Gute Ehen

von Judith Wallerstein, Sandra Blakeslee |

Über glĂŒckliche Ehen ist so gut wie nichts bekannt. Judith S. Wallerstein und Sandra Blakeslee haben dewegen beschlossen, 50 langjĂ€hrige und gut funktionierende Ehen unter die Lupe zu nehmen. In jeder Partnerschaft gibt es neun notwendige Aufgaben, die das Paar gemeinsam lösen muss, zum Beispiel die richtige Balance zwischen Wir und Ich zu finden und Raum fĂŒr Auseinandersetzungen, aber auch fĂŒr gemeinsames Lachen zu schaffen. "Die renommierte Beziehungsforscherin Judith Wallerstein macht Mut zur Ehe mit einem Psychobuch wie aus Rosamunde Pilchers Feder." (Focus)
Judith S. Wallerstein ist klinische Psychologin und Expertin fĂŒr die Auswirkungen von Ehescheidungen auf Partner und Kinder. Die GrĂŒnderin des "Center of Family in Transition" ist seit ĂŒber 40 Jahren glĂŒcklich verheiratet. Sandra Blakeslee ist Journalistin bei der "New York Times".
Wallerstein, Judith S.; Blakeslee, Sandra. Gute Ehen. Wie und warum die Liebe bleibt. ISBN 3423361190. Dtv 1998. 336 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

GlĂŒckliche Ehen: Gibt es sie wirklich?

Obwohl viele Ehen geschieden werden ist nach wie vor der Wunsch nach einer glĂŒcklichen Ehe an erster Stelle, noch vor dem nach Freunden, einer Arbeitsstelle und Geld. Mehr denn je brauchen wir in unserer schnelllebigen Welt einen dauerhaften Lebenspartner. Wir wĂŒnschen uns erotische, einfĂŒhlsame, leidenschaftliche, zĂ€rtliche, fĂŒrsorgliche Liebe. Wir sehnen uns nach Freundschaft, EinfĂŒhlungsvermögen, Ermutigung, VerstĂ€ndnis und Bewunderung nicht nur fĂŒr das, was wir erreichen, sondern auch fĂŒr das, was wir versuchen und nicht schaffen. Wir wĂŒnschen uns eine Beziehung, in der wir unsere unausgegorenen Ideen und tiefsten Ängste ohne Scham aussprechen können. Wir wĂŒnschen uns einen Partner, fĂŒr den wir einzigartig und unersetzlich sind.

Eine gute Ehe kann der Einsamkeit in ĂŒberbevölkerten GrossstĂ€dten und dem Wettbewerbsdruck des Arbeitsplatzes entgegenwirken. Sie kann eine Zuflucht bieten vor einer zunehmend anonymen Welt, in der so viele Leute mehr mit Maschinen als mit ihren Mitmenschen zu tun haben.

Ich kenne viele Leute, die sich scheiden lassen, und bei diesen Paaren sind mir zwei Dinge aufgefallen: Erstens erwarten viele Leute mehr von ihren Partnern, als sie selbst zu geben bereit sind. Zweitens haben sie nie richtig miteinander geredet. Ich glaube, wenn man mehr gibt, als man selbst erwartet, wird man alles bekommen, was man sich nur wĂŒnschen kann.

MĂ€nner und Frauen in einer guten Ehe mit Kindern haben einen Bezug zur Vergangenheit und ein Interesse an der Zukunft. Die Familie stellt ein wichtiges Bindeglied in der menschlichen Geschichte dar. Indem Eltern Verantwortung fĂŒr die nĂ€chste Generation ĂŒbernehmen, finden sie einen Lebenssinn und eine gestĂ€rkte eigene IdentitĂ€t.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Charakter der Ehe durch die verÀnderte Rolle der Frau und die höheren Erwartungen beider Geschlechter gewandelt.

Zum ersten Mal in der Geschichte ist die Entscheidung, verheiratet zu bleiben, vollkommen freiwillig. Alle Beteiligten können jederzeit gehen. In Europa endet eine von drei Ehen mit der Scheidung. Bei jeder Hochzeit fragen sich die GÀste insgeheim, ob diese Ehe halten wird.

FrĂŒher waren die zentripetalen KrĂ€fte (nach innen ziehnde KrĂ€fte) - Gesetz, Tradition, Religion, Einfluss der Eltern - stĂ€rker als diejenigen, die eine Ehe zerbrechen konnten, zum Beispiel Untreue, Missbrauch, Geldnot, enttĂ€uschte Erwartungen oder die Verlockungen des Neuen. Heute hat sich das Gleichgewicht verschoben.

In modernen Ehen, in denen die Menschen mehr Überstunden machen, oft verreisen mĂŒssen und Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen versuchen, wirken mehr KrĂ€fte auf die Beziehung ein als je zuvor: die Anforderungen, die die ArbeitsplĂ€tze beider Partner erheben; die sich wandelnden Werte des gesellschaftlichen Umfelds; die Sorge, finanziell ĂŒber die Runden zu kommen; geographische VerĂ€nderungen, Arbeitslosigkeit und Rezession; Kindererziehung und viele andere Fragen.

Im Ehebett drĂ€ngen sich mindestens sechs Menschen - das betroffene Paar und die jeweiligen Eltern. Dazu kommt eine Ansammlung von ei- nander widersprechenden persönlichen Werten und sich verĂ€ndernden sozialen Einstellungen: die Verwirrung ĂŒber die jeweiligen Geschlechterrollen, die GleichgĂŒltigkeit der Gesellschaft gegenĂŒber langjĂ€hrigen Ehen, das VermĂ€chtnis einer egoistischen, ĂŒbertrieben feministischen oder vom Machoideal geprĂ€gten Gesellschaft.

Die Leichtigkeit, mit der man sich scheiden lassen kann, und die verĂ€nderte Einstellung gegenĂŒber der Dauerhaftigkeit der Ehe sind selbst zu zentrifugalen KrĂ€ften geworden.

 

Ich beschloss, eine qualitative Studie von fĂŒnfzig Paaren zu entwerfen, denen es trotz der allgemein verbreiteten Schwierigkeiten gelungen war, dauerhafte, glĂŒckliche Ehen aufzubauen.

Ehemodelle

Im Verlauf meiner Untersuchung begann ich zu verstehen, dass sich gute Ehen in deutlich voneinander unterscheidbare Typen einteilen liessen, in die leidenschaftliche, die kameradschaftliche und die traditionelle Ehe sowie die Ehe als Zuflucht.

Manche der von mir interviewten Paare fielen ganz klar in eine einzige Kategorie, andere ge-hörten mehreren gleichzeitig an. NatĂŒrlich entscheiden sich Paare nicht bewusst fĂŒr den einen oder anderen Ehetypus. Vielmehr ist er Ausdruck ihrer jeweiligen bewussten und unbewussten Übereinstimmung.

 

Jeder Ehetypus weist ein unterschiedliches Mass an NĂ€he zwischen den jeweiligen Partnern auf. Die Einstellung gegen ĂŒber der Rolle von Mann und Frau unterscheidet sich von Typ zu Typ; das gleiche gilt fĂŒr die Ansichten ĂŒber die angemessene Aufteilung der anfallenden Pflichten sowie der Kindererziehung. Bei manchen Paaren verĂ€ndert sich das Muster wĂ€hrend der ganzen Ehe nicht. Bei anderen verlagert sich die Basis allmĂ€hlich oder auch sprunghaft durch drastische Ă€ussere VerĂ€nderungen wie die Geburt des ersten Kindes, den Auszug der Kinder, die Midlifecrisis oder den Ruhestand.

 

Manchmal sind sich die Partner von Anfang an in den meisten Dingen einig, hĂ€ufig jedoch verstĂ€ndigen sie sich erst in den ersten Jahren der Ehe ĂŒber die unterschiedlichsten Fragen. Die Basisbeziehung nimmt in dem Masse Gestalt an, wie die Partner an der Ehe arbeiten. Eine Partnerschaft, in der die Beteiligten nicht zueinander passende Erwartungen oder unverĂ€nderliche Forderungen haben, ist mit ziemlicher Sicherheit zum Scheitern verurteilt.

 

Die leidenschaftliche Ehe basiert auf dauerhaft intensivem sexuellem Interesse beider Seiten. Die Partner in solchen Ehen haben oft das GefĂŒhl, dass sie fĂŒreinander bestimmt waren. Erregende, sinnliche Erinnerungen an ihre erste Begegnung verblassen auch spĂ€ter nicht. Etwa 15% der glĂŒcklichen Ehen gehören zu diesem Typus. Interessant ist, dass Partner dieser Eheart, auch noch nach 30 Jahren von gegenseitiger Leidenschaft reden können. Solche Paare haben oft das GefĂŒhl, durch eine Art Magie miteinander verbunden zu sein. In leidenschaftlichen Ehen sagen die Frauen sehr oft, der Vater wĂ€re der liebevollere Elternteil gewesen. Die Beziehung dieser Frauen zur Mutter war oft konfliktbelasteter.   Die Frauen bezeichnen sich oft auch als Lieblingskind ihres Vaters. In den leidenschaftlichen Ehen fĂ€rbt die Vater-Idealisierung des MĂ€dchens auf den Ehemann ab. Die junge Frau ist sich ziemlich sicher, dass ihr Partner zuverlĂ€ssig ist, sie lieben und bewundern wird.

In leidenschaftlichen Ehen spielt das Sexleben der Paare die zentrale Rolle. Die Partner sind stolz darauf und sprechen ganz offen darĂŒber.  Obwohl in vielen dieser Beziehungen die IntensitĂ€t und die HĂ€ufigkeit des Sex im Lauf der Zeit abnehmen, verliert er seine Bedeutung fĂŒr die Ehe nicht.

 

Die Ehe als Zuflucht: Durch Verletzungen aus frĂŒheren Erfahrungen, haben diese Partner mit tiefen Traumatisierungen zu kĂ€mpfen, wenn sie ihr Zusammenleben beginnen. In der Ehe geht es dann hauptsĂ€chlich um das Verheilen dieser Wunden.

Wie die meisten Leute war ich der Meinung, dass eine schlechte Kindheit die Chancen fĂŒr eine gute Ehe verringert. Deshalb war ich freudig ĂŒberrascht, als ich durch diese Studie eine ganze Menge langjĂ€hriger Ehen fand, in denen einer oder beide Partner eine schreckliche Kindheit erlebt hatten, verlassen, misshandelt oder sexuell missbraucht worden waren. Erstaunlicherweise hatten diese Kindheitserlebnisse keinen prĂ€genden Einfluss auf die spĂ€tere Ehe. UngefĂ€hr ein FĂŒnftel der Paare in meiner Untersuchung fiel in diese Kategorie. Trotz ihrer Vergangenheit gelang es diesen Leuten, eine glĂŒckliche und liebevolle Beziehung zum Partner und zu den Kindern aufzubauen. Sie halfen ihnen dabei, den Schmerz frĂŒherer Erfahrungen zu bewĂ€ltigen.

In einem Modell der Ehe als Zuflucht beginnt die psychologische VerĂ€nderung, wenn zwei Menschen mit schwieriger Kindheit sich voneinander angezogen fĂŒhlen, obwohl sie in ihrem Innersten Angst davor haben, wieder verletzt zu werden. Wenn ihre Hoffnung stark genug ist, bringen sie das Vertrauen auf, gemeinsam eine Zukunft aufzubauen. Die beiden helfen einander, um die Wiederholung alter Szenarien zu verhindern. Sie beruhigen sich gegenseitig und gewinnen so ein Selbstvertrauen, das sie bis dahin nicht kannten. Ihre Beziehung lehrt sie, dass sie die Vergangenheit abschliessen und ihre Hoffnungen verwirklichen können.

Oft besteht die Hauptaufgabe einer solchen Ehe darin, sich von den verinnerlichten Bildern der Eltern zu lösen.

Durch die Neudefinition alter Rollen, die VerĂ€nderung von Erwartungen und die Suche nach einem Partner, der einen ergĂ€nzt, waren die Betroffenen in der Lage, sich von ihrer schrecklichen Vergangenheit zu befreien und selbst eine viel versprechende Beziehung aufzubauen.   Doch das Modell der Ehe als Zuflucht kann auch scheitern. Deshalb achteten die Partner in den glĂŒcklichen Beziehungen, mit denen ich mich in meiner Studie befasste, darauf, dass sie weder den MĂ€rtyrer spielten noch völlig mit dem anderen verschmolzen. Sie opferten sich nicht, um den anderen zu retten, spielten keine Rolle, die es dem anderen erlaubte, sich seinem Selbstmittleid hinzugeben, und sie bewunderten den Partner auch nicht masslos.

Das Wir-GefĂŒhl einer solchen Ehe unterschied sich deutlich von dem in einer leidenschaftlichen Ehe, in der die SexualitĂ€t eine zentrale Rolle spielte. FĂŒr erstere basiert das Wir-GefĂŒhl eher auf StabilitĂ€t, Moral und Zuneigung. Diese Ehen können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, und sie lösen auch nicht alle psychologischen Probleme, mit denen die beiden zu kĂ€mpfen hatten.

 

Die kameradschaftliche Ehe ist gleichzeitig die modernste und die am schwierigsten aufrechtzuerhaltende. Die kameradschaftliche Ehe entstand aus den mannigfaltigen gesellschaftlichen VerÀnderungen der vergangenen zwei Jahrzehnte und ist bei den jungen Leuten am weitesten verbreitet.

Von den Paaren in meiner Studie, die in den fĂŒnfziger Jahren heirateten, fĂŒhrte kein einziges eine kameradschaftliche Ehe, doch bereits vierzig Prozent derjenigen, die in den siebziger oder frĂŒhen achtziger Jahren den Bund fĂŒrs Leben schlossen, entschieden sich fĂŒr diese Form. Die meisten Partner in solchen Beziehungen wuchsen in den sechziger Jahren auf und erlebten die Frauenbewegung sowie die Zeit der sexuellen Befreiung.

Die kameradschaftliche Ehe grĂŒndet sich auf die Überzeugung von Mann und Frau, dass sie in allen Lebensbereichen gleichberechtigt und ihre Rollen, auch die innerhalb der Ehe, austauschbar sind. Beide verbringen einen grossen Teil des Lebens ausserhalb der Familie. Auch wenn ein Partner - im Regelfall die Frau - Erziehungsurlaub nimmt, bleibt der Kontakt zur Arbeitswelt erhalten.

