Grundzüge einer christlichen Pädagogik

Grundzüge einer christlichen Pädagogik

von Daniel Kummer, Andreas Schmid | 22.09.1997

Christliche Pädagogik soll eine Anleitung zum Vertrauen hin sein. So wie Gott im Menschen ein Vertrauen weckt, um ihn zum Mitgestalten der Schöpfung zu gebrauchen, sollen auch christliche Pädagogen das Vertrauen im Kinde stärken und aufbauen.

Die Handschuhe sind nach einem Skitag zerschlissen. Sie waren ausgeliehen. Er hat jedesmal seine Skier so zum Lift getragen, dass dabei die scharfen Kanten die Handschuhe zerschnitten haben. „Tut mir leid.“ Er tut mir auch leid. Weshalb geht so vieles in seinen Händen kaputt. Hat ihm nie jemand gezeigt, wie man Skier trägt? Wie könnte man bloss sein Selbstvertrauen stärken?

Eigentlich sind wir ja beim Thema Erziehung und der Frage, wie eine christliche Erziehung aussehen kann und ob es überhaupt so etwas wie christliche Erziehung oder christliche Pädagogik gibt. Im Hinblick darauf setzen wir bei der Frage des Vertrauens und des Aufbaus von Vertrauen an. Wir glauben, dass es dabei um ein Kernstück einer am christlichen Glauben orientierten Erziehung geht.

Ist die Vertrauensfrage nicht die zentrale Frage der ganzen heiligen Schrift alten und neuen Testaments? Das Leben wird an vielen Orten, zum Beispiel in den Chronikbüchern, als Weg des Vertrauens oder des Misstrauens gegenüber Gott und seinen Anweisungen beschrieben. Von daher liegt es nahe, den ‘Vertrauensbegriff’ auch als Ausgangspunkt für eine christliche Pädagogik zu wählen. Aus diesem Blickwinkel ist christliche Pädagogik Anleitung und Begleitung zum Vertrauen hin. Menschen lernen aus Vertrauen zu Gottes Anweisungen und seiner Vaterschaft seine Schöpfung zu verwalten und zu gestalten. In jedem Lebensabschnitt wird durch verschiedene Aufgaben und Beziehungen neu Vertrauen von uns gefordert, ohne dass wir je das Vertrauen ‘im Sack’ hätten.

1. Vertrauen als pädagogisches Ziel

Wir beginnen mit zwei Begriffsklärungen: Pädagogik bedeutete ursprünglich ‘Knabenführung’ und hatte grundsätzlich zum Ziel, einen ‘Zögling’ durch einen Erzieher ‘ins Leben’ hineinzuführen. Dazu muss entweder die Vergangenheit oder die Zukunft Ziele aufzeigen, zu denen der Zögling geführt werden soll. Die wichtigsten Punkte ‘des Lebens’ werden in Form eines Ideals konzentriert festgehalten und die geeigneten Mittel sollen dorthin führen.

Vertrauen kann mit ‘fest werden und wagen’ oder ‘als treu betrachten’ umschrieben werden. Wenn man Vertrauen oder Glaube von der Entwicklung des Menschen oder der jüdischen Tradition her betrachtet, wird die Bedeutung von Beziehungen sichtbar. Erziehung und Glaube sind eng verbunden und an Gott gebunden: ‘Glauben’ meint im jüdischen Verständnis von Gott geleitet und geformt zu werden.

Dass im Vertrauen, und zwar nicht nur unmittelbar im Vertrauen zu Gott, sondern auch zu den Mitmenschen und zur Schöpfung das Heil des Menschen liegt, soll nun einerseits durch einen biblischen, andererseits durch einen entwicklungspsychologischen Zugang entfaltet werden.

1.1 Biblischer Zugang:

Die Bibel beginnt mit der Schöpfungsgeschichte in der Gott dem Menschen seine Liebe und sein Vertrauen ausdrückt. Das deutlichste Zeichen dafür ist das Anvertrauen der Schöpfung, die der Mensch verwalten soll. In Genesis 3 geschieht der Vertrauensbruch des Menschen mit Gott. Adam und Eva (ver-)trauten dem, was ihnen attraktiver schien, mehr, als dem, was Gott zu ihnen gesagt hatte. Durch dieses ‘fehlgeleitete Vertrauen’, oder auch Misstrauen ist der Mensch und mit ihm die Schöpfung gefallen.

