Keiner ist eine Insel

von Thomas Merton |

Thomas Mertons bekanntes Buch ist ein sehr persönliches Werk, das den Menschen in die Schöpfung einbindet und den urreligiösen Weg der Liebe weist. Die eigenen Erfahrungen und Wandlungen als Mensch und Mönch weisen Wege aus der Isolierung des modernen Menschen in ein universelles Verbundensein. "Aktion ist die Liebe, die sich nach aussen wendet, an andere Menschen. Kontemplation ist die Liebe, die es nach innen zieht, zu ihrem göttlichen Ursprung. Aktion ist der Strom, Kontemplation die Quelle."
Merton, Thomas. Keiner ist eine Insel; Betrachtungen ĂŒber die Liebe. ISBN 3491694213. Benziger 2005. 246 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Einleitung

Unser Leben macht uns deutlich, dass es einen Sinn haben mĂŒsse. Ein Teil des Sinns entgeht uns noch. Und doch ist es unser Lebenszweck, diesen Sinn zu entdecken und ihm gemĂ€ss zu leben. Das ist eine schwierige Aufgabe:

Zweifellos können wir einander helfen, den Sinn des Lebens zu finden. Aber jeder ist dafĂŒr verantwortlich, dass er sein eigenes Leben lebt und sich selbst findet. Andere können dir einen Namen, eine Nummer geben, aber sie können dir nie sagen, wer du wirklich bist.

Wir beobachten die anderen. Wir lernen dadurch leben. Der Nachteil aber ist, dass wir allzu leicht geneigt sind, jedermanns falsche Lösung der Lebensprobleme gutzuheissen. NatĂŒrliche TrĂ€gheit lĂ€sst und die leichtesten Lösungen annehmen.

Es gibt auch die TrĂ€gheit, die sich unter dem Mantel der Verzweiflung eine falsche WĂŒrde zuzulegen sucht und die uns verleitet, Fragen wie Antworten zu ĂŒbersehen.

Dann gibt es den Prophetenwahn. Er ist der Àusserste Gegensatz zum Herdenwahn. Der falsche Prophet wird jede Antwort annehmen, vorausgesetzt, dass es seine, dass es nicht die Herdenantwort ist.


Das Finden Christi ist niemals echt, wenn es nur eine Flucht vor uns selbst ist. Im Gegenteil, es kann keine Flucht sein. Es kann nur ErfĂŒllung sein. Ich kann Gott nur in mir und mich in ihm finden, wenn ich den Mut habe, mich genau so zu sehen, wie ich bin, mit all meinen grenzen, und andere so zu bejahen, wie sie sind, mit all ihren Grenzen. Die Antwort des Glaubens ist nicht glĂ€ubig, wenn sie nicht vollkommen wirklich ist. Flucht ist die Antwort des Aberglaubens.


Das „Heil“ ist, wenn wir es intuitiv betrachten, etwas sehr Einfaches. Wenn wir ihm aber verstandesmĂ€ssig auf den Grund gehen, verwandelt es sich in ein kompliziertes gewiss von Paradoxen:

  • Wie werden wir selbst, indem wir uns selbst absterben.
  • Wir gewinnen nur, was wir aufgeben.
  • Wir können uns nicht in uns finden, nur in anderen, zugleich können wir uns anderen erst zuwenden, wenn wir uns selbst gefunden haben.
  • Und was Gott betrifft, wir können ihn nicht suchen, wenn wir ihn nicht schon gefunden haben. Und wir können ihn nicht finden, wenn er uns nicht zuerst gefunden hat. Wir können nicht anfangen ihn zu suchen, ohne besondere Gnadengabe von ihm; wenn wir aber auf die Anregung der Gnade warten, ehe wir anfangen, ihn zu suchen, werden wir wahrscheinlich nie damit anfangen.


Daher sind alle nicht ĂŒbernatĂŒrlichen Antworten unzureichend. Sie erfassen nur den einen der gegensĂ€tzlichen Begriffe und können darum immer von den anderen widerlegt werden.

I Liebe lÀsst sich nur bewahren, indem man sie verschenkt

1. Ein GlĂŒck, das wir fĂŒr uns alleine suchen, ist nirgends zu finden; denn ein GlĂŒck, das sich verringert, wenn wir es mit anderen teilen, ist nicht gross genug, um uns glĂŒcklich zu machen.

Es gibt kein GlĂŒck unter Zwang. Die Liebe will in Freiheit geben.

2. Liebe zieht nicht nur das Wohl des anderen dem eigenen vor, es vergleicht die beiden nicht einmal. Sie kennt nur ein Wohl; das des Geliebten, das zugleich das eigene ist.

3. Wer einen anderen liebt, wĂŒnscht das, was wahrhaft gut fĂŒr ihn ist. Blind lieben heisst selbstsĂŒchtig lieben, denn das Ziel solcher Liebe ist nicht der wahre Nutzen des Geliebten, sondern die Liebesregung in unserer eigenen Seele.

4. Der erste Schritt zu selbstloser Liebe ist die Erkenntnis, dass unsere Liebe sich tĂ€uschen kann. Zuallererst mĂŒssen wir unsere Liebe lĂ€utern durch Verzicht auf den Genuss der Liebe um ihrer selbst willen.

5. Wer einen anderen wirklich liebt, ist nicht nur von dem Wunsch bewegt, ihn in dieser Welt zufrieden und gesund und erfolgreich zu sehen. Mit etwas so Unvollkommenem kann Liebe sich nicht begnĂŒgen.

6. Meine Liebe muss zum Gnadenvermittler der geheimnisvollen und unendlich selbstlosen Liebe Gottes werden.

8. SelbstsĂŒchtige Liebe achtet selten das Recht des Geliebten auf autonome Persönlichkeit.

Möge mich Gott vor der Liebe eines Freundes bewahren, der niemals wagt, mich zurecht zu weisen.

9. In gewissem Sinne können wir allen Menschen Freund sein, weil es keinen Menschen auf der Welt gibt, mit dem wir nicht irgendetwas gemeinsam haben.

11. Man darf sich Gottes Liebe nicht als hungriges Verlangen vorstellen. Sie ist das Gastmahl des Himmelreichs. Viele konnten nicht kommen, weil sie etwas anderes begehrten, etwas Eigenes. Sie wussten nicht, dass ihnen, hÀtten sie zuerst das Gastmahl und das Reich gesucht, alles andere dazu gegeben worden wÀre.

II Betrachtungen ĂŒber die Hoffnung

1. Wir sind nicht eher frei, als bis wir in einer Hoffnung leben, die sich nicht mehr ausschliesslich auf Menschliches und Sichtbares verlÀsst.

Erst wenn wir die Dinge der Welt nicht um ihrer selbst willen begehren, sehen wir sie wirklich. Nur so erkennen wir ihren Sinn. Sobald wir von ihnen frei sind, können wir sie wĂŒrdigen. Wenn wir von der Freude und Hilfe, die sie bieten unabhĂ€ngig sind, bieten sie uns Freude und Hilfe, nach Gottes Geheiss.

Das Einzige, was uns Glaube und Hoffnung nicht geben, ist die klare Schau dessen, was wir besitzen. Wir sind im Dunkel mit Gott vereint, denn wir sollen hoffen.

2. Wer sich auf Sichtbares verlĂ€sst, lebt in Verzweiflung. Und doch muss ich, wenn ich auf Gott hoffe, die natĂŒrlichen Hilfsmittel gebrauchen.

Wenn ich auf Gott vertraue, so muss ich auch Vertrauen in die natĂŒrlichen KrĂ€fte zeigen, die er mir gegeben hat. Nicht weil es meine KrĂ€fte sind, sondern weil es seine Gaben sind.

4. Jedes Verlangen kann enttÀuscht werden, ausser einem. Das einzige, unenttÀuschbare Verlangen ist das Verlangen von Gott geliebt zu werden.

Wenn wir Gott aber aus einem geringeren Grunde lieben als um seiner selbst willen, nÀhren wir ein Verlangen, das enttÀuscht werden kann.

5. Alle SĂŒnde ist ein Mangel an Liebe Gott gegenĂŒber, um etwas anderes mehr zu lieben.

6. Alle Dinge sind gut aber unvollkommen. Ihr Gutes bezeugt die GĂŒte Gottes. Ihre Unvollkommenheit treibt uns, sie zu verlassen, um in der Hoffnung zu leben.

7. Der Teufel glaubt an Gott, aber er hat keinen Gott. Der Herr ist nicht sein Gott.

Alle SĂŒnde entspringt dem Stolz, der sich der Liebe verweigert.

8. Der Herr ĂŒber alle Gerechtigkeit ist eifersĂŒchtig auf sein Vorrecht als Vater der Barmherzigkeit, und der höchste Ausdruck seiner Gerechtigkeit ist es, denen zu vergeben, denen kein anderer je vergeben haben wĂŒrde.

9. Nur wer die Verzweiflung kennen gelernt hat, ist wirklich ĂŒberzeugt, dass er der Gnade bedarf.

10. Eines der schwierigsten theologischen Probleme lÀsst sich durch ein christliches Leben, durch die Tugend der Hoffnung lösen. Das Geheimnis des freien Willens und des Wirkens Gottes. Hoffnung ist die VermÀhlung zweier Freiheiten, der menschlichen und der göttlichen.

11. Was ich im Glauben annehme, was ich durch die Theologie verstehe, das wird mir durch die Hoffnung zu eigen.

III Gewissen, Freiheit und Gebet

1. Wenn ich Menschen, und Dinge nur in ihrer Wirkung auf mich betrachte, lebe ich auf der Schwelle zur Hölle. Selbstsucht ist zur EnttĂ€uschung verdammt; sie beruht auf LĂŒge.

Es ist unmöglich, dadurch glĂŒcklich zu werden, indem ich einfach das tue, wozu ich Lust habe.

Wenn mein Wille dazu bestimmt ist, seine Freiheit im Dienst eines anderen zu vollenden, so heisst das nicht, dass er seine Vollendung im Dienst jedes anderen Willens findet. Wenn ich auch anderen Menschen gehorche und diene, so tue ich das nicht um ihretwillen, sondern weil ihr Wille fĂŒr den Willen Gottes steht.

2. Ohne Gewissen, weiss die Freiheit nicht, was sie mit sich selbst anfangen soll. Ein vernĂŒnftiges Wesen, das mit sich selbst nichts anzufangen weiss, findet die Langeweile des Lebens unertrĂ€glich.

Die Freiheit schwindet dahin, wenn sie einfach „frei“ ohne Ziel handelt. Einer Handlung ohne Ziel fehlt etwas von der Vollkommenheit der Freiheit. Freiheit ist mehr als eine Angelegenheit zielloser Wahl. Es reicht nicht etwas zu wĂ€hlen, sondern etwas Gutes zu wĂ€hlen. Ich kann aber keine gute Wahl treffen, wenn ich kein gereiftes Gewissen habe. Das unreife Gewissen grĂŒndet sein Urteil zum Teil darauf, wie andere Menschen seine Entscheidung aufnehmen. Das unreife Gewissen ist nicht sein eigener Meister. Es trifft keine eigenen Entscheidungen. Es Ă€fft nur nach.

Das ist aber keine Freiheit und macht wahre Liebe unmöglich. Wenn ich wahrhaft und frei liebe, muss ich etwas geben, das wirklich mein Eigentum ist und nicht das eines anderen. Wenn mein Herz nicht zuerst mir gehört, wie kann ich dann einem anderen schenken?

3. Der freie Wille ist uns nicht bloss als Feuerwerk gegeben, um ihn in die Luft hinaus zu verpuffen. Manche Leute glauben, ihre Handlungen seien umso freier, je zielloser sie sind. Das ist, als behaupte man, jemand sei reicher, wenn er das Geld zum Fenster hinauswirft, als wenn er es ausgibt. Wir geben die Freiheit fĂŒr ein Ziel hin, und diese Hingabe macht und freier und darum auch glĂŒcklicher.

4, Unsere freien Handlungen mĂŒssen nicht nur ein Ziel haben, sie mĂŒssen das rechte Ziel haben. Wir bedĂŒrfen dazu eines Gewissens, das uns lehrt, das rechte Ziel zu wĂ€hlen. Das Gewissen ist die Erleuchtung, durch die wir den Willen Gottes in unserem Leben deuten.

5. Eine der wichtigsten Funktionen des Gebetslebens ist es, das Gewissen zu vertiefen und zu entwickeln.

6. Es gibt noch eine andere GeistestĂ€tigkeit, die verborgene KrĂ€fte entwickelt und freisetzt: die Wahrnehmung des Schönen. Wir sollten fĂŒr die Wirklichkeit empfĂ€nglich genug sein, um rings um uns Schönheit zu sehen. Schönheit ist einfach die Wirklichkeit selbst, auf eine besondere Art wahrgenommen, die ihr eine eigene Strahlkraft verleiht.