Die Basis der kameradschaftlichen Ehe bilden Freundschaft und Vertrauen sowie die Überzeugung, dass die beiden Partner in allen Bereichen der Ehe gleiche Rechte und Verantwortung besitzen. Sie teilen sich nicht nur den Gelderwerb, sondern auch die Kindererziehung und gehen davon aus, dass die sexuellen BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche beider Partner artikuliert und erfĂŒllt werden sollen. Sie akzeptieren darĂŒber hinaus, dass ihre eigenen BedĂŒrfnisse hintanstehen mĂŒssen, solange die Kinder noch klein sind. Mit Konflikten gehen sie offen um.

Wir sollten den revolutionÀren Charakter dieses Ehetypus nicht unterschÀtzen, denn eine kameradschaftliche Ehe erfordert eine völlige Neudefinition der Rolle von Mann und Frau.

Doch genau das, was die kameradschaftliche Ehe so interessant macht - das GefĂŒhl von grösserer Freiheit im Leben und in der Ehe - erschwert sie auch. Grosse Entscheidungen, zum Beispiel, ob das Paar Kinder haben will oder nicht, mĂŒssen gut durchdacht werden, denn es gibt keine fertigen Lösungen wie fĂŒr vergangene Generationen. Wessen Karriere hat Vorrang? Wie lösen sich die Partner ab? Wer ĂŒber nimmt die finanziellen Entscheidungen? Richtet das Paar ein gemeinsames oder getrennte Konten ein? BehĂ€lt die Frau ihren MĂ€dchennamen bei, und wie sollen dann die Kinder heissen? All diese Fragen werden nach dem Prinzip der Fairness gelöst.

Jede Ehe muss sich zusammen mit den Partnern wandeln, doch die kameradschaftliche, die sich praktisch auf keine Traditionen berufen kann, macht ein höheres Mass an FlexibilitĂ€t erforderlich. Die Partner mĂŒssen ĂŒberprĂŒfen, was die Beziehung aushĂ€lt und was die Beteiligten können oder nicht. Die stĂ€ndige VerĂ€nderung innerhalb dieser Form der Ehe setzt Aufmerksamkeit und EinfĂŒhlungsvermögen voraus. Nicht jeder ist dazu in der Lage.

Weil die Rollen in einer kameradschaftlichen Ehe austauschbar werden, kommt die Rede immer wieder darauf, wer welche Haushaltspflichten ĂŒbernimmt. Fairness, sagten die Partner in kameradschaftlichen Ehen, sei viel wichtiger als die genaue Aufteilung der Pflichten. Sie ĂŒberprĂŒften nicht akribisch, wer was tat; sie versuchten lediglich, alles zu erledigen, bevor sie abends mĂŒde ins Bett fielen. Doch sie erkannten die BemĂŒhungen des jeweils anderen an. In vielen Familien ĂŒbernahmen die Frauen den grössten Teil der Hausarbeit, weil sie wussten, dass die Termine des Ehemannes ihn daran hinderten, mehr zu tun. Wenn die Frau das GefĂŒhl hatte, dass der Mann so viel half wie möglich, erachtete sie seinen Beitrag im allgemeinen als ausreichend. Wenn zwei Elternteile sich gleichberechtigt um die Kindererziehung kĂŒmmern, kommt es unweigerlich zu Konflikten, RivalitĂ€ten und Neid.

Wie die Paare in den kameradschaftlichen Ehen zeigten, ist es oft unmöglich, den Anforderungen von zwei Jobs, Kindern und Eheleben gerecht zu werden. Manchmal bleiben die Kinder auf der Strecke, manchmal das Paar, manchmal die Arbeit. Der Kuchen ist einfach zu klein, als dass alle ein gleich grosses StĂŒck bekommen könnten.

Welche langfristigen Auswirkungen haben kameradschaftliche Ehen auf Kinder? Wenn die Eltern durch die Arbeit stark belastet werden, sind sie in der Befriedigung der kindlichen BedĂŒrfnisse weniger flexibel. Ein Ganztagsjob lĂ€sst sich nicht mit den sich wandelnden Entwicklungen des Kindes vereinbaren. Dass der Vater sich mehr mit den Kindern beschĂ€ftigt, ist natĂŒrlich ein grosser Vorteil, das bedeutet aber meist, dass die Mutter weniger Zeit hat, und das ist wieder ein Nachteil. Wenn beide Eltern stĂ€ndig hektisch sind, macht das Familienleben keinen Spass mehr. Viele Eltern beklagen sich darĂŒber, dass sie den ganzen Tag herumrennen wie die Hamster im Rad.

Auch wenn das Paar den Gleichheitsgedanken hochhĂ€lt, kann die Karriere der Frau fĂŒr den Mann eine Bedrohung darstellen, dann nĂ€mlich, wenn er ihr in puncto Status und Einkommen unterlegen ist. Der einzige ernsthafte Seitensprung der von mir interviewten Paare ereignete sich, weil ein Mann wĂŒtend und eifersĂŒchtig auf die Karriere seiner Frau war. „Ihr Interesse an ihrer Arbeit und die Tatsache, dass ich die meine langweilig fand, hat schliesslich zum Konflikt gefĂŒhrt. Ich hatte stĂ€ndig das GefĂŒhl, dass ihr verdammter Job ihr wichtiger war als ich.“

Allgemein kann gesagt werden, dass kamerad-schaftliche Ehen eine stĂ€rkere Basis als alle anderen haben mĂŒssen, um den Ă€usseren EinflĂŒssen zu widerstehen, die eine Ehe zerstören können

 

In der traditionellen Ehe herrscht die klare Verteilung der Rollen und Verantwortungsbereiche vor. Die Frau kĂŒmmert sich um Haus und Familie, wĂ€hrend der Mann fĂŒr den Lebensunterhalt sorgt. Frauen in solchen Ehen teilen ihr Leben im allgemeinen in einzelne Kapitel ein: die Zeit vor der Ehe und den Kindern, die Jugend der Kinder und schliesslich ihr Erwachsenwerden.

In der idealisierten frĂŒheren Form der traditionellen Ehe besteht die Hauptaufgabe des Mannes darin, fĂŒr den Lebensunterhalt, den Schutz und die StabilitĂ€t der Familie zu sorgen. Die Aufgabe der Frau ist es, sich um Mann und Kinder zu kĂŒmmern und ein behagliches Heim zu schaffen, in das der Mann jeden Abend erschöpft von der Arbeit zurĂŒckkehrt. Das Zuhause, das die Frau schafft und der Mann finanziert, ist der sichere Hafen, in dem die Kinder grossgezogen werden. Die Mutterrolle wird, so lange die Kinder noch klein sind, als Ganztagsjob aufgefasst. Die Familie ist ausserdem der Ort, an dem gewisse Regeln gelten: Von allen wird gesittetes, moralisches Verhalten erwartet - ganz im Gegensatz zu der  Welt draussen. Ein Zuhause zu schaffen und zu schĂŒtzen ist die gemeinsame Hauptaufgabe der Partner in jeder traditionellen Ehe.

Eine nicht zu unterschĂ€tzende Anzahl von Paaren in meiner Studie entschied sich fĂŒr diese Form der Ehe. Zu dieser Gruppe gehörten all diejenigen, die in den FĂŒnfziger- und frĂŒhen SechzigerJahren geheiratet hatten und fĂŒnfundzwanzig Prozent derjenigen, die den Bund fĂŒrs Leben in den Siebzigern und frĂŒhen Achtzigern schlossen.

Die traditionelle Ehe hat sich in den letzten Jahrzehnten verĂ€ndert; die wichtigste Neuerung ist die Aufteilung des Erwachsenenlebens, besonders der Frauen, in verschiedene Kapitel. Paare, die sich fĂŒr diese Form der Ehe entscheiden, erachten die Kindererziehung noch immer als vorrangige Aufgabe. Sie sind der Überzeugung, dass eine immer oder fast immer verfĂŒgbare Mutter wesentlich fĂŒr die gesunde Entwicklung des Kindes ist und der Verlust eines zweiten Einkommens dafĂŒr kein zu hoher Preis sein kann. Die Frauen in dieser Studie, die sich in den Siebzigern und Achtzigern fĂŒr die traditionelle Ehe entschieden, verschoben ihre Karriere auf spĂ€ter, um daheim sein zu können, wenn die Kinder klein waren, doch viele liessen den Kontakt zum Berufsleben nie ganz abreissen und ĂŒbernahmen TeilzeitbeschĂ€ftigungen. Sie hatten fast alle vor, wieder in den Beruf zu gehen, sobald die Kinder grösser wĂ€ren. In der neuen traditionellen Ehe ist die Mutterrolle ein Kapitel im Leben; die Ehe ist kein statisches Gebilde mehr, in dem jeder von der Heirat bis zum fĂŒnfzigsten Hochzeitstag die gleiche Rolle spielt.

Besonders die MĂ€nner neigen zur traditionellen Form der Ehe. Oft haben sie eine andere Möglichkeit ĂŒberhaupt nicht in Betracht gezogen - fĂŒr sie sieht die Ehe einfach so aus. Andere, die Karriere machen, brauchen die volle UnterstĂŒtzung einer Frau, die die Kinder grosszieht und ein behagliches Zuhause schafft. Wieder andere mögen einfach das angenehme Leben in einer traditionellen Ehe. Sie sind davon ĂŒberzeugt, dass es grosse Vorteile fĂŒr die Partner und die Kinder hat.

 

Was erwarten sich diese MĂ€nner, und was sind sie bereit zu geben? Der Mann in der traditionellen Ehe heiratet aus Liebe und um eine Familie zu grĂŒnden. Er möchte, dass seine Frau zufrieden ist. Er geht davon aus, dass es ihr Spass macht, Kinder aufzuziehen und dass sie diese Aufgabe sensibel bewĂ€ltigt. Leidenschaft ist schön, aber nicht der Hauptbeweggrund. Seine Frau muss weder als Hausfrau noch als Mutter noch als Geliebte perfekt sein, aber er erwartet von ihr, dass sie in all diesen Bereichen ihr Bestes gibt. Er will nicht, dass sie ihn bedient und bewundert; vielmehr wĂŒnscht er sich FĂŒrsorglichkeit und ZĂ€rtlichkeit sowie Achtung vor seinen BemĂŒhungen als Ehemann, Vater und Brötchenverdiener. DafĂŒr sorgt der Mann in einer traditionellen Ehe ganz oder zum grössten Teil fĂŒr den Lebensunterhalt der Familie, besonders wenn die Kinder klein sind. Er betrachtet dies als seine Hauptaufgabe, egal, wie anstrengend und wechselhaft die Anforderungen des Arbeitsmarktes sind. Er erwartet, dass seine Arbeit Vorrang hat und die Familie sich nach ihren Erfordernissen richtet. Er kĂŒmmert sich in Not- und KrankheitsfĂ€llen um Frau und Kinder. Möglicherweise hat er nicht viel Zeit, bei der Erziehung der Kinder mitzuhelfen, aber er bemĂŒht sich, eine wichtige Grösse in ihrem Leben zu sein. Die Vaterrolle stellt einen bedeutenden Teil seines Daseins als Mann dar.

 

Der Vorteil einer traditionellen Ehe besteht fĂŒr die Frauen darin, dass sie ihre Kinder selbst aufziehen können. Die hĂ€ufigste Klage junger MĂŒtter lautet nicht: „Wann wird das Kind endlich er-wachsen?“, sondern „Das Kind wird so schnell gross, ich wĂŒnschte, ich könnte das ein bisschen verlangsamen.“

 

In den meisten traditionellen Ehen steht der Sex nicht im Mittelpunkt und wenn die Kinder klein sind, wird er unter UmstÀnden ganz an den Rand gedrÀngt. Auch die Partner in den traditionellen Ehen schÀtzten den Sex, aber er war nicht so hÀufig und auch nicht so leidenschaftlich wie bei den anderen Paaren.

 

Die traditionellen Ehen der jungen Paare, mit denen ich mich unterhielt, sahen ganz anders aus als die der Ă€lteren. Gemeinsam ist ihnen, dass die Partner von einer festen Bindung innerhalb der Beziehung ausgehen, fĂŒr die man auch Opfer bringen muss. Alle Beteiligten geben zum Wohl der Familie etwas Wichtiges auf. Der Vater verbringt nicht so viel Zeit mit den Kindern, doch er kann eine starke Bindung mit ihnen aufbauen, indem er sich mit ihrer Mutter identifiziert. Die MĂ€nner in dieser Studie beschrieben die psychologische Rolle ihrer Frau unterschiedlich. Manche nannten sie „meine Stellvertreterin“, andere ihren „verlĂ€ngerten Arm“ oder „meine Partnerin“. Der Mann hatte so das GefĂŒhl, ebenfalls am Alltagsleben seiner Kinder teilzunehmen. Obwohl die MĂ€nner in den modernen traditionellen Ehen mehr Kontakt zu ihren Kindern hatten, erwĂ€hnten sie doch, sie seien traurig darĂŒber, viele Dinge mit ihren Kindern nicht unternehmen zu können. Sie sprachen auch ganz ehrlich davon, dass sie neidisch auf die emotionale NĂ€he ihrer Frau zu ihren Kindern seien. Wenn die MĂ€nner allein fĂŒr den Lebensunterhalt sorgen, bezahlen sie dafĂŒr mit einer Reduktion der Zeit, die sie mit der Familie verbringen. Junge MĂ€nner, die bis spĂ€tabends arbeiten, haben keine andere Wahl. Genau wie junge MĂ€nner, die ganztags arbeiten, machen sie sich Gedanken darĂŒber, ob sie das Richtige tun.

Wie die anderen Formen der Ehe befriedigt auch die traditionelle nur manche BedĂŒrfnisse und Erwartungen. Dieser Typus der Ehe reagiert ebenso empfindlich auf VerĂ€nderungen des Arbeitsmarktes wie alle anderen, denn damit solche Beziehungen funktionieren, muss der Mann fĂŒr finanzielle Sicherheit sorgen, und die Frau muss das GefĂŒhl haben, dass sie die Freiheit hat, ein sicheres und behagliches Zuhause zu schaffen. Wenn die Geldfrage nicht geklĂ€rt ist, kann eine Frau kein solches Umfeld aufbauen und auch nicht zu Hause bleiben.

Gefahren

Jedem der vier Grundtypen der Ehe wohnt ein gewisses Gefahrenpotential inne, das sich realisiert, wenn die negativen Aspekte, die es in jeder Ehe gibt, die Oberhand gewinnen. Als Folge kann die Partnerschaft zur leeren HĂŒlle werden oder zu einem blossen Arrangement degenerieren, das nur durch die neurotischen Reaktionen der Partner aufrechterhalten wird.

