Konflikte sind Chancen

von Siegfried Grossmann |

Um Spannungen in Familie und Gemeinde zu überwinden, müssen wir uns den Konflikten stellen, ihre Ursachen erkennen und neu lernen, miteinander zu reden und aufeinander zu hören. Ein praktischer Ratgeber mit fundiertem Wissen, konkreten Lösungsansätzen und Fallbeispielen.
Grossmann, Siegfried. Konflikte sind Chancen. Spannungen überwinden in Alltag und Gemeinde. ISBN 3789380172.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Vorwort

Jeden Konflikt vermeiden zu wollen ist keine gute Richtschnur: Durchs Hinauszögern kann ein Konflikt unlösbar werden, oder man gibt dem Gegner die Einladung, mit einem umzuspringen, wie er gerade will. Das verletzt und bindet viel Kraft.

Aggressive Konfliktbereitschaft schafft aber auch nur kurzfristige Erfolge. Menschen, die sich angegriffen fühlen gehen den Aggressoren aus dem Weg, wo sie nur können, und bauen sich neue Verteidigungslinien aus. So verstärken sich Konflikte und enden manchmal in der Vereinsamung eines Menschen, der "allein gegen den Rest der Welt" steht.

Konflikte gehören zum Leben. Man sollte sie weder bewusst suchen noch auf jeden Fall vermeiden wollen und ist gut beraten, die Herausforderung von Konflikten anzunehmen, indem man versucht sie zu verstehen und zu lösen, so gut es geht. Wer diese Balance hält, ist in der Lage, realistische Konfliktarbeit zu tun – die wichtigste Voraussetzung, um zu einem konfliktfähigen Menschen zu werden.

 

"Konflikte sind Chancen", weil jeder Konflikt wichtige Nachrichten über mich und die anderen am Konflikt Beteiligten enthält. Diese Nachrichten sind Chancen zur Veränderung.

Eine weitere Chance besteht in der Konfliktlösungssuche. Sie weckt schöpferische Fähigkeiten und Phantasie. Wenn beide Parteien versuchen den Konflikt gemeinsam zu lösen, entsteht eine ganz neue Form von Beziehungen: Aus Konfliktparteien werden Konfliktpartner.

Die grösste Chance entsteht, wenn ich erkenne, dass die Unterschiede, die den Konflikt auslösten, in Wirklichkeit wervolle Ergänzungen sein können.

I. Teil: Einführung

Nicht jede Meinungsverschiedenheit sollte Konflikt genannt werden, sonst können wir die folgenreichen Spannungszustände nicht mehr von den alltäglichen unterscheiden.

1. Immer diese Konflikte

Hier werden die Fallbeispiele gebracht. Sie werden am Schluss des Buches, im Lichte verschiedener Lösungsansätze, noch einmal aufgenommen.

2. Eine kleine Konfliktkunde

Definition: Konflikte entstehen immer dann, wenn unterschiedliche Einstellungen oder Verhaltenstendenzen in einer Person oder zwischen mehreren Personen aufeinander stossen.

Weil es überall unterschiedliche Verhaltenstendenzen gibt, die zusammenstossen können, finden wir keine Lebensbereiche ohne Konflikte.

Jeder Konflikt hat seine Ursache, und fast immer ist sie im Verhalten beider Konfliktparteien begründet.

 

Konflikte innerhalb der eigenen Person

Wenn wir diese Art von Konflikten nicht erkennen, sondern nur ihre Folgen wahrnehmen, haben wir kaum eine Chance, sie zu lösen.

 

Entscheidungskonflikte

a) Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, die wir beide als positiv empfinden. Jede Wahl bringt einen Verlust.

b) Ein erstrebenswertes Ziel ist nur erreichbar, wenn dafür etwas Unangenehmes in Kauf genommen wird.

c) Die Wahl zwischen zwei gleichermassen als bedrohlich empfundenen Möglichkeiten.


Polaritätskonflikte

Aus der Fülle möglicher Polaritäten seien hier zwei erwähnt: Nähe – Distanz und Freiheit – Ordnung. Bei den Polaritätskonflikten geht es um die Kunst der Balance, ohne die gewachsene Identität aufzugeben. Ich sage Ja zu den Polen meiner eigenen Persönlichkeit, aber versuche die Angst vor den Gegenpolen dadurch zu überwinden, dass ich sie als Ergänzung zulasse. So will ich als Nähe-Mensch wenigstens so viel Distanz lernen, dass ich nicht zu einer "Klette" werde.

 

Aggressionskonflikte

Man kann zwischen gutartigen und bösartiger Aggression unterscheiden. Bei der gutartigen Aggression geht es um die Verhältnismässigkeit der Mittel. Diese werden von den meisten Menschen nur dann verletzt, wenn sie durch nicht angemessene Lebensbedingungen überfordert sind.


Zwischenmenschliche Konflikte

Auch hier werden nur einige exemplarisch erwähnt:

  • Partnerschaftskonflikte
  • Gruppenkonflikte
  • Nachbarschaftskonflikte
  • Konkurrenzkonflikte
  • Normenkonflikte

Es ist leicht zu verstehen, dass sich zwischen den Bedürfnissen der einzelnen Personen und den geltenden Normen ständig neue Konflikte entwickeln.


Konflikte in christlichen Gemeinden

Einen eigenen Konflikttyp bilden sie nicht. Es gibt allerdings kirchenspezifisches Eigenarten und oft herrschende Annahmen:

  • Wenn das geistliche Leben in Ordnung ist, dann gibt es keine Konflikte.
  • Wenn irgendwo ein Konflikt auftritt, stimmt das geistliche Leben nicht mehr.
  • Lieber die Meinung nicht eindeutig äußern, da das zu Konflikten führen könnte.
  • Konflikte werden zugedeckt.
  • Wenn sich der Konflikt nicht mehr zudecken lässt, wird er von „oben" gelöst, d.h. entweder autoritär oder in charismatischen Gemeinden durch Eingebung von Oben.

Das Problem dieser Annahmen liegt in ihrer Überspitzung.

II. Teil: Der konfliktfähige Mensch

Wie sieht der Mensch aus, der in der Lage ist, so mit Konflikten umzugehen, dass es dem Leben dient? Der konfliktfähige Mensch versucht zunächst den Konflikt zu verstehen und ihn dann in geeigneter Form zu lösen. Wenn das nicht gelingt, versucht er mit ihm so umzugehen, dass der Konflikt seine zerstörende Kraft verliert.

3. Der konfliktfähige Mensch aus biblischer Sicht

Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde (1. Mose 1,27).

Für die Konfliktfähigkeit des Menschen wird hier Grundlegendes gesagt: Der Mensch ist einerseits frei, eigene Entscheidungen zu fällen, und bleibt andererseits – ob er will oder nicht – von Gott als seinem Schöpfer abhängig. Er ist auf Kommunikation hin angelegt und kann sie trotzdem verweigern. Das gilt nicht nur für seine Beziehung zu Gott selbst, sondern auch für seine Beziehung zu anderen Menschen und zur ganzen Schöpfung. Die Kommunikation ist dabei nicht das "Spielbein" des Menschen, die er entfalten kann, damit sein Leben reicher wird, sondern sein "Standbein", ohne das er nicht existieren kann. Der Mensch als kommunikatives Wesen braucht Freiheit und Bindung gleichermassen, und damit ist ein Grundkonflikt programmiert, der ihn niemals loslassen wird.

Die Fähigkeit zur Kommunikation gehört zur Grundbestimmung des Menschen und ist damit eine Begabung, die prinzipiell jeder Mensch entwickeln kann. Damit ist auch eine entscheidende Basis zur Konfliktfähigkeit des Menschen geschaffen, denn nichts ist besser geeignet, Konflikte zu überwinden, als die Fähigkeit zur Kommunikation.


Und schuf sie männlich und weiblich(1. Mose 1,27)

Wie die ganze Schöpfung, so ist auch der Mensch auf Komplementarität angewiesen: Das Leben braucht unterschiedlich wirkende Kräfte, die eine Stabilität entwickeln, indem sie sich ergänzen. Beziehungen sind nicht nur deswegen lebensnotwendig, weil der Mensch nicht allein sein kann, sondern man braucht sie existentiell, weil jeder Mensch für sich zu einseitig ist, um das Leben zu bestehen (vgl. Monokulturen in der Pflanzenwelt).