Die Bibel kann von da an unter dem Gesichtspunkt gelesen werden, wie Gott versucht, das Vertrauen des Menschen in ihn und seine Gebote wiederzugewinnen. Über das Vertrauen einzelner Menschen (Henoch, Abram, Mose, 12 Jünger) versucht er ein ganzes Volk (Israel, die Gemeinde) zu gewinnen und so den anderen Völkern zu zeigen, wie er ist. An verschiedenen Orten wird sichtbar, was sich Gott davon erhofft:

Deut. 4,6ff: „Und die umliegenden Nationen werden sagen: Ein wahrhaft weises und verständiges Volk ist diese grosse Nation! Denn wo gibt es eine so grosse Nation, die Götter hätte, die ihr so nahe sind, wie der Herr, in allem, worin sie zu ihm rufen? Und wo gibt es eine grosse Nation, die so gerechte Ordnungen und Rechte hätte, wie dieses ganze Gesetz?“

Gott möchte, dass wir ihm so vertrauen, dass wir aufgrund seiner Weisungen als Söhne und Töchter diese Schöpfung verwalten und gestalten. Auch die Erziehungsanweisungen haben dieses Ziel: Die nachfolgende Generation soll die Taten und Weisungen Gottes hören, so dass sie Vertrauen zu ihm schöpft und ihm gehorcht (Deut. 6-8, Ps. 78, Heb. 11).

Gottes Erziehungsversuch scheitert immer wieder, sein Vertrauen wird enttäuscht. Das hat Konsequenzen. Gott straft sein Volk, aber selbst darin wird sein Hoffen und Vertrauen sichtbar. Wer keine Hoffnung mehr hat, grenzt sich ab, versucht loszuwerden, beantragt eine ‘definitive Versetzung’, eine ‘bessere und intensivere Betreuung’. Wer straft, hofft auf Besserung, nimmt auch selbst die Schmerzen des Strafens auf sich. Gott vertraut folglich nicht naiv oder blid, aber unendlich ausdauernd. Er schickt seinen Sohn, der uns vorleben soll, was mit dem geschieht, der Gott vertraut. Dass Gott ihn durch allen Tod ins Leben hineinführen wird. Jesus vertraut Gott als liebendem Vater in allem, bis in den Tod am Kreuz hinein. Er wird uns damit zum gehorsamen Vorbild des Vertrauens bis ins Letzte. Und wieder wird Gottes Vision von einem Volk, das ihm vertraut und seine Gesetze liebt, sichtbar. In Joh 17,21 bittet Jesus für unsere Einheit, damit die Welt vertraut, dass er Gottes Sohn ist und so heil wird. Gott will das Heil der Welt. Dieses liegt im Vertrauen auf Gott und im Verwalten und Gestalten als Söhne und Töchter Gottes. Vertrauen ist der zentrale Begriff in Gottes Erziehung. Was kennzeichnet unsere Erziehung?

1.2 Entwicklungspsychologischer Zugang:

Vertrauen ist aus entwicklungspsychologischer Perspektive gemäss Erik H. Erikson grundlegend und für eine weitere Entwickung zentral. Wer in seiner Kindheit kein Vertrauen in Form von Zuwendung erfährt, stirbt, selbst wenn er physisch versort wird, wie die Untersuchungen von René Spitz gezeigt haben. Wer nicht vertraut, dass es da draussen etwas lohnendes zu ergreifen und so zu begreifen gibt, wird sich nicht entwickeln. Er bleibt buchstäblich sitzen. Ein Kind, das gehen lernt, traut sich, Schritte zu tun, sich den eigenen Beinen anzuvertrauen und so die Welt zu entdecken. Die Eltern bilden dabei die sichere Basis zu der das Kind immer wieder zurückkehrt und wie ein ‘Satelit’ von der Eltern ausgehend sein ‘Universum’ erkundet.