 

Die leidenschaftliche Ehe kann dazu fĂŒhren, dass sich beide krankhaft, symbiotisch aufeinander konzentrieren und nicht nur der Welt, sondern auch den eigenen Kindern den RĂŒcken kehren.

 

In der Ehe als Zuflucht wiederholen sich unter UmstĂ€nden die frĂŒheren Traumata. Möglicherweise unterwirft sich einer der Partner dem anderen vollstĂ€ndig und ertrĂ€gt dessen Schikanen, ohne sich zu wehren oder ihn zu verlassen, weil er meint, das Leben sei nun mal so.

 

In einer kameradschaftlichen Ehe besteht die Gefahr, dass sie sich in eine rein geschwisterliche Beziehung verwandelt. Die Partner sind so sehr mit ihrer jeweiligen Karriere beschĂ€ftigt, dass sie sich nur noch selten sehen und kaum noch miteinander schlafen. Das ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl kann aufgrund der UnabhĂ€ngigkeit der Partner vernachlĂ€ssigt werden. Mit getrennten Bankkonten und Aufgaben im Haushalt ist es gar nicht so schwer, weiter der Illusion anzuhĂ€ngen, dass man völlig unabhĂ€ngig ist. Der Terminkalender der Partner ist voll, man geht zu unterschiedlichen Abendeinladungen, und GeschĂ€ftsreisen sind oft wichtiger als die gemeinsame Zeit mit der Familie. Mann und Frau fĂŒhren in vielerlei Hinsicht getrennte Leben.

 

Die traditionelle Ehe konzentriert sich möglicherweise so sehr auf die Erziehung der Kinder, dass die Partner sich nur noch in ihrer Rolle als Eltern verstehen. Sie haben Angst vor dem Zeitpunkt, wenn ihre Kinder ausziehen, weil sie wissen, dass ihnen dann nicht mehr viele Gemeinsamkeiten bleiben.

Ehe im Ruhestand (S. 301f)

Das Verlassen der Arbeitswelt markiert ein Ende und einen neuen Anfang. In dieser Zeit verhandeln die Partner die Grundlagen ihrer Ehe fĂŒr die folgenden Jahre neu.

Die zentrale psychologische Aufgabe im Ruhestand besteht wieder einmal darin, Zweisamkeit und UnabhĂ€ngigkeit voneinander abzugrenzen. Diese Zweisamkeit ist im Ruhestand keine bewusste Entscheidung, sondern ergibt sich von selbst, wenn das Paar sich nicht zu getrennten AktivitĂ€ten entschliesst. Auch die UnabhĂ€ngigkeit erhĂ€lt einen anderen Stellenwert, wenn sie nicht mehr an die Forderungen von Arbeit oder Gemeinschaft gekoppelt ist. Sie wird zum freiwilligen Beschluss, Dinge getrennt zu unternehmen.   Die Aufgabe der gegenseitigen FĂŒrsorge wird im Ruhestand ebenfalls neu definiert. Wenn Menschen Ă€lter werden, brauchen sie mehr Zuwendung und Ermutigung, und wenn ihre körperlichen und geistigen KrĂ€fte nachlassen, benötigen sie mehr Hilfe und werden abhĂ€ngiger von anderen. Manchmal findet eine Regression statt, und Kindheitserinnerungen werden stĂ€rker. Die Gedanken kreisen öfter um Krankheiten und Verluste. FrĂŒher trat das BedĂŒrfnis nach UnterstĂŒtzung und Ermutigung nur sporadisch auf, im Ruhestand wird es dauerhaft.

Besonders Frauen machen sich Sorgen ĂŒber die immer stĂ€rker werdende emotionale AbhĂ€ngigkeit des Mannes. Sie haben Angst, dass er mehr und mehr wie ein Kind werden könnte, und wollen nicht in die „Mutti“-Rolle schlĂŒpfen. Sowohl MĂ€nner als auch Frauen fĂŒrchten, dass ihre Gewohnheiten und Freundschaften durch die AbhĂ€ngigkeit des Partners beeintrĂ€chtigt werden könnten. Diese Ängste sind nicht unbegrĂŒndet. In vielen Scheidungen in diesem Alter beklagt sich die Frau hauptsĂ€chlich darĂŒber, dass sie von ihrem Mann ausgesaugt wird, dem das Alter zu schaffen macht. Der Mann ist seinerseits der Meinung, dass er zuwenig Anerkennung, Lob und Zuwendung von seiner Frau bekommt. Sie beschuldigen sich gegenseitig, wenig zu geben und alles zu nehmen. Die Ruhestandsehe ist gekennzeichnet von dem Wunsch nach grösserer NĂ€he und der gleichzeitigen Furcht davor.

Ein weiteres wichtiges Problem ist der Verlust der PrivatsphĂ€ren. Eine Frau in der vorliegenden Studie sagte: „Mein Mann ist vor drei Jahren in den Ruhestand gegangen. Zuerst ist er mir hier wie ein Eindringling vorgekommen.“

Besonders die MĂ€nner in traditionellen Ehen fĂŒrchten oft, dass ihre Frauen sie nicht mehr lieben und achten, wenn sie nicht mehr den Lebensunterhalt fĂŒr die Familie verdienen. Ausserdem strukturieren alle BerufstĂ€tigen ihren Tag nach den Anforderungen der Arbeit; wenn sie in den Ruhestand gehen, haben sie plötzlich viel zu viel freie Zeit. Es muss einem nun gelingen Langeweile und Isolation zu vermeiden, die grossen Gefahren des Ruhestandes. Wenn die Verbindungen zum ehemaligen Arbeitsplatz abreissen, mĂŒssen die Partner sich bemĂŒhen, ihre Interessen auszubauen und den Kontakt zur Aussenwelt nicht zu verlieren.

Der Sex spielte in den Ruhestandsehen noch immer eine wesentliche Rolle, auch wenn der Trieb nicht mehr so stark war wie frĂŒher. Die meisten Paare sagten, sie schliefen ungefĂ€hr einmal die Woche miteinander. Manche MĂ€nner litten unter vorĂŒbergehender oder auch lĂ€nger anhaltender Impotenz und die Frauen berichteten, sie kĂ€men langsamer zum Orgasmus. Doch das tat der körperlichen Freude aneinander keinen Abbruch.

Frauen planen im allgemeinen eher, wie sie ihr Leben als Witwe gestalten könnten. Sie machen eine Bestandsaufnahme und stellen fest, wie sehr sie sich auf andere Frauen verlassen können.   MĂ€nner machen meist keine so detaillierten PlĂ€ne wie Frauen. Sie denken darĂŒber nach, ob sie wieder heiraten wĂŒrden. Weder MĂ€nner noch Frauen sind in der Lage, genau ĂŒber den Fall eines Falles nachzudenken oder den Gedanken völlig beiseite zu schieben. Im Kopf sind sie auf den Tod vorbereitet, nicht jedoch im Herzen.

Gedanken zur Partnerwahl (S. 92 f)

Wie lernen sich die Partner einer guten Ehe kennen? Unsere Eltern und Kinder können wir uns nicht aussuchen, aber bei dem Menschen, den wir heiraten, haben wir die freie Wahl. Trotzdem entscheiden wir uns oft falsch.

Menschen fĂŒhlen sich auch aufgrund von Unterschieden angezogen: Wir suchen nach jemandem, der QualitĂ€ten besitzt, die uns selbst fehlen. Die Suche nach dem richtigen Partner hat also mit unserem Wunsch zu tun, die Leere in uns zu fĂŒllen. Wir alle suchen in der verfĂŒgbaren Auswahl von Partnern nach dem, was wir uns wĂŒnschen. An den Ă€usserlichen Hinweisen versuchen wir abzulesen, was der andere zu bieten hat. Manche Entscheidungen fallen dabei wenig subtil aus: Ich bin arm und möchte jemanden heiraten, der reich ist; ich bin ein Niemand, also suche ich nach jemandem, der Macht hat. Andere Entscheidungen laufen unbewusst ab: Ich habe Angst, den Mund aufzumachen, also suche ich mir jemanden, der keine Furcht vor Auseinandersetzungen hat. Ich traue mich nicht, meine GefĂŒhle auszudrĂŒcken, also tue ich mich mit jemandem zusammen, der es kann. Es gibt vielfĂ€ltige Kombinationen. Diese KomplementaritĂ€t ist ein wichtiger psychologischer Mechanismus, der gute und schlechte Folgen zeitigen kann. In einer glĂŒcklichen Ehe hat das Zusammentreffen psychologischer Unterschiede die Macht zu heilen.

Um sich fĂŒr den richtigen Partner zu entscheiden, muss man zuerst lernen, selbstĂ€ndig zu werden. Und um selbstĂ€ndig zu werden, muss man das GefĂŒhl haben, die Wahl zu haben, sich fĂŒr jemanden entscheiden zu können und von jemandem gewĂ€hlt zu werden. Diese SelbstĂ€ndigkeit bedeutet nicht nur, nach der Schule allein zu wohnen. Sie bedeutet, die Nacht allein zu ĂŒberstehen und nicht aus Einsamkeit irgend jemanden mit nach Hause zu nehmen. Die SelbstĂ€ndigkeit bedeutet auch, ein FrĂŒhwarnsystem zu entwickeln, das einen davor bewahrt, verletzt zu werden.

Ich fragte ein Ă€lteres Paar, ob sie einen guten Rat fĂŒr junge Menschen hĂ€tten, die heiraten wollten. Erfreut ĂŒber die Frage sprach Marie ĂŒber die Wahl des richtigen Partners: „Man denkt anfangs immer, man könnte den anderen verĂ€ndern. Aber letztlich muss man sich ĂŒber die QualitĂ€ten eines Menschen im Klaren sein. Wenn er die meisten Forderungen erfĂŒllt, die man an ihn stellt, kann man sich ziemlich sicher sein. Aber wenn bestimmte Dinge fehlen -, die Dinge, die man meint, Ă€ndern zu können -, sollte man die Finger davon lassen. Man sollte nach einem grosszĂŒgigen, einem liebevollen Menschen suchen, der auch unter Stress nicht zusammenbricht. Wenn der Betreffende in Krisensituationen nicht belastbar ist, sollte man sich fernhalten. Ich sage meinen Kindern immer: 'Wenn ihr bei der Hochzeit selbst noch kein ganzer Mensch seid, hat es keinen Sinn. Ihr könnt nicht erwarten, dass der andere euch zu einem ganzen Menschen macht.'"   Fred sagte: „Man muss den anderen wirklich mögen, das ist das wichtigste, sogar wichtiger, als ihn zu lieben. Ich liebe Marie, aber zusammengehalten hat uns die Tatsache, dass ich sie wirklich mag. Man muss immer zu Kompromissen bereit sein und vom Partner das gleiche verlangen können. Nach einer gewissen Zeit bekommt man ein GefĂŒhl dafĂŒr, was wichtig fĂŒr einen selbst und die Beziehung ist. Das erstaunliche an einer guten Ehe ist, dass all die Dinge, ĂŒber die man sich streitet, letztlich unwichtig sind. Wenn man so zurĂŒckblickt, hat das alles keine Bedeutung. Ausserdem muss man auf den anderen eingehen; wenn man das nicht macht, gibt's Probleme.“

Gedanken zur Untreue (S. 171 f; 249 f)

„Könnte irgend etwas ihre Ehe zerstören?“ Nachdem sie einen Augenblick ĂŒber meine Frage nachgedacht hatte, sagte sie: „Untreue. Auf beiden Seiten. Schon nach unserer ersten Verabredung war klar, dass wir beide eine monogame Beziehung wollten. Das bedeutet nicht, dass wir keine Freunde des anderen Geschlechts haben könnten, aber wir sind uns in bezug auf Sex und GefĂŒhle einig. Wir wissen beide, dass es Versuchungen gibt, aber wir haben die Monogamie gewĂ€hlt. Untreue passiert nicht einfach so, man entscheidet sich dafĂŒr. Treue hat mit Disziplin zu tun. FĂŒr uns ist sie wesentlich, das ist eine Frage des Vertrauens. Ich sehe, wenn ein Mann attraktiv ist. Aber darĂŒber mache ich mir keine Gedanken, weil ich nie zu weit gehen werde. Ich sorge dafĂŒr, dass ich nie in eine Situation komme, die zu nah werden könnte. Wenn das trotzdem einmal passiert, beende ich sie. Das ist letztlich ganz einfach. Ich glaube, mein Mann ist derselben Überzeugung. Das gibt mir ein unglaubliches GefĂŒhl der Sicherheit. Ich muss all diese zermĂŒrbenden Fragen einfach nicht mehr stellen. Ich weiss nicht, ob er das genauso ausdrĂŒcken wĂŒrde, aber ich weiss, das ist die Grundlage fĂŒr unser GefĂŒhl der Sicherheit in einer unsicheren Welt.“

 

Sexuelle Phantasien ziehen sich durch unser ganzes Leben hindurch. Sie sind im Konferenzzimmer genauso am Werk wie im Supermarkt. Besonders stark werden sie in Krisenzeiten. Doch meist werden sie im Zaum gehalten oder sogar positiv in das Sexleben des Paares integriert.   Manche Leute glauben, dass solche Phantasien ein Hinweis auf eine unglĂŒckliche Ehe sind. Das kann, muss aber nicht stimmen. Sexuelle Phan-tasien gehören zum Erwachsensein, besonders in einer Zeit wie der unseren, in der es von erotischen Reizen nur so wimmelt. Irgendwann stellt sich jeder einmal vor, mit einem Fremden zu schlafen. Neu daran ist lediglich, dass die Frauen heutzutage auch offen darĂŒber sprechen. Es stimmt einfach nicht, dass MĂ€nner Sex wollen und Frauen Liebe - beide Geschlechter wollen Sex. Phantasien ĂŒber Menschen aus unserer Vergangenheit sind bei MĂ€nnern und Frauen weit verbreitet. Wir erinnern uns alle an unsere Schulzeit, in der unsere sexuellen Begierden am stĂ€rksten ausgeprĂ€gt waren. Manche Leute haben Phantasien ĂŒber die grosse Teenagerliebe, die dann einen anderen heiratete.

Auch eine tolle Ehe lĂ€sst WĂŒnsche offen. In den besten Ehen haben beide Partner das GefĂŒhl, dass ihre wichtigsten BedĂŒrfnisse befriedigt werden. Die unbefriedigten werden Teil der jeweiligen Phantasien. In einer guten Ehe akzeptieren die Partner, dass sie nicht alles haben können, dass manche WĂŒnsche unerfĂŒllt bleiben mĂŒssen. Doch der Grat zwischen Phantasie und realem Verhalten kann schmal sein. Ausserdem können manche Phantasien genauso bedrohlich sein wie tatsĂ€chliche Untreue.