Wenn sich die Beziehungen eines Menschen nur in Gruppen Gleichgesinnter abspielen, steigt die Anfälligkeit für Ideologien, und die Fähigkeit das Leben zu meistern nimmt ab. Deshalb erweisen sich diejenigen Beziehungen, die so auf Unterschiede aufgebaut sind, dass sie sich ergänzen können, als besonders hilfreich.

Wenn das Leben nur im Eins werden des Unterschiedlichen gelingen kann, dann ist es eine existentielle Frage, ob wir die Unterschiedlichkeit als Konflikt oder als Ergänzung erleben – ob wir nach der Einheit in der Verschiedenartigkeit oder nach der Einheitlichkeit streben. Wer sich in einheitliche Gruppen zurückzieht, um Konflikte zu vermeiden, erliegt einer Täuschung. Denn solche Gruppen sind nicht weniger konflikthaft: Nach kurzer Zeit kommt es zu Machtkämpfen, die nicht anders ausgehen können, als dass es am Ende Sieger und Besiegte gibt. Wer die Vielfalt wählt, kann Konflikte zunächst ebenso wenig vermeiden, weil jeder versuchen wird, den anderen dahin zu bringen, wo er selbst steht. Nur haben solche Konflikte eine bessere Prognose: Denn sie können gelöst werden, wenn die Betroffenen begreifen, dass die Andersartigkeit des anderen keine Bedrohung ist, sondern eine lebensfördernde Ergänzung.


Und herrschet (1. Mose 1,26)

Der Begriff des Herrschens stammt aus der Sprache der Könige und bedeutet "eine Sache so zu verwalten, dass sie für alle Beteiligten zum Segen wird". Gemeint ist hier also das genaue Gegenteil von Ausbeutung, nämlich verantwortlicher Umgang.

Hier steckt ein weiterer Grundkonflikt, auf den wir in unserem Leben immer wieder stoßen, der innerpsychische Konflikt zwischen den eigenen Wünschen und den Bedürfnissen des Ganzen. Weil Gott den Menschen zum Herrschen berufen hat, ist er schöpfungsgemäß dafür ausgestattet, von übergeordneten Werten auszugehen und ethisch zu entscheiden, indem er fähig wird, aus sich heraus zu verzichten, wenn das aus Verantwortung für das Ganze notwendig ist.

Konfliktfähigkeit bedeutet damit, für andere Verantwortung übernehmen zu können und diese über eigene Bedürfnisse, Traditionen oder Ängste zu stellen.

Konfliktfähigkeit setzt aber auch voraus, dass die eigenen Bedürfnisse und die des Ganzen in eine übergeordnete Strategie eingehen, aus der eine gute Haushalterschaft für alle Beteiligten entspringt – eben auch für die eigene Person.


Und Gott heiligte den siebten Tag (1. Mose 2,3)

Gott ruhte am Sabbat nicht deshalb, weil er müde war, sondern weil er durch sein Vorbild dem Menschen zeigen wollte, wie dieser sein Leben zwischen Arbeit und Ruhe gestalten soll. Denn der Mensch ist ein Wesen mit schöpfungsgemäßen Grenzen, und deshalb braucht er einen regelmäßigen Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe, Spannung und Entspannung, Fremdbestimmung und Selbstbestimmung. Aber weil der Mensch mit einem freien Willen geschaffen ist, kann er sich zu seinem Schaden über diese Grenzen hinwegsetzen - er ist das einzige Lebewesen, das in der Lage ist, sich selbst auszubeuten. So reicht es nicht, wenn Gott dem Menschen nur ein Vorbild ist, und deshalb gehört der Sabbat zu den Lebensbereichen, die Gott durch Gebote geordnet hat. Sie sind wie ein Geländer an einem schwierigen Wegabschnitt. Sie schützen vor der Gefahr, aber sie nehmen niemandem die Aufgabe ab, seinen Fuß selbst zu setzen und Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen. So sind die Gebote Gottes für den Menschen Angebote zum Leben. Der Umgang mit den Geboten Gottes löst eine Fülle von Konflikten aus. Denn weil der freie Wille dem Menschen die Möglichkeit gibt, sich selbst zu schaden, ist er auf Ordnungen angewiesen, die bestimmte Bereiche in seinem Leben einschränken, um es zu schützen. Dieses Leben mit den Geboten Gottes ist wie eine Gratwanderung, bei der man auf beiden Seiten hinunterfallen kann. Nach "links" fällt, wer die Gebote zu unver- bindlich nimmt, indem er sie nur noch als sehr allgemeine Richtungsangaben versteht, die keine konkrete Weisung beinhalten. Nach "rechts" fällt, wer die Gebote gesetzlich verselbständigt, so dass ihre äußere, fast spitzfindige Beachtung über dem inhaltlichen Sinn steht.

Die Konfliktfähigkeit im Spannungsfeld zwischen der menschlichen Freiheit und den göttlichen Geboten beginnt damit, dass ich Einsicht in die Notwendigkeit der Gebote gewinne, ihre Akzeptanz jedoch nicht zu einem Verlust der Selbstverantwortung führt. Das kann nur dann geschehen, wenn ich mich immer wieder neu der Aufgabe unterziehe, die Gebote von ihrem Sinn her wahrzunehmen, damit ich sie in die aktuelle Lebenswirklichkeit der Gesellschaft und in meine persönliche Lebenssituation übertragen kann.


Dass er ihn bebaue und bewahre (1. Mose 2,15)

Leben im Einklang mit der Schöpfung wird in der Bibel als Balance zwischen Bebauen und Bewahren beschrieben.

Hier zeigt sich ein weiterer Konflikt: Der Mensch lebt heute in einer technisch bestimmten Zivilisation, die einer selbst geschaffenen Welt gleicht und die Natur als Schöpfung Gottes kaum noch erfahrbar macht. Er weiß zwar um die Gefahren, die diese Manipulation der Schöpfung ausgelöst hat, aber es ist ihm fast unmöglich, seinen Lebensstil heute so zu ändern, dass zukünftige Generationen leben können. Dies ist der grundlegende ethische Konflikt, der dann entsteht, wenn es die Verantwortung gebietet, um allgemeiner Ziele willen das persönliche
Verhalten zu ändern. Der Konflikt hat sich dadurch verschärft, dass es keine persönlichen Erfahrungen sind, die mich dazu bewegen sollen, meinen Lebensstil zu ändern, sondern nur das Wissen um die Prognose zukünftiger Krisen und Katastrophen. Wer als bewusst lebender Christ sein Leben am Wort Gottes ausrichten will, findet hier allerdings eine unschätzbare zusätzliche Motivation – das Vertrauen zu den Geboten Gottes. Es scheint aber so, dass es auch dem Glauben sehr schwer fällt, den Konflikt zwischen der heutigen Lebenswirklichkeit und einer zukunftsorientierten Ethik zugunsten der Schöpfung Gottes zu bewältigen.


Ich will ihm eine Hilfe schaffen als Gegenüber (1. Mose 2,18)

Jeder Mensch braucht Beziehungen – das ist bei seiner kommunikativen Grundstruktur eigentlich selbstverständlich.

Hier ist ein gegenseitiger Beistand gemeint, der in Freiheit und Selbstbestimmung geschieht, nicht aus Zwang oder Unterordnung, sondern aus Liebe. Konfliktfrei ist das gemeinsame Leben von Mann und Frau, von Eltern und Kindern, von Chefs und Mitarbeitern oder von Gemeindemitgliedern nicht zu haben, weder in der alten Form von Über- oder Unterordnung noch in der heute angestrebten Struktur einer Partnerschaft. Wenn die Beziehungen hierarchisch geregelt sind, fehlen häufig die äußeren Konflikte, dafür sind die innerpsychischen sehr ausgeprägt, und sie werden bei dem Menschen, der untergeordnet ist, oft so lange verdrängt, bis sie sich in explosiver Weise Geltung verschaffen. Sind die Beziehungen partnerschaftlich angelegt, besteht die anspruchsvolle Aufgabe, die Unterschiede zwischen den beiden Partnern immer wieder neu von Machtkämpfen zu befreien, damit aus den Verschiedenartigkeiten hilfreiche Ergänzungen werden können. Der biblische Grundentwurf menschlicher Kommunikation entspricht in seiner Zielsetzung dem partnerschaftlichen Umgang von Menschen miteinander, und er zwingt uns, immer wieder die Konflikte auszuhalten und zu lösen, die aus den Spannungsfeldern Nähe und Distanz sowie Freiheit und Ordnung entstehen.

