Kriterien einer lebensdienlichen Weltanschauung

von Felix Ruther | 15.05.2011

Es braucht Denkarbeit, um sich über den Hintergrund und die Auswirkungen der eigenen Weltanschauung Klarheit zu verschaffen. VBG-Studienleiter Felix Ruther plädiert dafür, dass dies gerade für Christen sehr wichtig ist – nicht zuletzt auch als Mittel, um den eigenen Glauben klar kommunizieren zu können.1

Der Hirnforscher und Nobelpreisträger Peter Medawar schrieb: «Die Idee der naiven oder unschuldigen Beobachtung ist ein Mythos. Bei allen Sinneseindrücken separieren wir und wählen wir aus, wir interpretieren, suchen und zwingen Ordnung auf, erfinden und testen Hypothesen über das, was wir beobachten.»2 Das bedeutet, dass wir allen Erfahrungen den Stempel unserer Weltanschauung aufdrücken. Aus der Sicht eines Atheisten oder Materialisten wird daher ein spirituelles Erlebnis durch rein innerweltliche Ursachen gedeutet. Gotteserfahrungen werden zur menschlichen Projektion, Gebetsheilungen zu Spontanheilungen, und die Erscheinung der allgemeinen menschlichen Neigung zur Religiosität wird als Überbleibsel oder gar Irrweg der Evolution3 gedeutet. Ganz anders sieht Calvin diese menschliche Neigung. Er glaubt, dass Gott den Menschen mit einem «sensus divinitatis» ausgestattet habe, also mit dem Drang, das Göttliche zu suchen.


Unsere Weltanschauung liefert also die Vorgaben, mit denen wir unsere Erfahrungen beurteilen und ihnen eine Bedeutung – oder auch keine – für unser Leben zuordnen.


Deutung und Interpretation


Diese Deutungshoheit der Weltanschauung beeinflusst die Interpretation von naturwissenschaftlichen Fakten. Oft wird hier nicht klar zwischen der weltanschaulichen Deutung und der reinen Faktenlage unterschieden. In der Naturwissenschaft geht man zum Beispiel von einem vorgegebenen Phänomen aus, «ohne diese Vorgegebenheit ihrem eigentlichen Wesen nach weiter zu hinterfragen. Ihre Zielsetzung besteht lediglich darin, dieses Phänomen zu beobachten, auf Gesetzmässigkeiten zu untersuchen und diese in die Sprache der Mathematik zu übersetzen.»4

Die Naturwissenschaften erklären nicht, sie beschreiben nur und ordnen die Daten. Und weil sie darin so erfolgreich waren, ist man leicht geneigt anzunehmen, dass die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt einen Urheber allen Seins überflüssig mache. Nach der gleichen Logik könnte man auch folgern, dass nach der Zerlegung einer Uhr und der Beschreibung aller Teile und ihres gegenseitigen Zusammenwirkens die Hypothese, ein Uhrmacher habe die Uhr hergestellt, überflüssig sei. Wir können auch ein Billardspiel als Vergleich heranziehen.5 Hier kennen wir die herrschenden Gesetze und können die Bahn der Kugeln nach jedem Anstoss recht genau berechnen. Doch diese Gesetze beschreiben nur die Bewegungen und sind nicht ihre Ursache. Jemand muss die Kugeln anstossen. Noch weniger geben die Gesetze Antwort auf die Frage, weshalb überhaupt Kugeln da sind und nicht nichts, und weshalb es überhaupt diese Bewegungsgesetze gibt.


Materie oder Schöpfergott


Bei den Antworten auf diese Fragen stehen wir aber mit beiden Beinen im Bereich der weltanschaulichen Deutung. Wenn wir die Kugeln als Bild für materielle Dinge sehen, wird die materialistische Sicht ihr Vorhandensein lakonisch mit «Die Materie hat es eben schon immer gegeben» deuten. Die Materie erhält somit einen gottähnlichen Status, als Selbstexistenz. Theisten6 werden diese Fragen anders beantworten: Nur der Schöpfergott ist ewig, und die vorgefundene Materie ist von ihm ins Sein gerufen worden.


