schlussfolgerungen für sich ziehen können.
Jesus stand in einer so tiefen Beziehung zum Vater, dass er ihn immer und überall «dabei» hatte; er lebte seine Beziehungen im Beziehungs-Dreieck. Der Gottes-Beziehung kam die erste Priorität zu. So wurde er frei von der Versuchung, Menschen zufriedenstellen oder gefallen zu wollen. Weder Menschen noch Satan konnten ihn für ihre Zwecke einspannen, er war nicht manipulierbar. Diese grosse innere Freiheit bildete die Voraussetzung dafür, dass er die Menschen bedingungslos lieben und ihnen mit grosser Barmherzigkeit begegnen konnte – auch auf dem Weg zur Kreuzigung. Aber damit band er die Menschen nicht an sich; er liess sie los, setzte sie frei und führte sie durch seinen Tod am Kreuz in die Beziehung zum Vater.
Es ist faszinierend und herausfordernd, das, was wir beim Lesen der Evangelien über Jesu Lebens- und Beziehungsstil entdecken, auf unser eigenes Leben zu übertragen. Über diesem Erkennen gilt die Herausforderung von Jakobus 1,22-24, die dann aber im Vers 25 mit der Verheissung des Makarios-Seins abschliesst:

Wer sich aber in das vollkommene Gesetz vertieft, das Gesetz der Freiheit, und dabei bleibt, wer also nicht ein Hörer ist, der wieder vergisst, sondern ein Täter, der sein Werk tut, der wird «makarios» sein bei dem, was er tut.