Wer lernt, offen mit dem Partner umzugehen und dabei unnötige Kränkungen zu vermeiden, hat eine gute Chance, die Unterschiede zwischen sich und dem anderen häufiger als Ergänzungen und seltener als Konflikte zu erleben. Das geht aber nur, wenn wir die eigenen Bedürfnisse so artikulieren können, dass sie zum gegenseitigen Verständnis beitragen, ohne dass sich die Partner gegenseitig unter Druck setzen. Beziehungskonflikte können wir überhaupt nur lösen, wenn wir zunächst anerkennen, dass Konflikte im Umgang miteinander Zeichen des Lebens sind.


Sollte Gott gesagt haben? (1. Mose 3,1)

Der Fall des Menschen, den uns 1. Mose 3 beschreibt, hat zwei Ebenen, die miteinander in einem grundsätzlichen Konflikt stehen. Auf der einen Seite ist es die Misstrauenserklärung des Menschen, der die Gebote Gottes nicht respektiert, weil er meint, dass ihn der eigene Weg weiterbringen wird als das Leben in dem Lebensraum, den Gott für ihn gestaltet hat. Und tatsächlich ist das Leben außerhalb des Paradieses zweierlei: Einmal ist es ein Absturz aus einer "heilen Welt" in eine Existenz, die auf allen Ebenen vom Überlebenskampf geprägt ist. Auf der anderen Seite liegt darin der Beginn eines selbstbestimmten, wenn auch oft als leidvoll erlebten Daseins, das mit dem Tod endet. Freiheit und Emanzipation vermischen sich nun mit Ungeborgenheit und Todesangst, und damit ist der tiefste Konflikt beschrieben, der das Leben des Menschen prägen kann.

Auch heute empfinden wir unser Leben als Existenzkampf. Fast jeder Mensch kennt einen Lebensbereich, in dem er scheitert oder sich nur mühsam "über Wasser halten" kann. Und wie schwer es ist, einen neuen Raum der Geborgenheit zu finden, erleben wir täglich in unseren Ehen und Familien, Nachbarschaften und Firmen ebenso wie in christlichen Gemeinden. So wird das Ziel der Schöpfung Gottes, dass das Leben der Menschen zum Segen für sie und alle Mitgeschöpfe wird, fast immer nur in Ansätzen erreicht. Aber weil der Mensch aus dieser existentiellen Ungeborgenheit nicht herausfindet, muss er immer wieder versuchen, konfliktfähig zu werden, damit er die Konflikte, denen er nicht entgehen kann, so gut es geht, bewältigt und andere, die er stärker in der Hand hat, zu vermeiden sucht.


Und Gott machte dem Menschen Kleider (1. Mose 3,21)

Damit die Menschen außerhalb des Paradieses nicht zugrunde gehen, zeigt Gott ihnen, wie man überleben kann. Die Nacktheit wird verdeckt, die Kälte überwunden, die Scham bekleidet. Die Probleme der Ungeborgenheit bleiben allerdings bestehen, denn es werden nur ihre schlimmsten Auswirkungen gemildert.

Gott steht hinter allen unseren Versuchen, in der Ungeborgenheit außerhalb des Paradieses zu überleben, und versucht, dem Menschen zu helfen, dass sein Leben gelingen kann.

Der Grundkonflikt des Menschen, der aus seinem Bruch mit Gott entstanden ist, kann nur im Sinne von Annäherungen an das "Leben im Paradies" angegangen und nicht vollständig überwunden werden. Aber die Richtung ist deutlich: Der Mensch soll sich wieder als Geschöpf Gottes und damit als ein Teil der ganzen Schöpfung verstehen. Ziel seiner "Herrschaft" soll sein, Teil einer befriedeten Mitwelt zu werden. Männer und Frauen können sich aus der verhängnisvollen gegenseitigen Abhängigkeit durch "Verlangen und Herrschaft" lösen, indem sie sich als "gegenseitige Hilfe" verstehen und zu einem partnerschaftlichen Miteinander finden. Die Lebenswirklichkeit am Ende des 20. Jahrhunderts macht es grundsätzlich möglich, die Arbeit in ein ganzheitliches Lebenskonzept zu integrieren. Und die für alle Menschen auf der Erde heute zugänglichen Mittel lassen es möglich werden, einen gerechteren Ausgleich zwischen Arm und Reich zu finden. Die (theoretischen) Möglichkeiten, ein Stück auf dem Weg ins Paradies zurückzufinden, und die (praktische) Wirklichkeit unserer heutigen Weltgesellschaft, in der Ungerechtigkeit, Unfrieden und die Zerstörung der Schöpfung zunehmen, machen uns auf den Kern dieses Grundkonflikts aufmerksam: Es ist die Tatsache, dass der Mensch seine
Sündhaftigkeit nicht überwinden kann. So bleiben seine Schritte nur Annäherungen, und immer wieder wird das, was einzelne Pioniere des Guten aufgebaut haben, von der "Normalität des Bösen" zerstört. So bleibt für den konfliktfähigen Menschen nur die Möglichkeit, diese Situation anzunehmen, um selbstgestaltend und mit Gottes Hilfe die möglichen Schritte auf das Paradies zuzugehen, damit das Leben im Rahmen einer Annäherung an das Ideal gelingen kann.


Die Gnadengabe Gottes ist ewiges Leben (Römer 6,23)

Durch Tod und Auferstehung Jesu hat Gott dem Menschen einen Weg eröffnet, den Grundkonflikt der Trennung von Gott zu überwinden. Wer an Jesus Christus glaubt, ist mit Gott versöhnt und hat die absolute Herrschaft des Todes überwunden, denn sein Tod ist nur noch die Brücke zwischen dem Ende des irdischen und dem Beginn des ewigen Lebens. Aber auch im Zustand der Erlösung bleibt der Mensch außerhalb des Paradieses und hat mit der ganzen Bandbreite der Konflikte zu tun, die aus dem Verlust der Grundgeborgenheit erwachsen. Das heißt aber nicht, dass sich durch den Glauben an Jesus Christus nichts verändert habe: Denn im Glauben »weiß« der Mensch nun, dass die Grundgeborgenheit nur noch im Bereich des irdischen Lebens verloren ist, nicht aber in der umfassenden Dimension der eigenen Existenz - denn der Glaubende lebt in der "realen Hoffnung" auf das ewige Leben. So sind die Konflikte auf seinem Lebensweg nicht mehr existentieller, sondern nur noch funktioneller Natur. Sie stellen den glaubenden Menschen nicht mehr vor die Frage des absoluten Scheiterns, sondern sind zeitlich begrenzte Krisen, die im "schlimmsten" Fall bis zum irdischen Tod dauern können.

Der Mensch, der im Glauben an Jesus Christus die Vergebung seiner Sünden und die Verheißung des ewigen Lebens an genommen hat, ordnet sein Leben in ein neues Koordinatensystem ein. Die Frage seiner Grundexistenz ist gelöst, deshalb kann er die auftretenden Konflikte als das sehen, was sie wirklich sind - als Probleme auf dem Weg, deren Überwindung er sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften widmen kann. Solange sich jeder tief greifende Konflikt als eine Bedrohung der gesamten Existenz darstellte, sahen viele keinen anderen Ausweg, als mit Verdrängung oder Flucht zu reagieren. Jetzt gibt es eine größere Chance, den Konflikt mit Augenmaß wahrzunehmen und sich ihm zu stellen.

In der ganzen Konflikthaftigkeit des Lebens bleiben zwei Fixpunkte bestehen, die Geborgenheit vermitteln: Gott hat meinem Leben durch die Verheißung des ewigen Lebens den existentiellen Konflikt genommen; und überall da, wo ich durch die Ungeborgenheit des Lebens in Konflikte gerate, steht er bereit, um mir zu helfen, das Leben "außerhalb des Paradieses" zu bewältigen.

4. Der konfliktfähige Mensch aus humanwissenschaftlicher Sicht

Hier werden sechs Ansätze aus der Soziologie und Psychologie erwähnt, die nach der Auffassung des Autors hilfreich sind, um die Entstehung von Konflikten zu verstehen und die Entwicklung der Konfliktfähigkeit zu fördern.