Eines der wichtigsten – und am meisten vernachlĂ€ssigten – Element in den AnfĂ€ngen inneren Lebens ist die FĂ€higkeit, auf die Wirklichkeit zu reagieren, den Wert und die Schönheit in alltĂ€glichen Dingen zu sehen, empfĂ€nglich zu werden fĂŒr all die Herrlichkeit rings um uns in Gottes Geschöpfen. Die Kunst macht uns fĂ€hig, uns zugleich zu finden und auch selbst zu verlieren.

7. Wenn die Kirche die Rolle der Kunst in ihrem Gemeinschaftsgebet betont, so darum, weil sie weiss, dass eine echte und gĂŒltige Ă€sthetische Gestaltung des christlichen Lebens und Gottesdienstes notwendig ist.

8. Wenn das Gebet nicht echt ist, kann Analyse ihm durchaus heilsam sein (z.B. zur Aufdeckung der weit verbreiteten Verwechslung von SentimentalitÀt mit echtem religiösen Empfinden).

9. Die Unterscheidung zwischen der allgemeinen Formulierung des Sittengesetzes und der lebendigen, persönlichen Bekundung von Gottes Willen in unserem Leben ist eine der grundlegenden Wahrheiten des Christentums. Es ist die Unterscheidung zwischen dem Buchstaben, der tötet, und dem Geist, der lebendig macht.

Das Gesetz muss im Geist und in der Wahrheit erfĂŒllt werden, nicht durch Ă€ussere Beobachtung der Vorschriften, sondern durch Umwandlung ihres Daseins in Gotteskindschaft.

Das neue Gesetz ist nicht nur eine Àusserliche Richtschnur des Verhaltens, sondern inneres Leben, das Leben Jesu selbst, durch seinen Geist in denen lebendig, die durch Liebe mit ihm vereint sind.

10. Die Aufgabe des Gebetslebens ist es, unser gewissen zu erleuchten und zu stÀrken, so dass es nicht nur die Àusserlichen, schriftlich festgelegten sittlichen Gebote kennt, sondern vor allem Gottes Gesetz durch Vereinigung mit seinem Willen verwirklicht.

11. Wir brauchen uns selber kein Gewissen zu schaffen. Wir sind damit geboren. Es ist Pflicht jedes Menschen, die Belehrung und Schulung zu suchen, ohne die sein Gewissen die Lebensprobleme nicht zu lösen vermag.

12. Wie ein Mensch ist, so betet er. Wir entwickeln uns zu dem. Was wir sind, durch die Art, wie wir zu Gott sprechen.

13. Der Mensch, dessen gebet so rein ist, dass er Gott nie um irgendetwas bittet, weiss nicht, wer Gott ist und wer er selber ist – denn er weiss nicht, wie sehr er Gottes bedarf.

Da der Hauptgrund unseres Lebens die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu ihm ist, so schlafen oder sterben wir, wenn unsere bewusste Beziehung zu ihm abreisst. Gewiss können wir uns seiner nicht stÀndig bewusst sein, ja nicht einmal oft. Geistiges Wachsein verlangt nur jenes gewohnheitsmÀssige Innewerden Gottes, das all unser Tun in eine geistige AtmosphÀre taucht, ohne unsere Aufmerksamkeit unmittelbar zu beanspruchen. Wenn aber Gott uns völlig verlÀsst, dass wir nicht mehr in Liebe an ihn denken mögen, dann sind wir geistig tot. Die Frommen schlafen zumeist; die unglÀubigen sind tot.

14. Es gibt viele Stufen der Aufmerksamkeit beim Gebet. ZunĂ€chst gibt es die rein Ă€usserliche Aufmerksamkeit. Wir „sprechen Gebete“ mit den Lippen, unser Herz aber folgt den Worten nicht, obwohl wir nach unserer Meinung das Gesagte gern ernst nehmen möchten. Wenn wir nichts Besseres erstreben, werden wir selten wirklich beten. Wenn wir es zufrieden sind, zu beten, ohne unserem Gebet oder Gott Aufmerksamkeit zu schenken, beweist das nur, dass wir keine rechte Vorstellung davon haben, wer Gott ist und das wir die Gnade und das Vorrecht, zu Ihm im Gebet sprechen zu dĂŒrfen, nicht richtig wĂŒrdigen.

Zu anderen Zeiten denken wir im Gebet zwar an Gott, aber unsere Gedanken haben nichts mit Gebet zu tun. Es sind Gedanken ĂŒber ihn, die keinen Kontakt mit Ihm herstellen. So grĂŒbeln wir wĂ€hrend des Betens ĂŒber Gott und das geistliche Leben, oder wir verfassen eine Predigt oder stellen theologische Argumente auf. Solche Gedanken sind an ihrem Platz ganz recht, aber wenn wir das Gebet ernst nehmen, werden wir sie nicht Beten nennen. Denn sie können die Seele nicht befriedigen, die danach verlangt, Gott im Gebet zu finden. Wenn aber jemand wirklich ein Mann des Gebetes ist, so können spekulative Gedanken ĂŒber Gott wĂ€hrend des Studiums oder der geistigen Arbeit oft zum Gebet hinĂŒberleiten und ihm Platz machen.

Oder aber wir lassen uns beim Gebet von unseren praktischen Schwierigkeiten ablenken, den Problemen unserer Lebenslage, den Aufgaben, denen wir uns gegenĂŒbersehen. Solche Ablenkungen lassen sich gar nicht immer vermeiden, aber wenn wir wissen, was Beten heisst, und wissen, wer Gott ist, so wird es uns gelingen, aus diesen Gedanken selbst Gebetsmotive zu machen.

Dann gibt es das gut angewandte Gebet: Worte und Gedanken dienen ihrem Zweck und fĂŒhren Herz und Sinn zu Gott, und im Gebet wird uns die Einsicht zuteil, diese Gedanken auf unsere Probleme und Schwierigkeiten anzuwenden, oder auf die unserer Freunde oder der Kirche. Aber zuweilen lĂ€sst dieses gewiss gĂŒltige Gebet das Herz doch unbefriedigt, weil es sich mehr mit unseren Problemen, unseren Freunden oder uns selbst beschĂ€ftigt als mit Gott.

Es gibt eine bessere Art des Gebetes, in dem wir durch unser Gebet hindurch zu Gott selber vordringen und ihn lieben. Wir kosten die GĂŒte Seiner unendlichen Barmherzigkeit. Aber in diesem Gebet bleiben wir immer noch unserer selbst bewusst, wir können ĂŒber uns nachdenken und begreifen, dass wir sowohl Subjekt dieser grossen Liebeserfahrung sind wie auch Objekt von Gottes Liebe.

Anfangs stört uns diese betrachtende Natur unseres Gebetes nicht. Mit zunehmender Reife des geistlichen Lebens aber fĂ€ngt es an, eine Quelle von Unruhe und Unbefriedigung zu werden. Wir wĂŒnschten, wir stĂŒnden uns selber nicht so sehr im Wege. Wir wĂŒnschten, unsere Liebe zu Gott wĂ€re nicht mehr durch RĂŒckbesinnung auf uns selbst beeintrĂ€chtigt und verdunkelt.

Es gibt ein weiteres Gebetsstadium, in dem die Tröstung der Furcht weicht. Es ist der Ort der Dunkelheit und der Seelenangst und der Umkehr. Denn hier geht eine grosse geistige Verwandlung vor sich. Unsere ganze bisherige Liebe zu Gott scheint uns voller MĂ€ngel, wie sie es tatsĂ€chlich ist. Jetzt sehen wir alles in einem anderen Licht, und die Stimme des Vaters erfĂŒllt unser Herz mit Unruhe und Furcht, denn sie sagt uns, dass wir nicht lĂ€nger uns selber sehen sollen. Zu unserem Entsetzen aber zeigt sich Jesus uns nicht, und wir

sehen nur eines — uns selbst. Und dann wird der Blick in die eigene Seele schrecklich fĂŒr uns. Statt der SelbstgefĂ€lligkeit, mit der wir uns SĂŒnder nannten (und uns heimlich fĂŒr Gerechte hielten), fangen wir an zu begreifen, dass die SĂŒnden unseres frĂŒheren Lebens wirklich SĂŒnden waren, und zwar unsere SĂŒnden. Seit der Zeit unserer groben SĂŒnden haben wir immer weiter gesĂŒndigt, ohne es zu merken, denn wir waren unserer Gottesfreundschaft gar zu sicher, wir haben seine Gnade leichthin entgegengenommen oder sie uns selber zugeschrieben und Vorteil daraus gewonnen und sie unserer Eitelkeit dienen lassen, ja sie sogar missbraucht, um uns ĂŒber andere zu erheben.

Dann beginnt eine Umwertung unseres ganzen Innern. Wir fangen an zu fragen, was an unseren Idealen echt ist und was nicht. Das ist die Zeit, in der wir wirklich anfangen, ernsthaft beten zu lernen. Denn jetzt sind wir nicht mehr so stolz, hohe Erleuchtungen und Tröstungen beim Gebet zu erwarten. Wir sind mit der trockensten Rinde des ĂŒbernatĂŒrlichen Brotes zufrieden.

Wer solche Trockenheit und Verlassenheit lange und mit grosser Geduld aushalten kann und nicht mehr von Gott erbittet, als seinen heiligen Willen zu tun, dem wird endlich reines Gebet zuteil. Hier wendet die Seele sich betend an Gott, ohne noch lÀnger an sich selbst oder an ihrem Gebet zu kleben. Sie spricht zu ihm, ohne zu wissen, was sie sagt, denn Gott selbst hat sie von Worten und Gedanken abgelenkt. Sie erreicht ihn ohne Gedanken, denn noch ehe sie an ihn denken kann, ist er schon gegenwÀrtig in der Tiefe des Geistes und erweckt eine Liebe, die sich weder erklÀren noch verstehen lÀsst.

IV Reine Gesinnung

1. WÀre Gott auch bloss ein abhÀngiges Wesen wie ich selbst, dann schiene es genau so sinnlos, Seinen Willen zu tun wie meinen eigenen.

Das Einswerden der beiden Willen, das uns in Gott glĂŒcklich sein lĂ€sst, muss etwas anderes sein als eine blosse Übereinkunft.

2. Vor allen Dingen wollen wir in unseren Behauptungen ĂŒber den Willen Gottes nicht zu voreilig sein.

Sein Wille schafft und gestaltet mitten in der alten Schöpfung eine neue Welt, das Reich Gottes.

3. Wahres GlĂŒck ist in keinem anderen Lohn zu finden als in der Vereinigung mit Gott. Wenn ich einen anderen Lohn suche als Gott selbst, so empfange ich vielleicht diesen Lohn, aber er macht mich nicht glĂŒcklich.

Unsere Gesinnung ist rein, wenn wir unseren eigenen Nutzen mit Gottes Ehre gleichsetzen und erkennen, dass unser GlĂŒck darin besteht, seinen Willen zu tun.

4. Unlautere ist meine Gesinnung, wenn ich dem Willen Gottes zwar nachgebe, dabei aber meinen eigenen Willen höher stelle.

So ist der Mensch, dessen Gesinnung unrein ist, durch seine eigene SchwĂ€che und Unklugheit genötigt, sich ĂŒber Gottes Willen ein Urteil zu bilden, ehe er ihm gehorcht. Ihm fehlt die Freiheit, dem Willen Gottes mit vorbehaltlosem Vertrauen zu folgen.

5. Nur reine Gesinnung ist scharfsichtig, unlautere ist schwankend. Die unlautere Gesinnung verfÀngt sich stÀndig zwischen zwei einander widerstreitenden Willensrichtungen, daher vermag sie keine klare Entscheidung zu treffen.

6. Das Schwanken zwischen dem Willen Gottes und dem eigenen stĂŒrzt den Menschen in eine Wirrnis zweifelhafter Entscheidungen, in einen Strudel von Möglichkeiten.

7. Heiligkeit besteht nicht einfach darin, den Willen Gottes zu tun. Sie besteht darin, seinen Willen zu wollen. Denn Heiligkeit ist Einssein mit Gott – und nicht alle, die Gottes Willen ausfĂŒhren, sind mit ihm eins. Auch der SĂŒnder kann unbewusst Gottes Willen dienen.

Um Gottes Willen zu tun, muss man ihn nicht immer deutlich erkennen. Wir mĂŒssen aber danach streben, seinen Willen zu erfahren – dazu hat Gott uns die Vernunft gegeben. Gott will aber, dass wir dann gehorchen, wenn wir erkennen, dass er etwas befiehlt. Wir mĂŒssen alles an seinem bekannten Willen prĂŒfen und bei Unsicherheiten uns nur vom Licht des von ihm sicher Gewollten leiten lassen.

