Jesu 'Masterstudiengang' – Das Unser Vater

von Martina Bertschi | 15.02.2008

Rund 100 junge Menschen fuhren am 27. Dezember nach Moscia, um dort gemeinsam die Tage bis Neujahr zu verbringen. Der Hauptreferent Urban Camenzind-Herzog hat einen Kurs über das Unser Vater entwickelt, von dem die Studierenden in Moscia profitierten.

Urban Camenzind betonte: Das Unser Vater ist nicht nur ein Gebet, sondern zugleich ein Lebensstil. Das sogenannte Herrengebet sei ein Nachfolgepaket, das eigentlich besser den Namen Jüngergebet verdient hätte. Nicht die moralische Vollkommenheit sei das Ziel, sondern die Vollkommenheit in der Liebe.

Das Unser Vater als Lebensstil

«Was ist eure Hauptaktivität beim Coiffeur?», fragte Urban Camenzind. – «Still dasitzen, damit er seine Arbeit tun kann, damit du mit einer neuen Frisur nach Hause gehen kannst.» Das sei auch unsere Hauptaktivität mit Gott: Bei Ihm still sein, damit Er seine Arbeit an uns tun könne. Er wolle uns nicht eine neue Frisur, sondern ein neues Herz geben.

Dazu, so betonte der Referent, sei das Gebet da. Im Gebet setzten wir uns jeden Tag der Liebe des Vaters aus. Denn Beten ist für die Seele, was für den Körper das Atmen ist. Diese ‚Termine mit Gott‘ seien wichtig, damit das Leben mehr und mehr zum Gebet werde.

Camenzind zitierte dazu den Kapuziner Raniero Cantalamessa: «Das Einzige, worum uns der Heilige Geist bittet, ist ihm unsere Zeit zu schenken, auch wenn es anfänglich als verlorene Zeit erscheint. Ich werde niemals die Lektion vergessen, die mir eines Tages in dieser Sache erteilt wurde. Ich sagte zu Gott: ‘Herr, gib mir den Eifer, und ich werde dir alle Zeit schenken, die du für das Gebet willst.’ In meinem Herzen fand ich die Antwort: ‘Raniero, gib mir deine Zeit, und ich werde dir den ganzen Eifer geben, den du im Gebet willst.’»

Unser Vater im Himmel: Abba – ein Du sprengt unseren Horizont

Wir dürfen Ihm ‚Du‘ sagen und dennoch ist Er heilig – wir können nicht über Ihn verfügen. Er bleibt geheimnisvoll. Der hebräische Ausdruck Abba wird vom Kind für den Vater gebraucht und ist zugleich eine zärtliche und ehrfurchtsvolle Anrede. Viele Menschen haben dieses kindliche Urvertrauen zu ihrem Vater im Himmel auf ihrer Lebensreise verloren. Nun leiden sie unter einer Wunde des Misstrauens; Gott ­könnte es nicht gut mit ihnen meinen, vielleicht schauten sie besser für sich selbst.

Jesus aber ist gekommen, um das Vertrauen gegenüber dem Vater wieder in die Herzen der Menschen zu legen. Denn sobald Misstrauen in eine Beziehung dringt, wird es schwierig. Das gilt auch für die Bezieh­ung zwischen Menschen und Gott. Wir haben eine Festhalte-Therapie Gottes nötig.

Gott liebt uns, Er ist ein Vater, der ins Leben führt. Seine Liebe verleiht uns ‚Courage zur Blamage‘. Sein Blick auf uns vermittelt uns Leben, so wie ein Kind unter dem Blick von Mutter und Vater fröhlich und lebendig wird.

Dein Wille geschehe: Freiheit befähigt, die Liebe zu wählen

Viele wünschen, dass sich der himmlische Vater ihren Plänen und Wünschen anpasst. Doch ‚dein Wille geschehe‘ meint, dass wir uns Seinen Plänen öffnen; dass wir Ihm vertrauen, dass Er weiser, weitsichtiger und liebender ist als wir. Dies immer im Wissen, dass wir keine Marionetten sind, sondern dass Gott wie der Architekt unseres Lebenshauses handelt. Er zeigt uns Seine Pläne, doch auswählen und bauen müssen wir selber.

