Männliche Spiritualität

von Felix Ruther | 20.06.2012

Unter dem Titel «Männliche Spiritualität» leitete Felix Ruther vom 23. bis 27. April in Rasa einen Kurs für Männer. Er berichtet, welche Schwerpunkte er dabei gesetzt hat.

Etwas vom Wohltuendsten, das ich in dieser Woche erfahren durfte, war die grosse Offenheit und Ehrlichkeit, mit der wir uns begegnen konnten.
Vermutlich liegt das auch an der Abwesenheit des schönen Geschlechts. Ohne anwesende Frauen müssen wir Männer unser eingeübtes Imponiergehabe eben nicht offen zu Tage tragen. Schon am ersten Abend, als jeder etwas Vorbereitetes aus seinem Leben erzählen konnte, wurde ganz ehrlich auch von den Schwächen und den Brüchen im Leben gesprochen. Das ist ja durchaus biblisch. Findet man doch in der Bibel, – im Unterschied zu allen anderen Kulturen – nur «Helden», die auch «Dreck am Stecken» haben. Also Männer wie du und ich. Alle «Helden» der Bibel (ausser vielleicht der Prophet Daniel und natürlich Jesus) besitzen auch ihre dunklen Seiten, über welche die Bibel akribisch genau berichtet.

Männer lieben die Liturgie

Auch die gemeinsamen Zeiten mit der Bibel halfen uns, ehrlich voreinander zu sein. Nach einer Zeit der schweigenden Betrachtung schrieben wir Sätze auf und lasen sie einander vor. Dabei sollte das Geschriebene nur das aufnehmen, was der Text in unserem Inneren ausgelöst hatte.
Natürlich haben wir auch zusammen gebetet. Nur, soweit ich das beurteilen kann, beten Männer lieber in liturgischer Form. Stille, Vorgegebenes und Ritualisiertes spricht Männer im religiösen Bereich mehr an als Spontaneität, Kreatives und freie Formen. Es heisst ja: «Als die Prophetin Mirjam die Pauke in die Hand nahm, zogen alle Frauen mit Paukenschlag und Tanz hinter ihr her.1» Ob auch Mose und andere Männer mitgetanzt haben, davon steht in der Bibel nichts.
Männliche Spiritualität ist weniger spontan, wortkarger und zweifellos ritualisierter. Das sieht man gerade an den typisch männlichen Traditionen von Judentum und Islam. Dort findet das tägliche Gebet immer zu festen Zeiten und mit ständig wiederkehrenden Formen statt. Damit können wir Männer in der Regel besser umgehen als mit den spontan kreativen Formen der Spiritualität. «Mann» weiss eben gerne, was «Mann» zu tun hat.

Beten ist für viele Männer unmännlich

Aber wichtig ist das Beten für uns Männer schon. Denn es erfordert eine Haltung, die der traditionellen Männerrolle widerspricht. Unausgesprochen gilt doch: Der Mann hat keine Probleme, und wenn, dann weiss er selber, was zu tun ist. Im Gebet machen wir uns aber ganz klein und bekennen: «Ich weiss nicht mehr weiter, bitte hilf mir.» Wir kapitulieren. Gerade darum ist das Gebet eine hervorragende Übung, aus der männlichen Selbstüberschätzung heraus­zu­kommen.
Beim Beten tritt noch etwas anderes auf. Häufig scheitern Männer nämlich daran, dass sie gar nicht wissen, was sie eigentlich selber wollen. Sie lassen sich von Anderen vorschreiben, was sie tun sollen, sind ständig beschäftigt und kommen gar nicht dazu, innezuhalten. Beten wäre eine solche Form des Innehaltens, um zu sehen: Wo stehe ich eigentlich? Was will ich eigentlich? Was will Gott von mir?

Männerclichés unter der Lupe

Zusammen haben wir auch über einige «Männerschelten» nachgedacht. Zum Beispiel, dass Männer ihre Gefühle nicht äussern können. Wenn nun die Spiritualität vor allem in der Form des Ausdrückens von Gefühlen und Stimmungen gepflegt wird, dann haben wir Männer immer etwas schlechtere Karten. Männerglaube erscheint dann immer karg, einsilbig, stumm. Allan Guggenbühl findet aber2: «Männer dürfen nicht in das Korsett der Psychologie gezwungen werden, sondern wir müssen ihnen ihre Suche nach den Mythen erlauben, damit sie ihre Energien einbringen können.» Männer wollen sich eher am mythischen Wesen realisieren, Frauen orientieren sich eher am Psychischen. Für Männer sind Mythen Erklärungsgeschichten, an denen sie sich orientieren und an denen sie teilhaben können. Die damit auch das Gefühl von Sinn vermitteln. Mythen kommen nicht von innen, sondern von aussen. Sie ziehen, sie geben die Richtung und helfen das Leben zu verstehen und zu bewältigen. Diese Überlegung war denn auch für uns massgebend. Ausgehend von den in der Männerliteratur erwähnten vier «Grundfarben der Männlichkeit», haben wir unsere vier Mythen oder Archetypen näher betrachtet. Es sind dies: Verantwortlichkeit (im Bild des Vaters, Patriarchen oder Königs dargestellt); Konkurrenzverhalten (Krieger) Verletzlichkeit (Liebhaber) und Unabhängigkeit (Prophet, Hofnarr oder Magier).