8. Bevor der Herr irgendetwas von mir verlangt, will er dass ich sei. Vieles ist schon in mir angelegt. Weil ich Vernunft besitze, soll ich mich nicht durch Instinkt leiten lassen, sondern durch Einsicht und freie Entscheidung.

Nicht nur Menschen sollen wir sein, sondern auch neue Menschen, Erben als Kinder Gottes. Gottes Kind zu sein braucht eine Einwilligung. Diese Einwilligung ist ein Akt des Glaubens an Jesus. Wenn wir als Kinder Gottes leben wollen, mĂŒssen wir in unserem Leben, das Leben und die Liebe Jesu wieder erstehen lassen. Darum mĂŒssen wir nach dem Gebot, dem Rat und dem Geiste Christi leben. Damit wir das können, mĂŒssen wir Christus kennen – Schriftlesung, Kirche (als sein Reich).

9. Wenn wir den Heiligen Geist in unserem Herzen tragen, werden wir nach seinem Gesetz der Liebe leben, stets mehr zu Frieden geneigt als zu Zwist, mehr zu Demut als zu Zwist ... Nicht von alledem lÀsst sich ohne Gebet vollbringen. Wir beten darum, seinen Willen erkennen zu können, aber noch viel mehr darum, ihn in der Kraft unseres Verlangens zu vollziehen.

10. Alles, was ist, und alles, was geschieht, gibt vom Willen Gottes Zeugnis. Doch etwas sehen und es richtig deuten, ist zweierlei. Wenn wir aber das uns umgebende Geheimnis zu begierig durchforschen wĂ€chst die Zudringlichkeit des Wahrsagers. In der Gegenwart von Zeichen, deren Bedeutung uns verschlossen bleibt, mĂŒssen wir schweigen. Sonst fangen wir an, alles aberglĂ€ubisch zu deuten. Gottes Wille ist kein billiges Geheimnis, das mit einem SchlĂŒssel aufgeschlossen werden kann.

Was will er letztlich? Uns selber. Er braucht unsere Opfer nicht. Wenn er Gehorsam vorschreibt, so nicht deshalb, weil Gehorsam der Anfang und das Ende von allem wĂ€re. Es ist nur der Anfang. Liebe – Umgestaltung in Christus – das ist das Ende. Daher weist mich sein Wille auf eines hin: Verwirklichung, Entdeckung, ErfĂŒllung meiner selbst, meines wahren Ichs in Christus. Darum zeigt sich Gottes Wille so oft in der Forderung, ich soll mich selbst aufopfern. Weil ich, um mein wahres Ich in Christus zu finden, die Grenzen meiner Selbstsucht ĂŒberschreiten muss. Um mein Leben zu gewinnen, muss ich es verlieren.

Wir deuten also den Willen Gottes aus der Sicht des Wachsens in Gott, der Umgestaltung in Christus. So lehren uns unsere Standespflichten, die Forderungen der Umgebung tĂ€glich, den Willen Gottes zu erkennen, und zeigen wie wir uns in ihm erfĂŒllen, indem wir uns in Liebe verlieren.

11. Reine Gesinnung bedarf einen ausdauernden Mut und das Vertrauen in die Hilfe göttlicher Gnade. Vor allem aber bedarf es der Demut und geistlicher Armut, um in Dunkel und Ungewissheit zu wandern, wo wir so oft ĂŒberhaupt kein Licht und kein Zeichen haben.

12. Heiligkeit besteht darin, den Willen Gottes zu wollen und zu tun. Vollkommenheit erreichen wir aber nie, denn wir kennen Gottes Willen nie vollkommen. Unsere Vollkommenheit kann nur darin bestehen, ausdrĂŒcklich das zu wollen, was uns von Gottes Willen sicher bekannt ist. Wir mĂŒssen seinen Willen wollen.

13. Gott verlangt nicht, dass jeder Mensch das theoretisch Höchste erreicht. Lieber ein guter Strassenkehrer sein als ein schlechter Schriftsteller.

14. Tue also Gottes Willen, weil es sein Wille ist. Versuche nicht, ihn mit irgendeinem abstrakten Àusseren Vollkommenheitsmassstab zu messen. Ich brauche nicht zu fragen, ob Gottes Wille weise ist, wenn ich weiss, dass es Gottes Wille ist.

15. Die Liebe zu Gottes Willen eint mich so tief mit ihm, dass Gott selbst seinen Willen im Grund meiner Seele ausspricht. Wenn wir seine Stimme vernehmen, dann wissen wir, dass unsere Kontemplation nicht mehr im blossen Schauen bestehen kann – sie muss zugleich Tun und ErfĂŒllung sein.

16. Aktion ist Liebe, die sich nach aussen wendet, an andere Menschen. Kontemplation ist Liebe, die es nach innen zieht, zu ihrem göttlichen Ursprung.

An uns ist es, dass dieses lebendige Wasser in unserem Herzen aufbricht. Wenn wir in Gott leben, wird er selber unser leiten.

17. Wenn Aktion und Kontemplation beieinander wohnen, dann sind wir geistlich reif.

Johannes Tauler (1300-1361, Dominikaner-Theologe, Prediger) unterschied zwischen rechter  und einfĂ€ltiger Gesinnung.

Rechte Gesinnung: Wir stellen uns und unser Werk als etwas von Gott Abgesondertes vor. Die Absicht richtet sich hauptsĂ€chlich auf das Werk. Nach dem Werk erhoffen wir Gottes Belohnung. Das Werk ist eine Opfergabe an Gott. Hierbei kann uns die Arbeit ĂŒber die Ohren wachsen. Dann mĂŒssen wir innehalten und eine Gebetspause einlegen. Diese Gesinnung ist immer unterwegs zu etwas anderem – von Werk zu Werk. Sie denkt, erst mĂŒsse noch eine Aufgabe erledigt werden, ehe man ausspannen und sich Kontemplation gönnen kann.

EinfĂ€ltige Gesinnung: Alles, was wir tun, tun wir nicht nur fĂŒr Gott, sondern in ihm. Man Arbeitet stĂ€ndig in einer AtmosphĂ€re des Gebets – man ist gesammelt. Die geistige Kraft verströmt sich nicht in der Arbeit, sondern ist bei Gott gesammelt. Man ist von der Arbeit und dem Ergebnis frei. Sie hat das Ziel schon erreicht, auch wenn die TĂ€tigkeit erst beginnt.

Fehlt uns an rechter Gesinnung, so wird uns weder an der Arbeit noch am Ergebnis viel liegen.

Kontemplation will uns lehren in Gott zu leben.

18. EinfĂ€ltige Gesinnung sucht die Armut, die nichts anderes mehr besitzt als Gott. Zwischen der Vorstellung und Verwirklichung im eigenen Leben liegt die WĂŒste der Leere, die wir durchziehen mĂŒssen, um ihn zu finden.

EinfĂ€ltige Gesinnung verzichtet auf die FrĂŒchte.

19. Die einfĂ€ltige Gesinnung ist ein immerwĂ€hrendes Sterben in Christus – sie sucht ihren Schatz einzig im Himmel.

Rechte Absicht richtet sich eigentlich nur auf rechtes Tun.

V Das Wort vom Kreuz

1. Im Wort vom Kreuz liegt weit mehr als die Bejahung des Leidens und die Übung der Selbstverleugnung. Es ist etwas Positives.

2. Der Christ muss das Leiden nicht nur auf sich nehmen – er muss es heiligen. Nichts wird so leicht unheilig wie Leiden.

Leiden an sich hat weder Macht noch Wert. Wert hat es nur als Glaubensprobe.

An das Leiden zu glauben, bedeutet Stolz. Doch an Gott zu glauben und dabei zu leiden, bedeutet Demut. Die Demut sagt uns, dass Leiden ein Übel ist, auf das wir im Leben immer gefasst sein mĂŒssen.

3. Es gehört zum Wesen des Christentums, Leiden und Tod ins Antlitz zu sehen, nicht weil sie gut, nicht weil sie sinnvoll sind, sondern weil die Auferstehung Christi ihnen ihren Stachel geraubt hat.

4. Der Heilige ist nicht einer, der das Leiden bejaht, weil er es gern hat, sondern weil er Jesus so sehr liebt, dass er bereit ist, seine Liebe durch jedes Leiden erproben zu lassen. Gewisse Menschen sind dazu auserwĂ€hlt worden, um in ihrem Leiden fĂŒr Christus zu zeugen. Keiner ist dazu berufen, um des Leidens willen zu leiden.

Wer leidet ist meistens allein. Darum werden wir als Person am tiefsten im Leiden erprobt.

8. Das Leiden, an sich sinnlos und hassenswert, wird ohne Glauben zum Fluch.

Eine Gesellschaft, deren ganzes Ziel darin besteht, das Leiden auszumerzen und allen ihren Gliedern das Höchstmass an Wohlbefinden und Genuss zu vermitteln, ist dem Untergang geweiht. Wenn wir den Schmerz fĂŒr das grösste Übel und Lust fĂŒr das grösste Gut halten, werden wir in dem grossen Übel versinken, das wir meiden sollten – in der SĂŒnde. Zuweilen ist es notwendig, dem Schmerz als dem kleineren Übel standzuhalten, um das grösste Übel, die SĂŒnde, zu ĂŒberwinden.

Unser tiefstes, geistiges BedĂŒrfnis ist auf das gerichtet, was Gott uns zugedacht hat. Wer etwas anderes will, beraubt sich des Lebens selbst.

Wenn Werke der Barmherzigkeit christlich sind, lindern sie nicht nur das Leiden, sondern vermitteln Gnade – das heisst sie treffen die SĂŒnde.

9. Das Leiden ist verschwendet, wenn wir ganz allein leiden. Wer Christus nicht kennt, leidet allein.

Eine Liebe, die mit Leiden oder Tod endet, lohnt die MĂŒhe nicht, die sie uns macht.

10. In der Betrachtung tun wir nichts anderes als mit Gottes Hilfe in das Geheimnis von Gottes Liebe einzudringen.

13. Die Wirkung des Leidens hĂ€ngt fĂŒr uns davon ab, was wir lieben.

Wenn wir nur uns selber lieben, ist Leiden hassenswert. Es lockt das Böse aus uns heraus.

Das Leiden bringt die in uns vorhandene Selbstsucht an den Tag.

15. Wann ist Leiden unnĂŒtz? Wenn es uns bloss auf uns selbst hinwendet, wenn es nur Selbstmitleid weckt, wenn es Liebe in Hass verwandelt. SĂŒnde und unnĂŒtzes Leiden wachsen gemeinsam. Sie steigern sich gegenseitig.

16. Schweige im Leiden. Das Reden darĂŒber macht aus ihm AnlĂ€sse zu Selbstmitleid und Selbstdarstellung, und lĂ€sst das Leiden unnĂŒtz werden. Zuweilen reicht keine ErklĂ€rung aus, um den Grund fĂŒr das Leiden anzugeben. Das einzig Angemessene ist Schweigen.

17. Leide, ohne anderen eine Leidenstheorie aufzudrĂ€ngen, ohne aus dem Stoff deines eigenen Schmerzes eine Lebensphilosophie zu spinnen, ohne dich als MĂ€rtyrer hinzustellen, ohne den Preis fĂŒr deine Standhaftigkeit nachzurechnen, ohne MitgefĂŒhl zu verschmĂ€hen, aber auch ohne es zu suchen.

Im Leiden mĂŒssen wir aufrichtig sein, wir mĂŒssen SchwĂ€chen zugeben, aber wir brauchen sie nicht zur Schau zu stellen.

Es ist schwerer, die lange Eintönigkeit unbedeutenden Leidens zu ertragen als den vorĂŒbergehenden Angriff heftigen Schmerzes. Das Schwere ist unsere Armseligkeit, der Verfall der Selbstachtung. Das Volle EingestĂ€ndnis unserer Armseligkeit und Nutzlosigkeit ist die Tugend, die uns und andere vielleicht reich machen kann an Gottes Gnade.

18. Leide ohne GrĂŒbelei, ohne Hass, ohne Hoffnung auf Rache, ohne Ungeduld nach dem Ende des Leidens.

Um zu leiden, ohne ĂŒber den eigenen Jammer zu brĂŒten, mĂŒssen wir an einen grösseren Jammer denken und uns zu Christus am Kreuz wenden.

Das ist eine Sache schlichten Glaubens.

VI Askese und Opfer

1. Wenn meine Seele den Leib durch einen Gewaltakt zum Schweigen bringt, wird der Leib sich an der Seele rĂ€chen. Erbitterung und schlechte Laune sind die FrĂŒchte einer Askese, die nur den Leib zĂŒchtigt.

Im Anfang ist der falsche Asket grausam gegen alle, weil er gegen sich selbst grausam ist. Am Ende wird er grausam gegen alle sein, ausser gegen sich selbst.