Im Verlauf der ersten Lebensjahre haben wir ein Verständnis über sehr vieles in der Welt aufgebaut. Wir können uns vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man eine Fensterscheibe berührt, können ein zerbrechliches Glas ergreifen, es zum Mund führen und daraus trinken. Scherben bringen weniger Glück, als dass sie uns bewusst machen, einen vertrauten Umgang mit den alltäglichen Gegenständen nicht für selbstverständlich zu halten. Lernen heisst, Vertrauen aufbauen, so dass ich mich aufgrund des Gelernten in der Welt bewegen kann. Wenn im Verlauf der Entwicklung das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Möglichkeiten Gottes gestärkt werden, hat ein Kind, auch wenn es Erwachsen wird, Hoffnung, dass das Leid und der Tod nicht das letzte Wort sind und wir ihnen nicht ohne Hoffnung ausgeliefert sind.

Mit dem Erwachsenwerden erreichen wir den Höhepunkt unser Sicherheit, die wir uns durch vertrauendes Einlassen auf die Wirklichkeit erworben haben. Wir sind uns der Welt und unserer selbst sicher. Mit dem älter werden stellt sich die Frage, ob das Vertrauen in die ‘Aussenwelt’ und die erworbenen Fähigkeiten begleitet werden vom Vertrauen in die ‘Innenwelt’ und in Gott, der unserem Herzen Halt gibt. Die Vertrauensfrage, stellt sich nach der Selbst-sicherheit der ‘guten Tage’ wieder neu und wird durch den Tod radikal herausgefordert. Wer nicht mehr vertraut, verarmt in jeder Hinsicht. Der Weg in die Welt wird zu gefährlich, der Weg zum Nächsten nicht länger lohnenswert, der Weg zu Gott unrealistisch und der Weg zu mir selbst bedeutungslos. Wer nicht mehr vertraut, wird alt.

2. Vertrauen im Verwalten und Gestalten

Christliche Pädagoginnen und Pädagogen haben verschiedene Schwerpunkte gesetzt, wie sie das Vertrauen im Kinde stärken und aufbauen wollten.

Johann Amos Comenius, einer der wichtigen christlichen Pädagogen der Neuzeit, wollte die Kinder zu den drei Büchern Gottes hinführen. Gott hat die für uns wichtige Wahrheit (1) in der Schöpfung, (2) im Verstand und (3) in der Bibel offenbart. Jedes dieser Bücher sollen wir aufschlagen und darin lesen, denn jedes enthält einen Teil Wahr-heit, der für uns wichtig ist, um gute Verwalter zu sein. Wer meint, nur mit einem Buch auszukommen, selbst wenn es die Bibel ist, verwaltet nicht gut. Gott hat aus der Sicht Comenius’ den Menschen als seinen Stellvertreter in die Schöpfung gesetzt, damit er dort Gottes Willen Raum schafft. Dabei ist er auf Gottes erlösendes Werk angewiesen. Nur wenn er in Gott sein Leben verankert hat, kann er sich im Treiben der Welt zurechtfinden.

Maria Montessori war es an ihrer ersten Stelle als Ärztin ein Anliegen die geistig zurückgebliebenen Kinder zu fördern und deren Vertrauen ins Leben zu stärken. Die Kinder waren sehr verwahrlost und hatten keine Gegenstände, an denen sie die Wirklichkeit erfahren konnten. Montessori erarbeitete besonderes Material, mit dem die Kinder ihre Sinne trainieren konnten. Mit diesem Material lernten sie ergreifen, loslassen, zusammenstecken, aufeinanderlegen, Farben unterscheiden und Form und Beschaffenheit erfühlen. Kein Wunder, dass sie sich sehr gut entwickelten, sogar gleichgut, wie die Kinder der normalen Schulen. Maria Montessoris Material baut das Vertrauen der Kinder in ihre Fähigkeiten im Umgang mit der Schöpfung auf. Hierzu ein Beispiel: Eine Stufe auf dem Weg ins Leben der Grossen besteht darin, dass man seine Schuhe selber schnüren lernt. Ich weiss, wie ich als Kind meine Mutter bewundert habe, die ihre Schürze selbst hinter dem Rücken perfekt schlaufen konnte. In den Montessori-Schulen gibt es ein Brett mit acht Bändeln, an denen dieser welteröffnende Knoten bis zur Perfektion geübt werden kann. So gibt es ähnliches Material, mit dem Kinder den Zahlenraum von 1 bis 1000 abstecken, einen Fruchsalat zubereiten, die Hände waschen, die Form der Buchstaben erfühlen usw. Montessori lag am Selbstvertrauen der Kinder und wollte sie erfahren lassen: „Ich kann es richtig machen! Mir gelingt es!“ Welch gesundes Selbstvertrauen wird damit im Umgang mit der Schöpfung aufgebaut!