Da sich aber weder die eine noch die andere Ansicht beweisen lässt, entpuppt sich der Streit darüber, welches Weltbild denn nun stimmt, als Glaubensfrage. Es stehen sich daher schlicht zwei verschiedene Glaubenssysteme oder Weltanschauungen gegenüber. So schreibt der Physiker Alfred Gierer: «Man kann eben die Welt – auch in Übereinstimmung mit wissenschaftlicher Erkenntnis und logischem Denken – zum Beispiel atheistisch oder im Glauben an Gott interpretieren, ... dem Geist oder der Materie die Priorität für das Verständnis der Welt zuschreiben, ... dem einzelnen Leben und der Geschichte den einen, anderen oder gar keinen Sinn unterlegen, den Menschen als Ziel oder als Zufallsprodukt der Evolution ansehen ... In jedem Fall aber ist die Wissenschaft, die ihre eigenen Voraussetzungen reflektiert, mit verschiedenen Interpretationen des Menschen und der Welt und daher auch mit verschiedenen Religionen, Kulturen und Lebensformen vereinbar.»7


Neben der atheistischen8 und der theistischen Weltanschauung kann man noch eine dritte Deutungsgruppe unterscheiden, die pantheistische. Ihre Vertreter – Hindus, Buddhisten oder Esoteriker – deuten die gesamte materielle Erscheinungswelt als Illusion, als vorübergehende Abtrennung vom einzigen Sein, dem göttlichen Sein.


Der Sinn der Diskussion


Weshalb sollen wir uns mit diesen Weltanschauungsfragen beschäftigen? Ich nenne dazu einige Gründe:


  1. Wenn man sich der Wahrheit verpflichtet weiss, dann gehört es zu unserer Kernaufgabe, die eigene Weltanschauung zu kennen. Es kann ja leicht geschehen, dass wir voreilige Schlüsse ziehen und unsere eigenen blinden Flecken nicht mehr wahrnehmen. Nun lernt man die eigene Weltsicht am besten in der Auseinandersetzung mit anderen Ansichten kennen. Daher sei hier ein Tipp erlaubt: Lesen Sie einmal ein Buch, das mit atheistischer Weltanschauung9 verfasst worden ist. Oder noch besser: Suchen Sie das Gespräch mit jemandem, der anders denkt als Sie. Vielleicht könnte die Einstiegsfrage so lauten: «Lieber XY, ich weiss, dass du meinen Glauben nicht teilst; deshalb bitte ich dich, mir deine Sicht der Dinge zu erklären.»

  2. Wer seine eigene Weltanschauung nicht kennt, verliert im heutigen Diskurs seine Antwortfähigkeit. Obwohl im Zentrum unseres christlichen Zeugnisses nicht diese Diskussion steht, sondern das Bezeugen von Jesus Christus, dem Auferstandenen, müssen wir dennoch festhalten: Wer in der Öffentlichkeit nicht gute Gründe für seinen Glauben anbringen kann, steht mit seinem persönlichen Zeugnis rasch auf verlorenem Posten. Auch hier zwei Buchhinweise: Manfred Lütz, «Gott – eine kleine Geschichte des Grössten»; Timothy Keller, «Warum Gott? – vernünftiger Glaube oder Irrlicht der Menschheit?»
  3. Wenn die eigene weltanschauliche Position gut durchdacht ist, gewinnt auch das intime Glaubensleben, die Beziehung zu Gott, an Kraft. Denn uns Menschen fällt es einfach schwer, an etwas zu glauben, das wir nicht verstehen. Blinder Glaube, der das Nachdenken über Gott und die Welt vernachlässigt, wird auch in den ganz alltäglichen und praktischen Lebensfragen nur schwer gottgemässe Antworten finden. Blinder Glaube, nicht zu verwechseln mit dem von Jesus gelobten kindlichen Glauben, ist auch krisenanfälliger – besonders wenn die emotionalen Glaubenserfahrungen ausbleiben.
  4. 
Oft werden die weltanschaulichen Vorentscheidungen in Diskussionen zu wenig beachtet. Man streitet dann über Details und merkt nicht mehr, dass die verschiedenen Positionen eine direkte Folge unterschiedlicher Weltanschauungen sind. Wenn zum Beispiel nur die materiellen Gegebenheiten existieren, wird das Menschenbild ganz anders ausfallen, als wenn man glaubt, dass die Würde des Menschen damit begründet wird, dass er Gottes Abbild ist. Diese unterschiedlichen Vorannahmen prägen schliesslich alle kulturellen Äusserungen der Menschen. So wurde in der Leitbilddiskussion an unserer Schule bei der Festlegung von Werten in der Bildung rein materialistisch argumentiert. Zwar sollte jede gebildete Person wissen, dass ihre biologische Entwicklung von einem Programm im DNA-Molekül gesteuert wird; das gehört in den Stoffplan der öffentlichen Schule. Dass jeder Mensch geschaffen ist, um Gott zu ehren und sich an ihm zu erfreuen, wird aber aus materialistischer Sicht verneint. Doch wenn es wahr ist, ist dieses Wissen mindestens so wichtig wie alles andere, was junge Menschen als Vorbereitung aufs Leben brauchen.