2. Es gibt nur eine echte Askese, jene, die von Geist Gottes geleitet ist.

3. Gott hat nicht gewollt, dass wir den Leib verachten, aber auch nicht, dass wir es leicht hinnehmen sollten, als er uns befahl, uns selbst zu verleugnen.

5. Der Heilige wird nicht nur durch sein Fasten geheiligt, wenn es Zeit ist, sondern auch durch Essen, wenn es Zeit ist zu essen. Nicht nur durch sein Wachen, sondern auch durch den Schlaf, den er sich gönnt, im Gehorsam gegen Gott, der uns so erschaffen hat, wie wir sind.

Gottes Wille geht zugleich auf das Wohl aller Wesen und das Wohl jedes Einzelnen. Denn alles geringere Wohl trifft zusammen in dem einen Wohl, und das ist Gottes Liebe fĂŒr alle.

6. Es dient Gott zur Verherrlichung, wenn ein Mensch in dieser Welt lebt und die guten Dinge des Lebens sorglos, ohne Ängstlichkeit und ohne UnmĂ€ssigkeit geniesst und wĂŒrdigt. Um Gott durch seine Gaben zu erkennen und zu lieben, mĂŒssen wir sie gebrauchen, als gebrauchten wir sie nicht (1. Kor 7,31) – und dennoch sollen wir sie gebrauchen. Wir sollen sie ohne Selbstsucht, ohne Furcht, ohne Hintergedanken brauchen, voller Dankbarkeit, Vertrauen und Liebe zu Gott.

Wir vermögen die Dinge nur dann ohne Ängstlichkeit zu gebrauchen, wenn wir innerlich von ihnen frei sind. Und frei werden wir, wenn wir sie massvoll gebrauchen.

7. Weil wir Gott allein und ĂŒber alles lieben und weil unsere Liebe uns zeigt, dass er an Wert alles andere unendlich ĂŒbertrifft, werden wir gleichgĂŒltig gegen alles, was nicht Gott ist. Diese GleichgĂŒltigkeit, darf daher keine GleichgĂŒltigkeit gegen die Dinge selbst sein, sondern nur gegen ihre Wirkung auf unser Leben. Wer sich selbst mehr liebt als Gott, liebt Dinge und Menschen um des Vorteils willen, den er aus ihnen ziehen kann. Seine selbstsĂŒchtige Liebe neigt dazu, sie zu zerstören, zu verbrauchen, in seinem eigenen Sein aufgehen zu lassen. In Bezug auf den Vorteil fĂŒr sich ist er weder uninteressiert noch unbeteiligt, aber in Bezug auf ihren Eigenwert ist er gĂ€nzlich gleichgĂŒltig.

8. Wenn wir sagen, christliche Askese mĂŒsse auf Gott ausgerichtet sein, so meinen wir damit, dass sie fruchtbar werden mĂŒsse in einem tiefen Gebetsleben und in Werken tĂ€tiger NĂ€chstenliebe.

Selbstverleugnung befreit uns von Selbstsucht und Leidenschaften. Sie ist keine Flucht vor dem Stoff oder von den Sinnen und will es auch nicht sein. Sie ist der erste Schritt zu einer Umgestaltung unseres ganzen Wesens.

9. Eine Askese, die allen Genuss roh und widerwĂ€rtig und alle Funktionen des Leibes scheusslich findet, ist eine Verirrung der Natur, die Gott geschaffen hat und die nicht einmal die SĂŒnde hat gĂ€nzlich verderben können. Der Zweck der Askese ist es, den Unterschied zwischen dem schlechten Gebrauch der geschaffenen Dinge, das heisst der SĂŒnde, und deren gutem Gebrauch, der Tugend, zu enthĂŒllen. SĂŒnde ist Negation, Genuss ist ein positives Gut.

Die Tugend, die entschlossen ist, den Preis der Selbstverleugnung zu zahlen, wird am Ende grösseren Genuss von den Dingen haben, auf die sie verzichtet hat, als der SĂŒnder sie je finden kann, der sich verzweifelt an die gleichen Dinge klammert, als wĂ€ren sie sein Gott.

Niemand wir durch Eigenhass ein heiliger. Heiligkeit ist das Gegenteil von Selbstmord.

10. Jeder Verzicht, der uns hilft, Gott mehr zu lieben, ist gut und nĂŒtzlich. Ein an sich edler Verzicht ist unnĂŒtz fĂŒr uns, wenn Gott ihn uns nicht bestimmt hat.

Um unser Leben zu durchgeistigen und Gott wohlgefĂ€llig zu machen, mĂŒssen wir still werden. Körperliche Erregung erregt die Seele. Aber wir können den Geist nicht dadurch beruhigen, dass wir dem Leib und seinen fĂŒnf Sinnen eine gewaltsame Unbeweglichkeit aufzwingen.

Seelenfrieden hĂ€ngt darum nicht von physischer UntĂ€tigkeit ab. Im Gegenteil, es gibt Menschen, die durchaus imstande sind, echten Seelenfrieden in einem aktiven Leben zu geniessen, und die rasend wĂŒrden, wenn sie sich lĂ€ngere Zeit in völliger Einsamkeit und Stille aufhalten sollten.

Jeder muss selbst herausfinden, bei welcher Art Arbeit und Umgebung er am besten ein geistiges Leben fĂŒhren kann. Wie hoffnungslos wĂ€re das geistige Leben, wenn man es nur unter idealen Bedingengen fĂŒhren könnte! FĂŒr die meisten Menschen sind solche Bedingungen stets unerreichbar, und nie waren sie es mehr als in unserer heutigen Welt. Alles im modernen Grossstadtleben ist darauf angelegt, den Menschen von Selbsteinkehr und Betrachtung geistlicher Dinge abzuhalten. Selbst mit dem besten Willen fĂŒhlt der geistige Mensch sich erschöpft und abgestumpft vom stĂ€ndigen LĂ€rm.

Der gesamte Mechanismus modernen Lebens ist auf Flucht vor Gott eingestellt.

Körperliche Unruhe ist ein Feind des Geistes. Mit Unruhe meine ich nicht unbedingt TÀtigkeit oder Bewegung. Zwischen Unruhe und Arbeit besteht ein Unterschied.

Arbeit beschĂ€ftigt Leib und Seele und ist notwendig zur geistigen Gesundheit. Wenn wir richtig arbeiten, kann die Arbeit uns helfen zu beten und uns zu sammeln. Unruhe dagegen zerstört den geistigen Nutzen der Arbeit und neigt sogar dazu, ihren physischen und sozialen Zweck zunichte zu machen. Unruhe ist die unnĂŒtze und falsch gelenkte Funktion des Körpers. Sie drĂŒckt die innere Verworrenheit einer friedlosen Seele aus. In der Unruhe will die Seele sich nur vor sich selbst verstecken, ihre inneren Konflikte und deren Sinnlosigkeit verschleiern und ein falsches Bewusstsein wecken, als ob man „etwas erreichte“. Unruhe ist die Frucht einer seelischen Spannung, wenn der Geist benommen von einem Reiz zum anderen schweift und versucht, fĂŒnfzehn verschiedenen Antrieben gleichzeitig zu folgen. Unter der OberflĂ€che der Unruhe steckt die treibende Kraft der Angst oder die Gier nach Geld, Genuss oder Macht und hĂ€lt das unnatĂŒrliche und unermĂŒdliche RĂ€derwerk in Gang. Je vielfĂ€ltiger die Leidenschaften eines Menschen, umso vielfĂ€ltiger seine Unruhe. Das alles bedeutet Tod fĂŒr das innere Leben. Gelegentlicher Kirchenbesuch und das Herunterhaspeln eiliger Gebete haben nicht die Kraft, diese eiternde Wunde zu reinigen.

Um uns gegen Unruhe zu schĂŒtzen, mĂŒssen wir uns nicht nur von den unmittelbaren Ergebnissen unserer Arbeit frei machen - und solche Loslösung ist schwierig und selten -, sondern auch von der ganzen Verflechtung von Zielen, die unser irdisches Leben beherrschen. Wir mĂŒssen unabhĂ€ngig werden von Gesundheit und Sicherheit, von Genuss und Besitz, von Menschen, Orten, VerhĂ€ltnissen und Dingen (Mt 6,33).

11. Man kann sich gerade so leicht an irgendeine asketische Methode klammern wie an irgendetwas anderes unter der Sonne. Das letzte Ziel aller im christlichen Sinne gebrauchten Methodik ist Liebe und Vereinigung mit Gott.

Disziplin bleibt meistens unwirksam, wenn sie nicht systematisch angewandt wird, denn Mangel an System verrÀt meistens einen Mangel an Ziel. Gute Gewohnheiten lassen sich nur durch Wiederholung entwickeln. Es ist, besonders am Anfang unseres geistigen Lebens, notwendige gewisse Dinge regelmÀssig zu tun.

Wer darum nach einem geistigen Leben verlangt, verlangt nach Disziplin. Sonst ist unser Verlangen TĂ€uschung. Gewiss soll die Disziplin uns am Ende geistige Freiheit bringen. Dazu muss die Askese uns geistig geschmeidig machen, nicht starr, denn Starre und Freiheit vertragen sich nicht. Dennoch muss unsere Disziplin ein gewisses Element der Strenge an sich haben.

Wenn wir uns nicht selber ernst befehlen, zu bestimmten Zeiten zu beten und zu bĂŒssen, und entschlossen sind, unsere VorsĂ€tze trotz spĂŒrbarer Ungelegenheiten und Schwierigkeiten durchzufĂŒhren, werden wir uns rasch von unseren eigenen Ausreden verleiten lassen und von SchwĂ€che und Launen abgelenkt werden.

12. Es ist eine grosse Hilfe, einen geistlichen FĂŒhrer zu haben, der unsere BemĂŒhung um Selbstdisziplin leitet. Wenn auch theoretisch fĂŒr ein gesundes geistliches Leben FĂŒhrung nicht unbedingt notwendig ist, so gibt es praktisch doch viele Menschen, die ohne eine solche nie etwas erreichen werden (wertvollen Anleitungen, Zuspruch, Ermahnungen). Es ist viel leichter, im Gebet zu beharren, wenn wir jemand haben, um uns an unsere VorsĂ€tze zu erinnern, die wir bereits anfangen zu vergessen. Geistliche FĂŒhrung wird uns bis zu einem gewissen Grade vor unserer eigenen UnbestĂ€ndigkeit schĂŒtzen.

13. Askese ist völlig unnĂŒtz, wenn sie uns zu komischen KĂ€uzen macht. Die Grundlage aller Askese ist Demut. Sie lehrt uns, uns so zu nehmen, wie wir sind, anstatt uns als etwas Besseres hinzustellen (wie der Stolz es gern tĂ€te).

Der hl. Paulus lehrt uns (2. Thes 3), dass christliche Demut und Askese uns dazu helfen sollten, ein ordentliches, alltĂ€gliches Leben zu fĂŒhren. Sie sollen uns helfen, friedlich unser Brot zu verdienen und in einer vergĂ€nglichen Welt Tag fĂŒr Tag hart zu arbeiten. Der Christ lehnt die rein weltlichen Werte ab. Er hĂ€ngt sein Herz nicht an irdische Sicherheit und GlĂŒck. Aber daraus folgt nicht, dass er nicht weiterhin in dieser Welt leben oder auch zu gegebener Zeit glĂŒcklich sein könnte. Er lebt und arbeitet in Einfalt, mit mehr Freude und grösserer Sicherheit als andere, weil er keine besondere ErfĂŒllung in diesem Leben erwartet. Er meidet die leere Aufregung, die die Jagd nach rein irdischen Zielen mit sich bringt.

Stolz verlangt immer nach Ungewöhnlichem. Nicht so die Demut.

14. Gott wird mehr durch einen Menschen verherrlicht, der die guten Dinge dieses Lebens in Einfalt und Dankbarkeit geniesst, als durch die nervöse Askese von jemand, der ĂŒber jede Einzelheit seiner Selbstverleugnung in Aufregung gerĂ€t. Jener geniesst die guten Dinge und denkt dabei an Gott. Dieser hat vor den guten Dingen Angst und kann deshalb keinen richtigen Gebrauch von ihnen machen. Jede Freudenregung erfĂŒllt ihn mit SchuldgefĂŒhl. Seltsam, dass solche Leute in Klöster eintreten, die Ja keinen anderen Daseinszweck haben als die Gottesliebe.

