Grundhaltungen für die Kontemplation

Grundhaltungen für die Kontemplation

von Hansruedi Koller | 06.02.2004

Immer wieder einmal taucht die Frage auf: Was bringt regelmässiges Meditieren? Lohnt sich der Aufwand? Die kürzeste Antwort finde ich bei Paulus: „Bewirket euer Heil mit Furcht und Zittern, denn Gott wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen“ (Philipper 2,13).

Unser geschenktes Heil ausgestalten, nicht auf die „Rolltreppe in den Himmel“ stehen, sondern dem Herrn den Weg bereiten. Dazu schenkt Gott den Willen und das Gelingen. Der Windsurfer steht hilflos auf seinem Brett, wenn kein Wind weht. Weht er aber mit Windstärke 4, dann wohl dem Surfer, der seine Hausaufgaben gemacht und regelmässig und mit Beharrlichkeit geübt hat. Warum soll das im Geistlichen nicht auch gelten?
Die fünf folgenden Haltungen dienen dazu, in die innere Ruhe zu finden.

1. Gegründet wie ein Fels

Ich sitze auf meinem Schemel auf dem Boden. In der Vorstellung sehe ich ein Felsmassiv, fest, unerschütterlich, verbunden mit der Erde. Wind und Wolken, Blitz und Hagel können ihm nichts anhaben. In den Psalmen wird Gott oft mit einem Fels verglichen, in dessen Schutz ich Halt und Sicherheit finde. Wenn ich Gottes Ebenbild bin, gibt es auch in mir Festigkeit, die allerdings hin und wieder bröckelt. Im festen Grund, der gelegt ist – Christus, gründe ich mich. Durch die Meditation möge meine Festigkeit gestärkt werden.

2. Aufgerichtet wie eine Mohnblume

Welch ein Gegensatz! Dieser ist wichtig, soll meine Festigkeit nicht in Sturheit umschlagen. Fest und gleichzeitig beweglich, vom Winde (Geist) bewegt. Im Bild der Blume liegt aber noch mehr drin. Sie richtet sich auf, streckt sich dem Licht entgegen, ohne das sie ihre Blüte nicht entfalten kann. Unübertrefflich sagt Tersteegen: „Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“
Lass mich dich wirken lassen! Das ist die kürzeste Formulierung dessen, worum es in der Kontemplation geht. Im Aufgerichtet-Sein liegt auch das Wort „auf- richtig“ drin. Damit sei der Klärungsprozess angedeutet, der den Weg der Kontemplation begleitet.

3. Verbunden mit allem durch den Atem

Der Atem verbindet mich mit Pflanzen, Tier und Menschen, die wir alle die gleiche Luft atmen. Ich bin ganz von Luft umgeben, und in allen meinen Zellen hat es Sauerstoff! Ein Bild für „Ich in Dir und Du in mir!“ Im Bild des Schöpfungsberichts haucht Gott mir seinen Atem ein, dadurch werde ich zu seinem Gegenüber. Der Auferstandene haucht in seine Jünger mit den Worten: „Empfanget heiligen Geist.“ Die Nähe, die Gott zu uns wünscht, kann nicht klarer zum Ausdruck gebracht werden als in dieser Geste. Darf ich ihn nicht bei jedem Atemzug um seinen Geist bitten? Beim Sitzen hilft mir das bewusste Atmen immer wieder, aus der Zerstreuung in die Sammlung zurück zu finden.

4. Gegenwärtig sein

Das ist wohl das Schwierigste beim Meditieren. Entweder gehen unsere Gedanken in die Vergangenheit oder in die Zukunft. Wie schwer ist es, ganz in der Gegenwart zu verweilen! Und gerade darin möchte Gott uns begegnen. „Wenn nur die Seele nicht ausgegangen ist mit ihren fünf Sinnen!“ mahnt uns Eckhart. Die Hilfe besteht darin, dass wir wohl wahrnehmen, was in uns abläuft, aber wir lassen die Bilder, Gedanken und Gefühle immer wieder los. Dadurch entsteht nach und nach Ruhe in uns. Wir lassen die „wilden Pferde“ vorbeirasen, aber wir „hocken“ ihnen nicht auf.
Wer in dieser Übung ausharrt, wird mit der Zeit merken, dass seine „Anhänglichkeit ans Ich gelockert wird“ (Richard Rohr). Wenn ich abnehme, kann er wachsen!

5. Gelassen sein

Damit ist nicht Coolness gemeint, sondern eine immer ungeteiltere Hingabe an Gott. In der Wandlung unseres Charakters sind wir am stärksten gefordert und auch am ungeduldigsten!
Tersteegen betet „Ich lass mich dir“ und Niklaus von der Flüh noch drastischer: „Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“ Beide wurden gewahr, dass das grösste Hindernis für vertiefte Gotteserfahrung unser liebes Ego ist. Ob ich gelassen bin, zeigt sich am Besten darin, ob ich froh und getrost das Loslassen übe, oder ob ich mich noch ärgere, wenn es nicht so schnell geht wie ich mir vorstellte.
Diese fünf Haltungen mache ich mir meistens am Anfang des Sitzens bewusst. Während der Stille nur dann, wenn ich merke, dass ich mit meinen Gedanken wieder abgeschweift bin.
Viele Zeugen vor uns sind diesen Weg gegangen, ihre Erfahrungen füllen Bibliotheken. Warum nur zögern wir, diese Schätze auszugraben und für uns fruchtbar werden zu lassen?

 

Zuerst erschienen in BST 2/2004