Aussengeleitete Gesellschaft

(Nach David Riesman "Die einsame Masse" 1950)

Riesmann unterscheidet in der Entwicklung der Gesellschaft verschiedene Phasen. Bei den unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen sind natürlich auch die Grundkonflikte, die mit dem Leben des Einzelnen in der Gesellschaft zusammenhängen, verschieden. In der traditionsgeleiteten Gesellschaft ist es der Gehorsamskonflikt, der den Menschen vor die Entscheidung stellt, ob er versuchen will, aus der festgelegten Rolle seiner speziellen Stellung in der Gesellschaft auszubrechen oder ob er sich zusammen mit der großen Mehrheit seiner Zeitgenossen dem Status quo anpasst. In der innengeleiteten Gesellschaft kommt es vor allem zu Gewissenskonflikten, denn der durch Erziehung und Umwelt eingestellte "Kompass" zwingt seinen Träger, sich immer wieder zwischen der allgemeinen "Strömung" seiner Umgebung und dem verinnerlichten Ziel zu entscheiden. Heute, in einer schon ziemlich stark ausgebildeten außengeleiteten Gesellschaft, stehen die Orientierungskonflikte im Vordergrund, denn das "Radargerät" des Menschen, der seinen Weg sucht, reflektiert die unterschiedlichen Vorgaben der Umwelt und der Medien, mit denen er kommuniziert, und bringt ihn in die Schwierigkeit, aus diesen rasch wechselnden und übermäßig vielen Impulsen die Richtung des eigenen Weges zu ermitteln.

Das Raster von Riesman macht Mut, gerade auch in der außengeleiteten Gesellschaft die Verwurzelung in der Tradition und die Ausbildung eigener Wertvorstellungen zu fördern. Sie werden dabei allerdings keine umfassenden Lebensmodelle mehr sein, sondern als Steuerungshilfen wirken, für welche die Außenleitung in ihrer Vielfalt und Freiheit durchaus Chancen bietet, die frühere Gesellschaftsstrukturen nicht geboten haben. Für Christen ist das eine große Ermutigung: Sie können die durch die Bibel vermittelten Grundüberzeugungen als ihre Traditionsbasis einbringen, verbunden mit dem "Kompass", der auf die persönliche Gottesbeziehung eingestellt ist. Das ist ein wertvolles Rüstzeug in einer Gesellschaft, die an einer umfassenden Orientierungskrise leidet.

 

Erlebnisgesellschaft

(Nach Gerhard Schulze 1992)

Die in der traditionsgeleiteten Gesellschaft ausgebildeten Schichten werden in der aussengeleiteten Gesellschaft zu sozialen Milieus. Das sind Grossgruppen innerhalb der Gesellschaft, die durch ähnlichen Lebensstil und durch erhöhte Kommunikation innerhalb der Gruppe gekennzeichnet sind. Schulze geht davon aus, dass Alter und Schulbildung dabei die wichtigste Rolle spielen. Er unterscheidet fünf Milieus:

  • Niveaumilieu: Personen über 40 mit höherer Schulbildung, gediegener, eher konservativer Lebensstil
  • Harmoniemilieu: Personen über 40 mit niedrigerer Schulbildung, leben in einer Trivialkulturszene einen unauffälligen, konsumorientierten Lebensstil. Bevorzugen Sesshaftigkeit und Ordnung.
  • Selbstverwirklichungsmilieu: Jüngere mit höherer Schulbildung prägen eine neue Kulturszene, einen individuellen, sportlichen und mobilen Lebensstil. Haben Anteil an den neuen sozialen Bewegungen.
  • Unterhaltungsmilieu: Jüngere mit niedrigerer Schulbildung leben in der Unterhaltungskultur und bevorzugen einen an die Massenware angepassten Lebensstil mit Dauer-Fernsehkonsum, Boulevardpresse und Massentourismus.
  • Integrationsmilieu: Personen mittleren Alters und mittlerer Schulbildung bevorzugen einen Lebensstil mit Eigenheim, Verein und einem Mittelklassewagen.

 

Aufgrund dieser Erkenntnisse kann man verstehen, dass sich die heutigen Konflikte immer weniger um Inhalte als um Lebensstilfragen drehen. Das Milieumodell kann uns helfen, konfliktfähiger zu werden, indem wir erkennen, dass es bei den Konfliktinhalten nicht um grundsätzliche Einstellungen geht, die mit irgendwelchen Sanktionen belegt sind, sondern um die Fragen des Lebensstils, bei denen das Nebeneinanderbestehen unterschiedlicher Prägungen nicht nur möglich, sondern im Sinne der Ergänzung sogar erwünscht ist.


Grundformen der Angst

(Nach Fritz Riemann 1961)

Riemann zeigt vier Grundformen der Angst, die jeweils in besonderer Weise die Grundstruktur einer Person prägen:

  • Distanz: Angst vor der Selbsthingabe, die als Ichverlust und Abhängigkeit erlebt wird.
  • Nähe: Angst vor der Selbstwerdung, die als Ungeborgenheit und Isolierung erlebt wird.
  • Ordnung: Angst vor der Veränderung bei Menschen, die sich als vergänglich und unsicher erleben.
  • Freiheit: Angst vor jeder Festlegung, die Menschen vermeiden möchten, weil sie darin Endgültigkeit und Unfreiheit erleben.

Freiheit

A

B

Distanz

Nähe

C

D

Ordnung

  • A: Führungstyp, strebt nach Distanz und Freiheit.
  • B: Verantwortungstyp, strebt nach Nähe und Frei-heit.
  • C: Integrationstyp, strebt nach Nähe und Ordnung.
  • D: Distanztyp, strebt nach Distanz und Ordnung.

 

Natürlich kann ein so einfaches Schema, das allein mit der Selbsteinschätzung arbeitet, nur Schwerpunkte deutlich machen, aber es ist in vielen Fällen hilfreich, wenigstens die vorherrschende Struktur der eigenen Persönlichkeit zu erkennen. Denn konfliktfähig ist nur derjenige, der im Einklang mit seiner Persönlichkeit versucht, die vorhandenen Spannungen abzubauen. Wer das gegen seine eigene Persönlichkeitsstruktur tut, wird die Konflikte nicht lösen können, sondern sie eher verstärken. Das gilt natürlich auch für den Konfliktpartner, und so ist es ebenso wichtig, die Schwerpunkte der anderen am Konflikt beteiligten Personen zu erkennen, damit ich das Verhalten des anderen, wenn es im Einklang mit seiner Persönlichkeitsstruktur steht, nicht als Angriff auf meine Person und mein Verhalten sehe, sondern als dessen Versuch, mit den Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, an der Lösung eines Konfliktes zu arbeiten.


Agression

(Nach Irenäus Eibl-Eibesfeldt „Krieg und Frieden aus der Sicht der Verhaltensforschung)

Eibl-Eibesfeldt unterscheidet zwischen den beiden Standardsituationen der Innergruppen-Aggression, also den Konflikten, die innerhalb einer fest umrissenen Gruppe und der Zwischengruppen Aggression. Aggressionen innerhalb von Gruppen entstehen häufig, werden aber selten destruktiv, denn sie hängen mit konkreten Situationen zusammen, bei denen es nachvollziehbar ist, dass jemand um seine Position kämpft. Bei den Standardsituationen haben sich Verhaltensweisen entwickelt, die aggressionsdämpfend und friedenserhaltend sind. Einige dieser Standardsituationen:

  1. Platzverhalten: Jeder Mensch besetzt einen bestimmten Raum, den er als ihm zugehörig empfindet (fast immer wird der Platz, den jemand im Zug besetzt hat, respektiert).
  2. Eigentum: Krabbelkinder nehmen sich gegenseitig ohne Skrupel das Spielzeug weg und verteidigen diesen Raub, während der Beraubte durch einen Gegenangriff oder Weinen reagiert. Es gehört zum Hineinwachsen in unsere Kultur, dass ältere Kinder lernen, Besitz zu respektieren.
  3. Wettstreit: Es gibt Gegenstände oder Positionen, die von mehr Menschen begehrt werden, als sie besitzen oder einnehmen können. So kommt es zum Wettstreit, der zunächst ganz natürlich ist, weil jeder Mensch in irgendeiner Weise vorwärts kommen will. In überschaubaren Gemeinschaften achtet man darauf, dass alle, die etwas haben wollen, faire Verhältnisse vorfinden und akzeptiert, dass der Begabtere, der Schlauere oder der Ausdauerndere gewinnt. Wird dadurch der soziale Unterschied zwischen den Gewinnern und Verlierern zu groß, entsteht durch Neid und Forderungen der meist größeren Gruppe der Verlierer ein Gegendruck, der die Gewinner zu Ausgleichsmaßnahmen nötigt. In einer anonymen Gesellschaft braucht man Regeln, um dieses Verhalten zu erzwingen, etwa durch bestimmte Steuern, wobei es relativ leicht ist, als Gewinner die Verlierer immer wieder auszutricksen und dadurch hierarchische Strukturen in den Bereichen Arm und Reich oder Hoch und Niedrig zu fixieren.
  4. Herrschaft: Oft werden Aggressionen eingesetzt, um zu testen, was der Einzelne sich den anderen gegenüber herausnehmen kann. Sind die weniger Aggressiven zu nachgiebig oder funktioniert die soziale Kontrolle in der Gruppe nicht mehr, wird der Herrschaftsraum des Einzelnen immer größer. Es ist also wichtig, dass man Nachgiebigkeit nicht zum erzieherischen Programm erhebt, sondern einen Raum schafft, in dem man die Erfahrung macht, dass jeder geben und nehmen muss, wenn der Friede erhalten bleiben soll. Das bedeutet herauszufinden, wann es für alle - und auch für einen selbst - besser ist zu geben und wann das Nehmen die sozialere Variante darstellt.
  5. Umgang mit Außenseitern: Wenn einzelne Mitglieder einer Gruppe in Aussehen oder Verhalten von der Norm abweichen, sind sie oft die Zielscheibe von Aggressionen, die sie zwingen sollen, sich so weit wie möglich der Norm anzupassen - wollen sie nicht aus der Gruppe ausge- schlossen werden. Das scheint ein ganz altes Erbe zu sein, das man auch bei Affen beobachten kann und das dazu dient, die Gemeinsamkeit einer Gruppe zu erhalten. In kleinen Gruppen kann das vorteilhaft sein, weil eine Familie, ein Freundeskreis oder eine Interessengruppe Normen braucht, um Geborgenheit zu bieten.
    Im Ausgleich zwischen Nähe und Distanz oder Freiheit und Ordnung haben sich über jahrhundertelange soziale Erfahrungen Regeln des Umgangs miteinander herausgebildet, auf die man nicht leichten Herzens verzichten kann, ohne starke Konflikte hervorzurufen.


Leben als Balance

(Karl Menninger)

Im sozialen Bereich braucht der Mensch sowohl einen "inneren Kompass", der auf bestimmte Grundwerte eingestellt ist, und ein "Radargerät", das die kommunikativen Aufgaben wahrnimmt. Fällt der Kompass aus, wird die innere Mitte durch eine Art von Überanpassung geschädigt. Fällt das Radargerät aus, isoliert sich der Mensch und nimmt schließlich Schaden durch die nicht zu bewältigenden Konflikte mit der Umwelt.

Wenn es Konflikte gibt, versucht der Einzelne, möglichst frühzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten, welche die ganze Bandbreite der Konfliktabwehr und -lösung beinhalten. Er hat aber auch die Möglichkeit, sich so zu verändern, dass eine Lebenswirklichkeit entsteht, die nicht so anfällig für Störungen ist. Wenn ein Paar sich genügend Zeit zum Gespräch nimmt, wird es bestimmte Gefährdungen seiner Beziehung überhaupt nicht erleben. Wenn sich aber an einem bestimmten Punkt die Missverständnisse häufen und die eigene Arbeit an der Beziehung das Problem nicht lösen kann, wird sich ein vorausschauendes Paar um einen beratenden Kontakt bemühen, damit die Beziehungsstörung nicht so groß wird, dass man sie nicht mehr beheben kann. Wer ein Leben in der Balance führen kann, hat bereits einen großen Schritt auf dem Weg zur Konfliktfähigkeit gemacht. Er kann das Verständnis für den Konfliktpartner mit der Wahrnehmung seiner eigenen Mitte und deren Lebenszielen verbinden und bleibt damit anpassungsfähig, ohne sich selbst zu verlieren.


Miteinander reden

(Friedemann Schulz von Thun)
Die Übermittlung von Nachrichten ist ein vielschichtiger Vorgang und es müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, damit beim Nachrichtenempfänger das ankommt, was der Nachrichtengeber gemeint hat. Weil Kommunikationsprobleme die Ursache vieler Konflikte sind, gehört es zur Konfliktfähigkeit eines Menschen, dass er lernt, die Übertragungsmechanismen einer Nachricht zu verstehen.
In einer Nachricht sind mehrere Botschaften untergebracht und der Empfänger nimmt oft nur eine davon wahr. Man muss die vier verschiedenen Ebenen der Nachricht unterscheiden lernen:

  1. Der Sachinhalt einer Nachricht
  2. Die Selbstkundgabe in einer Nachricht
  3. Die Beziehungsebene einer Nachricht: Sobald es einen Sender und einen Empfänger gibt, spricht die Nachricht die Beziehungsebene an.
  4. Die Appellseite einer Nachricht: Selten haben Nachrichten nur die Aufgabe, eine Information weiterzugeben, denn fast immer wünschen wir uns, dass die Information den Empfänger zu irgendetwas veranlasst. Das ist oft in der Sachebene der Nachricht versteckt.

Es trägt bereits viel zur Konfliktfähigkeit bei, wenn ich mir der Vielschichtigkeit jeder Kommunikation bewusst bin und lerne, beim Empfangen einer Nachricht nicht nur mit einem Ohr, sondern, wie Schulz von Thun sagt, "mit vier Ohren" zu hören, dem Sach-Ohr, dem Selbstkundgabe-Ohr, dem Beziehungs-Ohr und dem Appell-Ohr.

3. Teil: Biblische Konfliktlösung

Die Schriften des Alten wie des Neuen Testaments beschäftigen sich aber nirgends mit einem isolierten Glauben, sondern beziehen das Leben vollkommen mit ein. Deshalb werden auch Konflikte nicht unterschlagen- , sondern als selbstverständliche Ereignisse gezeigt, die das Leben und den Glauben begleiten. Wir finden nicht nur eine große Zahl von Konflikten, die beschrieben werden, sondern auch eine Vielfalt an Konfliktlösungsansätzen, die so zeitlos sind, dass sie auch auf die heutige Lebenssituation übertragen werden können.

5. Biblische Konflikte in ihrer Bedeutung für heute

Trennen und Nachgeben

Anhand der Konfliktes zwischen Abraham und Lot zeigt Grossmann, dass es Situationen geben kann, in denen die Trennung der beste Konfliktlösungsansatz (KLA) ist.

  • KLA 1: Trennen als Schritt in die Zukunft ist dann ein guter Ansatz, wenn die Trennung die Konfliktursache sinnvoll löst, die Trennung für jeden Betroffenen einen neuen Lebensraum schafft und sich das bisher Gemeinsame sich nach gerechten Maßstäben trennen lässt.
  • KLA 2: Nachgeben ist oft zweischneidig, weil es oft nur den Konflikt verlagert - von aussen nach innen. Nachgeben ist dann sinnvoll, wenn die Persönlichkeit des Nachgebenden stark ist, weil er sich dann nicht selber aufgeben muss, sondern nur einen Bereich seines Lebens.

 

Der Sache auf den Grund gehen

Anhand der Szene mit Jesus und der ertappten Ehebrecherin (Johanes 8) zeigt Grossmann, dass hier ganz verschiedene Konfliktebenen vorliegen.

  • KLA 3: Auf den Grund gehen eignet sich dann, wenn der Konflikt sich als Verschleierung von tiefer liegenden Problemen entpuppt, wenn die Konfliktpartner bereit sind zu tieferen Einsichten zu gelangen, und wenn die Partner zu diesem Weg bereit sind. Die Hilfe eines Moderatoren ist dabei oft unentbehrlich.

 

Kompetent organisieren

Am Beispiel der Diakonenwahl (Apostelgeschichte 6)

  • KLA 4: Kompetent organisieren: das Vertrauen, das man auf der griechischsprachigen Seite gewinnen soll, darf auf der aramäischen Seite nicht verloren gehen.


Eine faire Mitte finden

Hier wird auf das Apostelkonzil in Apostelgeschichte 15 eingegangen.

  • KLA 5: Faire Mitte – die meisten Konflikte haben eine sachliche und eine persönliche Komponenten. Wenn grössere Gruppen am Konflikt beteiligt sind, müssen meistens einzelne Personen beauftragt werden, die Konfliktlösungsgespräche zu führen. Sie sollten aber von der Gruppe nicht zu sehr in ihrem Verhandlungsspielraum eingeengt werden. Dennoch muss der erhandelte Kompromiß von der ganzen Gruppe getragen werden. Es ist wichtig, dass das Ergebnis so fixiert wird, dass es vor Fehldeutungen geschützt ist.