15. Die ganze Natur ist dazu bestimmt, uns an das Paradies zu erinnern. Die Welt wird trotz der SĂŒnde einmal wieder zum Paradies werden. Sogar jetzt spiegelt sich der Himmel in den erschaffenen Dingen. Alle Geschöpfe Gottes laden uns ein, unsere eitlen Sorgen zu vergessen und in unser eigenes Herz einzukehren, das Gott sich und uns zum Paradiese erschaffen bat. Wenn Gott in uns wohnt und unsere Seele sich zum Paradiese macht, dann kann auch die Welt draussen fĂŒr uns zum Paradies werden. Wenn wir aber das Paradies ausser uns suchen, können wir es nicht im Herzen haben. Haben wir keinen Frieden in uns, so haben wir ihn auch nicht mit unserer Umgebung. Nur der Mensch, der von Bindungen frei ist, entdeckt in den Geschöpfen seine Freunde. Solange er sich an sie klammert, reden sie ihm nur von seinen eigenen WĂŒnschen. Oder sie gemahnen ihn an seine SĂŒnden. Ist er selbstsĂŒchtig, so dienen sie seiner Selbstsucht. Wenn er lauter ist, reden sie zu ihm von Gott.

16. Wenn wir Gott nicht dankbar sind, können wir die Freude nicht spĂŒren, Ihn in Seiner Schöpfung zu finden. Undankbarkeit ist das EingestĂ€ndnis, dass wir Ihn nicht kennen und dass wir Seine Geschöpfe nicht um Seinetwillen, sondern um unsretwillen lieben.

Dankbarkeit gibt Gott die Ehre durch die Art, wie sie von Seinen Gaben Gebrauch macht.

VII Sein und Tun

1. Was wir sind, mĂŒssen wir in der dunklen Tiefe unseres Wesens suchen – in der Seele – nicht im Ă€usseren Widerschein unserer Handlungen. Der Spiegel der Worte und Handlungen offenbart mein Wesen nur zum Teil. Handlungen vergehen – die Seele bleibt.

2. Die Seele findet sich selbst nicht, wenn sie nicht handelt (trĂ€ges Verharren und UntĂ€tigkeit fĂŒhren zu geistigem Tod). Sie darf sich aber nicht in den BetĂ€tigungen verlieren, nicht im Handeln aufgehen.

Wer Gott leugnet, leugnet auch die Existenz der Seele und kann damit nicht mit der eigenen Wirklichkeit, einem Abglanz der Wirklichkeit Gottes, in Frieden leben. Er wird getrieben, seinem wahren Sein zu entfliehen und durch Beobachtung seines Tuns (Blick in den Spiegel), sich eine falsche Existenz aufzubauen.

Durch das stĂ€ndige Sich-Spiegeln im eigenen Tun spaltet sich die Persönlichkeit. Schliesslich weiss man nicht mehr, was der echte Kern ist. Je weniger man fĂ€hig ist zu sein, desto mehr muss man tun. Nun fĂŒrchtet der, der nicht ist (eben kein Gott), das, was er nicht tun kann. Wellen von NichtigkeitsgefĂŒhl, von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit ĂŒberfluten ihn.

Selbstschau fĂŒhrt zu schrecklicher Verzweiflung. Das ist die Perversion des Menschen, der zum Ebenbild Gottes erschaffen ist, zur Liebe, die er in sich selber finden sollte.

Um Gott zu finden, mĂŒssen wir aufhören, uns selbst zu beobachten und zu bespiegeln. Wir mĂŒssen uns damit zufrieden geben, in Gott zu sein und alles zu tun, was er will.

3. Wer mit sich selbst nicht in Frieden lebt, ĂŒbertrĂ€gt unwillkĂŒrlich seine inneren KĂ€mpfe auf seine Umgebung.

Wir mĂŒssen uns damit zufrieden geben, zu leben, ohne unser Leben stĂ€ndig zu beobachten; zu arbeiten, ohne unmittelbaren Lohn zu erwarten; zu lieben ohne augenblickliche Befriedigung, zu leben ohne besondere Anerkennung. Nur wenn wir von uns selber innerlich frei geworden sind, können wir mit uns in Frieden leben. Dann verlieren wir jene unfruchtbare Befangenheit, die uns stĂ€ndig uns selber mit anderen vergleichen lĂ€sst.

4. BetĂ€tigung ist eine natĂŒrliche LebensĂ€usserung. Das Leben, das darin zum Ausdruck kommt ist umso vollkommener, je geordneter der TĂ€tigkeitsplan ist. Diese Ordnung verlangt einen weisen Wechsel von AktivitĂ€t und Ruhe. Unser Leben wird nicht dadurch erfĂŒllter, dass wir mehr tun, mehr sehen, mehr probieren, mehr erfahren. Mancher wird entdecken, dass er erst dann anfĂ€ngt, im vollen Sinn zu leben, wenn er den Mut hat, weniger zu tun, zu sehen...

Wenn unsere AktivitĂ€t in Unordnung gerĂ€t, so fĂ€llt unserem missbildeten Gewissen kein besserer Rat ein, als die QuantitĂ€t unserer Handlungen zu vermehren, ohne ihre QualitĂ€t zu vervollkommnen. So entleeren wir unser Leben von allem Gehalt und fallen in Verzweiflung. FĂŒr einen Menschen, der sich von seinen AktivitĂ€ten hat aufsaugen lassen, gibt es nichts Schwierigeres, als still zu sitzen, zu ruhen und gar nichts zu tun.

5. Wir mache die Dinge so schlecht, weil wir uns nicht damit begnĂŒgen, zu tun, was wir können.

6. Die Fruchtbarkeit unseres Lebens hÀngt weitgehend von unserer FÀhigkeit ab, unsere eigenen Worte anzuzweifeln. Wenn wir uns völlig von unserer eigenen Maske narren lasse, ist SelbsttÀuschung unvermeidlich.

7. Wir dĂŒrfen den Massstab fĂŒr unser wesen nicht in der Heftigkeit unserer Erfahrungen suchen. Denn die Seele eines Menschen, der sich selbst gefunden hat, gleicht einem Meer, in dem viele Fische leben. Sie tauchen niemals aus dem Wasser auf, und keiner ist gross genug, um die friedliche OberflĂ€che zu stören.

8. Das tiefste Geheimnis meines Seins verbirgt sich oft vor mir durch mein eigenes Urteil ĂŒber mich. Wenn ich nicht weiss, wer ich bin, dann nur deshalb, weil ich mich selbst fĂŒr den Menschen halte, fĂŒr den meine ganze Umgebung mich halten will. Vielleicht habe ich mich noch nie gefragt, ob ich wirklich so werden möchte, wie alle anderen offenbar werden möchten. Wenn ich anfangen wĂŒrde wirklich zu leben, wĂ€re ich von der quĂ€lenden Aufgabe befreit zu sagen, was ich in Wirklichkeit nicht denke, und in einer Weise zu handeln, die Gottes Wahrheit und die Echtheit meiner eigenen Seele verletzt.

Aber Selbsterkenntnis ist nicht möglich, wenn Gedankenlosigkeit und automatische TĂ€tigkeit unsere Seele verwirrt. Wir mĂŒssen unsere AktivitĂ€t so weit einschrĂ€nken, dass wir ĂŒber unser Tun ruhig und vernĂŒnftig nachdenken können. Wir fangen nicht eher an, uns selbst zu kennen, bis wir die wahren GrĂŒnde einsehen, warum wir so handeln, wie wir es tun.

9. Wenn wir dadurch glĂŒcklich werden wollen, dass wir alle stummen Intervalle des Lebens mit Ton fĂŒllen, produktiv dadurch, dass wir alle Musse in Arbeit verwandeln, und wirklich dadurch, dass wir alles Sein in Tun umsetzen, werden wir nichts anderes zustande bringen als eine Hölle auf Erden. Haben wir keine Stille, so lĂ€sst sich Gott in unserer Musik nicht hören, haben wir keine Ruhe, so segnet Gott unsere Arbeit nicht.

10. Es ist unvermeidlich, dass uns fast von allem, was wir tun, der Sinn entgeht. Aber was macht das schon? Leben ist nicht dazu das, um etwas aus allem herauszuholen. Wenn wir zu eifrig danach trachten Vollkommenheit in den geschaffenen Dingen zu finden, hören wir auf, Vollkommenheit dort zu suchen, wo sie allein zu finden ist: in Gott.

Solange wir auf Erden sind, ist gerade das unsere Bestimmung: unvollkommen zu sein, unvollstĂ€ndig, dem Grabe zueilend. Doch die Kraft Gottes und seine Vollkommenheit mĂŒssen den Weg in unser Leben finden.

Einer der HauptwiderstĂ€nde gegen die Vollkommenheit selbstloser Liebe ist das selbstsĂŒchtige Eifern, möglichst viel aus allem herauszuholen. Davon können wir uns nur freimachen, wenn wir es zufrieden sind, in fast all unserem Tun etwas zu missen. Denn GlĂŒck besteht darin, genau herauszufinden, was das Notwendige in unserem Leben sein mag, und freudig auf den Rest zu verzichten.

VIII Berufung

1. Jeder hat eine Berufung. Wenn wir diese finden, sind wir glĂŒcklich. Dabei geht es nicht um ein Versteckspiel mit Gott. Unser Geschick wird durch zwei Willen bewirkt, nicht durch einen. Wir mĂŒssen die WĂŒrde und Wichtigkeit unserer Freiheit bedenken. Wer sich scheut, seine Zukunft durch tĂŒchtiges Handeln aus eigener freier Wahl zu begrĂŒnden, versteht die Liebe Gottes nicht.

2. Die Gott liebende Seele hat den Mut zur eigenen Entscheidung, im vollen Vertrauen auf die Liebe Gottes und im Wissen, dass die eigene Entscheidung von der Liebe Gottes gutgeheissen wird.

Liebe wĂ€hlt, was Gott wohlgefĂ€llig ist, und beachtet dabei die leisesten Anzeichen seines Willens. Dennoch genĂŒgen auch alle Anzeichen zusammen nur selten, um uns absolute Gewissheit zu geben, dass Gott eines will unter Ausschliessung von allem anderen. Dadurch will er uns Raum fĂŒr Freiheit lassen, so dass wir den Mut zur eigenen Entscheidung haben, auf keine andere Gewissheit hin, als dass die Absicht, ihm zu gefallen, seiner Liebe wohlgefĂ€llig sein wird.

3. Die Weisheit des Fleisches widerspricht dem Willen Gottes. Wenn wir nur nach den Antrieben unserer Natur erkennen, lieben und handeln, wird unser Tun rasch unser gesamtes geistiges Sein verderben und zerrĂŒtten. Um das zu werden, wozu wir geschaffen sind, mĂŒssen wir Christus erkennen, ihn lieben und das tun, was er tat.

4. Das Zeugnis (Martyrium) braucht nicht den öffentlichen Tod nach sich zu ziehen. Aber wir können nicht den „Tod“ unseres eigenen Willens vermeiden, unseres natĂŒrlichen Strebens, unserer ungezĂŒgelten Leidenschaften, unseres selbstsĂŒchtigen Seins, wenn wir uns dem unterwerfen wollen, was unser Gewissen uns als die Wahrheit und den Willen Gottes und als Eingebung des Geistes Christi kundtut.

5. Deshalb ist Askese im Christentum unumgĂ€nglich. Der Pflicht zur Selbstverleugnung können wir uns nicht entziehen. Diese Pflicht wird darum unvermeidlich, weil die Wahrheit in uns nicht leben kann, wenn wir nicht durch eigenen freien Willensentscheid den trĂŒgerischen Irrtum der SĂŒnde in uns erkennen und aus unserer Seele austreiben.

6. Die schwersten Versuchungen sind nicht jene, die unsere Zustimmung zu offenkundiger SĂŒnde verlangen, sondern jene, in denen das Böse uns unter der Maske hohen Wertes versucht. Jede persönliche Berufung verlangt zu ihrer ErfĂŒllung nicht nur den Verzicht auf alles an sich Böse, sondern auch auf Werte, die Gott nicht fĂŒr uns bestimmt hat. Wenn wir das nicht tun, dann wird unser Leben eine trĂŒbe Verwirrung von Wahrheit und Irrtum bleiben, und wir werden nie so viel geistige Einsicht haben, um eines vom anderen zu unterscheiden. So werden wir nie im vollen Sinne unsere Berufung erfĂŒllen.

7. Meine Berufung liebe ich nicht, weil ich sie fĂŒr die beste halte, sondern weil Gott sie mir bestimmt hat. Indessen ist meine Berufung zugleich mein Wille und der Seine. Gott hat fĂŒr mich so entschieden, als sein unerforschliches Wissen um meine Entscheidung mich trieb, selbst zu entscheiden.

8. Wenn wir auf den Platz berufen sind, auf dem Gott uns am meisten Gutes erweisen will, so bedeutet das, dass wir dorthin berufen sind, wo wir am besten uns selber verlassen und ihn finden können.

