"Man kann die Bibel doch nicht wörtlich nehmen"
(Kapitel 7 aus 'Warum Gott?')

von Timothy Keller | 14.08.2014

Können wir davon ausgehen, dass das was in der Bibel steht, allem voran der Inhalt der Evangelien, auch wirklich passiert ist? Und wie müssen wir mit Verhaltensregeln aus den Paulusbriefen umgehen? Welchen Einfluss hatte der kulturelle Kontext auf diese Vorschriften?

Kapitelzusammenfassung von Eliane Braun

 

In intellektuellen Kreisen besteht die Tendenz, die Evangelien als Sammlung von Sagen zu sehen. Sagen, die dazu gedient haben sollen, Autoritätsansprüche zu unterstützen und Gemeinden zusammen zu halten. Verschieden Strömungen, die verschiedene Interpretationen der Person Jesus, Prophet- Lehrer- Gottes Sohn- Weiser, vertraten, hätten sich bei der Entstehung der Evangelien konkurrenziert, wobei die Partei "Jesus = Gottes Sohn" gewonnen habe.

Anna Rice, eine Phantasy- Autorin, beschäftigte sich intensiv mit den Arbeiten der Vertretern dieser These und wurde dabei enttäuscht von deren unwissenschaftlichen Argumentation. 

Die "wissenschaftliche" Etikette "a historically unreliable collection of legends"  für das Neue Testament sieht die kanonischen Evangelien als bewusste Auswahl aus einer Vielzahl von unabhängigen (und sich als Legenden auch widersprechenden ) Texten. Die Personen, die diese Auswahl getroffen hätten, hätten dadurch Autorität und Status in der Gesellschaft des römischen Reiches gewinnen wollen. Keller hält einige schlagkräftige Argumente gegen die "historisch- objektive"  Betrachtung der Evangelien bereit. 

Die Briefe des Paulus wurden schon 15-20 Jahre nach der Kreuzigung Jesus verfasst und bestätigen grosse Teile der kanonisierten Evangelien. Zu der Zeit als die biblischen Evangelien geschrieben wurden, waren zahlreiche Augenzeugen des Lebens und Wirkens Jesu noch am Leben.  Die gnostischen Evangelien wurden später verfasst (Thomasevangelium frühestens 175n. Ch.), mehr als hundert Jahre nachdem die kanonischen schon weit verbreitet waren. Ausserdem kam das Thomasevangelium aus dem Syrischen und nicht dem Aramäischen Kulturraum.

Auch inhaltlich widersprechen die Evangelien der Legendenthese. Die Apostel, später das Fundament der Kirche, kommen in den Evangelien öfters nicht gut weg. Die Kreuzigung Jesus lenkt als Verbrechertod am ehesten Misstrauen auf die Person Jesus und Frauen als erste Zeugen der Auferstehung galten im damaligen kulturellen Kontext eigentlich gar nicht als glaubwürdig. Der literarische Aufbau der vier Evangelien deckt sich überhaupt nicht mit den damaligen Legenden. Es handelt sich daher entweder um Tatsachenberichte oder um eine totale Neuerfindung, welche sofort wieder vergessen wurde.

Was die kulturellen Ungereimtheiten betrifft, schlägt Keller vor, anstatt den Text bei der kleinsten Provokation zu verwerfen, zu versuchen, ihn zu verstehen. Dann steht es uns frei, uns bei Schwierigkeiten beim Verstehen abzuwenden, oder trotzdem weiter dem Jesus nachzufolgen, auf den wir hoffen.