Drei Pfeiler christlicher Weltanschauung


Als beschränkte Wesen können wir nie die gesamte Realität überschauen und verstehen. Wir sind daher auf gedankliche Modelle angewiesen, wenn wir uns dem Leben stellen wollen. Diese Modelle – unsere Weltanschauungen – sollten bestimmte Voraussetzungen erfüllen, damit sie uns eine gewisse Sicherheit im Urteilen und Handeln ermöglichen. Eine befriedigende Weltanschauung muss in verschiedenen Lebensbereichen auf grundlegende Fragen Antworten geben, welche es der Gesellschaft und dem Einzelnen ermöglichen, in dieser Welt zu bestehen.


  1. Eine Weltanschauung sollte die Basis liefern, auf der eine Gesellschaft die existenziellen biologischen Bedürfnisse wie Nahrung, Wärme und Schutz befriedigen kann. Sie muss daher sachgerecht sein.

  2. Da der Mensch aber nicht nur ein biologisches, sondern auch ein soziales Wesen ist, sollte die Weltanschauung auch die Grundlagen für tragfähige soziale Beziehungen vermitteln und Antworten auf die psychischen Bedürfnisse liefern. Kurz: Eine befriedigende Weltanschauung muss auch menschengerecht sein.

  3. Menschen haben auch ein tiefes Verlangen, Antworten von ausserhalb ihres eigenen Intellekts zu erhalten. So haben alle Kulturen ihre religiösen Vorstellungen und Antworten, welche auf das spirituelle Bedürfnis eingehen. Eine befriedigende Weltanschauung sollte daher auch Antworten auf metaphysische Fragen liefern. Die Weltanschauung muss gottgerecht sein.


1 Es sei hier auf die ausführlicheren Texte im Magazin INSIST Nr. 4/2010 hingewiesen.


2 Peter Medawar: «Hypothesis and Imagination», in: A. Schlipp (Hg.): The Philosophy of Karl Popper, La Salle, S.275


3 «Die allgemeine Theorie, wonach Religion ein Nebenprodukt ist – eine Fehlfunktion eines eigentlich nützlichen Mechanismus –, möchte auch ich vertreten.» Richard Dawkins in «Der Gotteswahn», S. 263


4 Albrecht Kellner: «Expedition zum Ursprung – Ein Physiker sucht nach dem Sinn des Lebens», S. 16


5 vgl. C.S. Lewis: «Wunder», S. 71 (im Kapitel «Das Wunder und die Naturgesetze»)


6 Ausgehend von der Existenz eines persönlichen Schöpfergottes.


7 A. Gierer in: «Die Physik, das Leben und die Seele», S. 31-37


8 Sie wird oft auch neutraler als naturalistische oder materialistische Weltanschauung bezeichnet.


9 Z.B. das kleine Büchlein von Sam Harris: «Brief an ein christliches Land.»


Zuerst erschienen in BST 2/2011