9. Wir spĂŒren, dass wir unserer Berufung folgen, wenn unsere Seele von der BeschĂ€ftigung mit sich selber frei ist, wenn sie Gott zu suchen oder sogar ihn zu finden vermag.  Dankbarkeit, Vertrauen und Freiheit von uns selbst – das sind die Anzeichen, dass wir unsere Berufung gefunden haben und sie erfĂŒllen.

10. Meistens lÀsst sich das Ziel einer Berufung daran erkennen, dass sie den Berufenen in bestimmte Beziehung zu Gott setzt, aber auch daran, dass sie ihm eine fest umrissene Stellung unter seinen Mitmenschen gibt.

11. Die priesterliche Berufung.

12. ff. Die mönchische Berufung.

16. Man muss zwischen Konvention und Tradition unterscheiden. Konvention als blosse Wiederholung des Hergebrachten, folgt der Linie des geringsten Widerstandes. Man durchlÀuft eine Handlung, ohne Versuch, den Sinn von dem allen zu verstehen, einfach weil alle anderen dasselbe tun. Konvention ist die Verknöcherung sozialer BrÀuche.

17. Der allgemeine Weg zur Heiligkeit und zur FĂŒlle christlichen Lebens ist die Ehe.

18. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Berufungen liegt in der unterschiedlichen Art, in der jede die Menschen fĂ€hig macht, Gottes Liebe zu entdecken, zu wĂŒrdigen, auf die zu reagieren und sie mit anderen zu teilen. Jede Berufung hat als Ziel die VerkĂŒndigung der göttlichen Liebe in der Welt.

21. Verlangen nach einer bestimmten Lebensform und die Anlage dafĂŒr genĂŒgen noch nicht, um festzustellen, dass man berufen sei. Wenn jemand sich nie entscheiden kann, das zu tun, was fĂŒr eine Berufung gefordert wird, so kann man mit aller Wahrscheinlichkeit behaupten, dass er die Berufung nicht empfangen hat. Eine ruhige und endgĂŒltige Entscheidung, die sich nicht durch Hindernisse abschrecken und durch WiderstĂ€nde nicht brechen lĂ€sst, ist ein gutes Zeichen.

Bei der Entscheidung ĂŒber eine Berufung berĂ€t man sich gewöhnlich mit einem geistlichen FĂŒhrer. Doch niemand kann einem die Entscheidung abnehmen, denn die Entscheidung ist ja Ausdruck der Berufung.

IX Das Mass der Liebe

1. Je mehr wir danach verlangen, Liebe zu verschenken, umso mehr Liebe haben wir zu verschenken. Wer versucht, das was er ist und was er hat, fĂŒr sich zurĂŒckzuhalten, vergrĂ€bt sein Pfund.

2. Einzig die Liebe ist vollkommen frei und darf immer tun, was ihr beliebt. Denn sie will nichts anderes als lieben, und am Lieben kann man sie nicht hindern.

Er lÀsst uns auf die Zeit unserer Ganz-Hingabe warten, damit wir durch hÀufige und mannigfache Teil-Hingabe unserer selbst am Ende mehr haben, um es aufzugeben.

4. Der Anfang solcher Liebe ist der Wille, den geliebten Menschen vollkommen ihn selbst sein zu lassen, ihn nicht zu pressen, damit er in unsere Vorstellung passt. Wenn wir ihn nicht als das lieben, was er ist, sondern nur seine verborgene Ähnlichkeit mit uns, dann lieben wir ihn nicht wirklich. Wir lieben nur die Spiegelung von uns selbst, die wir im anderen finden.

5. Es gibt eine Menge Menschen, die ihren Vorteil um der Gesellschaft willen aufgeben, aber irgendwelche Leute ihrer nĂ€chsten Umgebung nicht ertragen. Solange wir andere als Hindernis fĂŒr unser eigenes GlĂŒck betrachten, sind wir Feinde der Gesellschaft und sehr wenig geeignet, um am Gemeinwohl teilzuhaben.

6. Wenn wir darauf warten, dass gewisse Leute fĂŒr uns angenehm und anziehend werden, ehe wir anfangen, sie zu lieben, werden wir nie damit anfangen.

7. Wir sind so sehr Kinder Gottes, dass wir durch unsere Liebe andere gegen ihren Willen gut und liebenswert machen können.

Der Christ unterdrĂŒckt sein RachegelĂŒste nicht nur, um selber gut zu sein, sondern damit auch der Feind gut wird.

8. Die Liebe wÀchst durch Steigerung und IntensitÀt.

9. Das Gemeinwohl protestiert nicht, wenn es verletzt wird. Der Heilige Geist aber wehrt sich, ĂŒberredet, protestiert, mahnt und beharrt. Das Gemeinwohl wirkt nicht auf den Willen. Aber „die Liebe Gottes, die in unseren Herzen ausgegossen ist.“ Das Gemeinwohl gibt uns keine Kraft und lehrt uns nichts, weder ĂŒber das Leben noch ĂŒber Gott. Es wartet passiv auf unsere Huldigung und murrt nicht, wenn es keine empfĂ€ngt. Aber der Geist hilft unserer Schwachheit auf.

10. Wenn unsere Beziehung zu Gott die Beziehung von Kindern zum Vater ist, so ist damit schon ganz klar herausgestellt, dass wir nicht bloss Einheiten in einem Kollektiv sind, Angestellte in einem Betrieb, Untertanen in einem Staat, Soldaten in einem Heer. Wir sind Kinder mit eigenen Rechten – Rechten, die von Seiten unseres Vaters Gegenstand spezieller Sorge sind. Und das höchste dieser Rechte ist eben jenes, das uns zu seinen Kindern macht und uns den Anspruch sichert, persönlich und jeder fĂŒr sich geliebt zu werden, als Kind, als Individuum, als Person.

11. Durch den Heiligen Geist lieben wir jene, die mit uns in Christus verbunden sind. Je reichlicher wir den Geist Christi empfangen haben, umso besser vermögen wir sie zu lieben – und je mehr wir sie lieben, um so mehr empfangen wir vom Geist.

13. Es gibt viele Dinge, die uns vielleicht verweigert werden, wenn wir um sie bitten. Der Heilige Geist aber wird uns niemals verweigert. (Lk 11,13)

14. Das sehnsĂŒchtige Verlangen, Gott zu lieben, wendet uns von allem ab, was seinem Willen widerstrebt. Durch das Verlangen, in der Liebe zu wachsen, empfangen wir den Heiligen Geist, und je reichlicher wir empfangen, umso tiefer dĂŒrsten wir nach mehr Liebe.

Joh 14,13-16 nennt uns noch einen anderen Weg, auf dem das Mass der Liebe gesteigert werden kann: durch Gehorsam. Liebe tut den Willen des Geliebten. Wenn wir dem Heiligen Geist gehorsam sind, wird die Liebe in uns wachsen.

Je mehr wir dem Heiligen Geist gehorchen, umso stÀrker werden wir getrieben, als Kinder Gottes zu leben, und umso mehr werden wir befÀhigt, uns von seinen Eingebungen erleuchten und stÀrken zu lassen. (Röm 8,14)

Wer selten oder nie das Verlangen nach Liebe zu Gott und den Mitmenschen fĂŒhlt, und auch nicht nach dem klaren Wasser des Verlangens dĂŒrstet, das der starke, lebendige Gott in unsere Herzen ergiesst, der hat meist aus anderen Strömen getrunken oder er hat fĂŒr sich in zerbrochenen Brunnen gegraben.

Wenn wir fĂŒr das Göttliche keinen Sinn haben, können wir zum mindesten wĂŒnschen, diesen Sinn zu besitzen, und wenn wir darum bitten, wird er uns gegeben werden. Zugleich aber mĂŒssen wir uns den Sinn fĂŒr anderes versagen, das das Verlangen nach Gott ertötet.

Das fĂŒhrt uns zu einem anderen Element, welches das Mass unserer Gottesliebe bestimmt: der Selbstverleugnung. Der PrĂŒfstein ist die Loslösung des Willens und des Verlangens, sich selbst völlig aufzugeben, um Gott zu gehorchen.

16. SprĂ€che er nicht stĂ€ndig zu uns in der Tiefe unseres Bewusstseins, so könnten wir nicht immer weiter an das glauben, was der Welt stets als VerrĂŒcktheit gegolten hat.

17. Das Mass unserer Liebe ist grundsÀtzlich unendlich, denn es hÀngt von Gottes Liebe zu uns ab, und diese ist unendlich. Wir werden vollkommene Christen sein, wenn wir von den Toten auferstanden sein werden.

X Aufrichtigkeit

1. Wir verwirklichen uns selbst, wenn wir die Wahrheit sagen. Aber wir mĂŒssen innerlich wahr sein, wahr gegen uns selbst, bevor wir eine Wahrheit ausserhalb von uns erkennen.

2. Die „Wahrheit,“ die einen anderen verĂ€chtlich macht, verbirgt eine andere Wahrheit. Wahrheit mit Wahrheit aufzuheben, unter dem Vorwand der Aufrichtigkeit, ist eine sehr unaufrichtige Art der LĂŒge.

3. Pilatus fragt: „Was ist Wahrheit?“ Er erwartet keine Antwort und meint damit, dass es auf diese Frage keine befriedigende Antwort gebe. Das hĂ€lt er fĂŒr die Wahrheit und bekennt damit sogar in der Leugnung sein BedĂŒrfnis nach Wahrheit.

In unserem Denken ist Wahrheit die Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit dem Erkannten – im Reden, die Übereinstimmung mit dem, was wir denken – im Handeln, die Übereinstimmung mit dem, was wir sein sollen.

4. Wir brauchen nicht alles zu verkĂŒnden, was wir wissen, denn es gibt Dinge, zu deren Geheimhaltung vor den Menschen wir verpflichtet sind.

Anstatt uns an das anzupassen, was ist, verdrehen wir alles in Worten und Gedanken, damit es zu unserer eigenen Missgestalt passt.

Wir mögen vielleicht noch die Wahrheit reden, aber wir verlieren immer mehr das BedĂŒrfnis, nach der Wahrheit zu leben.

5. Aufrichtigkeit ist Treue zur Wahrheit. Sie schliesst die Verpflichtung in sich, die Wahrheit kundzutun und zu verteidigen.

Die Wahrheit ist das Leben unserer Vernunft. Der Geist lebt nicht völlig, wenn er nicht redlich denkt.

Aufrichtigkeit im vollen Sinne ist eine Gottesgabe. Wenn wir nicht neue Menschen werden, können wir nicht ganz die LĂŒge und DoppelzĂŒngigkeit vermeiden, die unserer verderbten Natur zum Instinkt geworden ist. Eine Wirkung der ErbsĂŒnde ist eine unwillkĂŒrliche Voreingenommenheit zu Gunsten unserer eigenen selbstsĂŒchtigen WĂŒnsche. Furcht, Besorgnis, Gier Ehrgeiz und unsere hoffnungslose Genusssucht, das alles verzerrt das Bild der Wirklichkeit. Die Gnade berichtigt diese Verzerrung nicht völlig. Aber sie gibt uns Mittel, um sie zu erkennen und zu bekĂ€mpfen. Aufrichtigkeit muss um einen Preis erkauft werden: die DemĂŒtigung, unsere unzĂ€hligen IrrtĂŒmer einzusehen, und Treue in ihrer unermĂŒdlichen Richtigstellung.

6. Wie kommt es, dass unsere Gesellschaft ihren Sinn fĂŒr den Wert der Wahrhaftigkeit verloren hat? Die halbe Zivilisation lebt vom LĂŒgen. Reklame, Propaganda und alle die anderen Formen öffentlicher Werbung, welche die Wahrheit verdrĂ€ngt haben, machen es den Menschen zur SelbstverstĂ€ndlichkeit, anderen Leuten alles erzĂ€hlen zu können, was man will, vorausgesetzt, dass es annehmbar klingt.

7. Deine Vorstellung von mir setzt sich aus Stoff zusammen, den du von anderen und von dir selbst entliehen hast.

8. Wie schwer ist es fĂŒr uns, aufrichtig gegeneinander zu sein, wenn wir weder uns selbst noch einander kennen!

Einem aufrichtigen Menschen liegt weniger daran, die Wahrheit zu verteidigen, als sie ganz klar zustellen, denn er meint, wenn die Wahrheit klar erkannt wird, verteidigt sie sich selbst.

9. Furcht ist vielleicht der grösste Feind der Offenheit. Wie viele Menschen scheuen sich, ihrem Gewissen zu folgen, weil sie sich lieber der Meinung anderer Menschen anpassen als der Wahrheit ihres eigenen Herzens.

FĂŒr die Menschen soll ich das sein, wofĂŒr sie mich halten, nĂ€mlich eine Erweiterung ihrer selbst. Sie verstehen nicht, dass mein Leben gerade ErgĂ€nzung und ErfĂŒllung des ihren werden kann, wenn ich ganz ich selbst bin.