Sex ist auch am Arbeitsplatz allgegenwĂ€rtig. Alle beruflich erfolgreichen MĂ€nner, mit denen ich mich unterhielt, gestanden, dass sie sich fĂŒr die Frauen interessierten, mit denen sie zusammenarbeiteten. Freundschaftliche Zusammenarbeit kann fast unmerklich in sexuelles Interesse und AffĂ€ren ĂŒbergehen, wenn einer der Beteiligten sich nicht deutlich abgrenzt.

Eine kurze AffĂ€re wĂŒrde diese Ehe nicht zerstören, erklĂ€rten mir viele Paare. Eine ernsthafte zweite Beziehung wĂ€re etwas anderes, darĂŒber waren sich alle einig. Wenn die Basis der Ehe, die GefĂŒhlswelt, gefĂ€hrden wĂŒrde, wĂ€re die Ehe vorbei. Doch die wenigen Male, wo der Partner beim Fremdgehen ertappt wurde, litten alle Beteiligten. Es kam ausnahmslos zu einer ernsten Krise. Eine Frau weinte zwei Jahre lang, nachdem sie entdeckt hatte, dass ihr Mann eine Nacht mit einer anderen verbracht hatte. Irgend wann war sie in der Lage, ihm zu verzeihen, und die Ehe erholte sich wieder. Obwohl die Befragten gesagt hatten, sie könnten einen Seitensprung verkraften, waren sie doch schockiert und deprimiert, wenn sie damit konfrontiert wurden.

Die Grundlage einer guten Ehe besteht darin, bestimmte Dinge aufzugeben. Um die Ehe zu schĂŒtzen, hĂ€lt man die Phantasien im Zaum und achtet die Bindung. Möglicherweise bedeutet das, dass man sich mit einem weniger leidenschaftlichen Sexleben zufriedengeben muss.

In den glĂŒcklichen Ehen dieser Studie basierte die Treue nicht auf einer Liste von Dingen, die zu tun oder zu unterlassen sind, sondern auf der Erkenntnis, dass Verhalten Konsequenzen hat. Normalerweise werden Menschen nicht durch einen Mangel an Phantasie oder Lust von der Untreue abgehalten, sondern von ihrer starken moralischen Bindung an die Ehe. Ein Mann Mitte FĂŒnfzig sagte: „Man hört nie auf, den Frauen nachzuschauen. Das passiert nur, wenn man blind oder tot ist. Aber man setzt seine Phantasien nicht in die Tat um. Das hat moralische GrĂŒnde, und ausserdem liebe ich meine Frau.“

Trennung von den Kindern (S. 261f)

Zu den ganz alltĂ€glichen VerĂ€nderungen kommen vorhersehbare Zeiten des Wandels, in denen das Paar gezwungen ist, seine Beziehung so umzugestalten, dass sie wieder ins Gleichgewicht gerĂ€t.   Eine dieser vorhersehbaren VerĂ€nderungen, ist die Übernahme der Elternrolle Auch die mittleren Jahre, wenn die eigenen Kinder pubertieren und sexuell attraktiv werden, ist so eine Phase. Oft haben Leute dann das starke BedĂŒrfnis, wieder jung zu sein. Ziehen diese Kinder dann von zu Hause aus, sind die Eltern wieder aufeinander zurĂŒckgeworfen. Auch in dieser Zeit muss sich die Ehe neu definieren. Eine weitere kritische Phase ist die des Ruhestands, denn hier mĂŒssen sich die Betroffenen mit dem Alter, mit Krankheiten und schliesslich dem Tod auseinandersetzen.

Die Trennung von den eigenen Kindern ist genauso schmerzlich wie die Loslösung von der Ursprungsfamilie. Wir trauern um den Verlust der Kinder im Alltag, und wir trauern um die Familie als Einheit, die sich zum Schutz der Kinder gebildet hatte. Die Eltern brauchen oft mehrere Jahre, um diesen Ablösungsprozess zu verarbeiten, doch gleichzeitig freuen sie sich ĂŒber die neugewonnene Freiheit, die dieser Prozess mit sich bringt.

In traditionellen Familien ist die Ablösung der Kinder noch schwieriger, weil diese Familien kindzentriert sind und die Mutter mehr Zeit zu Hause verbracht hat. Solche Paare empfinden den Verlust stĂ€rker, und sie mĂŒssen die Familie von Grund auf neu organisieren. Wie anhand der vielen Scheidungen, die gerade zu dieser Zeit passieren, klar wird, stellen die Paare plötzlich fest, dass sie sich auseinandergelebt haben, so sehr, dass die Kinder letztlich das einzige sind, was sie noch gemein haben. Manchmal lĂ€sst sich die Kluft nicht mehr schliessen.

 

In dieser Zeit der VerĂ€nderung muss das Paar neu ĂŒber die Frage von Zweisamkeit und UnabhĂ€ngigkeit nachdenken. Leute, die sich hauptsĂ€chlich ĂŒber die Elternrolle definiert haben, mĂŒssen sich klar darĂŒber werden, wer sie selbst sind und wie ihre Zweisamkeit aussieht. Die UnabhĂ€ngigkeit hat eine neue Bedeutung, besonders fĂŒr Frauen. Diejenigen, die die Kindererziehung als ihre Hauptaufgabe betrachtet haben, mĂŒssen sich vielen Fragen stellen: Wer werde ich in Zukunft sein, und was werde ich mit meinem restlichen Leben anstellen? Alle Paare mĂŒssen von neuem ĂŒberdenken, was sie sich schon als Frischverheiratete gefragt haben: Wie sehr lassen wir uns emotional aufeinander ein? Wieviel Zeit werden wir allein oder mit anderen Leuten verbringen? Diese Entscheidungen prĂ€gen das Bild der Beziehung in den nĂ€chsten Jahrzehnten.

Die Aufgaben der mittleren Jahre zu bewĂ€ltigen ist alles andere als leicht, denn trotz des engen Bandes, das das Paar zusammenhĂ€lt, erhöht sich auch die Neigung, mit dem Partner unzufrieden zu werden, ihn als SĂŒndenbock fĂŒr die eigene Langeweile oder EnttĂ€uschung zu sehen.

Niemand ist immun gegen das BedĂŒrfnis, die Uhr zurĂŒckzudrehen. An der frĂŒheren Idealisierung des Partners festzuhalten wird in den mittleren Jahren schwieriger, weil die Beteiligten wissen, dass das Alter nicht spurlos an ihnen vorĂŒbergegangen ist und noch weitere VerĂ€nderungen mit sich bringen wird. Auch das Sexleben kann langweilig werden, weil die Partner sich so vertraut sind.

Andererseits sprachen alle von mir befragten MĂ€nner und Frauen in diesem Alter ĂŒber eine neue Rastlosigkeit und ein neues BedĂŒrfnis nach Abenteuern. Ihre wiederentdeckten körperlichen und emotionalen Energien halfen ihnen dabei, sich auf neue Wagnisse einzulassen. Mehrere MĂ€nner und Frauen in dieser Studie wandten sich spirituellen und religiösen Fragen zu und gingen wieder in Kirchen oder Synagogen, die sie seit vielen Jahren nicht mehr besucht hatten.

Das Leben der MĂ€nner verĂ€ndert sich in den mittleren Jahren weniger als das der Frauen, weil sie nach wie vor jeden Morgen zur Arbeit gehen; sie mĂŒssen sich nicht ĂŒber ihre IdentitĂ€t klarwerden, wenn die Kinder ausziehen.

In den meisten glĂŒcklichen Ehen fĂŒhrten die individuellen VerĂ€nderungen zu einem Tempowechsel innerhalb der Beziehung. Die Partner erlebten sozusagen einen zweiten FrĂŒhling, der ihnen dabei half, die Angst vor der Zukunft zu bewĂ€ltigen. Sie bestĂ€tigten einander in ihren neuen Rollen und Unternehmungen.

Viele Paare berichteten von VerĂ€nderungen auf sexuellem Gebiet. Im allgemeinen ergaben sich fĂŒr die MĂ€nner in den mittleren Jahren weniger VerĂ€nderungen in ihrer SexualitĂ€t. Einige allerdings sagten, sie seien hin und wieder impotent, und das mache ihnen angst.

Um die LĂŒcken zu fĂŒllen, die die Kinder hinterliessen, besannen sich die Paare auf Freunde und Familie. Sie bemĂŒhten sich, die Kontakte zu Geschwistern wieder aufzunehmen. Manche organisierten Familientreffen. Viele kĂŒmmerten sich um Familienangehörige. MĂ€nner und Frauen sagten gleichermassen, sie gĂ€ben sich grösste MĂŒhe, Freundschaften aufrechtzuerhalten und neue Bekanntschaften zu schliessen. Manchmal kamen die Freunde der Kinder regelmĂ€ssig zu Besuch und wurden als Vertreter der jĂŒngeren Generation mit offenen Armen empfangen.

 

Frauen kleiden sich plötzlich wie ihre Töchter im Teenageralter. Unzufriedene MĂ€nner und Frauen lassen das Auge schweifen, suchen nach einem jĂŒngeren Partner. Manche bekommen Torschlusspanik und glauben, dass ihr Leben vergeudet ist, wenn sie nicht gleich Liebe oder sexuelle Befriedigung finden. Partner, die sich zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens scheiden lassen, erklĂ€ren die Untreue des GefĂ€hrten oft mit der sogenannten Midlife-crisis. Oder sie beziehen sich auf sich selbst, wenn sie von ihrer Niedergeschlagenheit, ihrer inneren Unruhe oder ihrer EnttĂ€uschung ĂŒber ihr Leben berichten. Sie wollen ihre Ziele und PrioritĂ€ten neu definieren, und oft wollen sie auch einen neuen Partner finden.

Die Paare in glĂŒcklichen Ehen machten die VerĂ€nderung zum Teil ihrer Ehe und erstickten so drohende Krisen im Keim. Das stĂ€rkte die Ehe und machte sie wieder lebendiger. Die Partner sahen sich nicht ausserhalb der Beziehung nach Anregungen um, sondern verĂ€nderten ihre Ehe so, dass sie den neuen Anforderungen gewachsen war.

Die neun Aufgaben

Ich glaube, eine gute Ehe grĂŒndet sich auf Aufgaben, die Mann und Frau gemeinsam bewĂ€ltigen mĂŒssen. Dabei handelt es sich nicht um Anleitungen zum Erfolg, die sich eine nach der anderen abhaken lassen. Diese Aufgabe werden dem Paar nicht von aussen auferlegt und können somit angenommen oder abgelehnt werden. Sie liegen in der Natur der Ehe:

  1. Sich emotional von ihren Eltern und Geschwistern lösen, damit die ganze Kraft in die Ehe investieren und gleichzeitig die Beziehungen zur jeweiligen Herkunftsfamilie neu definiert werden kann.
  2. Ein ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl aufbauen, das sich sowohl auf Vertrautheit als auch auf UnabhĂ€ngigkeit grĂŒndet. Diese beiden Punkte spielen ganz am Anfang der Ehe, beim Auszug der Kinder und im Ruhestand eine grosse Rolle.
  3. Die Herausforderungen der Elternrolle annehmen und sich gleichzeitig FreirĂ€ume gegenĂŒber dem Kind schaffen.
  4. Sich den unvermeidlichen Krisen des Lebens stellen und dabei die StÀrke der Bindung erhalten.
  5. FreirĂ€ume fĂŒr die BewĂ€ltigung von Konflikten schaffen.
  6. Eine interessante sexuelle Beziehung aufbauen und erhalten, sie vor den Belastungen durch berufliche und familiĂ€re Verpflichtungen schĂŒtzen.
  7. Sich den Humor erhalten und durch gemeinsame Interessen und Kontakten zu Freunden gegen die Langeweile ankÀmpfen.
  8. Einander trösten, stĂŒtzen und ermutigen.
  9. Einen idealisierenden wie einen realistischen Blick auf den Partner bewahren.

1. Aufgabe: Einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen

Es wird erzĂ€hlt, wie die zukĂŒnftige Schwiegermutter einer jungen Frau klarmachen will, dass sie nicht die richtige Frau fĂŒr ihren Sohn sei. In TrĂ€nen aufgelöst telephoniert sie ihrem ZukĂŒnftigen. Der Mann meinte: „Mach dir keine Gedanken. Ich rufe gleich meine Mutter an und sage ihr, dass sie nicht zu unserer Hochzeit zu kommen bracht.“ Eine zweite klare Abgrenzung gelang, als die nun verheiratete junge Frau der Schwiegermutter keinen SchlĂŒssel zur eigenen Wohnung aushĂ€ndigte.

Die erste Aufgabe jeder Art von Ehe besteht darin, sich psychologisch von der eigenen Familie zu lösen und eine neue Bindung mit dem Partner einzugehen. Um eine gute Ehe zu fĂŒhren, muss man eine eigenstĂ€ndige Meinung vertreten und in der Lage sein, sich auf sein eigenes Urteil sowie seine FĂ€higkeit, Entscheidungen zu treffen, zu verlassen. Vor allen Dingen muss man den Partner zum Objekt der Liebe und LoyalitĂ€t machen und die GrĂŒndung einer Familie zum gemeinsamen Ziel. Die emotionale VerĂ€nderung vom Kind zum Ehepartner ist nur möglich, wenn man seine Beziehung zu den Eltern und seine Konflikte mit ihnen neu ĂŒberdenkt.

Wenn sich die Partner emotional von ihrer Familie lösen, bewegen sie sich auf eine neue IdentitĂ€t zu. Im ersten Ehejahr erhalten diese neuen IdentitĂ€ten allmĂ€hlich Vorrang, wenn auch nicht ohne Schmerzen. Eine frisch verheiratete Frau wird im Regelfall erst einmal zwischen der Rolle als Tochter und jener der Ehefrau hin und her pendeln, doch irgendwann muss sie sich fĂŒr die der Ehefrau entscheiden. Wenn sie das nicht tut, ist die Ehe gefĂ€hrdet.