 

Ökumenische Konflikte

Nicht die Unterschiede sind das Problem, sondern der Umgang mit ihnen.

Jede Gruppe ist mit ihrer Eigenprägung nur ein Glied am Gesamtleib. Jeder soll seine Erkenntnis eindeutig leben und dennoch die anderen als Ergänzung betrachten.

Ein Netzwerk von gegenseitigen Begegnungen, im Bewusstsein, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit gemeinsam Gott dienen, ist mehr wert als eine Einheitskirche.

 

Konflikte ruhen lassen

In Apostelgeschichte 15 wird berichtet wie sich Paulus von Johannes Markus trennte. Die Apg erwähnt aber keine Versöhnung.

  • KLA 6: Von einem Lösungsansatz können wir nur dann reden, wenn es sich um so tief- gehende und mit den Lebenswegen der Beteiligten so existentiell verbundene Probleme handelt, dass sich keine Chance bietet den Konflikt mit Mut und Veränderungsbereitschaft zu lösen.

6. Biblische Ansätze zur Konfliktlösung

Die Gerechtigkeit des Sabbats

Gerechtigkeit ist eine Struktur, in der die Konflikte, die mit dem Anderssein des anderen zusammenhängen, lösbar werden, weil man lernt, einander zu ergänzen.

Das umfassende Sabbatgebot (1. Mose 2; 2. Mose 23; 3. Mose 25) ist dazu da, immer wieder neu die Spannungen abzubauen, die durch die Mühsal des Lebens und die Unterschiedlichkeit der Menschen entstehen, denn der Sabbat soll bewirken, dass alle "zu Atem" kommen:

  1. Das Individuum. Die Zeiten von Fremdsteuerung und Selbststeuerung brauchen ein gesundes Verhältnis.
  2. Das Sabbatjahr damit die Schöpfung "zu Atem" kommt.
  3. Das Erlassjahr, damit sich die Sozialstruktur erholen kann. In jeder Generation soll es einmal die Chance zu einem völligen Neuanfang geben.
  • KLA 7: Spannungen abbauen: Hier geht es um Vorbeugung, denn alle Zustände von Spannung und Stress oder Angst erhöhen das Konfliktpotential. Lebe ich über meine Verhältnisse? Halte ich mal inne um Rückschau zu haben? Kann ich etwas beitragen zum Abbau von sozialen Spannungen?

 

Schwerter zu Pflugscharen (Micha 4,3f)

Jeder wird unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen. Das trifft dann ein, wenn Gott selbst zw. den Völkern Recht spricht, wenn also Gerechtigkeit zum Maßstab der Politik wird. Darauf hin sollen wir arbeiten.

  • KLA 8: Soziale Gerechtigkeit – wenn einem Menschen der Lebensraum (materielle Mittel, angstfreier Raum, Anerkennung, Beziehungen Förderung der Begabungen), den er wirklich braucht, eingeengt oder verweigert wird entstehen Konflikte.

Soziale Gerechtigkeit kann auf verschiedenen Ebenen gefördert werden:

  1. Wie ist mein persönlicher Lebensraum beschaffen?
  2. Gibt es in meinem Umfeld Menschen, die in existentieller sozialer Ungerechtigkeit leben?
  3. Bietet meine Gemeinde einen Raum der Geborgenheit, der soziale Gerechtigkeit im umfassenden Sinne fördert?
  4. Mit welchen Menschen kann ich mich zusammenschliessen und welche Ansätze bieten sich, um die Wirtschaft und Politik zu mehr sozialer Gerechtigkeit zu motivieren oder unter Druck zu setzen?
  • KLA 9: Aggression in Kommunikation verwandeln: Schwerter zum Pflug - vom "einer von uns beiden muss weg" zur gemeinsamen Lösungssuche. Speer zum Winzermesser - von der Distanz zur Nähe. Das Gespräch suchen.


Bergpredigt (Matthäus 5-7)

Glückselig sind die Sanftmütigen: Gewaltloser Widerstand – wer nicht zurückschlägt, wo er geschlagen wird, aber auch nicht zurückweicht, durchbricht den Schlagabtausch.

Glückselig die Friedensstifter: Weil es Gottes Ziel ist, dass es dem Menschen wohl ergeht, gehört auch die Lösung von Konflikten zu Gottes Sache, an der wir mitwirken sollen.

Wer aber sagt du Narr: Wehret den Anfängen.

Liebet eure Feinde: Der erste Schritt zur Liebe könnte sein, dass ich mich in den anderen versetze – ihn zu verstehen versuche.

Sorget nicht: Viele Konflikte haben ihre Ursache in der Sorge um materielle Dinge. Urvertrauen in Gott schafft Gelassenheit.

Was siehst du den Splitter im Auge: Wir neigen zur Überbewertung des Konfliktanteiles des anderen. Objektivität ist oft der entscheidende Schritt zur Konfliktlösung.

Was ihr wollt, dass man es euch tut, das tut auch: Jeder Mensch versucht, möglichst viele von seinen Wünschen Wirklichkeit werden zu lassen. Weil das alle tun, kommt es fast zwangsläufig zu Konflikten. Wir sollen die knappe Menge des Glückes nicht noch knapper werden lassen, indem wir darum kämpfen.

  • KLA 10: Sich am Lebensstil Jesu orientieren.

In unserer Gesellschaft hat sich eine Art „Ego- Ethik" entwickelt, die sich an einer schrankenlosen Selbstverwirklichung orientiert. Die Kunst des Lebens besteht dabei darin, möglichst schnell die Einfluss- und Machtposition zu besetzen. Hier ist Jesu Lebensstil radikal anders. Es ist keine schwache und nachgiebige Lebensform, aber eine, die um eines höheren Wertes willen auf vieles verzichtet, was in der Gesellschaft als Höchstwert gilt.

 

Ungeheuchelte Liebe (Römer 12,9f)

Paulus nennt eine Anzahl von Beziehungsmuster:

  1. Brüderliche Liebe: Die bewährte Form einer Beziehung.
  2. Gegenseitige Achtung
  3. Gastfreundschaft
  4. Segnen der Verfolger: Vermutlich sind hier Bez. gemeint, die einmal intakt waren.
  5. Soweit es geht, mit allen im Frieden leben: Nicht jede Bez. kann gut sein, machmal muss man damit zufrieden sein, den Konflikt zu vermeiden.
  6. Rächt euch nicht selbst, sondern gebt Raum dem Zorn, denn mein ist die Rache: Ich darf den Gefühlen Raum geben, soll aber nicht zurückschlagen - auch nicht verbal.
  • KLA 11: Echtwerden in Beziehungen. Der Schlüssel für die Entwicklung von echten, ungeheuchelten Beziehungen liegt darin, dass wir uns nicht durch überhöhte Anforderungen irremachen lassen, sondern konsequent in unseren Beziehungen jeweils dort einsteigen, wo wir wirklich stehen.

 

Gemeinschaft im Geben und Nehmen (1. Ko. 12,12-27)

Aus dem Bild des Körpers ergeben sich vier Prinzipien für die Funktionsfähigkeit einer Gemeinschaft:

  1. Jeder hat etwas, keiner hat alles - wir sind alle auf Zusammenarbeit angewiesen.
  2. Die Gabe bestimmt über die Aufgabe - denn nur dann kann jeder in seinem Beitrag für das Ganze kompetent sein.
  3. Unsere verschiedenen Fähigkeiten legen keine grundsätzliche Rangfolge fest - es ist immer die Funktion am wichtigsten, die gerade am nötigsten gebraucht wird.
  4. Das letzte Wort haben wir somit alle zusammen.
  • KLA 12: Gemeinschaftsfähig werden
  1. Ich suche meine Gaben.
  2. Ich finde meine Aufgabe.
  3. Ich suche meine Grenzen.
  4. Ich lerne, je nach meiner Kompetenz, vor- oder zurückzutreten.
  5. Gemeinschaftsfähig ist nur, wer geben und nehmen kann.

