Gottes roter Faden mit den Menschen

Gottes roter Faden mit den Menschen

von Simone PflĂŒger | 19.03.2012

Ein Wirrwarr an Geschichten, ein Dschungel von ErzĂ€hlungen – so erscheint die Bibel manchmal. Im Neujahrskurs in Moscia wies der Theologe Bernhard Ott immer wieder auf den roten Faden hin: Gottes Suche nach den Menschen.

Durch das Alte und Neue Testament hat Gott immer wieder Menschen gerufen. Er ist mit ihnen in einen Bund getreten, hat sie durch Krisen getragen und untereinander versöhnt. Kann diese Geschichte weitergehen und auch in unserer heutigen Gesellschaft noch Leben verĂ€ndern? Diese Frage beschĂ€ftigte die Teilnehmenden am Neujahrskurs fĂŒr Studierende ĂŒber den Jahreswechsel in der Casa Moscia.
Zu Beginn der Vortragsreihe zeigte Bernhard Ott das Bild einer in eine Bibel integrierten Steckdose. Er forderte die Studierenden aus der ganzen Schweiz auf, immer wieder an Gottes Wort anzudocken. Biblische Texte hĂ€tten nĂ€mlich «lebensdeutendes Potenzial». Gerade in der postmodernen Zeit, in welcher der Einzelne manchmal die Orientierung verliert, sehnen wir uns danach, im eigenen Leben mehr zu entdecken als eine sinnlose Aneinanderreihung von Ereignissen. Vielleicht begegnet uns ja gerade beim Nachdenken ĂŒber Gottes Geschichte mit den Menschen ein roter Faden, der sich auch durchs eigene Leben zieht.

Gott gibt IdentitÀt

Als erstes ging es um die Frage «Wer bin ich?», also um die Deutung der eigenen Person. Seit der Renaissance greife die «Idee eines autonomen Individuums» um sich, «das durch eigenes schöpferisches Handeln seine Persönlichkeit erzeugt», zitierte der Referent den Soziologen Hans Geser. TatsĂ€chlich können wir uns heutzutage in vielerlei Hinsicht selbst erfinden. Bei der Berufswahl sind Traditionen in der Familie nicht mehr bestimmend. Auch wenn die schier unbegrenzten Möglichkeiten Spass machen, kann das Leben ohne vorgegebene Rollen auch sehr anstrengend werden. «Die Selbstverwirklichung hat in unserer Zeit ein belastendes Ausmass angenommen», sagte Ott. Zwar war «Selbstverwirklichung» schon zur Zeit des Alten Testaments ein Thema. Die Turmbauer zu Babel wollten sich nicht nur einen Turm, sondern auch eine kollektive IdentitĂ€t bauen. In 1. Mose 11,4 heisst es: «Auf, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen.» Bernhard Ott wies aber auf Gottes Alternative hin: In 1. Mose 12,2 verspricht Gott, er werde Abrahams Namen gross machen. Was fĂŒr ein Unterschied zur vorherigen Geschichte! Gott möchte auch fĂŒr uns, die Nachkommen Abrahams, IdentitĂ€tsstifter sein. Er fordert uns heraus: Lass dich auf mich und mein Projekt ein; ich will dich in ein Land fĂŒhren, das du zwar noch nicht kennst, aber ich werde dich segnen, deinen Namen gross machen und dich zum Segen fĂŒr viele werden lassen.
Ob wir diesem Ruf folgen, hĂ€ngt von unserem Gottesbild ab. Die Art, wie wir Gott sehen, bestimmt unseren Alltag. Ist mein Leben von Sorge geprĂ€gt, weil ich denke, dass Gott apathisch auf einer Wolke sitzt und sich nicht um mich kĂŒmmert? Oder kann ich mich am Leben freuen, weil ich glaube, dass es Gott gut mit mir meint? Kann ich Andere segnen, weil ich weiss, dass ich nicht zu kurz komme?