Diese Loslösung fĂ€llt Frauen besonders schwer, weil die Mutter-Tochter-Bindung so stark ist. Eine wichtige Rolle spielen die Heirat der Tochter, die Geburt ihrer Kinder und der Tod der Mutter. Jede dieser VerĂ€nderungen löst starke GefĂŒhle und heftige Konflikte aus. Die Ehe kann zu einer harten PrĂŒfung fĂŒr eine Frau werden, deren Mutter einsam und unglĂŒcklich ist oder sich um kranke Geschwister oder einen kranken Ehemann kĂŒmmern muss.

Die psychologische Loslösung von den Eltern bei der Heirat ist in allen Hochzeitszeremonien der westlichen Religionen festgeschrieben. Bei den Juden wird diese VerĂ€nderung beispielsweise durch die chupa, einen Baldachin, den Familienangehörige an vier StĂ€ben hochhalten, symbolisiert. Braut und BrĂ€utigam stehen darunter wie unter ihrem eigenen Dach. Die erste Aufgabe der Ehe besteht darin, die chupa mit WĂ€nden und TĂŒren zu versehen, ĂŒber die das junge Paar Kontrolle ausĂŒben kann.

Die Braut muss ausserdem ihre Bindung zum Vater lockern, damit eine leidenschaftliche Beziehung zum Ehemann möglich wird. Das ist nicht leicht.

Ein weiterer Aspekt der Trennung ist die Aufgabe des jugendlichen Egoismus. Eine Frau sagte: „Plötzlich wurde mir klar, dass das kein Spiel mehr war, weil man es mit einem Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat, und dieser Mensch ist verletzlich.“

Auch fĂŒr den jungen Mann ist die Loslösung nicht leicht. Der Prozess der Loslösung von den Eltern setzt sich wĂ€hrend der ganzen Ehe fort. Die beiden Partner helfen einander, grössere UnabhĂ€ngigkeit zu erlangen. Oft kommen Eltern nach der Geburt des ersten Kindes immer wieder unangekĂŒndigt mit Geschenken vorbei und geben ungefragt RatschlĂ€ge zur Kindererziehung.

Es gibt taktvolle und taktlose Wege der Loslösung, doch beide fĂŒhren zu TrĂ€nen und Wut. Eine Trennung tut weh, aber sie ist nötig, um die Ehe zu schĂŒtzen.

Die Loslösung von der eigenen Familie bedeutet gleichzeitig, neue Beziehungen zu beiden Elternpaaren aufzubauen, die nichts mehr mit einer Eltern-Kind-Beziehung zu tun haben. Sowohl das junge Paar als auch die jeweiligen Eltern mĂŒssen an einer Neudefinition ihres VerhĂ€ltnisses arbeiten.

2. Aufgabe: Balance zwischen Wir und Ich

Die Loslösung von den Eltern - geht einher mit der zweiten Aufgabe, dem Aufbau eines ZusammengehörigkeitsgefĂŒhls, bei dem die jeweilige UnabhĂ€ngigkeit jedoch nicht verlorengehen darf.

 

Ganz allmĂ€hlich merkten wir, dass es die Ehe nicht gibt, dass wir besser daran taten, nur wir selbst zu sein. Und schon bald fanden wir den Mut, unsere ganz eigene Form der Ehe aufzubauen. Wir begannen, uns wie Erwachsene zu fĂŒhlen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen konnten. Wir verbrachten viel Zeit damit, uns die Ehen unserer Freunde anzuschauen und ĂŒber die Paare zu sprechen, die wir kennenlernten. Das war sehr aufschlussreich.

In diesen frĂŒhen Jahren fanden wir heraus, was wir voneinander erwarteten und - noch wichtiger - was wir nicht wollten. Aus den Reaktionen des Partners lernten wir, ob wir das Richtige taten oder uns getĂ€uscht hatten.

Wir stellten unsere eigenen Regeln auf. Die erste lautete, dass wir nie wĂŒtend aufeinander ins Bett gehen wĂŒrden, eine Entscheidung, die sich als Gottesgeschenk erwies. Zögernd stimmten wir beide zu, immer zu Hause anzurufen, wenn wir uns verspĂ€teten, auch wenn uns das sehr an unsere Teenagerzeit erinnerte. Schritt fĂŒr Schritt gingen wir Kompromisse ein, um miteinander auszukommen.

Teenager und junge Erwachsene sind immer ich-zentriert, weil sie damit beschĂ€ftigt sind, sich eine von den Eltern unabhĂ€ngige IdentitĂ€t aufzubauen. Eine Ehe erfordert die Umwandlung dieses „Ichs“ in ein dauerhaftes „Wir“. Doch dieses „Wir“ muss auch Raum fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit der jeweiligen Partner beinhalten. Bei Paaren, die sich scheiden lassen, ist dieses „Wir“ oft schwach ausgeprĂ€gt oder fehlt völlig.

Das GefĂŒhl, Teil eines Paares zu sein, bildet die Grundlage einer Ehe. Es ist der stĂ€rkste Schutz gegen das Zerbröckeln. Das Wir-GefĂŒhl verleiht der Ehe die Kraft, gegen die unausweichlichen Frustrationen und Versuchungen des Lebens anzukĂ€mpfen. Es vermittelt den Partnern auch das GefĂŒhl, ein autonomes Gebiet geschaffen zu haben, in dem sie die Regeln aufstellen. Im Gegensatz zum tĂ€glichen Leben haben sie hier allein die Kontrolle.

In einer guten Ehe grĂŒndet sich die neue IdentitĂ€t auf eine solide Basis aus Liebe und EinfĂŒhlungsvermögen. Die Partner mĂŒssen lernen, sich miteinander und mit der Ehe zu identifizieren. Die Ehe ist so etwas wie das erste Kind, das sie miteinander zeugen, und genau wie ein richtiges Kind bringt auch die Ehe Freude, wie die Paare in meiner Studie zeigen.

Gewissen und moralisches Bewusstsein der Partner verĂ€ndern sich dabei. Das, was fĂŒr die Beziehung gut oder richtig ist, hat nicht mehr viel mit dem zu tun, was fĂŒr den einzelnen gut oder richtig ist. Die Entscheidungen hĂ€ngen nun mit der Überlegung zusammen, was am besten fĂŒr sie, fĂŒr ihn und fĂŒr die Ehe ist.

Viele Ehen scheitern, weil die Partner kein GefĂŒhl der Zusammengehörigkeit aufgebaut haben. Das kann zahlreiche GrĂŒnde haben: Manche Leute glauben, die Ehe passiere einfach, man brauche darin keinen Teil seines Selbsts aufzugeben. Sie konzentrieren sich weiterhin auf ihre eigene Karriere, ihre eigenen Begabungen und gesellschaftlichen Interessen. Manche Menschen sind nicht in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen, wieder andere haben selbst so starke BedĂŒrfnisse, dass sie die des Partners nicht sehen. Unter solchen Bedingungen kann die Ehe sich nicht zu einem starken Gebilde entwickeln, das zwei Menschen schĂŒtzt und unterstĂŒtzt, und sie zerbröckelt in Krisenzeiten.

Wie kommt es zu gegenseitigem EinfĂŒhlungsvermögen? Es ist von der wachsenden Vertrautheit des Paares abhĂ€ngig. Wer lernt zuzuhören, was der Partner sagt, und diese Informationen dazu verwendet, ihn zu verstehen, kann sein eigenes Verhalten danach ausrichten.

Weil der Aufbau einer gemeinsamen ehelichen IdentitĂ€t immer voraussetzt, dass man seine Ich-Bezogenheit teilweise aufgibt, lĂ€uft er gegen enorme WiderstĂ€nde ab. NĂ€he fĂŒhrt zwangslĂ€ufig zu der Angst, ausgelacht, abgewiesen, verlassen oder nicht geliebt zu werden. Um sich trotzdem auf das Wagnis einzulassen, ist ziemlich viel Mut nötig. Die Partner finden sich nicht so leicht damit ab, dass sie nachgeben, teilen, frĂŒhere Freiheiten aufgeben mĂŒssen. Sie mĂŒssen neue Verantwortung ĂŒbernehmen und sich darauf einstellen, dass der andere etwas fordern kann. Es besteht immer die Gefahr - besonders in den AnfĂ€ngen der Ehe -, dass diese Forderungen als ĂŒbermĂ€ssig, gefĂ€hrlich, ausbeuterisch oder erniedrigend empfunden werden. Ausserdem kann es durchaus sein, dass man die Anforderungen, die das Erwachsenenleben mit sich bringt, mit den WĂŒnschen des Partners verwechselt.

 

Doch der Aufbau der gemeinsamen ehelichen IdentitĂ€t macht nur die HĂ€lfte der Aufgabe aus. Die zweite HĂ€lfte besteht darin, seine UnabhĂ€ngigkeit zu bewahren und FreirĂ€ume fĂŒr die Partner zu schaffen. UnabhĂ€ngigkeit innerhalb einer Ehe ist etwas völlig anderes als der individuelle Lebensstil, den die Partner in die Ehe mitbringen. Eine Ehe, in der Mann und Frau nebeneinander herleben, ohne eine gemeinsame Basis geschaffen zu haben, gleicht eher einer geschĂ€ftlichen Beziehung. Mit dem Wandel der Geschlechterrollen in den letzten Jahren ist auch diese Problematik komplexer geworden. In traditionellen Ehen mit klar voneinander abgegrenzten Bereichen fĂŒr Mann und Frau bestimmte die Gesellschaft die Funktion der Familie, die Rollenverteilung sowie die gemeinsamen und getrennten Unternehmungen der Partner. In heutigen Ehen gibt es viel mehr Möglichkeiten, die zu neuen Aufgaben fĂŒhren, weil man alle Dinge des Lebens in Abstimmung mit den BedĂŒrfnissen der Beteiligten und zum Vorteil der Gemeinschaft regeln muss.

3. Aufgabe: Die Elternrolle

FĂŒr die glĂŒcklich verheirateten Paare, mit denen ich mich unterhielt, bedeuteten die Kinder einen neuen Sinn im Leben. Einzelne sprachen sogar von einem Höhepunkt ihres Lebens. Alle Befragten sagten, das Leben wĂ€re ohne Kinder Ă€rmer gewesen. Alle sagten auch, dass das Leben ohne die Kinder einfacher gewesen wĂ€re, dass es sich aber trotzdem gelohnt habe.

Die Geburt der Kinder bringt Lachen und Freude, aber auch Sorgen und immer wieder Aufregung ins Haus. Kinder rufen in den Eltern ein GefĂŒhl der ZĂ€rtlichkeit, Sorge und Verantwortung hervor. Viele Eltern sagen, dass sie von der Heftigkeit dieser GefĂŒhle ĂŒberwĂ€ltigt waren. WĂ€hrend die Kinder heranwachsen, erleben die Eltern noch einmal ihre eigenen Ängste, Konflikte und Freuden aus der Kindheit, und das erleichtert es ihnen, eine emotionale Bindung zu ihren Kindern herzustellen. Dadurch entwickeln sich auch die Eltern weiter. Die Kinder zwingen sie dazu, die Werte, die sie weitergeben wollen, neu zu ĂŒberdenken und möglicherweise zu modifizieren.   Auch die Ehe selbst verĂ€ndert sich in dieser Zeit.

Die Ehepartner sehen einander nun anders - nicht nur als Freunde und Geliebte, sondern auch als Vater und Mutter. Doch gerade die Freundes- und Geliebtenrolle muss in dieser Zeit gestĂ€rkt werden. Die Liebe der Kinder zu ihren Eltern ist oft leidenschaftlich und kann in bezug auf das elterliche SelbstwertgefĂŒhl Wunder wirken, aber sie kann das BedĂŒrfnis der Eltern nach Liebe und Freundschaft eines Erwachsenen nicht befriedigen.

Die Geburt der Kinder stellt die Partner vor die dritte grosse Aufgabe innerhalb der Ehe: Sie mĂŒssen ihre Beziehung öffnen, um Raum zu schaffen fĂŒr das Kind, ohne dabei die FreirĂ€ume des Paares zu verlieren. Diese Aufgabe verlangt von den Partnern, dass sie sich mit ihrer neuen IdentitĂ€t als Eltern beschĂ€ftigen und ihre eigenen BedĂŒrfnisse denen des Kindes unterordnen. Dieser Prozess lĂ€uft aber nicht automatisch ab.

Sara: „Ich war schockiert, wie sehr das Baby meine GefĂŒhle fĂŒr meinen Mann verĂ€nderte. Mein Interesse am Sex nahm ab, seines zu. Es gab Zeiten, in denen wir uns auf alles mögliche konzentrierten, nur nicht aufeinander. Und wenn man dann mit jemandem schlafen soll, mit dem man den ganzen Tag ĂŒber nichts zu tun gehabt hat, ist das merkwĂŒrdig. Tja, und dazu kommt dann noch diese unglaubliche MĂŒdigkeit. Ich glaube, dass ich immer versucht habe, ihn miteinzuschliessen, aber wahrscheinlich hatte er das GefĂŒhl, dass zwischen mir und dem Kind ein viel stĂ€rkeres Band existiert. Sogar wenn wir miteinander schliefen, dachte ich, dass meine BrĂŒste eigentlich dem Kind gehörten, dass Matt kein Recht auf sie hatte.“  

In den ersten Monaten nach der Geburt ergeben sich massive VerĂ€nderungen. Viele Paare kommen damit nicht sonderlich gut zurecht. Oft fĂŒhrte das Kind letztendlich zur Scheidung der Eltern. In vielen Ehen geht es lĂ€ngst nicht mehr so vertraut und leidenschaftlich zu wie zuvor. Deshalb ist es so wichtig, dass die Partner sich auch als Eltern ihre FreirĂ€ume bewahren.

Zu keiner anderen Zeit ist der Einfluss der jeweiligen Ursprungsfamilien stÀrker, und möglicherweise tun sich alte Wunden gerade in dem Augenblick auf, in dem die Partner ein eigenes Kind bekommen.

Zu diesem Zeitpunkt wird die Frau stĂ€rker gefordert als je zuvor. Mutter zu werden fĂŒhrt zu massiven psychologischen VerĂ€nderungen, die einschneidender sind als der Wechsel von der Tochter- zur Ehefrauenrolle. Genau jetzt drĂ€ngen auch wieder unbewĂ€ltigte Konflikte mit der eigenen Mutter an die OberflĂ€che. Die Mutter fĂŒhlt sich durch die BedĂŒrfnisse des Kindes ĂŒberfordert, kann sich aber weder biologisch noch psychologisch von ihm lösen. Körperlich und emotional ausgelaugt, braucht sie UnterstĂŒtzung, Lob, Ruhe und Zuneigung.