Die Grundfarben der Männlichkeit

Bei gesunder Entwicklung entfalten sich meist drei der vier Grundfarben. Unsere jeweilige Aufgabe ist es nun, den fehlenden vierten Typ zu suchen und ihn zu fördern. Denn wenn sich nicht alle vier Farben entwickeln, fehlt uns jeweils die Korrektur. Wenn jemand zum Beispiel nur den Krieger übermässig in sich auslebt, dann ist sein ganzes Leben nichts anderes als ein ständiger Wettbewerb im Weitpinkeln. Der Krieger braucht die Korrektur durch den Liebhaber. Denn der Liebhaber bewahrt uns vor der dunklen Seite des Kriegers, dem Macho und dem Sadisten, der seine Frau schlägt. Der Liebhaber lässt sich nicht nur durch Logik, Nützlichkeitsdenken und Funktionalität leiten. Er hört auf sein Herz. Ohne Liebhaberenergie wird das Leben öde und farblos. Vielen Männern fehlt gerade dieser Enthusiasmus und diese Lebendigkeit. Sie wirken irgendwie abgelöscht, impotent und verbreiten Gleichgültigkeit und depressive Stimmung. Der Liebhaber gibt dem Leben Farbe und Begeisterung.
Wenn aber nur der empfindsame Liebhaber in uns entwickelt ist, dann besteht die Gefahr, dass wir zum Softie werden und nicht mehr kämpfen, wo der Kampf nötig wäre. Dann steigen wir nicht mehr aus unserer Passivität aus. Gerade heute sind die Kosten für unsere Familien und die Gesellschaft sehr hoch, weil Männer ihre Verantwortung oft nicht wahrnehmen. Ist es nicht so, dass man in unserer Welt um alles, was wertvoll ist, kämpfen muss? Ohne Kriegerenergie läuft der Liebhaber Gefahr, zum Süchtigen zu werden. Er verliert sich im Meer der Sinnlichkeit. Beim geringsten Verlangen gibt er nach, weil er nicht kämpfen kann.

Zerrformen der Männlichkeit

So wie der Krieger und der Liebhaber einander brauchen, so ergänzen und korrigieren sich auch der König und der Prophet. Könige verkünden in ihrem Reich, was gilt, und sichern so die Grenzen ihres Reiches. Damit schaffen sie einen Bereich der sicheren Entfaltungsmöglichkeit. Ein Vater (oder eben König) sucht das Wohl der «Seinigen». Ihm entspricht daher die Grundhaltung des Segnens im Sinne von: Ich stehe zu dir und gebe dir Raum zur Entfaltung. Doch väterliche Verantwortung zu übernehmen, ist oft mit Leiden verbunden. Daher drücken sich Männer gerne davor und suchen den bequemen Weg oder nur noch den eigenen Vorteil. Väter oder Könige müssen auch demütig sein. Daher brauchen sie den Propheten, der ihnen den Spiegel vorhält und Ungerechtigkeit aufdeckt. Ohne diese Korrektur gleitet der König leicht in seine Zerrform ab, den Tyrannen. Dieser kämpft gegen alle, die eine innere Stärke besitzen. Er erscheint zwar stark, seine Stärke kommt aber nicht von innen. Innen ist er ängstlich und schwach. So wird er eifersüchtig und gnadenlos. Die andere Zerrform ist der Schwächling, der nicht auf den Thron steigt und wenn, dann sucht er nicht das Beste für sein Reich, sondern den Applaus.
Zum Propheten gehört auch der Magier. Er tritt oft als Wissender auf, der viel liest und weiss. Oft sind die Propheten die klaren Denker. Sie beobachten aus der Distanz und sind damit fähig, zu korrigieren. Weil sie nicht angepasst sind, leben sie aber gefährlich. Wenn Propheten die väterliche Seite nicht entwickeln, wirken sie mit ihrer Wahrheit nur verletzend. Und wenn sie keine Verantwortung übernehmen, werden sie zu ewigen Nörglern, die nur kritisieren, statt einen Weg in die Zukunft zu weisen. Und wenn sie nicht auch Krieger sind, dann besteht die Gefahr, dass sie vorgeben, nichts zu wissen, weil ihnen die Kraft zur Konfrontation fehlt. Das führt dann zu den schlüpfrigen Typen, die man nicht fassen kann.

Krieger und Liebhaber in einem

So haben wir uns also auf den Weg gemacht zum ganzen Mann. Zu Männern, die alle vier Farben der Männlichkeit integrieren. Die als Krieger für das Gute einstehen und dafür kämpfen können. Die als Liebhaber begeisterungsfähig für das Schöne sind und auch mit dem Herzen denken können. Die durch ihre Vater- und Königsenergie in ihrer Umgebung Sicherheit und Entfaltung ermöglichen. Und eben, die als Propheten die Wahrheit suchen und es wagen, sie auszusprechen.