Andere Pädagogen legten das Schwergewicht mehr auf die zwischenmenschliche Beziehung und die Beziehung zu Gott. Gerhard Bohne, ein evangelischer Pädagoge aus diesem Jahrhundert, lag sehr viel daran, dass wir im Umgang mit unseren Mitmenschen von Vertrauenswürdigkeit ausgehen. Er ist der festen Überzeugung, dass dort, wo wir einem Kind mit Vertrauen begegnen, dieses Vertrauen in sehr vielen Fällen erwidert wird. Wo mir ein Mensch mit Vertrauen begegnet, ist es schwierig über längere Zeit misstrauisch zu bleiben. Auf die Beziehung zu Gott übertragen: wo wir Gottes nachhaltiges Vertrauen einem Menschen vor Augen malen, wird das nicht ohne Frucht bleiben.
In der jüdischen Erziehung, wie sie sich auch in verschiedenen Texten des alten Testaments ausdrückt, wird die Bedeutung der Teilhabe an der Geschichte Gottes mit den Menschen deutlich. Die Erinnerung an seine Treue und seine Weisungen und Gesetze stehen im Zentrum. Im neuen Testament wird die Zugehörigkeit zu Gottes Familie, und damit verbunden, das Bewusstsein, dass wir zu Gottes Heilsplan mit dieser Welt dazugehören, betont. Wo ein Kind hineingenommen wird in dieses Sehnen Gottes nach Heil in der Welt, wird es sich zu seiner Zeit auch von Gott finden lassen. Dazu gehört, dass wir einem Kind z.B. die Bedeutung der Feste des Kirchenjahres in einer Weise vermitteln, in der es unsere Begeisterung über diese Feste mitempfinden kann. Wichtig werden dabei auch Glaubensvorbilder in Erfolg und Leiden, an denen wir ein Stück von Gottes Treue erkennen können und deren Hoffen auch unser Vertrauen stärkt. Wo haben wir zum Beispiel in unserer Wohnung Hinweise auf die Vertrauenswürdigkeit Gottes in unserem eigenen Leben, die unsere Kinder so interessant finden, dass sie uns nach deren Bedeutung fragen? Wie feiern wir mit Kindern ihren Geburtstag, den Sonntag, den Tag unserer Taufe, oder einen Familiengottesdienst, so dass sie zum Zeichen für Gottes Handeln in unserem Leben werden? Hier gäbe es einen grossen Reichtum zu entdecken und auszuprobieren.

3. Gibt es eine ‘christliche’ Erziehung?!

Kann man überhaupt zu Vertrauen zu Gott erziehen und das ‘christliche’ Erziehung nennen?! Ein Blick auf die (jüngere) Geschichte der Pädagogik vermag uns einige wichtige Hinweise und Unterscheidungen zur Frage zu geben.

Mit der aufkommenden Wissenschaftsgläubigkeit entwickelte sich auch in der Erziehung ein verheerender Machbarkeitsglaube: Wenn man nur die richtige Methode findet, kann man den Menschen so ‘herstellen’ wie man ihn gerne möchte. Diesem Machbarkeitsglauben widersetzten sich christliche Pädagogen immer wieder, besonders dann, wenn man auch das Heil des Menschen mit den richtigen Methoden in den Griff bekommen wollte.