Viele MĂ€nner ĂŒbernehmen gern die Rolle des liebevollen Vaters, wollen aber ihrerseits liebevoll behandelt werden. Wenn die Frau dann ihre Zuneigung hauptsĂ€chlich dem Kind zuwendet, kommt sich der Mann unter UmstĂ€nden wie ein Aussenseiter vor - und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem er seine Frau sexuell wie auch emotional besonders braucht.

Die junge Frau beneidet ihren Mann zu dieser Zeit möglicherweise, weil er weder die anstrengende Schwangerschaft noch die schmerzhafte Geburt ertragen muss und dann das Kind auch nicht zu stillen braucht. Der Mann bekommt die negativen GefĂŒhle ab, das Baby die positiven. Oft Ă€ussert sich das in Bemerkungen wie „Du hilfst nicht genug“ oder „Du hast deinen Spass gehabt, und ich hab' jetzt die Last damit.“

FĂŒr den Mann sieht die Sache anders aus. Egal, wie viele Geburtsvorbereitungskurse er besucht und egal auch, ob er bei der Geburt selbst dabei ist - biologisch gesehen ist er ein Aussenseiter. Weder seine Psyche noch sein Körper setzen sich ganz automatisch mit dem Kind auseinander. Plötzlich wird der junge Vater von seinem fordernden Kind verdrĂ€ngt, das noch nicht lĂ€cheln, ihm in die Augen schauen, die Arme ausstrecken oder ihm körperlich seine Zuneigung zeigen kann. DafĂŒr nimmt es ihm die Frau weg, und das hat hĂ€ufig zur Folge, dass er eifersĂŒchtig wird und zornig sowohl auf das Kind als auch auf die Mutter. FĂŒr den Vater, der sich erst daran gewöhnen muss, mit dem Kind umzugehen, ist es schwer, eine von der Mutter unabhĂ€ngige Beziehung zu dem Baby aufzubauen. Der Vater sieht sich nach der Geburt zudem oft mit sexuellen Entzugserscheinungen konfrontiert. Wenn das Paar beginnt, sich körperlich nĂ€her zu kommen, schreit das Kind. Das Baby liegt nun - psychologisch wie physisch - als Dritter im Ehebett.

Nach den körperlichen VerĂ€nderungen und Belastungen von Schwangerschaft und Geburt braucht die junge Mutter die BestĂ€tigung, dass sie noch schön und begehrenswert ist. Wenn der Mann ihr diese BestĂ€tigung nicht gibt, wendet sie sich unter UmstĂ€nden einem anderen Mann zu, der ihr das GefĂŒhl verleiht, wieder als Frau attraktiv zu sein, genauso wie der Ehemann sich möglicherweise auf eine aussereheliche AffĂ€re einlĂ€sst, um seine Frustrationen abzubauen, die die Geburt des Kindes emotional und sexuell fĂŒr ihn mit sich bringt. All diese VerĂ€nderungen können die Ehe anders als frĂŒher gefĂ€hrden. Viele Scheidungen werden eingereicht, weil das betreffende Paar nicht in der Lage ist, das Kind in sein Leben zu integrieren.

Möglich ist auch folgende Reaktion des Mannes: Er identifiziert sich voll und ganz mit dem Wunsch der Mutter, dem Baby Vorrang zu geben, und verzichtet auf seine eigenen sexuellen und emotionalen BedĂŒrfnisse ihr gegenĂŒber. Die Folge ist die Überbewertung des Kindes innerhalb einer emotional und sexuell verarmten Ehe.

In einer guten Ehe gelingt es Mann und Frau, sich den inneren Konflikten zu stellen und Platz fĂŒr das Kind zu schaffen, ohne dass es der Alleinherrscher der Familie wird.

Man darf nicht vergessen, dass die Kindererziehung lediglich ein Teil der Ehe ist. Eine gute Ehe stĂ€rkt nicht nur die Beziehung zwischen Eltern und Kind, sondern auch zwischen den Partnern, und Kinder fĂŒhlen sich in einer Familie im allgemeinen besser aufgehoben, wenn sie die Liebe ihrer Eltern zueinander spĂŒren.

4. Aufgabe: Der Umgang mit Krisen

Der Gedanke, die Partner in langjĂ€hrigen glĂŒcklichen Ehen hĂ€tten einfach nur GlĂŒck gehabt, ist verfĂŒhrerisch. Doch dem ist nicht so. Alle Paare in der vorliegenden Studie mussten mit grossen Krisen im Leben fertig werden.

Die vierte Aufgabe innerhalb der Ehe, der Umgang mit Krisen, ist vielfĂ€ltiger als die anderen Aufgaben, weil jedes belastende Ereignis unterschiedliche Ängste hervorruft und andere GefĂŒhle anspricht. Jede Krise besitzt das Potential, die Ehe zu stĂ€rken, sie zu schwĂ€chen oder ganz zum Scheitern zu bringen. Im allgemeinen lassen sich Krisen in zwei Kategorien ein teilen: Die erste hat mit den vorhersehbaren VerĂ€nderungen des Lebens zu tun, wie zum Beispiel dem Herannahen des Alters, den Wechseljahren oder dem Ruhestand. In die zweite Kategorie gehören die unvorhersehbaren Dinge, die sich zu jedem Zeitpunkt des Lebens ereignen können.

Krisen innerhalb der Familie, wie zum Beispiel eine AnhĂ€ufung von Konflikten zwischen den Partnern oder das Nachlassen der sexuellen Begierde, sind hĂ€ufig durch Ereignisse in der Aussenwelt bedingt. Arbeitslosigkeit, der Tod eines engen Freundes oder eines Elternteils, Naturkatastrophen - all das kann zu Schwierigkeiten innerhalb der Familie fĂŒhren. Leider sind sich Mann und Frau nur selten der wahren Ursachen dieser Probleme bewusst. Die Krisen stellen eine ernsthafte Bedrohung fĂŒr die Ehe dar, weil sie die GefĂŒhle der Partner und ihr Verhalten verĂ€ndern. Sie haben die Macht, die Beziehung zu zerstören. Ein Paar kann seine Ehe nur dann schĂŒtzen, wenn es weiss, wie die Ă€usseren EinflĂŒsse die Beziehung verĂ€ndern.

 

Normalerweise bedeutet der Tod eines Elternteils nur fĂŒr den erwachsenen Sohn oder die erwachsene Tochter eine Krise, doch er kann auch fĂŒr die Ehe zu einer schweren Last werden. Der Tod eines Elternteils bringt das psychologische Gleichgewicht eines Menschen oft auf unvorhersehbare Weise durcheinander. An erster Stelle steht der Wunsch des Betroffenen nach Trost. Auch wenn der Partner diesen Trost bereitwillig und liebevoll spendet, hat der GefĂ€hrte möglicherweise das GefĂŒhl, seine BemĂŒhungen genĂŒgten nicht. Diese Verletzung erhöht den Schmerz und die Trauer noch.

Eheprobleme und Arbeitslosigkeit gehen oft Hand in Hand. Die GewalttĂ€tigkeitsrate innerhalb von Ehen erhöht sich wĂ€hrend einer Rezession deutlich. Abgesehen von der finanziellen Seite bedeutet der Job heutzutage fĂŒr die meisten Menschen einen wichtigen Faktor im Selbstbild und sein Verlust ist ein schwerer Schlag.

In Ehen, die unter der Belastung einer Krise zerbrechen, habe ich verschiedene Tendenzen beobachtet: Die eine ist die Sorge - oft Ă€ussert sie sich in Form von Zorn -, die die Beteiligten wĂ€hrend oder nach der Krise empfinden. Möglicherweise projiziert ein Ehepartner diesen Zorn auf seinen GefĂ€hrten, der ja immer zur VerfĂŒgung steht. Die Anschuldigung „Nie bist du da, wenn ich dich brauche“, ist oft zu hören. Wenn man einen SĂŒndenbock findet, fĂŒhlt man sich besser, verspielt jedoch genau dann die UnterstĂŒtzung des Partners, wenn man sie am nötigsten braucht.

Menschen in Ehen, die solche Krisen ĂŒberstehen und stĂ€rker werden, empfinden genauso starke Sorge und Schuld wie alle anderen. Sie sind genauso durcheinander und wĂŒtend, doch statt sich einen SĂŒndenbock zu suchen, helfen sie einander, die neue Last zu tragen. Und sie wissen um die Bedeutung der Hilfe, die sie geben und bekommen.

 

Die BewÀltigung von Krisen umfasst mehrere Punkte, die die Leute in den von mir untersuchten Ehen offenbar ganz instinktiv erledigten:

  1. Erstens versuchten sie, realistisch ĂŒber die Auswirkungen der Krise nachzudenken. Sie bemĂŒhten sich, eine Sichtweise zu finden, die nicht alle Probleme dieser Krise zuschrieb. Dadurch gelang es ihnen, die Krise in Grenzen zu halten. Ausserdem versuchten sie, ihre Ängste vor dem aller schlimmsten Fall von dem zu unterscheiden, was wahrscheinlich passieren wĂŒrde. Paare in starken Ehen versuchten, nicht nur zu sehen, wie die Krise die Ehe und den unmittelbar Betroffenen beeinflusste, sondern auch die anderen Familienmitglieder. Sie dachten realistisch ĂŒber das Ausmass und die Dauer der Krise nach und bemĂŒhten sich, alle nur erdenklichen Informationen ĂŒber die möglichen Auswirkungen zu bekommen. Durch diese realistische Planung gelang es ihnen, nicht hilflos zu erstarren oder in hektische ÜberaktivitĂ€t zu verfallen.
  2. Zweitens machten sie sich gegenseitig keine VorwĂŒrfe, egal, wie gross die Versuchung dazu auch war. Sie gingen sogar noch einen Schritt weiter und gaben sich MĂŒhe, einander vor unangemessenen SelbstvorwĂŒrfen zu bewahren.
  3. Drittens liessen sie ein gewisses Mass an Freude und Fröhlichkeit in ihrem Leben zu. Sie bemĂŒhten sich, sich nicht völlig von der Tragödie ĂŒberrollen zu lassen.
  4. Viertens spielten sie nicht MĂ€rtyrer oder gaben vor, Heilige zu sein. Angst macht alle Menschen schwierig, und die von mir befragten Paare stritten auch. Sie waren genauso versucht wie andere Menschen, zerstörerische oder selbstzerstörerische Dinge zu tun, doch im allgemeinen waren sie in der Lage, solche Impulse zu unterdrĂŒcken, weil sie die Verbindung zwischen der Krise und der Reaktion im Auge behielten. Sie erkannten, dass Krankheiten und TodesfĂ€lle zu hilfloser Wut fĂŒhren können, dass die Verzweiflung ĂŒber einen Verlust ein GefĂŒhl von Paranoia erzeugen kann („Warum immer ich?“), dass Sorgen schlimme Unorganisiertheit zur Folge haben können. Sie gaben sich grösste MĂŒhe, solch zerstörerische Tendenzen unter Kontrolle zu halten.
  5. FĂŒnftens versuchten sie, Krisen, die sie bereits im voraus erkannten, abzuwenden. Statt abzuwarten, bis Alkohol oder Depressionen zu wirklichen Schwierigkeiten fĂŒhrten, schritten sie schon zu einem frĂŒhen Zeitpunkt ein.

5. Aufgabe: Raum fĂŒr Auseinandersetzungen schaffen

Die fĂŒnfte Aufgabe der Ehe besteht darin, eine Beziehung aufzubauen, die auch Streit und Wut ĂŒberdauert. Alle Verheirateten wissen, dass eine konfliktfreie Ehe ein Widerspruch in sich ist. In Wirklichkeit ist ein solcher Zustand weder möglich noch wĂŒnschenswert. Die Ehe kann allerdings die offene KonfliktbewĂ€ltigung hemmen. Nach aussen hin geben sich die Beteiligten gern harmonisch. Durch die eheliche NĂ€he kommen oft auch alte Ängste und Irritationen wieder an die OberflĂ€che. Eine besonders wichtige Rolle spielen solche Irritationen in der Ehe als Zuflucht. 
Wir haben vor Konflikten Angst, weil wir Vergeltung fĂŒrchten. Das destruktive Potential der Wut erschreckt uns. Wir haben Angst, dass unser Partner uns zurĂŒckweist oder verlĂ€sst, wenn wir aus der Fassung geraten oder ihm wider sprechen. Doch in einer guten Ehe bedeutet ein Streit noch nicht das Ende der Beziehung. Das ist enorm wichtig. Beide Partner mĂŒssen das GefĂŒhl haben, dass ihre Beziehung sicher ist. Und wenn einer oder beide - egal ob als Kind oder als Erwachsener - verlassen worden sind, sollten sie sich das immer wieder vergegenwĂ€rtigen.  
Innerhalb einer guten Ehe ereignen sich Konflikte in einem Klima der Verbundenheit und der Sorge. Das Paar wird dabei durch die Regeln geschĂŒtzt, die es gemeinsam aufstellt. Alle befragten Paare hatten als Faustregel aufgestellt, dass sie keine körperliche Gewalt anwenden dĂŒrften. Auch in höchster Wut hielt sich der Betreffende zurĂŒck, um den Bestand der Ehe nicht zu gefĂ€hrden. Die Anerkennung von Grenzen ist nicht nur als Schutz vor Verletzungen wichtig, sondern auch als ZurĂŒckhaltung, die sich die Beteiligten auferlegen mĂŒssen. Das gleiche gilt fĂŒr bestimmte Aktionen und Bemerkungen. Zu einer guten Ehe gehört es, dass man innerhalb gewisser Grenzen seine Meinung sagen kann, ohne schwerwiegende Folgen befĂŒrchten zu mĂŒssen.  
Die befragten Paare stellten auch Richtlinien fĂŒr die Gebiete auf, ĂŒber die man sich auseinandersetzen konnte, und Bereiche, die fĂŒr beide tabu waren. In den meisten FĂ€llen hatten sich diese Regeln allmĂ€hlich herausgebildet, ohne dass die Partner allzuviel darĂŒber gesprochen hĂ€tten.
Vor allen Dingen stritten sich die Paare in der vorliegenden Studie nicht ĂŒber irrelevante Fragen, sondern erkannten, dass manche Probleme nichts mit der inneren Basis der Ehe zu tun hatten. Sie wussten, dass jemand, der berufliche Probleme hat und zu Hause Partner oder Kind anschreit oder stumm vor dem Fernseher hockt, nicht bewusst provokativ handelt. Sie wussten ausserdem, wie leicht solche Sorgen zu einem Streit fĂŒhren und wie befriedigend, aber letztlich sinnlos es ist, wenn man allen, nur nicht sich selbst, die Schuld fĂŒr Fehler gibt. Sie blieben realistisch. „Egal, wen wir geheiratet hĂ€tten - die Belastungen im Leben wĂ€ren immer die gleichen.“  
Über UnabhĂ€ngigkeit, Geld und Arbeit jedoch setzten sich die befragten Paare durchaus auseinander. Heftige Auseinandersetzungen ergaben sich bezĂŒglich der Verwaltung des gemeinsam verdienten Geldes. Dieses Problem tauchte besonders hĂ€ufig in zweiten Ehen auf, weil mindestens ein Partner die BedĂŒrfnisse von zwei Familien mitbedenken musste. Auch wenn einer der Partner den anderen im Verdacht hatte, fremdgegangen zu sein, kam es zu heftigen Streitereien. Ziemlich hĂ€ufig wurde ĂŒbers Rauchen und Trinken gestritten.
Einer der wichtigsten Streitmechanismen in guten Ehen bestand darin, den Zorn unter Kontrolle zu halten und sich sowohl der eigenen Person als auch der des Partners bewusst zu bleiben, auch wenn die Diskussion hitzig wurde. Die Partner achteten auf die jeweiligen Verletzlichkeiten. Dabei orientierten sie sich auch an unausgesprochenen Zeichen. Diese Bewusstheit half ihnen dabei, ihre GefĂŒhle und Handlungen im Zaum zu halten. Nach all den gemeinsamen Jahren kennen wir die Schwachstellen des anderen. Das heisst nicht, dass wir nicht manchmal darauf herumreiten. Wir sind schliesslich auch nur Menschen. Aber es bedeutet auch dass wir um so mehr Respekt vor dem anderen haben, wenn er nicht in solchen Wunden herumwĂŒhlt.