10. Wenn wir die Gewaltsamkeit gewÀhren lassen, wird sie der Aufrichtigkeit zum Verderben, und sie ist vollends verderblich, wenn wir unseren Frieden eher in Leidenschaft finden als in Ruhe und Stille. Der Gott des Friedens wird niemals durch menschliche Gewaltsamkeit verherrlicht.

11. Wie kommt es, dass Wissen aufblĂ€ht und stolz macht? In der Wahrheit ist kein Stolz. Wenn unser Wissen wahr ist, sollte es uns demĂŒtig machen.

Es gibt zwei Arten der Wahrheitserkenntnis. Der Unterschied liegt in der Willensrichtung. Wenn mein Wille der Wahrheit als Knecht dient, wird die Wahrheit mich heiligen. Wenn die Wahrheit aber zu meinem Knecht wird, dann nehme ich an, dass ich mit ihr alles machen kann, was mir beliebt.

12. Zuletzt ist die Frage der Aufrichtigkeit eine Frage der Liebe. Ein aufrichtiger Mensch ist vor allem einer, der die Wahrheit mit lauterer Liebe liebt.

Das ganze Problem unserer Zeit ist nicht Mangel an Wissen, sondern Mangel an Liebe. Wenn die Menschen nicht lieben, so darum, weil sie in frĂŒhester Kindheit erfahren haben, dass sie selbst nicht geliebt werden.

Die Selbstsucht einer Zeit, die sich dem blossen Kult des Genusses weiht, hat das ganze Menschengeschlecht vergiftet. Ein Zeitalter wie das unsrige kann nicht aufrichtig sein.

13. Unsere FĂ€higkeit zur Aufrichtigkeit entspricht unserer FĂ€higkeit zu aufrichtiger Liebe, und sie wiederum hĂ€ngt davon ab, wie sehr wir uns selbst geliebt glauben können. Die meisten Verwicklungen unsere Zeit gehen auf die Angst zurĂŒck, dass wir von niemand jemals wirklich geliebt werden. Wir glauben daher, uns unter falschen Vorspiegelungen liebenswerter machen zu mĂŒssen, als wĂ€ren wir besser, als wir wirklich sind.

14. Wenn wir aufrichtig lieben wollen, mĂŒssen wir zu allererst unsere Angst ĂŒberwinden, nicht geliebt zu werden. Der erste Schritt zu dieser Aufrichtigkeit ist die Erkenntnis, dass wir an sich wenig oder nichts wert sind, dass wir aber einen verborgenen Wert haben, weil wir hoffen dĂŒrfen, von Gott geliebt zu werden. Er liebt uns nicht, weil wir gut sind, vielmehr werden wir gut, wenn und weil er uns liebt. Wir brauchen nie zu befĂŒrchten, seine Liebe könne uns im Stich lassen. Und im Vertrauen, von ihm geliebt zu sein, werden wir uns wegen der Unsicherheit der Menschenliebe keine allzu grossen Sorgen machen, denn in jedem Fall erwarten wir in diesem Leben nicht allzu viel davon deutlich zu sehen.

15. Der selbstsĂŒchtige Mensch, der wenig liebt und grosse Angst hat, nicht geliebt zu werden, kann niemals zutiefst aufrichtig sein.

Der Mensch dagegen, der sich nicht scheut, alles einzugestehen, was er Falsches an sich sieht, und sich dennoch bewusst ist, Gegenstand von Gottes Liebe sein zu können, und zwar gerade wegen seiner MÀngel, der steht am Anfang der Aufrichtigkeit.

16. Aufrichtigkeit ist vielleicht das Lebenswichtigste am echten Gebet. Im Gebet mĂŒssen die Gedanken mit den Worten ĂŒbereinstimmen. Das Wichtigste ist, dass wir, so wie wir sind, vor Gott treten, so wie er ist.

XI Barmherzigkeit

1. Wie nah ist uns Gott, wenn wir erst einmal unser Elend erkennen und eingestehen und unsere ganze Hoffnung auf ihn setzen! Jetzt lernen wir ihn erkennen, in der leere einer Hoffnung, die der Verzweiflung benachbart ist. Denn vollkommene Hoffnung erwÀchst am Rande der Verzweiflung. So lernen wir in der höchsten Bedrohung still auf seine Barmherzigkeit zu harren und im Angesicht der Gefahr ihn ruhig zu suchen, gewiss, dass er uns niemals im Stich lassen wird.

2. Unsere Schwachheit hat uns den Himmel geöffnet, denn sie hat die Barmherzigkeit auf uns herabgezogen und uns seine Liebe erobert.

Er hat sein Erbarmen auch in die HĂ€nde von potentiellen SĂŒndern gegeben, damit sie fĂ€hig sein sollten, zwischen Gut und Böse zu wĂ€hlen, und damit sie das Böse mit Gutem ĂŒberwinden und Barmherzigkeit fĂŒr ihre Seele erlangen, indem sie gegen andere barmherzig sind.

3. Solange wir noch nicht den Boden des Abgrundes erreicht haben, gibt es zwischen Allem und Nichts noch manche Zwischenstufen, die wir wÀhlen können. Wir können der Entscheidung noch ausweichen, wenn wir aber bis zum letzten erniedrigt sind, gibt es kein Ausweichen mehr. Es ist eine furchtbare Wahl.

4. Nur die Verlorenen werden gerettet. Nur der SĂŒnder wird gerechtfertigt.

5. Gewisse Menschen sind nur gerade tugendhaft genug, um zu vergessen, dass sie SĂŒnder sind, fĂŒhlen sich aber nicht armselig genug, um sich zu erinnern, wie sehr sie Gottes Barmherzigkeit bedĂŒrfen.

Liebe ist Gottes Gnadengeschenk fĂŒr Menschenkummer, nicht der Lohn fĂŒr menschliches SelbstgenĂŒgen.

6. Wir mĂŒssen Gottes Heiligkeit anerkennen und anbeten, indem wir nach seinem Erbarmen mit uns verlangen, und das ist der Anfang aller Gerechtigkeit.

8. Wir können Gottes Barmherzigkeit empfangen, sooft wir nur wollen, dadurch dass wir gegen andere barmherzig sind. Wenn wir Gott erkennen wollen, mĂŒssen wir die SchwĂ€chen, SĂŒnden und Unvollkommenheiten anderer verstehen lernen, als wĂ€ren sie unsere eigenen.

11. Gottes Barmherzigkeit hebt das Gesetz von Ursache und Wirkung nicht auf. Wenn Gott mir meine SĂŒnde vergibt, tilgt er die Schuld, aber ihre Wirkung und die Strafe bleiben.

12. Willst du Gott kennen? Dann lerne die SchwÀchen und Unvollkommenheiten deiner Mitmenschen verstehen. Wie aber kannst du die SchwÀchen anderer verstehen, wenn du deine eigenen nicht verstehst? Und wie kannst du die Bedeutung deiner eigenen Grenzen sehen, ehe du nicht von Gott die Gnade empfangen hast, durch welche du dich selbst und ihn erkennst?

Es steht uns nicht an, anderen vom hohen Thron herab zu vergeben, als wÀren wir Götter, die vom Himmel auf sie herunterblicken.

XII Innere Sammlung

1. In der inneren Sammlung stellen wir uns auf einen anderen geistigen Brennpunkt ein und stimmen unsere ganze Seele auf das ab, was jenseits von uns ist.

2. Der gesammelte Geist ist gelassen und gleichmĂŒtig, zum mindesten in seiner Tiefe. Er lĂ€sst sich nicht erschĂŒttern, weil die Leidenschaften vorĂŒbergehend zur Ruhe gekommen sind.

3. Konzentration ist nicht innere Sammlung. Sammlung ist mehr als die Einstellung des Denkens auf einen einzigen Punkt.

4. Innere Sammlung ist mehr als blosse Einkehr bei uns selbst, und sie verlangt nicht unbedingt die Ablehnung oder Ausschliessung von allem Äusseren. Sammlung lehnt die Sinnendinge nicht ab, es ordnet sie.

5. Innere Sammlung macht uns nicht abwesend, sondern anwesend.

6. ZunĂ€chst mĂŒssen wir uns selbst gegenwĂ€rtig sein. Die Sorgen und BeschĂ€ftigungen des Lebens lenken uns von uns selbst ab.

Wenn wir mit Möglichkeiten leben, sind wir aus der Gegenwart verbannt, die Gott uns als unsere Eigene zugewiesen hat, heimatlos und vertrieben in einer Zukunft oder einer Vergangenheit, die uns nicht gehören, weil sie immer ausserhalb unserer Reichweite sind.

In der Hölle gibt es keine Sammlung.

8. Innere Sammlung macht mir das gegenwĂ€rtig, was in jedem Augenblick meines Daseins von bedeutsamer Wirklichkeit ist. Sammlung ist daher vereinbar mit körperlicher und geistiger TĂ€tigkeit und mit jeder ĂŒblichen Art von Arbeit. Um im Handeln gesammelt zu sein, darf ich mich nicht in der Handlung verlieren. Um stetig handeln zu können, darf ich mich nicht in der Sammlung verlieren. Das Geheimnis gesammelten Handelns ist die Loslösung von uns selbst und von den Ergebnissen sowohl unseres Tuns wie unseres Betens. Das macht uns frei von der ĂŒbereifrigen Sorge, die uns rĂŒckhaltlos in Handlungen stĂŒrzt. Wir mĂŒssen uns aber auch von dem Wunsch lösen, uns stĂ€ndig in Gott gesammelt zu sehen und seine Gegenwart im Herzen zu fĂŒhlen. Das heisst, wir mĂŒssen fĂŒr Gott an die Arbeit gehen, im Vertrauen darauf, dass er, wenn wir nur seinen Willen tun wollen, fĂŒr uns und unsere Sammlung sorgt.

Wenn wir in Frieden und Sammlung an die Arbeit gehen und uns dabei durch Gebet und lautere Gesinnung auf Gott einstellen, werden wir viel quĂ€lende Unruhe und unnĂŒtzen Übereifer bei der Arbeit vermeiden. Zerstreute KrĂ€fte ermĂŒden leicht. Geistige ErmĂŒdung kommt von vergeudeter und falsch angewandter MĂŒhe.

9. Ein Denken, das nicht aus innerer Sammlung hervorgeht, neigt schon von Natur dazu, unsere Gedanken- und WillenskrÀfte zu zerstreuen.

10. Ängstliche Sorge ist der Sammlung verderblich, weil Sammlung letzten Endes auf Glauben beruht, und Sorge nagt am Kern des Glaubens.

Es genĂŒgt, nur eine Sache auf einmal zu bedenken.

Bedenken wir, dass das Erlebnis der Vereinigung mit Gott, das GefĂŒhl seiner Gegenwart durchaus zufĂ€llig und unwesentlich ist. Es ist nur eine Nebenwirkung seiner tatsĂ€chlichen Gegenwart in uns und auf keinen Fall ein sicheres Zeichen dieser Gegenwart.

11. Gewiss, wir sind ihm immer gegenwÀrtig, ihm der alles sieht und alle Dinge im Dasein erhÀlt durch das blosse Wissen um ihr Dasein. Aber wir sind ihm noch anders gegenwÀrtig, wenn wir seiner NÀhe innewerden, als wenn wir sie unbeachtet lassen.

Sammlung ohne Glauben schliesst den Geist in einen licht- und luftlosen Kerker ein.

13. Wie viele sind einsam und lieben es nicht, weil ihre Einsamkeit ohne Sammlung ist. Es ist nur Verlassenheit. Es fĂŒhrt sie in keiner Weise zu sich selbst. Sie sind allein, weil sie in ihrer Einsamkeit Gott, den Mitmenschen und sich selbst fern sind.

Wer sich vor dem Alleinsein fĂŒrchtet, wird immer nur verlassen sein, wie sehr er sich auch mit Menschen umgibt. Wer aber in Einsamkeit und Sammlung lernt, allein und dabei in Frieden mit sich selbst zu sein, wird die unsichtbare Gesellschaft Gottes erfahren.

14. Ohne Demut ist falsche Sammlung unvermeidlich. Denn Demut lehrt uns, uns zu bejahen, wie wir sind, und hÀlt unseren Stolz davon ab, gewaltsam etwas sein zu wollen, was wir nicht sind.

XIII „Meine Seele erinnert sich Gottes“

1. Wir können Gott nicht suchen, wenn er uns nicht suchte.

3. Wenn ich Gott mit grosser Leichtigkeit finde, ist er vielleicht nicht Gott. Wenn ich nicht hoffen darf, ihn ĂŒberhaupt zu finden, ist er dann mein Gott? Wenn ich ihn ĂŒberall finden kann, wo ich es wĂŒnsche, habe ich ihn dann gefunden?