Ein pointierter Mahner in dieser Sache war Oskar Hammelsbeck. Sein 1958 in zweiter Auflage erschienenes Werk „Eine evangelische Lehre von der Erziehung“ enthält Grundgedanken, die in ihrer Brisanz und Konsequenz immer noch bedenkenswert und aktuell sind. Im Rückgriff auf die reformatorische Unterscheidung ist Erziehung für Hammelsbeck zuerst einmal „ein weltlich Ding“, eine der menschlichen Gemeinschaft grundlegend aufgegebene Sache. Hammelbsbeck beharrt einerseits mit Nachdruck auf dieser Sichtweise, um die „sich immer mehr einfressende Zwangsvorstellung“ abzuwehren, die Kirche müsste zum Unterschied von einer weltlichen Erziehung eine evangelische betreiben. Andererseits gibt es in und gegenüber dieser Welt eine evangelische Verantwortung für die Erziehung, was bedeutet, für etwas verantwortlich zu sein aufgrund der gehörten und geglaubten „guten Botschaft“, dem Menschen zugute.

Aber: „Wer die Eigenständigkeit der Erziehung bejaht, verfehlt ihren Sinn, wenn er sie in einer harmonisch deutbaren Welt wähnt; dann wäre sie hoffnungslos idealistisch. ‘Weltlichkeit’ im positiven Sinne, die der evangelische Erzieher frei bejaht, ist nicht ein vorgetäuschter Urzustand, als ob der Sündenfall negiert oder überwindbar wäre. Sie darf zum Tun im Glauben angenommen werden, was in summa heisst: vom Worte Gottes aus.“

Es ist diese Sichtweise der Erziehung als Teil der „gefallenen Welt“, die die Abweisung jeglichen Machbarkeitsglauben beinhaltet - auch eines falsch verstandenen evangelischen: Denn „mit dem Evangelium von der Rechtfertigung des Sünders und Gottes Versöhnung mit der Welt kann kein gesetzliches Erziehungsprogramm aufgestellt werden“ sonst wird einem „unreformatorischen Irrtum“ Vorschub geleistet. Wird diese Unterscheidung nicht getroffen, stellt sich eine evangelische Erziehung mit in die Reihe jener „Vorzeichen-Pädagogiken“, die ein ganz bestimmtes Bildungsideal vertreten und zu verwirklichen suchen. Jegliche solche „Ganzheitspädagogik“, sei sie nun sozialistisch, humanistisch, katholisch oder eben auch evangelisch, ist ‘totalitär’ in einem positivistischen Sinne von Gesetzlichkeit - man weiss, wozu der Mensch erzogen werden soll, glaubt die dazu notwendigen Erziehungsmassnahmen zu kennen und sucht sie zu verwirklichen, ungeachtet dessen, dass die Erziehungsmöglichkeit noch nie erwiesen worden ist: „Eine zielstrebige Verwandlung des Menschen aus seinen eigenen Krften und Ideen gelingt nicht.“ HAMMELSBECKs Formel lautet deshalb: Erziehen vom Evangelium her. Für den evangelischen, oder eben christlichen, Erzieher erschöpft sich die Erziehungsmöglichkeit nicht im Menschenmöglichen; die kritische Einschränkung der Erziehung ist nicht einfach vernichtend, sondern heilsam. Das unvermeidliche Scheitern darf sein, Utopie und daraus hervorgehender Positivismus ist nicht die einzig mögliche Antwort: „Das Evangelium bleibt in der alleinigen Verfügungsgewalt Gottes. Die Erziehung kann sich nicht daran vergreifen. Sie kann aus dem Evangelium kein Bildungsideal und kein Erziehungsziel machen. (...) Der Christ braucht zu keiner Zeit die Illusion eines Bildungsideals, weil er aus der Fülle des die Welt berwindenden Glaubens leben und erziehen darf, vom Evangelium her. Diese radikal umgekehrte Weise kann den Ausgangspunkt nicht mehr mit der Zielstellung verwechseln.“

Vom Evangelium her sich der Erziehung annehmen bedeutet dann, erzieherisches Handeln vom Tun Gottes her gestalten, seine Geschichte mit den Menschen ernst zu nehmen. Ähnlich Gerhard Bohne, Zeitgenosse Hammelsbecks im Buch „Erziehung ohne Gott“: Er sieht die Grenzen, aber auch die Möglichkeit der Erziehung unter der Gnade und dem heilsamen Dienst Gottes:

„Zusammenfassend können wir feststellen, dass wir als Erzieher nur einen helfenden Dienst tun können. Aber diesen Dienst sollen wir auch tun. Es ist das Höchste, was man vom Erzieher sagen kann, dass er als ‘Mitarbeiter Gottes’ mithelfen kann an dem, was Gott dem Menschen tun will. Es gibt heute einen Streit um die Frage, ob es eine christliche Erziehung gäbe. Das ist ein Streit um Begriffe. Erziehung ist nichts anderes als menschliche Hilfe. Überall, wo es menschliche Hilfe gibt, gibt es auch Erziehung. So wie Menschen den Glauben an Gott hindern können, können sie auch zum Glauben helfen. Also gibt es auch Erziehung zum Glauben. Dass diese Erziehung zum Glauben nur im Glauben möglich ist, ist so selbstverständlich, dass es eigentlich nicht noch besonders versichert zu werden braucht.“

Sosehr uns an der Einschränkung des Machbarkeitsglaubens im Sinne Hammelsbecks liegt, erachten wir den Begriff ‘christliche Pädagogik’ dennoch als wichtig, da er das Anliegen auf den Punkt bringt: Pädagogik betreiben auf einer christlichen Wertgrundlage. Es muss aber klar sein, dass Vertrauen etwas ist, das nie hergestellt werden kann, ja sobald man überhaupt das Herstellen in den Blick nimmt, zeigt das eine Distanziertheit, die dem Vertrauen nicht förderlich ist. Man schaut dann mehr auf das Resultat, als auf den Menschen. Vertrauen kann aber dennoch ermutigt und unterstützt werden, vor allem dadurch, dass man selbst vertraut. Hinter dem Begriff ‘christliche Pädagogik’ taucht somit die unabdingbare Vertrauensbasis auf, von der die Erziehenden selbst ausgehen.

4. Christliche Pädagogik fördern

Wenn es Hauptziel einer christlichen Pädagogik ist, Vertrauen aufzubauen und aufgrund dieses Vertrauens zu verwalten und zu gestalten, ergeben sich daraus verschiedene Aspekte, wie eine christliche Pädagogik aufgebaut und gefördert werden könnte. Zuerst einmal vermittle ich dann nicht länger Wissen, sondern dieses Wissen erhält Bedeutung. Nach wie vor steht zwar z.B. das Einmaleins im Vordergrund, aber es erhält eine Ausrichtung: das Verwalter-sein.

Auch in einer christlichen Pädagogik geht es somit durchaus um Wissensvermittlung, aber das Wissen steht in einem weiteren Zusammenhang und macht deshalb anders und vielleicht auch mehr Sinn. Das Wissen wird relational, es steht in Beziehung zum Allwissenden, der sich auf vielfältige Form offenbart und uns auf sich aufmerksam macht. Man betrachte nur einmal eine Blumenwiese und staune darüber, wie subtil der Schöpfer evangelisiert!

Die drei Stichworte vertrauen, verwalten und gestalten gälte es weiter auch für jedes Schulfach zu entfalten. Wir sind damit bei einer Reihe spannender Frage angelangt: Welches Wissen, Können und Vertrauen braucht ein Kind, um als treuer Verwalter und origineller Gestalter in Gottes Schöpfung zu leben? Mit dieser Frage sind wir mitten in der aktuellen Bildungsdiskussion, die nach Schlüsselqualifikationen fragt. Wie würde ein Stoffplan aussehen, der von einer christlichen Pädagogik geprägt ist? Welche Auswirkungen hat der Vertrauensgedanke auf das Zusammenleben in der Schule, die Gestaltung des Unterrichts, den Einbezug des Kirchenjahres im Schulalltag, die Stoffülle, die Komplexität von Mathematikaufgaben oder die Funktion von Vorbildern aus Geschichte und Gegenwart?
Sobald wir so zu fragen und beten beginnen, werden wir merken, wie anders Erziehung und Schule noch sein könnten. Das Bedürfnis nach neuen Lehrplänen und Lehrmitteln, ja nach neuen Schulen entsteht. Dass so eine neue Bewegung von Schulgestaltern und -verwaltern entsteht, ist unser Anliegen. Eine so verstandene christliche Pädagogik hat auch einer visonslosen Erziehungswissenschaft wieder etwas zu sagen, resp. vorzuzeigen und wirkt inspirierend auf Theorie und Praxis der Erziehung.

Zuerst erschienen in BST 5/1997