6. Aufgabe: Sexuell attraktive Ehe

Eine interessante sexuelle Beziehung ist die Basis einer guten Ehe. Hier geht es um Vertrautheit, Leidenschaft und Spass. Hier kann sich das Paar von den Tabus der Kindheit lösen. Es gibt kein besseres Rezept gegen den Lebensstress als ein gutes Sexleben.  
Die Einstellung zur SexualitĂ€t begann sich in den sechziger Jahren zu verĂ€ndern, und in den Siebzigern und Achtzigern war das voreheliche Zusammenleben nichts Ungewöhnliches mehr. Alle Paare in meiner Studie hatten vor der Hochzeit zwischen einem und neun Jahren zusammengelebt. Alle waren mit sexuellen Erfahrungen in die Ehe gegangen, die meisten hatten auch bereits ernsthafte Beziehungen gehabt. FrĂŒher konnten junge Frauen nicht mit ihren Freunden zusammenleben. Der Preis fĂŒr Sex mit einer Frau aus einer guten Familie war die Heirat. Mit der Erfindung der Pille in den sechziger Jahren schwand die Angst vor ungewollten Schwangerschaften, und die Ă€usseren ZwĂ€nge, die das Zusammenleben behinderten, verschwanden sozusagen ĂŒber Nacht.
Viele Leute glauben, dass es heutzutage keine grossen Probleme mehr bereitet, ein befriedigendes Sexleben aufzubauen, weil die Partner im Regelfalle sexuelle Erfahrungen vor der Ehe sammeln konnten. Doch die sexuelle Freiheit bedeutet auch, dass die Beteiligten heute viel höhere Erwartungen an ihren Partner und sich selbst mitbringen. Das bedeutet, dass der Aufbau einer fĂŒr beide Teile reizvollen sexuellen Beziehung nicht nur angenehm ist, sondern bisweilen auch ziemlich schwierig. Er erfordert FeingefĂŒhl, EinfĂŒhlungsvermögen und Geduld. Man braucht Zeit dazu und die Bereitschaft und FĂ€higkeit, sich auf die BedĂŒrfnisse des anderen einzustellen.  
Jeder Partner kommt mit einer Vorgeschichte in die Ehe, die seine sexuellen BedĂŒrfnisse, seine Phantasien, seine Hemmungen und Ängste beeinflusst hat. All das kann sich erst in der NĂ€he und Vertrautheit einer festen Bindung Ă€ussern. Die sexuellen BedĂŒrfnisse eines jeden Menschen sind so individuell wie ein Fingerabdruck.
Ein Sexleben aufzubauen, das nie an Reiz verliert, erfordert EinfĂŒhlungsvermögen und Phantasie. Dieser Bereich wird von beiden gemeinsam geschaffen - er hĂ€ngt ausschliesslich von ihrem Einfallsreichtum ab. Sie entscheiden darĂŒber, ob er emotional und leidenschaftlich ist oder experimentell. Wenn er alte Ängste verstĂ€rkt, mechanisch wird, ZĂ€rtlichkeit oder Leidenschaft vermissen lĂ€sst, liegt das an ihnen. Ob die SexualitĂ€t die ganze Ehe hindurch interessant bleibt oder bereits frĂŒher an Reiz verliert, hĂ€ngt davon ab, was die Partner in diesen zutiefst privaten Bereich einbringen und was sie daraus machen.
Das Bild von der eigenen Persönlichkeit verĂ€ndert sich durch die gemeinsame erotische Erfahrung, durch die gemeinsamen Erinnerungen und die neuen physischen Bande. Eine gute sexuelle Beziehung stĂ€rkt das Selbstvertrauen, den Stolz des Mannes auf seine MĂ€nnlichkeit und den Stolz der Frau auf ihre Weiblichkeit. Die FĂ€higkeit, sexuelles VergnĂŒgen zu bereiten und zu empfinden, gehört zu den Hauptaspekten des Erwachsenendaseins. Es gemeinsam zu erreichen fĂŒhrt nicht nur zum Stolz der Partner, sondern auch zu einer BestĂ€tigung des Paares als Einheit.
Wenn der Geschlechtsverkehr mit Liebe verbunden ist, erfordert er Vertrauen, denn einem anderen emotional und physisch so nahe zu kommen ist ein Risiko. Beide Partner mĂŒssen sich sicher fĂŒhlen, und dazu ist Vertrauen nötig. Menschen sind dann am verletzlichsten, wenn Körper und Seele sich verbinden, wenn Grenzen verschwinden und die Leidenschaft die ZĂŒgel ĂŒbernimmt. Ein Grossteil der Erregung beim Sex hĂ€ngt damit zusammen, dass man diese physischen und emotionalen Grenzen ĂŒberwindet.
Man darf nicht vergessen, wie verletzlich Menschen in Sachen Sex sind, wie leicht sie sich entmutigen lassen. Deshalb muss man gerade in diesem Bereich sich selbst und dem Partner Gelegenheit geben, SchĂŒchternheit, Hemmungen sowie die Angst, sich gehenzulassen oder die Kontrolle zu verlieren, zu ĂŒberwinden. Wenn UrĂ€ngste und Feindseligkeiten durch die Liebe besiegt werden, kann der Sex zur mĂ€chtigsten Erfahrung im Leben eines Paares werden. Die Partner sind einander dankbar, nicht nur fĂŒr das kurze GlĂŒck der Leidenschaft, sondern auch fĂŒr die Sicherheit und die Liebe, die beide empfinden, nach dem sie ein so grosses Risiko eingegangen sind.
Die Kombination aus Sex und Liebe war etwas ganz Neues fĂŒr diejenigen Leute in meiner Studie, die mit zahlreichen flĂŒchtigen Erfahrungen in die Ehe gegangen waren; manche von ihnen waren bereits mit fĂŒnfzehn Jahren sexuell aktiv geworden. Doch sobald sie auch innerhalb der Ehe ein befriedigendes Sexleben aufgebaut hatten, fiel es ihnen erstaunlich leicht, mit der Vergangenheit abzuschliessen. Sie alle sagten, sie seien ihrem Partner absolut treu gewesen, nicht erst seit der Hochzeit, sondern seit Beginn der Beziehung.
Man geht im allgemeinen davon aus, dass die sexuelle AktivitĂ€t zu Beginn der Ehe am grössten ist, doch das stimmte nicht bei allen. Die sexuelle AktivitĂ€t nahm auch im Verlauf der Jahre nicht unbedingt ab. In vielen Ehen folgte auf die grosse Leidenschaft der frĂŒhen Jahre eine Abnahme der Lust, wenn die Kinder kamen, und wenn sie aus dem Haus waren, stieg sie wieder an und hielt sich bis ins hohe Alter.
Die Geburt von Kindern macht die Ehe hektischer und beeinflusst auch den Sex. Manche Paare erzĂ€hlten, ihr Sexleben habe nach der Geburt des ersten Kindes oft monatelang aufgehört. Wenn kurz darauf noch ein zweites Kind folgte, verlĂ€ngerte sich die Zeit der Abstinenz entsprechend. WĂ€hrend der Wechseljahre und danach ergaben sich fĂŒr die meisten Frauen grosse VerĂ€nderungen im Sexualverhalten. Manche berichteten, dass ihre Begierden wuchsen, andere, dass sie nachliessen. Beides fĂŒhrte hĂ€ufig zu Problemen.
Das Sexleben ist der empfindlichste Teil einer Ehe. Anders als der flĂŒchtige Sex, den man immer irgendwie unterbringen kann, hĂ€ngt der Sex innerhalb der Ehe von einem gewissen Mass an innerer Ruhe ab. Ohne die Sicherheit eines Privatbereichs schafft es das Paar unter UmstĂ€nden nicht, sich aufeinander einzulassen. Wenn der Sex aufgrund anderer, dringenderer Dinge immer wieder verschoben wird, kann er unbefriedigend und oberflĂ€chlich werden und die Ehe schĂ€digen. Verheiratete gehen mit vielerlei BedĂŒrfnissen miteinander ins Bett, nicht nur mit dem Wunsch nach Befriedigung der Lust. Der Sex bietet die einzigartige Gelegenheit, einen Ort des VergnĂŒgens zu schaffen, den wir alle brauchen.
Die Menschen sind auch innerhalb einer guten Ehe verletzlich. „Man muss aufpassen, wenn man einen Mann zurĂŒck weist,“ sagte eine Frau. „Es gibt Zeiten, in denen einer von uns zu mĂŒde zum Sex ist, aber mit solchen Situationen gehen wir sehr behutsam um. Ich sage dann zum Beispiel: Ich finde dich begehrenswert, aber ich schlafe lieber morgen mit dir. Und er reagiert bei mir genauso. Wir achten beide darauf, dass der andere nicht glaubt, er sei nicht mehr begehrenswert.“ FĂŒr alle Paare ist es wichtig, sich einen Privatbereich aufzubauen, die sexuelle Beziehung zu pflegen und gegen alle Ă€usseren EinflĂŒsse zu schĂŒtzen. IntensitĂ€t und HĂ€ufigkeit von Sex hĂ€ngt mehr, als sie erwarteten, davon ab, sich FreirĂ€ume im Alltag dafĂŒr zu schaffen. Ein reizvolles und dauerhaftes Sexleben ist nicht nur ein Nebenprodukt, sondern eine der wesentlichen Seiten einer Ehe. In einer guten Ehe sind Sex und Liebe untrennbar miteinander verbunden. Sex erhĂ€lt die Beziehung aufrecht und fĂŒllt emotionale Reserven auf.
FĂŒr viele Familien ist der Zeitfaktor heutzutage ein grosses Problem. LĂ€ngere Arbeitszeiten bedeuten weniger Zeit fĂŒr die Kinder. Die Arbeit hat ausserdem Einfluss auf das VerhĂ€ltnis der Partner. Wenn zwei Menschen nicht genug Zeit fĂŒr die Kinder haben, haben sie gewöhnlich noch weniger Zeit fĂŒr die Beziehung. Sie verschieben IntimitĂ€ten, die Augenblicke, in denen sie zusammensein können, genau die Dinge also, die so wichtig sind fĂŒr eine Ehe. Sex, der nur die natĂŒrlichen Triebe befriedigt, erfĂŒllt nicht den Zweck, die Vertrautheit zu verstĂ€rken. Ausserdem sagen gerade viele Frauen, dass Sex ohne Zeit fĂŒr Vertrautes sie langweilt, frustriert oder wĂŒtend macht.   

7. Aufgabe: Humor und gemeinsame Interessen

Die Aufgabe, mit Humor und Lachen die Beziehung zu festigen, endet nie und beschrĂ€nkt sich nicht auf Urlaube und Jahrestage; sie ist Teil des Alltagslebens. Foppen und Necken erhĂ€lt die Ehe lebhaft und frisch. Viele der Paare wiesen auf eine ganz eigene Sprache der Partner hin, die nur sie verstehen. Manchmal haben Wortspiele erotische Untertöne, meist jedoch machen sie sich lustig ĂŒber die kleinen Ärgernisse des tĂ€glichen Lebens. Es lohnt sich, das Lachen zu kultivieren.   Taktvoller, sanfter Humor kann dazu beitragen, eine Ehe interessant zu machen.
Aber der Humor ist nur ein Aspekt. Wichtig ist es auch, das gegenseitige Interesse wachzuhalten. Viele Verheiratete sagen, die Langeweile sei ihr schlimmster Feind.
In meinen Interviews war ich immer wieder beeindruckt davon, wie gut die Partner einander zuhörten. Sie schienen standig Neues und Interessantes von ihrem Partner zu erwarten.
Ausserdem nahmen die Paare in meiner Studie auch am Leben ausserhalb der Familie teil. Keines von ihnen fĂŒhrte ein völlig isoliertes Leben. Paare, die sich scheiden lassen, fĂŒhren ein weit isolierteres Leben, haben weniger Freunde und Kontakte nach draussen. Manchmal wendet sich nur einer der Partner der Aussenwelt zu, wĂ€hrend der andere sich zurĂŒckzieht, und darunter leidet dann die Ehe. Zu einem intelligenten GesprĂ€ch sind zwei Menschen nötig, und beide mĂŒssen neuen Ideen gegenĂŒber offen sein. Den Paaren in kameradschaftlichen Ehen, in denen die Partner auf mehreren Hochzeiten tanzen mĂŒssen, fĂ€llt es im allgemeinen am leichtesten, der Langeweile zu entkommen. Sie kennen einander gut und wissen besser als jeder andere, was das Interesse des GefĂ€hrten weckt und was nicht. Diesen Aspekt einer Beziehung zu beachten ist eine sehr wichtige und nur selten wahrgenommene Aufgabe der Ehe.