Wir sind Partner Gottes! Er baut mit uns. Oft bedeutet das: Wenn es dir Freude macht, tu es! Sein Wille ist, dass wir zur Liebe durchbrechen. Solange wir in der Liebe sind, sind wir bei Gott. Oder mit den Worten des Kirchenvaters Augustinus: «Liebe und tu was du willst.»

Sein Wille ist ein Angebot für gelingendes Leben. Sein Wort hilft uns, Seinen Willen zu entdecken. Jesus lebte uns vor, den Willen Gottes zu tun: «Das Wort Gottes ist Fleisch geworden.»

Selbst er kam an eine Grenze. Im Garten Gethsemane (Mk 14,32-42) ging er durch Widerstände und Angst. Er rang mit Gott um einen Ausweg. Auch wir sollen mit Gott ringen, Ihm unser Herz ausschütten, herausschreien, klagen lernen und nicht zu fromm beten. Jesus hat erfahren und uns vorgelebt, dass Liebe etwas kosten kann: Zum Beispiel das Leben für den anderen zu geben. Jede Liebe ist auch bereit zu verzichten. Das heisst, dass wir uns (dann und wann) zurückstellen können. Im Gebet können wir hören, was dran ist. Sollten wir Seinen Willen aber verpassen, lässt Er uns Erfahrungen machen, aus denen wir für das nächste Mal lernen.

Unser tägliches Brot gib uns heute: Hunger – keine Frage der Ressourcen

Das Brot dieser Erde gehört allen Geschöpfen. Die Christen sind aufgefordert, ihre Verantwortung wahrzunehmen und sich dafür einzusetzen, dass es gerechter verteilt wird. Die ersten Christengemeinden waren für ihre Liebe bekannt. Und heute? Haben wir in unserem Portemonnaie – und in unserem Zeitbudget – zwei Teile: Einen für mich, einen für die Armen (Mt 25,35-40)?

Das ‚tägliche Brot‘ kann verschiedene Gesichter haben. Wir Menschen sind hungrige Wesen, und dieser Hunger kennt drei Dimensionen:

  • Hunger des Körpers: Der materiell-leibliche Bereich
  • Hunger der Seele: Der emotional-seelische Bereich
  • Hunger des Geistes: Der geistig-geistliche Bereich

Beim Stillen des dreifachen Lebenshungers entscheiden wir: Nehme oder empfange ich? Was wir uns selber nehmen, kann uns wieder genommen werden. Sehe ich dagegen alles Gute in meinem Leben als ein Geschenk Gottes? Dann muss ich es nicht verteidigen.

 

Jeder Mensch braucht eine Gemeinschaft, in der er sich zu Hause fühlt, sonst verkümmert er. Weil wir von Gott geschaffen sind, brauchen wir die Gemeinschaft mit Ihm. Schaffe ich darin anderen Raum, damit sie sich entfalten können? Denn eine Welt, in dem es einem Menschen besser geht, ist eine bessere Welt. Bin ich in diesem Sinne ein Hoffnungsträger?

 

Der Mensch kann auf den ungestillten Hunger unterschiedlich reagieren:

  1. Nehmen aus Angst: Nimm dir, so viel du kannst! Folgen: Ãœberlebenskampf. Wir berauben einander und die Erde.
  2. Empfangen aus Vertrauen: Kinder leben im Augenblick und vertrauen ihren Eltern, dass diese für sie sorgen. Ich lerne als Kind Gottes zu leben und vertraue, dass Er alles Nötige zum Leben schenkt. Folgen: Genügsamkeit – einfacher Lebensstil. Alles Leben, jeder Augenblick ist ein Geschenk.

 

Die heilsame Therapie Gottes lautet, dass wir im Heute leben sollen und unnötige Sorgen loslassen (1. Petr. 5,7; Mt 6,34) und Vertrauen üben. Wie lange würden Sie eine glühende Kohle in Ihrer Hand behalten? Die gleiche Reaktion sollten wir im Umgang mit Sorgen haben.

Das dürfen auch die Menschen um uns herum merken. Gott, der Vater, möchte uns nicht wegen eines stoischen Programms von unseren Sorgen entlasten, sondern damit wir die Kraft haben, uns um die anderen zu sorgen – und somit die Sorge Gottes mittragen. Ganz im Sinne von: «Euch aber muss es zuerst um sein Reich und seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazu gegeben» (Mt 6, 33).

 

Zuerst erschienen in BST 1/2008