Gott stellt sich vor

Das jĂŒdisch-christliche Gottesbild erklĂ€rte Ott anhand der Dramaturgie des Exodus:

  1. Der gnĂ€dige Gott: Nur durch Wunder schafften es die Israeliten, aus Ägypten auszuziehen. Gott machte seinem Volk damit klar, dass allein seine Gnade den Sieg herbeigefĂŒhrt hatte. Er offenbarte sich als gnĂ€diger Gott.
  2. Der treue Gott: Am Berg Sinai schloss Gott einen Bund mit den Menschen. Diese gegenseitige Treueverpflichtung sollte eine AtmosphĂ€re des Vertrauens und der Sicherheit schaffen. Gott wollte, dass sich die Menschen nicht mehr nur Ă€ngstlich an ihn richten, wenn sie etwas brauchen, dass sie nicht nur opfern, um etwas dafĂŒr zu bekommen, sondern dass sie ihn wirklich anbeten und – im Vertrauen auf seine Treue – fĂŒr ihn leben. Dass sich ein Gott auf einen Bund, eine Treuverpflichtung mit seinen Menschen einlĂ€sst, ist eine jĂŒdisch-christliche Besonderheit.
  3. Der wandernde Gott: Der Gott der Bibel wohnt bei seinen Menschen. Zur Zeit Moses’ wanderte er in einem Zelt mit den Israeliten mit. Diese Linie zieht sich weiter ins Neue Testament, wo Jesus mitten unter die Menschen kam.

Zeiten verĂ€ndern sich – Gott geht mit

Der wandernde Gott begleitete das Volk Israel 40 Jahre lang durch die WĂŒste. Die Ansiedelung im gelobten Land brachte viel VerĂ€nderung und viele Fragen mit sich. Wie weit sollten sich die Israeliten an die Sitten anderer sesshafter Völker anpassen? Nach dem Vorbild angrenzender Kleinmonarchien entstand im Volk zum Beispiel der Wunsch nach einem König. Die Bibel erzĂ€hlt im achten Kapitel des ersten Buchs Samuel, dass sich Samuel dieser Bitte zuerst widersetzte. Interessanterweise war sie fĂŒr Gott kein so grosses Problem. Er erfĂŒllte den Israeliten ihren Wunsch, warnte sie aber vor den Nachteilen einer Monarchie und stellte Regeln auf, welcher König zu wĂ€hlen sei und wie sich dieser zu verhalten habe (5 Mose 17,14-20). SpĂ€ter liess sich Gott auch auf die Idee eines Tempelbaus ein, obwohl er bisher immer in einem Zelt «gelebt» hatte. Diese Beispiele aus dem Alten Testament zeigen gemĂ€ss Bernhard Ott, dass Gott kulturellem Wandel nicht grundsĂ€tzlich negativ gegenĂŒbersteht. Er erlaubt Anpassung, weist aber auch auf Gefahren hin. Auch das Neue Testament betont, dass die Gemeinde Gottes einerseits in der Welt (Joh 17,11), anderseits nicht von dieser Welt sei (Joh 17,14). Letztlich lassen sich Fragen der Integration versus Nichtanpassung nicht immer mit einer Bibelstelle lösen. Umso mehr sind wir dann auf Gottes Wegweisung in der jeweiligen Situation angewiesen.