 

Scheitern im Konflikt

Das Scheitern wird am Leben von Petrus gezeigt. (Mat 26,69-75). Aus dem völligen Zerbruch entsteht die Chance zu einer Veränderung der Persönlichkeitsstruktur. Jesus schaut in Joh 21,15 nicht zurück. Die ausschliessliche Fixierung auf die Vergangenheit, bei der Aufarbeitung eines Scheiterns ist einseitig. Es braucht immer auch die Perspektive in die Zukunft.

IV. Teil: Humanwissenschaftlich orientierte Konfliktlösung

7. Humanwissenschaftliche Ansätze zur Konfliktbewältigung

Selbstkontrolle im Konflikt

Ist der Konflikt besonders stark oder besonders überraschend, wie etwa bei einem besonders heftigen tätlichen Angriff oder bei einem sehr verletzenden Wort, werden so grosse Mengen an Hormonen ausgeschüttet, dass das bewusste Verhalten erst nach Minuten, manchmal erst nach Stunden einsetzen kann.

  • KLA 13: Selbstkontrolle: Eine Hilfe kann nur durch ein intensives Bewusstseins- und Wahrnehmungstraining möglich werden:
    1. 1. Jeder Mensch zeigt reaktives Verhalten (Flucht, Aggression oder Starre) und er kann nur dann daran arbeiten, wenn er diese Tatsache zur Kenntnis nimmt.
    2. 2. Selbstanalyse: Wann bin ich „ausgeras-tet“
    3. 3. Was hat mich verletzt? Weshalb habe ich so heftig reagiert? Persönliche und sachliche Seite des Konfliktes?
    4. 4. Wie möchte ich mich optimal verhalten?
    5. 5. Was möchte ich auf keinen Fall tun?
    6. 6. Wo drohen Konflikte, in denen ich „aus-raste"?

 

Konflikte verstehen

  1. Viele Konflikte haben offensichtlich in der Verschiedenartigkeit der Personen ihren tieferen Grund.
  2. Unterschiedliche Lebenssituation
  3. Verschiedene Interessen
  4. Grenzen und Grenzüberschreitungen: Das Spannungsfeld zwischen bewahrenden und verändernden Kräften löst Angst aus.
  5. Norm und Freiheit

 

Beim Anschauen dieser Konflikttypen wird eines deutlich: Die meisten Konflikte entstehen nicht aus bösen, sondern aus „ehren-werten" Motiven und sollten in „ehren-werter Arbeit" gelöst werden.

  • KLA 14: Die Schwerpunkte eines Konfliktes verstehen lernen: Man kann auf einem Blatt die 5 verschiedenen Typen auflisten und mit Punkten gewichten.

 

Seelische Konfliktbewältigung

Negativ wirken sich im allgemeinen alle KL-Versuche aus, die mit Abwehr und Flucht zu tun haben, denn sie verschieben die Spannung nur auf eine andere Ebene, auf eine andere Person oder auf einen anderen Zeitpunkt und können keines der durch den Konflikt sichtbar gewordenen Probleme lösen.

  • KLA 15: Reife Konfliktbewältigung: Positiv wirken sich im allgemeinen alle KL-Versuche aus, die auf die persönliche Herausforderung antworten. Wer die Signale wahrnehmen kann, die ein Konflikt für die eigene Person gibt, oder wer versucht, mit dem Konfliktgegener zu einer Übereinkunft zu kommen, hat nicht nur einen guten Grund zur Lösung gelegt, sondern auch sich selber neue Entwicklungsmöglichkeiten gegeben.

 

Einübung in kommunikatives Gesprächsverhalten (Ruth C. Cohn)

Konflikte entstehen häufig dadurch, dass sich Menschen, die zusammen leben, nicht verstehen; dass sie sich falsch einschätzen; sich verletzen, ohne es zu merken, oder aneinander vorbeireden.

  • KLA 16: Kommunikative Gesprächsführung: Bei einem Konfliktlösungs-Gespräch sollte man sich zuerst auf diese Regeln einigen. Man kann den Text kopieren und ihn den Gesprächsteilnehmern geben.
  1. Ich bin mein eigener Vorsitzender: Bestimmen Sie selbst, wie Sie sich im Gespräch verhalten wollen, und erwarten Sie von den anderen, dass sie es ebenfalls tun.
  2. Beachten Sie Ihre Körpersignale.
  3. Störungen haben Vorrang: Unterbrechen Sie das Gespräch, wenn Sie sich gestört fühlen, und sagen Sie den anderen, was Sie ärgerlich oder betroffen gemacht hat.
  4. „Ich" statt „man" oder „wir": Verstecken Sie sich nicht, zeigen Sie sich als Person.
  5. Eigene Meinung statt Fragen
  6. Geben Sie dann Rückmeldung, wenn Sie dazu das Bedürfnis haben, und nicht hinterher einem Dritten.
  7. Wenn Sie eine Rückmeldung erhalten, hören Sie zu, ohne sich zu verteidigen, denn es werden Ihnen keine objektiven Tatsachen mitgeteilt, sondern nur die subjektiven Gefühle des anderen.

 

Selbst- und Fremdeinschätzung

Die Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung können dann konflikt-trächtig sein, wenn ich nicht weiss, wie mich meine Umgebung einschätzt, oder wenn diese nicht weiss, wie ich mich selbst einschätze.

  • KLA 17: Test: Wie wirke ich auf andere?

 

Gefühle im Konflikt

Sach- und Gefühlsebene des Konfliktes sind eng miteinander verbunden. Weil die Gefühle die heimlichen Herrscher der Konflikte sind, müssen wir lernen, sie wahrzunehmen.

  • KLA 18: Meine Gefühle im Konflikt: Erinnere Dich an die Gefühle in einem besonders schmerzhaften Konflikt.
  1. Gefühle wahrnehmen (Tagebuch, etc.)
  2. Gefühle haben ihren Grund. Sind die Personen wirklich die Urheber, oder sind sie nur Stellvertreter für zurückliegende Erfahrungen?
  3. Welche Möglichkeiten stehen mir zur Verfügung, diese Gefühle zu überwinden?
  4. Suche das Gespräch mit jener Person, bei welcher diese Gefühle entstanden sind - nicht um anzuklagen, sondern um eine angemessene Sprache zu finden.

 

Das Soziogramm

Hier macht man Beziehungen zw. Menschen einer Gruppe graphisch sichtbar.

  • KLA 19: Das Soziogramm: Ich liste um meinen Namen herum die Gruppenmitglieder auf und ziehe verschiedene Linien zu ihnen, je nach der Qualität unserer Beziehung (z.B. gut, unproblematisch, problematisch, konflikthaft). Wie könnten sich Beziehungen verbessern (Gespräch etc.)?
    Gruppenanwendung: Alle Gruppenmitglieder zeichnen ihr Soziogramm der Gruppe. Das Gespräch sollte nach KLA 16 geführt werden.

 

Brainstorming

Als Form der gemeinsamen Suche nach einer Konfliktlösung.

  • KLA 20: Brainstorming
  1. Moderator (achtet auf das Einhalten der Regeln) und Schriftführer bestimmen.
  2. Konkrete Aufgabe muss gestellt werden.
  3. Keine Bewertung der Vorschläge.
  4. Moderator achtet, dass alle etwas sagen können.
  5. Berwertungsphase
  6. Wie geht es weiter?

8. Strategien zur Konfliktlösung

Die folgenden Vorschläge können Bausteine enthalten, die man in eigener Verantwortung zusammensetzen kann.

 

Konfliktanalyse

Aus der Analyse kann trotz neg. Gefühle und gegenseitiger Schuldzuweisung eine gemeinsame Meinungsbildung entstehen.

  • KLA 21: Konfliktanalyse:
    • 1. Worum geht es?
    • 2. Wer steht im Konflikt gegeneinander?
    • 3. Wie äussert sich der Konflikt?
    • 4. Wie hat sich der Konflikt entwickelt? Durcharbeiten der Fragen, einzeln oder in den jeweiligen Parteien, mit oder ohne Berater.

 

Persönliche Ansätze zur Konfliktlösung

  • KLA 22: Mein Konflikt:
    • 1. Genauer Beschrieb des Konfliktes
    • 2. Welche Gefühle löst der Konflikt aus?
    • 3. Welche überkommenen Einstellungen hindern, welche helfen bei der Lösung?
    • 4. Brainstorming
    • 5. Bewertung
    • 6. Konkreter Plan und Überprüfung des Planes an der jeweilig neu entstandenen Situation.