8. Aufgabe: Trost und Ermutigung

Unser BedĂŒrfnis, getröstet und ermutigt zu werden, hört nie auf. Deshalb besteht eine der Aufgaben der Ehe von Anfang an darin, einander zu bestĂ€tigen und zu stĂŒtzen. Wir sind ausgelaugt und schutzbedĂŒrftig. Mehr denn je brauchen wir heutzutage jemanden, der versteht, was wir empfinden, und einfĂŒhlsam auf uns reagiert. Die Liebe nimmt ihren Anfang, wenn wir beginnen, auf die Reaktionen des anderen zu achten.  
Deshalb besteht die achte Aufgabe der Ehe darin, innerhalb einer Beziehung Trost und Ermutigung zu geben und offen zu sein fĂŒr AbhĂ€ngigkeiten, Versagen, EnttĂ€uschungen, Trauer, Krankheit und Alter. Wenn wir weinen, wenn wir SchwĂ€chen und Versagen zugeben oder wenn wir entmutigt oder deprimiert sind, wenden wir uns unserem Partner zu, damit er uns tröstet. Wenn wir uns nie gehen lassen können, werden wir spröde, empfindlich und langweilig. Wenn wir es nicht tun, laufen wir Gefahr, uns vorzeitig zu verausgaben.
EinfĂŒhlungsvermögen und UnterstĂŒtzung beginnen mit der genauen EinschĂ€tzung dessen, was den anderen betrĂŒbt, und darauf folgt die BemĂŒhung, seine Leiden zu lindern. Trost in einer guten Ehe beruht auf beiderseitigem Verstehen und echter FĂŒrsorge. Eine Ehe ohne Trost und Ermutigung ist zum Scheitern verurteilt. 
Oft ist die Erleichterung der Menschen deutlich zu spĂŒren, wenn sie nach Hause kommen. Der GeschĂ€ftsmann lockert sofort seine Krawatte und öffnet den obersten Kragenknopf. Die GeschĂ€ftsfrau schlĂŒpft aus den hochhackigen Schuhen. Jetzt wollen die Betroffenen sich entspannen, ihr öffentliches Ich abstreifen, nicht mehr stĂ€ndig lĂ€cheln mĂŒssen. Zu Hause können wir uns der „Uniformen“ und der Masken entledigen, die das Leben da draussen von uns fordert. Im Privatbereich will der Mensch seine Sorgen abladen, ĂŒber seinen Zorn auf den Chef sprechen, von seinem beruflichen Versagen erzĂ€hlen, seinen Kummer darĂŒber ausdrĂŒcken, dass er jemandem kĂŒndigen musste. Wir wĂŒnschen uns alle ein offenes Ohr, nicht nur fĂŒr die negativen Dinge, sondern auch fĂŒr die Schilderung unserer Triumphe. Vor dem Partner brauchen wir uns nicht zu verstellen, wir können ganz unverhohlen spotten und schadenfroh sein. Die Mutter, die den ganzen Tag damit beschĂ€ftigt ist, die Kinder zu versorgen, wĂŒnscht sich ebenfalls jemanden, bei dem sie sich ausweinen kann, wenn sie am Abend erschöpft ist. Wenn keine akute Krisensituation herrscht, ist das, worĂŒber ein Paar spricht, lĂ€ngst nicht so wichtig wie die Tatsache, dass es ĂŒberhaupt zusammen ist und die Partner einander zuhören. Die meisten Leute erwarten gar nicht, dass ihnen ihre Sorgen einfach abgenommen werden. Sie wollen auch nicht, dass der Partner die Welt verĂ€ndert, aber sie wollen, dass jemand ihnen zuhört, und erwarten, dass der Partner um ihre Ängste, Verletzungen und Frustrationen weiss.
In vielen Ehen ist die Entdeckung, dass der Partner hin und wieder Trost braucht, eine grosse Überraschung. Eine junge Frau sagte: „Erst nach langem Probieren habe ich herausgefunden, welche Art von UnterstĂŒtzung mein Mann sich von mir erwartet. Ich lernte ihn damals an unserem gemeinsamen Arbeitsplatz als ausgesprochen selbstsicheren Manager kennen. Ich habe Jahre gebraucht, um zu merken, dass er ĂŒberhaupt UnterstĂŒtzung braucht. Wenn er zu Hause niedergeschlagen oder launisch war, habe ich das persönlich genommen und gedacht, ich hĂ€tte ihn verĂ€rgert.“  
Der erste Schritt der hier beschriebenen Aufgabe besteht in der Beobachtung des Partners. Man muss zwischen den Zeilen lesen und die Körpersprache deuten können damit man den Partner  unterstĂŒtzen und aufzubauen kann, auch wenn er nichts sagt. Die weitverbreitete Kommunikationsmethode in der Paartherapie - man brauche dem Partner ja nur zu sagen, wie man sich fĂŒhlte - erfasst kaum diese Feinheiten. In einer Beziehung muss man genau beobachten, um zwischen Abreaktion und wirklichem Zorn, zwischen MĂŒdigkeit und Erschöpfung, Traurigkeit und Verzweiflung, Jammern und tatsĂ€chlicher Hilflosigkeit, Niedergeschlagenheit und chronischer Depression unterscheiden zu können. Manchmal spricht Schweigen BĂ€nde. Signale, die nicht wahrgenommen oder beachtet werden, können zu Problemen fĂŒhren. Die meisten Menschen kommen mit gelegentlichen Fehldeutungen ganz gut zurecht und erwarten keine ĂŒbersinnlichen FĂ€higkeiten von ihrem Partner, aber eine permanente „Blindheit“ und „Taubheit“ des GefĂ€hrten ist schwer zu akzeptieren. Er muss nicht alle Wunden heilen, aber er sollte in der Lage sein, einen Hilferuf nicht nur zu hören, sondern auch ernst zu nehmen, egal, wie ungeschickt er ausgedrĂŒckt ist.  
Die Worte, mit denen sich die Partner am Ende eines langen Tages begrĂŒssen, stellen die Weichen fĂŒr den Rest des Abends. Es ist wichtig, dass sie offene Fragen bis zum Schlafengehen lösen, auch wenn sie beide erschöpft sind, damit die emotionale Bindung nicht gefĂ€hrdet wird. Das heisst nicht, dass eine Ehe gleich auseinanderbricht, wenn ein Signal nicht wahrgenommen wird. Vielmehr geht es hier um das GefĂŒhl, emotional allein dazustehen, wenn der Partner gewisse BedĂŒrfnisse nicht erkennt. Ein solches GefĂŒhl des emotionalen Verlassenseins fĂŒhrt irgendwann zu Depressionen und schliesslich zu Wut. Schwierig ist die Situation natĂŒrlich, wenn beide Partner am Ende eines anstrengenden Tages Trost brauchen. Beide sind möglicherweise so erschöpft, dass sie nichts mehr geben können. Dann kann der Kampf um das geringe noch vorhandene emotionale Reservoir zu grossen Spannungen fĂŒhren. Es gibt kein Patentrezept zur Verhinderung solcher Spannungen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Ehe besteht darin, die Selbstachtung des Partners zu starken und zu bewahren. Die gegenseitige Ermutigung geht Hand in Hand mit der Auffrischung der emotionalen Reserven. Die Selbstachtung entwickelt sich nicht ein fĂŒr allemal und verĂ€ndert sich dann nie wieder, wie manche Menschen meinen. NatĂŒrlich liegen ihre Wurzeln in der Kindheit und Jugend, aber sie ist im Erwachsenenalter den unterschiedlichsten Wandlungen unterworfen. Sie spiegelt nicht nur unsere SelbsteinschĂ€tzung, sondern auch die EinschĂ€tzung dessen wider, was die anderen von uns halten. Die Selbstachtung ist kein isoliertes GefĂŒhl, sondern ruht auf drei Eckpfeilern: auf dem Bewusstsein, geliebt zu werden, ein guter Mensch und fĂ€hig zu sein. Wenn alle drei Aspekte stark ausgeprĂ€gt sind, ist auch die Selbstachtung hoch Wenn nicht, ist Versagen vorprogrammiert. Jede dieser Komponenten steht tagtĂ€glich wieder auf dem PrĂŒfstand. Wenn ein Mensch hohe Selbstachtung besitzt, weil er immer geliebt und geachtet wurde, braucht er unter UmstĂ€nden weniger BestĂ€tigung vom Partner. Wenn etwas schiefgeht, vertraut er auf eine neue Chance und fĂ€ngt sich relativ leicht wieder. Doch auch Leute mit hoher Selbstachtung durchleben Zeiten voller Zweifel und EnttĂ€uschungen. In solchen Situationen brauchen sie einen Partner, Kinder oder gute Freunde, an die sie sich wenden können. In den guten Ehen meiner Studie hatten die Partner Achtung voreinander. Sie betrachteten sich gegenseitig als fĂ€hige Menschen, als gute VĂ€ter und MĂŒtter. Sie wĂŒnschten einander Erfolg und hatten die FĂ€higkeit, einander zu ermutigen, ohne Perfektion oder heroische Leistungen zu erwarten. Mit gelegentlichem Versagen konnten sie gut umgehen. Ausserdem waren sie nicht aufeinander neidisch. Sie trösteten ihren Partner nicht, um etwas wiederzubekommen. Sie fĂŒhrten nicht Buch ĂŒber ihre Anstrengungen. Den anderen zu unterstĂŒtzen und zu ermutigen war selbstverstĂ€ndlich.

9. Aufgabe: Zwischen Ideal und RealitÀt

Die neunte Aufgabe der Ehe besteht darin, immer gleichzeitig ein Bild der Vergangenheit und der Gegenwart im Kopf zu haben. Man darf die frĂŒhen Idealisierungen der Liebe nicht vergessen, wenn man Ă€lter wird, aber man darf auch nicht verdrĂ€ngen, dass man die Zeit nicht anhalten kann.
GlĂŒcklich verheiratete Paare bewahren die guten Bilder und Episoden. Die Geschichte, wie sie sich kennenlernten, hat innerhalb der Familie einen besonderen Stellenwert. Das ist der wahre Grund fĂŒr Jahrestage und Blumen - wir wollen uns feifeiern, unsere Geschichte und damit auch unsere Zukunft. Das wiederholte ErzĂ€hlen solcher EindrĂŒcke ruft GefĂŒhle hervor und stellt eine lebendige Verbindung zwischen den WĂŒnschen der Vergangenheit und den BedĂŒrfnissen der Gegenwart her. Wenn diese GefĂŒhle Teil des tĂ€glichen Lebens werden, helfen sie dabei, die unausweichlichen EnttĂ€uschungen zu dĂ€mpfen, die in jeder Beziehung passieren.  
Das Paar verwebt die frĂŒhen Idealisierungen in das alltĂ€gliche Leben und verleiht der Beziehung dadurch eine Bedeutung, die sie ĂŒber den Durchschnitt hinaushebt. Liebgewonnene Erinnerungen an die Vergangenheit nehmen SchicksalsschlĂ€gen in der Gegenwart die Wucht. Die Partner sind so in der Lage, einander zu vergeben, dass sie nicht immer alle Versprechen einlösen können.  
NatĂŒrlich kann eine Ehe nicht von solchen Erinnerungen allein leben, sondern muss um andere gemeinsame Freuden bereichert werden.
Jede Beziehung birgt auch die Gefahr in sich, dass die TrĂ€ume sich in ihr Gegenteil verkehren. Plötzlich wird der ehemals idealisierte Partner als destruktiv, gefĂ€hrlich und böse wahrgenommen. Eine solche DĂ€monisierung passiert oft bei Trennungen. In vielen Scheidungen verwandelt sich all das, was man frĂŒher am Partner gut und bewundernswert gefunden hat, in die schlimmsten Eigenschaften, die man sich vor stellen kann.
Die letzte Aufgabe der Ehe besteht also darin, die gemeinsame Geschichte zu feiern und gleichzeitig nicht aus den Augen zu verlieren, dass der Partner auch nur ein Mensch mit SchwÀchen ist. Ohne Phantasie ist die Beziehung banal, doch ohne eine gesunde Portion Realismus ist sie sentimental und kaum etwas wert.
In glĂŒcklichen Ehen werden die hohen Erwartungen, die die Partner zu Beginn aneinander stellen, an die LebensrealitĂ€t angepasst, aber nie völlig aufgegeben. Ehen ohne Phantasien oder Idealisierung sind langweilig und entmutigend. Viele geschiedenen Paare, scheinen einander nie idealisiert zu haben. Eine Scheidung bedeutet nicht immer ein Zerbröckeln der Liebe oder hoch gesteckter Erwartungen - manchmal waren die Erwartungen im Gegenteil nicht hoch genug.

Zusammenfassung

Die Befragten waren samt und sonders Realisten. Sie bestritten nicht, dass es immer wieder zu Konflikten, zu Zorn und hin und wieder sogar zu SeitensprĂŒngen kam. Niemand beschrieb die Ehe als ein Zuckerschlecken, doch alle meinten, dass die positiven Seiten langfristig die negativen ĂŒberwogen. Die meisten erachteten die kleinen und grossen Frustrationen als unausweichlich, egal, wen sie heirateten. Alle hatten bisweilen Phantasien ĂŒber die Wege, die sie nicht eingeschlagen hatten, aber die Bindung an die Ehe war stĂ€rker als der Impuls auszubrechen. Ausserdem waren sie alle der Meinung, dass der Partner in einem wichtigen Punkt etwas Besonderes sei und dass die Ehe die Partner als Individuen fördere.
Die glĂŒcklichen Paare betrachteten ihre Ehe als ein nie vollendetes Kunstwerk. Nicht einmal im Ruhestand nahmen sie das eheliche GlĂŒck als selbstverstĂ€ndlich hin.
Keine Ehe befriedigt alle WĂŒnsche und BedĂŒrfnisse, die die Partner mitbringen. Jeder der in diesem Buch genannten Ehetypen maximiert unterschiedliche Belohnungen und fordert einen anderen Preis. Die Werte, auf denen die Ehe aufgebaut ist, unterscheiden sich ebenfalls von Modell zu Modell.
Anhand meiner Studie bin ich zu dem Schluss gekommen, dass eine gute Ehe flexibel sein muss. Nach allgemein gÀngiger Ansicht bildet sich die Persönlichkeit bereits in der Kindheit voll heraus. Soweit ich in meinen Interviews feststellen konnte, ist die Persönlichkeit aber im Erwachsenenalter noch lÀngst nicht vollstÀndig entwickelt; im Verlauf der Ehe muss sie sich manchmal gewaltig verÀndern. Enges Zusammenleben erzwingt inneren Wandel, nicht nur Àussere Kompromisse.