Der rote Faden als Rettungsseil

Auf Gott angewiesen sind wir auch in Krisensituationen. Im Umgang mit Krisen beeinflusst uns aber auch die «Seh- und FĂŒhlgesellschaft», in der wir leben. AusdrĂŒcke wie «es fĂ€hrt ein» spiegeln eine Kultur, in der das momentan Erlebbare ausschlaggebend ist. Ott betonte jedoch, dass sich eine hedonistische Eventkultur auf dĂŒnnem Eis bewege, welches schnell breche, wenn das stimulierende Event ausbleibt. Dies gelte auch fĂŒr eine christliche Eventkultur, fĂŒr Wohlstandsevangelium und Wellness-Christentum. Am Kausalzusammenhang von Gottes Treue und sichtbarem Segen in Form von Erfolg und Wohlstand ist gemĂ€ss Ott bereits die Theologie des alten Israels gescheitert. Die Ältesten hĂ€tten nicht auf unheilvolle Prophezeiungen gehört und statt dessen gedacht, solange alles funktioniere, sei Gott schon auf ihrer Seite. Nach 400 Jahren im verheissenen Land kam die Krise dann doch: das Exil in Babylonien. Propheten dieser Zeit rangen um eine krisentaugliche Theologie, was beispielsweise in den Klageliedern Jeremias sehr anschaulich wird. Jeremia klagte Gott all sein Leid, um dann schliesslich, am Tiefpunkt angelangt, zu bekennen:

 

An mein Elend und meine Heimatlosigkeit zu denken, bedeutet Wermut und Gift! Und doch denkt meine Seele stĂ€ndig daran und ist niedergedrĂŒckt in mir. Doch dies will ich mir in den Sinn zurĂŒckrufen, darauf will ich hoffen: Ja, die Gnadenerweise des HERRN sind nicht zu Ende, ja, sein Erbarmen hört nicht auf, es ist jeden Morgen neu. Gross ist deine Treue. (Klagelieder 3,19-23; Elberfelder)

 

Was sich Jeremia in Erinnerung ruft, ist der Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat, das Versprechen seiner Treue. Der rote Faden der Bibel kann auch uns zum Rettungsseil werden. Gottes Zusagen sind das Einzige, an das wir uns wirklich klammern können – ganz egal, was wir im Moment sehen oder spĂŒren.

Leben in Gemeinschaft

Schliesslich widmete sich Bernhard Ott noch folgender Frage: Ist das Evangelium heute noch relevant? Ganz bestimmt war es dies nach dem Tod Jesu. Die neue Lehre war im grossen griechisch-römischen Reich ein durchschlagender Erfolg und fand enorme Verbreitung. Herauszufinden, woran das lag, könnte auch fĂŒr die heutige Zeit von Bedeutung sein. Ott erklĂ€rte, das RevolutionĂ€re am Christentum sei die allumfassende Versöhnung. Durch Jesus Christus bekam jeder GlĂ€ubige Zugang zu Gott. Doch es geht nicht einfach um eine private Gottesbeziehung, die jeder fĂŒr sich lebt. Christus schuf vor allem auch eine neue Art des Miteinanders. Er versöhnte verschiedene Gruppen in einer neuen Menschheit, in seiner Familie aus «BrĂŒdern und Schwestern». In Epheser 2,14-17 beschreibt Paulus, wie Christus die Trennwand zwischen Juden und Nichtjuden wegnahm. Diese Aufhebung der Trennung zwischen Juden und Nichtjuden, aber auch zwischen Herren und Sklaven, MĂ€nnern und Frauen etc. hat im griechisch-römischen Reich Anklang gefunden. Auch heute noch gibt es GrĂ€ben, KlĂŒfte und TrennwĂ€nde zwischen Menschen. Auch heute noch ist Gottes zukunftsorientiertes Lösungsangebot, das dem Hass zwischen den Menschen ein Ende setzen soll, relevant. Die Frage ist, wie die Christen diesen neuen Umgang miteinander vorleben. «Zur Zeit des frĂŒhen Christentums kamen Menschen zum Glauben, weil sie sahen, wie Christen im Alltag miteinander lebten», sagte Ott. Auch heute solle der christliche Glaube «nicht nur ein Dogma, sondern die Art, wie wir miteinander leben» sein. Dann werden sich unweigerlich Menschen angezogen fĂŒhlen. Und wir nehmen teil an Gottes grosser Suche nach den Menschen.