 

Gewinnen statt siegen

  • KLA 23: Gewinnen statt Siegen

A: Zwei Parteien streiten sich um etwas. Ziel ist es, dass am Ende keine Partei als Sieger und keine als Verlierer dasteht, sondern jede, soweit möglich, das bekommt, was sie braucht.
Weg: Konfliktanalyse; gemeinsames Gespräch über die gegenseitigen Vorwürfe; Brainstorming; gemeinsamen Umsetzungsplan suchen.

B: Trotz aller Bemühungen kommt es zu keiner Lösung:
Beide versuchen wenigstens herauszufinden, weshalb es zu keiner Lösung kommen konnte. Je nach Ergebnis wird ein neuer Konfliktlösungsversuch gestartet. Ein neutraler Berater wird eingeladen; die Parteien vereinbaren einen Waffenstillstand, also eine Zeit, in der niemand seine Position zu verbessern sucht oder über den anderen herfällt.

 

Die Mediation (Vermittlung)

Wenige Grundprinzipien sollen helfen eine faire Mitte zu finden.

  • KLA 24: Eine faire Mitte finden
  1. Die Konfliktparteien kommen freiwillig zusammen und einigen sich auf das Verfahren der Mediation. Es sind zwei MediatorInnen nötig.
  2. Die Mediatoren legen die Grundregeln vor: Ausreden lassen! Keine Beleidigungen!
  3. Jede Partei kann nun ihre Sicht des Konfliktes ohne Zeitdruck darstellen. Die Gegenpartei darf nicht Fragen, nur Notizen machen und wiederholt anschliessend das Gehörte, bis die berichtende Partei sich verstanden fühlt. Die zweite Partei berichtet ebenso.
  4. Dann werden die mit dem Konflikt verbundenen Gefühle zur Sprache gebracht (Ängste, Verletzungen, Interessen). Die Mediatoren leiten das Gespräch.
  5. Brainstorming. Die Bewertung erfolgt von beiden Parteien gemeinsam. Schriftliche Fixierung des Resultates und Unterschrift von allen Beteiligten. Die Mediatoren machen selber keine Vorschläge. Es sollte auch festgehalten werden, wie die Vorschläge, von wem, bis wann, unter welcher Kontrolle durchgeführt werden sollen.

 

Konfliktberatung

Einige Regeln können hier hilfreich sein:

  • KLA 25: Einen Berater einschalten:
    • 1. Nur beraten, wenn es erwünscht ist.
    • 2. Neutral, aber nicht ohne eigene Meinung, nicht Richter sondern Schlichter sein.
    • 3. Keine Lösungsansätze aufdrängen. Die Parteien hören meist eher auf eigene Vorschläge. Der Berater muss für faire Gespräche sorgen.
    • 4. Wenn eine Partei massiv im Unrecht ist und daran festhält, sollte der Berater sein Mandat zurückgeben.
    • 5. Die Beteiligten sollen am Ende die gefundene Übereinstimmung schriftlich fixieren und unterschreiben.
    • 6. Achtung: Faire Gespräche; beim Thema bleiben; von der Gegenpartei das Gesagte zusammenfassen lassen; Zwischenziele setzen; bei wachsender Erregung Pausen einlegen; Einzelgespräche mit den Parteien führen.

V. Teil: Schöpferischer Umgang mit Konflikten

9. Wie werde ich ein konfliktfähiger Mensch?

Nur wer diesen Weg mit Erfolg beschreiten kann, wird lernen, so mit Konflikten umzugehen, dass sie sein Leben nicht behindern, sondern zu genutzten Chancen werden.

 

Konflikte gehören zum Leben

Schuld entsteht nicht dadurch, dass es Konflikte gibt, sondern höchstens durch die Art, wie wir mit ihnen umgehen. Wer grundsätzlich versucht Konflikten auszuweichen, kann sie niemals lösen. Zunächst geht es also darum, uns den Konflikten zu stellen.

  1. Neige ich mehr zur Konfliktscheu?
  2. Neige ich mehr zur Konfliktbereitschaft. Erhöht der Streit mit anderen Menschen mein Selbstbewußtsein?
  3. Wie möchte ich eigentlich mit meinen Konflikten umgehen? (KLA 22)

 

Schöpfungsgemässer Lebensstil

Hier folgt in neun Punkten so etwas wie die „Magna Charta" der geistlich motivierten Konfliktfähigkeit (vgl. S.2f).

 

Ja sagen zu sich selbst

Obwohl ich auch mit manchen Ergebnissen meiner Sozialisation nicht zufrieden bin und auch nicht mit allem, was ich als erwachsener Mensch daraus gemacht habe, kann ich in dem Bewusstsein leben, dass meine Person im Ansatz das zum Ausdruck bringt, was Gott mit mir gemeint hat. Das gilt für jeden Menschen. Das Ja darf nicht von einer bestimmten Lebensleistung abhängig gemacht werden, die ohnehin nur nach gesellschaftlichen Maßstäben gemessen werden. Mein Ja zu mir selbst ist also die Folge meines Vertrauens in das Schöpfungshandeln Gottes und ein daraus abgeleitetes Vertrauen zu meinen Fähigkeiten und Kompetenzen.

Eine Quelle ständiger Konflikte ist die falsche Annahme, dass man eben so sei, wie man ist. Diese Fixierung lähmt mich, während die Position zwischen zwei Polen Veränderungsmöglichkeiten enthält.

Aus dem grundlegenden Ja zu meiner Person ergibt sich natürlich ebenso konsequent ein grundlegendes Ja zu allen anderen Menschen.

 

Zeitgenosse sein

Wer Ja zu sich selbst sagt und gelernt hat, auch Ja zu den anderen zu sagen, sollte auch Ja zu der Zeit sagen, in der er lebt. Allerdings ist das Ja zur Moderne ebenso wenig unkritisch gemeint wie das Ja zu sich selbst.

Vieles spricht dafür, dass sich unsere Gesellschaft von der Traditionsleitung über die Innenleitung zur Aussenleitung verwandelt hat. In einer traditionsgeleiteten Gesellschaft wurden Konflikte durch den Rückgriff auf die Tradition gelöst. In einer innengeleiteten Gesellschaft setzt sich derjenige durch, der seinen Standpunkt am stärksten und überzeugensten darstellen konnte. So war der vorherrschende Weg zur Konfliktlösung, der der Diskussion und Argumentation. In der aussengeleiteten Gesellschaft geht es vor allem um Kommunikation. (KLA 9; 16; 5; 23; 19)

 

Der Lebensstil Jesu – Hilfe zur Konfliktfähigkeit

  1. Die Grundlinie zur Vermeidung und Lösung von Konflikten ist die „goldene Regel" (Verhaltet euch gegenüber anderen so, wie ihr euch deren Verhalten wünscht).
  2. Dazu ist es wichtig, Selbsterkenntnis zu haben („Splitter und Balken").
  3. Sorge ist konfliktfördernd. Vertrauen zu unserem Vater im Himmel ist konfliktlösend.
  4. Konkrete Feindesliebe geschieht dort, wo ich mein Gegenüber bejahen kann.
  5. „Mord beginnt beim Wort". Am Anfang kann man Konflikte noch besser überwinden.
  6. Jesus erwartet von uns, dass wir Frieden stiften. Das beginnt im Aufbau sozialer Gerechtigkeit, bei der jeder das bekommt, was er braucht.
  7. Wenn ich mich dennoch wehren muss, darf ich die Grenzen des gewaltlosen Widerstandes nicht überschreiten. (KLA 10)

 

Schritte zur Konfliktfähigkeit

  1. Konfliktfähigkeit beginnt mit der Grundeinstellung, kein Leben als „Konfliktflie-her" sondern eines als „Konfliktlöser" zu führen.
  2. Entwicklung der Selbstwahrnehmung. Das beginnt beim Ja zu sich selber und zum Anderen. Die Angst vor der Wahrheit soll durch die Neugier auf die Wirklichkeit ersetzt werden.
  3. Entwicklung des kommunikativen Verhaltens. Nicht: „So ist es!", sondern: „So sehe ich es!" Nicht: „Wie kannst du mich so verletzen!", sondern: „Das hat mir weh getan!"
  4. Aus Konfliktgegnern sollen Partner werden.
  5. Wir stossen auch auf Grenzen. Der einzige Weg, der uns weiterhilft, ist die Vergebung.

10. Praktische Beispiele

Hier werden noch einmal die Beispiele von Kap. 1 aufgenommen.

Das Nachwort betont noch einmal, dass Konflikte Chancen sind.