Wenn er mich ĂŒberall findet, wo er es wĂŒnscht, und mir sagt, wer er ist und wer ich bin, und wenn ich dann erkenne, dass er, den ich nicht finden konnte, mich gefunden hat – dann weiss ich, es ist der Herr, mein Gott.

4. Wer die Wahrheit liebt, findet schon im EingestĂ€ndnis seiner Fehler Ruhe, denn das ist der Anfang der Wahrheit. Wenn ich Gott finden will, der die Wahrheit ist, muss ich als erstes die Wahrheit ĂŒber mich selbst ausfindig machen.

Eine Seele, die versucht sich still zu verhalten, ohne dass die Wahrheit sie mit Stille von oben beschwichtigt, ist so gespannt, dass sie lauter lĂ€rmt als das GerĂ€usch grosser StĂ€dte und mehr Verwirrung stiftet als eine vorrĂŒckende Armee.

5. Der Gott der Philosophen lebt in dem Geist, der ihn erkennt, empfĂ€ngt Leben durch die Tatsache, dass er erkannt wird, lebt solange man ihn erkennt, und stirbt, wenn er verleugnet wird. Der wahre Gott aber, den die Philosophen zwar finden, wenn sie ĂŒber ihre Abstraktion hinausgelangen, verleiht dem Geist Leben, der von ihm erkannt wird. Wir können den AllmĂ€chtigen nicht anders finden, als wenn wir völlig unserer Schwachheit entrissen werden. Erst aber mĂŒssen wir unsere eigene Nichtigkeit erkennen, ehe wir ĂŒber die hinausgelangen können. Und das ist unmöglich, solange wir an die Illusion unserer eigenen Kraft glauben.

6. Es ist möglich, ihm nahe zu sein, ohne ihn je zu finden. Weil wir weiterhin mehr uns selbst suchen als Gott, mehr fĂŒr uns leben als fĂŒr ihn. Wir suchen ihn, als bedĂŒrfe er unserer Opfer, als mĂŒsse unsere Liebe ihn erhalten und unser Lobpreis ihm schmeicheln. Wir können ihn nur finden, wenn wir wissen, dass wir seiner bedĂŒrfen. Die Armen und Hilflosen sind die ersten, die ihn finden, der gekommen ist, zu suchen, was verloren war.

XIV Der Wind weht, wo er will

1. Gott, der ĂŒberall ist, verlĂ€sst uns niemals. Dennoch scheint er uns manchmal gegenwĂ€rtig und manchmal fern zu sein. Solange wir ihn nicht gut kennen, verstehen wir nicht, dass er uns in seinem Fernsein nĂ€her sein kann als in seinem GegenwĂ€rtigsein.

Es gibt das Fernsein der Verdammnis und der Heiligung. In der Verdammnis „kennt uns Gott nicht,“ weil wir einen anderen Gott an seiner Statt eingesetzt haben. Im heiligen Fernsein entleert uns Gott von jedem Bild, das zum Götzenbild werden könnte. Wer immer es unternimmt, seiner habhaft zu werden verliert ihn. Er weht, wo er will. Wer nur seine spĂŒrbare Gegenwart liebt, kann dem Herrn nicht folgen wohin immer er geht. Solche Menschen lieben ihn nicht völlig, wenn sie sein Fernsein nicht ertragen. Sie meinen, ihre Gebete hĂ€tten sie instand gesetzt, ĂŒber ihn zu verfĂŒgen, seinen Willen dem ihren zu unterwerfen. Sie leben mehr auf der magischen Ebene als auf der religiösen.

2. Wir lernen ihn nie ganz kennen, wenn wir ihn uns als Beute vorstellen. Wir wissen mehr von ihm, wenn wir ihn losgelassen haben. Seine Ankunft ereignet sich jeden Augenblick, und sein Scheiden ist nicht an Zeit gebunden.

3. Wessen Kult einem toten Ding gilt, wird zum toten Ding. Wer FÀulnis liebt, fault. Wer VergÀngliches liebt, lebt in Angst vor seinem Vergehen.

Wer dem Herrn die Freiheit des Herrn lÀsst, betet ihn in seiner Freiheit an und empfÀngt die Freiheit der Kinder Gottes.

5. Der Weise ringt darum, dich in seiner Weisheit zu finden, und scheitert. Der Gerechte strebt, dich in seiner Gerechtigkeit zu begreifen, und geht in die Irre. Der SĂŒnder aber, plötzlich von der Gnade getroffen, fĂ€llt anbetend vor deiner Heiligkeit nieder. Denn er hat gesehen, dass deine Liebe so unendlich gĂŒtig ist, dass sie niemals Gegenstand eines menschlichen Vertrages sein kann.

Selber ohne BedĂŒrfnis, sucht seine Liebe aber die BedĂŒrftigen, nicht um ihnen ein wenig zu schenken, sondern um ihnen alles zu schenken.

Wenn wir seiner Liebe gehören möchten, mĂŒssen wir auf alles andere verzichten, nicht um BedĂŒrftige zu sein, vielmehr gerade weil Besitz uns bedĂŒrftig macht.

6. Die Freiheit, mit der Gott uns das Leben schenkt, verlangt nach dem Widerhall unserer eigenen Freiheit.

7. Die volle Fruchtbarkeit des geistlichen Lebens beginnt mit dem Dank fĂŒr das Leben, mit der Bejahung des Lebens und mit der grösseren Dankbarkeit, die danach verlangt, bei Christus zu sein.

XV Innere Einsamkeit

3. Geheimnis und Einsamkeit gehören zum eigentlichen Wesen der Persönlichkeit.

Der Mensch ist so weit Person, wie er ein verborgenes und einsames Eigenleben hat, das er mit niemand teilen kann. Wenn ich jemand liebe, werde ich das an ihm lieben, was ihn am meisten zur Person macht: die verschwiegene Tiefe, die Verborgenheit, die Einsamkeit seines persönlichen Seins, die Gott allein durchdringen und verstehen kann.

Eine Liebe, die in die geistige private SphÀre des anderen einbricht, um alle seine Geheimnisse aufzudecken und seine Einsamkeit mit Zudringlichkeit zu bedrohen, liebt ihn nicht wirklich. Sie möchte gerade sein Bestes und Innerstes zerstören.

4. Die Ehrfurcht vor dem tiefsten, in der anderen Persönlichkeit verborgen liegenden Wert ist mehr als eine Liebespflicht. Es ist der Zoll, den wir gerechterweise jedem Wesen schulden, ganz besonders aber denen, die gleich uns zum Ebenbild Gottes erschaffen sind. In unserem Mangel an Ehrfurcht vor der intimen PrivatsphĂ€re des Mitmenschen spiegelt sich eine heimliche Missachtung Gottes selbst. Sie entspringt dem Hochmut des gefallenen Menschen, der sich als Gott erweisen möchte, indem er sich in alles mischt, was ihn nichts angeht. Die UrsĂŒnde hat uns gelehrt, den Gegenstand unserer Liebe dadurch zugrunde zu richten, dass wir ihn verbrauchen – wovon wir selber keinen anderen Gewinn haben als eine Steigerung unseres inneren Hungers.

5. Wie kann jemand die Einsamkeit des anderen achten, wenn er den Wert der eigenen nicht kennt? Es ist unsere Einsamkeit und zugleich unsere WĂŒrde, dass wir eine nicht mitteilbare Persönlichkeit haben, die uns, uns allein und niemand sonst gehört und immer gehören wird.

Eine Gemeinschaft, die die innere Einsamkeit ihrer Glieder zu ĂŒberfallen und zu zerstören sucht, verurteilt sich selbst zum geistigen Erstickungstod.

7. Falsche Einsamkeit ist eine Angriffsstellung, von der aus der Einzelne, dem man das Recht auf Persönlichkeit verweigert hat, sich an der Gesellschaft rĂ€cht, indem er seine IndividualitĂ€t zur zerstörerischen Waffe macht. Echte Einsamkeit ist selbstlos und darum reich an Stille, Liebe und Frieden. Sie findet in sich selbst geradezu unerschöpfliche SchĂ€tze, um sie an andere zu verschenken. Falsche Einsamkeit ist ichbezogen. Und weil sie im eigenen Zentrum nichts findet, sucht sie alles an sich zu reissen. Da der Stolze nicht gelernt hat, zu erkennen, was ihm tatsĂ€chlich gehört, sucht er verzweifelt, das fĂŒr ihn Unerreichbare zu erraffen. Er muss seine Einsamkeit mit immer mehr Beute, immer mehr Raub fĂŒllen und rafft Dinge zusammen, nicht weil er sie braucht, sondern weil er den Anblick des schon Erworbenen nicht ertrĂ€gt.

9. Unsere Einsamkeit wird so lange unvollkommen sein, wie sie von Rastlosigkeit und acedia (Überdruss oder innere Beklemmung) belastet ist.

Der echte Einsiedler braucht die Menschen nicht zu fliehen – sie hören auf, vom ihm Notiz zu nehmen, weil er ihre Liebe zur Illusion nicht teilt.

10. Da uns nichts Eigenes geblieben ist, worauf wir bauen könnten, haben wir nichts zu verlieren und nichts zu fĂŒrchten. Als sicherer Besitz ist uns alles verschlossen, unserer Reichweite entzogen, im Himmel.

XVI Schweigen

3. Wenn du zuerst Gottes Verherrlichung suchst, dann weisst du, dass du deinen NĂ€chsten am besten dadurch trösten kannst, indem du ihn Gott lieben lehrst. In nichts anderem ist wahrer Friede. Wenn dein Reden von Gott Gewicht haben soll, dann muss es geladen sein mit Eifer fĂŒr seine Verherrlichung. Denn wenn deine Zuhörer merken, dass du bloss zu deiner eigenen Befriedigung sprichst, werden sie deinen Gott beschuldigen, nur ein Schatten zu sein. Wenn du seine Verherrlichung liebst, dann suchst du seine Weltjenseitigkeit, und diese sucht man im Schweigen.

6. Wer seinen eigenen LÀrm liebt, ist unduldsam gegen alles andere. StÀndig entweiht er das Schweigen der WÀlder und Berge und des Meeres. Nach allen Richtungen durchbohrt er die schweigende Natur mit seinen Maschinen, aus Angst, die stille Welt könnte ihn seiner inneren Leere anklagen.

Das Schweigen der Welt ist das Wirkliche. Unser LĂ€rm, unsere GeschĂ€ftigkeit, unsere Vorhaben und all unser albernes Gerede ĂŒber unsere GeschĂ€fte – das ist der Wahn.

8. Das Schweigen ist in unserem Leben nicht Selbstzweck. Es hat eine andere Bestimmung. Schweigen ist die Mutter der Rede.

9. Schweigen ist die Kraft unseres inneren Lebens.

10. Wenn wir unser Leben mit Schweigen erfĂŒllen, dann leben wir in der Hoffnung, und Christus lebt in uns und gibt unserer Tugend Gehalt. Und wenn dann die Zeit kommt, bekennen wir ihn offen vor den Menschen, und unser Bekenntnis hat Gewicht, weil es in tiefem Schweigen wurzelt.

Wenn aber unser Leben sich in unnĂŒtzen Worten verströmt, werden wir auf dem Grund unseres Herzens, wo Christus lebt und schweigend spricht, niemals etwas vernehmen. Wir werden im entscheidenden Moment stumm dastehen, denn wir haben schon alles gesagt und uns mit Reden erschöpft, ehe wir etwas zu sagen hatten.

11. Es muss eine Stunde im Tag geben, wo der Mensch, der zu reden hat, verstummt. Dann formt er im Geist keine AntrÀge mehr, und er fragt sich: hatten sie einen Sinn? Es muss eine Stunde geben, wo der Mensch des Gebets anfÀngt zu beten, als geschÀhe es zum ersten Mal in seinem Leben.

12. Im Schweigen lernen wir zu unterscheiden. Wer das Schweigen flieht, der flieht auch die Unterscheidung. Er will nicht allzu klar sehen. Verwirrung ist ihm lieber.

14. Wie tragisch ist es, dass gerade jene, die nichts zu Ă€ussern haben, sich fortwĂ€hrend Ă€ussern, wie nervöse SchĂŒtzen, die Salve um Salve ins Dunkel abfeuern, wo gar kein Feind ist. Es gibt einen Grund fĂŒr ihr stĂ€ndiges GeschwĂ€tz – den Tod. Der Tod ist der Feind, der sie jeden Augenblick im tiefen Dunkel und Schweigen ihres eigenen Wesens zu bedrohen scheint. Darum schreien sie stĂ€ndig gegen den Tod an. Sie verwirren ihr Leben mit LĂ€rm. Sie betĂ€uben ihre Ohren mit bedeutungslosen Worten und begreifen nie, dass ihr Leben in einem Schweigen wurzelt, das nicht Tod ist, sondern Leben. So schwatzen sie sich zu Tode und fĂŒrchten das Leben, als sei es der Tod.